gefunden und für Hans aufgehoben habe ; Hans erwiderte , daß er das Nest in Ruhe lassen solle . Dann wies er ihm eine Hand voll Murmeln , die er ihm schenken wollte ; aber Hans schlug alles aus und ging weg . Er hatte aber eine Sehnsucht danach , recht fröhlich zu sein , obwohl doch seine Großmutter gestorben war , die er sehr lieb gehabt ; und weil er niemand fand , mit dem er hätte fröhlich sein können , so ging er traurig , niedergeschlagen und gereizt umher . Wenn wir das Leben eines Menschen betrachten , soweit es betrachtenswert ist , also seine Bildung , so kann es uns einmal so scheinen , als stelle es eine zusammenhanglose Reihe von Zufällen dar ; in andrer Geistesverfassung erblicken wir in demselben Leben ganz deutlich eine planmäßige Führung durch Gott ; und wiederum mögen wir einen unbeirrbaren Trieb sehen , der diesen Einzelnen durch die wirre Umwelt mit untrüglicher Sicherheit vorwärtsstieß , daß er durch diese Kraft sich das eine aneignete , das andre zur Seite ließ ; endlich ist sogar eine bewußte Gestaltung des Lebens durch diesen Willen des betreffenden Menschen zu finden . Wer hätte nicht , wenn er über die Schicksale von Menschen nachdachte , schon diese merkwürdige Entdeckung gemacht , daß man von derselben Sache als derselbe Mensch vier so ganz verschiedene Meinungen haben kann ! Ein solches inneres Erlebnis , wie der Haß gegen manche Menschen und das unbestimmte Gefühl gegen den andern Jungen , ist gewiß sehr wichtig für die Bildung . Aber wie soll man es deuten ? Es ist wohl am besten , die Deutung ganz zu lassen . Zur Schule ging Hans ins Dorf , etwa eine Viertelstunde den Berg hinunter . Ein Wässerlein rann aus dem Walde hinab auf dem Grunde eines langen und schmalen Tales ; an diesem entlang waren die Häuser gebaut , und die Felder zogen sich in schmalen Streifen zu beiden Seiten den Berg in die Höhe . Sehr beschwerlich war das Pflügen auf diesen abhängigen Feldern , und am schwersten war es , den Dung hinaufzuschaffen ; deshalb sahen die Leute alle verarbeitet aus und waren auch arm , aber sie hatten einen unverdrossenen Mut . In der Jugend lebte damals ein unruhiger Geist , denn die , welche gedient hatten und das leichte Leben draußen gesehen , litt es nicht mehr zu Hause ; dadurch kam viel Unfriede in die Familien , weil die Alten nichts von der Fremde hielten und wollten , daß die Jungen zu Hause blieben . Kirche , Pfarrhaus und Schulhaus waren eben solche hölzernen und unscheinbaren Gebäudlein wie die Bauernhäuser ; nur daß in der Pfarre alle Fenster mit Blumenstöcken besetzt standen und vor der Schule sich ein schmales Gärtchen mit blühenden Stauden und Sträuchern hinzog . Der Lehrer war ein alter hagerer Mann mit rasiertem Gesicht und mit straffem weißem Haar und leuchtenden Augen , und hatte eine aufrechte Haltung . Wenn er auf dem Katheder saß in seinem schwarzen Rock vor der weißgetünchten Wand , so sah Hans einen Heiligenschein um seinen Kopf glänzen , von welchem Gesicht er jedoch zu niemand sprach . Am schönsten war die Schule in den dämmerigen Winterstunden , wenn biblische Geschichte erzählt wurde , solche , wie der Engel des Herrn zu Abraham kam und zu seinem Weibe Sara . Und sprach Abraham : » Herr , habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen , so gehe nicht vor deinem Knechte über . Man soll Euch ein wenig Wasser bringen und Eure Füße waschen ; und lehnet Euch unter den Baum . « Und eilte in die Hütte zu