zog sich gemächlich um , ohne sich im mindesten zu sputen . Knappe Lederhosen , gespornte Wadenstiefel , Samtwams und eine dunkelblaue Halsbinde , die er kunstgerecht zu einer losen Schleife schürzte . Hierauf prüfte er sich oberflächlich im Spiegel , ob er bestehe , ob nichts mangle und nichts gebreche , ringelte sein kleines Schnäuzchen , damit es keck in die Welt schaue , und stolzierte dann mit schallendem Gesang über die Schwelle . Denn der flotte , saubere Reiterstaat hatte ihm Leibesmut und Lebenslust aufgefrischt . Vor der Mansardentür empfing ihn seine Schwester mit Schmeicheln und Bitten . » Conrad « , flehte sie , » treibs nicht zum Äußersten . Tus mir zuliebe . Was verschlägt es dir , ob du heute ausreitest oder ein anderes Mal ? « » Mich wunderts im Gegenteil « , entgegnete er hitzig , » daß ichs von jemand anderen als von dir erfahren muß , wenn man mir heimtückisch die Lissi entzieht . Oder hältst dus vielleicht jetzt auch schon mit dem Vater ? « Und während er sprach , schob er sie mit schonender Hand hurtig beiseite . » Und der Herr Regierungsrat , der auf die Lissi wartet und dem man sie versprochen hat ! « wandte sie vorwurfsvoll ein . » Versprochen ? Es kommt darauf an , wer . Ich nicht . Übrigens tut der Bläß oder der Scheck oder der Kohli genau denselben Dienst . Man braucht nicht aus lauter Bosheit , eigens mir zuleide , gerade die Lissi zu wählen . « » Gelt ! « versetzte sie beleidigt , » wenn dich Cathri darum gebeten hätte , du hättest gleich nachgegeben ! « » Und die Handschuhe ! « rief sie ihm nach , » die Handschuhe ! Du wirst doch nicht ohne Handschuhe ausreiten wollen ! « Im mittleren Stock zitterte die Mutter unter der Schlafstubentür : » Willst du mich vollends unter die Erde bringen ? « hauchte sie . » O nein « , erwiderte er kalt , indem er vorüberschritt , » bloß selber ein bißchen leben , nachdem ich doch einmal auf der Welt bin , und nicht durch meine Schuld . Das heißt , vorausgesetzt , daß man das überhaupt noch ein Leben nennen kann , wenn man einem jede Lebenslust verleidet , jede Freude verdirbt , jedes Lachen , jede freie Bewegung , jedes harmlose Wort zum Verbrechen stempelt . « Auf dem Weg nach dem Telephonstübchen , wo er die Reitpeitsche hangen hatte , hörte er den Vater in der Wohnstube toben . » Ich bring ' ihn um . Ich schlage ihn tot wie einen tollen Hund . « » Das gäbe eine Beschäftigung für den Staatsanwalt « , rief Conrad . Ob er schon wußte , daß der Vater das Wort nicht vernehmen konnte , gewährte es ihm doch Genugtuung , es laut zu rufen . Wie er nach Behändigung der Reitpeitsche sporenklirrend auf den Platz trat , der Lissi entgegen , welche , vom Kutscher gehalten , gesattelt und gezäumt bereitstand , folgten ihm unbeholfene , schlurfende Schritte , ein Schatten überholte ihn , er hörte einen mühseligen Atem röcheln , und mit einem schnellen Seitenblick erkannte er den Vater , mit einer Geißel bewaffnet , aber verkehrt , den Griff nach oben , die Faust um die Mitte des Stockes geklammert . Da musterte er mit absichtlicher Umständlichkeit Zügel und Bügel , untersuchte das Gebiß und prüfte mit untergeschobener Flachhand den Sattelgurt , beobachtete jedoch bei alledem jede Bewegung des Vaters . » Den Sattelriemen eine Nummer fester schnallen , Benedikt ; er schlottert . « Und während der Kutscher dem Gebot nachkam , sprach er der Lissi freundschaftlich zu , welche aufmerksam die Ohren spitzte und sie hierauf eines nach dem andern zurücklegte . Einiges Volk hatte sich