; das Gold windet sich in Schlangenlinien hin und her - gekörntes Gold , blankes Gold und getriebenes Gold . » Das sind natürlich lauter bewegliche Sternriesen ! « erklärt die Liwûna . Die Goldkuppel ist von hellblauen und dunkelblauen Zackenringen umrändert . Die Ränder sind aber breit . Ein Kranz von kleineren spitzen Silbertürmen umzäunt die Zackenringe . Um diesen Mittelpunkt sind nun hellgrüne und dunkelgrüne Riesenwürfel herumgestreut - die liegen wie Steinfelder da - bilden aber gleichfalls einen regelrechten Ring - einen so breiten allerdings , dass es schwer fällt , ihn als solchen zu überschauen . Und um die grünen spitzen- und kantengrossen Würfel hat sich ein breiter grüner Wolkenring gelagert . Der Wolkenring ist im Innern sehr unregelmässig und zeigt viele tiefe Thäler , in denen das Wolkengrün beinahe schwarz erscheint . Und ganz breite funkelnde Glastürme ragen auf allen Seiten hinter den grauen Wolken in den Nachthimmel hinauf . 7Und die Glastürme sind ganz hell , als wären sie sämtlich innerlich erleuchtet ; an den vielen rechteckigen Kanten der Türme funkeln die Regenbogenfarben wie an Brillanten . Kaidôh kann nicht über die Türme hinüberschauen ; sie steigen alle rechteckig als breite Massen auf , die sich oben nicht verjüngen ; sie tragen auf ihrer ganz stumpfen Spitze auf ganz flachem Dach unzählige kleinere Türme , die wie Schornsteine aussehen und noch stärker funkeln , als die breiten rechteckigen Türme , die das Grundgemäuer bilden . Kaidôh schwebt noch schneller aufwärts - immer höher und höher . Der Mittelpunkt - das sieht er nun ganz deutlich - leuchtet in seinem eigenen Licht . Die goldene Mittelkuppel leuchtet wie heftige Sonnen . Milder leuchten die blauen Zackenringe und ganz milde die grünen Würfel ; die silbernen Türme zwischen beiden glimmen nur so wie Phosphor im Dunkeln . Die grauen Wolken erhalten ihre Helligkeit von den grünen Würfeln und den Glastürmen . Die ungeheuren Lichtmassen erscheinen in ihrer Wirkung so klein , da die Entfernungen so furchtbar gross sind . Und Kaidôh gelangt allmählich in so ferne Höhen , dass er auch über die Glastürme hinwegsehen kann . Und hinter den Glastürmen sieht er nun einen runden Reifen von gewaltigen Pyramiden - ein Diadem von gelben Topasen und lilafarbigen Amethysten , die sich abwechselnd folgen . Das Pyramidendiadem liegt weit hinter den Glastürmen . Und der Pyramidenring wird wieder von Perlenfeldern umrahmt . Es sind aber schwarze sehr höckrige Perlen , zwischen denen vereinzelt wie Thränentropfen kugelrunde rosafarbige Perlen schimmern . Und Kaidôh schwebt noch höher und empfindet das Ganze als grossen Tortenstern . Hinter den schwarzen und roten Perlen recken sich aber noch in der Runde in regelmässigen Abständen sieben weisse Zungen vor , deren lange lange Spitzen hoch aufragen - wie die Spitzen der Schnabelschuhe . Die spitzen Zungen sind weiss wie weisser Sammet und übersäet von vielkantigen dunkelrot glühenden Granaten ; das Weisse herrscht aber wie Schnee leuchtend vor - so viele Granaten sinds nicht . Neben den Zungen ist tiefschwarze Nacht ohne Stern . Ein siebenzackiger Tortenstern liegt unter Liwûna und Kaidôh . Von den Glastürmen sind nur die Kappen der balkenförmigen kleineren Türme zu sehen - die sprühen aber ihr buntes Licht in Scheinwerfern durch das Wolkenreich , sodass das auch zuweilen ganz bunt wird - bunter als alles Andre . Der Wolkenring wechselt jetzt immerzu die Farbe - öfters ist er schwarz und weiss gestreift . Auf den