Sara und sprach : » Eile und menge drei Maß Semmelmehl , knete und backe Kuchen « , und lief zu den Rindern und holete ein zart gut Kalb und gab es dem Knaben ; der eilete und bereitete es zu . Und er trug auf Butter und Milch , und von dem Kalbe , das er zubereitet hatte , und setzte es ihnen vor , und traten sie unter den Baum , und sie aßen . Da sprachen sie zu ihm : » Wo ist dein Weib Sara ? « Er antwortete : » Drinnen in der Hütte . « Da sprach er : » Ich will wieder zu dir kommen , so ich lebe , siehe , so soll Sara , dein Weib , einen Sohn haben . « Das hörete Sara hinter ihm , hinter der Tür der Hütte . Und sie waren beide , Abraham und Sara , alt und wohlbetagt , also , daß es Sara nicht mehr ging nach der Weiber Weise . Darum lachte sie bei sich selbst . Da sprach der Herr zu Abraham : » Warum lacht die Sara , und spricht : Meinst du , daß es wahr sei , daß ich noch gebären werde , so ich doch alt bin ? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein ? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen , so ich lebe , so soll Sara einen Sohn haben . « Da leugnete Sara und sprach : » Ich habe nicht gelacht « , denn sie fürchtete sich . Er aber sprach : » Es ist nicht also , denn du hast gelacht . « Bei solchen Geschichten hörten alle still zu , wie der Lehrer erzählte , und keines rührte sich , und die Dämmerung nahm zu in der Schulstube . Hans wußte alle diese Geschichten auswendig , Wort für Wort , weil er so viel in der Bibel las , und darüber lobte ihn der Lehrer oft . Auch im Lesen und Schreiben war er der Erste , nur im Rechnen ging es bei ihm immer schlecht , und in der Erdkunde . In des Lehrers Garten stand ein Bienenhaus mit vielen Kasten voll Bienen , zu denen hatte Hans eine besondere Liebe . Wenn er die Erlaubnis bekam , so setzte er die Mütze auf , damit nicht ein Bienchen , sich in seinem Haar verwirrend , böse würde , und hockte auf die Erde nieder neben den Fluglöchern und sah zu , wie die Bienen eilig herauskamen aus dem Dunkeln und an den Rand des Flugbrettes liefen und sich in die Lüfte ließen , und wie die beladenen Arbeiterinnen zurückkehrten und schwer auf dem Brettchen niederflogen und langsam in den Stock zurückgingen , Honig und Blütenstaub dort abzulegen . Wenn ein rechter Arbeitstag war , und die Sonne schien warm , und vom Grasgarten her duftete der Klee , so war ein wunderbares Gesumm in der Luft , dann hätte er stundenlang zuhören mögen ; voll mit fleißigen Bienen waren die Flugbrettchen besetzt , und die Wachtposten untersuchten eine jede , ehe sie in den Stock durfte , und ein Lichtstrahl fiel in das Dunkel des Kastens , in dem war gleichfalls ein Summen und Tosen von fleißiger Arbeit . So saß Hans neben den Fluglöchern , und mit unbestimmten Träumereien dachte er an das Fliegen in der funkelnden und blitzenden Luft und stellte sich vor , wie es sein müßte , wenn er selbst so klein wäre und so flöge , wie unendlich groß und weit ihm dann alles erschiene , und wie die ganze Welt anders wäre ; und ein sonderliches Behagen überkam ihn durch Sonnenschein , Bienensummen und Kleeduft . Der Lehrer hatte ein Buch , darin waren alle Tiere abgebildet . Da war der Löwe , der Tiger , der Affe , und dann die Meerungeheuer , der Hammerfisch , der Sägefisch , der Walfisch ; da war gezeichnet , wie die Menschen in einem kleinen Boot zu dem Walfisch heranrudern und die Harpune auf ihn schleudern ; das war grausig anzusehen , wenn man