auf dem Platz gesammelt , um das zierliche , schmuck aufgezäumte Tierchen zu begaffen . Vom Hause her aber drang unterdrücktes Flehen jammernder Frauenstimmen . » Vater , versündige dich nicht ! Denk an Gott und den Heiland ! « » Conrad , wie kannst du das vor uns und deinem Gewissen verantworten ! « Ratlose Gestalten , in sinnloser Angst die Hände verwerfend , huschten unentschlossen vorwärts und rückwärts , mit dem schüchternen Bestreben , sich zwischen Vater und Sohn einzuschieben . Darob wurde jedoch die Lissi unruhig , begann zu tanzen und machte Miene , zu steigen und auszuschlagen . » Weg von dem Rößlein , in des Teufels Namen , mit dem verfluchten Weibervolk « , schnauzte der Kutscher in seiner Not , da er das Tierchen kaum mehr bemeisterte . In dem Augenblick , als Conrad sich anschickte , dem Kutscher die Zügel abzunehmen , stellte sich der Alte mit gespreizten Beinen fester , holte mit weitem Arm aus und hob den Geißelstock . Halb erstickte Schreckensschreie ertönten , das Pferdchen entsetzte sich mit jähem Sprung im Halbbogen um seine Achse ; der Kutscher , die Füße stemmend , fluchte den ganzen Kalender herunter , Conrad aber bohrte dem Vater einen feindseligen Blick in die wutentzündeten Augen . Da trat Cathri ruhig mit langen Schritten vor und legte die Hand auf den Arm des Pfauenwirts . » Herr Reber « , sprach sie gelassen , mit lautem , nachdrücklichem Ton , » der Gaul verträgt die Peitsche nicht . Der ist ohnehin feurig genug . Gebt die Geißel lieber mir . « Und nahm ihm den Geißelstock sanft aus der Hand , einfach und zuversichtlich , als verstände sich das von selber . Der Alte aber war so verblüfft , daß es geschehen war , ehe er mit sich eins geworden , ob er es dulde oder wehre . Unterdessen hatte sich Conrad behend und leicht in den Sattel geschwungen , trotz seiner Größe , und ritt nun , Cathri einen militärischen Gruß mit verbindlichem Lächeln bietend , in förderndem Schritt von dannen . Hinter sich aber vernahm er den empörten Ruf seiner Schwester : » Es sieht nachgerade schon völlig danach aus , als ob Cathri im Pfauen regierte . « Er lenkte zum Dorf hinaus , planlos dem Weg folgend , den Rain hinab durch die Kirschenallee nach der Eisenbahn , wo er den Schienenübergang gesperrt fand . » Ihr mögt noch bequem hinüber , Herr Reber « , knurrte freundlich der Bahnwärter und hob die Schranken . Jenseits des Geleises aber kam ihm Conrad zuvor , indem er mit dem Pferde schlank über den Balken setzte , in zwiefältigem Ruck , jäh in die Höhe , zurückhaltend hinab . Dann strebte er weiter , zwischen Station und Stations-Pintenwirtschaft hindurch . Von rechts her warf ihm der Stationsvorsteher einen launigen Gruß nach , den er im selben Stil erwiderte : » Glückliche Reise , Herr Batteriekommandant . « » Viel Vergnügen , Herr Betriebsdirektor . « Gegenüber , zur Linken , vor der Pinte , stand die Neuberin , die Schankwirtin , ein Büblein auf dem Arm , das ihn mit übermäßigen Augen bewundernd anstarrte . » Hast dus gesehen ? « lachte sie dem Kinde in die Augen , das sie wie ein Spreuerkissen schüttelte , um seinen Geist aufzurütteln : » Hast dus gesehen , das Rößlein , wie er mit ihm über den Balken sprang , der Herr Pfauenwirt ? « » Hü ! hü ! « lallte das Büblein , aufjuckend , dann ließ es ein widerspenstiges Geschrei los , denn die Neuberin fraß ihm vor Wonne das Gesicht . Hinter dem Gartenhag aber , unter dem blühenden Kastanienbaum , lungerte die Jucunde , die sogenannte Nichte der Neuberin , mit ihrem