Spitzen der sieben weissen Schnabelzacken sitzen wie feine hohe Federsträusse blutrote Kometenschweife . Durch die hochaufragenden weissen Schnabelzungen mit den weit hinaus ins Weltall steigenden Blutkometen erhält das ganze Tempeldächerreich von oben gesehen die Form einer seltsamen Himmelsblüte . » Du hast wohl schon , « sagt Liwûna , » ganz und gar vergessen , dass du das Gewaltigste suchtest - nicht so , Kaidôh ? Du wolltest dich mal mit dem Unnennbaren , der alles ist , vereinen . Das liegt nun hinter dir , nicht wahr ? Du musst nicht so masslos in deiner Gier sein . Verbinde dich doch mit dieser Himmelsblüte ! « Kaidôh sieht die Tempeldächer noch lange an , lässt das Gold und das Silber , das Blau und Grün , die Würfel , Perlen , Pyramiden , Kometen , Granaten und die Wolken mit den bunten Glaslichtern so recht fest in seinen Augen wirken und erwidert dann langsam : » Diese Himmelsblüte ist ein grosses Glanzwunder - aber sie umschliesst nicht alles . Sie zeigt die Mannigfaltigkeit der Welt in sehr stark vereinfachter Form mit vereinfachtem Farbenspiel ; durch Regelmässigkeit ist alles vereinfacht . « » Die Welt ist , « spricht da hart die grosse Liwûna , » so entsetzlich grossartig , dass sie selbst von Sternriesen nur in einem vereinfachten Sinnbilde zu erfassen ist . Bedenke nur , was schon alles aus der blossen Vermischung von Farben und Formen entsteht . « » Ich empfinde , « fährt nun Kaidôh fort , » diese Tempeldächer als Bestandteile von Häusern . Und alles Hausartige hat für mich etwas Schneckenartiges . Dass selbst Sternriesen noch des Hauses bedürfen , verkleinert sie in meinen Augen um ein ganz Beträchtliches . Ich liebe es - ganz frei im All zu sein - ohne beengende Kräfte , die uns doch bloss die Aussicht ins All - ins Ganze - versperrt . Ich will nun mal im Ganzen aufgehen - und nicht in neuen Kapseln . Und daher fürchte ich , dass ich selbst dann , wenn ich mich mit dieser Himmelsblüte unlöslich für ewig verbunden hätte , genau dieselbe Sehnsucht haben könnte - wie bisher . « Nach diesen Worten ist es still im weiten All . Dann aber hört Kaidôh ein donnerndes Lachen neben sich . Und er fragt verwundert : » Kann Liwûna lachen ? « Doch das Lachen tönt so laut , dass seine Worte von dem Lachen verschluckt werden . Und während des fortwährenden Lachens neben sich wird die Himmelsblüte kleiner und kleiner - ziemlich rasch . Kaidôh steigt noch schneller empor . Ihm ist dabei so , als drückten tausend Bleiwelten auf seinen breiten Rücken . Und bald ist die Himmelsblüte nur noch ein bunter funkelnder Lichtpunkt , der sich allerdings sehr scharf von den andern weissen Sternen , die schmale ovale Form haben , unterscheidet . Das Gelächter verhallt nach allen Seiten - geht unter in fernen Echos - die so bellen - wie Hunde bellen . » Ist das deine Sehnsucht , die da so bellt ? « Also fragt neben Kaidôh eine spitze Stimme , er sieht aber seine Liwûna nicht neben sich und fragt traurig : » Ist Liwûna fort ? « Und er hört die spitze Stimme sagen : » Die Liwûna ist doch deine Sehnsucht « . Gleichzeitig merkt er einen Druck oben auf dem Kopf - und er fliegt mit dem Kopfe vorn gradaus wie eine Lanze . So blitzschnell gehts , dass ihm viele Kopfhaare ausgerissen werden . Die schmalen ovalen Sterne , die so weiss sind wie weisse Greisenhaare , fliegen klingend rechts und links an dem grossen Kaidôh vorbei - wie Schneeflocken im Sturm . Und er kommt in ein andres Reich , in dem ganz andre Weltgebilde leben . Die Luft ist da heiss und