recht aufgewacht . Es war so stillkaltes Wetter , Nebel um alle Berge , nicht einmal der Uetli zu sehn . Die vielen Nadelbäume standen da wie schwarze Säulen , die dünnen schaudernden Birken sahn aus wie die Schatten ihrer selbst , eisgrauer , pulvertrockener Schnee lag auf den Rasenplätzen , der Springbrunnen vor der Universität war eine Fontäne aus Eiszapfen , und die rote , zierliche , pfeildünne Kirchturmspitze - es ist die Predigerkirche - schwamm undeutlich im kalten grauen Dunst . Ganz verlassen sah die große Eingangstreppe aus , denn der Nachtwind hatte den alten , grauen Schnee auf ihren Stufen hoch aufgehäuft . Ich kam in unser Auditorium und fand an der Thür den Zettel vom Professor , daß er heiser sei . Fröstelnd , unbehaglich und verlassen strich ich auf dem kalten Korridor umher , wo noch die Hängelampen brannten und die Studierenden lautlos und gähnend ihre Ueberröcke und Mäntel ablegten . - Da sah ich die offene Thüre zum Laboratorium , und es schien mir verlockend , hinein zu gehn . Im Vorraum hing zwar ein dicker Mantel und eine Pelzkappe , aber im Saal , dessen Glasthüren eben so gastlich offen waren , sah ich doch niemand , zum Glück . Ich ging auf den Zehen hinein . Eben wurde es hier ordentlich hell , es gab auch große Fenster genug , an zwei Seiten . Vor den langen Arbeitstischen an den Fenstern standen einladend die kleinen , gelben Hocker , - oh wie gern hätte ich mich dort mit hingesetzt ! In der Mitte des Raumes neben einem eisernen Pfeiler stand ein Arbeitstisch , über dem eine Gasflamme brannte , und auf der Gasflamme kochte etwas , es brodelte traulich in einem Glasgefäß , das in einem Topf mit Wasser hin und her wackelte . Ein Hauch von Morgenfrische und Regsamkeit füllte den ganzen Raum . Auf den Tischen , unter Glasglocken und in Glaskästen vor den Fenstern wuchs allerlei Grünes , auch Aquarien sah ich von verschiedenen Größen , und alles ward grüner im heller werdenden Licht . Plötzlich bemerkte ich , daß jemand hereingekommen war , er an einem Schrank herumschloß und nun mit einer Ladung Mikroskope im Arm von einem Platz zum andern ging und die Mikroskope verteilte . Er putzte und wischte daran und grüßte mich stumm , ohne sich zu wundern . Ich wollte mich flüchten , aber da kamen mehrere Studenten und Studentinnen herein , und auch sie schienen sich nicht zu wundern , daß ich da war . Ich sah zu , wie der Herr , jedenfalls der Assistent , nun vor jeden Platz zwei Wassergläser stellte und sie vorsichtig füllte , voll Selbstvorwurf den Kopf schüttelnd , wenn ein Tropfen nebenbei auf den Tisch fiel : er wischte ihn auch sofort mit einem Tuche fort . Inzwischen waren schon soviele Praktikanten da , daß es summte , wie in einem Bienenschwarm ; sie liefen umher mit ihren Schlüsseln , um die Schiebladen zu öffnen und Objektträger und Präparirnadeln herauszunehmen . Der Professor war auch schon da , nach rechts und links nickte er , und das buschige Haar bewegte sich dabei um das dunkle , eigentümliche Gesicht mit den lebensprühenden Augen . Er rauchte noch schnell eine Zigarre fertig , während er neben der großen Tafel stand und tüchtig daran wischte . Eben wollte ich ihn um Erlaubnis bitten , ob ich bleiben dürfe , als auch die junge Frau Professorin erschien , von der ich schon wußte , daß sie seine Assistentin sei . Sie sah sehr lieb aus , eine rundliche , kleine , blonde Dame , rotbackig von der Kälte , mit so freundlich bereitwilligen Augen , daß ich mein Anliegen gern bei ihr vorbrachte . Sie sagte sogleich ja und wies mir einen Platz an . Ich hörte und sah sehr viel Interessantes diese Stunde , aber das Ganze war als Ganzes schön , und einzig gefiel mir die Professorin-Assistentin , die überall am schnellsten entdeckte , wenn ein Student oder eine Studentin nicht weiter konnte oder eine besondere Auskunft wünschte . Dann , sofort war sie da , und ihre immer streng wissenschaftlichen Erklärungen wurden wahrscheinlich mit nicht geringerem Interesse angehört , weil sie von einem so frischen , jugendlichen , roten Munde kamen ! Und so viele , viele Menschen haben keine Ahnung davon , daß dieses Schöne existiert , und so viele , viele Frauen glauben , es sei etwas Unnatürliches , Unpassendes , wohl gar Ungehöriges , die Frau im wissenschaftlichen Beruf ! Wie schade für sie selbst ! Könnte ich sie doch alle herrufen in das botanische Laboratorium ! - » Die Frau gedeiht ausschließlich in der Familie « , sagen diese . Aber , - ist sie denn so herrlich gediehen ? Ist sie nicht grade in der Familie verkümmert ? zwergwüchsig geworden ? Der Mann entzieht sich dem Druck und Zwang der endlosen Kleinigkeiten , - er muß ja auch draußen auf die Geldjagd gehn , das begreift selbst die Beschränktheit ! - die Frau aber erstarrt darin , nimmt alles Nebensächliche für die Hauptsache und schätzt das Wesentliche gering . Das Urteil wird gefangen , der Horizont durch lauter Nichtigkeiten verhängt . Hinaus ! Hinaus ! Wir haben so lange » im Familienkreise « gehockt , daß wir kurzsichtig wie die Schnecken geworden sind , und furchtsam überall unser Dach mitschleppen möchten . - 17. Februar . Es giebt hier ein Sprichwort : » Es kann Einer seinem Heu Stroh sagen « , daß heißt , mit seinem Eigenen nach Gutdünken verfahren . Ja , so haben sie mir gethan daheim . Sie haben mir nur Stroh gesagt , sie haben mich wertlos gemacht vor sich selbst , vor mir selbst , vor allen , die mich kannten . Warum ? Weil ich anders bin als sie ! Aber heißt denn anders sein immer schlecht , wertlos sein ? Sie fahren noch jetzt damit fort . Mama schreibt mir heute : » Papa spricht von dir in Ausdrücken ! Und ich selber muß dir sagen , daß ich deine Schrullen niemals billigen kann . Ich sage absichtlich Schrullen , um dich nicht zu kränken . Aber geh sie in Gedanken durch , die Mädchen unseres Kreises , deine Schulfreundinnen - sie alle sind längst gut versorgt , haben schon zum Teil Familie , machen ihren alten Eltern Freude ! « - Ja , ja , Mama , du hast recht ! Ich bin » unversorgt « , noch immer auf der Schulbank , lebe von eurem Gelde statt von dem eines Mannes , bin ohne Familie , mache euch keine Freude , oh nein , nur Kummer , nur Sorge , nur Aerger - - Verzeihe mir ! Es thut mir ja so leid , aber ich kann doch nun nicht anders ! ich konnte nicht auf diese Weise glücklich sein . Ich mußte einen andern , einen neuen Weg suchen . Hättet Ihr Zutrauen zu mir , du und Papa - Oh , nein , Ihr habt nie Zutrauen zu mir gehabt . Ihr habt mir immer » Stroh « gesagt ... Und mir ahnt , daß du mich verlassen wirst , Mama , ganz verlassen , daß es dir zu schwer werden wird , diese Heimlichkeit und diese Verantwortung vor Papa . Ich erwarte schon so etwas . Ich bin