widerwärtigen Luzerner gehört ? Wo waren Sie , als ich den Streit hatte ? « Bernstein zieht die Brauen in die Höhe und blickt mit runden Augen durch die Brille . » Weiß nicht . Komme eben vom Präpariersaal . Nichts gehört . « Bernstein liest wieder . » So hören Sie jetzt . Oder - Sie haben wohl keine Lust ? « » Ach - nein . Ich lese . « Josefine lacht und wendet sich wieder zu den Kindern . Aber ihre Gedanken sind bei dem Zusammenstoß mit der Roheit , den sie heut wieder erlitten , und instinktiv nur drückt sie die Kleinen an sich . Wie einsam ich bin , fährt es ihr schmerzhaft durch die Seele . Da klingelt Hermann mit der Kuhglocke zum Mittagessen . Das ist sein Amt und sein Vergnügen . Er klingelt , bis ihn Zwicky am Ohr nimmt und ihm die Schelle entreißt . Zwicky spielt oft mit den Kindern , er packt sie derb an , aber sie haben ihn gern . Käthe bringt das Mittagessen . Es ist genießbar , mehr nicht . Die Kartoffeln sind sogar angebrannt . » Aber , Käthe ! « ruft Josefine . Bernstein blickt von seinem Buche auf , er macht ein finsteres Gesicht . » Beschämen Sie das Mädchen nicht , wir essen die Kartoffeln doch . « » Wir sind nicht so verwöhnt , « fällt Zwicky ein . Nur der dritte Student sagt nichts . Ihn scheinen die angebrannten Kartoffeln zu verdrießen . Sein Schweigen beunruhigt Josefine . Diesem Neuen gegenüber fühlt sie sich als » verantwortlicher Minister , « wie sie das nennt . » Es tut mir sehr leid , Herr Dubois - Käthe hat vielleicht etwas anderes . « Dubois murmelt und errötet . Der wird nicht lange hier bleiben . Diese Art fühlt sich in der kleinen Republik » Zum grauen Ackerstein « nicht behaglich . Bernstein und Zwicky sind wie zu Hause , der dritte ist immer ein Wandergast , sonderbar ! - Lateinstunde bei Zwicky , dann wieder ins Kolleg bis sieben Uhr . In die Stadt , eilig , sonst sind die Läden geschlossen und das Wachspüppchen für Rösli nicht mehr zu haben . In den Anlagen um die Universität rauscht der Sturm , er jagt Josefine den steilen Weg des Schienhut hinab zum Hirschengraben , wo die kahlen Bäume mit ihrem breiten Geäst die Laternen fast verdecken . Wachspuppe - morgen Repetitorium in der vergleichenden Anatomie - und der will Arzt werden ? darf Arzt werden ? Sind wir wirklich nur geduldet , wie die Kollegin sagt ? Ach , das zahme , zahnlose , wehrlose Frauenvolk ! Die Entstehung des Glykogens ist mir nicht klar , da frag ich Bernstein - noch kein Brief vom Vater - ach , mein kleiner Uli , so lang hab ich dich nicht gesehen ! - Und der will Arzt werden ! Und den wollen sie auf die Menschheit loslassen ? - Georges - Ein Schauder schüttelt Josefine , jemand faßt sie am Genick und dreht ihr den Kopf nach rechts hin . » Dort ! « Von Mauern umgeben , von Anlagen umschlossen , liegt dort das Haus des Schreckens wie ein Herrensitz oder ein Schloß . Was tut er jetzt ! Sie haben ihn mit Schreinerarbeit beschäftigt , aber er hat kein Geschick für mechanische Arbeiten . Fortwährend verletzt er sich an seinem eigenen Werkzeug . Dann geht er müßig und brütet vor sich hin . Ach , qualvoll ! qualvoll ! Nur den Weg nicht gehen , der sich an der Zuchthausmauer entlang windet ! Sie standen nicht immer , diese Mauern . Es kam ein Tag , da wollte man dies schreckliche Haus stürmen und die Gefangenen befreien . Den schmalen gewundenen Weg kamen sie herauf , wollten die