flimmert - als flatterten überall kleine weisse Flügel . Die Helligkeit der ganzen Gegend nimmt immerfort ab und zu - ab und zu - als flackerten grosse Lichter kurz vorm Erlöschen noch einmal mit aller Wildheit rauf und runter - rauf und runter . Es lebten in der heissen Luft lauter geflügelte Drachen mit weiss glühenden Lichtleibern . Die Drachen schwebten nur so schnell dahin - wie weisse Glanzlichter auf Wasserwellen . Die weissen Flügel zitterten und die weissen Lichtleiber ebenfalls - und zwar so heftig , als befänden sich die Lichtdrachen in zuckenden Lichtkrämpfen . Ohn Unterlass ging ein zitterndes Wetterleuchten durch die heisse Luft . Zuweilen sahs aus , als bestünden die Tiere nur aus weissen Nordlichtern ; weissglühende Strahlensplitter flogen wie Pfeile hin und her . Zuweilen spannten sich zackige Regenbogen aus Gelb und Olivgrün durch die ganze Himmelsgegend ; die vergingen immer wieder so schnell - wie sie vorkamen . Und alle diese fabelhaften Gestalten , deren Formen sich fortwährend veränderten , hatten nichts Körperhaftes , denn sie gingen alle blitzschnell durch einander durch , ohne sich zu schaden - als wären die weissen Lichtgestalten nur Schattengeister . Und Kaidôh sauste - immer mit dem Kopfe voran - durch diese zuckende Glanzwelt durch und kam in eine Feuerwelt hinein . Da loderten tausend rote , blaue und grüne Flammen knisternd , knackend und knallend nach rechts und nach links . Und die bunten Funken stoben empor und wirbelten mit rasenden Feuerstürmen in Kaidôhs Gesicht , dass der zusammenschrak . Ein blauer Funkenpolyp tanzte wie ein Hampelmann dem grossen Kaidôh voran , als wenn er ihm den Weg durch das Flammenreich weisen wollte . Der blaue Funkenpolyp sprach in knirschenden Lauten , während ihm immer mehr blaue , Funken sprühende Glieder aus Brust und Hinterkopf herauswuchsen : » Fürchte dich nicht , mein tapfrer Kaidôh ? Ich bin deine tapfre Liwûna und führe dich ! Ich bin ja immer dein Führer gewesen . Gefällt es dir hier ? Ist dir diese Feuerwelt masslos genug ? Du bist ja immer die verkörperte Masslosigkeit gewesen - demzufolge musst du dich doch hier wie zu Hause fühlen . « Und der Funkenpolyp platzte knisternd auseinander und ging auf in der Flammenwelt . Doch die Flammen wurden plötzlich alle blau . Und Liwûna rief : » Siehst du nicht , dass ich jetzt grösser geworden bin ? Ich bin jetzt eine blaue Feuerwolke . « Und die Feuerwolke ballte sich zusammen und erhielt die Form eines Igels ; die blauen Stachel waren Stichflammen . Die Flammenstachel leuchteten wie brennender Schwefel . Der Igel sagte : » Jetzt bin ich aufgegangen in dieser Feuerwelt . Das ist so gut wie ein Tod und eine Auferstehung . Das ist ein Beitrag zur Geschichte vom seligen Ende . Es kommt immer noch was nach . Man vereint sich nicht so ohne weiteres mit dem grossen Ganzen ; man vereint sich immer bloss mit dem Grösseren und wird dann was Andres . So bin ich jetzt ein blauer Feuerigel geworden . So kann sich deine Sehnsucht verwandeln , die mal vor langer , langer Zeit einem Weibe nicht ganz unähnlich sah . Und deine Sehnsucht wird sich noch recht oft verwandeln . Und jedes weitere Ende wird auch gleich wieder ein seliger Anfang sein . Es ist eben alles endlos in der endlosen Welt - auch die Anzahl der Verwandlungsgeschichten , in denen sich das ganze Leben offenbart . Wie also sollte es eine endgültige Vereinigung mit dem All geben ? Es giebt eben unendlich viele Vereinigungen mit immer grösseren Stücken vom All . Die