denn im Grunde war es ihr sehr peinlich , mit Herrn Schmittlein so ohne weiteres in eine Konditorei gegangen zu sein . » Also die Schweine . Und was noch , Fräulein Lottchen ? Hätten Sie nicht - dürfte ich nicht - ? « » O nein , bitte « , gab sie erschreckt zurück . » Also die Schweine « , wandte er sich an den Verkäufer , » und ein Päckchen Chokolade . Die kann Tante kochen , wenn Sie wieder zu uns kommen , Fräulein Lottchen . « Er war gerade im Begriff , den Einkauf zu bezahlen , als ein neuer , noch weit heftigerer Windstoss gegen die Ladenthür prallte und eine förmliche kleine Schneelawine gegen die Scheibe drückte . » Jetzt können wir unmöglich hinaus « , entschied er . » Kommen Sie , Fräulein Lottchen , wir setzen uns daneben ins Zimmerchen und warten das Wetter ab . Und da es schrecklich kalt und ungemütlich hier ist « , fügte er halblaut hinzu , » werden wir ein Glas Grog trinken . « Er machte die Bestellung und schritt dann mit seiner Begleiterin unter einem braunen , staubigen und verschlissenen Lamberquin fort , in das kleine Zimmer nebenan . Lotte sträubte sich anfangs heftig , sich zu setzen oder gar ihr Jacket abzulegen . Es bedurfte all ' seiner Ueberredungskunst , um sie davon zu überzeugen , dass es absolut kein Staatsverbrechen sei , wenn sie ein halbes Stündchen zusammen verplauderten , bis das ärgste Wetter vorüber war . » Aber der Grog ? « » Ein vortreffliches Präservativ gegen Erkältung . « Und dabei zog er sie fast mit Gewalt auf einen Stuhl neben sich nieder , und ihre beiden Hände ergreifend , sah er sie flehend an . » Wollen Sie mir denn niemals einen Gefallen thun , Fräulein Lottchen ? Sie sehen ja doch , wie viel mir daran liegt , einmal ein Stündchen mit Ihnen allein zu sein ! « Langsam schlug sie die gesenkten Lider zu ihm auf . » Wenn das - wenn Ihnen wirklich daran liegt - ? « » Und das fragen Sie noch ? Haben Sie es neulich nicht gefühlt , wie sehr die Gegenwart Ihrer Schwester auf mir gelastet hat ? Ich war an jenem Abend gar nicht mehr ich selbst . Ein mürrischer Geselle war ich , weil ich Sie nicht allein haben konnte , und alles , was mir auf der Seele brannte , in mich verschliessen musste . Heut aber sind wir allein . Heut darf ich Ihnen alles sagen , alles lesen , was ich Ihnen neulich weder sagen noch lesen durfte . « Lottchen war plötzlich so beklommen zu Mute , dass sie kein Wort herausbrachte . Zum Glück kam jetzt der Aufwärter mit dem dampfenden Grog . Nachdem beide schweigsam ein paar Augenblicke in dem heissen Getränk herumgelöffelt , trank Lotte aus reiner Verlegenheit ein paar Schluck . Es schmeckte ihr gar nicht , aber der heisse Trank rann ihr doch wohlig durch die Glieder , und wie sie jetzt zu Gerhart Schmittlein aufsah , erschien es ihr plötzlich wirklich kein so grosses Verbrechen mehr zu sein , hier mit ihm zu sitzen . Im Gegenteil , sie war stolz darauf , dass ihm , dem zukünftigen berühmten Dichter an ihrer Gesellschaft lag , dass er sie zu seiner Vertrauten machen wollte , sie , das arme kleine Putzmachermädel , das in der grossen Riesenstadt Niemandem sonst etwas galt . Jetzt zog er das Heft , das er neulich Lenas wegen bei Seite gelegt hatte , aus der Tasche und legte es vor sich hin . » Liebes Fräulein Lottchen , ehe ich Ihnen aus meinen Gedichten vorlese , möchte ich , dass Sie einen Blick in mein Inneres thäten . Sehen Sie , Fräulein