Türen erbrechen . Damals ist hier scharf geschossen worden , und nachher hat man die festen Mauern angelegt . Josefines Herz bebt mit den Sturmstößen um die Wette . Wenn solch ein Tag wiederkäme wie der von 1871 , von dem ihr der Vater als Augenzeuge erzählt hat , und sie dabei , und sie in der vordersten Reihe ! Sie wird doch in der vordersten Reihe sein , wenn es zu befreien gilt ! Komm heraus , du Armer , Verachteter , unseliger Mann du ! Fühle die Luft , den Alpenwind von den Bergen herunter . Sieh , die Sonne scheint noch ! Die Erde steht noch fest . Der See rollt seine blitzenden Wellen . Wer hat dir das Schandkleid angezogen ? Wer hat dir die rote Nummer auf die häßliche Jacke genäht ? Ihre Seele strömte in ihre Augen , sie flossen über . Wie Georges vor ihr gestanden ist , wenn sie ihn besuchte ! Wie ihm die graugelbe Jacke am mageren Leibe hängt ! Wie gelb sein Gesicht geworden ist , wie fahl sein Haar , wie matt seine Augen , wie schlürfend sein Schritt . Ein gebrochener Mann ! Wie er wimmert und klagt und seine blutlosen Hände zeigt und auf seine Brust schlägt und ächzt . » Morphium , Josefine , bring mir Morphium ! Aber genug ! Ich will nicht an der Schwindsucht sterben , das geht mir zu langsam . Du kannst es leicht verschaffen , mußt es tun ! Ich hinterlasse einen Brief , in dem ich sage , daß ich das Gift noch selbst in Besitz hatte . Auf dich fällt kein Verdacht ! Laß mich sterben . « Entsetzliche Stunden , diese Besuche im Zuchthause . Krankmachende , wirrmachende Minuten . Nun haben sie ihn nach Neuenburg übergeführt , seit einem halben Jahre ist er fort von hier . » Aus Schonung ! « sagte der Direktor . » Ihre Besuche lassen stets eine hochgradige Aufregung zurück bei dem Gefangenen ; in der Zwischenzeit findet er sich in sein Schicksal so gut wie die anderen hier . « Der Direktor hat Josefine immer mit Achtung und Mitgefühl behandelt ; endlich hat er den Ausweg einer Wegführung des Gefangenen in eine Anstalt seines Heimatkantons erdacht . » Es geschieht auch in Ihrem Interesse , « hat der Direktor gesagt . Der Vater hat Josefine darauf einen beglückwünschenden Brief geschrieben . Er hat seine Meinung noch immer nicht geändert , der alte Plattner . Das macht den Verkehr zwischen Vater und Tochter schwierig . An der Zuchthausmauer raschelt der dürre Efeu . Ob in Neuenburg oder hier , immer doch ist der Unglückliche dort , wo in der Mauer die Gittertür schließt , die sich nur öffnet , wenn der Wächter es erlaubt . - - Vorwärts ! in den Laden . Das Wachspüppchen für das geliebte Kind gekauft . Laure Anaise hätte den Gang machen können , aber Josefine wollte selbst . Ach , meine Kleinen , zu wenig , zu wenig bin ich für euch ! Und doch - alles , was ich treibe , mein ganzes Studium , mein ganzes Tagewerk , ist es nicht für euch ? Wozu sonst lebte ich ? Was wäre mir dies schwere Dasein ? Ihr versteht das heut noch nicht . Ihr schmollt mit mir , wenn ich immer von euch weggehe . Einmal werdet ihr es verstehen . Einmal werdet ihr wissen , daß mich die Liebe zu euch von euch forttrieb ... Und morgen also Repetitorium , und am Samstag zum erstenmal Diagnose machen ! Himmel , wenn ich mich nur nicht blamiere ! Sie blamierte sich nicht . Sie machte all ihre Examina in der denkbar kürzesten Frist , trotz all der Erschwerungen . In den Pensionären fand Josefine Kameraden , die sie bereitwillig und mit großer Stetigkeit vorwärts schoben . Auch das dritte Zimmer gewann einen ständigen Bewohner in Helene Begas , einer scharfäugigen , tüchtigen Mathematikerin , die Josefine bald freundschaftlich näher trat und ihre Hilfe auch auf das Stiefkind des » Grauen Ackersteins , « die geregelte Hauswirtschaft , ausdehnte . Ihr war es zu danken , daß in das Hausmädchen Käthe ein feuriger Ehrgeiz einzog , keine Kartoffeln mehr anbrennen zu lassen . Man nannte Käthe die » Ernährerin « und behandelte sie mit Achtung , und Käthe sah , daß hier im Hause niemand lebte , nur um sich einen guten Tag zu machen . Verwundert sah sie , wie emsig geackert ward im Haus » Zum grauen Ackerstein . « Es gab nur ein Gespräch , nur ein Interesse , nur ein Streben - die Arbeit ! die Arbeit ! und noch einmal die Arbeit ! Wenn Josefine später dieser Jahre gedachte , dann sah sie vor sich einen flachen Garten unter einem grauen Himmel . Mit schnurgerader Regelmäßigkeit war der Garten angelegt , in unübersehbar viele kleine Quadrate geteilt , und jedes Quadrat trug seine Namentafel . Und in diesem Garten wandert sie und ist wieder Kind . Eine zweite Schulzeit ist gekommen . Wie Hermann und Rösli denkt man nur von einem Tag auf den anderen . Wie Hermann und Rösli freut man sich , wenn man gut bestanden hat , und ist niedergeschlagen , wenn man schlecht bestanden hat . Man freut sich auf den Samstagnachmittag , weil dann kein Kolleg ist ; man erwacht und will aus dem Bette springen , mit Herzklopfen , mit Angst , weil man zehn Minuten zu spät aufgewacht ist , und auf einmal dehnt man sich lachend : » Ach , es ist Sonntag ! Sonntag . « Und wie gut sind die Ferien , obwohl man dann erst recht studiert , alles wieder durcharbeitet und endlich auch einmal zum Lesen kommt . Natürlich wissenschaftliche Bücher , aber zusammenfassende , philosophische , vor denen man klein wird und ganz sich vergißt und seine eigene ephemere Existenz . Das sind schöne Jugendaugenblicke , die vor den Büchern und die vor dem Mikroskop , wo man sich in das Geheimnis des Lebens vertieft . Der Kern der stillen Zelle wird unruhig , er dehnt sich zur Spindel , die Elemente , einen Augenblick zum Knäuel verschlungen , ordnen sich an beiden Polen . Sie schließen sich zu Sternen zusammen , sie lösen sich von einander , aus dem Mutterstern sind zwei Tochtersterne geworden , die ein selbständiges Dasein führen ; der Teilung des Zellkerns folgt die Teilung der Zelle , ein neues Individuum ist entstanden , da unter dem zarten Deckgläschen auf dem Objektträger , und ich hab es werden sehen ! Eine merkwürdige Kräftigung ging von diesen Naturstudien aus . Josefine vergaß nicht nur sich und ihr Leid , sie fühlte eine intellektuelle Freude , einen Genuß am Erkennen , der sie widerstandsfähig machte gegen die Stöße des Geschicks . Es war ihr , als gewänne sie festen Grund unter den Füßen . Sie schwebte nicht mehr im Bodenlosen , sie erkannte wenigstens die Grenzlinien des unbekannten Landes , das hinter aller menschlichen Erkenntnis liegt . Es war vielleicht nicht möglich , etwas zu wissen , aber man konnte vieles sehen , woran man nie zuvor gedacht . Die Schaulust war auch eine Lust und keine geringe . Josefine vergaß zuweilen , daß die Kinder noch jünger waren als sie , und zeigte ihnen , was sie selbst überrascht hatte . Die Kleinen sahen den lebendigen Plasmastrom durch die Stengel der Armleuchterpflanze rinnen und beguckten durch das Fernrohr die Ringe des Saturn . Josefine wollte ihnen große Eindrücke geben , die größten , die sie selber gehabt . Dann saßen die Kleinen nachher mit Laure Anaise zusammen und woben Märchen daraus . Rösli war voll Phantasie , sie dichtete am eifrigsten . Sie sah die Bäume bluten , wenn man ihnen einen Zweig abschnitt , und die Traube am Hausspalier sprach zu ihr mit deutlicher , flüsternder Stimme : » Nimm mich , Rösli , ich bin reif . « Wenn sie sich in den Straßen verirrte , dann war allemal » ein guter Zwerg « gekommen und hatte sie nach Hause geführt . » Ein Zwerg , ganz gewiß ! Glaubst du es nicht , Mama ? Er war ganz klein mit einem großen Bart , so wie die Zwerge immer sind , Mama . « Fräulein Begas warnte zuweilen : » Das ist nicht gut , Frau Josy , das Rösli phantasiert so viel zusammen , Sie als Mutter sollten das nicht dulden . « Dann lächelte Josefine . » Lassen Sie doch . Das Kind ist glücklich . Ich freue mich über seine schöne Mitgabe für das schwere Leben . « » Ich freue mich nicht ! Das Rösli wird konfus und unzuverlässig . Es lügt ganz ruhig , gerade ins Gesicht . « » Ach , Fräulein Helene , Sie sind Mathematikerin ! Lassen Sie dem Rösli sein harmloses Spiel . Das Leben ist so grau - - « Zum Schlusse fiel Fräulein Begas über Laure Anaise her : » Auch Laure Anaise ist nicht klar . Sie macht Ausflüchte , wenn sie was pecciert hat . Und den ganzen Tag sind die Kinder mit der zusammen . « Dann ward Josefine gereizt . » Sie verstehen das nicht , liebe Helene , Sie können Laure Anaise nicht begreifen . Das Mädchen ist wie ein Stückchen Natur , und mir sagt sie immer die Wahrheit . Ich habe Laure Anaise sehr lieb , und die Kinder hängen an ihr . Was wollen Sie weiter ? « Einmal nach solchem Gespräch kam Laure Anaise ins Zimmer . Sie brachte ein Körbchen voll zarter Herbstzeitlosen in dunkelgrünem Moos und strahlte vor Freude . » Ach , die sind ja giftig ! « rief Fräulein Begas unzufrieden . In Josefines müdem Herzen aber erwachte ein Sturm von Zärtlichkeit . Sie nahm das zierliche Mädchen in die Arme , preßte sie an sich und küßte ihre glänzenden Kirschenaugen , in die das krause Haar hineinhing . » Ich bin froh , daß du da bist , Laure Anaise . « Hinter der Portiere stürzte Hermann hervor : » Mich auch , Mama ! Mich auch küssen , Mama ! « Rösli aber hatte sich zwischen den Vorhangfalten verkrochen und beobachtete stumm und gespannt ihre Mutter und Laure Anaise , die Hermann vergeblich wegzudrängen suchte . Röslis dunkle Augen glühten , ihr kleines leidenschaftliches Gesicht zuckte in verhaltenem Weinen . Und dann , als Josefine hinausgegangen war , ohne sie zu beachten , ohne sie zu sich zu rufen , stampfte sie mit den Füßen und brach in unstillbare Tränen aus . Über den Flur schrie und wimmerte es : » Papa ! Papa ! Papa ! « Fräulein Begas suchte die Kleine zu beruhigen , es gelang ihr nicht . » Was ist euch ? Was fällt euch ein ? Wollt ihr schweigen ! « rief Josefine zornig hereinstürmend . Die Kinder blickten trotzig zur Seite . Sie saßen auf einem Bänkchen , hielten sich umfaßt und schrien um die Wette . » Wir wollen zum Papa , « sagte Hermann ; sein Gesicht hatte einen so bekannten Ausdruck , daß Josefine zusammenschrak . » Wir wollen nach