Stücke werden aber nicht einmal die Unendlichkeit ausfüllen - in der giebts schon kein Ende . Entschuldige , dass ich beim Reden auch kein Ende finden konnte . « Mit diesen Worten sank der blaue Feuerigel , während seine blauen Flammenstachel glitzerten wie lachende Email-Gesichter , in die Tiefe . Und Kaidôh flog , als wäre durch den Fall ein luftleeres Weltloch geschaffen , so schnell mit dem Kopfe gradaus und im Bogen hinunter , dass ihm Hören und Sehen verging und er zu sterben vermeinte . Er aber war bloss in eine märchenhafte Gaswelt geraten und kam gar bald wieder zu sich . Er hatte jedoch die Empfindung , in der Gaswelt auf dem Kopfe zu stehen oder mit dem Kopfe vorn runterzufallen ; begreiflicher Weise fühlte er sich dadurch sehr beunruhigt . Er versuchte , die Arme , die immer noch steif an seinen beiden Körperseiten hafteten , abzuschieben ; seine beiden Fäuste waren noch immer fest zusammengeballt . Das Abschieben der Arme schien allmählich zu gelingen . Unzählige bunt schillernde Blasen flogen um Kaidôhs Kopf , und die Form der Blasen veränderte sich unablässig ; bald waren sie schlauchartig , bald kantig , bald becherförmig und bald wie Fliederblüten . Kaidôh konnte den ewigen Verwandlungen nicht mehr folgen . Die Gasmassen gingen immer durch einander durch , ohne dass ihre Art dabei beeinflusst wurde . Kaidôh sagte : » Das sind wohl gar keine Gasmassen . « Oft schossen alle diese Welten in einen helleren Mittelpunkt und bildeten da ein funkelndes Kaleidoskop , das dann plötzlich wieder mit dumpfem Gepuff auseinanderflog . Und unzählige Kometen , die aus festeren Luftstoffen zu bestehen schienen , schwirrten ausserdem noch überall durch . Die Kometenschweife waren häufig so lang , dass sie die ganze Gegend als Glanzstriche durchquerten . Ein paar sehr heftige Kometen drehten sich so rasch um sich selbst , dass sie währenddem grossen Lichtscheiten glichen und für Augenblicke alle Aussicht versperrten . Und Kaidôh flog kopfüber durch alle diese Welten durch und glaubte , in einen endlosen Abgrund gestürzt zu sein ; es gab gar kein Halten . Da dringt ein Flüstern an sein Ohr , und er hört wieder die Liwûna sagen : » Jetzt bin ich eine geflügelte Eidechse und durchsichtig wie reines Wasser . « Und er sieht die Eidechse vor sich - durchsichtig ist sie wie Wasser - ihre Flügel aber sind so fein und zart , dass sie nur so wie Schatten hin- und herpendeln - wie ganz hellgraue Schatten . Und die Liwûna sagt leise , während sie mit einem ihrer kühlen Molchfinger Kaidôhs Ohr berührt : » Sieh da drüben das grosse Heer von himbeerroten Gasbällen - die sind drollig ! Die werden dir was erzählen . Höre nur zu . Du wirst sie verstehen ! « Und Kaidôh hört , wie sie ganz deutlich im Chore sagen , während kleinere himbeerrote Bälle aus ihren Vulkanen herausspringen : » Wir lassen immerfort neue Weltbälle entstehen . Aber untergehen thun die nicht . Sie verwandeln sich wohl - das bringt sie aber nicht um . Der Tod ist uns gänzlich unbekannt . Wir müssen uns sehr wundern , dass die Artveränderung in anderen Weltwinkeln durch das sogenannte Sterben vor sich geht . Wir kennen so was gar nicht . Und daher haben wir auch nicht die geringste Sehnsucht nach einer Auflösung . Die Veränderung unsres Wesens geht ja immerzu vor sich - sogar ohne unser Zuthun . Das Erzeugen neuer Weltgestalten ist uns schrecklich geläufig - aber das Vernichten und Vernichtetwerden wird uns wohl für alle Zukunft ein Rätsel bleiben . Es schadet das nicht . Es giebt