Lottchen , alles , was ich bisher durchlebt habe , und wovon Sie ja auch zum Teil schon durch die Tante wissen , ist mir nichts als eine Vorstudie zu dem Endziel , das ich mir gesteckt habe . Das besondere Programm , das mir zur Erreichung dieses Endzieles vorschwebt , würden Sie heute noch nicht verstehen , darum spreche ich Ihnen nicht davon . Noch sind Sie zu sehr eingewickelt in anererbte und anerzogene Vorurteile , um zu begreifen , wohin ich steuere . Doch denke ich , wenn wir gute Freunde bleiben , werde ich Sie erlösen und befreien , wie ich mich selbst - freilich zum Teil erst - erlöst und befreit habe . Wollen Sie sich von mir befreien lassen , Lottchen ? « Lotte verstand zwar kein Wort von alledem , aber wie Gerhart Schmittlein es mit leuchtenden Augen sprach , klang es ihr alles so gross und erhaben , dass sie in seine ihr dargebotene Hand einschlug und freudig die geforderte Zusage gab . Während er ihre Hand zwischen seinen plötzlich fieberheiss gewordenen Fingern festhielt , fuhr er fort : » Auch ich bin noch lange nicht so frei , so hocherhaben über das Alltagsgetriebe , wie ich es zu sein erstrebe , wie es meine Vorbilder sind . Sie haben Ibsen , Nietzsche , Tolstoj , Schopenhauer nicht gelesen ? « Lotte schüttelte ängstlich den Kopf . » Ich dachte es mir . Darum ist es , wie ich schon vorher betonte , schwer , ja unmöglich , Ihnen vorerst mein Programm zu entwickeln . Den Hauptparagraphen daraus wird Ihnen Ihr glücklicher , feinfühliger Instinkt vielleicht verständlich machen . Ibsen hat einmal das gewaltige Wort ausgesprochen : » Der stärkste Mann ist der , der allein steht « . Ich modle mir dies Wort als Lebensmotiv in ein anderes , geistesverwandtes um , das da lautet : Der stärkste Mann ist der , der frei ist , denn Freiheit ist Kraft . Diese absolute Freiheit , die der Kraft gleich ist , verlange ich für mich als Bürger in meiner Stellung zum Staat , als schaffender Künstler in meinem Beruf , als Mensch in der Liebe , und da , Lottchen , wäre ich denn auf dem Punkte angelangt , von dem aus Sie meine Gedichte werden empfinden und beurteilen müssen : dem Standpunkte der freien Liebe . « Lottchen sass da wie in der Hypnose . Sie wagte nicht , sich zu rühren . Wie gebannt hielt sie unter seinen heissen Worten , seinen heisseren Blicken still . Sie wusste nicht mehr , wo sie war , kaum noch , wer da zu ihr sprach . Sie fühlte nur eine alles bezwingende Macht über sich einbrechen , gegen die keine Fiber in ihr sich aufzulehnen wagte . Und nun setzte er sich näher noch zu ihr und , ihre Hand in der seinen , begann er , aus dem Buch zu lesen , von Dingen , an die Lottes keusche Seele nie zu rühren gewagt hatte . Sie verstand seine Dichtungen kaum zur Hälfte , aber die sengende Glut , die aus diesen freien Liebesliedern strömte , berauschte sie wie Haschisch . Tief drang das Gift ihr ins Blut , um so tiefer , je ahnungsloser sie es einsog . Tritte hinter ihnen schreckten sie aus ihrem Rausch . Gerhart Schmittlein schloss hastig das Buch , als der weissgekleidete Aufwärter nach ferneren Befehlen fragte . Ein unwilliger Wink machte ihn wieder verschwinden . Dann wandte er sich zu Lotte um . Ihre Hände fest in den seinigen pressend , sagte er beinahe atemlos : » Nun Lottchen ? « » Es ist gewiss alles sehr , sehr schön , aber ich - ich fürchte mich davor . « Er streichelte sanft