dieses kleine Boot verglich mit dem ungeheuren Walfisch . Ach , so weit war die Welt , so weit ! Unter den Bergen dehnte sich das flache Land hin mit großen Städten , Flüsse zogen , und das weite Meer war da und Inseln und andre Erdteile ; hier aber war ein enges Tal , auf dessen Grund ein Wässerlein plätscherte , in dem wohnten Menschen ; und er selbst , Hans Werther , wohnte oben , im Wald ; aber noch höhere Berge gab es , über seines Vaters Hause , von denen man weit sehen konnte ; das Forsthaus aber stand inmitten der Tannen und hatte keinen Ausblick . Die Stunden beim Pastor hatte Hans gemeinsam mit Karl Gleichen , des Pastors Schwestersohn , den der alte Mann zu sich genommen . Karl Gleichens Eltern waren schon lange tot , nach einem traurigen und schmerzenreichen Leben . Der Pastor hatte mit einer Schwester zusammengewohnt , die war dreißig Jahre jünger wie er , welcher der älteste von den Geschwistern gewesen , und ein wahres Nesthäkchen , das geboren wurde , als zwei der Geschwister schon verlobt waren . Von allen der ganzen Familie wurde sie verhätschelt und verzogen , und sie hatte auch eine schwache Gesundheit ; am meisten aber liebte sie der Älteste , der sie auch zu sich nahm , wie die Eltern starben , da sie eben aus den Kinderjahren gewachsen ; er erzog sie völlig , wie er es verstand , als guter , wunderlicher und unbeweibter Mann , und sie befahl ihm und führte seine Wirtschaft . Ein reizendes Mädchen war sie gewesen , immer fröhlich und zwitschernd , wie Milch und Blut war ihr Gesicht , und die schwere Last ihres Haares leuchtete gelb wie reifer Roggen . Und am besten stand ihr , daß sie so ein verzogenes Kind war , dem alles immer nach Wunsch gegangen , und sie wußte das auch , daß ihr das stand , und daß die Leute sich über sie freuten . Dazu hatte sie seltene Gaben in ihrem zierlichen Körperchen , das so recht war wie eine wehende Flocke ; zu Weihnachten und zu den Geburtstagen dichtete sie niedliche und zarte Verschen , welche sie die kleinen Kinder im Dorf lehrte , daß sie bei einer gemeinsamen Aufführung sie im Pfarrhause aufzusagen wußten ; einmal hatte sie zwei ganz Kleine als Lämmer verkleidet , die nur mit ihren Schwänzchen wackelten , weil sie noch nichts sagen konnten . Nun wohnte im Nachbarstädtchen eine Predigerswitwe , ein beständig klagendes und sich sorgendes armes Mütterchen . Die hatte einen einzigen Sohn , der ungeraten war und schon auf der Schule nicht hatte guttun wollen , sondern entlaufen war , und hatte sich als Schiffsjunge annehmen lassen . Wie es ihm aber auf der See nicht schmecken wollte , so war er bald in abgerissenem Zustand zu seiner Mutter zurückgekommen , und da gab sie ihn nach vielen Ratschlägen in ein Bankgeschäft zur Lehre , aber nach einem halben Jahre mußte sie einen großen Schaden vergüten , den der Junge angerichtet hatte , und erhielt den dazu wieder zurück . Nach diesem trieb sich der eine Weile in dem Städtchen herum , dann war er plötzlich verschwunden ; und am Ende , nach Jahren , kriegte die Mutter einen Brief von ihm aus Amerika , daß er in einer großen Stadt als Kaufmann lebe und zu guten Verhältnissen gekommen sei ; dann kam er selbst auch zum Besuch seiner Mutter , als ein hochgewachsener Mann mit blondem Kinnbart , der einen grauen Zylinder trug . Er sah nicht gerade wohlhabend aus , aber auch nicht armselig , und wenn er zwar wohl viel log und aufschnitt , so glaubten die Leute doch , daß er