, pocht gerade an dem Abend selten die Freude an die Tür . Andere Gäste sind es , die uns besuchen . Vor allem ist es die alte Frau Erinnerung , deren Bilderbuch mit jedem Jahr dicker wird . Als ich gestern Nachmittag die Kerzen am Bäumchen in unserm Wohnzimmer angezündet hatte und meinen Bruder hereinrief , huschte die alte Frau auch gleich durch die offene Tür ins Zimmer herein . Den ganzen Tag schon hatte ich gefühlt , dass sie draussen stand und nur auf den Moment wartete , hereinzuschlüpfen , und den ganzen Tag hatte ich ihr immer die Tür vor der Nase zugeschlagen , denn ich fürchte mich ein bisschen vor der alten Frau und ihrem grossen Bilderbuch . Aber nun stand sie neben uns . Ta , dem auch aufgebaut wurde , hatte sie wohl eingelassen . Und wie es raschelte und knisterte in den Blättern des grossen Bilderbuchs ! wie es darin lebendig ward und längst verstummte Stimmen wieder klangen in vergessenem Lachen und verhalltem Schluchzen . Lauter Dinge , die einst gewesen , füllten das Zimmer und umwogten uns ; kleine graue Geisterchen sassen lichtbeschienen in den Zweigen des Weihnachtsbaumes und flüsterten leise von Vergangenem ; und auch all das , was nie gewesen , was nur gewünscht und ersehnt worden - nun lebte es für den einen Abend wieder auf . Am längsten verweilte ich bei den letzten Blättern des Bilderbuches . Die Weihnachten in Peking standen wieder vor meinen Augen . Erinnern Sie sich des einen Jahres , als der arme junge Mc Intyre krank war und wir ihm ein Bäumchen brachten ? Ich sass in der Sänfte und hielt die winzig kleine geschmückte Tanne auf dem Schoss , und Sie gingen nebenher und ermahnten die Kulis , mich behutsam durch die holprigen , hart gefrorenen Strassen zu tragen . Erinnern Sie sich der Freude des armen Jungen , als wir dann bei ihm eintraten und unser glänzendes Bäumchen auf den Tisch vor ihm aufbauten zwischen den Photographien seiner fern in Schottland lebenden Eltern und Geschwister , die er sich für diesen Abend recht nah an sein Bett hatte heranrücken lassen ? Und erinnern Sie sich der Bescherungen in unserem lieben chinesischen Häuschen , zu denen Sie und ein paar Freunde meines Bruders jedesmal kamen ? Tagelang vorher war grosse Aufregung , um für jeden eine Überraschung in den Kuriositätenläden aufzutreiben , und als erst die Bahn eröffnet war , fuhren unternehmungslustige Leute nach Tientsin , um zu schauen , was etwa die dortigen europäischen Magazine böten . Sie , lieber Freund , entdeckten aber immer die reizendsten Dinge ! Vor mir steht heute die kleine altfranzösische Bronzenuhr , die einst in der Direktoire-Zeit nach China kam , und die Sie von Pekinger Palastbeamten erstanden und mir unter dem Weihnachtsbaum aufbauten . Das Piedestal ist noch ganz im Stile Ludwig XVI. mit Delphinen und feinen Guirlanden geschmückt ; darüber erheben sich vier Drachen , die die Uhr tragen , kuriose Geschöpfe , in denen der französische Künstler möglichst dem nahe zu kommen suchte , was ihm als chinesisch vorschwebte . Über der Uhr , auf einer kleinen Weltkugel , steht ein gallischer Hahn , der offenbar nach Freiheit kräht , aber ein so skeptisches Gesicht macht , als glaube er schon längst nicht mehr daran . Als Sie mir diese Uhr schenkten , sagten Sie : » Die passt so gut zu Ihnen : ein Fundament altererbten Geschmacks , der von vielen Generationen herstammt ; die Drachen , der Hang zum Absonderlichen , der Zug zum Unbegreiflichen , Mystischen , der in uns erwacht , je mehr wir sehen , dass das Exakte , Vernünftige , Realistische doch nichts erklärt und schliesslich immer wieder alles mit einem grossen Fragezeichen endet - und als Spitze des ganzen Gebäudes der kleine tapfere Hahn , der nach Aufklärung und Freiheit quand même ruft , der viel graue , trübe Tage erlebt hat und zu sagen scheint , nach all dem Krähen müsste die Sonne doch endlich aufgehen . « Ja , das alles und noch so vieles mehr steht auf den letzten Blättern des grossen Bilderbuchs ! Mein Bruder und ich sassen in dem New Yorker Boarding-House-Zimmer unter dem Weihnachtsbaum , hielten uns schweigend an der Hand und dachten vergangener Zeiten . Ta löschte eins nach dem andern die Lichtchen aus , die herabgebrannt waren - ganz wie an anderen Weihnachtsabenden . Manchmal fingen ein paar grüne Tannennadeln Feuer , knisterten und glühten , und ein harziger Waldduft zog durchs Zimmer - ja , ganz wie an allen Weihnachtsabenden ! - 16 New York , 26. Dezember 1899 . Gestern , lieber Freund , ward ich unterbrochen und musste meinen Brief schliessen , ohne Ihnen unsern ganzen Weihnachtsabend geschildert zu haben . Denn er war mit unserm kleinen Aufbau nicht zu Ende , sondern wir waren noch zur Bescherung im Hause unseres Konsuls eingeladen . Mit allerhand Paketen beladen , fuhren wir auf der Hochbahn dorthin . Nach längerem , vergeblichen Klingeln öffnete uns der Konsul selbst die Haustür und entschuldigte sich , » der Sam sei wohl beim Tischdecken « . Dann führte er uns in sein kleines Arbeitszimmer , wo wir einige deutsche Herren trafen , darunter auch den Generalkonsul mit seinem herzerfreuenden , ansteckenden Lachen . Der Konsul ist vor einigen Monaten hierher ernannt worden , und seine Frau ist ihm erst vor ein paar Tagen aus ihrer Schwarzwaldheimat mit ihren zwei kleinen Kindern nachgereist . Es ist ein rührend deutscher Zug , dass sie sich , selbst kaum eingerichtet , zu diesem Abend gleich einige Landsleute eingeladen haben , die ihn sonst allein mit ihrem Heimweh verlebt hätten . » Meine Frau baut auf , « sagte der Konsul . Da kam sie schon selbst herein , sehr jung , mit aschblonden Zöpfen um den Kopf gesteckt , erstaunten blauen Augen , das ganze Gesichtchen von der Arbeit gerötet . Auf dem Arm trug sie einen dicken , einjährigen Jungen , mit denselben erstaunten blauen Augen ; und neben ihr trippelte ein kleines , dreijähriges Mädchen , das mit wichtiger Miene eine Klingel hielt . » Es ist alles fertig , « rief sie , » Evchen , nun klingle mal schön . « Und Evchen klingelte , und wir alle folgten in das Wohnzimmer , wo der Baum strahlte . Mit Ketten , vergoldeten Nüssen , Äpfeln , Pfefferkuchen war er geschmückt - sicher genau nach dem Vorbild , das die Frau Konsul bei ihrer Grossmutter und Mutter in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen gesehen hat . Es war sehr heimatlich . Man vergass dabei die hastende , neue Stadt da draussen und fühlte sich in eine alte Welt zurückversetzt , wo der Wechsel so langsam vor sich geht , dass sie eigentlich still zu stehen scheint . Der kleine Junge wurde auf den Teppich gesetzt und ein zusammenlegbares , unzerreissbares Bilderbuch um ihn aufgestellt , und wir halfen der Frau Konsul die Kiste auspacken , die von ihrer Mutter gekommen war . Wie sorgfältig war alles gepackt , in Seidenpapier eingewickelt , mit blauen Bändchen jedes einzelne Paket gebunden und ein Zettel dran gesteckt , mit ein paar lieben Worten für den Empfänger in zittriger Handschrift darauf geschrieben . Lauter Dinge waren darin , die man in New York ganz ebenso bekommen kann . Recht