in große Verlegenheit , denn ich wußte nicht recht , welche Geschichten , hier am Platze sein könnten . Außerdem widerstrebte es mir , in dieser Form Rede und Antwort zu stehen . Aber die Herren , denen ich das auseinandersetzte , wollten in jedem Falle sieben Manuskripte haben . Und so suchte ich denn sieben Sachen , die mir so beinahe unpersönlich zu sein schienen , zusammen - und gab sie heraus . Dann rauchte ich meine nahrhafte Zigarre ruhig weiter , und die sieben Herren aus dem alten Ägypten schluckten ihre kleinen Sterne - und lasen dazwischen meine sieben Sachen , die nun hier folgen mögen . Zahlenglück Eine Seephantasie Wie das brodelt , und wie das zischt , und wie das summt , und wie das rumort ! Und der Vollmond glitzert und blitzt übers weite Meer . Aus dem rauschenden wogenden Meere steigt der Glückskrater heraus ; das ist ein imposanter Felsenkomplex , der Feuer speit - wie ein angestochener Drache . Und dampfen tut der Glückskrater - wie ein totgehetztes Rennpferd . Der Vollmond glänzt , als wenn er sich aufpusten möchte ; er bleibt aber , wie er ist ; voller wird er nicht ; es ist ihm das ganz unmöglich . Die Dampfwolken des Kraters sind so weiß wie der Kalk an der Wand - wie Gespensterlaken . Und Gespenster stecken auch drinn in den weißen Dampfwolken ; Hexen - ganz verrückte Hexen - machen da einen Mordsradau . In den Dampfwolken schimpfen die Hexen - was Zeug und Leder hält . Und das Geschimpfe klingt mit dem Rumor im Innern des Kraters trefflich zusammen - so harmonisch - wie Dudelsack und Harmonium zusammen klingen . Und die Lawa quillt über den Kraterrand . Aber das Feuer des feuerspeienden Berges ist nicht zu sehen ; so dick ist jetz der weiße Dampfwolkenqualm . Und die Hexen werden ganz rasend vor geifernder Wut , denn die heiße Lawa ist keine gewöhnliche Lawa - Zahlenlawa ist diese Lawa - sie besteht aus lauter glühenden , giftigen Zahlen , die sich drängen und balgen wie Gassenbuben . Da gibt ' s kleine Zahlen und große Zahlen , und die bilden immer wieder die schönsten Rechnungen - klappernde Zahlenketten ! Und die Zahlen sind lebendig wie krabbelnde Fische , die ins Netz gegangen sind . Die Zahlen sind die Kinder der Hexen . Eine ganz famose Lawa ! Nette , niedliche Kinder sind ' s - das ist wahr ! Die Hexen schimpfen , was Zeug und Leder hält , denn den Kindern sieht man gleich die saubere Rasse an - die machen ihren Müttern alle Ehre . Das aber paßt den werten Eltern nicht ; die Kinder sollen sich nicht gleich verraten . Und die Hexen holen ihre Ruten vor und hauen die glühenden Zahlen , um sie äußerlich hübsch zu machen . Da werden denn bald die Zahlen so herrlich wie die Schmucksachen in den Schaufenstern der Juwelierläden - - sie werden zu goldenen Zahlen und zu Brillantzahlen und zu Emailzahlen und zu feinsten Niellozahlen - und als solche rutschen sie nun langsam den Berg hinunter ins Meer . Und auf der großen Rutschbahn geben die Mütter ihren Kindern die schönsten Lehren mit auf den Weg . » Ihr müßt immer sehr freundlich tun , « kreischen sie wütend , » sonst könnt Ihr ja den Menschen nicht den Kopf verdrehen . Ihr müßt den Menschen plausibel machen , daß Ihr ihnen das einzig wahre Glück bringt - das große Zahlenglück ! Ihr dürft Euer Gift erst dann ausspritzen , wenn Ihr Euch an den Menschen festgesogen habt . Und dann müßt Ihr den Menschen den Kopf dick machen mit Eurem Gift , daß die Menschen blind werden für Alles und nur Euch lieben - Euch , Hexenzahlen ! Ein anderes Glück als das Zahlenglück darf ' s