ihre Hand . Etwas wie ein grosses Mitleid lag in seiner warmen Stimme . » Arme kleine Maus . Da sind sie ja , die Vorurteile , die engen , von denen ich sprach . Aber wir werden sie schon über Bord werfen und frei werden , frei - « Ihr bittender Blick verschloss ihm den Mund . Nach einer kleinen Pause sagte sie zögernd , denn sie hatte eigentlich das instinktive Gefühl , ihn damit zu kränken : » Und haben Sie nur solche Gedichte gemacht , gar keine andern ? « Er war nicht gekränkt , aber er sah sie mit humoristischer Ironie von der Seite an . » Doch , Fräulein Lottchen , als ich noch ein dummer Junge war und Liebe auf Triebe , Sonne auf Wonne reimte . « Er warf mit einer kleinen verächtlichen Bewegung den Kopf zurück . Lotte , sah traurig zu ihm auf . Dann begann sie zögernd noch einmal : » Es braucht ja nichts von Liebe und Triebe und Sonne und Wonne darin vorzukommen - aber ich dachte , ein Dichter wie Sie , Herr Schmittlein , - so ein einfaches , kleines Lied - so etwas , was man gleich begreift und versteht - « Die Thränen schienen ihr förmlich vom Herzen in die Kehle aufzusteigen . » Möchten Sie ein solches Lied haben , Lottchen ? « » O Gott , ja , Herr Schmittlein , wenn es nicht zu unbescheiden ist , darum zu bitten . Gleich nach Weihnachten ist Mutters Geburtstag . Mutter liegt so einsam in ihrem kalten Grab . Mir ist so bange , wenn ich daran denke . Ein gutes Wort möchte ich für sie haben , wie ich es fühle , aber nicht aussprechen kann . Sie sind immer so gut zu mir , Herr Schmittlein , Sie werden mich nicht auslachen , nein ? « Er streichelte sanft ihre Hand , die neben der seinen auf der Marmorplatte lag . In diesem Augenblick kam es ihm furchtbar brutal vor , dass er diesem sanften , keuschen , schüchternen Geschöpf seine wilden Lieder vorgelesen hatte . » Liebes Fräulein Lottchen - ich Sie auslachen ? Wie können Sie so etwas denken ? Gewiss mache ich Ihnen das Gedicht auf Ihrer Mutter Grab - nur weinen Sie nicht , bitte weinen Sie nicht ! Ich kann ' s nicht sehen , Lottchen , wenn Sie weinen . « Und er beugte sich sanft auf ihre gesenkte Stirn nieder und drückte seine Lippen auf diese reine weisse Stirn , mit einem Kuss , von dem in seinen Liebesliedern nichts zu lesen gewesen war . Lotte dankte Gott , dass Lena noch nicht zu Hause war , als sie , noch immer zitternd vor Erregung , eintraf . Ohne etwas zu geniessen , kleidete sie sich aus und legte sich zu Bett . Als Lena um halb elf kam , wollte sie sich erst schlafend stellen , aber Lena beugte sich so zärtlich über sie und fragte so fürsorgend , ob sie auch nicht krank sei , dass Lottchen es nicht fertig bekam , der Schwester etwas vorzumachen . Halb in den Kissen verborgen , damit Lena ihr heisses Gesicht nicht sehen sollte , gab sie zur Antwort , dass sie ein wenig Kopfweh habe , das sie schon verschlafen werde . » Und ich hätte Dir eine so hübsche Neuigkeit zu erzählen , von der Du nun gewiss nichts hören magst « , schmollte Lena , indem sie das Oberkleid ablegte . » Nein , nein , erzähle nur , wenn es etwas Hübsches ist , werde ich umso besser danach schlafen . « Und sie streckte Lena eine fieberheisse Hand aus den Kissen entgegen . Lena setzte sich auf Lottes Bettrand und begann ihr schweres dunkles Haar auszubürsten und in einen langen dicken Zopf zu flechten . Dabei kicherte sie leise vor sich hin . » Diesmal habe ich