und doch ..... Es war etwas anwesend , ein Zweites , etwas Häßliches . Sie fühlte es , ohne es zu sehen . In diesem Augenblick glitt eine tastende Hand neben ihr hin . Hildegard stieß einen Schrei aus , sprang aus dem Bette und warf sich auf den schleichenden Feind . » Na nu , Se erdrücken mir ja , Hülfe , Hülfe ! « » Sie sinds , Sie ! .... Was suchten Sie hier ? « » Na , na , vorerst wenn ick bitten darf , lassen Se mir jefälligst los , ick bin keen Huhn nich , det man so mir nichts , dir nichts anpackt . « » Ich lasse Sie nicht los , bevor Sie - « » Um Gotteswillen , was geschieht hier ? « Fräulein Schulze , eine brennende Kerze in der Hand , stürzte herein . » Was geschieht , was ist los ? « » De Frau ist doll - « » Fräulein Schulze , Sie haben da eine Gaunerin im Hause . Zum zweiten Mal hat sie mir einen nächtlichen Besuch gemacht . « Und ohne eine Äußerung ihrer Wirtin abzuwarten , die zappelnde Magd mit sich schleppend , trat sie in das andere Schlafzimmer . » Leuchten Sie « herrschte sie die Zimmervermieterin an , und näherte sich dem Nachtkästchen . » Aha , hier ist die Lösung des Geheimnisses . Da liegt Ihre Börse . Liegt sie jeden Abend da ? « Fräulein Schulze erblaßte . » Jawohl . « » Det bitt ick mir aus « geiferte die Dienerin , von Hildegard freigegeben . » Ick bin eene anständige - « » Schweigen Sie sofort « sagte Hildegard ruhig , » in der Nacht , als wir unsere Schlafzimmer vertauscht hatten , ohne daß Sie davon wußten , erschienen Sie und suchten die gewohnte Börse Ihres Fräuleins , um sie zu erleichtern . Diese Nacht , als sich das Wechseln der Zimmer ohne Ihr Wissen wiederholte , erschienen Sie abermals an meinem Nachtkästchen , um den gewohnten Diebstahl zu begehen . Fräulein Schulze , ich fordere Sie auf , den Koffer dieser Person zu untersuchen . Das Geld , das sie Ihnen gestohlen hat , wird wol kaum darinnen zu finden sein , hingegen wer weiß , was alles sonst . « Die Direktrice schlug die Hände zusammen . » Aber Anna , nein - « » Lassen Se mir zufrieden , ick jeh noch diese Nacht ; mit eener Dollen - « sie deutete auf Hildegard , » bleib ick nich unter eenem Dach . « » Fräulein Schulze « wiederholte Hildegard bestimmt , » Sie sind mir , Ihrer Mieterin es schuldig , die Sachen dieser Betrügerin zu untersuchen . Wer weiß , was sie auch mir entwendet hat . « Die noch immer vor Schrecken fast wortlose Vermieterin trat ins Vorzimmer an den Korb der Magd , dessen Deckel nur lose geschlossen war . » Da wird nichts sein « sagte sie sich niederkauernd , » er ist ja nicht einmal verschlossen . « » Bitte öffnen Sie nur « drängte Hildegard , » diese Person ist so frech , daß ich ihr zutraue , ihre Diebstähle ganz offen auszuführen . « Hildegard hatte recht gehabt . Schon nach den ersten Kleidungsstücken , die Fräulein Schulze heraushob , kamen verschiedene Wäschestücke , die ihr gehörten , zum Vorschein . Die Diebin sah mit gekreuzten Armen und mit höhnischem Lächeln zu . » Sachen , die ick für det Fräulein stopfen sollte . « » Aber es sind ja gerade Stücke , die noch ganz neu und gut sind , Anna . « » Reden Sie doch nicht , « rief Hildegard ungeduldig , » die Person ist als Diebin entlarvt und muß der Polizei übergeben werden . « Fräulein Schulze brach in Thränen aus und stand auf . » Nein , nein , es kann ja nicht sein , nicht wahr Anna ? reden Sie doch . « » Fiel mir in « sagte die Magd wegwerfend , » ick jehe jleich , oder wolln Se mir wirklich arretieren lassen , dann wart ick so lange . « » Ja , Sie werden so lange warten « rief Hildegard und sah sich nach Hut und Mantel um . » Was wollen Sie thun ? « Fräulein Schulze ergriff sie beim Arm . » Mag das Mädchen ziehen ! Aufsehen in meinem Hause um keinen Preis ! - Gehen Sie , Anna , machen Sie schleunig . « Ein grinsendes Lächeln erschien auf dem Gesichte der Diebin . » Sehn Se woll . In Berlin is man mit ' n Leuten höflicher , als in Ihrem Provinzwinkel . Na , nu leuchten Se mer aber ooch hübsch hinunter . « Sie nahm etliche Kleidungsstücke vom Kleiderrechen herab , warf ihre Jacke um und faßte den Korb . » Na wolln Se mer leuchten , oder nich ? Wenn ick mir Hals und Beene uff der Treppe breche , müssen Se mir Schadenersatz zahlen . « Hildegard stellte sich vor die Thür . » Sie lassen die Diebin doch nicht entwischen . « Fräulein Schulze langte den Hausthorschlüssel herab . » Kommen Sie , Anna , kommen Sie . « Dann gingen beide die Treppe hinab . » Sie haben ein schweres Unrecht begangen « sagte Hildegard , als das Fräulein wieder heraufkam . » Solche Leute läßt man nicht laufen . Was nun , wenn sie in einer anständigen Familie eintritt und ihr Diebshandwerk von neuem beginnt ? « » Ach , was geht mich das an ? « Fräulein Schulze sank kraftlos auf das Sopha , das der Magd als Lager gedient hatte . » Hören Sie , das ist aber ein böser Standpunkt « meinte Hildegard erregt auf- und niederschreitend . Dann trat sie vor ihre Wirtin hin . » Fräulein Schulze , haben Sie denn nie gemerkt , daß Ihnen Geld fehlte ? « Die Angeredete senkte die Augen und schwieg . » Das ist eine Bejahung ! « rief Hildegard . » Meinetwegen , aber - konnte ich denn ahnen - « sie brach wieder in Thränen aus ; dann trocknete sie sich die Augen . » Sehen Sie , ich soupiere jeden Abend mit meinem Bräutigam . Mein Gott , andere Freuden hat unsereins keine . Man geht einmal in den Wintergarten , ins Apollotheater u.s.w. Da giebt man Geld aus . Nach Hause zurückgekehrt , ist man nicht mehr so ganz nüchtern , auch hat man keine Lust , in der Nacht alle Pfennige nachzurechnen . Im großen Ganzen wußte ich ja , wie viel ich monatlich verausgabte . Aber bei den täglichen Auslagen - Ich spürte wohl oftmals das Fehlen einer kleinen Summe . Aber ich dachte immer , ich hätte das Geld verloren , oder aber mein Bräutigam hätte vielleicht einige Silbermünzen aus meiner Börse genommen . Auf diese Idee konnte ich doch nicht kommen . Abends legte ich die Börse immer neben Schlüssel und Taschenuhr . Ich schlafe sehr fest , wenn ich einmal eingeschlafen bin . Diese Nacht wachte ich wegen meiner Kopfschmerzen , sonst hätte ich Sie wohl kaum sprechen hören . « » Und Sie wollen also die Gaunerin frei laufen lassen ? « » Gewiß , ich habe mit der Polizei nicht gerne zu thun . « Sie sprachen noch eine zeitlang miteinander . Hildegard erzählte die Einzelheiten ihrer beiden nächtlichen Wahrnehmungen , dann gingen beide auf ihr Zimmer . Von Schlafen war keine Rede . Jede gab sich ihren besonderen Gedanken hin . Könnt ich doch fort aus diesem entsetzlichen Hause , dachte Hildegard . Wer weiß , was ich hier noch erlebe ! 