ja so viele Rätsel . « » Da hörst du es ! « ruft die Eidechse vor Kaidôhs Augen . Die himbeerroten Gasbälle , aus denen fortdauernd kleinere Gasbälle vorspringen , rollen puffend und piepsend an Kaidôh vorüber ; und eine Kometenjagd schiesst ihnen nach . Die Kometen ähneln schaumartigen Silberkronen und sausen bald so schnell dahin , dass Kaidôh schliesslich den ganzen Himmel nur mit dickeren und dünneren Silberstreifen durchzogen sieht . Liwûnas Eidechsenleib reckt sich und schrumpft zusammen - ihre Flügel sind bei dem scharfen Silberlicht unsichtbar geworden . Die Kometen sind jedoch nach kurzer Frist verschwunden , und Kaidôh stürzt weiter kopfüber in einen riesigen Trichter , dessen Wanderungen aus ungezählten krallenartigen Gaspolypen bestehen - das sind unheimliche krötenbunte Sternwelten mit sehr vielen Radaugen , deren Speichen wie Phosphorquellen gleissen . Kaidôh stürzt immer mit dem Kopfe voran nach unten und sieht , dass lange , zappelnde Polypenarme ihn umhalsen , und fühlt sich um sich selbst gedreht , grässlich rasch , und glaubt wieder , seine Todesstunde sei gekommen . Und er will noch sehen , und er will noch hören . Er sieht aber nur , dass alle diese Gaswelten mit den krötenbunten , zappelnden Krallen auf ihn eindringen , dass er glaubt , ersticken zu müssen . Und er hört in seinen Ohren eine fremde Stimme - die tönt wie lauter kleine Silberglocken : » Leben heisst : vorhersterben . Sterben heisst : vorherleben . « » Was vorherleben ? « fragt Kaidôh . » Das nächste ! « tönt es wider . Kaidôh denkt , ein Ungeheuer naht . Er sieht was auf seiner Nase - ein dickes , schwarzes Tier ist es - mit zwei langen durchsichtigen Hörnern . Das Tier sagt : » Ich bin Liwûna ! Und ich werde dich wieder in die richtige Lage bringen . Ich kann mich auch in kleinere Weltstücke verwandeln . Ich kann alles . Erkennst du nun , wie vielgestaltig deine Sehnsucht ist ? Deine Sehnsucht ist wirklich nicht in einem fort sehr gross . Bilde dir das nicht ein . Ich werde nun zur Dampfwolke werden . Pass auf ! « Und Kaidôh sieht und fühlt plötzlich lauter heissen , weissen Dampf um sich . Er bemerkt , dass seine Fäuste schon weitab von seinen Körperseiten sind . Und er nimmt wahr , dass seine Beine mit grosser Schnelligkeit durch die Welt fliegen , während sein Kopf stille steht . Und der grosse Kaidôh hat die Empfindung , seinen Kopf wieder oben zu haben . Und da sieht er ganz vergnügt in die Dampfwolken , die auf und abwirbeln - und Liwûna sind - was ihm unbegreiflich zu sein scheint . » Sollte meine Sehnsucht ebenfalls unbegreiflich sein ? « Also fragt er sich selbst . Und er hört aus den Wolken ein tausendstimmiges ' Ja ! ' erschallen . » Das klingt ja so , « ruft er nun erstaunt , » als wenn Liwûna aus unzähligen Wesen bestände . Ist meine Liwûna in der Mehrzahl da ? « Und wiederum tönt ihm das tausendstimmige ' Ja ! ' um die Ohren . » Was ist verständlich in dieser Welt ? « Also fragte flüsternd Kaidôh - der Riese . Und es wurde so kalt in dem weissen , heissen Dampf , und er sagte zusammenschauernd : » Nur Narren denken über alles nach . « Er wollte nicht mehr nachdenken . Die Dampfwolken verzogen sich langsam , und ein gelbes , grelles Licht drang körperhaft wie Wasser von allen Seiten rieselnd auf ihn ein . Und er fühlte wieder wohlthuende Wärme . Weiche Tropfen betupften seine Haut , sodass er wieder staunte - denn er hatte lange nicht so deutlich seine Haut empfunden . » Du bist mitten in einer grossen Gassonne . « So rief ihm