ihn schmerzlich . Er wurde blaß vor Zorn und ballte die Fäuste . Aber auch Girlinger war blaß geworden . Dieses Gelächter traf ihn mit . Er fühlte sich plötzlich mit Stilpe auf der einen und alle Andern auf der andern Seite . Als die Turnstunde aus war , und die Schüler truppweise nach Hause gingen , trat er auf Stilpe zu . - Du , Stilpe , wenn Du wieder mal roh werden willst , dann such Dir wenigstens eine Gelegenheit , wo wir alleine sind . Oder gefällt Dirs , wenn die Bande sich über Dich amüsiert ? Mir gefällt so was nicht . - Mir auch nicht . Ich möchte ihnen Allen in den Bauch treten . Elende Hunde Alle miteinander , und zumal dieser Turnpauker . Herrgott , na ... ! Übrigens , was willst denn Du bei mir ? Ich denke , ich bin ein desolater Reaktionär ? - Ach , laß doch das . Wir können uns doch unterhalten , wenn wir auch verschiedener Meinung sind . Wir sind ja doch die Einzigen , die überhaupt Meinungen haben . Oder willst Du Dich vielleicht mit Pahlmann über Bismarck unterhalten ? Oder mit Schirmern ? Oder mit Cohn ? Die Drei haben vorhin am lautesten gewiehert . - Ach was , ich geh kneipen . - So . Ich geh nach Hause . - Das wußt ich vorher . Du bist ja der solide Knabe Primus . Weißt Du , wie eine Kellnerin aussieht ? - Das interessiert mich nicht . - Dafür interessiert Dich dieser Schweinehund , der Lassalle . - Gott , Stilpe , der Mann ist höchstens ein Schweinehund gewesen . Er ist nämlich schon seit einer ganzen Reihe von Jahren tot . - Ach ! Willst Du mir nicht die Jahreszahl nennen ? Weißt Du , was Du bist ? Ein Protz bist Du ! Bildst Dir wunder was ein , daß Du ein bischen mehr von solchen Sachen weißt wie ich . Wenn mein Vater Staatsanwalt wäre und solche Bücher hätte , könnte ich auch Sozialdemokrat sein , d.h. , wenn mir das nicht zu niederträchtig wäre . - Ich kann Dir sie ja zu lesen geben . Das ist gescheidter , als mit sechzehn Jahren in Bumskneipen zu gehn . - Bumskneipen ? Du sagst Bumskneipen ? Du meinst also , diese Mädchen sind gemeine Frauenzimmer ? Wahrhaftig Du , ich sage Dir , es giebt nichts Reineres und Schöneres als z.B. Martha . - Was geht mich denn Deine Martha an ? - Du hast doch Bumskneipe gesagt ! Wie kommst Du denn dazu , jemand zu beleidigen , den Du nicht kennst ? Aber Du ziehst eben alles Edle in den Staub . So machst Dus mit Bismarck und so mit Allem . Du kannst nichts als kritisieren und nörgeln . Alles Ideale ist für Dich blos dazu da , es ironisch schlecht zu machen . Man könnte Dich für einen Juden halten , und Du liest auch blos Juden . Ewig mit Deinem Börne und Lassalle und diesen andern Mauschelmeiern , diesen ekelhaften Kerlen , die eine Schande für das deutsche Vaterland sind ! Pfui ! - Aber Du kennst ja nicht ein Wort von Börne und Lassalle ! Lies sie doch mal ! Lies doch mal Börne ! Schimpf doch nicht über das , was Du nicht kennst . Das sind ja alles blos Phrasen . - Hast Du nicht Bumskneipe gesagt ? Kennst Du denn die Martha ? Kennst Du denn das Lokal ? ... Weißt Du was : Komm jetzt mit hin , und dafür will ich dann Börne lesen . - Ach Gott , das ist mir so unangenehm , ganz abgesehn davon , wenn wir geklappt werden . - Herrlich ! Da haben wir den Revolutionär ! Feige bist Du , wie diese ganze Judenbande , die auch blos das große Maul haben . - Mach Dich nicht lächerlich . So mutig bin ich schließlich auch , abends , wenns dunkel ist , in so ein Loch zu kriegen , wo doch kein Pauker hinkommt . - Also komm mit ! - Blos , damit Du siehst , daß ich nicht feig bin . Aber dann liest Du auch Börne ! - Mein Ehrenwort , Girlinger , meine rechte Hand ! Komm ! Es sind blos ein paar Schritte . Paß auf , Du wirst ein Mädel kennen lernen ... ! Zweites Kapitel Diese Martha war eine schöne , schlank üppige Person von etwa zwanzig Jahren mit dunkelblauen Augen , zwei langen blonden Zöpfen und sehr blasser Gesichtsfarbe . Sie hätte zu irgend etwas sehr Unschuldigem Modell stehen können , und wie sie aussah , so stellen sich sämmtliche Backfische Fausts Gretchen vor . Dazu hatte sie eine sehr liebe , linde Stimme und die allerweichsten , rundesten Bewegungen . Professor Thumann hat diesen Typus in die Seele der deutschen Bourgeoisie gemalt , und wir begegnen ihm noch immer auf Wäschekartons , Cigarrenkisten und Glaube-Liebe-Hoffnung-Buntdrucken . Damit wird es begreiflich erscheinen , daß der sechzehneinhalbjährige Stilpe , öffentlicher Obertertianer und heimlicher Dichter , Vaterlandsschwärmer und Idealist , unendlich täppisch verliebt in dieses Mädchen war . Sie erschien ihm als der Inbegriff dessen , was er früher in dem Idealbilde der Thusnelda verehrt hatte . Nur kam nun noch das Gretchen aus dem Faust , das Käthchen von Heilbronn und die Lindenwirtin , die Feine , dazu . Dies , soweit es sich in seinen Versen aussprach , die er ausgiebig zum Lobe dieses Mädchens hervorbrachte , und deren Idealismus ihm bitter ernst war . Aber es gab auch noch einen andern Gesichtswinkel , unter dem er diese Martha ansah . Jener Idealismus war mehr das Gefühl aus der Entfernung , eine Distanceschwärmerei , eine bewegte Andacht hinter blauen Weihrauchnebeln . Zuweilen aber geriet der schwärmerische Beter durch diesen duftenden Nebel hindurch und kam auf weiches Fleisch . Und , siehe , mit einem Ruck war die Situation verändert . Die Gefühle bekamen ein anderes Tempo und einen anderen Thermometergrad ; irgend etwas in ihm schien sich zu überschlagen , irgend etwas pochte von innen an die Wände seines Leibes , - es wurde da etwas lebendig , das nicht Idealismus war . Der gute Junge hatte böse Tage und bösere Nächte dabei . Es warf ihn gewaltig hin und her , und durch seine schwärmerischen Verse quollen zuweilen absonderliche Töne eines unheimlichen Drängens aus der Tiefe . Ich glaube , für die Augen der Götter sah seine Seele damals aus wie ein Glas voll Federweißem , in dem die Gährschichten durcheinanderwallen und die Blasen steigen . Vielleicht richten die Götter derlei blos an , weil ihnen dieser Federweiße der menschlichen Pubertät besonders schmeckt . Für den Menschen selber aber ist dieser Zustand keine ungemischte Freude . Stilpe verkam sichtlich dabei . Er war beim Austragen eines wesentlichen Stückes seiner selbst : Er ging mit seiner Mannheit schwanger . Vielleicht war es zu früh , daß es ihm so viel Qualen machte ? Da war es ein großes Glück für ihn , daß er nun als Ablenkung Ludwig Börne kennen lernte . Er stürzte sich auf diesen vielbeweglichen blendenden Geist , wie eine Frau , der es in der Hoffnung nach Dingen gelüstet , die ihr vielleicht schädlich sind , im Augenblicke aber wohlthun . Es verging kein Monat , und er war ein wütigerer Revolutionär , als sein Freund Girlinger . Selbst seine deutschen Aufsätze in der Schule brachten Äußerungen zu Tage , die über das erlaubte Maaß der Lobpreisung