verrichten , die aber alle zerstörend waren . Er riß Häuser ein , stürzte Pfeiler um , schlug Bäume nieder und hatte stets und stets eine Axt , ein Brecheisen oder sonst ein derartiges Werkzeug in der Hand . Ich sah Kruzifixe stehen , Kapellen , Kirchen , griechische , indische , assyrische Tempel , Moscheen , Statuen von heidnischen Göttern und christlichen Heiligen ; er schlug sie alle , alle nieder , ohne das Christliche zu schonen . Er arbeitete wie ein Verrückter , im Schweiße seines Angesichts , bis eine Stimme donnernd rief : » Saulus , Saulus , warum verfolgst du mich ! « Da brach er zusammen , und ich erwachte . Der Mond schien so hell , daß alle Gegenstände , auch die kleinsten , zu unterscheiden waren , zur offenen Balkontür herein , und ich war so froh , daß ich nur geträumt und nicht etwas Wirkliches gesehen hatte . Dennoch dachte ich darüber nach . Der Saulusruf paßte nicht für einen christlichen Missionar , aber wer kann von einem Traume die Ueberlegung verlangen , ob das , was er bringt , auch passend sei ! Ich hoffte , bald wieder einzuschlafen , und schloß die Augen wieder zu , mußte aber gleich wieder an den Traum und seine zertrümmerten Tempel und Kirchen denken . Da stieg ein warnendes Wort und noch eins in mir auf ; beide gestalteten sich zum Verse , dem sich ein zweiter , dritter und dann auch vierter zugesellte ; sie fügten sich zur gereimten , vierzeiligen Strophe zusammen , und ich stand auf , um sie niederzuschreiben . Ich hielt diese Strophe für geeignet , den Anfang eines Gedichtes zu bilden , welches später in meine » Himmelsgedanken « aufgenommen werden konnte . Als ich im Mondscheine die Zeilen auf das Papier geworfen hatte , legte ich mich wieder nieder . Die Nachtluft war nach dem Khamsin des vorigen Tages so erquickend kühl , ein Hochgenuß , den man im Schlaf nicht mehr bewußt genießen kann , und so nahm ich mir vor , zu der aufgezeichneten Strophe noch eine zweite , dritte und vierte zu schreiben . Ich zerlegte den Hauptgedanken in seine Teile und sann über die Verbindung zwischen ihnen nach , um zu einer festen , logisch klaren Disposition zu kommen ; aber der unverwüstliche , alte und wohlbekannte Papa Morpheus schien sich aus den Tempeltrümmern meines Traumes heraus- und über mich hergemacht zu haben , und er wurde mit mir eher fertig , als ich mit meiner Disposition . Und er gab mich für dieses Mal nicht eher frei , als bis ein lautes Klopfen an meiner Tür ihn zwang , von mir hinweg und nach Griechenland zu eilen , wo im » hohen Olymp « noch einige unbeschädigte Tempel stehen sollen , welche die Nachwelt als Auszüglerwohnungen oder Altenteil der einst dort Thronenden zu respektieren hat . Ich sah nach der Uhr . Punkt acht ! O wehe ! Wahrscheinlich stand Sejjid Omar schon draußen ! » Istan ' ni schubai ' je - warte ein wenig ! « rief ich so laut , daß er es hören konnte , und machte mich schnell fertig , ihn hereinzulassen . Obgleich ich mich im Zimmer befand , bemerkte ich , daß der Khamsin heut noch schärfer wehte als gestern , wenn auch jetzt am Vormittage noch nicht mit der erst später zu erwartenden Hitze . Als ich das Zeichen gab , daß der Wartende kommen könne , trat er ein . Ja , es war Sejjid Omar . Er hatte sein bestes Gewand angelegt und den Turban aufgesetzt , während er für gewöhnlich den roten Tarbusch 6 trug . Das geschah in der Absicht , mir zu zeigen , daß die zu besprechende Angelegenheit für ihn eine ungewöhnlich wichtige sei . Nach Art der Araber , welchen bei dem hiesigen Klima ein Verschließen der Wohnräume nicht geläufig ist , ließ er , als er hereingekommen war , die Tür weit offen stehen . Draußen auf dem Korridore stand wahrscheinlich ein Fenster auf , und da meine Balkontür auch offen war , so entstand ein Luftzug , dessen plötzlicher Stoß so stark war , daß er