weiß , daß Sie im Grunde nicht schlecht sind . Sie machen es nur sich selbst und andern schwer . Aber Sie waren eine von meinen besten Schülerinnen und ich möchte auch , daß Sie einer von meinen besten Menschen werden . Ich will auch selbst mit Ihrer Mutter sprechen , die wohl einigen Grund hat , ungehalten über Sie zu sein . « - Damit gab er ihr die Hand , und ihr liefen große Tränen übers Gesicht . Als am nächsten Tage die Mutter kam , war Ellen weich wie Wachs . Und es ging viel besser ab , als sie gedacht hatte . Mama schien doch nicht ganz mit der Pröpstin einverstanden , sie sprach viel mit dem Pfarrer und war merkwürdig milde . Vor der Beichte versöhnten sich die Konfirmandinnen untereinander und suchten auch die Lehrerinnen auf , um in vollem Frieden mit aller Welt das Abendmahl zu nehmen . - Ellen schloß sich von diesem Brauch aus : was haben die mir zu verzeihen , wenn ich mit mir selbst und dem lieben Gott im reinen bin ? Dann mußten sie alle einzeln zur Pröpstin hereinkommen , man murmelte auch dort ein paar Worte von Verzeihen und bekam einen Kuß auf die Stirn : - du bist mir eine liebe Schülerin gewesen , gehe hin in Frieden . Als Ellen kam , standen sie sich einen Augenblick gegenüber , beide in tödlichem Widerwillen , die alte Dame und das fünfzehnjährige Kind . » Hast du mir nichts zu sagen , Ellen Olestjerne ? « » Nein . « Auf die einzelnen Worte , die nun folgten , konnte Ellen sich nachher nicht mehr recht besinnen . Die Pröpstin sprach eine Art Fluch über sie aus und wies dann gebieterisch mit ihrem aristokratischen , wohlgepflegten Zeigefinger nach der Tür . Später gingen die jungen Mädchen auf dem Gang hin und her , meist in ernsten Gesprächen , einige hatten auch große Sorge wegen der Kleider für morgen und wie sie das Haar tragen sollten . Trotz der Pröpstin war Ellen weich und froh gestimmt , das Wiedersehen mit der Mutter war überstanden und sie hatte Editha wieder , nach einer langen Unterredung . » Siehst du , ich mußte die letzte Zeit etwas Rücksicht nehmen . Du weißt , ich bin von Kind an hier , die Alte hat sozusagen Mutterstelle an mir vertreten und ist immer sehr nachsichtig gewesen . Sie verlangte einfach von mir , daß ich den Verkehr mit dir abbrechen sollte . Leicht ist es mir nicht geworden , aber du tatest ja immer , als ob es dir ganz gleich wäre . « » O Gott , nein , das war es nicht . « Sie umarmten sich , und Ellen war überselig . » Weißt du , wir wollen uns oft schreiben . Laß mich wissen , wie es dir zu Hause ergeht . « » Ja , und ich hab ' noch eine Bitte - , schenk mir doch eine Locke von dir . « Ellen durfte sich selbst eine abschneiden , sie hatte schon eine ganze Edithasammlung bis zu weggeworfenen Stahlfedern , heimlich abgeschnittenen Plaidfransen und alten Schreibheften , aber die Locke kam in ein Medaillon , das sie immer unter dem Kleid tragen wollte . Die Osterglocken läuteten , und in weißen Kleidern mit langen Schleppen stiegen die Konfirmandinnen die hohen Steinstufen hinab , durch den dunklen , feuchtkalten Hausflur in die Kapelle . Als Ellen vor dem Pfarrer kniete , war ihr , als ob seine Stimme für sie einen ganz besonderen Klang hätte , der ihr allein galt , wie eine feierliche Heimlichkeit zwischen ihnen . - Ihre Seele war voller Ernst und wogte in einem frohen , morgenfrischen Gefühl . Mit diesem Tage wollte sie ja ein neues Leben anfangen , es kam ihr jetzt so leicht und hell vor , - wie wenn man nach einem mißglückten , zerfetzten Tag aufwacht und nun alles zurechtbringen will , was gestern nicht gelang . Andern Tags reiste sie mit ihrer Mutter ab . An der Treppe stand die Pröpstin und streckte ihr kalt die Hand zum Kuß hin . - Ah - zum letztenmal diese Treppe , zum letztenmal dies harte , blanke