unsinnigen Strubel , endlos , weglos und verirrlich wie ein Urwald . Sie machte Augen wie Pflugrädlein , rührte sich jedoch nicht , außer daß sie an den Fingernägeln kaute . Einen brandzündigroten Rock trug sie heute zur Schau , aber natürlich wie immer ohne Gestalt noch Gürtel , sondern bauschig wie ein Schlafrock . Es fehlten zur Hauderin nur die bloßen Füße . Er vermied geflissentlich , die eine oder die andere zu grüßen , sondern trieb abgewandten Blickes vorüber . Endlich vorn auf der Landstraße angekommen , in welche sein Weg mündete , schlug er einen Trab an , in der Richtung nach dem Kurbad . Bald indessen verkürzte er die Zügel . Denn seine Gedanken waren daheim geblieben , und die holten ihn nun wie mit langen Hacken ein . Wozu auch vorwärts trotten ? Irgendwohin begehrte er nicht ; und nachdem er bewiesen , daß über die Lissi er allein zu verfügen habe , war sein Zweck erfüllt . Die Hauptsache aber war : die Gefahr , die seiner zu Hause wartete , zog ihn an . Er spürte : was ein rechter Mann ist , schiebt die Schwierigkeiten nicht in die Zukunft und weicht dem Kampf nicht aus , sondern stellt ihn . Er kehrte also um , den zurückgelegten Weg eilends wieder auflesend , so daß er in wenigen Minuten abermals den Bahnübergang erreichte . Diesmal war soeben ein Zug eingefahren , ein zweiter von unübersehbarer Länge hielt auf der Talseite vor der Signalstange , auf das Zeichen zur Einfahrt harrend . Da schöpfte er einen ansehnlichen Vorrat Geduld , verlängerte die Zügel und wartete vor dem Schlagbaum , wobei die Lissi mit schmunzelnden Nüstern neugierig nach dem Wagenfenster schnupperte , als wollte sie sagen : Kann mir vielleicht einer von euch ein Schnupftuch leihen ? Es war ein Wagen zweiter Klasse . Gelangweilte Gesichter stierten ihm daraus entgegen , stumm und mürrisch , als ob sie nächstens bellen wollten . Nein , ganz unparteiisch , die Lissi hatte entschieden ein menschlicheres Gesicht . Nebenan aus der dritten Klasse lärmte Fußstampfen , Gejohl und Blechmusik . Köpfe bockten durch die Fenster aus und ein , mit heftigen , überschüssigen , unzweckmäßigen Bewegungen ; verdutzte Rudel schossen die Treppe auf und nieder , wobei sich Zusammenstöße ergaben . Allmählich aber hefteten sich alle Blicke auf ihn , den einsam ragenden Reiter , um die zehntausendjährige Neuigkeit zu bestaunen , daß ein Zweibein auf einem Vierbein sitzt . Da er jedoch nicht aufgelegt war , sich von dem müßigen Reisevolk wie ein Jahrmarktswunder anglotzen zu lassen , drehte er sein Pferd um , das Hinterteil dem Wagen zugekehrt . » Conrad « , rief ihn eine bekannte Stimme aus einem der hintersten Wagen an : » Bist du heute abend gegen sechs Uhr daheim ? « Es war Leutolf , der Leutnant der Waldishofer Feuerwehr . Sein silberner Helm mit dem purpurroten Haarbusch glitzerte weithin ; neben ihm kamen messingene Helme in großer Zahl zum Vorschein . » Warum ? « fragte Conrad zurück . » Wir machen nämlich einen Ausflug nach Rubisthal , zu Ehren der Spritzenmusterung , und denken auf dem Rückweg im Pfauen einzukehren . « » Ja « , beschied er nach einigem Zögern , da er keinen vernünftigen Grund hatte , nein zu sagen . Auch mochte er die Waldishofer als wackere , pflichttreue Leute besonders wohl leiden . Aus der vorderen Hälfte des Zuges , nahe der Lokomotive , winkte unablässig ein Taschentuch , bis ihm endlich die Ahnung aufdämmerte , das flatternde Fähnchen könnte möglicherweise ihm gelten . Wie er dann Front danach machte , erkannte er die Base . » Leb wohl , Conrad ! « schrie sie ihm zu , mit überschnappender Stimme . » Mach dich lustig ! Und bessere dich ! - Du nimmst dich gut aus auf deinem Rößlein . - Ja , reiten und soldäteln und dergleichen brotlose Künste , das muß man dir lassen , die verstehst du aus dem ff. Hingegen mit dem Pflug zu Acker fahren , gelt , das ist dir zu gemein , zu schmutzig ? « So von weitem erschien ihm jetzt die Base lieblich und traut , so daß ihm ganz heimatlich ums Herz ward . Und da sich eben der Zug mühsam in Bewegung setzte , rief er zurück , mit der Hand winkend : » Komm bald wieder . Ich zähle darauf « » Zählen macht Kopfweh ! « grölte sie . Der Zug geriet inzwischen ins Laufen . » Also du kommst ? « schloß er ab : » Du hast mirs versprochen ? « » Wir wollen dann sehen , wenns finster ist « , gackerte sie aus Leibeskräften . Und mit äußerster Anstrengung , den Oberkörper aus dem Fenster biegend , schrie sie : » Paß jetzt nur auf , daß es diesmal nicht wieder ein Unglück gibt . « Dann reichten ihre Stimmen nicht mehr . Nun winkten sie sich zu , solange sie einander zu unterscheiden vermochten , sogar noch ein Weilchen länger , ledig der Richtung nach . Allmählich verschwand die Base mit dem enteilenden Zug in den verschwimmenden Wagen , einen freundlichen Schimmer zurücklassend , wie ein Sternchen , dessen Namen man kennt . Allein nun auch den andern Zug geduldig abzuwarten , der jetzt umständlich herbeischlich , mit einer Miene , als wollte er sich auf ewig vor der Station niederlassen , nein , soweit reichte seine Langmut nicht . Er begab sich daher einige Pferdelängen von dem Bahngeleise weg , um die Zeit durch Bewegung zu betrügen . Plötzlich , wie er neben dem Pintengärtchen anlangte , beim Anblick der roten Kastaniensträuße über der bräunlichen Thujahecke , beizte ihm die großäugige Jucunde , die er hier geschaut hatte , wie gewürzter Speisebrodem in die Vorstellung . Zwar , man mied sonst die Stationswirtschaft , der Jucunde wegen ; und er nicht minder als jeder andere , ebenfalls der Jucunde wegen . Doch heute beherrschte ihn einmal der Trotz , so daß er , was sich ihm als verboten aufspielte , um so nachdrücklicher tun mußte . Er schwenkte also vor die Schenke mit dem bestimmten Vorsatz , jeden , der ihm das später aufmutzen wollte , derb abzufertigen , sprang ab und übergab das Pferd dem beflissen herbeistoffelnden Knecht : » Führt das Tierchen in den Stall « , gebot er ; » und daß Ihrs keinem andern Menschen ausliefert , wer es auch sei . Verstanden ? « Schmunzelnd trippelte die Neuberin herbei , mit überschwenglichen Freudenbezeugungen ihn bewillkommnend , ein breitspuriges Gerede von unverhoffter Ehre anhebend . » Und so weiter , trallala ! « unterbrach er sie . » Jucunde ! « belferte sie freudig in den Hausgang , » Jucunde , rate einmal , wer uns die Ehre schenkt ! - Die wird die Augen aufsperren ! Wenn Ihr nur wüßtet , wie sie Euch nachschaut im geheimen , jedesmal , wenn Ihr vorbereitet ! Das einfältige Affending , als ob das jemals zusammenpaßte , der stolze Herrensohn aus dem Pfauen und die verachtete Jucunde von der Station ! Jucunde ! Jucunde ! Wo hast du nur deine Ohren ? ! « Einstweilen nahm sie das Büblein vom Boden auf , das ihr an der Schürze hing . » Siehst du , das ist jetzt der schöne Herr , der mit dem Rößlein über den Balken sprang . Betrachte ihn genau , denn wer weiß , wie lange es währt , bis du wieder einmal das Glück hast , ihn von so nahem zu sehen . - Er heißt auch Conrad , wie Ihr « , fügte sie