die auf dem Tisch liegenden Papiere emporhob und eines derselben hinaus auf den Balkon führte , wo es zwar zunächst liegen blieb , aber so lebhaft bewegt wurde daß es jeden Augenblick weiter fliegen konnte . Omar sprang sofort dienstfertig hinaus . Er hob es auf , betrachtete es und warf es dann in die Luft , die es wirbelnd mit sich nahm . » Es stand wohl nichts darauf ? « fragte ich . » O ja , es war beschrieben , « antwortete er . » Aber , warum hast du es da nicht hereingebracht , sondern weggeworfen ? « » Es war ja nicht arabisch ! « Er sagte das im Tone der unendlichsten Selbstverständlichkeit , daß alles nicht arabisch Geschriebene für das ganze Reich der Schöpfung vollständig gleichgültig und wertlos sei . Dabei lag auf seinem Gesichte eine solche Befriedigung , als ob es für mich gar keine Möglichkeit gebe , hierüber anders als er zu denken . » Höre , Omar , « belehrte ich ihn , » ich schreibe deutsch , aber trotzdem ist Alles , was ich geschrieben habe , mehr wert , als wenn zum Beispiel du es arabisch geschrieben hättest . Auch das Papier kostet Geld , und dieses Blatt gehörte mir , aber nicht dir . Wie kommst du dazu , es wegzuwerfen ? Wenn ein Franzose dich mit einem goldenen Napoleon bezahlt , wirfst du diesen auch weg , nur weil die darauf zu lesende Schrift nicht arabisch ist ? « Er errötete , was seinem Gesichte bei dessen dunklem Teint eine eigentümliche Färbung gab , ließ die Arme wie ganz kraftlos sinken und hielt den Blick zu Boden gerichtet . Er besaß ein sehr stark entwickeltes Ehrgefühl , und mein Verweis wirkte bei ihm tiefer , als er bei einem Andern gewirkt hätte . » Sihdi , was soll ich sagen ! « stieß er hervor . » Es ist der Wunsch meines Herzens , dein Diener werden zu dürfen , und jetzt , wo ich es noch gar nicht bin und dich noch nicht einmal begrüßt habe , mache ich mich schon eines solchen Fehlers schuldig ! Kannst du denn deine Bücher nicht arabisch schreiben , damit ich , wenn ich die Blätter liegen sehe , gleich lesen kann , ob sie wichtige sind oder ob ich sie wegwerfen darf ? « » Du hast in Zukunft nichts , gar nichts wegzuwerfen , sondern grad die von mir beschriebenen Blätter mit der größten Sorgfalt zu behandeln ! Sie sind mehr Geld wert , als du denkst ! « » Maschallah ! So habe ich Geld weggeworfen ? « » Wahrscheinlich . Ich werde dann nachsehen , was mir fehlt . « » So verzeihe mir , Sihdi ! Oder , ich werde auch etwas auf ein Blatt schreiben ; das wirfst du weg , und dann sind wir quitt ! « Das war im vollsten Ernst gesagt . Ich konnte natürlich gar nicht anders , ich mußte herzlich lachen . Das gab ihm wieder Mut . Er hob die Arme und den Blick wieder empor und fragte : » Was hast du über meinen Wunsch , mit dir zu gehen , beschlossen ? « » Kannst du reiten ? « » Ja . « » Auch zu Pferde ? « » Ja ; prüfe mich ! Ich weiß vom alten Ibrahim Effendi , was für Ritte du schon hast machen müssen . Du wirst mich brauchbar finden . « » So komm am Nachmittag um drei Uhr wieder . Ich werde Pferde besorgen . Wir reiten nach Gizeh und morgen nach Sakkara , Bedraschehn und vielleicht auch nach Heluan . Aber denke nicht , daß wir uns auf Touristenwegen halten werden ! Wie du reitest , und wie bald oder spät du ermüdest , davon wird es abhängen , ob dein Wunsch erfüllt wird oder nicht . « Da holte er tief Atem und versicherte in frohem Tone : » Hamdulillah ! 