Gesicht mit den tiefgemeißelten Augenhöhlen , zum letztenmal dieser Sklavenhandkuß ! Und dann das wehmütige Glück , in den Frühlingsabend heimzufahren , heimwärts , nach Nevershuus , zu den Geschwistern - und mit dem Versprechen , daß Editha sie nicht vergessen wollte . Marianne Olestjerne war bei ihrem Vater im Zimmer und staubte den mächtigen alten Schreibtisch ab . Mit bedächtigen , liebevollen Bewegungen stellte sie die verblaßten Familienphotographien in dunkelbraunen oder violetten Samtrahmen wieder hin und legte vorsichtig die Papiere beiseite . Dann die lange Schale mit Federhaltern und Bleistiften , jeder kam wieder an seinen Platz . Es war wohl zu sehen , sie tat das alles mit Liebe und langjähriger Gewohnheit , als ob jedes Stück Bedeutung und Leben hätte . Der Freiherr saß am runden Mitteltisch vor dem Sofa und trank seinen Morgenkaffee aus der großen Kopenhagener Tasse . Diese ganze Frühstunde ging vor sich wie eine heilige Handlung , die nicht unterbrochen und gestört werden durfte . Marianne sah zu ihm hinüber , während er die Zeitung durchsah und wieder hinlegte . Der Vater war für sie der Beste und Geliebteste von allen , das , worum sich ihr Tag und ihre Arbeit drehte . » Papa « , sagte sie etwas leise . » Was willst du , mein Kind ? « » Papa , heute ist Ellens Geburtstag - willst du nicht wenigstens einen Augenblick hinübergehen , wenn sie ihre Geschenke bekommt ? « Ein unwilliger Zug ging um seinen Mund , er schob den Sessel weg und ging durchs Zimmer . » Ich warte nur darauf , daß sie zu mir kommt . « » Das wagt sie nicht « , sagte die Schwester . » Unsinn , ich habe noch nie bemerkt , daß Ellen etwas nicht wagt . « » Du hast es ihr auch nicht leicht gemacht , Papa , seit sie wieder hier ist , hast du kein Wort mit ihr gesprochen . Das schüchtert sie ein und Mama - - « » Ich dachte , das ginge jetzt besser ? - Ich habe wahrhaftig die Lust verloren , mich drum zu kümmern . « » Nein , es geht nicht besser , lieber Vater , ich weiß ja selbst , wie schwer es mit Mama ist . Und Ellen ist noch so jung und hat nicht die Überlegung . - Wir andern haben dich gehabt , und Ellen braucht vielleicht mehr wie alle eine feste Hand , aber auch Liebe . « Er ging immer rascher , und Marianne fühlte seine Verstimmung aus jedem Schritt . » Ich weiß nicht , was sie will und was sie braucht , ich kann dies Kind nicht begreifen . Wie ist sie denn wiedergekommen - strahlend , daß sie nicht mehr so viel zu lernen braucht und ihre dummen Jungenstreiche mit Detlev fortsetzen kann . Keine Ahnung , daß sie sich schämt , kein Wort , daß es ihr auch nur leid tut , uns das alles angerichtet zu haben . Sie ist doch damals nur fortgekommen , weil ich sah , daß es mit ihr und Mama nicht gehen wollte - um ihr zu helfen . Aber sie hält alles , was man für sie tut , für Feindseligkeit und Bosheit und widerstrebt blind und unvernünftig . - Sag du ihr das , sprich einmal mit ihr . Wenn sie dann von selbst kommt , soll es gut sein . « Aber Ellen kam nicht . » Es nützt ja doch nichts « , war die Antwort auf alle Vorstellungen der älteren Schwester . - So wurde es ein melancholischer Geburtstag . Als die andern nach Tisch vor der Gartentür saßen , lief Ellen auf die Koppel hinaus . Was sollte sie da droben ? Sie fühlte sich überflüssig , im Wege , ausgeschlossen . So warf sie sich ins Gras und weinte - ja , die Heimat , die hatte sie nun wieder , aber sonst war alles wie früher , täglicher Kampf und tägliche Quälerei , nur noch rettungsloser und verfahrener durch die unglückselige Pensionsgeschichte . Später kam Marianne mit Detlev , sie fand , daß doch etwas Festliches für Ellen geschehen müßte und wollte mit den beiden ihren Lieblingsweg nach Olrup gehen - es war ein kleines Dorf draußen