schuldig , den jungen Schriftsteller fernzuhalten . Sie war wieder ganz schwankend geworden . Zur Probe nur wollte sie den Brief aufsetzen - unter dem Vorbehalt , ihn nicht abzuschicken . Sie tauchte die Feder ein . Dabei sah sie den Diamantring an ihrem Finger blitzen , der das erste Geschenk ihres Bräutigams gewesen . Wie hatte damals das hübsche Kleinod sie gefreut - durch seine geheimnis- und weihevolle Bedeutung gefreut : der Verlobungsring , das Pfand des gegebenen , für das Leben bindenden Wortes ... Leise bewegte sie die Hand hin und her , um die Steine funkeln zu machen . Und ist ein Wortbruch nicht auch eine häßliche Handlung ? Wahrlich , sie wußte nicht , wo ihre Pflicht lag ... Immerhin , der Brief konnte ja für alle Fälle geschrieben werden . Sie tauchte die wieder trocken gewordene Feder ein zweites Mal in die violette Tinte : » Mein lieber Graf Delnitzky - - « Sonderbar , wie ihre Hand zitterte - das war ja gar nicht ihre Schrift ... » Verzeihen Sie den Entschluß , zu dem mich reifliche Überlegung brachte - weder ich noch Sie könnten glücklich werden - « Sie strich die ganzen Zeilen wieder durch . Wie war das matt ausgedrückt ... Einem Menschen einen Dolch ins Herz stoßen und höflichst um Entschuldigung bitten , für diesen reiflich überlegten Entschluß ... So geht es nicht ... es geht überhaupt nicht ! Sie sprang von ihrem Sitze beim Schreibtisch auf und lief zum Bett , an dessen Rand sie sich auf die Knie warf , das Gesicht in die Decken vergrabend . Beten wollte sie und - weinen . Sie stöhnte laut auf : » Toni , Toni , lieb ' ich Dich denn nicht mehr ? Und doch , ich kann - ich kann Dir nicht Lebewohl sagen . Beides ist so schrecklich traurig : der Verlust meines Glücksgefühls , meines Liebesrausches oder - der Abschied von Dir ! « Ihre schmerzliche Erregung löste sich in Tränen . Fast eine Stunde lang blieb sie auf den Knien liegen und schluchzte - zuerst heftig , dann immer leiser . Eine große Müdigkeit überkam sie und die vom Weinen brennenden Augen fielen ihr schlaftrunken zu . Dabei durchrieselte ihre Glieder ein eigenes erschlafftes Wohlgefühl . Sie raffte sich auf und machte ihre Nachttoilette , voll Sehnsucht nach der vollen Ruhe des Bettes . Sie wollte nichts mehr denken - nur schlafen . Das Gefühl des Unglücklichseins hatte sie verlassen ... Ein warmer , linder Strom von Zärtlichkeit stieg ihr vom Herzen auf zugleich mit Tonis Bild . Warum hatte sie ihn denn wie einen Toten beweint - er lebte ja und auch ihre Liebe atmete noch ... Und das Leben überhaupt , das große , reiche , hat ja so viel Schönes zu bieten , so viel Süßes - unter anderm den Schlaf ... wie köstlich würde es jetzt sein , das Bewußtsein zu verlieren und in tiefen , tiefen Schlummer zu versinken ... Sie schlüpfte zwischen die kühlen Linnen , löschte die Kerze aus , vergrub den Kopf in die Kissen und mit einem gemurmelten » Gute Nacht , Toni « schlief sie in wenigen Minuten ein . VI » Ist ' s wahr , Rudi - Du willst kandidieren ? Wie freu ' ich mich ! « Rudolf blickte überrascht von seiner Zeitung zur Sprecherin auf : » Woher weißt Du ? und warum freust Du Dich ? « Beatrix , die mit ihrem Frühstück noch nicht fertig war und sich eben eine Buttersemmel strich , machte eine ärgerliche Kopfbewegung . » Woher ich ' s weiß ? Von fremden Leuten - denn Du hast mich nicht wert gefunden , mir etwas so wichtiges mitzuteilen . Und ich freu ' mich wegen der Ehre - in der Politik läßt sich ja zu hohen Stellungen gelangen ... Vielleicht wirst Du Minister ... « » Das wäre mir nicht unlieb , denn in solcher Stellung könnte ich Einfluß