eine Einladung , Lotte , - Du bekommst einen Kuss , wenn Du rätst , bei wem ! « Lotte zerbrach sich den schmerzenden Kopf . Ausser Marie Weber wollte ihr niemand einfallen . Lena schüttelte sich vor Lachen , dass die schmale Bettstatt krachte . » Na , ich will Dir ' s sagen , aber Deinen Kuss bekommst Du nicht . Auf den Rücken kannst Du nicht mehr fallen , denn das hast Du vorsichtiger Weise schon vorher besorgt - also spitze die Ohren , das ist das einzige , was Dir noch zu thun übrig bleibt und höre : Ich bin zum ersten Feiertag bei Oberstleutnants eingeladen . « Sie betonte jedes Wort einzeln und setzte einen dicken Gedankenstrich zwischen jede Silbe . Lotte richtete sich nun doch in die Höhe und sah Lena ungläubig an . » Geh doch , Du machst Dir einen Witz mit mir , Lena . Dafür bin ich heut nun gerade nicht aufgelegt . « Lena packte die Schwester bei den Schultern . » Aber nein , aber nein . Du kannst mir ' s schon glauben . Heut in der Pause kamen die beiden Fräulein von Strehsen ganz feierlich an - die Bemerkung von damals , weshalb all ' ihre Brüder zum Militär müssten , wenn kein Geld dazu da sei , hat Fräulein Clementine , wie ich damals gleich vermutete , mir längst vergeben - und fragten , ob ich am ersten Feiertag abends ihnen das Vergnügen meines Besuches schenken wollte . Du siehst , Lotte , ich avanciere schneller als Du . « Dabei riss sie die Schwester an sich und küsste sie übermütig auf den Mund . Lotte seufzte , machte sich los und vergrub den heissen Kopf wieder in den Kissen , während Lena , das Ende ihres Zopfes zwischen den schimmernden Zähnen , lustig weitersprach . » Es wird nur ein kleiner Kreis beisammen sein - sonst könnte ich ja auch , der Trauer wegen , nicht hingehen . Ein paar junge Mädchen , zwei der Brüder , ein Kadett und ein Leutnant , und ein paar Freunde des Leutnants , simple Zivilpersonen . Ihr Vater , so habe Elisabeth , die zweite Strehsen , ihr erzählt , sei zwar sonst gar nicht für die Geselligkeit , aber zu Weihnachten werde allemal eine Ausnahme gemacht . Na , was sagst Du nun , Lotte ? « Dabei liess Lena , die inzwischen ihre Nachttoilette beendet hatte , ihren Zopf wieder frei , zog die Strümpfe von den flinken kleinen Füssen und schlüpfte neben Lotte unter die Decke ihrer eigenen schmalen Bettstatt . » Wenn die in unserem Nest zu Hause das hören , die platzen vor Neid . Bei einem wirklichen adligen Oberstleutnant , mit Leutnants , Assessoren und sonst noch was . « Lena zitterte förmlich vor Vergnügen . » Du , sag ' ' mal , Lotte , was zieh ' ich blos an ? Mein schwarzes wollenes so ohne ein bischen weiss sieht ganz abscheulich aus . Schwarz steht mir überhaupt scheusslich , Dir viel besser , weil Du helleres Haar und zartere Farben hast . Meinst Du , ich könnte einen weissen Umlegekragen und einen schwarz und weiss karrierten Shlips dazu nehmen ? « » Aber Lena , Muttchen ist doch kaum ein Vierteljahr tot ! « » Freilich - aber - schliesslich - hier wo das Niemand so genau weiss - und dann , ich muss Dir sagen , die schwarzen Kleider machen am Ende auch nicht die wahre Trauer aus . Bei uns hört man so manches , was in schwarzen Trauerkleidern gesündigt wird . « Lotte fühlte sich schwer getroffen . Was hatte sie selbst nicht heut auf ihr Gewissen geladen ! Sie dachte an die schwüle Stunde in der Konditorei und an Herrn Schmittleins Kuss . Gewissensbisse