am Meer . Ellen bewunderte ihre Schwester sehr - die hatte ihre ganze Jugend zu Hause verlebt und war nie unzufrieden , immer gleichmäßig in ihrer stillen Heiterkeit . Sie kamen darauf zu sprechen , auf die Eltern und alles . » Du mußt dir doch auch ziemlich viel gefallen lassen und darfst alles mögliche nicht « , meinte Ellen . » Aber es liegt mir auch meistens nicht so viel daran . Wenn Papa mir zum Beispiel verbietet , irgendein Buch zu lesen , so weiß ich , daß er seinen Grund dafür hat . Und es bleibt immer noch so viel Schönes , woran man sich freuen kann , daß das gar nicht in Betracht kommt . « » Ja , aber hast du jemals gesehen , daß Mama mir etwas aus einem vernünftigen Grund nicht erlaubt ? Sie verbietet nur , um zu verbieten , oder weil sie alles überflüssig findet , was mir Freude macht . Sie sagt , ich wäre faul und wollte nichts tun , aber warum läßt sie mich nicht malen ? Es ist das einzige , was ich mir wünsche und was mir Freude macht . Dann würde ich mit Vergnügen den ganzen Tag arbeiten . Aber sowie sie mich mit einem Skizzenbuch sieht , heißt es : laß doch das alte Geschmier , es kommt ja doch nichts dabei heraus . « Marianne zuckte die Achseln . » Mama ist nun einmal dafür , daß man nur nützliche Sachen tut , sie hat es auch nicht gern , wenn ich viel lese . Ich sage dir deshalb auch immer wieder , du solltest dich an Papa halten , der kann dir noch am ehesten helfen . Mir scheint immer , daß ihr Jüngeren ihn eigentlich gar nicht kennt . « » Er kümmert sich nicht viel um uns . « » Das würde er schon tun , wenn ihr nur wolltet . Ich habe dir doch gesagt , er wartet nur darauf , daß du kommst . « » Das kann ich nicht - ich kann einfach nicht . Wofür soll ich ihn denn um Verzeihung bitten ? Daß dies infame Tier von Pröpstin mich nicht leiden konnte ? Ich möchte ihr heute noch den Hals umdrehen . « » Ich auch « , fuhr Detlev ingrimmig dazwischen ; die Pröpstin haßte er mit . Vor ihnen lag das Dorf mit seinen Strohdächern und dem niedrigen , stumpfen Kirchturm . Über den Heidehügel gingen sie zum Meer hinunter , und Marianne pflückte Blumen für Papas Schreibtisch . Dann saßen sie am Strand auf den großen Steinen , während die Sonne langsam ins Meer hineinrollte wie eine große brennende Kugel . Der Himmel loderte weithin auf , das Meer wurde rot , und die Heidehügel glühten . Allmählich losch alles wieder aus und nun wurde es rasch dunkel , die einzelnen Gestalten auf dem Deich sahen aus wie schwarze Silhouetten . » Wenn man das malen könnte , « sagte Ellen , » überhaupt malen können , alles , was es gibt . « Detlev lachte : » Immer noch Vogelbauer , Ellen ! Du bist doch noch geradeso wie früher . « » Ja , aber ich werde meine jetzigen Vogelbauer doch noch einmal zusammenkriegen , darauf könnt ihr euch verlassen . « Sie gingen jetzt rasch den Deich entlang und sprachen von der großen Sturmflut vor acht Jahren . Es war die lange gerade Strecke , wo damals der Deich beinah gebrochen und nur einen Meter breit stehengeblieben war . Wie da die haushohen Wellen herüberschlugen und die Menschen , die sich hinauswagten , wie Papierfetzen herumflogen . - Dann kam das rote Deichwärterhaus mit dem kleinen , sonnenverbrannten Garten , der Bootschuppen , das Dock , wo alte Schiffe zum Ausbessern lagen . Dicht beim Hafen begegneten sie vielen Spaziergängern , immer die gleichen , die jeden Abend hier herausgingen , all die bekannten Gesichter aus der kleinen Stadt . Das Grüßen nahm kein Ende , hier und da mußten sie auch stehenbleiben und ein paar Worte sprechen , bis sie endlich in die schmalen Hafenstraßen einbogen , über den Markt unter dem Rathausbogen durch und schließlich die dunkle Kastanienallee zum Schloß gingen . Ein paar Tage später , als Ellen zur Stadt