üben , nach der Richtung , die ich träume ... Aber der Weg vom Abgeordneten zum Minister ist ein gar weiter . Und daß ich Dir nichts mitgeteilt ? Mein Gott , Trixi , Du interessierst Dich doch nicht für Politik ? « » Nein , Gott sei Dank , ich interessiere mich garnicht dafür - das heißt , wenn Du einmal dabei bist , da wird ' s mich schon unterhalten . « » Unterhalten ? « » Na ja , wenn ' s heißen wird : der Abgeordnete Graf Dotzky hat eine große Rede gehalten über ... von was redet man da ? ... über Salzsteuer oder über neue Gewehre - das wird doch spaßig sein . « » Spaßig ? « » Natürlich wirst Du unter die Konservativen gehen - « » Wie , Du kennst Dich in den Parteibildungen aus ? « » Das hat Mama gesagt und Herr von Wegemann - « Rudolf lächelte : » Der allerdings - diesmal ist es aber andrerseits . « Beatrix fuhr fort : » Leute von unserem Rang - scheint ' s - gehören immer zu den Konservativen - überhaupt alle anständigen Leute . « » Ich staune - « » Du wirst mir doch einen guten Platz auf der Galerie verschaffen , wenn Du Deine erste Rede hältst - das wird mir lieber sein , als ein Theater . « » Ich bin noch nicht gewählt . « » Als Großgrundbesitzer - auch das weiß ich durch Herrn von Wegemann - bist Du ja berechtigt ... « » Ja , wenn ich einer ihrer Parteien mich anschließe , was ich nicht tun will . Ich beabsichtige - - aber das verstehst Du wieder nicht ; über meine Gesinnungen und Pläne wird Dich Minister Allerdings nicht unterrichtet haben , denn die liegen außerhalb der Sphäre seines politischen Denkens . Ich habe ihm einmal ein paar Andeutungen gemacht , da schaute er mich aber so verständnislos an , als hätte ich japanisch gesprochen . Wenn ich Dir nun erklären wollte - « » Nein , das brauchst Du nicht - mir ist auch alles japanisch , was in den hohen Häusern verhandelt wird . Lese niemals diese Rubrik in den Zeitungen ... das ist nichts für uns Frauen . Wenn man nicht lateinisch und griechisch gelernt hat - das bildet ja den Verstand und auch das können ja nur die Männer ... Und überhaupt , alles Politische , es ist so fad ... Vielleicht nicht für die Männer , aber die haben einen ganz andern Geist - - « » Du würdest in der Frauenfrage nicht auf seiten Deiner Geschlechtsgenossinnen stehen , wie ich sehe ? « » Von Emanzipation - ausgenommen das Zigarettenrauchen - will ich nichts wissen ... Würdest Du Dir eine emanzipierte Frau wünschen ? « » Was Du Dir darunter vorstellst - allerdings nicht . Überhaupt wünsche ich mir ja keine andere Frau - Du bist ein lieber Schatz ... Und ich bitte Dich - bleib Deiner Abneigung gegen Politik treu , auch für den Fall , daß ich mich hineinstürzen müßte : Versuche dann nicht , mir eine bestimmte Richtung zu suggerieren , wie vorhin mit dem Konservativsein der anständigen Leute ... Was macht unser Fritzi ? Hat ihn das Mädchen in den Garten getragen ? « » Ja , unter die Linde ... komm , gehen wir hin . « Und sie stand auf . » Geh Du - ich habe zu arbeiten . « » Aha , da sieht man schon den Staatsmann , « sagte Beatrix lachend . Sie ging hinter Rudolfs Stuhl , legte ihm den Arm um den Hals und küßte ihn auf die Stirn . » Er muß arbeiten - Österreichs Geschicke lenken und vernachlässigt Weib und Kind - adieu denn , zerbrich Dir nicht den geliebten Schädel ... Gib mir ein Busserl . « Er legte die Zeitung aus der Hand und zog seine Frau zu sich herab . » Noch zwei , Trixi - auf jedes Deiner Wangengrübchen ... Adieu - ich lasse unsern Kronprinzen grüßen . « » Für den werd ' ich ein neues Wiegenlied dichten : Schlaf , Kindchen schlaf , Dein Vater ist ein Graf . « » Das