9 Am nächsten Tage verließ sie später als gewöhnlich ihre Wohnung . Sie ging nach dem Tiergarten und setzte sich dort auf eine Bank . Die Ereignisse der Nacht traten lebhaft vor sie hin . Und da wollten die Frauen die Verwaltung ihres Vermögens , und desjenigen ihrer Kinder selbst übernehmen ? Bei dieser Unkenntnis der einfachsten wirtschaftlichen Dinge ? Bei diesem spielenden Leichtsinn , womit sie die Geldfrage behandelten ! Bei dieser gewissenlosen Gleichgültigkeit , mit der sie die Schädigung ihres Besitzes hinnahmen . Hildegard fühlte sich nach den Erfahrungen dieser Nacht noch gedemütigter als gestern . Der Kopf schmerzte ihr von all dem Denken und Grübeln , von all der inneren Schau , die sich vor ihr aufthat . Sie hatte keine Lust , heute in der Pomona zu essen . Im Vorbeigehen kaufte sie sich bei einer Obsthändlerin einige Äpfel und verspeiste sie . Dann begab sie sich nach ihrer Wohnung . Fräulein Schulze hatte ihr einen Zettel hinterlassen , sie würde heute Abend eine Aufwärterin mitbringen ; bis dahin möchte Hildegard Geduld haben . Dieser war es ganz gleichgültig , ob das Zimmer aufgeräumt wurde oder nicht . Ihre Gedanken schweiften anderswohin . Heute Abend konnte Einhart ihren Brief haben . Wenn er ihr doch telegraphisch das Geld schicken würde ! - Der Hunger begann sie zu quälen . Aber ihre letzten zwanzig Pfennig wagte sie nicht auszugeben , und so hungerte sie . Abends erschien eine ältere Person und räumte auf . Fräulein Schulze ließ die Betten wieder umwechseln . Nun aber zum letzten Mal , meinte sie . Hildegard schlief die ganze Nacht nicht . Sie wagte das Fenster nicht zu öffnen , aus Furcht vor den langen Leitern im Hofe und der entlassenen Magd . Bei geschlossenem Fenster war aber dieser luftlose Raum unerträglich . Am andern Morgen stand sie zeitig auf . Obzwar sie sich vernünftiger Weise sagen mußte , daß heute unmöglich schon eine Antwort da sein konnte , wartete sie doch fieberhaft auf das Erscheinen des Postboten . Er kam nicht . Hildegard trieb sich den ganzen Tag im Freien umher . Einen Augenblick lang hatte sie den Gedanken , Frau von Werdern um ein Darlehen zu bitten , aber dann verwarf sie ihn wieder . Morgen , morgen würde sicher Geld von ihrem Manne kommen . Sie kannte ja seine Güte . Im Unglück verließ er sie nicht . - 10 Abends war sie eine der Ersten , die im Saale der tagenden Frauen erschien . Eine Reihe von Stühlen stand auf dem Podium . Der Tisch war von Manuskripten und Büchern bedeckt . Gegen acht Uhr fanden sich einige Damen ein , denen im letzten Augenblick vor dem angesetzten Beginn der große Strom derer folgte , die Interesse für ihre » Sache « hatten . Hildegard spähte nach Bekannten , konnte aber die einzelnen Köpfe in dem großen Gewühl des nicht sehr glänzend beleuchteten Saals schwer erkennen . Die erste Bekannte , die sie entdeckte war Frau von Werdern , die in einem langen schwarzen Seidenkleide das Podium bestieg . Ihr folgten einige Damen , die Hildegard fremd waren . Während sie nach vorn blickte , legte sich eine Hand auf ihre Schulter . » Gnädige Frau , hier ein Programm . « Fräulein Frett in ihrer blonden Länge stand neben Hildegard und reichte ihr ein bedrucktes Blatt . » Ich werde heute Abend als Laufbursche verwendet , wie Sie sehen , aber was thut man nicht aus Liebe zur Sache ! « Sie verschwand Programme austeilend im Gedränge . Hildegard überflog den Zettel . Fünf Frauen und drei Fräulein sollten sprechen . Jetzt war es acht Uhr . Bis zehn Uhr sollten die Vorträge beendet sein . Da ertönte das Klingelzeichen der Vorsitzenden und gleichzeitig begann Frau von Werdern sich leicht verneigend : » Meine verehrten Gesinnungsgenossinnen ! ich habe das Vergnügen , Sie hier zu begrüßen , und zwar eine zahlreiche Menge von Ihnen . Alle die hier versammelt sind , sind - gehören - zählen , ich meine bilden unsere Freunde . Nichtwahr ? Wir alle wissen , daß unsere Lage ernst ist , daß kein Monat , ja was sage ich , keine Woche , kein Tag verstreichen sollte , ohne daß wir , daß wir - daß wir , daß wir , ich meine ohne daß wir Zeichen unserer Gesinnung , unserer Ansprüche , unseres Wollens nach außen hin geben . Zu diesem Zwecke hat sich auch heute wieder diese Versammlung gebildet . Einige hochbegabte Frauen , die wir alle kennen und verehren - « die Sprecherin wandte sich etwas zur Seite , wo die Rednerinnen sich indessen eingefunden und Platz genommen hatten - » wollen ihre Ansichten über - über - über den - das - über die unwürdige Stellung der Frau im neunzehnten Jahrhundert äußern . Ich erteile Frau Samrosch das Wort . « Die Präsidentin verneigte sich , und eine andere Dame trat vor . Aber sie konnte noch nicht beginnen . Der brausende Jubel , der der Rede der Vorsitzenden folgte , übertönte minutenlang jedes Wort . Erst gemach legte sich das stürmische Klatschen . Hildegard blickte etwas enttäuscht zu Frau von Werdern . Der stockende Vortrag mit einer Winselstimme gesprochen , die Hildegard nie bei ihr vermutet hätte - im Salon sprach sie leise - hatte ihr nicht gefallen . Frau Samrosch besaß ein besseres Organ ; auch las sie ihre Rede brav vom Blatt ab , was das peinliche Stocken verhinderte . Es kamen hochtönende Worte vor , wie : Gewaltsames Vorgehen , wenns friedlich nicht ginge , sich das Ziel erstürmen , Angriff auf die » Unterdrücker « der einen Hälfte der Menschheit , Krieg dem Vorurteil , mögen auch so und so viel alte Traditionen zusammenkrachen dabei . Und all diese wilden leidenschaftlichen Tiraden wurden von einer sanften hohen Sopranstimme vorgelesen . Hildegard lächelte . Es ist reizend , dachte sie . Knixend zog sich auch diese Rednerin zurück , der ebenfalls stürmischer Beifall folgte . Fräulein Buturund trat vor . Wenn sie nur größer wäre und nicht einen so hübschen Lockenkopf hätte , dachte Hildegard . Der glaubt doch kein Mensch die » Unterdrückung « . Aber da hatte sie sich in der Harmlosigkeit des blonden Lockenkopfs geirrt . Mit mächtiger Baßstimme begann die Rednerin : » Dort rückwärts seh ich einige Männer stehn - « sofort flogen mehrere hundert Köpfe zurück - » ja es ist das Beste , verbergt euch ! « Hildegard bedauerte die Männer , denen bei dieser unerwarteten Anrede wol die Kniee schlottern machten . » Verbergt euch ! Wozu seid ihr anwesend ? Um Einheit von uns zu lernen ? Um Mut von uns zu borgen ? Etwa um Einkehr in euch selbst zu halten ? « Ein schmetterndes Lachen aus dem Munde eines der Angegriffenen machte die Rednerin einen Augenblick stutzig ; aber gleich darauf fuhr sie weiter fort : » Die Physiologie lehrt uns , daß nicht die Quantität , sondern die Qualität des Gehirns bei der Intelligenz eines Geschöpfes den Ausschlag giebt . Meine Damen ! Sie alle wissen , daß unser Gehirn viel kompliziertere und feinere Windungen und Nerven hat , als das der Männer . Lassen wir ihnen den Stolz auf ihre größere Hutweite . Die Wasserköpfe sind die am mächtigsten gebauten . « - » Bravo ! « tönte es wieder von rückwärts . Die Rednerin schleuderte einen verachtungsvollen Blick zurück ; dann entwickelte sie weiter , daß die Zeit der Umwälzungen auf allen Gebieten gekommen wäre - auch auf den rein menschlichen . Die Frau hätte Jahrtausende lang geschwiegen und im Stillen Kräfte gesammelt . Der Mann hätte sich inzwischen » ausgegeben « . Er befände sich in der Rückbildung . Die Zeit der Herrschaft des Weibes