war , ging die Mutter in ihr Zimmer hinauf : » Ich muß doch einmal sehen , was sie da immer treibt , wenn sie allein ist « , dachte sie . - Ellen hatte vergessen wegzuräumen , da standen drei Bilder von Editha mit Blumen davor , auf dem Tisch lag ein langer , angefangener Brief an die Freundin , der bittren Weltschmerz atmete und endlose Klagen über Ellens elendes Los . Und daneben ein dickes , ledernes Buch mit selbstgeschriebenen Gedichten , das die Mutter noch nie gesehen hatte . Sie nahm es mit ins Wohnzimmer , setzte ihre Brille auf und las den ganzen Nachmittag . Als Ellen nach Hause kam , warf Mama ihr das Buch vor die Füße . » Du hättest es verdient , daß ich es dir um die Ohren schlage . Was ist das für ein unerhörtes Zeug ? Schämst du dich denn nicht , so was zusammenzuschmieren ? Das hört jetzt auf , verstanden ? - Und was du da an deine Editha schreibst - du meinst wohl , daß dir arges Unrecht geschieht , wenn du nicht all deinen verrückten Einbildungen folgen sollst . Von jetzt an lese ich all deine Briefe , verlaß dich darauf . « Ellen stand zuerst wie versteinert . Wie konnte Mama sich das herausnehmen , in ihren tiefsten , innersten Geheimnissen herumwühlen - ja , jetzt schämte sie sich allerdings - ihr war , als ob man ihr alle Hüllen von der Seele gerissen hätte und dann kam eine sinnlose Wut über sie . - Sie schrie der Mutter alles ins Gesicht , was an Groll in ihr aufgespeichert war . » Ich wollte , ich wäre Gott weiß wo , nur nicht mehr bei euch , in dieser Hölle . Aber ich laß es mir nicht mehr gefallen . Lieber lauf ich fort oder bring mich um . « Einen Augenblick war es ganz still im Zimmer - Ellen hatte den Arm erhoben in drohender Abwehr : » Rühr mich nicht an , Mama ! « Denn die Mutter hatte sie schlagen wollen . Ellen kam wieder fort von zu Hause . Der Vater hatte sie zu sich rufen lassen und lange mit ihr darüber gesprochen . Ihr ganzer Trotz zerfloß in Tränen - sie hatte nie geglaubt , daß Papa so gut wäre , so vieles verstehen konnte und ihr helfen wollte . So wurde sie denn auf längere Zeit zu ihrer Tante Helmine Olestjerne geschickt . Es war eine jüngere Schwester des Freiherrn , die für sich allein in ihrem eignen Haus und Garten lebte und eine besondere Vorliebe dafür hatte , sich bedrängter Jugend anzunehmen . Bei ihr konnte Ellen frei heraus mit allen ihren Beschwerden und unruhigen Wünschen . Schon am ersten Abend , als sie bei Tante Helmine in dem gemütlichen Wohnzimmer mit altväterischen Möbeln und Familienbildern saß , erzählte sie all ihre Erlebnisse zu Hause und in der Pension . Die Tante hörte aufmerksam zu : » Ja , mit deiner Mama ist es sehr schwierig - ich habe sie auch manchmal nicht verstehen können . Du bist ja jetzt groß genug , daß man mit dir darüber reden kann . Aber bei mir sollst du dich nun einmal wirklich wohl fühlen und soviel Freiheit haben , wie ich dir mit gutem Gewissen geben kann . Es ist eine Malerin hier , bei der du Stunden nehmen kannst , wenn du so große Lust dazu hast . « Ob sie Lust hatte ! Ellen riß beinahe das Tischtuch mit Lampe und allem herunter und fiel der Tante um den Hals . » Und wenn die sagt , daß du Talent hast , lassen sie dich vielleicht auch zu Hause dabei . Dann hast du wenigstens eine Arbeit , die dir Freude macht . « Ellen bekam ein Zimmer als Atelier eingerichtet und warf sich gleich vom ersten Tage an mit Heißhunger auf die Arbeit , mit ihrer vollen , gesunden Jugendkraft , die sie bisher fast wie etwas Überflüssiges gedrückt hatte und jetzt mit einemmal in ihr aufjauchzte , weil sie ein Ziel bekam und das Ziel , das ihr glühendster Wunsch war . Am liebsten stand sie die ganzen , langen Sommertage vor der Staffelei oder streifte mit dem Skizzenbuch draußen herum , statt mit der