sich gebessert habe und zu derjenigen Ehrbarkeit gekommen sei , die einem Solchen erreichbar werde . Es stellte sich heraus , daß er drüben Soldat gewesen war und in einem Indianergefecht einen Schuß durch die Hand bekommen hatte , wofür er jeden Monat eine Pension bezog . Wie es sich mit seinen eigentlichen Geschäften verhielt , wurde nicht recht klar , indem er erklärte , die Verhältnisse seien drüben anders , und sein Geschäftszweig , der eine Art Vertretung auswärtiger Häuser sei , könne nur Jemandem erklärt werden , der wie er in der Welt herumgekommen sei und nicht immer zu Hause gesessen habe . Dieser Mann lernte des Pfarrers Schwester , die Friederike hieß , bei einem winterlichen Tanzvergnügen in der kleinen Stadt kennen und faßte gleich eine heftige Zuneigung zu dem Mädchen ; und da er selbst auch etwas ganz Absonderliches war , und vornehmlich weil er einen bösen Ruf hatte , so erwiderte diese die Zuneigung in kurzer Zeit und ohne daß er viele Mühe aufwenden mußte . Dem guten Pastor wurde wohl hinterbracht , daß die Zwei Heimlichkeiten miteinander hatten ; aber der lachte bloß und sagte , die Friederike sei ein Kind , und er kenne sie besser wie alle andern . Indessen ließ den Amerikaner sein böses Blut nichts auf ordentlichem Wege betreiben , und deshalb ging er nicht zum Bruder , wie es sich gehörte , ihm seine Pläne und Verhältnisse mitzuteilen , sondern er beredete die kleine Friederike , daß sie mit ihm heimlich entfloh , bis sie beide nach Hamburg kamen ; und wie sie inzwischen Besinnung erlangte , so schrieb sie von da einen traurigen Brief an den Pastor , bat ihn um Verzeihung für das Leid , das sie ihm zugefügt , und gab als einzige Entschuldigung an , wie er ihr die Flucht vorgeschlagen habe , da sei es ihr gewesen , als ob sie ihm folgen müsse , und über nichts habe sie mehr nachdenken können , was solche Flucht denn bedeute und nach sich ziehe . Der gute Bruder reiste gleich und traf die beiden auch in der großen Stadt , wie sie auf ihr Schiff warteten . Da hatte er mit dem Amerikaner eine Unterredung , wie es nun mit ihm und Friederike werden solle ; und zeigte sich , daß der Mensch gar nichts hatte , wovon er selbst und seine künftige Frau leben konnten , denn er war als ein Habenichts auf dem Zwischendeck nach Deutschland zurückgekommen , und jetzt lebte er von dem , was er von seiner Mutter mitgenommen , die ihm hatte sein geringes Erbteil auszahlen müssen . Er entschuldigte sich aber , indem er sagte , nachdem ihn das Schicksal als einen armen Menschen in die Welt geworfen , dürfte ihm doch niemand Vorwürfe machen , wenn er wenigstens Liebe begehre , auf die doch jeder Mensch Anspruch habe . Dem frommen und treuherzigen Pastor war es recht schwer , sich in die Geistesverfassung des anderen hineinzudenken , indessen fand er , daß er selbstsüchtig sei ; wie er aber das Friederike sagte und sie mit Tränen in den Augen bat , sie solle mit ihm zurückkehren , wurde die gekränkt über den geringen Vorwurf , den er dem Amerikaner machte , und sagte , wenn ihr Liebster arm und unglücklich sei , so sei ihr Platz erst recht an seiner Seite , und sie wolle ihm schon helfen und ihn fördern . Dergestalt erreichte der treue Bruder nichts , außer daß er sie wenigstens noch vor ihrer Abreise nach Amerika trauen durfte , nachdem sie sich vor dem Standesamt zusammengetan hatten . Es verging nur eine ganz geringe Zeit , da kam aus Amerika ein schmerzensreicher