ist nicht sehr neu ... « » Warte nur : Schlaf , Du kleiner Arier , Dein Vater ist ein Parlamentarier . « Leichten Schrittes eilte sie durch die offene Fenstertür in den Garten hinaus . Dabei flatterte das weiße Spitzengewoge ihres Schlafrocks und die Strahlen der Morgensonne verfingen sich goldig in ihr flockiges Blondhaar . Mit lächelndem Wohlgefallen blickte ihr Rudolf nach : » Vögelchen liebes ! ... Kolibri - süßer ... und von einem Kolibri verlangt man doch kein Adlerhirn ... « Dann stand er auf und begab sich in den ersten Stock in sein Arbeitszimmer . Dieser Raum war im Hause unter dem Namen » der Harlekinsaal « bekannt . Wie das zweifarbig geteilte Kleid der Komödienfigur , war das Arbeitszimmer des Schloßherrn in zwei abstechende symmetrische Hälften geteilt . An jedem Ende in tiefer Nische breite Doppelfenster , durch die das Grün der Bäume sichtbar ist . Sowohl am rechten wie am linken Ende ein großer Schreibtisch , so gestellt , daß das Licht nicht gegen die Hand falle . Dort wie da Bücherschränke , dort wie da Wandschmuck . Aber die eine Hälfte in lichtem , die andere in dunklem Holz . Die eine Hälfte eine Kanzlei , die andere was in englischen Landhäusern » studio « heißt . Die Zweiteilung von Rudolfs Berufsleben spiegelte sich in dieser Anordnung . Hier : die Wirtschaftsbücher und Katastralmappen ; die Geschäftsbriefe , Steuerbogen , landwirtschaftliche Zeitungen , Prospekte von Maschinenfabriken und Samenhandlungen ; Versicherungs-Polizen , Muster von Holz- und Steingattungen ; eine ganze Bücherei von Fachwerken über Feld- und Gartenbau , über Obstzucht und Viehzucht , über Milchwirtschaft und Waldkultur . An den Wänden Hirsch- und Rehgeweihe , photographische Ansichten der zu der Domäne gehörigen Meierhöfe , Pferdebilder , und dergleichen mehr . Dort : der Arbeitstisch bedeckt mit Monats- und Wochenschriften sozialpolitischen Inhalts ; unter Briefbeschwerern die zu erledigenden Briefe von berühmten Gelehrten und Schriftstellern , mit welchen Rudolf in regelmäßiger Korrespondenz stand . Ein Paket Bücher - eben heute vom Wiener Buchhändler » zur Ansicht « übersandt , immer die hervorragendsten Neuerscheinungen der wissenschaftlichen Literatur . Diesmal : der letzte Nietzsche , Götterdämmerung , Looking backward von Bellamy ; Herbert Spencer : Grundlage der Ethik ; Carus Sterne : Alte und neue Weltanschauung ; Carneri : Entwicklung zur Glückseligkeit . Im Bücherschranke die Werke von Marx , Lassalle , Engel , Henry George , Auguste Comte , Litré Ernst Haeckel , Stuart Mill , Huxley , Buckle , Strauß , Virchow , Berthelot , Alfred Fouillée , Guyeau u.a. In einem offenen Bücherregale neben dem Schreibtisch eine Reihe von Nachschlagewerken , Lexika und Wörterbücher ; in einem andern eine Sammlung von Lieblingsdichtern ; Goethe , Byron , Viktor Hugo , Anastasius Grün , Shelley , Platen , Musset , Longfellow , und auch von den damals jüngsten : Liliencron , Henckell , Hart . Daneben Prosadichtungen , wie Tolstois Krieg und Frieden , wie Zolas Germinal . Als Wandschmuck Sternkarten und Photographien berühmter Gemälde lebender Künstler : Gabriel Max , Böcklin , Klinger , Piglheim , Wereschagin . Auch einige Porträts : Darwin , Ibsen , Richard Wagner . Rudolf hatte sein Arbeitszimmer in der Absicht aufgesucht , ein Programm für seine Kandidatur aufzusetzen . Da er sich auf keine der bestehenden Parteien einschwören wollte , so mußte er darauf verzichten , sich einfach einer der Gruppen des Großgrundbesitzes anzuschließen ; er beabsichtigte , sich in Wien wählen zu lassen , auf Grund seiner eigenen