zu glücklich hier gewesen , das kann nicht dauern . Eines Tages werde ich ohne Geld sein , ganz ohne Hülfe . Ja , ich fühle , das kommt noch einmal . Ich träume davon und fahre erschrocken auf . Wenn ich nicht so leichtsinnig wäre , dächte ich noch öfter daran und ängstigte mich auch wohl . So ängstige ich mich nur zeitweilig , denn ich muß immer an so viel anderes denken . Meistens denke ich daran , was ich thun kann , wenn ich ausstudiert habe , wie ich dann den Frauen helfen kann . Denn ich glaube , man wird unbeschreiblich viel zu thun haben , ich meine zu helfen . Die Frau ist überall als Null behandelt . Und wenn nicht als Null , dann als böses Prinzip gradezu . Da steht in der Zeitung eine Notiz , ganz kurz : Ein Vater ist der Verderber seiner eigenen sechzehnjährigen Tochter geworden . Das Gericht verurteilte den Vater zu zwei Jahren Zuchthaus , die sechzehnjährige Tochter zu acht Monaten Gefängnis ! Ich würde diese Geschichte niemals glauben , wenn ich sie nicht selbst gesehen hätte . Ich kann sie nicht los werden . Sie folgt mir auf Schritt und Tritt . Starre , thränenvolle , verzweifelte , sechzehnjährige Augen sehn mir nach , wo ich stehe und gehe . Sie sind nicht nur verzweifelt , auch so fragend , so verständnislos starren sie . Und auch ich verstehe nichts ; ich sehe eine fürchterliche juristische Grausamkeit , die Bestrafung eines Opfers unausdenkbar schrecklicher Familienverhältnisse , und ich zergrüble mir den Kopf , wie ein Gesetz dieser Art , das aus einem Opfer einen Mitschuldigen macht , je entstehen konnte , und der Ausfluß welches Geistes solch ein Gesetz wohl sein mag ? 20. Februar . Einen Traum hab ' ich geträumt , geh ' noch jetzt herum wie im Traume . Ich sehe einen Gerichtssaal . Vor den Schranken , tief verhüllt , tief gebeugt , ein blutjunges Weib . Ihre Kleider sind zerissen und beschmutzt , wie durch die Gosse geschleift , alle haben sich von ihr zurückgezogen , als ginge Ansteckung von ihr aus , alle , Männer und Frauen . Aber oben , vor den Richtern steht noch eine Frau , eine schöne , schwarzlockige Portia . Ja , sie heißt Portia und ist eine junge Advokatin . Sie trägt aber kein Männergewand , wie die Portia im Kaufmann von Venedig ; nein , ein schlichtes schwarzsammtenes Frauenkleid . Ihre Augen scheinen ruhig die Welt zu mustern , die sie umgiebt , und doch zugleich in Vergangenheit und Zukunft zu blicken . Sie beginnt zu reden ; ein feines , schalkhaftes Lächeln auf den Lippen , spricht sie zu den Männern : Einmal hat Portia die Freude und die Ehre gehabt , den geliebten Mann zu verteidigen und ihn durch ihre Beredsamkeit zu retten . Es war ein schöner Tag für Portia , und ewig wird sie sein in Freude gedenken . Heut ist ein andrer Tag . Heut ist ein andrer Schrei an Portias Ohr gedrungen , ein dumpfer , halberstickter Verzweiflungsschrei aus zu lang von ihr selbst übersehenen , nicht gekannten Tiefen . Ihr Gesicht verwandelt sich plötzlich . Das feine Lächeln verschwindet , ein frommer , begeisterter Glanz verbreitet sich über ihre Züge , sie erstrahlen in überirdischer Verzückung . Auch ihre Stimme ist verwandelt , warm und bebend ; so beginnt sie : Divide et impera ! Teile und herrsche ! So hat bis jetzt das Losungswort der Männer gelautet , gegenüber uns Frauen . Der einen Hälfte öffentliche Achtung , der andern öffentliche