dir ! Ich werde sofort die Warnungsglocke erklingen lassen und alle Bewohner des Duar zusammen - - - « » Halt ! « unterbrach ich ihn . » Das wirst du nicht ! « » Ja , ich werde es ! « » Nein ! « » Warum nicht ? « » Soll der Blutgierige ohne Strafe bleiben ? « » Nein ! Das freilich nicht ! « » Er wird es aber . Denn sobald er den Lärm hört , den er auf sich beziehen muß , versteht es sich ganz von selbst , daß er die Flucht ergreift . Dann ist er fort und lacht uns später wegen unserer Unbedachtsamkeit aus , weil wir ihm nicht einmal die Absicht des Mordes nachzuweisen vermögen . « » Das ist wahr ; das ist richtig , Effendi ! Aber was können wir anderes thun ? « » Ihn fangen ! « » Maschallah ! « » Mit der Waffe in der Hand ! « » Du meinst also , daß wir ihn kommen lassen ? « » Ja . « » Das ist zu gefährlich ! « » Hast du nicht auch die Soldaten herankommen lassen und gefangen genommen ? Ihrer waren so viele ; jetzt aber sind es nur drei ! « » Auch das ist wahr ! « » Und gewiß kommt er nur allein herein ; die andern beiden sind seine Wachen . « » Herein ? Hier herein , meinst du ? « » Ja . « » Wie kommst du auf diesen Gedanken ? « » Auf die leichteste und zugleich sicherste Weise . Er will mich töten . Wann ? Des Nachts . Was thue ich des Nachts ? Ich schlafe . Wo ? Droben in meiner neuen Wohnung , allerdings . Aber das weiß er nicht . Der heutige Wechsel ist ihm unbekannt . Er glaubt , daß ich noch hier schlafe , in der offenen Halle , in welche man sich des Nachts so leicht schleichen kann . « » Was weiß er von deinem bisherigen Lager in dieser Halle ? « » Gewiß genug . Er hat heut am Nachmittage da drüben auf dem Berge mit mehreren Dschamikun gesprochen , doch wahrscheinlich hiervon nicht , denn seine Absicht gegen mich kann erst entstanden sein , nachdem ich die letzten Worte mit ihm gesprochen hatte . Tifl hat die Perser begleitet . Ich denke , daß er mir gar wohl eine Mitteilung machen kann , die sich hierauf bezieht . « » Jawohl ; das kann ich ; das kann ich ! « antwortete der Genannte . » Nun ? « fragte ich ihn . » Ich ritt voran . Ich hatte mir vorgenommen , mit diesen Persern gar nicht zu sprechen . Das habe ich auch gehalten . Meine Leute ritten hinterher . An diese hat sich Ahriman Mirza gemacht und sich mit ihnen unterhalten . Erst über den Duar ; hierauf über das hohe Haus , und dann über die jetzigen Gäste desselben . Als ich das später erfuhr , war ich sehr zornig darüber , daß man ihm Auskunft gegeben hat . « » Was hat er erfahren ? « » Wo Hadschi Halef liegt ; wo du schläfst ; wann du dich niederlegst , und wer des Nachts noch außerdem sich in der Halle befindet . Die , welche es sagten , wußten nicht , daß du vom heutigen Abend an bei unserm Ustad wohnen werdest . Darum ist zu Ahriman Mirza gesagt worden , daß du in der Ecke rechter Hand in der Halle schläfst . « » Was wohl noch ? « » Ob du im Schlafe Waffen in der Nähe habest . « » Ah ! Also ! Was hat man geantwortet ? « » Daß sie am Fußende deines Lagers aufgehängt seien . « » Wo sind sie jetzt ? Ich habe sie in meiner neuen Wohnung nicht gesehen . « » Erlaube , daß ich dir das später selbst mitteile ! « fiel da der Ustad ein . Ich nickte ihm zu und fuhr , zu Tifl gewendet , fort : » Gab es noch weitere Erkundigungen ? « » Nein , « erklärte er . » So ist das ganze Material beisammen , welches nötig war , mich zu überzeugen , daß ich mich nicht geirrt habe . Wer soll nun bestimmen , was zu geschehen hat ? « » Du , « antwortete der Ustad . » Ja , du , « stimmte der Pedehr ein . » So ist meine Ansicht die folgende : Der Bluträcher wird gefangen genommen , und zwar auf eine für uns möglichst ungefährliche Weise . Werden die gefangenen Soldaten bewacht ? « » Ja , « sagte der Pedehr . » Von