Brief von der armen Friederike , und machte sich der Pastor wieder auf , fuhr selbst über das Wasser und holte sein Schwesterchen nach Hause , denn jetzt folgte sie ihm willig . Sie sah krank aus , wie sie kam , mit hohlen Backen und ungesund glänzenden Augen ; die Haare trug sie kurz , denn ihre schönen Zöpfe hatte ihr der schlechte Mensch abgeschnitten und verkauft . Bald gab sie einem Kinde das Leben , einem gesunden und starken Jungen , der gleich recht unbändig schrie ; aber von dem Kinde erholte sie sich nicht wieder , und nach einigen Monaten starb sie in gänzlicher Erschöpfung aller Lebenskräfte ; wie sie im Letzten lag , rief sie in Liebe und Sehnsucht immer nach ihrem bösen Mann und bat , er solle ihr verzeihen , sie habe ihn lieb gehabt . Den Jungen behielt der Pastor und zog ihn auf , in Liebe nach Spuren von seiner Mutter Wesen in ihm suchend , und in Furcht , daß seines Vaters Art auf ihn vererbt sein könne . Dieser Junge war Karl Gleichen , der mit Hans zusammen in des Pastors Studierstube saß und die Anfänge des Lateins lernte . Karl Gleichen wird den Hans Werther eine lange Weile begleiten , deshalb ist so ausführlich über seine Eltern geredet ; denn aus deren Schuld und Art entstand sein Wesen , das in allem anders war wie Hansens Wesen . Karl war ein anmutiges und liebenswürdiges Kind , jeder Güte zugänglich und leicht nachgebend bei scharfem Zureden , offenherzig und gutmütig , und gern hätte er Allen geschenkt ; sein Verstand faßte leicht auf und behielt schnell , und ohne Mühe zog er Schlüsse : jeder hatte ihn lieb und war gütig gegen ihn , weil er ein so begabtes , gut geartetes und sonniges Kind schien ; aber er war erzeugt durch Schwäche und Selbstsucht , und ein ernster Mann hätte in seinen Vorzügen vielmehr Fehler gesehen . Seine Güte entsprang nicht aus einer Stärke , sondern aus einer Kraftlosigkeit , weil er sich nicht wehren konnte gegen den Einfluß fremden Willens und schnell gerührt wurde und mitlitt ; seine leichte Auffassung entstand dadurch , daß in ihm selbst nichts Eigenes und Starkes war , das sich gegen die fremden Gedanken wehrte , sondern leicht hielten diese fremden Gedanken bei ihm ihren Einzug , nahmen Besitz von den Kammern seines Verstandes und zeugten hier Kinder ; zwar blieben sie immer nur Fremde , und wenn eine neue Einwanderung kam , so mußten sie bald weichen . So geschah es , daß er selbst Auswendiggelerntes nach längerer Zeit , wenn er es nicht gebraucht , plötzlich spurlos verloren hatte , als habe er es nie gehabt . Seine Offenheit hatte denselben Grund , denn weil nichts Eigenes und Unbewegliches in ihm war , so entwickelte sich nicht die Scham des Gedankens , die oft scheinbar törichte Äußerungen von sich gibt , aber auch bei der größten Torheit immer Eignes und Starkes anzeigt . Solche Menschen sind dann leicht anmutig , weil sie so ohne Zwang und Not im Innern leben , und liebenswürdig sind sie , weil sie sich einem freundlichen Entgegenkommen sogleich öffnen . Auf solcher Schwäche ruhen aber zuletzt die Selbstsucht wie die Eitelkeit , denn weil die nötige Kraft nicht genügend vorhanden ist , muß ein solcher Mensch mit seinem Wollen haushalten , um nur bestehen zu können ; während dagegen ein starker Mensch überflüssige Kraft hat und daher selbstlos ist , indem er in Stolz und Freude von seiner Kraft andern mitteilt , mag er in äußeren Dingen dem Oberflächlichen auch karg scheinen , weil er keine leichte