zischend wieder mal eine Stimme zu , die er einmal gehört hatte . Und er sah einen Schlangenkopf vor sich - der sprach kalt und lachend : » Liwûna ist zur Knotenschlange geworden . « Und er fühlte , wie ihr hellgrüner , ungeheurer Schlangenleib mit den vielen Knoten sich um alle seine Glieder wand und nur die Arme und den Kopf freiliess . In Liwûnas hellgrünem Schlangengesicht war die Schlangenhaut so fein , dass Kaidôh die schwarzen Adern deutlich unter der Haut sehen konnte ; er sah in den Adern das schwarze Blut dahinströmen wie wilde Wasserfälle ; er unterschied sogar weisse Schaummassen in den schwarzen Fluten . Die Schlange sagte ruhig : » Du hast gehört und hast gesehen , dass ich in sehr vielen Gestalten dir erscheinen kann . Ich kann dir in unendlich vielen Gestalten erscheinen . Wenn deine Liwûna das schon kann , denkst du da , dass grosse Sterne das nicht auch können ? O ja - sie können das . Jedes Stück Welt erscheint anderen Sinnen anders . Da das Erscheinen aber ein Sein ist , so ist jedes Stück Welt auch immer wieder etwas andres , in jedem Augenblick - zu gleicher Zeit das Eine und auch alles Andre - alles , was es scheinen oder sein kann - ist es auch immer . Und was vom Stück gilt , wird wohl vom Ganzen erst recht gelten . Auch der Allgeist ist nur in unendlich grosser Mehrzahl zu denken . Und mit einem so unbegreiflich grossen Geiste willst du dich vereinen ? Weisst du , wie dein massloser Wunsch zu behandeln ist ? Ich dächte , Du könntest dir die Frage selber beantworten . « Kaidôh sah , dass Liwûnas Schlangengesicht immer wilder blickte , ihre zwei grossen Augen wurden ganz weiss und traten weit vor . Die schwarzen Adern schwollen heftig an . Und der Riese Kaidôh hatte ein Gefühl , als würde ihm der ganze Rumpf durch den Schlangenleib vom Kopf getrennt - er fühlte seinen Rumpf nicht mehr - und glaubte , nur noch Kopf zu sein und weiter nichts . Und ihm gingen die Gedanken ganz und gar durcheinander , und es befiel ihn plötzlich eine zuckende Angst - Angst vor dem Wahnsinn . Und er rief laut : » Liwûna ! Liwûna ! Ich will nicht mehr das Ganze . Es ist zu gross . Es ist zu viel . Ich will nur einen Teil - nur ein Stück von der Welt . Ich will nicht mehr das Gewaltigste . « » Was willst du also ? « fragte die Liwûna rauh . » Ich will , « erwiderte der Kaidôh scheu , » eine vereinfachte Welt . Und mit der will ich zusammen eins werden . « Und Kaidôh fühlte wieder seinen Rumpf unter sich - aber seine Fäuste schienen ihm noch weiter entfernt zu sein - seine Arme standen steif im rechten Winkel zum Körper . » Eine einfache , gewaltige Stunde ! « Also schrie Kaidôh in grässlicher Angst . Und die Kartenschlange verschwand . Alles wurde dunkel . » Ich will sterben , « flüsterte der grosse Riese , » denn das Leben ist zu schwer zu ertragen . Der rasende Wirrwarr ist zu gross . Man verliert zu oft den Kopf , und alles wird sinnlos . Und ich sehne mich doch nur nach der gewaltigen Stunde - und die finde ich doch nur - wenn ich sterbe . « Seine letzten beiden Worte klangen dumpf hallend durch die Finsternis , und ferne Echos riefen höhnisch zurück : » Ich sterbe ! Ich sterbe ! « Und er fliegt lange dahin , ohne jeden Gedanken - in der Finsternis . Dann aber fühlt er , dass er nur mit Mühe weiter kann . Er muss stehen bleiben . Er versucht , die Fäuste aufzumachen und die Finger auszuspreizen , als wenn er Halt suchen möchte - da er ja keinen Boden unter den Füssen fühlt . Und er kann die Fäuste aufmachen ; es geht so ganz