unpraktisch und doch so rührend deutsch ! Selbstgestrickte und gehäkelte Dinge für die Kinder , selbstgebackener Kuchen und Würste von dem für Weihnachten geschlachteten Schwein , und auf dem Grund der Kiste ein paar dicke wissenschaftliche Bücher für den Herrn Konsul und , in modernstem Rahmen , eine grosse Photographie von Böcklins geigendem Mönch , dem die Engelchen lauschen . - Liebes altes Deutschland ? Wäre doch Dein Raum so gross wie Dein Gemüt , dass all Deine fern verstreuten Kinder bei Dir Platz fänden ! - Evchen hatte sich den Böcklin andächtig betrachtet , nun lief sie ans Fenster und drückte sich das Näschen an den Scheiben platt . » Was machst Du denn da , « fragte ich sie . » Ich gucke , ob da draussen auch Engelchen herumfliegen , « antwortete sie und setzte dann hinzu : » nein , hier gibt ' s keine . « Ich schaute mit dem Kind hinaus in die Strasse mit den vielen gleichmässigen Häusern , an deren einem Ende , ganz nah von uns , eine Station der Hochbahn war . Ein hellleuchtender Zug kam herangesaust , hielt einen Augenblick und brauste dann weiter . » Der Eisenbahn gefällt es hier nicht , « sagte Evchen , » sie eilt sich so sehr her zu kommen und dann geht sie immer ganz schnell wieder fort . « » Liebes Kind , « sagte der Konsul zu seiner Frau , » gibt es nicht bald was zu essen ? « Sie fuhr aus all den heimatlichen Paketen empor : » Aber ja , es muss alles schon fertig sein . « Sie klingelte , aber Ursache und Wirkung folgten nicht aufeinander . Nun ging sie hinaus , kam aber bald mit bestürztem Gesicht zurück , trat an ihren Mann und sagte leise : » Willst du nicht lieber mal mit ihm reden ? « Nun ging der Konsul hinaus , und bald hörten wir erregte Stimmen und darauf etwas Schweres , das die Treppe hinabpolterte . Der Konsul kam wieder herein , etwas aufgeregt und ausser Atem : » Meine Herrschaften , ich bitte sehr um Entschuldigung - ein kleiner amerikanischer Zwischenfall - der Neger Sam war schwer betrunken - ich fand ihn , mit dem Eidamer Käse Ball spielend . - Da habe ich die Rollen umgekehrt und mit ihm etwas Ball gespielt - und dabei ist er die Treppe hinab und auf die Strasse geflogen . « » Und als ich vorhin draussen war , « erzählte die Frau Konsul mit kläglicher Stimme , » ass er die Austern auf und sagte mir , er nähme ja nur die schlechten , um uns vor Vergiftung zu bewahren . « Der Generalkonsul lachte in seiner herzhaften Art , und wir alle stimmten mit ein . Und dann folgte das komischste Weihnachtssouper , das ich je mitgemacht , denn es stellte sich heraus , dass die irische Köchin dem schwarzen Sam nachgelaufen war . So gingen wir denn mit der Frau Konsul in die Küche , retteten , was zu retten war , trugen die Gerichte hinauf in das Speisezimmer und sprachen ausserdem tüchtig den Würsten zu , die wir aus der Weihnachtskiste ausgepackt hatten . Als wir Abschied nahmen , sagte unsere Wirtin : » Sie müssen schon entschuldigen - es ist hier halt alles so anders , als daheim in Baden . « 17 New York , 1. Januar 1900 . Lieber Freund ! Möchte das Jahr Sie mit allem Guten beschenken , das ich Ihnen wünsche ! Gleich die ersten Gedanken heute früh flogen hinaus über die grollenden Wintermeere und die weiten hart gefrorenen Ebenen , in denen der Sturm heult , flogen aus , Sie zu suchen , und konnten Sie nicht finden , und flattern nun weiter unstet umher , können nirgends zur Ruhe kommen , sehnen sich so sehr , Ihnen ein kleines Zeichen zu geben . Alles Schöne und alles Glückliche möchte ich in Ihr Leben hinein zaubern - und konnte Ihnen doch am Weihnachtsabend kein Bäumchen schmücken , kann Ihnen heute zu Neujahr nicht einmal die Hände reichen ! Den ganzen Tag war mir , als müsse heute durchaus ein Wort von Ihnen zu mir dringen , als müsse Ihre Stimme ganz leise aus der Ferne klingen , wie einstmals in vergangenen Tagen , als Sie mir sagten : » Und darf es nicht Glück sein , so sei ' s doch das Nächstbeste . « Und Ihr » Nächstbestes « , lieber Freund , war immer noch so viel reicher und zarter , so viel sorgender als alles , was andere Menschen als höchstes Glück zu geben vermögen ; Sie haben mich so sehr verwöhnt , dass ich mir jetzt oft ganz verlassen vorkomme . Auf dass Ihnen aber die Lektüre dieses Briefes nicht schlecht bekomme und Sie nicht etwa dem Hochmutsteufelchen verfallen , werde ich gleich hinzusetzen , dass ich immer etwas am grossen Heimweh der Vergangenheit leide , und dass , wenn man mehrere Jahre in einem so eigenartigen Ort wie Peking gelebt und dort Wurzel gefasst hat , es schwer fällt , in einer so absolut entgegengesetzten Welt wie New York heimisch zu werden . Wer sich in Brüssel wohl fühlt , dem wird auch Paris gefallen , wer sich in Dresden eingelebt , der wird es auch in München fertig bringen . - Da sind keine weltentrennende Rassen- und Anschauungsgegensätze zu überwinden . Wer aber den Osten wirklich mal kennt und liebt , der passt nicht mehr in diese westliche Welt . Man staunt sie an , sagt sich wohl auch mit dem Verstand , dass ihr das neue Jahrhundert gehören wird , aber man wird in ihr nie mehr heimisch , man fühlt sich in stetem Widerspruch . - Wie mag es nur Kipling , dieser grosse Orientale , hier je ausgehalten haben ! Wie sehr kann ich ihm das Heimweh nach dem Osten nachempfinden , das wie ein Moll-Leitmotiv der Sehnsucht durch seine Werke zittert - unverständlich für die , deren beste Jahre nicht jenseits Suez gelebt wurden . Ich muss heute soviel an manche englische Beamte denken , die ich vor Jahren in Indien gekannt und dann pensioniert und gealtert in irgend einem Städtchen Englands wiedergesehen habe . Dort in Indien hatten sie viel räsonniert , über Klima , Natives und Silberkurs , aber trotz aller Klagen fühlten sie sich doch immer als Götter , wenn auch nur als Achtel- , Viertel-oder Halbgötter ; und es waren doch , ohne dass sie es recht wussten , ihre glücklichsten Jahre gewesen , die sie dort verlebt - man ist ja meist glücklich , ohne es zu wissen , und merkt , dass man es war , daran , dass man aufhört es zu sein . In Bath oder Torquay , unter grauem Himmel , in engen Zimmern , mit einer ungeschickten , schlecht kochenden Mary Ann , der sie nie einen hindustanischen Fluch nachschmettern durften , umgeben von lauter Leuten , die nichts wussten von der Gottgleichheit , die jedem weissen Sahib in den Städten auf » abad « oder » epore « zu eigen ist , da verstanden die Armen es erst ganz , wie schön es einst gewesen ; und das grosse Heimweh nach dem Osten schlich sich in ihre Herzen und nistete sich fest ein . Ich komme mir hier so oft vor wie einer jener pensionierten englischen Beamten ! Oder wie eine arme , kleine , vertriebene Königin , der niemand anmerkt , dass sie einst ein güldenes Krönchen trug ! Wenn ich mich in dem Strassengewühl durchdränge , wo keiner mich kennt , und mir sage , dass , wenn ich tot umfiele , ich in eine kalte , graue Morgue gebracht würde , und niemand wüsste , wer ich bin , da sehne ich mich oft nach der Stadt , wo jeder mich kannte , wo alle am Bahnhof standen , als ich abreiste , und