7. Ich werde dein Diener sein ; ich weiß es ganz gewiß ! Hast du jetzt noch einen Befehl für mich ? « » Nein . Du kannst gehen . « » Allah jesallimak - Gott segne dich ! « Er griff nach meiner Hand , beugte sich zu ihr nieder und drückte sie an seine Lippen . Das geschah in einer Weise , der man es ansah , daß ihm diese herzliche Art der Ehrenerweisung ganz und gar nicht geläufig sei . Ich war geneigt , sie ihm hoch anzurechnen . Wenn ein Araber , der so wie dieser Sejjid Omar um die Erfüllung seiner religiösen Pflichten besorgt ist , einem Christen die Hand küßt , so ist ganz gewiß sein Herz dabei im Spiele . Daß Omar ein gewöhnlicher Eseltreiber war , kann nichts an dieser Sache ändern ; da gibt es keinen Unterschied , sondern da handelt der Niedrigste genau so wie der Höchste . Aber wie kam gerad ich , der ich doch vor gestern abend nie mit ihm gesprochen hatte , zu dieser ganz besonderen Zuneigung ? Der alte Ibrahim Effendi kannte mich ziemlich genau und mochte viel von mir erzählt haben ; aber auch das war für mich noch kein hinreichender Grund . Wahrscheinlich lag dieser in irgend einem Umstande , den ich gar nicht beachtet und also wohl vergessen hatte . Als er fort war , sah ich nach den Papieren auf dem Tische . Zunächst glaubte ich , daß kein beschriebenes fehle ; dann aber dachte ich an die vier Zeilen , welche ich heute Nacht geschrieben hatte , und bemerkte nun , daß diese fehlten . Das war mir fatal , denn ich konnte nun nachdenken , so viel ich wollte , so war es mir unmöglich , mich der Strophe so , wie sie gewesen war , genau zu entsinnen . Ich erinnerte mich zwar des Hauptgedankens , daß es dem Christen nicht zieme , Tempel zu entweihen , da selbst auch dem heidnischen Götterdienste eine von der Erde emporhebende Idee zu Grunde liege , welche zu achten sei und nicht entheiligt werden dürfe ; aber dieser Sinn wollte absolut nicht so leicht , ungezwungen und rein in die Reime fließen , wie er es in den verloren gegangenen Zeilen getan hatte . Ich trat also hinaus auf den Balkon , von welchem man den ganzen , großen Vorplatz übersehen konnte ; aber es war leider nirgends ein Papier zu sehen . Der kräftige Wind hatte es wohl in die Scharia Kahmel oder hinüber nach dem Platze Ibrahim Pascha getrieben . Nun ging ich hinunter , um das Frühstück einzunehmen . Im Bureau ließ ich nach dem Menahouse-Hotel in Gizeh um das Zimmer telephonieren , welches ich zu bekommen trachte , so oft ich draußen bin . Es führt aus demselben eine gut verschließbare Türe direkt ins Freie , so daß man zu jeder Tages- und auch anderer Zeit nach den Pyramiden gehen kann , ohne von den anderen Gästen beachtet zu werden , oder den Schließer belästigen zu müssen . Es wurde mir zugesagt . Im Speisesaale angekommen , sah ich , daß die Chinesen schon gefrühstückt haben mußten . Sie waren nicht da , aber das gebrauchte Geschirr stand noch auf ihrem Tische . An dem zu meiner andern Hand saß Mr. Waller ganz allein . Er hatte die leere Tasse vor sich , sah höchst gelangweilt aus und schien auf seine Tochter zu warten . Als der Kellner mich bediente und dabei an ihm vorüberging , fragte er ihn nach Monsieur Fu und Monsieur Tsi . » Stehen eben im Begriff , abzufahren , « lautete die Antwort . » Was ? Sie reisen ab ? « » Nein . Sie bleiben noch für längere Zeit hier , um die Umgebung Kairos ebenso genau wie die Stadt selbst kennen zu lernen . Heut wollen sie nach Gizeh . Sie schlafen in Menahouse und gehen morgen nach den Pyramiden von Sakkara . « Das interessierte nicht nur den Missionar , sondern auch mich . Ich hatte also Gelegenheit , sie heut und morgen an den angegebenen Orten zu sehen , und nahm mir vor , einer etwaigen Gelegenheit , mit ihnen dort zu verkehren , nicht aus dem Wege zu gehen . Nach einiger Zeit kam Mary , und ihr Vater ließ servieren . Ich erfuhr , ohne die Absicht zu hegen , sie zu belauschen , daß die Miß von einem Ausgange zurückkehrte . Sie hatte einige kleine Einkäufe gemacht . Als die Gegenstände betrachtet worden waren , teilte ihr der Vater mit , daß die Chinesen nach den Pyramiden seien , und fragte sie , ob sie nicht Lust habe , heut auch hinauszufahren . Sie schien nicht sehr dafür gestimmt zu sein , vermutlich aus Rücksicht auf Fu und Tsi , auf welche es