peinigten sie . Gewiss , wie viel schlimmer war das alles , als ein weisser Kragen und ein karrierter Shlips ! . Und während ihr wieder heisse Ströme durchs Blut jagten , als sie der vergangenen Stunden gedachte , sagte sie , ihren Kopf aufs neue vor Lena verbergend , kleinlaut : » Eigentlich hast Du recht . Nimm ruhig einen weissen Kragen und einen karrierten Shlips . Und nun bitte , lösch ' das Licht aus . Mein Kopf thut schrecklich weh . « Lena war im Umsehen eingeschlafen , während Lotte noch stundenlang in fieberhafter Erregung dalag . Sie konnte die wilden , heissen Worte in Gerharts Liedern nicht vergessen , den seltsamen Ausdruck nicht , mit dem seine Augen dabei auf ihr geruht hatten . Würde sie das alles jemals ganz verstehen lernen ? - Die vierzehn Tage bis Weihnachten gingen wie im Fluge dahin . Beide Schwestern hatten alle Hände voll zu thun . Neben den Berufsarbeiten sollten noch Weihnachtsgeschenke für zu Haus und gegenseitige kleine Ueberraschungen angefertigt werden . Und dabei kam Lotte nicht von der Stelle . Die Glieder waren ihr schwer wie Blei , und wie zerschlagen schlich sie umher . Bei der Arbeit sanken ihr die Hände traumverloren in den Schoss . Mit fragendem , suchendem Ton murmelte sie dabei einzelne Stellen aus Gerhart Schmittleins Liebesliedern vor sich hin , unablässig darüber grübelnd , was er mit ihrer Erlösung und der freien Liebe gemeint habe . Ihn selbst hatte sie seit jenem Abend nicht wiedergesehen . Jeder Möglichkeit einer Begegnung ging sie sorgfältig aus dem Wege . Sie machte nur die notwendigsten Gänge und die zu Stunden , von denen sie wusste , dass er im Geschäft festgehalten war . Die Weihnachtsbesorgungen überliess sie Lena . Trotzdem Lotte so träge und zerstreut gearbeitet hatte , war zwei Tage vor Weihnachten alles fertig . Die Hüte für ihre Kundschaft sowohl , als das Hauskäppchen für den Vater , ebenso die kleinen Aufmerksamkeiten für Lena und Frau Wohlgebrecht . Lotte war gerade dabei , das Postpacket für zu Hause zu packen , als es draussen an der Flurthür klingelte . Sie fuhr zusammen und wurde kreidebleich . Mein Gott , wenn er es wäre ! Es war schon spät , fast neun Uhr , und sie war ganz allein . Zögernd ging sie , um zu öffnen . Ein Stein fiel ihr vom Herzen , als sie Frau Wohlgebrecht vor sich sah , trotzdem die kleine Frau ein grimmiges Gesicht machte und heftig auf Lotte einschalt . » Was fällt Ihnen denn ein , Sie kleines Ungeheuer , sich gar nicht mehr bei uns sehen zu lassen ? Was soll denn das bedeuten , hm ? « » Es gab so viel zu thun « , murmelte Lotte verlegen , ihren Gast ins Zimmer nötigend . » Ach was , gute Nachbarschaft kann man deswegen doch halten . Da wird wohl noch was andres dahinter stecken . Kann mir ' s schon denken , der Junge hat sie weggegrault mit seinem modernen Firlefanz . Habe ihm auch schon meine Meinung gesagt . Nee , nee , Sie brauchen nicht zu widersprechen , Fräulein Lottchen . Glauben Sie , ich hätte es nicht gemerkt , dass die Geschichte neulich Ihnen nicht gefallen hat , wenn Sie mit Ihrem lieben Gesicht auch nicht so spöttisch dazu ausgesehen haben , wie Ihre Schwester Lena . Und wer weiss , vielleicht hat er Ihnen in irgend einer stillen Stunde auch noch seine Gedichte verzapft . Sehen Sie , Sie werden dunkelrot . Ich kenne die Verse zwar nicht , aber sie werden danach sein . Das Talent in Ehren , allemal , da reicht sobald keiner ' ran , - aber die moderne Puschel - puh ! Sie haben ganz recht , dass Sie uns aus dem Wege gehen . Na , ich werde schon dafür sorgen , dass er Sie ungeschoren lässt . Er soll seine moderne Kunst wo anders auskramen als vor Ihnen . Es giebt ja genug verdrehte Leute , die Gefallen daran finden , eben blos , weil ' s Mode ist und sozusagen in der Luft liegt . Blos wir beide , wir sind nicht reif dafür . Na , ich werd ' s ja nun auch wohl nicht mehr werden , und Ihnen , Lottchen , wünsch ' ich es nicht einmal . Aber nun endlich zur Hauptsache . Sie kommen doch Heiligabend zu uns ' rum ? Ihrer Schwester sag ' ich ' s nicht , der hat ' s bei uns nicht gefallen . Nee , reden Sie nichts dagegen , Lottchen , das hat man ihr an der Nase angesehen . Die Wohlgebrecht ist ihr zu simpel , die will höher hinaus . Recht hat sie . Aber Lottchen , Sie hab ' ich nun ' mal in mein Herz geschlossen , Sie würde ich ungern entbehren . Ganz einfache Berliner Weihnachten : Karpfen und Mohnpiehlen und ' ne nette Tanne und nur uns drei drum ' rum . « Lotte hätte für ihr Leben gern zugesagt . In Frau Wohlgebrechts Schutz fühlte sie sich mit Gerhart Schmittlein ganz sicher , und an dem kleinen , behaglichen , altmodischen Zimmer , das Lena so » spiessig « fand , hing sie schon wie an einer Art Heimat . Aber wie durfte sie ohne Lena ? Unmöglich konnte sie die Schwester am ersten Weihnachtsfest in der Fremde allein lassen . In eben diesem Augenblick steckte Lena den lustigen Kopf mit dem kleinen schwarzen Pelzbarett durch die Thür . » Nur näher Lena , es ist Frau Wohlgebrecht . « » N ' Abend , Fräulein . « In gerechter Selbsterkenntnis ihres neulichen unliebenswürdigen Betragens , war Lena ausnahmsweise zuvorkommend gegen Lottes Besuch . Bei der Erwähnung der Einladung stimmte sie lebhaft dafür , dass Lotte ja annehmen möchte . Sie könnten einander ja zeitig bescheeren und dann möge Lotte getrost zu Frau Wohlgebrecht herumgehen . Sie selbst habe für sie beide heut eine Aufforderung von Marie Weber bekommen , den Heiligabend mit ihr bei ihrer Tante zu verbringen . Da würde sie dann auf ein Stündchen allein hingehen . Und ihre Arme von hinten um Lottes Hals schlingend , fuhr Lena lustig fort : » Beichte nur gleich , Lottchen , dass Du am ersten Feiertag Strohwitwe bist ..... Frau Wohlgebrecht wird sich Deiner gewiss mit Freuden annehmen . » Ich « - fügte sie mit trocken humoristischer Herausforderung gegen Frau Wohlgebrecht gewandt , hinzu - » bin nämlich für den ersten Feiertag bei Oberstleutnants von Strehsen eingeladen . « Lena war auf eine gereizte Antwort gefasst gewesen , aber Frau Wohlgebrecht that das gerade Gegenteil . Sie tätschelte Lena freundlich auf den Arm . » Ei , das freut mich « , sagte sie . » Das ist was für Sie , Fräulein . Da wird ' s Ihnen besser gefallen als bei mir simplen Frau . « Lena war ehrlich beschämt und unterliess es , noch weiter mit der Strehsenschen Einladung zu protzen . Bei der ersten schicklichen Gelegenheit räumte sie das Feld . Auch Frau Wohlgebrecht brach bald auf , nachdem sie Lotte eindringlich ans Herz gelegt hatte , ja nicht später als acht Uhr zu kommen . - Am Heiligabend früh traf ein Kistchen von zu Haus bei den Schwestern ein . Zwei Briefe lagen obenauf . Der eine vom Vater , der bisher kaum mehr als ein paar flüchtige Postkarten an seine