wieviel Personen ? « » Es sind zwei , welche vor dem verschlossenen Thore stehen . Das genügt vollständig . « » Für heut genügt es nicht . « » Warum ? « » Weil der Multasim jedenfalls die Absicht hat , diese Gefangenen zu befreien . Er kann mit zwei Begleitern die beiden Wachen , da sie so etwas nicht erwarten , leicht überraschen und überwältigen . Wir stellen also jetzt mehr Leute hin , damit er sich gar nicht nach dieser Seite wagen kann . Um so sicherer wendet er sich dann der Halle zu . Es wird an der Stelle , wo ich schlief , ein Lager errichtet . Doch niemand liegt darauf . Selbst wenn jemand so mutig wäre , diese Rolle zu übernehmen , so ist so ein Dolch oder Messer selbst für den stärksten Mann ein immerhin gefährliches Ding . « Kara Ben Halef war von dem Lager seines Vaters herbeigekommen , um zuzuhören . Jetzt , bei diesen Worten , sagte er : » Aber wenn du nicht so angegriffen von der Krankheit wärest , da wüßte ich , was geschähe , Effendi ! « » Nun , was ? « » Du würdest dich ruhig hinlegen , um die aufgehobene Hand des Mörders , wenn er zustoßen will , zu ergreifen und festzuhalten , damit er vollständig zu überführen sei . « » Hm ! Vielleicht thäte ich es ! Davon kann aber jetzt keine Rede sein . Der Bluträcher darf nicht ahnen , daß er sich vollständig verraten hat . Es muß alles sorgfältig vermieden werden , was den Gedanken in ihm erwecken könnte , daß man seine Anwesenheit kenne und auf ihn vorbereitet sei . Darum dürfen wir nur so viel Personen in das Vertrauen ziehen , wie unumgänglich nötig sind . Kein weiterer darf etwas erfahren . Wie viele Wege giebt es nach hier herauf ? « » Nur den einen durch das Thor , « antwortete der Pedehr . » Keinen verborgenen Schleichweg ? « » Keinen . Niemand kann über die Riesenmauer . « » Also ist es auch für niemand möglich , anders als durch das Thor zu entfliehen ? « » Für keinen Menschen . Und das Thor wird ja geschlossen . « » Man lasse es heut offen , damit der Multasim nicht darüberzuklettern braucht . Wir wollen ihm und seinen Begleitern das Kommen möglichst erleichtern , damit sie dann um so sicherer nicht ohne unsern Willen wieder fortgehen können . Ich meine , daß sie sich alle drei durch das Thor schleichen werden . Die beiden andern verstecken sich an einem passenden Orte , dem Multasim erforderlichen Falles beispringen zu können . Dieser setzt seinen Weg allein fort . Am Thore müssen sich handfeste Leute verbergen , welche die Perser zwar herein aber nicht wieder hinaus lassen dürfen . Doch haben sie alles so still zu unternehmen , daß sie es uns nicht etwa verderben , hier oben den Multasim zu ergreifen . Hier bei uns genügen fünf bis sechs Personen , welche sich in den dunkeln Hintergrund der Halle zurückziehen , um den Mörder , sobald er sich hereingeschlichen und das Lager erreicht hat , zu packen . Wir haben schon um des Hadschi Halef willen das Geräusch zu vermeiden . Ich möchte gern haben , daß der Multasim in lautloser Stille überwältigt wird . Ich bin natürlich auch da , wenn ich auch nicht mit zugreifen werde . Wollt Ihr dabei sein , so ist es recht , denn da werden Eure Leute sich doppelte Mühe geben , alles richtig zu machen . Dort hinter der Thür müssen im Hausgange einige Personen mit brennenden Lichtern postiert sein , damit die Halle im gegebenen Augenblick sofort erleuchtet werden kann . Das ist es , was ich zu sagen habe . Hat jemand einen andern Wunsch ? « » Nein , « antwortete der Pedehr . » Denkst du , daß der Bluträcher uns lange warten lassen wird ? « » Gewiß nicht . Seine heutigen Begleiter kennen sicher alle seine Unternehmungen . Sie warten mit größter Neugierde auf seine Rückkehr . Auch den Mann mit den vier Pferden läßt er wohl nicht gern lange Zeit allein , weil