ihr Vater wahrscheinlich wieder abgesehen hatte ; aber sie war gewöhnt , sich seinen Wünschen zu fügen , und so beschlossen sie , seinen Gedanken auszuführen und gleich nach Tisch und trotz der dann großen Hitze hinauszufahren . Die üble Laune Mr. Wallers schien durch diese Fügsamkeit der Tochter gehoben worden zu sein . Er begann , gesprächiger zu werden , und nun , wo ich meine Aufmerksamkeit nicht zu teilen brauchte , wie gestern , fiel mir an ihm ein eigentümliches , nervöses , ich möchte fast sagen ängstliches Springen von einer Idee auf eine andere , ihr völlig fremde , auf . Es war , als ob sich seine Psyche auf der Flucht vor einer anderen , aber auch in ihm lebenden , befinde . Das war ein ruheloses Haschen und Jagen von einem Gegenstande zum andern . Er erwähnte seine verstorbene Frau , die er sehr lieb gehabt zu haben schien , auffällig oft und unterließ es natürlich nicht , auch von seiner zukünftigen Missionstätigkeit zu sprechen . Als ihn das mit unfehlbarer Sicherheit auf die einzustürzenden Säulen und Tempel brachte , fiel ihm die Tochter in die Rede . Sie griff in die Tasche , zog ein zusammengefaltetes Papier heraus und sagte : » Ich habe dir etwas mitzuteilen , was hierauf Bezug hat , lieber Vater . Du sagst , daß Alles , was an eine andere Verehrung als unseres christlichen Gottes erinnere , fallen müsse , und magst vielleicht Recht haben . Mir ist , wie du weißt , dieser Gedanke als zu streng erschienen , denn ich halte diesen Dienst für das ganz natürliche und noch unbewußte Lallen der Menschheit in ihrem frühesten Kindesalter . Nun habe ich hier einige Zeilen , die sich in ganz eigener Art und Weise mit dieser unserer Streitfrage beschäftigen . « » Wer hat sie geschrieben ? « » Das weiß ich nicht . « » Also wohl gedruckt ? Ein Blatt aus einem Buche ? « » Nein . Es ist geschrieben ; eine vierzeilige Strophe , welche ich für den Anfang eines Gedichtes halte . « » Du mußt doch wissen , von wem du sie hast ! « » Vom Winde ! « lachte sie mit ihrer lieben , tiefen Stimme , indem sie das Blatt hoch emporhob und die Bewegungen nachahmte , mit denen ihr das Papier zugeflogen war . » Als ich vorhin fortging , brachte er es mir zugetrieben und legte es mir fast gerad vor die Füße hin . Ich hob es auf , da es so rein und sauber war , und las die Zeilen , welche darauf stehen . Denke dir meine Verwunderung , als ich sah , daß sie sich gerad mit deinem Hauptthema beschäftigen . « » Willst du sie hören ? « Er nickte und sie las : » Tragt Euer Evangelium hinaus , Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden , Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus , So stehe es für Euch im Völkerfrieden ! « Sie hatte langsam und so gelesen , daß man hörte , ihr Herz stimme diesen Worten bei . Dann blickte sie ihren Vater fragend an . Wenn ich der Ansicht gewesen war , daß er aufbrausen werde , so hatte ich mich geirrt . Er saß still , ganz still da und sagte zunächst kein Wort . Dann legte er die Hände auf der Kante des Tisches zusammen und forderte sie in beinahe bittendem Tone auf : » Lies noch einmal , Mary ! « Sie folgte seiner Aufforderung : » Tragt Euer Evangelium hinaus , Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden , Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus , So stehe es für Euch im Völkerfrieden ! « Und wieder wurde es still . Mary sah , daß diese ihr vom Winde zugewehten Zeilen auf ihren Vater eine Wirkung ausübten , die sie wohl nicht erwartet hatte , und hütete sich , diese Wirkung zu unterbrechen . Und er saß mit gefalteten Händen da , ohne sich zu bewegen . Seine Augen sahen geradeaus , wie in eine weite , nur ihm bekannte Ferne . Im Saale ging und kam man hin und her ; Tassen und Teller klirrten , Messer und Löffel klapperten ; es wurde viel und laut gesprochen , doch das