allmählich . Und ihm ist so , als hänge er in der Finsternis . Und er weiss nicht , wo er ist . » Ich wusste , « sagt er , » allerdings niemals , wo ich war . Das weiss ja keiner . Daran muss man sich gewöhnen . « Winde pfeifen um seine Ohren . Und bald braust ein Sturm heulend durch die finstre Welt . Es dröhnt in der Ferne , als würden gewaltige Schlachten geschlagen , und es knattert , als platzten grosse Granitsterne entzwei . Und dazu pfeift es gellend in keifenden , hohen Tönen . Und es knallt und faucht und stöhnt und rasselt . Und es knistert , als flögen brennende Funken durchs All . Und dann bricht was Grosses zusammen , dass Milliarden Scheiben durcheinander splittern . Und bei alledem ist es stockfinster . Und dem Kaidôh wird das Sturmgetöse unerträglich , er ruft weich : » Liwûna ! Das ist zu viel . Mach den Sturm einfacher ! Mach ihn zur Musik mit Melodien , denen ich folgen kann . « Und der Sturm wird zur Musik mit langen , weichen Tönen . Unzählige Geigen erklingen und wiegen sich und schaukeln sich und schwirren , und die Töne dehnen sich aus und schwellen an und jubeln auf und klagen und summen und ziehen wieder hinaus in die Ferne in langen Zügen - in die Unendlichkeit hinein . Und Kaidôh wird von so vielen Empfindungen bestürmt , dass er sie nicht auseinanderhalten kann , und unter dem Wirrwarr der Empfindungen ebenso leidet wie unter dem rasenden Sturmgepolter . Der grosse Riese glaubt , die Musik wolle die Unendlichkeit auflösen , er aber kann alles Unendliche nicht mehr ertragen . Er flüstert wieder wie zu sich selbst : » Auch das ist zu schwer für mich ! « Und dann sagt er , wie die Geigenwinde immer weiter anschwellen und ihn immer weiter fortzuziehen suchen : » Liwûna , gieb Worte dazu ! « In der dunklen Ferne sieht er einen langen , dünnen Stab - gebildet aus lauter blutroten Rubinen - auf-und niedersteigen - auf- und niedersteigen - wie ein Taktstock . » Das ist ein Scepter ! « hört er die Liwûna neben sich sagen . Er wundert sich nicht , dass sie das neben ihm sagt , während doch das Scepter so weit weg ist . Er will nur noch Worte hören . Und er hört Worte . Viele Männerstimmen singen . Das Erste versteht er nicht - es ist ein vielstimmiger Gesang - und sehr gedämpft ist er . Wie sie aber lauter singen , versteht er - diese Verse : Wir mussten neulich so furchtbar lachen : Ein Alter sprach so voll Herzeleid ; Er wollte die herrlichsten Verse machen Zum Lobe der tiefen Unendlichkeit . Ihm aber gelang nicht das kleinste Gedicht , Und dazu schnitt er noch ein Gesicht , Als wenn die Unendlichkeit böse wär . Ach Alter , wo kamst du eigentlich her ? Mach dir doch nicht das Leben so schwer . Was machst du bloss für Sachen ? Man muss ja so furchtbar lachen . Die Geigen summen weiter , doch die Töne schliessen sich nicht mehr zu Melodien zusammen . Liwûna sagt : » Du hörst nur Kopfnaturen in der Finsternis . « Kaidôh denkt an die schlafenden Sternriesen und findet es seltsam , dass er selbst so lange ohne Schlaf durch die Welt schwebte . Er vergleicht das Sterben mit dem Einschlafen , wird aber durch ein Trompetengeschmetter aufgestört . Helle Hörnerklänge jubeln dazwischen . Die Geigen sind nicht mehr zu hören . Mit einem Male wirds still , und tiefe Männerstimmen sprechen im Chor : Diese ganze Welt ist nur sein Alltagsmantel , Und wir alle sind nur schlechter Zwirn . Tausend Echos hallen die Worte auf allen Seiten wider . Und es erklingen helle Glocken in einer lustigen Klimpermelodie . Dem Kaidôh kommt das