Afrika , wo Papa ist ! « Da kam es wie ein Entsetzen über Josefine . Sie fühlte eine Kälte herwehen von dem Plätzchen , wo die Kinder saßen . Sie entgleiten mir , dachte sie , ich kann sie nicht halten . Ich gebe mein Leben für sie , und sie entgleiten mir . Sie wollte niederknien , die Kinder umfassen , mit ihnen weinen , ihre Tränen trocknen , aber sie blieb stehen , starr aufrecht , tränenlos , mit geballten Händen . Sie sah auf einmal fremde Kinder vor sich , die ein ihr unbekanntes Weh weinen machte ; - sie sah sich selbst einem unbekannten Ziel nachrennen auf unbekannten Wegen . Die Wege führten sie weit , weit fort von jenen fremden weinenden Kindern . In diesem selben Augenblick - was ist das ? Woran denke ich ? Denke ich an die interessante Anamnese von heute morgen oder denke ich an die Kinder ? Ein Schleier zerriß , sie fühlte die Leere um sich wie eine scharfe , bis ins Mark fressende Kälte . Ist alles Betrug ? Wozu leb ich ? Leb ich nicht für sie ? Bin ich ganz allein ? Ist jeder so allein wie ich ? Sie konnte die Kinder nicht ansehen . Sie fühlte : Es sind seine Kinder . Meine nicht . Ich liebe sie nicht genug . Zwickys laute , lärmende Stimme tönte über den Flur . Hermann erhob den Kopf und schüttelte seine Schwester : » Onkel Zwicky soll uns reiten lassen , komm . « Mit furchtsamen Blicken nach der Mutter , die in müder Haltung in einem Stuhl hing , schlichen die Geschwister hinaus . Rösli schluchzte noch eine Weile , bis sie sich beruhigte . Mit Laure Anaise aber wollte sie den ganzen Tag nichts zu tun haben . Abends noch beim Auskleiden stieß sie mit den Füßen nach ihr . » Unsinn ! « sagte sich Josefine , als sie die kleine Gesellschaft lachen und jauchzen hörte , » die Kinder entbehren nichts . Meine Sentimentalität meldet sich wieder . Die schlauen Schelme haben bemerkt , daß ich unruhig werde , wenn sie nach dem Papa schreien , und nun probieren sie ' s immer von neuem . Ich gebe den Kindern jeden freien Augenblick . Dies Kopfzerbrechen über unabänderliche Dinge ist ein schädlicher Zeitvertreib . Und ich habe nicht einmal Zeit . Ich habe Besseres zu tun . Ich arbeite , um den Kindern eine Existenz zu schaffen . Wenn ich die Kinder nicht gehabt hätte , hätte ich das Leben nicht auf mich genommen . Jetzt ist es mir recht , daß ich es getan habe . Es ist der Mühe wert , gelebt zu werden , solch ein Arbeitsleben . Man wird stark davon . Die Kinder werden einmal einsehen , wie schwer das war . Wenn ich die Kinder nicht hätte , wie unendlich viel einfacher läge alles . Dann könnte ich mich ganz dem Studium widmen - - dann - Mein Leben für die Wissenschaft ! Ich hätte Tüchtiges geleistet , ich weiß es . « Oft empfand sie Fesseln um sich , atmete schwer unter den hunderterlei Verpflichtungen . » Ich kann mich dem Studium nicht so hingeben , wie ich möchte . Die anderen haben es gut . Helene , und der Bernstein erst ! Wie Bernstein möcht ich am liebsten sein . Hört und sieht nichts als seine Physiologie . Die Physiologie ist seine Mutter , seine Geliebte , seine Welt . Er braucht keine Kunst , keine Religion , er braucht nur Physiologie . Ohne Zucker , ohne Butter kann er leben , ohne Physiologie nicht . So möcht ich mich konzentrieren können . So unbeteiligt , kühl und rein durch dies dumme , abscheuliche , widerspruchsvolle Leben gehen . Aber dieses beste Glück ist