Verachtung , und beiden gemeinsam » Liebe « und - Geringschätzung ! Wohlan , ahmen wir nach , nur mit besserem Grund , nur mit logischer Konsequenz ! Divide et impera ! Da fliegt mein Handschuh ! Den guten Männern unerschütterliche , dankbare Freundschaft , - den Feinden unseres Geschlechtes Herausforderung , Kampf und Vernichtung ! Wer aber sind die Feinde unseres Geschlechts ? Nun , alle Diejenigen , die im Weibe nur ein Genußmittel für den Mann erblicken , und die uns in Folge davon unser Menschenrecht , das Recht der freien Entwicklung unserer Individualität noch heute verkümmern oder gar abschneiden wollen . Wohl verstehen wir , was historisch geworden , was sich als unabsichtliche Folge darstellt , aber wer den Namen eines Lebendigen tragen will , der komme uns nicht mehr mit verschimmelter Mumienweisheit , sondern stärke und kläre seine Augen am Licht des heutigen , des gegenwärtigen Tags ! » Wir , wir leben ! Unser sind die Stunden . Und der Lebende hat recht . « Ihr aber , unsere Freunde , ihr wissenden Männer , die ihr so tief eingedrungen seid in die Kräfte und Schwächen der Menschennatur , ihr weisen Männer , die ihr dieser schwachen , kaum aus der Tierheit erwachten Natur alle guten und großen Einrichtungen abgerungen habt , die das Zusammenleben erst möglich machen , ihr starken Männer , die ihr mit mächtigem Willen , euch selber zu bekämpfen , das , was einem andern Wesen schädlich , in euch zu bekämpfen vermögt , die ihr das Raubtier in euch unterjocht und gebändigt habt , seht einmal her auf die unzählbaren Scharen meiner verachteten , gefallenen , mit Schmach und Hohn bedeckten Schwestern , von denen eine hier vor euch steht ! Wer hat sie , die einmal rein waren , wie eure eigenen Schwestern , in den Staub gezogen ? Wer hat sie einen Augenblick ans wankelmütige Herz gepreßt und sie im nächsten mitleidlos zerfleischt ? Hört es , das leise Aechzen , das jammervolle Stöhnen der Verachteten , der mit Schande Bedeckten , hört es und verkündet es laut und deutlich : » Das alte Dogma des Sündenfalles mit der kläglichen Entschuldigung Adams : das Weib hat mich verführt , erscheint unserm reiferen Verstande als unwürdig und feig . Ja , feig ! feig ! feig ! Unsäglich schwach und verächtlich ist uns der Mensch , der seine Schuld auf einen andern abwälzen möchte , noch dazu auf einen , dessen Schwachheit und Machtlosigkeit er in jedem andern Augenblick als zweites Dogma verkündet ! Unsäglich feig ist uns der starke Mann , der das schwache Weib beschuldigt . Wir brechen mit diesem Dogma . Wir wollen von heute an ehrlich und offen mit euch Frauen verfahren . « Hat es euch , meine Freunde , nicht schon lange geekelt vor dieser Feigheit ? Seht , da ist ein starker , großer Junge , übermütig und der Herr der Welt , aber , wenn er unartig gewesen ist und die Strafe auf sich nehmen soll , dann fängt er an zu heulen und zu klagen : » das kleine Mädchen hat mich verführt , das dumme , schwache Ding , das ich für eine Null ansehe , hat mich verführt ! sie muß die Schuld , sie muß die Strafe tragen ! « Und er geht straflos aus , sie aber trägt die Strafe . Seht hin , wie sie sie trägt ! Seht , wie sie mit zerrissenen Kleidern im Staube sich schleppt ! Unglückliche Eva , warum warst du so lieblich ? Warum blühten deine Lippen wie reife Früchte ? Sie schämen sich ihrer selbst , und