Geklinge so bekannt vor . Tiefe Frauenstimmen singen dazu : Du kannst die ganze Welt verstehen , Wenn du vermagst , sie schweigend anzusehen . Doch rufst du dabei mal : Ich habs ! So kriegst du einen derben Weltenklaps . Kaidôh will lächeln , denn er sieht ja nichts . Er bleibt finster . Die Glocken verstummen . Eine tiefe Bassstimme , die so knarrt , spricht vertraulich in Kaidôhs nächster Nähe : Umfangreich sind die Weltengräber , Aber wen verblüfft das noch ? Jeder schneidige Alldurchstreber Findet unten doch ein Loch In dem grossen Grabestrichter . Es bleibt nach diesen Worten ein fernes Brummen , wie von Bienenschwärmen in der Finsternis , und Kaidôh denkt wieder an den Schlaf und möchte träumen . Und er träumt von weiten Wunderländern , die er noch nie gesehen hat , und ihm ist plötzlich so , als offenbare sich ihm plötzlich das ganze Allwesen , und es durchrauscht ihn ; es wird ihm alles so klar - traumklar . Da weckt den Träumer ein zwitscherndes Flötengedudel , und lachende Kinderstimmen singen zu den Flötentönen : Gross ist das Weltensein ! Alles gehört hinein . Gestern noch kam ein Kind , Schrie wie ein wilder Wind , Pries den ganzen Weltenlauf , Blies sich dabei drollig auf , That , als läge jede Note Fein seciert auf seiner Pfote , Und sprach von einem Wunderland , Das allen Wesen unbekannt , Als wärs fürwahr sein Vaterland . Wir sagten : So - so - so ! Du bist recht zauberfroh ! Und das Jenseits war seine Mütze , Das Bekannte nannte er Pfütze . Kindchen , lass das Schreien bleiben , Sonst wird dich ein Floh vertreiben . Und die Flöten dudeln - und entfernen sich nach allen Richtungen . Es steckte eine Marschmelodie in den Versen . » Köpfe können doch nicht marschieren ! « sagt Kaidôh . Er wagt es nicht , noch einmal zu träumen . Tiefe Frauenstimmen sprechen im Chore : Dunkel bleibt uns immer was . Doch es giebt ein Träumen Ueber allen Räumen . Nachdem die Echos auch diese Worte lange nachgehallt haben , ist das Bienengebrumm abermals zu hören . Es wird etwas heller . Dumpfe Pauken dröhnen in der Ferne , und Trommeln rasseln wie Ketten , und zu dem Getöse singen viele Stimmen schreiend durcheinander : Jede tolle Narrenpein Wird ja wohl notwendig sein . Diese Verse werden siebenmal wiederholt , und die Stimmen - es sind lauter Knabenstimmen - schreien jedesmal lauter , sodass der Gesang schliesslich zum Gekreisch wird , das schliesslich in Gewimmer umkippt und dann plötzlich weg ist . Und nun wirds allmählich hell . Und Mondlicht umfliesst den grossen Kaidôh . Es wird so still , dass Kaidôh sein Herz klopfen hört . Mit weit ausgebreiteten Armen dreht sich der Riese langsam um sich selbst . Und er sieht in der Runde in sieben tiefe Schluchten , in denen Nebelschatten geisterhaft auf und nieder gleiten . Im Mondenschein glänzen die Nebel wie bewegte Schleiergebilde - wie geisterhafte Rauchgewänder . Hier ist alles so ruhig wie auf einem Friedhof . Zwischen den Schluchten liegen grosse Bergnasen im hellen Mondenschein - Gletscher , die aus unzähligen Sternen bestehen . » Ich fürchte vielleicht doch nur das Stille ! « flüstert Kaidôh , und seine Augen irren über die Mondscheinpracht , und er geht auf in dieser Glanzwelt , in der die Geheimnisse des ganzen Alls zu schlummern scheinen . Er vergisst sein ganzes Leben . Und nach einer Weile spricht er fragend : » Die gewaltigen Stunden des Lebens - sollten sie immer stille Stunden sein ? « Die Bergnasen sind ihm so nahe . Und nun sieht er die Gletscher in zitterndem Zauberschein -