für die Menschen nicht geben . Hihihi ! « Und die Hexen kichern , und die Kinder johlen - und sie schimpfen dazu - und wie sie schimpfen ! - da sind alle Fischweiber der ganzen Welt rein gar nichts dagegen . Und dabei geht die Zahlenlawa gierig hinunter und taucht zischend hinein in das Wogengewimmel des Meeres . Und das Meer glitzert und funkelt , daß der Mond erschrickt und nicht versteht , woher all der Glanz herkommt ; er - der Mond - ist doch immer noch nicht voller geworden . Und die schimmernden Pracht-Zahlen schwimmen zu den Ländern der Erde und schwimmen da die Flüsse hinaus mit Lachs und Aal Arm in Arm zu den berühmten Städten der Menschheit . Und der Glückskrater dampft wie Millionen Fabrikschornsteine , und immer mehr Zahlenlawa strömt hinunter ins Meer , daß das vor lauter Glanz brennt . Bald wird die Zahlenlawa das ganze Meer von oben bis unten mit Zahlenglück erfüllen . Und die Menschen werden sich alle in das Zahlen-Meer stürzen . Und das Gelächter im Glückskrater wird ein großes Erdbeben erzeugen . Und die Köpfe der Menschen werden bei dem Zahlenglück so dick werden , daß der alte Vollmond bald neidisch werden dürfte , wenn er all die großen Wasserköpfe sieht . Und der Vollmond wird sich wieder aufpusten wollen - und es wird ihm nicht gelingen - denn er kennt ja nicht - das menschliche Zahlenglück ! ! ! Der Revolutionär Der Gemeindelehrer Lehmann war ein Menschenfreund ; er beklagte täglich - beinahe stündlich - das große Unglück , das durch den Krieg in die Welt kam . Und Lehmann beschloß , alle Gemeindelehrer zu Gegnern des Krieges zu machen ; in einem Rundschreiben , das er für sein eigenes Geld drucken ließ , bat er alle seine Kollegen inständigst , der ihnen anvertrauten Jugend selbst von den Kriegstaten der eigenen Nation fürderhin nicht mehr mit Begeisterung , sondern nur noch mit dem Ausdrucke herzlichen Bedauerns zu erzählen . Dieses Rundschreiben kam den Vorgesetzten des Menschenfreundes zu Gesicht , und es entstand im Volksschulratsgebäude eine peinliche Stille ; die Leiter der Volksschulangelegenheiten befürchteten sämtlich , daß derartig revolutionäre Rundschreiben auch in den Kreisen , die der Regierung nahe stehen , gelesen werden könnten . Und man beschloß im Volksschulratsgebäude , gleich ganz energisch vorzugehen . Und der Gemeindelehrer Lehmann ward seines Amtes entsetzt , und Pensionsgelder wurden ihm nicht ausgezahlt . Lehmann war schwächlich gebaut und fand keine andere Stellung ; es ging ihm immer schlechter , und seine Frau wurde täglich - beinahe stündlich - immer erregter . Und Lehmanns Frau stürzte sich eines Nachts zum Fenster hinaus und blieb tot auf der Straße liegen . Lehmann ging wie ein Träumender mit glasigen Augen umher und konnte gar nicht mehr ordentlich denken . Auf einem großen Platze der Großstadt , mitten unter unsäglich vielen geschäftig dahineilenden Menschen fing Lehmann , der Menschenfreund , plötzlich ganz furchtbar laut an zu lachen . » Nein ! « rief er dann immer noch lachend , » es kommt doch eigentlich auf ein Menschenleben mehr oder weniger nicht an . Der Krieg ist eine ganz vortreffliche Einrichtung . « Und er ging lächelnd in die Destillation , die dicht neben dem Hause lag , in dem sich seine Wohnung befand - und in der Destillation lächelte er immerfort , daß es den Gästen des Lokals unangenehm auffiel . Als die Leiche seiner Frau vorbeigetragen wurde , lächelte er immer noch . Der Wirt der Destillation forderte den Menschenfreund auf , das Lokal zu verlassen . Der höfliche