zu seiner Empfehlung hinzu . » Ein hübsches Büblein « , geruhte er leutselig . » Und was für prächtige Samtaugen es hat ! Wem gehört es ? Es gleicht fast ein wenig der Jucunde . Die Wirtin verzog ein Schalksgesicht , verlegen , pfiffig und belustigt . » Es gleicht ihr leider nur allzusehr « , platzte sie endlich lachend heraus . Inzwischen bequemte sich Jucunde selber heran , weich und schwer , mit berufsmäßiger Wohldienermiene . Sobald sie aber den Pfauenwirtssohn erkannte , blieb sie mit sperroffenem Munde stehen , und zwei große Tränen rollten ihr über die Backen . » So sei doch manierlich , du alberne Wachtel « , schalt die Neuberin . » So grüß doch den Herrn Reber , so führ ihn ins Gärtchen und zeig ihm den Weg . « Jetzt strahlte Jucunde mit der ganzen Breite ihres gutmütigen Gesichts und schritt voraus ins Gärtchen , beständig sich umschauend , ob er auch wirklich leibhaft folge . Und da ihr immer neue Tränen nachrieselten , wischte sie lachend den Arm über Mund und Nase . » Ihr müßt nichts für ungut nehmen , Herr Reber « , entschuldigte sie sich , » ich bin halt ein gar unglaublich einfältiges Geschöpf . Wollt Ihr im Hüttchen Platz nehmen ? oder in der Laube ? oder vielleicht dort in der Ecke unter dem Kastanienbaum ? « Dabei scheuchte sie händeklatschend ein Huhn weg , das auf einem der Tische lustwandelte . Er wählte die freie Mitte , wo der Kastanienbaum noch knapp mit seinem Schatten reichte und wo er zugleich den Pfauen im Auge hatte , der vom Hügel herunterschaute wie eine Burg von einer Schanze . » Roten oder Weißen ? « fragte Jucunde glückselig . » Roten wahrscheinlich . « Und da er gleichgültig nickte , eilte sie dienstfertig von hinnen . Er aber dehnte die Glieder und führte die Augen spazieren : Etliche Gäste , Stück sieben oder acht ungefähr , kauerten gelangweilt im Gärtchen . Neue sickerten herbei , teils vom Gartenpförtchen , teils vom Hausgang . Das Bahngeleise war geräumt . Demnach mußte der zweite Zug mittlerweile gleichfalls ausgefahren sein . Von der Station wallte in dichten Scharen Stadtvolk und Landvolk ameisengleich den Rain hinauf , dem Pfauen entgegen , offenbar den beiden Zügen entstiegen . Die Mehrzahl steuerte zur Linken die Kirschenallee hinan , andere quer durch die Wiese , auf dem Fußpfad , vereinzelte wenige auch rechts auf dem Karrenweg längs dem Rebberg . Eine Musikbande war darunter , die Instrumente , sorgsam in grüne Zeugfutterale gehüllt , unter dem Arm . Wirklich , eine vorteilhaftere Aussicht auf den Pfauen ließ sich nicht denken . Wie auf einem Teller lag er vor ihm , majestätisch auf vorragender Höhe , stattlich in seiner weitläufigen Breite : links der Gasthof , in der Mitte die gemauerte Terrasse mit den kugelrunden Akazienbäumchen in Reih und Glied , die freilich um diese Jahreszeit noch gar dürftig belaubt waren , hinter der Terrasse der Tanzsaal , endlich zur Rechten , wo die Terrassenmauer auslief , der Holzschuppen und die Kegelbahn . Den luftigen Zwischenraum kreuzten Schwalben , steigend und fallend wie Steinwürfe , hoch oben in der Himmelskrone schwammen leichte Flockenwölklein . Allein das alles sah er nur so beiläufig , weil er es schlechterdings nicht übersehen konnte . Etwas anderes suchte sein Blick dort oben , jemand , nach welchem sein Haß begehrte , und da der Blick nicht reichte - denn der Abstand war zu weit - , erreichten ihn seine Gedanken . Also wirklich schlagen , mit dem Peitschenstock über den Kopf schlagen hatte er ihn wollen , der Unhold ! Bei