mir versagt . Nun - wenigstens werd ich Brot für meine Kinder schaffen . Das ist auch etwas ! « Bei dem Gedanken , daß auch das Brotschaffen etwas sei , ging ein Aufrecken jedesmal durch Josefines Gestalt . » Ein ganzer Mensch werd ich sein , nicht nur eine Frau . Für meine Kinder werd ich arbeiten . Für meine Kinder und auch für Georges ! Für dich , du Armer ! Ich , die Mutter von allen ! « Eine fieberhafte Freude durchzuckte sie . Sie riß die Kinder an sich , drückte und küßte sie . » Ich , ich werde euch alles geben ! Das Brot , die Kleider , das Haus ! Von meinem Blut , von meinem Hirn sollt ihr leben , Kinder . Von meinem ganz allein ! Versteht ihr das ? « » Spielst du dann mit uns ? « sagte Rösli zaghaft unter den heftigen Liebkosungen der Mutter . » Spielen ? Nein , dazu hab ich nicht Zeit . Mama muß lernen . Hier ! all die dicken Bücher . Seht ihr ? In den Ferien spielen wir zusammen . « Josefine schob die Kleine von sich und griff mit Ungestüm nach dem verlassenen Buch . Der Wirbel der Empfindungen legte sich . Sie atmete bald ruhig und gleichmäßig . Ich werde doch können , was jeder beliebige Bub kann , lächelte sie , ich werde doch lernen , beobachten , mich konzentrieren können wie jeder dieser jungen Studenten ? Und es gelang vollkommen ; mit den Aufgaben wuchsen die Kräfte . Josefine stand vor dem dritten Examen . Sie arbeitete jetzt atemlos , aber nicht ohne Genuß , denn sie war ganz allein . Der Vater hatte die älteren Kinder und Laure Anaise mit sich in die Berge genommen , und auch die Pensionäre waren verreist . Es war im August . Täglich wehte der Föhn und trieb die heißen Luftwellen bis in die Zimmer voll grüner Dämmerung , durch die geschlossenen Läden hinein . Aber die Morgen waren herrlich . Wenn die Sonne die kahlen Felsen am Ütligipfel rötlich und violett anhauchte , sprang Josefine aus dem Bette , als wären diese lichten Morgenfarben grelle Trompetenstöße . Schnell , schnell an den Waschtisch , in die große , flache Blechwanne und mit kühlem Gusse den schlummerheißen Leib erfrischt . Schnell in die einfachen Kleider , jeden Tag dieselbe dünne schwarze Bluse , denselben schwarzen Rock . Keine Schleife , kein Band , keine Blume . Nichts als einen schmalen weißen Leinenkragen um den Hals . Keine Manschetten , nur die schwarzen langen Ärmel , die bis auf die feinen Hände fielen . In der halb klösterlichen Tracht sah sie jung und schmal aus . Das kurzgeschnittene Haar , von dem eine eigensinnige Locke in die gefurchte Stirn hing , umrahmte einen ernsten , energischen Jünglingskopf . Aber sie sieht nicht in den Spiegel . Mit nackten Füßen schnell , schnell in die Küche an den Herd - die kalten Fliesen kühlen so angenehm . Die Sonne scheint heiß in das Küchenfenster , auf dem Fenstersims tönt das Zwitschern der Sperlinge und das Scharren ihrer kleinen Füße . Mit dem Frühstücksbrettchen hinaus auf den kühlen Balkon . Wie frisch ! wie duftig ! wie morgendlich ! Noch fällt kein Strahl durch das Weinlaub - das Haus » Zum grauen Ackerstein « liegt still , wie unbewohnt . Josefine trinkt ihren Tee und liest dabei . Bis elf Uhr ist der Balkon im Schatten . Alles besorgt sie sich selbst , geht nur zum Mittagessen aus und täglich zwei Stunden in den bakteriologischen Kurs . Manchmal hat sie keinen Zucker besorgt , dann trinkt sie den Tee bitter , manchmal ist die