Eremit Ein Menuett » Guten Tag ! « sagte schmunzelnd der höfliche Eremit . Und er schüttelte dabei seinem Freunde immer wieder höflich die Hand . » Sei mir willkommen ! « rief begeistert der große Einsiedler . Und dabei rückte er seinen Ledersessel ans Fenster und drückte seinen Freund in den Ledersessel hinein . » Hier hast Du Cigarren ! « schrie der allzeit einsame Mann seinem Freunde ins Ohr . Und gleichzeitig zündete er ein Zündloch an , das er in brennendem Zustande dem Freunde zierlich hinhielt . » Wir trinken Grog ! « kreischte der herrliche Wirt seinem Gaste ins Ohr . Und bald brodelte das kochende Wasser . Und dann ward ' s gemütlich in der Einsiedlerhöhle . Der Herr des Hauses sprang und tanzte vor Vergnügen und erzählte dabei in einem fort . Ja - die Höflichkeit ! » Mein guter Freund ! « brüllte der höfliche Mensch . Und dabei nahm er seinen schönen Revolver von der Wand und schoß einen Spatz , der auf dem Fensterbrette saß , mausetot . Der Freund drückte sich . Der höfliche Eremit drückte ihm herzlichst hundertmal die Hand und bat ihn , ja recht bald wiederzukommen . Der Freund drückte sich . Der Spatz aber war tot - ganz tot . Parademarsch Verrückte Bein-Vision Und sie schreiten mächtig aus . Die Trompeter - die guten Trompeter - blasen so hell in den Frühling hinein . Und die Beine der Soldaten heben sich immer wieder zum Himmel auf . Oh - es sind so viele Soldaten . Welche Lust muß es sein , so viele Soldatenbeine ganz und gar beherrschen zu können ! Und sie schreiten mächtig aus ! - Linkes Bein ! - Rechtes Bein ! - Immer mutig ! - Immer mutig ! - Linkes Bein ! - Rechtes Bein ! - Auf und ab ! Auf und ab ! Beine - Beine - echte Beine sind feine Sachen ! Kannibalischfeine ! ! - Hoch das Bein ! Hoch das Bein ! - Hoch das alte Soldatenbein ! - Höher ! Noch höher ! Immer noch höher ! bis in den alten blauen Himmel hinein ! So ist es fein ! Ja - ja - es muß tatsächlich fein sein - Herr vom Soldatenbein sein ! Beine hoch ! Alle Beine hoch ! Hurrah ! Der Frühling lacht dazu - und die Trompeter blasen immer noch - sie blasen über die grünen Rasen - es sind so viele Trompeter ! Aber oben über den Wolken liegt der Herr der Soldatenbeine , lang ausgestreckt wie eine lange lange eiserne Maschine , und die sieht so greulich schwer aus - beängstigend ! Sollte dieser Herr von Eisen - diese Maschine - diese Beinmaschine - die Absicht haben , herunterzufallen ? Ich danke schön ! Mein Schädel ist nicht von Eisen - andrer Leute Schädel auch nicht . Denen , die sehr viel über Alles nachdenken , wird schon ganz brägenklietrig ! So ' n geharnischter Riesenritter - wenn der aus den Wolken fällt ... Buh ! Huh ! Rechtes Bein ! Buh ! Huh ! Linkes Bein ! Aber - wie ? Was ist das ? Da kommen ja andre Soldaten - schwarze - ganz schwarze - große Gespenster - zwei Meilen große - sehr schlanke - mit schlackrigen Gliedern und langen , dürren , wackligen Knochenbeinen . Und die Knochenbeine heben sich genau so wie Soldatenbeine beim Parademarsch - nur noch viel höher - viel viel höher - wahrhaftig ! bis an die Sterne ! ! Und jedes Mal , wenn die Gespenster oben mit den kralligen Zehen einen Stern berühren - fällt der runter - der Himmel weiß - wohin . Und während die Gespenster immerfort in Zickzacklinien durch die andern Soldaten durchstolzieren , werden allmählich alle Sterne vom Himmel heruntergerissen - auch Sonne und Mond - so daß es ganz duster wird - ringsum . Die Trompeter blasen immer noch in der alten Tonart . Die Soldaten und Gespenster marschieren