politischen Ideale . Darüber wollte er nun ein Programm entwerfen . Noch kein definitives für Druck und Verteilung bestimmtes , sondern zunächst für sich selber . Mit sich mußte er erst einig werden , in welche Form die ihm vorschwebenden Ziele einzukleiden seien . Ein tüchtiges , ernstes Stück Arbeit . Ehe er sich zum Schreibtisch setzte , trat er ans Fenster . Von hier aus sah er ein hübsches Bild : Im Schatten der alten Linde , unter der Hut eines Mädchens in russischem Bauernkostüm , die rosa Wiege seines Sohnes und eben aus einer Nebenallee herbeieilend , in ihrem flatternden weißen Kleide , Beatrix . Nun war sie zur Stelle und beugte sich über das Wägelchen . Rudolf blieb beim Fenster stehen und schaute der kleinen Familienszene zu . Am liebsten wäre er hinuntergegangen , um sie durch seine Gegenwart zu vervollständigen . Aber er war ja da , um zu arbeiten . Zögernd verließ er die Fensternische und sein Blick fiel - am anderen Ende des » Harlekinzimmers « - auf den Arbeitstisch des Landwirts , worauf ein Paket lag , das er nicht kannte - da mußte er doch nachsehen : vielleicht etwas Dringendes Er ging hin , nahm das Päckchen zur Hand - es war inzwischen von der Post gekommen - , entfernte die Hülle und fand - was er bestellt hatte - einige kleine Modelle von Dresch- und Säemaschinen . Die Dingerchen interessierten ihn lebhaft . Schon wollte er die Klingel ziehen , um den Verwalter rufen zu lassen ; doch rechtzeitig besann er sich , daß es jetzt anderes zu tun gab . Nichts Geringeres als ein Programm aufzusetzen , das den Ausgangspunkt seiner öffentlichen Laufbahn bilden sollte . Nachdenklich schritt er zum Schreibtisch des » studio « zurück . Zum erstenmal stieg ihm ein Gedanke auf , der in der Folge sich oft einstellen sollte : » Man kann nicht zween Herren dienen . « Und gar dreien : die Familie , die Landwirtschaft und ein Apostolat . Dazu noch alles , was mit seiner Lebensstellung zusammenhing : der Umgang mit den Standesgenossen und die daraus erwachsenden geselligen Pflichten , die Nachbarschaften mit ihren Besuchen , ihren Jagden ; die Jagden auf der eigenen Domäne , bei welchem Anlaß Brunnhof sich mit Gästen füllte und wobei die Tage und Abende nur mit Sport und Billard- und Kartenspiel gefüllt waren ; ein Gesellschaftskreis , dessen Interessen und Begriffe von den Interessen und Begriffen , die seine Lebensaufgabe abgaben , durch einen Abgrund getrennt waren . Doch , den Gedanken : » man kann nicht zween Herren dienen « suchte Rudolf abzuschütteln ; man hat eben einen ganzen Kreis von Pflichten und muß allen gerecht werden können ... alles zu seiner Zeit ... und das Leben will auch genossen sein ... ich werde doch den Freuden , die mir von meinem häuslichen und geselligen Leben geboten werden , nicht allen entsagen sollen ... und auch die den nächsten Kreisen schuldigen Rücksichten darf man doch nicht außer acht lassen , wenn man in der Öffentlichkeit wirken wollte . Man muß nur in den Stunden , die man einer gewissen Sache widmen wolle , auch ganz bei der Sache sein ... An die Arbeit ! Er legte ein weißes Blatt vor sich hin und nahm die Bleifeder zur Hand . Die Stirn in die linke Hand gestützt , blieb er lange in Nachdenken versunken . Mechanisch führte die rechte Hand Arabesken auf dem oberen Rand des unbeschriebenen Blattes aus . Seine Gedanken zogen weite Kreise . Den ganzen Komplex seiner Einsichten , Schlüsse , Sehnsuchten umfaßten sie . Den Untergrund bildete das Bewußtsein , im Besitz einiger großer , im politischen Leben und in sozialen Einrichtungen noch ganz neuer Wahrheiten zu sein . Die mußten deutlich herausgekehrt , die mußten formuliert werden . Damit theoretische Wahrheiten sich in politische Institutionen , in soziale Sitten umwandeln , dazu müssen sie in die Köpfe der Leiter und der Massen dringen . Zu der Ausführung weittragender Ideen ist dem einzelnen Abgeordneten freilich keine Macht gegeben ... Werkstätte ist das Parlament ja nicht , aber eine Tribüne ist es . Der Predigt in einer Kirche lauscht nur eine kleine Gemeinde ; die Parlamentsrede , von allen Blättern wiedergegeben , dringt ins ganze Land und über die Grenzen hinaus . Und nun begann er zu schreiben . Einzelne Hauptworte , durch Punkte getrennt . Gewissermaßen Leitmotive , Absteckpfähle . Gemeinwohl . Gerechtigkeit . Versöhnung . Und noch eine ganze Reihe so fort . Als er die Liste überlas , fiel ihm auf , daß diese Worte , die bei der Niederschrift mit ganzen Begriffsketten und Bilderreihen seine Seele erfüllt hatten , voll Größe und voll Verheißung - - daß diese Worte abgegriffene Münzen , schlimmer noch : falschen Spielmarken glichen ; denn seit Jahren und Jahren und immer wieder , bei jeder neuen Programmrede , in jedem Wahlaufruf wurden solche und ähnliche Worte vorgebracht , - wie sollte da mit das Neue und Erhabene , das ihm vorgeschwebt hatte , würdig ausgedrückt werden ? Goldechtes Gold war ' s , was er seinen Mitmenschen hätte bringen wollen ; wenn er ihnen aber auch nur diese alten , verbogenen Messingmarken brachte , wie sollten sie Vertrauen fühlen - wie den verheißenen Schatz erkennen ? Freilich - Gerechtigkeit , Versöhnung und Gemeinwohl ; besseres könnte ja ein Volksvertreter nicht versprechen ; das traurige ist nur , daß es noch von allen jenen versprochen worden , die das Gegenteil verfolgen , die statt der Gerechtigkeit - der Gewalt Vorschub leisten , die statt Versöhnung - Verhetzung betreiben ; die das Wohl der Parteifraktion über alles andere stellen . Für die meisten bedeutet Politik eben gar nichts als : Kampf der Klasseninteressen . Oder auch ein Sprungbrett für persönlichen Ehrgeiz , ein günstiger Posten zur Erlangung eigenen Vorteils . Und die ausgegebene Parole heißt immer » Gerechtigkeit , Gemeinwohl « . Rudolf suchte nach einem andern Wort . Was not tut , ist nicht das Herzählen der in allen Morallehren , allen Katechismen , allen Festansprachen wimmelnden Tugendnamen ; was not tut , ist - jetzt hatte er das Wort : Verwirklichung . Er tat einen tiefen Atemzug . Wie eine Welle der Energie und des Tatendranges hatte es ihm durch die Brust geflutet . Er sprang auf und ging im Saale auf und nieder . Jetzt hatte sein Gedankengang eine andere Richtung . Tun , tun ? Was kann ein einzelner Abgeordneter denn tun in seiner engen Machtsphäre ? Er kann fordern . Die Versprechungen und Phrasen , die aus allen Regierungsprogrammen und in den Thronreden ebenso tugendhaft und ebenso - leer wimmeln , wie in den Kandidatenreden , die kann man festhalten - auf ihre Verwirklichung kann man bestehen . Beim Wort nehmen - das war ' s. All das schal und hohl gewordene Geklingel der großen Worte , wie müßte das zu herrlich brausender Harmonie anschwellen , wenn man den Sinn herauslöste und den Sinn zwänge , Tat zu werden . Ein sekundenkurzes Leuchten fuhr durch Rudolfs Seele . Wie eine bei Nacht durch einen Blitz erhellte Landschaft , so deutlich , aber auch so flüchtig erschien ihm eine ganze Reihe von lebendig gewordenen Worten : Wohlstand , Freiheit , Frieden , Recht ... diese vier ineinander geschmolzen als der herrliche Begriff » Glück « . Nicht nur allen versprochener , sondern für alle erreichter Wohlstand , wahre Freiheit , herrschendes Recht , gesicherter Frieden . Dann ward es wieder finster . Aber er hatte dabei das Bewußtsein , daß er später das Licht wieder herbeischaffen könne ; nur ein Sichsammeln , ein kurzes Anstrengen , und der blendende Ideenschatz wäre wieder da , um sich heben zu lassen - Perle für Perle , Diamant für Diamant - - Also an die Arbeit , sofort ! » Herr Graf - ein Telegramm . « Rudolf war über die Störung ungehalten . Aber natürlich , mit einer Depesche durfte der Diener jederzeit in das Heiligtum des Arbeitszimmers einbrechen ; es konnte ja etwas Unaufschiebbares sein . Diesmal war es die Nachricht , daß am folgenden Tage Brunnhof Einquartierung bekommen sollte . Die diesjährigen Manöver fanden auf wenige Meilen Entfernung statt . Der Quartiermeister würde in zwei oder drei Stunden der Depesche nachfolgen . Angesagt waren für das Schloß : ein General , ein Oberst und mehrere Offiziere . Da mußten sogleich Vorbereitungen getroffen , Befehle erteilt werden . Mit dem Programmschreiben war es vorläufig vorbei . Und nicht nur mit diesem , sondern mit der ganzen Stimmung . Als Endaufgabe die Herbeiführung von Zuständen , in welchen die Völker befreit sein sollten von Militärlasten und Kriegsgefahren - und als nächstliegende Aufgabe die reichliche , herzliche , fröhliche Bewirtung von Militärs , die eben von der Kriegsprobe kamen . - Man kann nicht zweien Herren dienen ... VII Hugo Bressers Leidenschaft war durch die Zwischenfälle jenes Gewittertages zu höchster Glut entfacht . Zuerst der selig-schwüle Augenblick , da er Sylvia im Arm gehalten , dann die Exaltation , in die er sich bei Tische durch die eigenen Worte hineingeredet , wobei er sah , wie des geliebten Mädchens Blick an seinen Lippen hing ; dann ihre Gebärde , als sie ihm zutrank ; zuletzt ihre Flucht aus dem Salon : - ihm war , als sei jetzt zwischen ihnen beiden ein Einverständnis . Heiß und heftig empfand er , daß etwas Neues in sein und in ihr Leben getreten war . Sie liebten sich - sie mußten einander angehören , trotz aller Hindernisse ... die Verlobung würde sie rückgängig machen - - Bresser hatte am folgenden Morgen schon um acht Uhr von Brunnhof wegfahren müssen , weil er in Wien zu Mittag einer Konferenz jener Unternehmer beizuwohnen hatte , die das neue Blatt gründeten , dessen Feuilletonredaktion ihm zufallen sollte . Natürlich hatte er zu so früher Morgenstunde keine der Damen des Hauses mehr sehen können ; aber für Sylvia hatte er eine stumme Botschaft hinterlassen in Form eines Sträußchens , das er selbst im Garten gepflückt und gebunden , und das er Sylvias Kammermädchen mit dem Auftrag übergeben , es auf ihrer Herrin Toilettetisch zu legen . Es war ein - im Grunde nicht gar geschmackvoll zusammengestelltes - Sträußchen , nur aus roten Blüten bestehend . Eine Rose , ein paar Fuchsien , drei Mohnblumen , und herum ein Doldenring von » brennender Liebe « . Sie würde schon verstehen , was er damit sagen wollte . Er bestieg ein leeres Coupé . Seine Gedanken flogen von den gestrigen Ereignissen zu der bevorstehenden Konferenz und schnell wieder zu dem Bilde Sylvias zurück . Die Gründungs-Angelegenheit interessierte ihn nun doppelt , da es ihm sehr erwünscht kam , gerade jetzt festen Fuß in der Journalistik und in der Schriftstellerlaufbahn fassen zu können . Liebe feuert den Ehrgeiz an . Er wollte Großes erreichen mit seiner Feder . Großes als Dichter , vielleicht noch Größeres als Publizist . Einen neuen , höher gestimmten Ton in die Tagespresse einführen , für die Ziele sozialer Entwicklung wirken , dem idealen