Tante auf Besuche zu fahren oder Vergnügungen mitzumachen . Ihre Lehrerin betete sie etwas scheu und aus der Ferne an - eine Künstlerin , die in Paris und München gewesen war , ein Wesen aus einer ganz andern Welt , von der Ellen nichts geahnt hatte und alles mit staunender Glut verschlang , was sie jetzt erfuhr . Sie schämte sich ihrer bodenlosen Unwissenheit - hatte noch nie ein richtiges Bild gesehen , nicht einmal gewußt , daß man nach lebenden Modellen malte , und tat so dumme Fragen , daß Fräulein Hunius oft lächelte . Und wie die da herumging zwischen all den beschränkten , engherzigen Leuten - nur ihrer Kunst lebte . Nur der Kunst leben . Ellen fing an zu ahnen , was das sein müßte . Wenn die Lehrerin zur Stunde kam , stand sie bebend hinter ihr und folgte jedem Strich . Und nur dann , wenn sie ihr Gesicht nicht sehen konnte , wagte sie von sich selbst zu sprechen - wie sie sich auch so ganz in die Kunst hineinstürzen möchte , nur dafür dasein und arbeiten bis aufs Blut , trotz aller Hindernisse . Und was für Hindernisse standen ihr entgegen - das meinte Fräulein Hunius auch , die Ellens ganze Verwandtschaft kannte . Sie sprach ihr auch von den Enttäuschungen , daß Ellen noch so jung sei und sich wie alle Anfangenden große Illusionen mache , die wohl meist nach und nach zerschellten . Aber das bedrückte sie nicht weiter , und sie glaubte nicht daran . Es war eine Zeit , wo sich ihr alles in einen Traum von immerwährender Glückseligkeit verwandelte , der ganze Tag war ein ernstes Spiel mit frohen Kräften , und selbst in den warmen Sommernächten wollte keine rechte Müdigkeit kommen . Manchmal stand Ellen heimlich wieder auf , stieg aus dem niedrigen Fenster und lief über den Rasenplatz zum Fluß hinunter , der am Garten vorbeifloß . Da schaukelte sie sich in Tante Helminens kleinem Boot oder tauchte in das dunkle , raschfließende Wasser hinein , mit stiller Angst , daß die Tante sie gehört haben könnte . Anfang Dezember schrieb die Mutter , Ellen müsse nun endlich einmal wiederkommen . Die Tante ließ sie ungern gehen , denn sie hatte große Freude an Ellens Fleiß und konnte ihre rastlose Lebendigkeit gut ertragen . Aber im nächsten Jahr sollte sie wiederkommen und weiterlernen . Ellen fuhr nach Hause mit zwei großen Zeichenmappen und voll von Plänen und Zukunftsträumen . Jetzt strahlte ihr die Welt . Sie wollte gut gegen Mama sein , ihr nachgeben , soweit es ging , und im Stillen weiterarbeiten , bis sie alle überzeugt hatte , daß sie Malerin werden müßte . Am Weihnachtsabend saßen sie alle noch spät beim Punsch im Eßsaal auf Nevershuus . Der Freiherr ging , wie er es liebte , während des Gespräches mit großen Schritten auf und ab . » Das waren eure letzten Weihnachten hier « , sagte er plötzlich und blieb am Tisch stehen . Die vier Geschwister saßen wie versteinert und sahen ihn an . » Ja , Papa hat Nevershuus verkauft « , sagte nun die Mutter mit Tränen in den Augen . » Zum Frühjahr müssen wir fort . « Sie schwiegen alle , der Vater stand vor ihnen und reckte sich in die Höhe : » Seid doch froh , wenn wir endlich einmal aus dem Nest herauskommen - von euch Jungens wird ja doch keiner Landwirt , und wir sind jetzt zu alt , um uns damit zu plagen , für nichts und wieder nichts . « Marianne war die einzige , die schon darum gewußt hatte , die andern konnten sich immer noch nicht von der jähen Überraschung erholen : daran hatten sie nie gedacht , sich nie vorgestellt , daß es einmal so kommen könnte - Nevershuus ihnen nicht mehr gehören . Und die Eltern waren in ihren Augen die » jungen Leute « , denen keine Zeit etwas anhaben konnte - Papa sich zur Ruhe setzen , das war wie eine Erklärung , daß sie nun alt würden . Sie mühten sich alle , ihre Bewegung zu unterdrücken , denn Gefühlsäußerungen , besonders im größeren Kreise , waren bei den Olestjernes niemals Brauch gewesen . Es gab nur hier und da einen etwas unsicheren Ton in den Stimmen , während sie über das große Ereignis sprachen . » Wo wollt ihr denn hinziehen ? « fragte Erik mit seiner gewohnten überlegenen Ruhe - für ihn kam es auch nicht so sehr in Betracht , da er demnächst auf die Universität sollte . » Das wissen wir noch nicht , aber jedenfalls in eine größere Stadt . « » Für uns ist es überall gut , wo wir zusammen sind und euch haben « , meinte Marianne ; » - aber es war doch unser Nevershuus . « » Ach , ihr solltet euch doch freuen , einmal in andre Umgebung zu kommen , « sagte der Vater wieder . » Hier versimpelt ihr auf die Länge , seht nichts von der Welt , wißt nichts von der Welt . Euer Nevershuus werdet ihr schon mit der Zeit vergessen . « » Wie kannst du das sagen , Christian ! « Der Freifrau ging es wie den Kindern , sie hing mit allen Fasern an dem alten Schloß - vierundzwanzig Jahre - ihre ganze Ehe - die Kinder , die hier geboren und aufgewachsen - ihr Ältester , der hier gestorben war ! Sie begriff doch nicht recht , daß ihr Mann sich so leicht loslöste , es wie eine Befreiung empfand , wie einen neuen Lebensanfang , von hier fortzukommen . Marianne saß mit ineinandergelegten Händen und sah nur ihren Vater an - er war grauer geworden in den letzten Jahren , die Stirn noch höher und gefurchter , aber heute schien er ihr so verjüngt . Sie wußte am besten , wie er sich von jeher hinausgesehnt aus diesem engumschlossenen Leben , in das die Verhältnisse ihn gegen seine Neigung hineingezwungen hatten . Durch die offne Tür sah man in den Weihnachtssaal , die Lichter waren längst heruntergebrannt , das Silber auf den Tannen schimmerte matt im Dunkeln . » Ihr lacht ja heute gar nicht « , sagte der Freiherr auf einmal , » was ist denn in euch gefahren ? « Sonst mochte es ihm manchmal zu viel werden , wenn seine junge Schar bei jedem vernünftigen Gespräch , bei jeder ernsten Lektüre unweigerlich im Chor losplatzte , besonders an Festtagen , wenn die Bowle auf dem Tisch stand . Aber er vermißte doch etwas , wenn sie so unnatürlich ernst waren . Aber sie saßen alle und dachten , daß diese Weihnachten nun die letzten in der alten Heimat wären , da wollte kein Gelächter in Gang kommen . Zweiter Teil L ... , 3. März 1888 Vor allem will ich Sie beruhigen , daß weder meine Mutter noch Detlev etwas von unsren Gesprächen gehört haben - sie schalt nur , daß ich zu viel mit Ihnen getanzt hätte . - Herrgott , wenn sie wüßte , daß ich jetzt an Sie schreibe - es ist bald fünf Uhr , unten auf der Straße rasseln schon Milchwagen , ich liebe nichts mehr , als so eine Nacht durch aufzubleiben , und heute wäre es mir unmöglich gewesen zu schlafen . Es kommt mir wie ein Wunder vor , daß ich nun wirklich einen Menschen gefunden habe , dem ich alles sagen kann und der mein Freund sein will . Sie machen sich ja keinen Begriff davon , wie allein ich war und wie todunglücklich ich mich von jeher zu Hause gefühlt habe , besonders in diesem letzten Jahr , wo auch Detlev mir immer fremder wurde . Sie wollten mir das nicht recht glauben , aber es ist wirklich so : meine Mutter sieht es nicht gerne , wenn ich viel mit ihm zusammen bin . Sie hat ihm das Versprechen abgenommen , mich keine modernen Bücher lesen zu lassen und mich mit seinem Verkehr nicht in Berührung zu bringen . Nur unter der Bedingung darf ich mit ihm ausgehen , die Eltern sind ja schon außer sich , daß er so in all diese Sachen hineingekommen ist und mit freidenkenden Menschen verkehrt . Aber Sie können sich vorstellen , wie mir dabei zumut war , wenn er mir von Ihnen und den andern erzählte , wie von einer Welt , die