unentwegt weiter - man hört ' s ! - man hört ' s ! Die Stiebelsohlen klatschen man so . Die Gespenster treten ein bißchen leiser auf . Und jetzt wird ' s oben über uns plötzlich wieder hell . Der Herr der Beine , der mit seiner ungeheuren hochfeudalen Stahlrüstung lang ausgestreckt auf den Wolken liegt wie eine lange Maschine , wird innerlich erleuchtet - wie - weiß ich nicht . Aber die Stahlgewölbe werden auf Brust und Bauch , Ellenbogen , Knie und Schienbein überall hell - die Wolken dazwischen ebenfalls . Der Herr der Soldaten- und Gespensterbeine , diese eiserne Maschine , die augenscheinlich jeden Augenblick aus den Wolken fallen möchte wie ein ehrlicher Nachtwächter - der Herr des Kriegs - der schlägt das Visier auf und schaut hinab - grinsend - wie ein frecher Gewohnheitsmörder . Das Gesicht oben ist jedoch ganz kreidebleich wie ein Angststück - bartlos natürlich - ich mag ' s nicht sehen und drücke meine beiden Fäuste in meine Augenhöhlen . Indessen - jetzt muß ich wieder hören - die gleichmäßigen Schritte der Soldaten und Gespenster dröhnen mir in den Ohren . Rechtes Bein ! Linkes Bein ! Weiter ! Kehrt ! Weiter ! Kehrt ! Feste ! Feste ! Immer mutig ! Auf und ab ! Immer mutig ! Auf und ab ! Auf und ab ! Es ist unheimlich . Ich öffne wieder die Augen und - und sehe nichts - gar nichts . Alles ist duster und - merkwürdig ! - so ölig - als wenn ' s Maschinenöl geregnet hätte . Stiebel knarren , trockne Eichen rauschen , Flinten knattern in der Ferne . Und oben scheuern sich im Marschtakt eiserne ungeheure Beinschienen . Und nun prasselt wahrhaftig ein veritabler Oelregen auf mein Haupt hernieder . Das ist mir höchst unangenehm - beinah ekelhaft ! Alles duster und ölig ! Und die Trompeter blasen immerzu - ohne Pause . Was ist das ? Was ist das Alles ? Dalldorf und Maison de santé ? Nee ! Ih nee ! Ich weeß schon - bloß Europa und Amerika - selbstverständlich ! Wat dachten Sie ? Die Elfenbein-Maschine wird wieder ordentlich eingeölt ! Na ja ! Alles klar ! Hinter den Kulissen - alten spanischen Wänden - klatscht die Zukunft fortwährend Bravo - Bravo ! - Bravissimo ! ! Meerglück Eine Groteske Das alte Meer tobt . Und langsam steigen aus den schäumenden Wogen Geister heraus - maßlos riesige Geister ! Mit wildem Trotz kommen sie höher und höher . Ihre Fäuste sind geballt . Sie drohen mit ihren geballten Fäusten . Und plötzlich schlagen sie mit ihren Fäusten aufs tobende Meer , daß die schäumenden Wasser hoch aufspritzen - bis an die Sterne . Unergründliche smaragdgrüne Augen starren aus den Geisterköpfen heraus - in die Welt hinein . Verzehrende Wehmut und maßloser Zorn kreischt - in diesen grünen Augen . Das alte Meer tobt . Und langsam tauchen die Geister des Meeres wieder hinab - ins alte kalte Wogenbett . Gurgelnd schließt sich das Wasser über den haarigen Köpfen , in denen die smaragdgrünen Augen verlöschen . Und wieder tobt das Meer - einsam - einsam - und groß ! Die drei Denkmäler Das Denkmal eines Esels , das Denkmal eines Schweines und das Denkmal eines Fuchses zierten den Platz einer Großstadt . Nachts um die zwölfte Stunde sprachen die Denkmäler miteinander - jedes Denkmal sagte : » Was sich bloß die Menschen dabei gedacht haben , als sie Mir eine solche Ehre zu Teil werden ließen ! « Stille Nacht Der große Lärm ist fort . Totentanz . Zwei Elefantenrüssel winden sich neben mir , als suchten sie was - einer rechts und einer links . Nachtglück . Jetzt hat das große Schweigen begonnen , das lautlose Schwärmen bricht an mit düstren Wolken . Totentanz . Die Priester bewegen ihre Arme so wie Elefantenrüssel , die heiligen Tiere schweben empor und sinken zurück , kommen näher und wenden den Kopf mühsam nach rechts und nach links , als suchten sie was . Nachtglück . Meine beiden Elefantenrüssel schmiegen sich an mich , schlingen sich um meinen Leib und drücken - würgen . Totentanz . Ich schwebe weiter den düstren Wolken zu . In der trüben Dämmerung sind die Priester mit den heiligen Tieren . Jetzt lösen sich meine beiden Elefantenrüssel von meinem Leibe langsam los . Die Priester setzen sich auf die heiligen Tiere und reiten davon in die Finsternis . Nachtglück . Ich bin allein - Alles verschwindet . Die trübe Dämmerung zerfließt und wird ganz schwarz . Die Welt ist dunkel - wie einst . Totenglück . Nun entwickelte sich das folgende Gespräch : King Ramses : Wir nehmen zunächst an , daß Du allem Irdischen Realitätenwert nicht beimessen willst - bemerken aber , daß Du dieses löbliche Wollen sehr häufig zu vergessen pflegst . Und dieser Vergeßlichkeit entspringen Deine traurigen Stimmungen in erster Linie . Du brauchst Dich nicht zu genieren - auch die größten der irdischen Philosophen haben an dieser merkwürdigen Vergeßlichkeit gelitten . Auch das Meer ist eine reale Sache durchaus nicht . Nichts ist so merkwürdig wie die Vergeßlichkeit der Skeptiker . Aber so kommt es , daß Deine sieben Geschichten über die ganz gewöhnliche Anschauungsart der Dinge nicht sehr hoch hinausragen . Siehst Du das ein ? Ich : Ja , ich muß das wohl einsehen - obwohl ich nicht recht weiß , was ich denn zusammendichten sollte , wenn ich die Eindrücke , die ich von der Welt empfangen habe , beim Dichten weglassen wollte . King Ramses : Das war nicht sehr geistreich erwidert , liebes Onkelchen ! Der radikale Skepticismus , der die Grundlage sämtlicher Philosopheme ist , bedeutet durchaus nicht die große Lehre von der großen Leere der Welt - vielmehr das Gegenteil . Wenn die Welt , wie sie den menschlichen Sinnesorganen erscheint , nur eine einzige Seite des Daseins der Betrachtung darbietet , so wird das Dasein wohl noch mehr Seiten haben - und wir irren wohl nicht , wenn wir sagen : noch unendlich viele Seiten ! Und wenn Du dieses beim Dichten nie vergessen würdest , so würde jede Deiner Dichtungen einen kolossalen Hintergrund bekommen - und Du würdest beispielsweise die scheinbare Tatsache , daß sich eine arme Frau zum Fenster hinausgestürzt hat , mit einem Weltenhintergrunde ausstatten , der die scheinbar traurige Tatsache als ein wunderbares , rätselhaftes Phänomen erscheinen läßt , in dem auch Strahlen des allmächtigen Weltganzen aufsprühen , die nur dem Dummkopf unsichtbar bleiben . Ich : Da muß ich nur fürchten , daß diese Anschauungsart die menschliche Rohheit noch vergrößern könnte . Die Realität der Empfindungen kann ich doch nicht so ohne Weiteres leugnen . King Thutmosis : Halt ! Das geht denn doch zu weit . Wenn Du schon die Realität der sogenannten Gegenstände und Tatsachen leugnest , so wird Dir doch nichts Andres übrig bleiben als - auch die Realität Deiner Lust- und Schmerzempfindungen zu leugnen . Ich möchte bloß wissen , wo bei diesen die Realität sitzen soll . Die sogenannten seelischen Schmerzen erscheinen uns nicht einmal als direkt aus einer veritablen Ursache entspringende Empfindungen ; man schneide die Raisonnements ab oder ändere sie um , so ist die Seelenqual nicht mehr da . Und der » physisch « genannte Schmerz wird in den meisten fällen auch bloß durch Raisonnements dazu . Wir können Dir