Streben Rudolfs - ihres Bruders - die Stütze der Öffentlichkeit leihen , ihm helfen , indem er die Gedanken , die Rudolf im Parlament verträte , in dem neuen Blatt entwickeln wollte . Denn neben der alleinigen Leitung des Feuilletons sollte ihm auch eine Spalte im politischen Teile zur Verfügung stehen . Das war ein Kampffeld , auf dem bedeutende Siege zu holen waren . Und er wollte siegen . Er wollte , daß sie auf ihn stolz sein könne . Wer weiß , auch die Bühne konnte er erobern . Ein ganzer Schwarm ungeborener Dramenstoffe schien in seinem erregten Hirn zu wirbeln - nebst Ruhm würde er auch ein Vermögen sich erschreiben . Schwert und Szepter und Zauberstab sollte ihm seine Feder sein ... Auf einer Zwischenstation stieg ein alter Herr ein - zufällig ein Bekannter , ein Berufsgenosse seines Vaters . Es wäre Hugo viel lieber gewesen , allein zu bleiben . Er fühlte sich gestört , wie jemand , den man beim Schatzzählen unterbrochen hat . » Ah , guten Tag , Bresser - das ist ja ein sehr angenehmes Zusammentreffen ! Sie sehen prächtig aus - und so strahlend ! « Der Ausruf war gerechtfertigt . Aus den Augen des jungen Mannes blitzte solches Feuer , ein so sieghafter Ausdruck belebte seine Züge , daß es auffallen mußte . » Kommen Sie von einer Kaltwasserkur oder fahren Sie nach Wien , einen Haupttreffer zu beheben ? « fragte der andere lachend . » Sie sehen mir nach beidem aus . « Nun war es mit dem schönen Sinnen und Träumen vorbei , Hugo mußte sich für den Rest der Fahrt in ein banales Gespräch einlassen . In Wien angelangt , begab er sich in ein Café , wo er frühstückte und die Zeitungen las . Nicht nach den Nachrichten als solchen suchte er in den Blättern , sondern er musterte die Anordnung , kritisierte den Stil und die Tendenz der Kommentare , und verglich damit im Geist das Idealblatt , welches an diesem Tage ins Leben treten sollte . Und wenn er durch die breite Fensterscheibe , neben der er saß , auf die Straße blickte , wo so manche hübsche junge Frauengestalten vorübereilten - Verkäuferinnen , die nach ihren Geschäften gingen - da betrachtete er auch diese nicht wie sonst um ihrer selbst willen , sondern verglich sie mit dem idealen Mädchen , das er zwar schon lange im Herzen trug , das ihm aber seit gestern zum einzigen Weib auf Erden geworden war . Als er in das Sitzungslokal - im Bureau eines großen Bankhauses - kam , waren schon einige der Herren anwesend . Nach weiteren zehn Minuten war man vollzählig : der Besitzer des Bankgeschäftes und neben ihm drei andere Finanzgrößen ; zwei Advokaten , mehrere Reichsrats- Abgeordnete , darunter ein Minister a. D. , ein einstiger Zeitungsherausgeber und eine Anzahl junger Schriftsteller . In der Reihe der letzteren galt Bresser als einer der Hauptträger des neuen Unternehmens ; ihm hatte man bei den Vorbesprechungen die meisten Anregungen zu danken gehabt , und von ihm waren die Prospekte aufgesetzt worden , die man zur Anwerbung von Mitgliedern für das Gründungskomitee versendet hatte . Von einigen der Grundsätze und Programmpunkte , die in jenem Prospekt enthalten waren , war man im Verlaufe der Sitzungen schon abgekommen und manches Neue hatte sich eingeschoben . Heute galt es , zu endgültigen Entschlüssen zu gelangen und über die Finanzierung ins Reine zu kommen . Von verschiedenen Seiten waren Beteiligungsbeträge gezeichnet worden , aber die anwesenden Kapitalisten waren erst diejenigen , die den Ausschlag zu geben hatten , denn das von den anderen Gezeichnete hätte nicht zum zehnten Teile genügt , das Unternehmen lebenskräftig zu gestalten . Ein Jahr