jeden Augenblick sich eine Störung oder gar Entdeckung ereignen kann . Wie ich schon gesagt habe , so denke ich auch noch jetzt : Wenn kein Licht mehr hier oben brennt , wird der Multasim annehmen , daß wir schlafen , und sich unverzüglich an das Werk machen . « » Wohlan , so wollen wir uns beeilen . In zehn Minuten soll alles zu seinem Empfange bereit sein . Gehst du einstweilen wieder hinauf in deine Wohnung , Effendi ? « » Nein . Ich bleibe hier . « » So erlaubt , daß ich euch verlasse , die Vorbereitungen zu treffen ! « Er entfernte sich . Der Ustad ließ zwei Kissen bringen , auf welche wir uns an der Hinterwand niedersetzten , doch so , daß ich die drei Bogenöffnungen an den Säulen im Auge hatte und den Multasim , wenn er kam , sehen konnte . Kara war wieder zum Bette seines Vaters gegangen . Der Bote und sein Sohn hockten sich in unserer Nähe nieder , um im gegebenen Augenblicke mit zuzufassen . Dann kam der Pedehr mit noch vier kräftigen Männern , die sich in der hintern Ecke versteckten . Jenseits der Thür hielten einige Personen brennende Lichter . Dann wurden die unsern alle ausgelöscht . Da dachte ich an meine Lampe oben . Sie brannte ja , und ihr Schein mußte unten im Duar gesehen werden . Ich sagte das dem Ustad , der sich sofort erhob , um hinaufzugehen und sie selbst auszulöschen . Als er dann wieder kam , war alles bereit , denn der Pedehr hatte dafür gesorgt , daß sogar in der Küche alles finster war . Es schien sich jedermann im » hohen Hause « niedergelegt zu haben . Der Bluträcher konnte erscheinen ! War es nicht vielleicht sonderbar , daß ich herzlich wünschte , daß er kommen möge ? Man soll doch nicht das Verlangen in sich tragen , daß sich einem das Verbrechen nahe ! Aber nicht bloß das Denkvermögen , sondern auch das Gefühl hat seine Erwägungen , wenn man die logische Folgerichtigkeit derselben auch nicht so deutlich nachzuweisen vermag . Und wenn ich die Empfindung in mir trug , daß ich den Multasim herbeiwünschen müsse , so hatte sie jedenfalls ihren guten Grund . Der Bluträcher lebte ; er war vorhanden . Seine Absichten richteten sich gegen mich . Sie konnten mir nur dann gefährlich werden , wenn ich auf seinen Angriff nicht gefaßt war . Ich hatte nicht ihn selbst , sondern nur die plötzliche Ueberrumpelung zu fürchten . Heut nun , jetzt , war ich auf ihn vorbereitet . Führte er seinen gegenwärtigen Plan nicht aus , so entwand er sich der Gewißheit , festgenommen zu werden , und zog alle meine Vorsicht , welche ich zu üben hatte , mit sich in die Ungewißheit hinaus . Darum mußte ich wünschen , daß nichts eintreten möge , was ihn verhindern könne , jetzt bei seinem Vorhaben zu bleiben . Es war still in der Halle , und so dunkel , daß keiner den andern sehen konnte , obgleich wir uns so nahe waren . Der leise Schimmer der Nacht lag draußen auf den Stufen . Er konnte nicht bis zu den Säulen heran , weil er von dem Vordache über ihnen aufgefangen wurde . Darum hoben sich die drei Bogenöffnungen des Einganges zwar ganz bemerklich von dem Dunkel ab , aber der Fußboden war dem Sternenlichte so entzogen , daß ich mir sagen mußte , der Perser wäre sicher ganz unbemerkt hereingekommen , wenn wir seinen Anschlag nicht erfahren hätten . Bemerken muß ich da freilich , daß ich keinen Grund hatte , ihm diejenige Fertigkeit im Anschleichen zuzutrauen , welche zwar auch der geübte Beduine besitzt , in der aber nur die Indianer und Jäger des » fernen Westens « von Nordamerika wirklich Meister waren . Ich sollte bald erfahren , daß ich mich da geirrt hatte . Der Haß ist auf dem Schleichwege immer Meister . Er kann sich da in Beziehung auf seine Arglist und Ausdauer rühmen , unübertrefflich zu sein . Der neben mir sitzende Ustad hatte zu mir