darum nennen sie dich die Sünde . » Eva ist die Sünde . « » Eva ist das böse Prinzip ! « Ihr , meine Freunde , ihr starken und weisen Männer , zu denen wir ewig aufsehen werden , brecht offen mit diesem feigen Dogma , und eine andere , bessere , gerechtere Zeit wird kommen ! Dies Dogma steht im Wege . Nach diesem Dogma wird die » Gefallene « mit Hohn und Schande bedeckt ! Es ist Zeit , sich zu erinnern , daß wir Menschen sind , alle miteinander , daß Natur mächtig ist in uns allen , und daß dieses Recht des Stärkeren , zu verachten , was er vernichtet , überlebt , daß es für uns heute kein Recht , sondern ein Unrecht ist ! Es ist Zeit , offen zu bekennen , daß es unschuldige Leiden giebt , und daß dort , wo Eva die Rolle der lockenden Frucht gespielt hat , unschuldiges Leiden ist . Wir haben aufgehört , Krankheit und Armut als Himmelsstrafen anzusehen , hört auch auf , Unglück als eine Strafe begangener Sünden zu betrachten . Müßt ihr aber doch verachten , müßt ihr Unglück strafen und verachten , gut - so verachtet auch mich ! Denn jene » Gefallene « und ich , wir sind Schwestern , und es ist nur mein Glück , daß ich nicht an ihrer Stelle stehe ! So will ich von diesem bevorzugten Platze heruntersteigen und die Wohlthat eurer Achtung dankend ablehnen ! Verachtet mich auch ! Laßt mich mit ihr gehen , mit der Gefallenen , der Geschlagenen , denn sie ist meine Schwester , und in ihrer Brust klopft mein eigenes Herz . Sie verstehe ich ! Euch versteh ' ich nicht ! Nur mein Glück ist es , nur mein Glück , nicht mein Verdienst , daß ich nicht an ihrer Stelle bin ! - - - Schweißgebadet , mit wildem Herzklopfen bin ich aufgewacht ! Lange konnte ich mich nicht besinnen , - immer horchte ich auf Töne , auf Rufe aus jener plötzlich meinen Sinnen entzogenen Welt . » Freigesprochen ? « » In liebevolle Arme geschlossen ? « Wer hat das gesagt ? Ging die eine hinab ? Oder durfte die andre hinaufsteigen ? Den ganzen Tag summt mir diese Frage im Ohr , ich höre garnichts andres . Die schöne Portia glich dir , meine geliebte Mutter ! dir , ganz allein dir ! Sie war so kraftvoll und so voll Liebe . Mir glich sie gar nicht . Ich bin schüchtern wie eine Fledermaus und rede nur in Monologen . Aber der Traum hat mich so beglückt . Ich fühle - er ist Wahrheit . Einmal wird er Wahrheit werden ! Einmal wird sie kommen , die schöne Portia , die lauter Kraft und Liebe ist , und ob sie dann hinabsteigt zu der verachteten Schwester , oder ob sie sie emporhebt - das wird das Gleiche sein . Die Hauptsache ist , daß sie sie anerkennt , daß sie , die schöne Portia , die lauter Kraft und Liebe ist , die Verachtete , Gefallene als ihre Schwester anerkennt . Sofort wird der Makel der Verachtung von ihr abfallen . Im selben Augenblick wird jeder sonnenklar erkennen , daß jene nur deshalb verachtet wurden , weil wir , die Glücklichen , das Geschenk der unverdienten , grundlosen Achtung nicht dankend ablehnten ! Ja , das ist ein Traum ! der wird mir noch viele frohe Tage machen ! Unbeschreiblich glücklich ist mir heute , ich möchte laut jubeln : Gefunden ! Gefunden ! 