Alles schien ihn nicht zu stören . Er beachtete nicht , daß das Frühstück noch fast unberührt vor ihm stand , denn er hatte bisher weit mehr gesprochen als gegessen oder getrunken . Er hörte es auch gar nicht , daß der Kellner , an ihm vorüberstreichend , ihn nach etwaigen Wünschen fragte . Er schien , mit einem bezeichnenden Worte gesagt , geistig vollständig abwesend zu sein . War ich überrascht gewesen , das verloren gegangene Blatt in Marys Hand zu sehen , so war ich es nun fast noch mehr über den Eindruck , den es gerad auf den Mann machte , welcher die eigentliche Ursache war , daß ich es beschrieben hatte . Es war ganz selbstverständlich , daß ich schweigen , am allerwenigsten aber es zurückverlangen würde . Ich hatte ja nun seinen Inhalt wieder , den ich mir nicht einmal zu notieren brauchte , denn das zweimalige Vorlesen war mehr als hinreichend , ihn mir so einzuprägen , daß ich ihn nicht wieder vergessen konnte . Da endlich regte sich der Amerikaner wieder . Er sah sich im Saale um , als müsse er sich besinnen , wo er sei ; dann fragte er in einem für ihn gewiß ungewöhnlich weichen Tone : » Und dies hat dir der Wind gebracht , wirklich nur der Wind ? « » Ja , mein lieber , lieber Vater ! « Ich sah , daß ihre Augen feucht zu werden begannen . » Ich denke , « fuhr er fort , an den » hundertunddritten Psalm und an das erste Kapitel des Buches an die Hebräer ; es kann auch der hundertundvierte Psalm sein ; ich weiß es nicht genau . Dort steht geschrieben : Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen . Steht kein Name auf dem Blatte ? Keine Seitenzahl ? Gar nichts , woraus man schließen könnte , wem oder wohin es gehört ? « » Gar nichts , Vater . « » So dürfen wir es also als unser Eigentum betrachten und wollen es aufheben für - - für spätere Zeit , wo wir es vielleicht brauchen . « » Willst du es haben ? « » Nein ; behalte es ! Und wenn - - wenn - - - wenn ich wieder einmal lieblos von denen spreche , die ich Heiden nenne , so sage mir die beiden letzten Zeilen : Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus , so stehe es für Euch im Völkerfrieden . Ich denke , das wird gut für Etwas sein , was in mir ist , was siegen will und doch nicht siegen kann . « Es trat wieder eine Pause ein , nach welcher Mary die Vermutung aussprach : » Der Verfasser ist wahrscheinlich ein Deutscher . Und weil ich das Blatt innerhalb der Vorstufen zum Hotel fand , so nahm ich an , daß er hier wohnt und es im Kommen oder Gehen draußen verloren hat . Ich erkundigte mich darum vorhin bei meiner Rückkehr im Bureau , ob vielleicht ein deutscher Dichter hier logiere , und habe eine verneinende Antwort erhalten . « » Mag der , welcher es geschrieben hat , sein , wer und was er sei , er wird den kleinen Verlust entweder aus dem Konzepte oder aus dem Gedächtnisse leicht wieder ersetzen können . Er bekommt das Blatt nicht wieder , und selbst wenn er mir bekannt wäre , würde ich ihn bitten , es behalten zu dürfen . Ob die Zeilen als Gedicht gut sind , das weiß ich nicht ; ich bin kein Kritiker ; aber der Inhalt ist für mich von Wert , und im Ausdruck liegt Etwas , dem ich nicht widerstehen kann . Ich bin so alt geworden und habe doch nie und nicht gewußt , wie sich ein schönes , liebes , reines , klares Wort so schnell und tief ins Herz hinunterheimeln kann ! Und Eins noch ists , was ich dir sagen muß , mein Kind . « Aber er sagte es noch nicht , sondern er legte , das Gesicht seiner Tochter zugewendet , den Ellbogen auf den Tisch , den Kopf in die Hand , sah sie liebevoll prüfend an , machte dann die Augen zu , als ob er sich etwas zu vergegenwärtigen habe , und sprach erst hierauf weiter : » Du bist deiner Mutter so überaus ähnlich , äußerlich und innerlich , und das hat mich über ihren Verlust , wenn auch nicht beruhigt , aber doch