sogar verraten , daß alle Schmerzen nur durch die Raisonnements entstehen - und solchen ganz künstlich entstehenden Empfindungen willst Du Realität beimessen ? Die Schmerzen bekommen gewöhnlich erst in der Erinnerung Existenzgewänder . Ich : So - also : wenn mir ein Bein abgehackt wird , so ist das gar kein Schmerz ? King Thutmosis : Zieh nur die Furcht vorher und die Raisonnements für die Zukunft nachher von dem Schmerze ab , so wird von diesem höchstens ein Etwas zurückbleiben , das Dir notwendiger Weise unangenehm nicht zu sein braucht . Ich : Wie steht es nun aber mit den sogenannten moralischen Raisonnements ? King Necho : Mir erscheint doch , daß sich die Behandlung dieser Frage auch ganz von selbst ergibt . Da wir sämtlichen Raisonnements den realen Wert abstreiten müssen , so haben auch die moralischen keinen realen Wert . Und hieraus folgt sehr viel ! Ich : Das glaube ich schon ; eine veritable Gemeinheit ist nicht mehr eine veritable . Die Schurken und die Gewissensbisse werden zu Nebelgebilden , die man einfach wegblasen kann . King Necho : Und es ist nicht mehr nötig , daß Du Dich über einen Parademarsch allzu sehr entrüstest . Ja - der ganze Entrüstungszauber nimmt bedenklich-komische Physiognomieen an , wenn man auch die moralischen Qualitäten der menschlichen Handlungsweise als Gedankenkompositionen hinstellt , die nur im Banne menschlicher Sinnesorgane ein Daseinsrecht haben . Und höhere Lebewesen gar , die über Gestirne oder über noch Größeres gebieten , nach menschlicher Moral behandeln zu wollen , wirkt einfach komisch . Ich : Aber jedenfalls darf man deshalb die Rohheiten nicht für eine göttliche Sache halten . King Amenophis : Wer als Mensch erkannt hat , daß er überall von Dingen umgeben ist , die reale Bedeutung nicht haben - und wer daher davon überzeugt ist , daß die Welt in Wahrheit unendlich viele Male bedeutender und grandioser ist , als sie menschlichen Augen erscheint - der ist gar nicht mehr im Stande , etwas zu begehen , was andre Menschen roh nennen könnten . Daß eine jede Lehre auch mißverstanden wird , ist doch eine natürliche Folge der unendlich großen Vielseitigkeit aller Dinge . Es haben eben unsre gesamten kosmischen Vorstellungskombinationen gleichfalls keine reale Bedeutung - da die Welt noch immer unendlich viele Male grandioser ist - als wir durch Worte - anzudeuten vermögen . Und das muß man behalten - und darf es nie vergessen - dann wird man nie wieder ein trauriges Gesicht machen , das in keinem Falle geistreich aussieht . Ich : Ja - ich erkenne sehr gerne an , daß die Vergeßlichkeit in dieser Angelegenheit Orgien feiert . Ich glaube schon , daß hier der Kern aller Sentimentalitäten steckt . Wir müssen viel öfter dran denken , daß unser ganzes Leben wirklich nur ein plastisches Schattenspiel ist . Der Oberpriester Lapapi : Und darum müssen wir auch an der Grandiosität der Welt niemals zweifeln ; es darf uns nie wieder in den Sinn kommen , daß irgend eine Sache nicht harmonisch in das Weltganze hineinpaßt . Wir müssen ganz fest davon überzeugt sein , daß die Welt , die sich in unendlich vielen Anschauungsformen allen Lebewesen offenbart , so großartig ist , daß jeder Zweifel an dieser Großartigkeit von selbst verstummen muß . Es muß uns einfach wie etwas Lächerliches vorkommen , wenn Jemand sagen möchte : dieses ganze Leben ist nicht einen Dreier wert . So was kann nur ein Ungebildeter sagen - oder Einer , der wieder mal die wichtigsten Erkenntnisse unsres Lebens » vergessen « hat . Ich : Ja - ich