mir nachwinkten . Das Bewustsein der eigenen Kleinheit und Belanglosigkeit lastet auf uns modernen Menschen allen wie ein schweres Gewicht . Wir leiden unter der eigenen Winzigkeit , unter den engen Grenzen unseres Wissens und Lebens , seitdem uns die Endlosigkeit von Raum und Zeit gelehrt ward . Leute früherer Epochen kannten diesen Gegensatz zwischen menschlicher Kleinheit und Weltenunendlichkeit nicht ; sie müssen zufriedener gewesen sein , weil sie sich selbst im richtigen Massstab zu allem übrigen vorkamen . Diese Menschen , die in alten Häusern mit hohen Giebeln wohnten , und auch noch heute die Leute , die in ganz kleinen Zentren leben , wo jeder jeden kennt und der Glaube an die eigene Wichtigkeit nie getrübt wird , scheinen mir beneidenswerte Wesen ; denn es gibt ja nichts Befriedigenderes , als an sich glauben zu können . In solchen kleinen Gemeinden floriert dann auch diese höchste Blüte der eigenen Wichtigkeitsüberzeugung - der Glaube an ein persönliches Fortbestehen . Es scheint doch ganz unmöglich , dass Herr A , mit dem man alle Samstag seit dreissig Jahren gekegelt hat , Frau B , mit der man schon auf der Schule in Rivalität lebte , plötzlich ganz ausgewischt , wie nie gewesen , sein sollen . Das kann solch bedeutenden Persönlichkeiten nimmer widerfahren ! Sie sind zeitweise unsichtbar , auf der grossen Reise begriffen , die alle mal antreten - aber nachher wird man sich wieder finden , ganz selbstverständlich . - Wer aber von den Wellen an zahllose fremde Küsten verschlagen worden ist und gesehen hat , dass überall und seit unendlichen Zeiten Millionen und Millionen geboren und begraben werden , ohne dass ihr Kommen und Gehen mehr Bedeutung hätte als Mückenschwärme , die einen Augenblick durch die Sonnenstrahlen schweben , der verliert den Glauben an die Wichtigkeit der Erscheinungen und an die innere Notwendigkeit der ewigen Fortdauer all dieser ganz gleichgültigen ameisenartigen Existenzen , die in individuell kaum unterscheidbaren Wiederholungen immer aufs neue entstehen und vergehen . Wenn einem dann die Erkenntnis aufgeht , dass man selbst auch nur in die Schar der menschlichen Eintagsfliegen gehört , dann sehnt man sich nach denen , die durch Freundschaft und liebevolle Pflege uns zeitweise die Illusion gegeben , als sei man eigentlich doch eine recht wichtige kleine Fliege , deren Wohl und Wehe für ein anderes Wesen die allergrösste Bedeutung hat . Und weil ich das alles heute so sehr empfinde , hier in der Fremde , wo es jedem offenbar ganz gleichgültig ist , wie arme , kleine , vertriebene Königinnen das neue Jahr beginnen - drum habe ich Heimweh nach ... sagen wir nach Peking ! 18 New York , Januar 1900 . Ein kalter , grauer Tag . Zum Malen viel zu dunkel . Ein allgemeines Gefühl des Unbehagens . Das Buch , das man am Kamin sitzend liest , langweilt . Der Blick hinaus durch die Fenster langweilt ganz ebenso . Beinah möchte man die Menschen beneiden , die selbstgefällig sagen , » ich habe mich noch nie gelangweilt « , und die damit nur den Beweis liefern , wie grenzenlos langweilig sie selbst sein müssen , wenn sie wirklich nicht imstande sind , die Langeweile des Meisten zu erkennen , womit das Leben angefüllt ist . Ich wünschte - ja , was wünsche ich eigentlich ? Ich wünschte , ich wäre mit Ihnen auf einer weiten , merkwürdigen , gefahrvollen Entdeckungsreise in irgend ein seltsames Land - womöglich einen unerforschten Stern . Bitte , werden Sie nun aber nicht gleich eitel ! Dass Sie nicht eitel sind , ist ja gerade eine