sei angebrochen . Das sei klar wie das Einmaleins . Fräulein Buturund sprach anderthalb Stunden lang mit unvermindeter Kraft . Als sie schloß , durchbrauste frenetischer Jubel den Saal . Sie mußte sich unzählige Male verbeugen und schien nicht übel Lust zu haben , noch einmal von vorne zu beginnen . Nur das schnelle Hervortreten ihrer » Nachrednerin « , einer älteren Dame , die die Redelustige herausfordernd maß , hinderte sie daran . » Geehrte Gesellschaft « begann Frau Sanghausen , und dann noch dreimal : » Geehrte Gesellschaft « , denn man jubelte noch immer fort , ohne auf sie zu hören . » Es ist eine schöne Sache um den Mut , aber eine noch schönere um die - Klugheit . Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf : meine gefeierte Vorrednerin scheint mir doch zu weit in ihren Auseinandersetzungen gegangen zu sein . Muß man denn stürzen , um frisch zu bauen ? Nein , nein , und abermals : nein ! Wir leben in dem Zeitalter des Friedens , wir verabscheuen den Krieg . Wir wollen kein Blut vergießen . Lassen wir den Männern ihre Daseinsberechtigung . Seien wir großmütig ! Aber « - hier erhob die Rednerin ihre Stimme lauter , » nur unter der Bedingung , daß sie auch uns anerkennen ! Daß sie in uns Gleichwertige , Gleichberechtigte erblicken . Wir wollen nicht auf sie herabsehen , aber wir wollen auch nicht hinaufblicken zu ihnen . « ( Minutenlanges Bravo . ) » Schulter an Schulter wollten wir mit ihnen gehen . Dann wird das goldene Zeitalter seine Auferstehung feiern und aus dem letzten Rest der abgestreiften Sklavenkette wird sich ein Ring gestalten , ein goldener Reifen : der Ehering des Friedens und der Gerechtigkeit . « » Das war die schönste Rede « rief später ein junges Mädchen hinter Hildegard und wischte sich die Augen . Eine üppige Brünette trat vor und lächelte freundlich ins Publikum . » Meine Lieben , die ihr da versammelt seid , ich - « Hildegard suchte auf dem Programm den Namen der Dame . Tinni Froßen : Uber einen unbeachteten Gesichtspunkt . - » Ich « begann die Vortragende , » schließe mich keiner meiner Vorrednerinnen an . Nicht über den Männern , nicht unter den Männern , jenseits der Männer ist mein Bekenntnis . Mögen sie von uns halten , was sie wollen , es schadet uns nicht . Mögen sie uns nur Eins lassen : die Freiheit , zu thun , was wir wollen . Keine Kontrolle unserer Thaten , ihr Herren ! Auch wir wollen unsere Klubhäuser , unseren Sport , unsere kleinen Geheimnisse . Vor allem : wir wollen unserem eigenen Geschmack folgen . Wir haben schon so vieles regeneriert , nun wollen wir an das Allerwichtigste herantreten , an das , wovon unsere Gesundheit abhängt : an die Toilette . Meine Damen , fort mit dem Korsett , fort mit dem langen Kleide . Das Beinkleid sei unser Motto . Denken Sie , wie viel Geld , Zeit und - Staub werden wir uns ersparen , wenn wir dem Männerschneider anstatt der launenhaften Modistin unsere Treue schenken . « Die Rednerin entwarf nun mit lebendiger Phantasie ein Bild von der Zukunftshose . - Nach Frau Froßen sprach noch eine Dame über dasselbe Thema . Die andern Damen , die sich noch zum Wort meldeten , wurden von Frau von Werdern für den nächsten Vortragsabend vertröstet . Für heute wäre es zu spät . Die Vorsitzende dankte dann noch in etlichen gefühlvollen Worten den lieben Gesinnungsgenossinnen für ihre Aufmerksamkeit und schloß die Versammlung . » War es nicht amüsant ? « fragte Elvira Kampfmann , indem sie an Hildegard herantrat . » Amüsant ? Ja . « Die junge Frau , die mit ihrer Bekannten dem Ausgang zustrebte , betrachtete die Gesichter der Anwesenden . Alle strahlten , alle waren gerötet . Eine freundliche Heiterkeit lag auf allen . Hildegard hörte zwei Worte um sich schwirren : Hose oder Rock ! Darüber unterhielt man sich lebhaft . Im Hausflur war ein so großes Gedränge , daß man nur schwer vorwärts konnte . Vor Hildegard befanden sich zwei Damen . » Die kompleteste Narrenkomödie « sagte die Eine mit absichtlich lauter Stimme . » Lauter Phrasen ohne Wert . Stroh , das schon hundertmal gedroschen worden ist . Zuletzt sind sie natürlich auf die Kleider zu sprechen gekommen , wie kleine puppenspielende Backfische . « Hildegard stieß Elivra an . » Wer ist die Dame ? « Anstatt der Antwort sagte Fräulein Kampfmann laut : » Der Fehler ist , daß Krethi und Plethi nicht hereingelassen werden dürften . Ich habe schon einmal darum plädiert . Nun , es kommt hoffentlich auch bald dazu . Bei uns riechts weder nach Knaster , noch nach Schweiß . Wie sollte sich der Bebel da wol fühlen können ? « Die Umstehenden , die Elviras Bemerkung gehört hatten , brachen in schallendes Gelächter aus . Draußen auf der Straße sagte sie zu Hildegard : » Das waren zwei wütende Sozialdemokratinnen . Sie schleichen sich immer in unsere Zusammenkünfte , um uns dann öffentlich lächerlich zu machen . Und doch sind sie die Lächerlichen . Sie haben sich von uns getrennt , weil wir ihnen zu zahm waren . Aber was kommt bei ihren Versammlungen heraus ? Daß Eine oder die Andere einmal brummen muß , was sie auch mit besonderer Vorliebe thun , um den Glorienschein modernen Märtyrertums zu erhalten . Das Schönste geschah neulich . Etwa fünfhundert Frauen und etliche wenige Männer hatten sich versammelt . Frau Lippmann hielt eine brennende Rede gegen die Menschenschinder : die Fabrikanten , zu Gunsten der heiligen unterdrückten , im Schweiß ihres Angesichts ringenden Arbeiter . Sie feierte die Helden vom Knaster und versprach ihnen bei einiger Geduld das Himmelreich und die - Vergeltung . Sie sagte in rührenden Worten , daß die andere Hälfte der Menschheit gemach ganz auf die Seite der Unterdrückten träte . So könne man auch in dieser Versammlung Frauen aus den ersten und allerersten Kreisen erblicken . Während die Lippmann so gefühlvoll redet , meldet sich einer der anwesenden Männer zum Wort . Er springt aufs Podium und fällt über die Rednerin her . Hier im Saal der sozialdemokratischen Frauenversammlung brüllt er : den Frauen müsse der Kopf gewaschen werden , er , der Schneider Wachler sage das . Er hatte nämlich alles Gesprochene mißverstanden . Kanns eine bessere Illustration für den fortschrittlichen Geist des edlen verkannten Standes geben ? « Hildegard lächelte schwach . Sie war totmüde . » Etwas Neues haben Sie mir da erzählt . Also die Emanzipierten schon in zwei Lager geteilt . Ich dachte ein gemeinsames Ziel mache einig . « Dann verabschiedete sie sich von ihrer Begleiterin , ging nach Hause und begab sich zu Bette . Aber sie konnte keinen Schlaf finden . Sie hörte ununterbrochen die hohen Stimmen der Rednerinnen im Ohre , das Beifallsgeklatsche , das Gemurmel der sich ihre Bemerkungen zuraunenden Damen . Und dann dachte sie : Wozu war eigentlich diese Versammlung ? Es wurde sehr viel geredet . Aber hat man etwas Gutes gefördert , einen neuen Gesichtspunkt gefunden ? Man hat geschimpft und getobt und immer das » Wir « ausgespielt . » Wir « wollen , » Wir « können , » Wir « streben . Das war eine Lüge . Wer ist » Wir « ? Etwa die Mehrzahl der Frauen ? Nein . » Wir « ist eine Handvoll anscheinend stärker mit Talenten Begabter von ihnen , die sich besondere Anerkennung verschaffen wollen . Wenn es aber nicht nur anscheinend Begabtere wären , wozu dann der ganze Aufwand von Pose und Theatralik ? Zu keiner Zeit , in keinem Lande , unter keinerlei Lebensverhältnissen ist es wirklicher Begabung unmöglich gemacht worden , sich durchzusetzen . Hildegard durchflog in Gedanken die Welt- und Kulturgeschichte . Immer sah man , wie das starke Talent sich den Boden eroberte , den es zu seiner Entwicklung bedurfte . Denn das starke Talent besitzt den Mut zur Einsamkeit , zum Alleingehen . Das braucht weder Hinternoch Vordermänner . Es sagt nicht » Wir « sondern : » Ich « . Würden sich einer wirklich groß veranlagten Malerin nicht die Thüren aller Akademien öffnen ? Würden einer weiblichen Rechtsgelehrten , die nicht nur das Gewerbsmäßige ihres Berufes , den gedruckten Paragraphen in den gedruckten Gesetzbüchern erfaßt , sondern auch die Kunst des Denkens und geistigen Besitzergreifens einer Idee versteht , die Pforten der Gerichtssäle verschlossen bleiben ? Mittelmäßige Begabung ist kein Anlaß , um den Frauen bevorzugte Plätze in der Arena des Lebenskampfes einzuräumen , es giebt schon mittelmäßige Männer genug . Wozu also das Geschrei ? Um des Geschreis willen . Hose oder Rock ? Es lebe die Abwechslung und der Männerschneider ! Hildegard schlief ein . 11 Am andern Morgen erwartete sie unruhig das Eintreffen des Briefboten . Er kam nicht . Sie ging aus , kehrte wieder , ging nochmals aus , und fand noch immer keine Nachricht von Hause . Quälender Hunger begann sich ihrer zu bemächtigen , aber nochmehr bittere Angst . Nicht ihret- und ihrer Zukunft wegen . Um den Mann , den sie in kühler Gleichgültigkeit verlassen hatte , weil ihr das Leben an seiner Seite zu wenig interessant erschienen war . Wenn das Weib nur aufrichtig gegen sich wäre , dachte sie , wie viele Trennungen , die unter hochtrabenden Gründen eingeleitet werden , haben in dem einfachen Gelangweiltsein der Frau ihren wahren Grund . Und wie sie jetzt an ihn dachte , der immer so schweigsam gewesen war , und immer in heimlicher thätiger Liebe für sie geschafft und gewirkt hatte , zu stolz , um sie in den Bestrebungen , die sie immer weiter von ihm entfernten , zu hindern , zu einfältig und schlicht , um ihr das Ergebnis ihres törichten Beginnens vorauszusagen , da fühlte sie ein tiefe , unaussprechliche Sehnsucht nach ihm in sich erwachen . Sie rief sich sein Äußeres ins Gedächtnis , die schlichte Gestalt mit dem hellbraunen Haar und den verschlossenen ernsten Zügen , die ein paar ruhiger dunkelblauer Augen beherrschte . Sie hatte in spätern Jahren sein Angesicht banal gefunden , weil keine große Lebendigkeit sein Mienenspiel wechseln ließ , jetzt , wo sie den Untergrund seines Wesens zu ahnen begann , erschien ihr dieses Gesicht in seiner männlichen Ruhe sympathisch , ja liebenswert . Warum nur Trennung oder Tod zum Erkennen des Zweiten nötig ist ? Sie stieg unzählige Male an diesem Tag die Treppe hinab , um im Freien ihrer Unruhe einigermaßen Herr zu werden . Gegen Abend ging sie nach einem Leihamt und lieh sich Geld auf ihre Uhr . Dann setzte sie sich in eine Konditorei und griff zu den Zeitungen . Ein Referat über den gestrigen Frauenabend fesselte bald ihre Aufmerksamkeit . » Ein Flor reizender Damen « hieß es darin , » hatte