Hand hat . Aber Liebe bei den Menschen haben mehr die Kinder vom Schlage Karls ; Hans war verschlossen , unliebenswürdig , ängstlich im Verkehr , hart , hielt seine Sachen fest und spendete nicht , lernte schwer und zog schwer Schlüsse aus dem Gelernten , und außer seiner Eltern befolgte er niemandes Ermahnungen . In des Pastors Studierstube saßen die beiden Jungen . Hans übersetzte , mit oft stockender Stimme und in großer Anstrengung , die Stirn finster faltend ; Karl dachte träumend an Hansens Kaninchen und bedachte bei sich , ob der Oheim ihm wohl erlauben werde , daß er sich auch ein Pärchen halte ; denn wenn er nur die erste kleine Erlaubnis hatte , so wollte er wohl mit der Zeit noch mehr bekommen und einen Stall haben , der viel schöner wäre wie Hansens . An den Wänden herum standen auf den Gestellen viele alte Bücher , denn der Pastor war ein Freund ehrwürdiger Folianten in Schweinsleder und Pergament ; da waren des teuren Gottesmannes Luther sämtliche deutsche Bücher in acht Foliobänden , des Tabernämontani Kräuterbuch und Gesneri Tierbuch ; daneben Spangenbergs Adelsspiegel und Mansfeldische Chronika , und noch manche andre alte Chronik . Das war ihm eine Freude , wenn er dem kleinen Hans diese Bücher zeigte ; langsam holte er den Band aus dem Börd , strich liebkosend über den gepreßten Pergamentdeckel , auf dem etwa ein sächsischer Kurfürst oder eine menschliche Tugend abkonterfeit war ; dann öffnete er die Schließen und schlug den Band auf vor Hans , dem das Herz klopfte . Oft wunderte er sich , woher der Junge diese Freude an Büchern geerbt habe , denn der stammte von Förstern und Bergleuten ab und nicht wie er , der Pastor , von einer langen Reihe von Gelehrten und Dienern des Wortes ; war doch in den Lutherschriften vorn eine Eintragung eines Vorfahren , der auch Pfarrer gewesen , und hatte diese Schriften gekauft und binden lassen , und kam ihn der Band auf einen Karolin zu stehen nach damaliger Münze , was für einen armen Pfarrherrn mag eine stattliche Ausgabe gewesen sein . Dafür aber hatten so viel Jahrhunderte diese Bücher in den Studierstübchen der Nachkommen gestanden und hatten viele geistliche Moden erlebt , Bärte und Perücken und rasiertes Gesicht und eignes Haar ; und die letzten Pfarrherren waren alle starke Raucher gewesen , davon die Bücher endlich ganz mit Tabakrauch durchdrungen waren , also daß er einem in die Augen biß , wenn man sie aufschlug . Noch andre Freuden hatte der Pastor , die er mit Hansen teilte , weil der so nachdenklich war . In einem Glasschrank stand ihm ein Straußenei und eine Kokosnuß und viele fremde Muscheln ; dazu Pfeile von wilden Völkern , ein großer Bergkristall und die Fingernägel eines vornehmen Herrn in Siam ; denn die adeligen Siamesen beschneiden ihre Nägel nicht , aus Stolz , sondern lassen sie lang wachsen , daß sie wohl fünf Zoll erreichen und mehr und sich wunderlich krümmen . Zu Winterzeiten hielt der Pastor allwöchentlich eine Missionsstunde ab , in welcher er vieles erzählte von dem Leben der Wilden , daß die nackt herumlaufen , wie sie Gott geschaffen hat , und sich gegenseitig verzehren und Götzen anbeten , die sie selbst gemacht aus Stein oder Holz ; so elend ist der natürliche Mensch . Da zeigte er dann auch seine Seltenheiten herum , das Straußenei und die Kokosnuß , die Pfeile und die grausamen Fingernägel aus Siam ; und war um diese Missionsstunden eine große Liebe für die armen Heiden in der