22. Februar . Ein merkwürdig schönes Ding , das Leben ! Was für ein Reichtum in mir und um mich . Man hat kaum Zeit zu schlafen , es ist fast schade darum . Die Nächte sind auch so herrlich jetzt ! Große leuchtende Sterne , treibende Wolken , dann wieder ganz klarer Mondschein , der über den stillen See seine Lichtbrücke wirft . Spiegelglatt scheint er von hier oben , der stille See , wie ein Bild in meinem Fensterrahmen , - die Wolke überm Mond wie ein finsteres Augenlid . Leben ! ich liebe dich ! ich fühle dich so heftig und bewegt in mir . Ich möchte jemand etwas Liebes thun , jetzt , auf der Stelle ! Ich möchte streiten , kämpfen für jemand Bedrängtes , so , mit beiden Armen ! Ich möchte die ganze Welt , die ganze Menschheit küssen mit Dank und Innigkeit ! Freude ! - - - 2. März . Also jetzt giebt ' s Ferien . Das Wort stachelt mich auf . Ich fühle mich wie gejagt , Tag und Nacht . Was hab ' ich gelernt in diesem Semester ? Was ? Um Gotteswillen , was ? Sollte dies Ehrgeiz sein ? dies mich stachelnde , hetzende Gefühl ? Ich hoffe nein ! Nein , es ist etwas andres , deutlich fühle ich , was es ist : ehrgeizig bin ich nicht , aber ich träume von einem Leben mit großem Inhalt ! Ist das verboten ? Ist das schlecht ? Mit großem ! mit großem Inhalt ! Ach Träume und immer nur Träume ! Die Monologe einer Fledermaus ! » Was geht dort für ein Zwerglein in einer Königstracht ? « So ist es ! so ist es ! ein kümmerliches , ein lächerliches Zwerglein ! Es ist zum Lachen . Und mehr noch zum Weinen ! Ja ja ja zum Weinen ! 7. März . Die Sache ist - ich ängstige mich ! Ich bange mich um das Geld . Um das Geld von Mama . Pfui , ist das erniedrigend , sich nach schmutzigem Geld zu sehnen . Und doch sehne ich mich danach . Ich fürchte mich so sehr , zum Mittagessen zu gehen , weil ich noch nicht bezahlt habe . Und heut ist schon der siebente ! Mir kommt es vor , als würde ich sehr erstaunt und erwartungsvoll angeguckt . Heute ist es ganz bestimmt so gewesen . Ich werde dann so rot , so verwirrt , so heiß - es ist entsetzlich . Ach , ich bin ja in der Fremde . Und daheim ? Wo bin ich daheim ? Nirgend . - - - Wenn das Geld auch morgen nicht kommt , geh ich vorläufig nicht zu Tisch . Ich getraue mich nicht . Man muß sich ja fürchterlich schämen ! Für aufgegessenes Essen ! 11. März . Es ist gekommen ! Wie gut ! » Immer schwerer wird es mir , « schreibt Mama , aber sie schickt doch . Und so wird sie fortfahren zu schicken , gewiß ! Sie läßt mich nicht im Stich . Drei Tage bin ich nicht zum Essen gegangen . Ich hatte auch wirklich keinen Appetit . Gestern ging ich auf die Gemüsebrücke . Es sah seltsam aus . Eisig kalt fuhr der Wind herum , und in der hochgestiegenen Limmat besahen sich die Häuser mit weißen Dächern ! Es hatte ordentlich geschneit . Und dann hörte ich das schrille , wilde Kreischen der Möwen , die zahm wie Tauben und dicht wie Schneeflocken um die Leute herumwirbelten . Man streute ihnen Brot aus den Fenstern an der Schipfe , und sie fingen es im Fluge , indeß eine es der andern wegschnappte . So schreit der Hunger ! Ich sah und sah , bis mir schwindelig wurde , dies Quirlen und Schreien und Flügelschlagen und Schnappen , all die gierig aufgerissenen gelben Schnäbel und die kleinen blitzenden , hungrigen Augen - es war fast beängstigend . Ja , nun verstehe ich den Hungerschrei , mußte ich denken , ich habe also doch etwas gelernt in diesem Semester . Und es ist wohl auch was wert , daß ich ihn jetzt verstehe ! Jede Kenntnis ist gut und notwendig , dachte ich , und ich konnte ganz ruhig dabei sein und lachen . Als ich nach Hause