herübergegriffen und meine Hand in die seinige genommen . Er hielt sie fest . » Wie lieb ich dich habe , Effendi ! « flüsterte er mir zu . » Ich habe es gar nicht gewußt . Aber als ich hörte , daß es sich um einen Angriff gegen dein Leben handle , erhob sich ein Gefühl in mir , als ob wir leiblich und geistig so eng verbunden seien , daß wir miteinander eine gleichdenkende und gleichempfindende , vollständig unzertrennliche Einheit bilden . « » War es wirklich ein Gefühl ? Oder doch vielleicht etwas anderes ? « fragte ich . » Wenn sich verwandte Geister küssen , fließen die Pulse ihrer körperlichen Herzen zu einem einzigen zusammen . Das Wort Geisterliebe klingt gespensterhaft , aber sie ist die höchste und die mächtigste , welche das Hier mit dem Dort verbindet . Indem sie das Eine zu dem Anderen emporhebt , bringt sie die Seligkeit . « Vielleicht hätte ich noch etwas hinzugefügt , da ich mit diesem Gedanken mein Lieblingsthema berührte , aber ich verzichtete darauf , denn es war mir , als ob ich soeben etwas gehört und auch etwas gesehen habe . Es war nichts Bestimmtes , nichts für die Augen und Ohren fest Greifbares , sondern nur ein leises Rauschen oder Wehen , wie von einem leichten Gewande , das schnelle Vorüberhuschen von etwas sich Bewegendem , aber gestaltlos und haltlos , von keinem wirklich existierenden Wesen rührend . » Sahst du etwas ? Hörtest du etwas ? « fragte ich den Ustad . » Nein . - Du ? « antwortete er . » Es war , als ob ein halbsichtbarer Gedanke quer durch die Halle gehuscht sei . « » Wohin ? « » Nach der Ecke , wohin der Multasim kommen wird . « » Den haben wir von draußen zu erwarten . Der ist nicht hier in dem Raume versteckt . Es wird eben , wie du sagtest , ein Gedanke gewesen sein . « Das schien mir so richtig , daß ich annahm , mich wirklich getäuscht zu haben . Der , den wir erwarteten , konnte doch jedenfalls nicht aus der Ecke kommen , in welcher mein Hadschi Halef schlief . Wir hatten unsere Aufmerksamkeit nur nach dem Eingange zu richten , und das thaten wir in einer Weise , welche erwarten ließ , daß wir den Bluträcher trotz des allervorsichtigsten Anschleichens ganz gewiß und sofort sehen würden . Es verging aber Zeit um Zeit , Viertelstunde um Viertelstunde , ohne daß wir etwas bemerkten . Da - - es mochte wohl nach einer Stunde sein - - gab es irgendwo ein leises Kratzen oder Scharren und hierauf ein ziemlich lautes , hastiges Atemholen , welches fast wie Röcheln klang . Der Ort , woher es kam , war nicht zu bestimmen . Ich nahm an , daß einer der versteckten Dschamikun so unvorsichtig gewesen sei , diesen lauten Atemzug zu thun , der uns sehr leicht verraten konnte ; da aber erklang Kara Ben Halefs helle Stimme . » Sihdi , laß die Lichter hereinbringen ! « Ich war natürlich außerordentlich überrascht , zumal dieser Ruf nicht von dem Bette seines Vaters her , wo er sich doch befunden hatte , erschollen war . » Wo befindest du dich ? « fragte ich ihn , selbstverständlich ebenso laut . » Hier an deinem angeblichen Lager . « » Welche Unvorsichtigkeit ! « » Sag lieber , welche Pfiffigkeit ! Denn wenn ich nicht vorsichtiger gewesen wäre als ihr , so hätte er sich wieder fortgeschlichen . Ich habe ihn ! « » Maschallah ! Ist das wahr ? « » Würde ich es sagen , wenn es anders wäre ? Bringt Licht ! « Wir sprangen alle auf . Die Thür zum Hausgange wurde geöffnet , und die da draußen stehenden Leute kamen mit ihren brennenden Kerzen und Oellampen herein . Was wir nun sahen , das war allerdings verwunderlich . Ganz nahe an dem Bette , welches als das meinige gegolten hatte , lag ein Mensch , mit dem Rücken nach oben , vollständig bewegungslos . Er war nur mit der Hose bekleidet , sonst aber nackt , und hatte den Oberkörper und die Arme