dieser Erinnerung stieß seine Faust den Tisch heftig von sich , daß er torkelte . Beschämt rückte er ihn wieder zur Stelle . Nein , verbesserte er sich , vergriffen , an dem Vater vergriffen hätte er sich doch nicht ; trotz allem ; soweit kannte er sich immerhin noch selber . - Freilich , zur Notwehr , im Jähzorn , wenn der Schimpf brannte und die Wunde biß ! - Und wofür ? Bitte wofür ? Was hatte er denn verbrochen ? Es sollte doch ein einziger Mensch kommen und ihm sagen , was er Unrechtes getan hatte ! Seine Augen rollten , und seine Finger krampften sich , während er einen Falkenblick nach dem Gasthof schickte . Mit gekniffenen Brauen brütete er dann eine Weile geistesabwesend vor sich hin . » Mörder ! « knirschte er unversehens . Und wie berauscht von dem blutigen Klang wiederholte er das Wort immer von neuem , zuerst in längern , dann in kürzeren Pausen . Endlich , beim sechsten Male , sprangen alle Fesseln der Gedanken . Unbedenklich stieß er jetzt mit glühendem Wunsche den Vater in die Grube wie mit einem Dolche . - Darauf seufzte er erleichtert . Welche Erlösung ! Kein Zank , kein Verdruß mehr . Herr in Haus und Hof und Feld , geachtet und geehrt , geschätzt und gefürchtet . Niemand , der sich fortan unterstehen wird , ihm einen Verweis zu erteilen . Was ihm belieben wird , wird er befehlen , und was er befehlen wird , wird geschehen ! Und gierig ergriffen nun seine Blicke Besitz von dem väterlichen Eigentum , Stück um Stück , Acker für Acker , Baum für Baum , jubelnd und grimmig , wie der Habicht , der die Faust um die Lerche krallt . Aber von dem Anschauen des farbenstrotzenden Hügels geriet er allmählich ins Sinnen und vom Sinnen ins Träumen . Ein Bild stieg vor ihm auf . Eine Festhütte unten am Hügel in der Au , worin er die gesamte Mannschaft seiner Batterie freihielt , Offiziere und Gemeine , und zwar großartig , mit einem ausgesuchten Essen , wie man noch keines im Lande erlebte , mit der Konstanzer Musik dazu und Überraschungen für die Offiziere beim Nachtisch und Geschenken für die Soldaten , daß es für jeden einzelnen zeitlebens eine Erinnerung bleiben sollte . Das Bild bestand längere Zeit , deutlich und klar . Dann begann es zu schwanken , und ein anderes trat hervor : An der Stelle , wo gegenwärtig der alte häßliche Tanzsaal sich breitmachte , baute er ein Häuschen , nur ganz bescheiden in Riegelfachwerk , kein Stil und Balkone und Badezimmer und Zentralheizung , aber freundlich und wohnlich , mit frohmütigen Zimmern , mindestens drei Meter hoch , und einer geräumigen taghellen Küche , und Wandschränken , soviel nur angingen , und einer breiten , bequemen Laube , damit man im Freien essen kann . Maurer standen auf den Gerüsten , anstellige Welsche aus dem untern Tessin , singend wie die Lerchen , vom Morgen bis zum Abend . Unten hantierten die Maler an den grünen Fensterläden , Wasserdeutsche aus dem Norden in Jägersamt und Schlapphüten , - er meinte , er röche die Farbe . Anna guckte ihm über die linke Schulter , der Doktor über die rechte . Was in aller Welt baust du denn eigentlich da ? knurrte der Doktor in seiner überlegenen Besserwisserei . Denn , seine Wissenschaft in Ehren , und durchaus nicht das mindeste gegen den zukünftigen Schwager , aber sonderlich begabt war er nun einmal nicht , der Doktor , das hätte er selber zugestehen müssen , wenn er nicht ein bißchen zu beschränkt dazu gewesen wäre . Und die Schwester antwortete aus ihren schönen klugen Augen : Jedenfalls etwas Unpraktisches . Man