getröstet . Sie ist mein Engel gewesen , und du glaubst ja , daß sie heut ebenso wie früher bei uns weilt . Ich weiß , daß ich ein streitbarer Theologe bin , vielleicht streitbarer , als die Bibel will , und es ist stets das Hauptbestreben der Toten gewesen , dieses mein aggressives Wesen zu mildern . Sie warnte mich vor China , und als ich trotzdem meine Absicht , dorthin zu gehen , nicht aufgab , trübte sich die Zeit , welche , für uns so schrecklich unerwartet , die letzte ihres Lebens sein sollte . Als ich an ihrem Todestage zum letzten Male mit ihr allein war , - du hattest draußen mit dem Arzt zu sprechen - mußte ich ihr die Erfüllung ihres Abschiedswunsches geloben . Ich tat es , indem ich ihre Hand in die meine nahm , und dann sprach sie ihn aus : Sei stets ein echter Christ , und halte Frieden ! Und nun trägt heut der Wind dir fast genau dieselben Worte zu ! Deine Stimme gleicht der ihrigen , und als du vorhin diese Zeilen lasest , da tauchte plötzlich ihr Sterbezimmer vor mir auf und - - - « Weiter hörte ich nichts , oder vielmehr weiter wollte ich nichts hören . Die anderen Gäste saßen drin im eigentlichen Saale und wir , durch Säulen von diesem getrennt , allein im Seitenraum ; sie brauchte er also nicht zu beachten . Aber mein Tisch stand dem seinen so nahe , daß ich seine Worte hören mußte , wenn ich auch nicht wollte . Mochte er mich nun wirklich für einen Franzosen halten , der nicht deutsch verstand , oder galt ich als Fremder faktisch für ihn als gar nicht vorhanden , jetzt durfte mir das nicht mehr gleichgültig sein . Er berührte eine Angelegenheit von solcher Diskretion , daß es mir meine Pflicht verbot , noch länger zuzuhören . Ich stand also auf und ging , wobei ich zu meiner Genugtuung bemerkte , daß er nicht die mindeste Notiz davon nahm . Hatte ich gestern gemeint , daß er vielleicht ein ganz guter Mensch sei , so war mir dieses Vielleicht jetzt zur Gewißheit geworden . Nur wohnte und wirkte leider ein Dämon in ihm , der ihn selbst um den Frieden brachte , den er Andern doch so gern geben wollte ; er hatte ihn ganz richtig als Agressivität bezeichnet . Dieser Teufel ist es , der Menschen , Korporationen und Völker immer vorwärts drängt , um neuen Raum zu gewinnen , dabei aber auf dem alten , wohlerworbenen keinen Frieden und keinen Segen aufkommen läßt ! Während des Mittagessens wurde es mir nicht schwer gemacht , diskret zu sein , denn meine Nachbarn sprachen außerordentlich wenig . Später bemerkte ich von meinem Fenster aus , daß sie einen Hotelwagen bestiegen , um den beabsichtigten Ausflug zu unternehmen . Punkt drei Uhr klopfte Sejjid Omar an meine Tür . Die Pferde wurden schon bereit gehalten ; wir konnten aufbrechen . Natürlich beobachtete ich ihn schon beim Aufsteigen . Das ging so leicht und glatt von statten , als ob es seine tägliche Gewohnheit sei . Auch hielt er sich eine volle Pferdelänge hinter mir , was ich dadurch belohnte , daß ich ihn aufforderte , an meine linke Seite heranzukommen . Ich konnte ihn doch nicht beobachten , wenn ich ihm vorausritt . Er hielt sich nun still und ruhig neben mir , ohne , was ein Anderer wahrscheinlich versucht hätte , mir zeigen zu wollen , daß er sein Pferd zu beherrschen verstand . Doch wurde , als wir uns dem Kasr en Nil näherten , der Straßenverkehr trotz der Hitze ein so lebhafter , daß ich leicht Gelegenheit fand , ihn , ohne daß er es bemerkte , auf die Probe zu stellen . Die uns begegnenden Wagen , Reiter , Kamele und Fußgänger bildeten mir willkommene Hindernisse , und ich wich ihnen in einer Weise aus , welche es einem mittelmäßigen oder gar schlechten Reiter sehr schwer gemacht hätte , nicht von mir abzukommen ; er aber überwand diese Schwierigkeiten , ohne daß er sie zu bemerken schien . Nachdem wir die Nilbrücke passiert hatten , ging es