mit Oel eingerieben . Das ist eine Gepflogenheit der beduinischen Anschleicher , welche sich dadurch so schlüpfrig machen , daß sie , falls man sie entdeckt , nicht festgehalten werden können , weil das Oel oder Fett dem Körper eine Glätte verleiht , die jeden festen , ehrlichen Griff vergeblich macht . Bei ihm kniete Kara , welcher ihm beide Hände so fest um den Hals gelegt hatte , daß dem Ertappten die Möglichkeit der Gegenwehr vollständig genommen worden war . » Schnell , bindet ihn ! « sagte ich , alle Fragen auf später verschiebend . » Hinaus mit ihm und den Lichtern , die seinen Begleitern verraten , daß sein Vorhaben schlecht abgelaufen ist ! « Aber noch ehe man dieser Weisung nachgekommen war , traten die Folgen dieser plötzlichen Erleuchtung der Halle ein : Auf dem Vorplatze ließen sich laute Schritte hören , hierauf einige unterdrückte Rufe . Nun wurde es wieder still . Dann kam einer der dortigen Dschamikun die Stufen herauf und meldete : » Sie sind ergriffen worden . Als sie die Lichter sahen , wollten sie schnell fort . Da nahmen wir sie fest ! « » Bringt sie uns ! « sagte ich . » Ihr findet uns im Gange dort hinter der Thür . « » Dürfen wir nicht hier bleiben , da wir sie nun doch haben ? « fragte der Pedehr . » Nein , « antwortete ich . » Die plötzliche Helligkeit dieses Raumes , auf den es abgesehen war , muß dem Perser , der sich bei den Pferden befindet , auffallen und ihn warnen . Schicke schnell deine Leute hinab , um auch ihn festnehmen zu lassen ! Der junge Dschamiki , welcher weiß , wo der Ort liegt , mag sie führen ! « Während der Pedehr dieser Weisung folgte , wurde der Gefesselte hinausgetragen und die Thür hinter uns allen zugemacht , so daß es in der Halle nun wieder finster war . Erst jetzt fand ich Zeit , das Gesicht des Gefangenen zu betrachten . Wir hatten den Richtigen - - Ghulam el Multasim . Er lag mit geschlossenen Augen da . War er besinnungslos , oder stellte er sich nur so ? Es giebt Menschen , welche zwar den Mut des gehässigen Angriffes besitzen , weil sie zu thöricht sind , die Folgen zu bedenken , und dann , wenn diese eintreten , die Augen zumachen , als ob das genüge , die wohlverdiente und unvermeidliche Strafe von sich abzuwenden . Was äußerlich dem Mute ähnlich war , ist dann in seiner eigentlichen Gestalt als Feigheit zu erkennen . Jetzt brachte man seine beiden Genossen zu uns ; auch sie waren gebunden . Sie hatten die abgelegten Kleider des Bluträchers bei sich gehabt , auch seine Pistolen . Er war nur mit dem Messer versehen gewesen . Dieses war ihm aus der Hand entfallen , als er von Kara beim Halse genommen worden war . Der Pedehr hatte es aufgehoben und zeigte es mir . » Das ist die Klinge , mit welcher die Rose aufgebrochen werden sollte , « sagte er . » Was soll mit diesen drei Menschen geschehen , Effendi ? « » Wer hat darüber zu bestimmen ? « erkundigte ich mich . » Natürlich du . Der Angriff war ja gegen dich geplant . « » Wird man das auch wirklich ausführen , was ich bestimme ? « » Gewiß ! « Als ich auch dem Ustad einen fragenden Blick zuwarf , erklärte dieser , seinem Scheike beistimmend : » Es ist uns jeder verfallen , der sich ohne unsere Erlaubnis hier mit der Waffe treffen läßt . Aber wir pflegen nicht zu töten . Es ist zwischen uns und dem Multasim ausgemacht worden , daß die Frage der Rache , welche ihn hiehergeführt hat , durch das Wettrennen beantwortet werden soll . Hast du mit ihm ein heimliches Abkommen getroffen , so geht das uns nichts an . Er erhalte die Folgen davon aus deiner Hand . Ich könnte ihn zwar dafür bestrafen , daß er sich mit dem Messer trotz unserer Vereinbarung in mein Haus geschlichen hat , trete aber dieses Recht hiermit an dich ab , Effendi . Thue mit ihm und seinen