kam , war der Geldbriefträger dagewesen . Nun , so ernsthaft war die Hungersnot noch nicht ! - Nun habe ich also wieder mein Stückchen Brot aufgeschnappt . Grade wie so eine Möwe . Gekreischt habe ich jedoch nicht . Weder vor Hunger noch vor Freude über die Erlösung . Ich hasse das Geld . Ich halte es für die Quelle alles Uebels . Und es ist gradezu abscheulich , daß man sich über die Ankunft von etwas so Schmierigem , Schmutzigem freuen muß . Nein , ich freue mich nicht . Die Begleitbriefe machen es auch immer schwerer , sich zu freuen . Immerhin - für zwei Monate bin ich wieder gerettet . Dann fängt von neuem die Sorge an . 18. März . Oh , der tiefe Friede des strahlenden Frühlingstages ! Auf einmal Frühling ! Die steile Straße hinab rinnen in glänzenden Adern viele neue Bächlein - das ist der geschmolzene Schnee ! Die Welt erneut sich . Wenn ich in Einklang kommen könnte mit der hoffnungsvollen Heiterkeit ringsum ! Einzelne schöne Frühlingstage der Vergangenheit tauchen auf , und die Erinnerung beleuchtet sie , daß sie schimmern , wie die neuen Bächlein auf der steilen Straße . - - Aber so schön es ist - mein Ohr ist zu scharf geworden für die widerwärtigen Geräusche der Welt , und das Peitschenknallen und Steineabladen und der zornige Zuruf an die gequälten Zugpferde verdeckt mir , verscheucht mir den lieblichen Amselgesang ! Gequälte Quäler , wohin ich sehe ! 20. März . Nein , wozu haben wir denn unsere Kräfte ? Haben wir sie zum Grübeln , zum Winseln , zum Jammern ? Das ist doch ganz dumm und elend ! Das muß nicht sein . Damit kommt man nicht einen Schritt weiter . Jetzt wird studiert ! auf die Matura los ! geochst , gepflügt , und nicht umgeguckt ! Ich habe jetzt einen Mathematiklehrer , ich fange von vorn an . Es ist ein deutscher Flüchtling , hat eine große Familie , glaube ich ; er ist ziemlich wohlbeleibt und sehr ruhig . Als Lehrer soll er vortrefflich sein . Besonders freut mich seine Ruhe ; die hat er nötig , meiner Dummheit gegenüber ! 3. April . Ja , unzweifelhaft wird es sehr , sehr viel zu thun für uns geben . Grade innerhalb unseres eigenen Geschlechts . Es giebt so und so viele Frauen mehr als Männer in fast allen Kulturstaaten , und ich bin weit davon entfernt , das traurig zu finden . Im Gegenteil ! Eben davon hoffe ich viel ! Wir brauchen ein Plus der Lebensleistung , und von wem soll dieses Plus geleistet werden ? Die Familienleute haben keine Zeit . » Ein geplagter Familienvater , « » eine geplagte Familienmutter und Hausfrau « - nein , von denen darf man keine Extraleistungen erwarten . Fortwährend appellieren sie an das allgemeine Mitleid , entschuldigen sich mit » Geschäften , Frau und Kindern , « mit » Haushalt , Mann und Kindern . « Aber da sind ja wir alle ! die unverheirateten Frauen ! Freie Menschen sind wir ! Wenn wir für unsere eigenen Bedürfnisse gesorgt haben , dann haben wir Kopf und Herz frei für die Andern . So dürfen wir die Hände regen für die Andern ! Oh , auf uns muß man rechnen , auf die künftigen Heere von Amazonen des Geistes und der Begeisterung , der Kunst , der Menschenliebe ! Wir haben Zeit . Nicht ewig die Kette am Fuß , die sich Familie nennt , nicht ewig die Augen gerichtet auf das Heim und seine Tyrannei ! Oh , von diesen ist viel zu hoffen , vielleicht alles ! Wie gute , starke , heitre , freie Geister werden sie zwischen