sehe ein , wir sollen zu allen Zeiten vor dem Weltganzen knieen und anbeten . Der Oberpriester Lapapi : Das Knieen und Anbeten ist eine Gewohnheit einfacher Lebewesen - wer weiter in der Erkenntnis gekommen ist , bildet sich nicht mehr ein , daß er jemals dem Weltganzen näher sein könnte ; er glaubt auch nicht , daß das Weltganze ein Wohlgefallen an knieenden Betern haben könnte - das wäre denn doch allzu plumper Anthropomorphismus . Ich : Aber das Bewußtsein sollen wir haben , daß keine Auflehnung dem Ganzen gegenüber erlaubt ist . General Abdmalik : Wir sollen uns bloß gegen die Traurigkeit auflehnen und auch nie vergessen , daß es dem Weltganzen eigentlich sehr gleichgiltig ist , ob sich ungebildete Leute gegen das Weltganze auflehnen oder nicht . Wenn Jemand mal auf die Welt schimpft , so macht er sich nur lächerlich . Und darum soll man den Leuten , die nicht immer mutig sind , von Zeit zu Zeit einen derben Puff versetzen . Es eignet sich übrigens auch die Soldateska des Erdballs sehr wohl dazu , die Trauerklöpfe des Erdballs ein wenig durch Püffe aufzumuntern . Das soll man auch nicht vergessen , obschon es nicht so leicht zu begreifen ist . Die Soldateska hat eben ebenfalls ihre guten Seiten - wie Alles , was dazusein scheint . Was der physische Schmerz im Leben des Einzelnen bedeutet , das bedeutet der Krieg im Leben der Völker ; Schmerzen und Krieg sind dazu da - zum Leben zu reizen . Ich : Also : man schlägt sich gegenseitig tot , um den Beweis zu führen , daß das Leben wirklich lebenswert ist - nicht wahr ? Der Oberpriester Lapapi : Höher stehende Lebewesen brauchen natürlich so plumpe Lebensreizer nicht mehr . Aber ich bitte Dich , nicht zu vergessen , daß auch der Tod eine reale Bedeutung nicht hat - auch das Sterben ist in unserm Leben - ein Ding , das was Andres ist - als es zu sein scheint . Der Pyramideninspektor Riboddi : Und deshalb sollen wir immer im Geiste Pyramiden erbauen und in diesen Pyramiden unsre Schmerzen fein einbalsamiert zur Ruhe bestatten . Unsre Schmerzen haben auch ihre guten Seiten wie Alles , was dazusein scheint . Schade , daß meine Herren Vorredner schon so viel geredet haben , sonst hätte ich auch länger reden können . Indessen - die kurzen Reden haben auch ihre guten Seiten - wie Alles , was dazusein scheint . Und deshalb sind wir auch so froh , daß wir dazusein scheinen . Denn : da Alles seine guten Seiten hat - so können wir keine Ausnahme bilden - und haben darum auch unsre guten Seiten - auf die wir uns jetzt legen wollen . Dieses sagt der Inspektor , schluckt noch einen kleinen Kometen runter und pfeift . Und sofort wird Alles ganz dunkel . Unsichtbare Hände heben mich auf , tragen mich weit fort und legen mich in ein großes Bett , allwo ich sofort einschlafe . Und während ich schlafe , nehmen mir unsichtbare Hände ein Manuskript weg , das ich den Herren aus dem alten Ägypten grade recht feierlich überreichen wollte - Die Nußbaumtorte Auf der Pyramide des Cekrops , die auch in der Nähe der alten Sphinx zum Himmel aufragt , flüsterten die Gespenster ; sieben durchsichtige Totengräber legten eine Mumie auf die zehnte Stufe der Pyramide vorsichtig hin . Der Mond glänzte . Und die sieben Totengräber steckten flüsternd sieben Streichhölzchen an und erweckten die olle Mumie . Nach dieser geheimnisvollen Tat verschwanden die sieben Totengräber - wie Zigarrendampf verschwindet , wenn ein großer Wind kommt . Und die Mumie , ein alter ägyptischer Priester , erhob sich und kletterte behende auf die Spitze der