Ihrer nettesten Eigenschaften , und jede echte Frau muss einen eitlen Mann unausstehlich finden , denn er nimmt ihr damit etwas weg , worauf sie ihr spezielles , anerkanntes Frauenrecht hat . Ich suche Sie ja auch nur deshalb zum Begleiter auf den unerforschten Stern aus , weil Livingstone , der dort sicher sofort Bescheid gewusst hätte , nun doch schon tot ist . Aber wahrhaftig und im Ernst - ich habe manchmal eine so brennende Sehnsucht , etwas zu werden , zu sein , zu leisten ! Ich komme mir zuweilen vor , als bestände ich aus lauter ungenutzten Fähigkeiten und als gingen alle Gelegenheiten , sich zu betätigen , die die meinen sein sollten , an mir vorbei und zu anderen hin , die nicht wissen , was sie damit beginnen sollen . Wir Menschen bestehen eben aus solchen , von denen nie annähernd das verlangt wird , was sie zu leisten imstande wären , und aus anderen , an die Anforderungen gestellt werden , denen sie in keiner Weise gerecht werden können . - Letztere sind natürlich die glücklicheren , denn ein Teil ihrer Unfähigkeit besteht gerade darin , gar nicht zu merken , wie sehr sie es sind . Das Ergebnis dieser Welteinrichtung ist , dass niemand da steht , wo er stehen sollte . Wenn jemand plötzlich einen verantwortungsvollen Posten bekommt , gratuliert man ihm und sagt : » endlich , the right man in the right place « und denkt dabei : » what a mess he will make of it ! « Und gewöhnlich hat man mit letzterer Vermutung recht . Und ein grosser » mess « der Weltenregierung ist es offenbar , dass ich hier sitze , abwechselnd in den Kamin oder auf die Strasse starre , und dass alles andere , was ich etwa sonst noch tun könnte , ganz ebenso zwecklos wäre . Frauen sitzen eigentlich immer da und warten , ob die Türe aufgeht und jemand kommt . 19 New York , Januar 1900 . Ich ward gestern unterbrochen , lieber Freund ! Weiss nicht , wie lange ich Ihnen sonst noch grau in graue Weltenbetrachtungen geschrieben hätte ! Seien Sie also dankbar , dass gestern die Tür wirklich aufging und Madame Baltykoff bei mir eintrat , ein Pelzmützchen auf dem Kopf , das ihr so natürlich gut stand , wie jeder Katze ihr Fell . » Nein , wie beneidenswert unbeschäftigt Sie aussehen ! « sagte Madame Baltykoff . » Und ich bin so abgehetzt durch alles , was ich mitmachen und wobei ich gesehen werden soll . In keinem Lande der Welt habe ich noch so viel von sozialen Pflichten reden hören ! Ich glaube , sie ersetzen alle anderen ! Heute war ich schon mit einer New Yorkerin , die mich ins Schlepptau genommen , auf einem Dejeuner , einem Wohltätigkeitsbazar und drei Jours . Und jedesmal , wenn ich die gewisse Ankunftslangweile überwunden hatte und gerade anfing mich etwas zu amüsieren , machte mir mein sozialer Pilot verzweifelte Aufbruchszeichen , weil wir noch in so und soviel Häusern gesehen werden müssten . Ich kam mir schliesslich wie eine Verbrecherin vor , die sich Alibis schafft ! Nun habe ich noch einen Besuch vor , bei einer ehemaligen Landsmännin , und da müssen Sie mich durchaus begleiten . Es ist Ihnen auch gar nicht gut , so vor sich hin zu brüten , wie ein weiblicher Oblomoff . « Und da all mein Tätigkeitsdrang von jeher damit geendet hat , mich von äusseren Mächten treiben zu lassen , ging ich mit Madame Baltykoff hinaus in die kalte graue Winterwelt und lernte Miss Tatiana de Gribojedoff kennen . Wenn Sie den Namen auch dreimal lesen , lieber Freund , sie heisst wirklich so , und das Miss hat auch seine Berechtigung . Tatianas Vater war natürlich Russe , ihre Mutter