Butter aufgegessen , dann ißt sie ihr Brot trocken . Auch die Käthe ist in die Ferien gegangen , zu ihrer Mutter ins Dorf . Nichts unterbricht die Stille um die Arbeitende als je einmal die elektrische Klingel . Dann ist ' s der Milchmann , der Briefträger , die Obstfrau . Manchmal ein Wort wird gewechselt , oft geht alles stumm vor sich . Dann - die Flucht vor der Sonne , von einem Zimmer ins andere . Und doch muß man fürs Mikroskop helles Licht haben , darf die Läden nicht alle schließen . Josefine liest laut , und ihre Stimme widerhallt in den menschenleeren Zimmern , deren Türen alle offen stehen , der Kühlung halber . Heiß ist der Gang zum Mittagessen , das Essen dürftig und schlecht , denn die Pensionswirtin hat keine Pensionäre in den Ferien ; bei Tisch wird kaum gesprochen . Und nach dem Essen wieder das Buch . Es kostet Mühe , denn das Gedächtnis wird schwerfällig . Man sieht dann Zeichnungen an , um nicht müßig zu gehen ; auch beim Examen gibt es ja oft Zeichenaufgaben aus dem Gedächtnis . Heiße , müde Nachmittagsstunden ! Hirnanatomie zum Kaffee . Aber der Kaffee belebt ein wenig . Die Schuhe werden wieder ausgezogen , der heiße Kopf unter den Brunnen gehalten , die schweren Lider mit Wasser gewaschen . Man muß doch studieren , und diese Hirnanatomie ist so schwer ! Die westliche Sonne sticht wie ein blinkender Dolch zum Fenster herein . Auf dem weißen Papier der Zeichnung , des Buches , auf dem Tischtuch , der Zimmerwand erscheinen blutige Flecken . Einen Augenblick ausruhen ! Josefine faltet die Hände über dem Scheitel und lehnt sich zurück . Nicht schläfrig ist sie , aber erregt , zerstreut , mit Herzklopfen und brennenden Augen . Ach , die Sonne ! wenn sie nur einmal erst unterginge ! Das ganze Limmattal schimmert in rotviolettem Nebel , und die Strahlen zielen nach allem Glänzenden im Zimmer . Auf den Balkon hinaus mit dem Buch ! Sein Asphaltboden ist weich von der Hitze , der Stuhl bohrt Löcher hinein . Die bunten Wicken aus dem Garten duften zu stark . Es ist beklommener hier als in den Zimmern , der Föhn hat eine dumpfe Schwüle zurückgelassen . Kaum ist die Sonne hinab , so steht schon der Mond auf dem Berg , ein großer , runder Märchenmond zwischen den runden Obstbaumwipfeln . Er steht da , aber er scheint noch nicht . Heuschrecken zirpen laut . Heuduft steigt von den Matten auf . Am Ütli brennen Feuer im Walde . Josefine lehnt einen Augenblick am Balkongitter und blickt hinaus . Schön und friedlich ! Schon blinkt der Abendstern . Schnell ! schnell wieder an die Arbeit ! Was zauderst du müßig ! was träumst du ! Es gibt noch ganze Bände durchzulesen . Alles muß repetiert werden . Du stehst ja vor dem Examen . Wie hell der Mond jetzt scheint . Man könnte dabei lesen . Und es wetterleuchtet wieder , so wie gestern und die ganze Woche . Der Himmel öffnet Lichttore und zeigt seine verschlossene Herrlichkeit . Stehst du noch immer da , Josefine ? Die Lampe angezündet - vielleicht auch eine Zigarette , denn die Mücken sind zudringlich hier draußen . Sie sitzt bei der Lampe , raucht und liest . Eine Fledermaus raschelt am Weinlaub - nun ist sie auf dem Balkon und umschwebt lautlos die Studierende . Eine zweite , dritte , vierte , fünfte folgt . Wie kleine Gespenster kreisen sie um den energischen Jünglingskopf mit dem kurzgeschnittenen Haar und der einen Locke auf