Kinder geschrieben hatte ; der andere Brief war von Franz Krieger . Lotte legte beide bei Seite . Sie sollten gemeinsam unter dem Weihnachtsbaum gelesen werden . Den Inhalt des Kistchens packte sie mit wehmütigen Empfindungen aus . Welch ein Unterschied zwischen dem Vorjahr , da Mütterchen noch zwischen ihnen geweilt hatte , und heute . Und was alles lag zwischen jenem letzten Weihnachten und dem heut ! Allein die letzten beiden Wochen seit dem Abend in der Konditorei erschienen ihr ein ganzes Leben voller Zweifel und Fragen zu enthalten . Der Vater hatte selbstgeschüttelte Nüsse aus Karstens Garten , ausserdem für jede von ihnen einen kleinen , gut gemeinten , aber recht überflüssigen billigen Schmuckgegenstand gesandt . Franz Krieger war ganz aufs praktische bedacht gewesen . Den Hauptinhalt der Kiste machte sein Geschenk , eine Fülle von Kolonialwaaren aus seinem Geschäft , aus , welche die Wirtschaftsausgaben in der That auf lange Zeit hinaus wesentlich erleichtern mussten . Um halb drei Uhr kam Lena nach Haus . Dann wurde schnell gegessen und bei einbrechender Dunkelheit das kleine Bäumchen angezündet . Als die Schwestern dann Hand in Hand in Lottes » Atelier « gingen , das heut als Weihnachtszimmer diente , wurde ihnen beiden doch bitter weh ums Herz und schluchzend sanken sie einander in die Arme . Lena war , wie immer , zuerst getröstet . Sie betrachtete die Geschenke und machte eine kleine spöttische Bemerkung über Kriegers für ihren Geschmack allzu praktische Weihnachtsgabe . Dann griff sie nach seinem Brief , der an beide Schwestern gerichtet war . Sie studierte lange daran herum und legte ihn dann scheinbar unbefriedigt bei Seite . Zu Lotte sagte sie nur : » Frau Krieger kränkelt und Onkel Fritz in Anklam ist gestorben . « Da Lotte keine Anstalten machte , gleich selbst zu lesen , nahm Lena den Brief noch einmal auf , und mit einer unwilligen Kopfbewegung begann sie die folgende Stelle vorzulesen : » Je länger Ihr fort seid , desto mehr bedrückt es mich , dass ich Eurem Vater nicht viel entschiedener abgeredet habe , Euch ziehen zu lassen . Alle Zeitungen sind voll von dem Elend alleinstehender armer Mädchen , einer gewissen Art von Elend , von dem Ihr ja , Gott sei Dank , keine Ahnung habt . Die Statistik über Arbeitsangebot und Nachfrage beweist ausserdem immer aufs neue , dass der Zuzug der Arbeitsuchenden ausser allem Verhältnis zu der Möglichkeit steht , einem jeden Zugezogenen ausreichende Arbeit zu gewähren . Ich beunruhige mich sehr um Euch , auch die Mutter . Du , Lena , hast ja inzwischen Deine Anstellung erhalten und könntest am Ende , wenn Du Dich in einer Familie einlogiertest wie Deine Freundin Marie , ganz gut mit Deinen Tagegeldern auskommen . Mit Schaudern aber denke ich daran , wie sauer es Euch werden muss , einen Hausstand zu erhalten . Lotte wird bei der Arbeit , die sie dazu leisten muss , ihre zarte Gesundheit völlig ruinieren . Vielleicht , Lotte , würdest Du Dich entschliessen , wieder nach Hause zu kommen . Du wirst Dir ja nun , nach einem Vierteljahr , ziemlich klar darüber sein , wie es sich mit der Kundschaft macht . Hier sollte Dir eine reichlich auskömmliche garantiert sein , wenn Du Dich entschlössest zurückzukommen . Was Deinen Vater betrifft , so wird natürlich kein Mensch von Dir verlangen , dass Du bei Karsten mit ihm wohnen sollst . Das ist auch