dagegen war die Tochter eines aus Illinois stammenden amerikanischen Konsuls Carmichael in Archangel , und in jener kalten Weltecke hat auch die Wiege der kleinen Tatiana gestanden . Madame de Gribojedoff , née Carmichael , scheint sich dort aber nie so recht behaglich gefühlt zu haben , woraus ihr meinerseits kein Vorwurf gemacht werden soll . Ihr Bestreben ging dahin , Tatiana in der Kritik und Missachtung alles Russischen zu erziehen und ihr eine unbedingte Bewunderung für alles Angelsächsische beizubringen . Als der Vater Tatianas starb , ein bedeutendes Vermögen hinterlassend , wanderten beide Damen nach Amerika zurück ; seit dem Tode ihrer Mutter lebt Tatiana als unabhängige alte Jungfer in New York . Ihr Häuschen ist vollgepfropft mit all denjenigen Dingen , die gewitzigte Leute auf Reisen sorgfältig zu kaufen vermeiden . So hat sie sich von den Niagarafällen indianische Mokassins mitgebracht , die an einer Wand hängen , dicht neben einem spanischen Fächer , auf dem ein Stiergefecht abgebildet ist . In Mexiko hat sie allerhand aus dortigem Marmor verfertigte Früchte gekauft , rosa Pfirsiche , grüne Mangoes , braune Feigen liegen auf einer Konsole , zusammen mit den Ergebnissen eines Ausflugs nach Havanna , grossen schillernden Muscheln und Mustern verschiedener Korallensorten . Der dahinter aufgehängte Spiegel gestattet auch , die Rückseiten zu bewundern . Von Sorrent hat Miss Tatiana kleine aus Olivenholz verfertigte Bücherbretter mitgebracht und auf diesen steht , neben römischen Mosaikschälchen und einer Miniaturnachbildung des Vestatempels , eine ganze Batterie von Gläsern aus verschiedenen Badeorten , deren Brunnen Miss Tatiana getrunken hat . Allerhand Inschriften sind auf diese Gläser geschliffen : » Zur freundlichen Erinnerung an Schlangenbad « , » Wohl bekomm ' s « , auch eine Abbildung der Trinkhalle in Baden-Baden . Vielleicht ist es eine Folge all dieser gesundheitsfördernden Flüssigkeit , dass Miss Tatiana so lang , spitz und mager ist . Sie sass an einer Seite des Kamins , und auf der andern sass ein kleiner , dicker , älterer Herr , den Madame Baltykoff als Iwan Iwanowitsch begrüsste und der mir als Herr Baschmakoff vorgestellt wurde . Die Wirtin und ihr Gast schienen eben eine politische Debatte gehabt zu haben ; sie sah erregt aus , und nachdem wir uns gesetzt hatten , fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort : » Wahrlich , Mr. Baschmakoff , jeden Tag , wenn ich von der Unterdrückung der armen Finnen lese , bin ich dankbar , dass ich auswanderte und eine freie amerikanische Bürgerin geworden bin . « » Aber liebe Tatiana Feodorowna « , antwortete der kleine , dicke Herr , » es wäre Ihnen doch nichts in Russland geschehen - Sie sind ja gar keine Finnländerin . « » Das ist eine feige Ausrede . In solchen Fällen muss man sich eins fühlen mit den Unterdrückten . Da ich all dem Unrecht , das in Russland geschieht , nicht abhelfen konnte , habe ich wenigstens durch meine Auswanderung dagegen protestiert . « » Immer die gleiche , immer dasselbe Feuer bei unserer lieben Tatiana Feodorowna , « seufzte der alte Herr . » Und bei Ihnen immer der gleiche Eigensinn , in jedem Satz wenigstens einmal diese komische russische Anrede anzubringen - Tatiana Feodorowna ! « Herr Baschmakoff legte die Hand auf seinen vorspringenden Magen , in der Gegend , wo hinter all dem Fett das Herz sitzen muss , und erwiderte : » Es ist mir eben mein Leben lang der liebste Name der Welt gewesen . « Das alte Fräulein schien hierdurch etwas besänftigt , wandte sich zu mir und sagte : » Sie werden mir zugeben , dass es bei meinen Ansichten und als freie Amerikanerin hart ist , den Namen Tatiana de Gribojedoff zu tragen . « » Vergessen Sie nicht , liebe Tatiana Feodorowna , wie oft ich Ihnen angeboten habe , diesen Namen zu vertauschen , « sagte der kleine dicke Herr und drückte wieder die Hand auf den vorspringenden Magen . Da lachte die alte Dame laut . » Nein , wissen Sie , Gribojedoff oder Baschmakoff - das bleibt sich nun schon gleich . Ja , wenn Sie Washington , Lincoln oder meinethalben auch nur Brown oder Smith hiessen , hätte ich ' s mir überlegen können - aber so ! « Und beide , der alte Herr und das alte Fräulein , lachten über diese Neckerei , die immer wieder aufgefrischt wird , wenn Herr Baschmakoff alljährlich aus Archangel nach New York kommt , um seine Jugendliebe im Lande ihrer Wahl zu besuchen . » Die Philippinen machen mir viel Sorge « , erzählte uns die russische Amerikanerin , indem sie auf eine neben ihr liegende Zeitung wies , » es ist offenbar notwendig , dass neue Truppen hingeschickt werden . Ich hoffe nur , dass das State Departement zu äusserster Energie in der Bekämpfung der Rebellen entschlossen ist . Sicherlich müssen fremde Intrigen und Aufwiegelungen derjenigen dahinter stecken , denen es ein Greuel ist , dass wir in dem geknechteten Orient Fuss fassen , sonst hätte jenes arme , umnachtete Volk doch längst eingesehen , dass wir ihm das Licht der Freiheit bringen . « » Vielleicht werden Ihre westlichen Methoden im fernen Osten nicht so recht gewürdigt und verstanden , liebe Tatiana Feodorowna , vielleicht passen sie auch nicht so recht dorthin « , warf Herr Baschmakoff schüchtern ein . » Die Wahrheit und das Recht passen überall , aber Ihr Russen denkt immer , dass Ihr allein den Osten versteht . Ich gebe Euch ja gern zu , dass Ihr jenen Völkern näher steht als wir , aber warum sollen sie erst noch auf dem weiten Umweg über Knute , Sibirien und Orthodoxie zu endlicher Freiheit und wahrem Glauben geführt werden ? « » Was ist denn der wahre Glaube ? « fragte Madame Baltykoff . » Der wahre Glaube ? « Miss Tatiana stockte einen Augenblick und antwortete dann rasch entschlossen : » Der wahre Glaube ist , was man in den Vereinigten Staaten glaubt . « » So so « , sagte Madame Baltykoff und fuhr dann nachdenklich fort , als sinne sie über ein schweres Rechenexempel nach , » Methodisten und Baptisten , Kongregationalisten und Christian Scientists , vereinigte Brüder und Jünger Christi , Heilige der letzten Tage , Quäker und Shaker - und gar die Mormonen - die haben also alle den wahren Glauben ? « Miss Tatiana unterhielt uns noch längere Zeit mit der erregten Diskussion verschiedener politischer Fragen . Der geduldige Baschmakoff bekam noch viel Schlimmes über Russland von ihr zu hören und sie gab ihm zu verstehen , dass , wer nicht angelsächsischer Abstammung ist , nur schlaue Berechnung und Eigennutz zu Motiven seiner Handlungen haben könne . Wenn Madame Baltykoff mir zuweilen als wandelndes Fragezeichen erscheint , so habe ich in Miss Tatiana eine lebende Assertion kennen gelernt . Sie erinnert mich an eine pommersche Gutsbesitzerin , die ich vor Jahren gegen direkte Steuern eifern hörte ; in meiner damaligen Jugend und Unwissenheit fragte ich sie , was das sei , und erhielt die Antwort : direkte Steuern sind die , die man selbst bezahlt , indirekte Steuern solche , die andere Leute bezahlen , drum sind die ersteren schlecht und die anderen gut . Miss Tatiana besitzt auch