mir immer verschlossen bleiben sollte . Dann fand ich eines Tages auf seinem Schreibtisch » Brand « und » Peer Gynt « und nahm es mir herüber . Ganze Tage habe ich darüber zugebracht und konnte weder essen noch schlafen , nur immer wieder lesen , sowie ich allein war . Es kam mir vor , als ob jedes Wort für mich geschrieben wäre , ich wußte mit einemmal , daß es keine unmöglichen Hirngespinste waren , mit denen ich kämpfte , - wenn sich alles in mir sträubte gegen das Leben , das man mir aufzwingen will . Früher empfand ich es immer als eine Art Unrecht gegen meine Eltern , mich so dagegen aufzulehnen und heimliche Sachen zu tun , aber nun ging es mir plötzlich auf , daß jeder ein unveräußerliches Recht an sein Ich und sein eigenes Leben hat . Wissen Sie die Stelle : das Eine darfst du nie verschenken , - dein Selbst , dein Ich , den heilgen Dom - du darfst ' s nicht binden - nicht es lenken - nicht hemmen seines Lebens Strom - Er rauscht dahin und strömt und schwillt : - bis er im Meer die Sehnsucht stillt . Wenn Sie erst mein ganzes , bisheriges Leben kennen , werden Sie begreifen , was für einen überwältigenden Eindruck das auf mich machte , als ob plötzlich etwas Erlösendes durchbräche , wo früher eine dumpfe , undurchdringliche Masse war . Und dabei muß ich immer wieder an den großen Krummen im » Peer Gynt « denken , wie er im Nebel auf ihn losschlägt und nicht durchkann , und der Krumme antwortet : » Geh herum . « Aber wo er hinkommt , ist wieder dasselbe da und ruft : » Geh herum ! « Zuerst hab ' ich das alles ganz allein durchlebt , aber es hätte mich einfach erstickt , ich mußte mit Detlev davon sprechen . Und da kamen wir uns wieder so viel näher , er hat mir dann auch die andern Bücher gegeben , und was waren das für Stunden , wenn wir zusammen darüber sprachen . Er arbeitet abends immer in meinem Zimmer , und da reden wir oft die ganze Zeit von alledem . Dann erzählte er mir auch von Ihnen , und ich versuchte , ihm das Verantwortungsgefühl auszureden , weil ich Sie so gerne kennenlernen wollte . Als ich Sie ein paarmal gesehen hatte , wußte ich ja gleich , daß wir uns verstehen würden . Und wie Detlev es dann durchsetzte , daß ich zu dem Tanzabend mitdurfte - sehen Sie , da hatte ich das Gefühl , als ob etwas Entscheidendes kommen müßte , jetzt oder nie . Sonst wäre es wieder an mir vorbeigegangen , und ich hätte in dem alten Elend weiterleben müssen . - Und nun ist es wirklich geschehen - als ich hinter Mama und Detlev nach Hause ging mit Ihrem Brief in der Tasche , dachte ich immer nur : jetzt kann kommen , was will , das können sie mir doch nicht mehr nehmen . Daß wir uns öfter sehen , wird allerdings schwierig sein , ich weiß schon gar nicht , wie ich immer zur Post kommen soll , um Ihre Briefe abzuholen - also wenn möglich , Mittwoch im Dom , die Tür beim Turm ist ja immer offen . Und nun leben Sie wohl - es kommt mir vor , als ob ich Ihnen so viel zu sagen hätte , daß es nie ein Ende nimmt . 8. März , nachmittags Eben komme ich von unsrer so schmählich zerrissenen Zusammenkunft im Dom zurück . Der Schrecken sitzt mir noch in allen Gliedern . Gott im Himmel , wenn mein Vater uns gesehen hätte - ich hätte mir auch denken können , daß er unserm Besuch die Kirchen zeigen würde . Und was der Kirchendiener wohl gedacht hat , als wir auf allen vieren zwischen den Bänken durchliefen . Es war eine gute Idee von Ihnen , denn sonst hätten sie uns sicher gesehen . Aber es war doch schön , daß wir uns wenigstens so lange in Ruhe unterhalten konnten . Glauben Sie nur nicht , daß ich Ihnen unsre häuslichen Verhältnisse übertrieben habe . - Seit wir hier sind , habe ich mit Mühe erreicht , daß ich den ganzen Tag in meinem Zimmer sein kann und nicht mehr nähen muß .