gar nicht nötig , Du weisst , meine Mutter hat Platz genug in ihrer Wohnung und würde Dich gern bei sich aufnehmen . Ueberlegt Euch meinen Vorschlag . Auch für Lena wäre es vielleicht besser , sie käme zurück - « Lena warf noch einmal ebenso unwillig den Kopf zurück , wie sie es gethan , als sie die Stelle vorzulesen begonnen . » Was sich Franz nur denkt ! Zurückgehen wie ein paar dumme Göhren und sich von dem ganzen Nest auslachen lassen . Zu dumm ! « » Franz meint es gut ! « » Nun , so geh doch Du ! « Lotte schüttelte mit abweisender Miene und mit ins Leere starrenden Augen den Kopf . » Nein - nie - nie ! « » Gott sei Dank , dass Du vernünftig bist . Ich hatte schon die grösste Angst , Du würdest darauf reinfallen . Berlin wieder verlassen , welch ein Gedanke ! Das schöne , wundervolle Berlin ! Ich werde Franz ordentlich den Standpunkt klar machen . Er thut ja gerade , als ob wir rein gar nichts wüssten und könnten und nur gerade hier sässen , um aufs Verhungern und Verkommen zu warten . « Dann flog ein triumphierendes Lächeln über Lenas frisches Gesicht . » Wenn er erst von meinem Umgang mit Oberstleutnants hört , wird er wohl andere Saiten aufziehen . « Dabei sprang sie auf und biss in ein grosses Stück des würzigen Weihnachtsgebäckes , das Franz Kriegers bekrittelter Sendung beigelegen hatte . Behaglich knabbernd erbat sie dann des Vaters Brief von Lotte . Der war ebenso sorglos und egoistisch , als Franz Kriegers besorgt und selbstlos geklungen hatte . Er schrieb , dass es ihm bei Karsten dauernd vortrefflich ergehe . Bei Eintritt der rauhen Witterung habe ihn sein Beinstumpf zwar wieder geschmerzt und gezwickt , jetzt sei aber alles wieder gut . Karsten heize ordentlich ein und sein Stübchen sei so ruhig und mollig , wie er es das ganze Leben nicht gekannt , das Essen vortrefflich und Karsten sein Korn eine honorige Nummer . Ihnen beiden ginge es ja , wie es scheine , auch vortrefflich . Ein grosses Weihnachtsgeschenk dürften sie nicht von ihm erwarten . Seine Pension reichte ja man gerade für sein Auskommen aus . Zu Weihnachten oder zu Neujahr würde sich der Klockower hoffentlich anständig erweisen und ihm den blauen Lappen wieder zukommen lassen . Wenn dann die Mädchen mal auf Besuch nach Haus kämen , würde er ihnen ein anständiges Geschenk machen . Dass er die Mutter oder seine Töchter entbehre , davon schrieb er kein Wort . Schweigsam legte Lena des Vaters Brief wieder auf den Weihnachtstisch zurück . Sie hatte es sich lange abgewöhnt , über seine Eigenheiten zu sprechen . Von der Jerusalemer Kirche schlug es Acht . » Jetzt musst Du rumgehen , Lotte , es ist die allerhöchste Zeit , ich will nun auch aufbrechen , ich habe so wie so noch einen weiten Weg bis zu Maries Tante . « Sie löschten den Weihnachtsbaum aus . Dann machten sie sich schnell zurecht und gingen zusammen die Treppe hinunter und über den stillen Hof . Vor der Thür trennten sich ihre Wege . Lotte ging rechts die paar Häuser zu Frau Wohlgebrecht hinauf , Lena suchte die nächste Pferdebahnhaltestelle auf . - Frau Wohlgebrecht hatte die Thür schon in der Hand . » Endlich , endlich , Kindchen ! Der Gerhart ist heute wie ein kleiner Junge , er kann den Aufbau nicht erwarten . Na , viel kriegt er nicht . Immer dasselbe : drei Oberhemden und ein Vierteldutzend Strümpfe . Sauber und adrett muss der Mensch sich halten , selbst