den eingekapselten Familienleuten dahin schreiten , überall ratend , helfend , rettend , das Ideal hochhaltend , hochhaltend die Liebe ! Denn wenn sie auch nicht heiraten , lieben werden sie ja doch ! Aber nicht wie jene , berechnend , vorsichtig , zwei , drei , vier ihrer Allerallernächsten , sondern mit glühender Hingabe , mit schrankenloser Seele , freie Spenderinnen und Empfängerinnen gegenüber allen , allen Menschen ! In den Familien wird nach wie vor Zwang , Druck , Heuchelei , Autoritätsglauben , Bequemlichkeit und Plattheit zu finden sein - die Rute und der Schlafrock ! Unter ihnen wird freies Wort und freie Liebe , frohe Kraft , Wahrheit und Mut eine Stätte finden . Vor allem aber werden sie voll Liebe für alle sein . Nichts werden sie für sich begehren , nichts als Raum für ihre Arme , und Licht für ihre Augen . Alle Vorwände , die Menschen veranlassen können , ihre Seele dem Gelde zu verschreiben , alle diese Vorwände werden den Verheirateten verbleiben , und in bedürfnisloser Einfachheit werden diese Frauen lächelnd blicken auf die Zusammenscharrer und Schacherer , auf die Banquiers in allen Professionen . Dann wird sich zum Segen für das Weib und für die Gesamtheit wenden , was so lange der Fluch unseres Geschlechts gewesen ist : das heiße , leidenschaftliche Gefühl ! Dieser freie Ueberschuß , der nicht einem Einzelnen , sondern der Menschheit gilt , er wird die ganze Erde umfassen , ein warmer , sanfter Golfstrom , wird er die kalte Erde heizen von Pol zu Pol , und behaglich wird den Menschen werden und wohl zu leben unter dem tröstenden Hauch reich ergossener Liebe . Das ist Eure Mission , Ihr Unvermählten , das ist unsere Mission , Ihr meine Schwestern ! Mit der Liebe , die Ihr nicht auf Lebenszeit dem Manne und leiblichen Kindern zuwendet , mit dieser Liebe sollt Ihr dienend retten ! Uns bindet kein Vaterland , denn sie wollen uns nirgends , - wider ihren Willen werdet Ihr sie retten ! Wir sind keines Landes Bürgerinnen , wir haben keine Bürgerrechte , die Gesetze beschäftigen sich mit uns nur , um uns zu verurteilen . Die Gesetze kennen uns sonst nicht , sie übergehn uns , sie übersehn uns , wohlan , so haben wir nur auf die Gesetze unserer eigenen Brust zu horchen . Und dieses uns von der Natur gegebene Gesetz heißt Liebe ! Die Geschlechtsliebe ist eine Erfindung des Mannes . Erst mit der Mutterliebe kam die höhere Liebe in die Welt : die duldende , nichts fordernde , still selige , unerschöpfliche Seelenliebe . Die Liebe , von der Christus redet , die Liebe , die nimmer aufhört . Sie will nicht Genuß , sie will Opfer . Ihr ist sich opfern Genuß . Diese Liebe hat die Natur der Frau in ' s Herz geschrieben , der Mann bemüht sich , sie zu lernen , denn ihm gab die Natur diese Liebe nicht . Nur wenige Männer besitzen sie , diese aber strahlen wie Sterne . Wir wollen nicht strahlen , nur sanft und warm die kalte Erde heizen , das wollen wir , jede ein stilles , unverlöschliches , stetiges Flämmchen der Liebe . 11. April . Uebrigens werden wir nur unsere Pflicht und Schuldigkeit thun , wenn wir unsere Liebe der Menschheit weihen . Und nicht ein bißchen mehr wird es sein , als was die Verheirateten thun . Auch sie geben ja Liebe , auch sie opfern sich ja für einander , nur sind die Formen und die Grenzen andre . Nein , wir würden sogar tief , tief unter den