Gemeinde , und viel wurde geopfert . An Hans hatte der Pastor eine große Freude , daß er so offenen Herzens war für alle solche Kenntnis , und deshalb erzählte er ihm vieles , was ihm auf dem Herzen lag . Er erinnerte ihn aber ganz an seinen Vater , den Förster . Der war zu ihm gekommen , wie er selbst Student war , als ein armer Junge , der eine Waise war und schon in den Wald gehen mußte auf Arbeit , um das Brot für sich und seine Mutter zu verdienen ; denn das Gnadengeld , das die Mutter bekam für ihren toten Mann , betrug nur zehn Silbergroschen die Woche , und das reichte nicht aus für die beiden ; hatte also den Studenten gebeten , er möge ihm Stunden geben in der Mathematik , des Abends , wenn er aus dem Wald nach Hause käme , weil er nicht Arbeiter bleiben wollte , sondern wollte einmal Förster werden , und gestand , daß er nur einen halben Groschen zahlen könne für die Stunde . So war er denn ins Pfarrhaus gekommen um acht Uhr in der Dunkelheit und hatte sich in des Studenten Dachstübchen an den Tisch gesetzt und gelernt . Aber weil es warm war in dem Studierstübchen , und er hatte den Tag über fleißig gearbeitet in der Kälte , so wurde er müde , und die Augen fielen ihm zu wider Willen , mitten während eines Beweises . Da hatte der Student Mitleiden gehabt mit dem armen Jungen , hatte ihn schlafen lassen und derweilen , eine lange Pfeife rauchend , in Bengels Gnomon studiert , bis der wieder aufwachte , sich besann und weiterhin aufmerksam folgte , wie sein Meister lehrte . So lange war das nun her , und jetzt wollte der Sohn dieses armen Jungen selbst einmal Student werden und später ein Prediger , und das geschah darum , weil der Junge von damals so fleißig und treu gewesen war . Auch für des Pastors Blumen hatte Hans viel Liebe und Staunen . Vornehmlich an Topfpflanzen hatte sich der Pastor gefreut , wenig am Garten , als ein rechter Stubenhocker , der den lieben Sonnenschein so recht genoß durch die kleinen Scheiben seiner blumenbestandenen Fenster und zu Winterszeiten im warmen Schlafrock sein geheiztes Stäbchen liebhatte . Da standen merkwürdige Pflanzen , besonders viele Kaktuspflanzen ; dabei war auch eine Königin der Nacht , die nur einmal im Jahr blühte , und dann nur eine Nacht . Wenn diese Nacht war , so lud der Pastor den Förster , den Lehrer und den Amtmann zu sich ein , die Frau Pastorin setzte Wein und Torte vor , und dann wurde abgewartet , wie sich die Blume öffnete . Eine ganz sonderbare Geschichte erzählte der Pastor von einer andern Pflanze , die er » japanische Rose « nannte . In früheren Jahren hatte er einen solchen Topf von einem Amtsbruder geschenkt bekommen , der zwei Stücke besaß , die er selbst aus Stecklingen großgezogen . Lange Jahre wuchs , grünte und blühte das Gewächs ; aber mit einem Male fing es an zu kränkeln , nahm ab und ging endlich ein ; und zu der gleichen Zeit starb der Amtsbruder , von dem der Pastor den Topf erhalten . Diese Geschichte durfte Hans nicht weitererzählen wegen der menschlichen Schwachheit , weil Manche in der Gemeinde sich noch mit abergläubischen Gedanken trugen . Der Pastor war ein Letzter einer langen Reihe , und weil er mit seiner Frau keine Kinder hatte , so schien es , als wolle die Natur nicht , daß er seine Art fortführte . Was so viele Generationen seit Jahrhunderten in innerlicher Arbeit erstrebt hatten , das war in ihm ein wirkliches Bild geworden ; er wußte nichts von Schlechtigkeit oder