oder besser noch , zwei Jahre mußte man arbeiten können , ohne auf Gewinn zu rechnen , vielmehr mußte man gefaßt sein , im Anfang größere Beträge zuzusetzen ; das Blatt mußte eine Zeitlang in Massen gratis versendet und in allen Cafés aufgelegt werden , damit das Publikum sich an dessen Physiognomie gewöhne . Eine Zeit der Aussaat hatte vorauszugehen - dann erst konnte man auf eine Ernte zählen . Die größten Autornamen sollten für die literarischen Beiträge gesichert werden , indem man höhere Honorare bewilligte als jede andere Zeitung . Auch im politischen Teile sollten unterzeichnete Artikel von hervorragenden Publizisten des In- und Auslandes erscheinen ; der Nachrichtendienst sollte durch Original-Depeschen und Original-Korrespondenzen aus allen Hauptstädten versehen werden - und alles das erforderte große Summen . Wenn man aber erst das reichhaltigste , bestinformierte , literarisch vornehmste , unabhängigste - kurz das führende Blatt geworden , dann hätte man nicht nur eine hohe kulturelle Tat vollbracht , indem man das Niveau der Tagespresse gehoben , dann hätte man nicht nur veredelnden Einfluß auf den Geist der Bevölkerung und vielleicht auch wohltätigen Einfluß auf den Gang der inner- und außerpolitischen Ereignisse gewonnen - auch in finanzieller Hinsicht würde man reichlichen Gewinn erzielen . Schon bei einer Anzahl von dreißigtausend Abonnenten würde das angewandte Kapital sich verzinsen , und hielte man nur zwei Jahre aus , so mußte die Zahl der Abonnenten und Käufer eine weit bedeutendere Höhe erreichen . Das waren so die Ideen gewesen , auf welchen sich der große Zeitungsplan aufgebaut hatte . Und nun sollte die entscheidende Sitzung beginnen . Bresser fühlte sich in gehobener Stimmung . Hier eröffnete sich ihm ein reiches Wirkungsfeld . Die roten Blumen , die Sylvia um diese Stunde schon gefunden haben mußte , waren in seinem Bewußtsein mitgegenwärtig . Und selbst , wenn sie Gräfin Delnitzky wurde ... ihr Herz konnte in einigen Jahren doch dem erfolgreichen Dichter sich zuwenden ... Aber jetzt war überhaupt nicht der Augenblick , an Liebe zu denken . Dieser Augenblick gehörte der praktischen Arbeit , dem Lebensberuf . Es war ein bedeutender , zukunftsentscheidender Wendepunkt . Als Vorsitzender fungierte der Besitzer des Bureaus . Er eröffnete die Sitzung , indem er die Fondsbeschaffungsfrage zur Diskussion stellte und daran die Mitteilung knüpfte , daß er von zwei Kapitalisten , deren Beteiligung schon in sichere Aussicht genommen war , am selben Morgen Briefe erhalten hatte , worin unter verschiedenen Vorwänden das gegebene Versprechen wieder zurückgenommen wurde . » Was mich betrifft , « fügte er hinzu , » so bleibe ich natürlich im Wort . Hunderttausend Gulden will ich dem Unternehmen zuwenden , nur muß ich noch eine Bedingung stellen , die übrigens weiter keine Schwierigkeit machen und die wir erst beim nächsten Punkt der Tagesordnung - Programm - erörtern wollen . Das Wort hat nun Herr Baron Glasschild . « Der Genannte , ein behäbiger Fünfziger mit ausgeprägt orientalischen Zügen , räusperte sich , klemmte seinen Zwicker auf die Nase und sagte : » Was ich zu bemerken hätte , bezieht sich ebenfalls auf den Programmpunkt . Aber ich will es lieber gleich jetzt vorbringen , denn es ist mir sehr wichtig . Nämlich das : in dem Prospekt , den ich erst heute genau gelesen habe , finde ich etwas , was durchaus hinaus muß ... « Er nahm eines der auf dem Tische liegenden Exemplare zur Hand - » hier steht ' s : Bekämpfung des Antisemitismus . « Die anderen blickten erstaunt auf . Der Baron , selber