der gefurchten Stirn . Josefine blickt zerstreut dem schwebenden Schattenreigen zu . So still alles rundum . Und sie so allein , so fern von all den ihrigen , so abgetrennt . Ganz unpersönlich kommt sie sich selber vor , ganz ohne Zusammenhang mit anderen Menschen . So , als könnte nicht Freud , nicht Leid sie mehr berühren . Die Hand , die das Buch hält , wird schlaff . Wie im Traum sieht sie die Hand an mit dem Finger , an dem der Trauring zu groß geworden ist . War ich einmal eine Frau ? Liebte Rosen , Spitzen und Parfums ? Liebte Küsse und Bonbons und bunte Fächer ? Ich ? Es kann wohl nicht sein ! Sie lächelt flüchtig , zuckt verachtend die Schultern , wirft die Zigarette fort und vertieft sich in ihr Buch . Physiologische Chemie diesmal . Noch viel schwerer als Hirnanatomie . Aber sie rückt sich dabei bequem zusammen . Ich werde doch können , was jeder Bub da kann ? ich werde mich doch nicht von den Buben beschämen lassen ? ermuntert sie sich . Hell scheint der Mond ; nicht mehr so groß wie im Aufgang , aber in klarem Silbergrau . Die Blumen duften , lautlos schweben die Fledermäuse - Josefine studiert . Wie gut das ist , so allein zu sein ! wie wohltuend diese Einsamkeit . Alles schläft ein , was quält und stört , und nur das reine , blaue Flämmchen Intelligenz brennt still in diesem stillgewordenen Hause . Josefine schrak auf . Stürmisch und anhaltend ertönte die elektrische Glocke der Haustür , die sie schon seit einer Stunde geschlossen hatte . » Wer ist da ? « rief Josefine vom Balkon zu der vom Mondlicht hell beschienenen schwarzen Gestalt hinab , die auf der Haustreppe stand . » Depesche ! « scholl es zurück . Bei dem Schein des Mondes , der den weißen Gartenhag in ein Kirchhofsgitter verwandelte , las Josefine : Ninina schwer erkrankt . Keine Hoffnung . Dein Vater . Mit schweren Füßen stieg Josefine die Treppe wieder hinauf . Es war aber noch kaum Schmerz , was sie empfand , nur eine dumpfe Mattigkeit und Verstörung . Sie kam in das erste Zimmer und erschrak vor dem hellen Mondschein ; als sei etwas Unheimliches in ihrer Abwesenheit eingedrungen . In allen Zimmern schien der Mond , in allen Zimmern webte etwas Unheimliches , Drohendes . Auf dem Balkon schwebte immer noch der Fledermausreigen um die brennende , von keinem Luftzug gestörte Lampe . Ein Kranz von toten Nachtschmetterlingen lag auf dem Tisch um die Lampe her und auf dem aufgeschlagenen Buch . Alles sah so fremd , so verändert aus , wie erstorben . Der Gedanke , daß ihre stille Arbeit hier nun plötzlich zu Ende sei , ergriff Josefine mit schmerzlicher Heftigkeit . » Keine Ruhe , « murmelte sie , » keine Ruhe ! « Plötzlich sah sie Nininas zartes Köpfchen vor sich in der Luft . Die Augen waren geschlossen , die Lippen welk . Sie starrte auf das Bild . » Nini ! « stammelte sie zärtlich , » Nini ! « dringend , bittend . Sie sprang auf , blickte wild um sich , aber ihre Augen blieben trocken . » Keine Hoffnung ? keine Hoffnung ? « Sie lief durch all die leeren Zimmer , hob die gefalteten Hände empor und stöhnte : » Nini ! keine Hoffnung ! Nini ! « Dann wollte sie es plötzlich nicht glauben , suchte das Telegramm , fand es nicht , fand es zuletzt und las mit stieren Augen den Aufgabeort : Camischolas . Sie ging auf den Balkon , schlug die Bücher zu und löschte die Lampe . Aber weiß und geisterhaft leuchtete