im Trab . Er saß wie angegossen . Jenseits des Museums , als wir das bekannte Eckcafé hinter uns hatten , mußten wir wieder langsam reiten , denn es begegneten sich da zwei Reihen aneinander gebundener Lastkamele , zwischen denen , gerad als ein Doppelwagen der Tramway von Gizeh kam , sich eine Schar schwatzender Fellachenfrauen befand , welche Körbe auf ihren Köpfen trugen . Das gab wahrscheinlich einen kritischen Augenblick . Wie gedacht , so geschehen ! Die Tramway erschreckte die Kamele ; sie blieben stehen ; das eine zerrte nach rechts , das andere nach links ; dieses stand lang und jenes quer , und da sie zusammengebunden waren , so entstand für einige Zeit ein straßenbreites Hindernis von blökenden Kamelen und schreienden Weibern , in deren Mitte wir steckten . » Komm , Omar ! « Mit diesem Rufe drängte ich mein Pferd zwischen zwei Frauen hindurch , hinter denen zwei Kamele so standen , daß sie eine schmale Lücke bildeten , welche durch den sie verbindenden Strick geschlossen war . Ich nahm mein Pferd hoch und kam glücklich über den Strick hinweg . Die Frauen kreischten ; die Kameltreiber schimpften ; Omar aber lachte fröhlich auf und nahm das Hindernis ganz in derselben Weise . Das war für dieses Mal genug , und es handelte sich nur noch darum , seine Ausdauer kennen zu lernen . Auf der Straße von Kairo nach den Pyramiden kommt man an zwei Fellachendörfern vorüber , welche links liegen . Rechts dehnen sich grüne Flächen aus , welche von Kanälen bewässert werden . Die Pyramiden hat man gerade vor sich liegen . Sie erscheinen von Weitem als dreieckige Flächen , treten aber , je mehr man sich ihnen nähert , um so plastischer hervor . Das Menahouse-Hotel liegt am Fuße derselben . Es führt von ihm aus ein ziemlich breiter , auch fahrbarer Weg hinauf , welcher , um nicht vom Sande verschüttet zu werden , zu beiden Seiten mit Mauern versehen ist . Er gleicht einem Hohlwege , weil der Sand die Höhe der Mauern erreicht . Auf dieser Höhe gibt es keinen eigentlichen Weg , doch führte aus dem von mir bestellten Zimmer eine Tür heraus auf sie , und man konnte da , allerdings nur über ungebahntes Geröll , direkt nach den Pyramiden kommen , ohne unterwegs von den in dem Hohlwege befindlichen Passanten gesehen zu werden . Es ist nicht ohne Absicht , daß ich diesen Umstand besonders in Erwähnung bringe . Am östlichen Fuße der Pyramiden liegt das arabische Dorf el Kafr , dessen Bewohner , von den Touristen vollständig verdorben , in rücksichts- und charakterloser Aufdringlichkeit das Menschenmöglichste leisten . Sie halten , vereinzelt aufgestellt , schon in weiter Entfernung von den Pyramiden auf der Straße Wache , um über die aus der Stadt kommenden Fremden herzufallen und , wenn sie auch nicht engagiert werden , doch wenigstens ihre falschen Münzen , geschickt nachgemachten Skarabäen und andere wertlose Imitationen an den Mann zu bringen . Heut sah ich keinen einzigen von ihnen auf der Lauer stehen . Es mußte irgend ein Grund vorhanden sein , der sie abhielt , ihrer einträglichen Herumlungerei jetzt obzuliegen . Ich erfuhr ihn sogleich , als ich das Hotel erreichte . Die gestern auf dem Platze Ibrahim Pascha beobachteten fremden Pilger waren heut heraus nach den Pyramiden gezogen , um ihnen , die für den Wüstenbewohner noch größere Wunderwerke als für uns zivilisierte Menschen sind , einen Besuch abzustatten . Sie hatten in das Hotel eindringen wollen , waren aber abgewiesen worden , was freilich mit der allergrößten Vorsicht hatte geschehen müssen , um ihre Rachgier nicht herauszufordern . Der mich nach meinem Zimmer führende Kellner teilte mir lachend mit , daß man mit einigen wie zufällig vorübergetragenen , geräucherten Würsten und Schweineschinken diesen Zweck sehr schnell und ohne alle üblen Folgen erreicht habe . Die über diesen