Helfershelfern , was dir beliebt . Er sei ganz nur in deine Hand gegeben ! « » So schafft diese drei Menschen einstweilen so , wie sie hier sind , zu den andern Gefangenen hinüber in das Gewölbe , und laßt sie dort bewachen ! Morgen , wenn es Tag geworden ist , werden sie erfahren , was ich über sie beschlossen habe . Sie kamen bei Nacht ; ich aber erwarte den Tag , denn ich will auf heimliche Anschläge keine lichtscheuen Antworten geben ! « Man kam dieser Weisung unverweilt nach . Als die Perser hinausgebracht worden waren , lagen die Kleider des Multasim noch am Boden . Der Pedehr forderte Tifl auf , nachzusehen , was sich in den Taschen befinde . Sie enthielten , wie es schien , nur die gewöhnlichen Gebrauchsgegenstände , und nur zuletzt entdeckte » das Kind « an einer verborgenen Stelle noch ein kleines Täschchen , aus dem er einen noch kleineren Lederumschlag hervorzog , in welchem einige beschriebene Papierblätter festgeheftet waren . Er gab das Büchelchen dem Pedehr , der es aufmerksam betrachtete und dann dem Ustad kopfschüttelnd mit den Worten hinreichte : » Sonderbar ! Das scheinen nur einzelne Buchstaben zu sein . Worte sind es nicht . Schau du zu , was es ist ! « Der Ustad nahm es in die Hand , sah es durch und sagte : » Das ist das Täliq-Alphabet mit einer vorwärts gerückten Wiederholung . Ich würde glauben , es sei eine sogenannte Eselsbrücke für irgend einen Anfänger im Schreiben . Aber da auf der ersten Seite steht in derselben runden , stark nach links hängenden Schrift zu lesen : Für Ghulam , den Dschellad7 . Es ist also für Ghulam ganz besonders bestimmt . Er wird Henker genannt . Weshalb ? War es vielleicht ein Scherz ? Dann hätte er es nicht so sorgfältig aufgehoben . Hat er es vielleicht selbst geschrieben ? Was sagst du dazu , Effendi ? « » Ich kann nicht eher etwas sagen , als bis ich es gesehen habe , « antwortete ich ihm . » Ist es nur das Alphabet ? « » Dieses und die Ueberschrift , die ich vorgelesen habe . Denn die paar Buchstaben , die dann noch unter ihr stehen , können wohl kaum etwas zu bedeuten haben . Es ist ein Sa und ein Lam . « » Weiter nichts ? « fragte ich schnell . » Noch das Verdoppelungszeichen dazwischen , « antwortete er . » Da , siehe selbst ! « Er gab es mir . Ja , das war das mir so wohlbekannte Erkennungszeichen der Sillan ! Ich wußte sofort , daß dieses scheinbar ganz bedeutungslose Doppelalphabet gewiß von großer Wichtigkeit sei . Aber in welcher Weise wichtig , das war die Frage ! Es enthielt zweimal alle persischen Buchstaben vom Aelyf bis zum Jäj und sogar Lam-Aelyf . Aber die gleichen Buchstaben standen nicht beieinander , sondern die zweite Reihe war weiter fortgeschoben , so daß die letzten sieben Buchstaben nicht hinten sondern vorn ihr Ende fanden . Wenn ich versuchen will , dies durch das deutsche Alphabet zu verdeutlichen , so bekommt diese Probe folgendes Aussehen : A b c d e f g h i k l m n o p q r s t u t u v w x y z A b c d e f g h i k l m n v w x y z. - - - o p q r s. - - - Es war mit Gewißheit anzunehmen , daß die bereits erwähnte Wichtigkeit dieser Zusammenstellung für die Sillan eine allgemeine , für den Multasim aber außerdem eine noch besondere sei . Ich wünschte sehr , hierüber Aufklärung zu erhalten . Aber von wem ? Sie konnte mir nur durch eigenes Nachdenken werden . Jetzt aber gab es keine Zeit hierzu . Ich steckte also das Heftchen zu mir und sagte : » Die Buchstaben sind wahrscheinlich das , wofür du sie hieltest , nämlich eine Eselsbrücke . Der Esel ist ohne Zweifel Ghulam selbst . Jetzt interessiert mich nur der Umstand , daß er Henker genannt wird . Ihr kennt ihn besser als ich . Habt Ihr vielleicht schon einmal diese oder eine ähnliche Bezeichnung seiner Person gehört ? « » Nein , nie ; « antwortete der Pedehr . » Aber dadurch , daß er als Multasim sich mit seiner unersättlichen Habsucht an die Stelle des gütigen Beherrschers setzt , ist er wohl schon Unzähligen in Wirklichkeit zum Henker geworden . « » Hier fällt mir eine Aehnlichkeit auf , « fügte der Ustad hinzu . » Steuerpächter des Schah-in-Schah und Paradiesespächter ! Hier leibliches und dort seelisches und geistiges Henkertum ! Wie manchen solchen Geist- und Seelenhenker mag es geben , der seines traurigen Amtes dadurch waltet , daß er an Stelle des einfachen und ehrlichen Alphabetes , welches uns der Herr gegeben hat , ein gefälschtes setzt ! Was thun wir mit den Kleidern des Gefangenen ? « » Sie mögen hier liegen bleiben , bis er sie morgen wieder bekommt . Das geschieht nicht eher , als bis ich ihm dieses Alphabet wieder in die Tasche gesteckt habe . Ich wünsche , daß er denken möge , es sei unentdeckt geblieben . Wenn eure Leute später den vierten Perser mit den Pferden bringen , so steckt ihn in ein besonderes Verließ . Der Multasim soll jetzt noch nicht wissen , daß wir auch noch diesen festgenommen haben . Und noch eins : Ich habe euch etwas zu sagen und zu zeigen . Das steckt in meiner Satteltasche . Wo befindet sich das alles , meine Sachen und die Waffen ? « » In meiner Wohnung , « antwortete der Ustad . » Also bei dir ? Ich danke dir ! Das zeigt mir ja , wie wert du das Eigentum deines Gastes hältst . « Da ging ein ganz eigenartiges Lächeln über sein Gesicht . Er machte eine den Sinn meiner Worte abwehrende Handbewegung und sagte : » Es ist ein anderer Grund . Wenn du es erlaubst , werde ich dir ihn oben sagen . Soll auch der Pedehr mitgehen ? « » Ja . « Der Genannte erteilte Tifl einige Weisungen in Beziehung auf den vierten Perser ; dann begaben wir uns hinauf in die Wohnung des Ustad . Er führte uns nicht in die Balkonstube , sondern , nachdem er ein Licht angezündet hatte , in eine kleine , fensterlose Kammer , welche , wie es schien , für weggesetzte , unbrauchbar gewordene Gegenstände bestimmt war . Da hingen alle meine Sachen . Außer ihnen war nichts zu sehen als ein alter Kasten , dem man es ansah , daß er von Ur-Urgroßvaters Zeit herstammte . Indem der Ustad auf dieses Gerätstück zeigte , sagte er uns folgende , mir damals unverständliche Worte , die ich aber bald darauf sehr wohl begriffen habe : » Wenn der Mensch wüßte , wie sehr ihm solche alte , anererbte Sachen schaden , die er in falscher Pietät mit sich durchs Leben schleppt ! Für solche , erbliche Belastung ist die Rumpelkammer noch viel zu gut ! In solchen alten Gegenständen steckt ein ganzes Heer von geistig überkommenen Motten , Bohr- und Rüsselwürmern , welche , wenn man den Kasten öffnet , herausgekrochen und herausgeflogen kommen , um alles , was da Lebenswert besitzt , in zerfressenes Gerümpel und zernagte Lumpen zu verwandeln . Für solche Mottengeister giebt es nichts Heiliges , nichts unantastbar Hohes . Sie zerstören den königlichen Purpurmantel mit derselben Sicherheit , mit welcher sie den Hermelin der Wissenschaft zum kahlen Felle machen . Sie suchen das geistliche Gewand des Emir el Muminin8 ebenso heim , wie sie sich in der Filzmütze der tanzenden oder heulenden Derwische eingenistet haben . Sie sitzen im Kaftan des Näbi9 , im Turban des Sahibi Scheriat10 und in den Pantoffeln aller derer , die im Schatten solcher Vorschrift wandeln . Ganz außerordentliche Anziehungskraft aber hat auf sie das Papier , besonders das aus Lumpen fabrizierte . Man behauptet zwar , daß der Geruch der Druckerschwärze sie vertreibe , doch fand ich oft auch Druckpapier , aus welchem , wenn ich es zum Lesen auseinanderschlug , gleich eine ganze Wolke mich umnachten wollte ! « » Du sprichst in Rätseln ,