bösem Wesen , und kam ihm etwas Schlimmes nahe in seiner Gemeinde , so machte er ein erschrecktes und betrübtes Gesicht , und dann lächelte er ungläubig , und seine Mienen zeigten an , daß er vor einem Fremden und Unverständlichen stand und keinen Rat wußte ; bald aber fand er sich wieder und meinte , ein Irrtum sei das und eine falsche Auslegung der Wirklichkeit . Zwar , er predigte von der Erbsünde und von der natürlichen Bosheit des Menschengeschlechtes ; aber in seinem Herzen wußte er nichts von diesen Lehren , er sprach da nur Worte , die er nicht verstanden . Mitten unter einer harten Bevölkerung lebte er , unter kleinen Bauern und Holzarbeitern , die wohl tüchtige und ordentliche Leute waren , unter denen keine Liederlichkeit oder Faulheit vorkam ; aber ihr Leben floh hin bei dürrer Berechnung von Besitz und Erwerb , bei zähem Halten am kleinen Vorteil , der nicht ohne geringe Betrügereien war , wie sie bei solchen Leuten als ordnungsmäßig betrachtet werden . Die fanden bald heraus , daß der Pastor vom wirklichen Leben nichts wußte und keine Ahnung hatte von dem , was in ihnen vorging ; deshalb hielten sie ihn für dumm , oder wie sie sich das vorstellten , für » überstudiert « ; und indem sie nun mit allem , was sie unmittelbar anging , sich fern von ihm hielten , vermehrten sie noch seine Täuschung über die Wirklichkeit , die ihn umgab . Aber auch in der Seele solcher Menschen , die ganz beschränkt auf Irdisches und Bürgerliches sind , gibt es doch ein höheres Leben . Zwar gewinnt es scheinbar keinen Einfluß , denn es wird rasch bedeckt durch das Überwuchern des Wirtschaftlichen ; aber vielleicht ist das ganz gut so , und wenn es anders wäre , würden solche Manschen Schwätzer und scheinheilige Salbader . Deshalb hatte der Pastor doch eine große und segensreiche Bedeutung für seine Gemeinde ; sie wußten alle , daß er nicht an sich dachte und das Evangelium vom Rock erfüllt hatte ; ja , es gab sogar eine Geschichte über ihn von einem Paar neuer Stiefel und einem wandernden Handwerksgesellen ; sie wußten , daß hier keine Lüge , keine Gier , kein Betrug war , keine Habsucht und kein unlauteres Wesen , sondern ein reines und frommes Herz und ein klarer und guter Sinn ; und in dem bedrängten und beladenen Leben , das sie führen mußten , bei harter Arbeit und schweren Sorgen um das tägliche Brot und Kämpfen um die Ehrbarkeit des Wandels hatten sie an dem Pastor ein Bild wie das eines glücklichen und frohen Engels , der auf Erden wohnt , nichts weiß von Sünde und Schuld und Sorge und mit dem Finger zum Himmel weist , als zu einem freien und leichten Leben , das als Ziel uns allen vorschweben sollte . Und was bedeutet das für einen beladenen Menschen , der mühselig dahin geht , den Blick auf die Erde gerichtet ! Aber es ist gut für uns , daß solche Menschen selten sind . In ihrer Art ebenso merkwürdig wie der Mann war die Frau Pfarrerin . Sie war frühzeitig Waise geworden und hatte von ihren Eltern ein ziemliches Vermögen geerbt ; ihres jetzigen Mannes Vater , der alte Pastor , der ein entfernter Verwandter war , wurde ihr als Vormund bestellt und nahm sie zu sich ins Haus , sie mit seinen Kindern zusammen zu erziehen . Schon als kleines Mädchen faßte sie eine Neigung zu dem ernsten Ältesten , weil er ein liebes und gutes Wesen hatte und in vielen kleinen Dingen besorgt werden mußte wegen seiner Zerstreutheit . Das hatte ihm eine Schwester einmal gesagt , da war er rot