Pyramide , allwo ein europäischer Baumeister mit untergeschlagenen Beinen wie ein alter Pascha dasaß . Die Herren begrüßten sich mit verschiedenen Verbeugungen - aber ohne Worte . Vor dem Baumeister stand eine hohe Nußbaumtorte - ein Meisterwerk der höheren Konditorkunst - gearbeitet nach einem alten arabischen Rezept , das zur Zeit des Chalifen Motawakkil berechtigtes Aufsehen hervorrief . Der Priester nahm auf der andern Seite der Nußbaumtorte dem Baumeister gegenüber Platz , holte sein heiliges Steinmesser aus der Gürteltasche - und langte zu . Die Herren aßen zusammen wie alte Bekannte . Der Mond glänzte . Und der Priester sprach , während er ein großes Tortenstück kunstgerecht zerschnitt : » Mit dem ganzen Leben ist nicht viel los - darauf kannst Du Dich verlassen . Ich weiß das ganz genau , denn ich kenne die Erde bereits seit fünftausend Jahren . Heute feire ich wieder mal meinen Geburtstag . Ich sage Dir : Alles ist einfach miserabel . Als Geist hat man auch nichts von seinem Leben . Ich freue mich , Dich hier angetroffen zu haben - aber ich freue mich nur , weil ich jetzt wieder mal die beste Gelegenheit habe , einen Menschen von der absoluten Lächerlichkeit des Daseins überzeugen zu können . Nu rede Du , sonst komme ich zu kurz bei der Torte . « Der Baumeister blickte hinab in den Mondenschein , der auch die Wüste Sahara ganz hell machte , und sagte nach einer Weile : » Meine liebe Mumie ! Wenn Du schon ein Wesen bist , das menschliche Philosophie im Leibe hat , so wird es Dir nicht gelingen , mich von der Lächerlichkeit des Daseins zu überzeugen . « » Köstlich ! « rief die Mumie , » warum denn nicht ? « » Weil Dir , « versetzte der Baumeister , » klar sein muß , daß Du weder die Welt noch das Leben - weder das kosmische Dasein noch das menschlich-irdische Dasein - durchschauen kannst . Und weil sich ein anständiger Mensch , der Philosophie im Leibe hat , nicht ein Urteil über Dinge bildet , die er nicht durchschauen kann . « Nun wurde die Mumie mächtig wütend und schrie laut in den afrikanischen Mondenschein hinein : » Mensch aus Europa ! Was erlaubst Du Dir ? Ich bin ein alter Priester aus dem alten Ägypten ! Nenne mich hinfort nicht mehr Mumie , sondern wie sich ' s gebührt . Ich habe fünf Jahrtausende durchlebt - und den größeren Teil dieser Zeit als Geist durchlebt . Da werde ich die Welt und das Leben doch wohl kennen gelernt haben . « » Mitnichten , « erwiderte gelassen der Baumeister , » und wenn Du fünf Millionen Jahre durchlebt hättest , Du wärest ebenfalls noch nicht so weit , um Welt und Leben ganz durchschauen zu können . Warst Du vielleicht vor zwei Jahrtausenden im nahen Alexandria ? « » Selbstverständlich ! « brüllte der Priester . » Da hast Du wohl auch , « fuhr der Andere fort , » die Skeptiker kennen gelernt , die da auseinandersetzten , daß wir nur Sinnbilder der Welt - diese selbst aber nicht zu erkennen vermögen . « » Ach , darauf willst Du hinaus ! « rief nun wieder lachend die Mumie , » wenn Du mit so alten philosophischen Scharteken ankommst , so wirst Du mich nicht aus dem Text bringen . Wenn wir gar nicht raus können aus unsern Sinnbildern , wie ' s die Skeptiker behaupten , so ist ja dieses famose Sinnbilderdasein erst recht ein Jammerdasein - dann können wir doch erst recht kein Loblied auf unser irdisches Gefängnis singen . Diese schwarze Käseglocke , unter der wir hier sitzen , verdient es eben nicht , daß wir sie Himmel nennen , nicht wahr ? Durch die paar hellen Löcher , die Ihr da oben Sterne nennt ,