ist ja immer unpraktisch , im Urteil der Weiber . Er aber zog gelassen eine Urkunde aus der Tasche und reichte sie den beiden hin . Da rieselten der Schwester die Freudentränen in den offenen Mund , so daß sie ihm nicht einmal gleich zu danken vermochte . Und der Doktor drückte ihm unaufhörlich die Hand : Aber Conrad , Conrad , was denkst du auch ? Das können wir ja unmöglich annehmen . Ein Maikäfer purzelte kopfüber auf den Tisch , zappelnd , um sich aufzurichten . Nachdem er ihn gewissenshalber , wiewohl widerstrebend , vernichtet , knüpften seine Gedanken wieder vorne an . Eigentlich , grübelte er , in gewisser Hinsicht war es beinahe schade , daß Cathri einsprang . Er hätte doch erfahren mögen , ob der Alte den Hieb übers Gewissen brachte . Zwar , an sich betrachtet , eine Staatsleistung war es , so ruhig und einfach , mit dieser überlegenen Sicherheit , dem wahnsinnigen Wüterich gegenüber , der zu allem fähig war , während Schwester und Mutter mit ohnmächtigem Flennen tatenlos zuschauten . Und der Ton , mit dem sie das gesagt hatte ! Überhaupt ihre Stimme ! Zwar nicht eigentlich , was man eine sympathische Stimme nennt , obschon ja der Ton dem Ohr äußerst wohlgefällig klang : hart und kalt , als ob man einen Degen aus einer Samtscheide zückte . Indessen , eine Stimme , die einem Rettung in der Not gebracht , die hat halt einen besondern Kern ! Ihm ward zumute , als hätte er in jenem Augenblick mit Cathri eine Verwandtschaft eingegangen , und zwar eine innige . Oder nein , nicht Verwandtschaft , denn was sind Verwandte ? Menschen , die einem das Leben verbittern , mit dem Anspruch , das als einen Beweis der Liebe zu verdanken . Freundschaft vielmehr . Beim Kuckuck , warum auch sollte man nicht mit jemand , der einem zusagt und der einem Gutes getan , plötzlich Freundschaft schließen ? Freundschaft ist doch kein Mostapfel , daß sie nur allmählich reifte ! Plötzlich lächelte er vor sich hin , als ob er in etwas Leckeres gebissen hätte . Es war ihm nämlich eingefallen , daß Cathri eine ledige Jungfrau war und er ein heiratsfähiger Bursch , woraus sich verlockende Möglichkeitsbilder entwickelten , denen er träumerisch nachhing . Jucunde erschien mit dem Wein , in einem Atem sich lästerlich anklagend und angelegentlich entschuldigend wegen der sträflichen Vernachlässigung , während sie ihm übereifrig einschenkte . Ehe sie wieder davoneilte , wand sie ihm hastig den Arm ums Gesicht , wie ein Naschwerk , um ihn zu vertrösten . Er aber stieß angeekelt das fremde Fleisch beiseite und fuhr unbehindert in seinen lieblichen Träumereien fort , denn er hatte sich durch die Störung nur oberflächlich wecken lassen . Freilich , gesetzt den Fall , zum Beispiel , er möchte und sie willigte ein , so würde er natürlich Feuer und Flamme dagegen speien , der alte Drache , daran war nicht der mindeste Zweifel . Nun , um so besser , dann gerade erst recht ! Hiermit war er wieder da angelangt , wohin er stets im Kreis zurückkehrte : bei ihm , dem Unvermeidlichen , dem Unausstehlichen , dem Feind seiner Beschaffenheit und Eigentümlichkeit , Feind seiner Wünsche , Pläne und Hoffnungen , Feind in allem und jedem , überall und immer . Neuerdings packte ihn der Groll und krampfte sich seine Hand , aber diesmal um das Weinglas , das er mit einem einzigen Zuge leerte , trotz dem sauren gepanschten Krätzer . Darob wandelte sich der Groll in Zorn , und der Zorn stiftete ihn wieder zum Trinken an . Bald verwirrte sich sein Geist . Ein Taumel betäubte ihn , durch welchen er bloß noch das Hämmern des Blutes gegen die Schläfen spürte , verbunden mit dem leidenschaftlichen Gelüsten , irgend etwas Gewaltsames zu vollführen , und zwar lieber früher als später , am liebsten auf der Stelle . Ein roher Lärm tobte durch den Hausgang , untermischt mit festlichen Jauchzern , und gleich einem Feuerläufer kam der Knecht aufgeregt um die Ecke gesprungen : » Die Niederwagginger sind da « , meldete er mit wichtiger Miene . » Jucunde , schnell ! Flaschen und Gläser , soviel da sind ! « gellte die Neuberin , hüpfend vor Freuden . Zu spät . Schon ward das Gärtchen von einer Rotte ungeschlachten Volkes erobert , das sich stürmisch auf die Stühle warf , im Nu jedes Plätzchen besetzend . Der Rest wirbelte hin und her , nach Bedienung lärmend und Wein begehrend . Sessel wurden als Beute aus den Zimmern herbeigeschleppt , hoch über die Köpfe erhoben , Weinflaschen reihenweise nach Dachdeckerart von Hand zu Hand vermittelt , alles so tumultuarisch wie möglich , aber in Frieden und Eintracht . » Heute gehts den Oberwaggingern an den Kragen ! « triumphierte eine Stimme . » Der Tanz im Pfauen wird wohl heute schwerlich bis Mitternacht währen « , höhnte ein anderer . Beifallsgelächter erscholl , Fäuste wurden prahlerisch geballt , gespannte Muskeln vorgewiesen , Stöcke geschwungen . Hinter den Burschen aber erschien nachträglich ein verschämter Weibertrupp , das Getümmel vermehrend , festlich geputzte Jüngferchen , Feldblumensträuße vor dem flachen Busen . Schüchtern schoben sie sich in die Lücken des aufgeregten Mannsvolkes , glückselig inmitten der Püffe und Tritte . Keine Bedienung vermochte das menschliche Dickicht zu durchdringen . Wo immer die Neuberin oder Jucunde sich hervorwagten , ward ihnen mit handgreiflicher Zärtlichkeit dermaßen zugesetzt , daß sie schleunigst die Flucht ergriffen . Dabei hieben sie weidlich mit den Fäusten drein , die eine wie die andere , unter entrüstetem Quietschen und Belfern , übrigens mit dem vergnügtesten Gesichte der Welt . Sie genasen augenscheinlich in dem Höllenbreugel . Conrad hatte keine Zeit gefunden , sich vor dem ungestümen Menschenschwall zurückzuziehen ; infolgedessen sah er sich auf seinem Platz festgepreßt , so daß ihm nichts übrig blieb , als sich so schmal wie möglich zu zwängen . Das ertrug er zwar ergeben , wie man ein Naturereignis erträgt , allein in der übelsten Laune . Plötzlich juckte er auf und sträußte die Ohren . Nämlich die Worte Pfauen , Kellnerinnen , karessieren hatten ihn getroffen . Und wie er den Kopf danach wandte , gewahrte er einen langen Lümmel mit einem schiefen Karpfenmaul und abstehenden Ohren , schlüpfrig wie ein Regenwurm , dem ers etwa zutraute . In der Tat , der verdrehte zischelnd die lüsternen Augen . Schon wollte er sich angewidert abwenden , da glaubte er zu hören : die schöne Anna vom Pfauen . Nein wahrhaftig , da sagte ers noch einmal , ganz deutlich , der Wicht : die schöne Anna vom Pfauen . » Ihr dort ! Nehmt den Namen meiner Schwester nicht in Euer schmutziges Maul « , herrschte Conrad hochfahrend , so rauh und beleidigend , daß er selbst davor erstaunte ; ein Ton wie eine Ohrfeige . Der Regenwurm kehrte sich zögernd herum , nicht einmal sonderlich verwundert , betrachtete den Gegner geraume Weile mit lauerndem Blick , dann erwiderte er mit flauer Stimme : » Man sagt ja durchaus nichts Schlimmes von Euerer Schwester , nicht im mindesten , im Gegenteil . « Hiermit wähnte Conrad den Fall erledigt . Indessen der andere