sich versammelt . Die Palme des Abends errang Fräulein Buturund , deren allerliebster Lockenkopf kaum die ernsten Gedanken erraten läßt , die in ihm wohnen . Auch Frau Tini Großens junonische Gestalt fehlte nicht . « In kurzen Sätzen war das Hauptsächliche ihrer Rede wiederholt . » Frau Sanghausen entzückte die Versammlung wie immer durch die Musik ihres Organs . In der ersten Sitzreihe sah man die allerliebsten Fräulein von Rotmüller . Auch Frau Baronin von Wallfred , bekannt durch die exklusive Vornehmheit ihrer Toiletten , erblickten wir . « In diesem scherzhaften Plauderton gings weiter . Also so ernst nahm man die Frauenrechtlerinnen ! Man sprach von ihren hübschen Gesichtern und ihren Toiletten . Hildegard griff zu einer andern Zeitung . Auch hier derselbe Ton in der Erwähnung des Frauenabends . Die hübsche X. und die reizende Y. Auch ein dritter Bericht lautete nicht anders . Hildegard fühlte Röte in ihre Wangen steigen . So wenig Enthusiasmus sie auch jetzt mehr der ganzen Frauenbewegung entgegenbrachte , so fühlte sie als Weib sich doch über den überlegenen Ton gekränkt , womit man ihre Mitschwestern abfertigte . Wie kleine Pensionsgänse , dachte sie ärgerlich . Wo fiele es z.B. einem Berichterstatter ein , die Gesichter und Anzüge der Herren im Reichstag zu schildern . » Der reizende Miquel stellte den Antrag « oder : » Bamberger trug wieder einen seiner bekannten eleganten Anzüge « oder : » von Kardorffs liebliches Organ schmeichelte sich in die Herzen der Zuhörer « . Hildegard schob die Zeitungen weg , bezahlte und ging hinaus . Ein kühler Wind fegte durch die Straßen , der Herbst kündigte sein Nahen an . Ein von Stunde zu Stunde sich steigerndes Bangen bemächtigte sich der jungen Frau ; die Einsamkeit , die große Erweckerin , hatte sie in ihre Arme genommen . Das meist ganz irrig angeschaute Ideal der unzufriedenen Frau aus dem geistigen Mittelstande hatte sich bei näherer Betrachtung als große hübsche Wachspuppe gezeigt . Es war kein Leben , keine Entwickelung in ihm . Die Männer bekriegten es nicht einmal , sie begegneten ihm scherzhaft . Und die Frauen ? Glaubten sie im letzten Grunde das , von dem sie in so tönender Uberzeugung sprachen ? War es ihnen nicht eigentlich mehr um eine Abwechslung , eine » Zerstreuung « zu thun ? Mehrere , deren Privatinteressen vielleicht durch einige Veränderungen z.B. des Gesetzbuches gefördert worden wären , wünschten diese lebhaft . Aber aus rein idealen Gründen , ohne Seitenblick auf die Förderung des eigenen Interesses , stand wol keine der Frauen in der Bewegung . So entpuppte sich ein Ideal Hildegards . Und das andere : die Freiheit ? Sie grübelte darüber nach . Was bedeutet dieser Begriff für die Frau ? Ist nicht die Liebe und das Opfer ihre Freiheit ? Ohne diese beiden zu leben , heißt für sie : Verbannung , Trostlosigkeit , Öde . Manches Weib erkennt dies erst zu spät , wenn sein Irrtum die Wege zerstört hat , die nach der Heimat ihres Glückes : dem Herzen des Mannes geführt haben . Hildegard zitterte davor , daß vielleicht auch sie zu diesen Verspäteten gehöre . Und dann fiel ihr ein , wie unschlau die meisten Männer seien . Weshalb schicken sie nicht die unzufriedene Frau für ein Jahr oder länger fort ? Weshalb widerstreben sie den romanhaften Wünschen und Plänen der Gattin ? Ließen sie sie doch ziehen ! Gäbe es ein besseres Mittel , sie schleunigst zurückkehren zu machen ? .... Der Mann kann nicht so viel reden wie die Frau , deshalb ist er