antiker Freiheitshelden wie Harmodios und Aristogeiton hinausgingen . Aber in seinen Tagebüchern rumorte sich die Empörung seines Wortschatzes am wildesten aus . Dort fanden sich in wunderlichem Nebeneinander die Namen von Gajus und Tiberius Gracchus , Catilina , Marat , Danton , Robespiere , August Bebel und Eugen Richter . Für Majestätsbeleidigungen hatte er sich eine eigene Geheimschrift erfunden . Der vor vier Wochen noch angebetete Name Bismarcks war von nun an durch das Zeichen eines Dolches wiedergegeben , wofür die Erklärung lautete : » Man kann das nehmen , wie man will . Entweder als den Dolch , mit dem dieser hochfahrende Strunkjunker die Freiheit Deutschlands hingemordet hat , oder als den Dolch , mit dem er ... ? ... « Die Freiheit Deutschlands hatte übrigens auch ihr Geheimzeichen ( » denn sie ist ganz und gar verboten « ) , nämlich ein Epsilon und Gamma , was heißen sollte : Eleutheria Germanias . Dieses Epsilon Gamma schnitt sich der entflammte Demokrat sogar auf seinen linken Unterarm ins Fleisch ; aber nicht sehr tief . Es versteht sich , daß auch der Herrgott übel wegkam in diesem Tagebuche : » Was ist denn Gott ? Ein Substantivum generis masculini . Oder ein Eigenname ? Aber was für ein Wesens damit gemacht wird ! Wozu denn nur ? Das gute Lumen ( das war der Religionslehrer ) sieht nie so dumm aus , als wie wenn es Gott sagt . Liegt das nun an diesem Substantivum oder am Lumen ? Ich muß Girlinger fragen . « » Übrigens sollen ja auch große Leute an Gott geglaubt haben . Girlinger behauptet sogar , sie hätten ihn erfunden . Wer weiß , wo er das her hat . Er liest jetzt viel Philosophisches . Wenn nur Kant nicht so dunkel wäre . Diese verfluchten langen Perioden . Schopenhauer geht eher . Aber es ist entsetzlich , wie er über die Weiber schimpft . Ich glaube , man muß ein alter Knacks sein , um diese Philosophen lesen zu können . « » Das Lumen ( man sollte es die Funzel nennen ) sagt , Gott sei wie die Luft , die man auch nicht sieht , aber spürt , und ohne die man nicht leben könne . Dann ist die Philosophie wohl eine Luftpumpe . Man setze die Funzel hinein , und sie wird verlöschen . Deshalb hat sie auch so einen Abscheu vor der Philosophie . « Zuweilen gab es aber auch Verzweiflungsausbrüche in diesem Tagebuch , so sehr Stilpe auch bemüht war , in ihm den scharfen Geist zu posieren , dessen Atheismus über jeden Zweifel und jede Angst erhaben war . Dann türmte er bedenkliche Jamben-Quadern aufeinander Ich bin ein Mensch , und , hat mich Gott gemacht , So soll er einstehn auch für das Gemachte Und soll nicht Sünde heißen , was ich thu , Und seiner Pfaffen ekelhafte Schaar Auf mich loslassen wie ein Heer von Geiern . Ich bin voll Wollust , und ich schreie laut Nach Wollust wie der Hirsch nach Wasser schreit . So gebt sie mir , denn Gott hats so gewollt , Und wenn ihr Sünde sagt , so sündigt Gott . Nein , nein und nein , ihr kennt ihn nicht , den Gott , Von dem ihr sprecht ; er ist kein lieber Gott : Ein böser Gott ! - Ach Gott , er ist ja nicht ! Jeden Sonntag kam Girlinger zu Stilpe und ließ sich von ihm das Tagebuch zeigen . Er war , bei aller eigenen Unreife , doch viel reifer , als jener , denn er hatte vielmehr Verstand und war wirklich fleißig hinter der Literatur her , die er Stilpen zutrug . Vor Allem kam ihm zustatten , daß er alle die zu frühe Gedankenkost kühl in sich aufnahm , während sie Stilpe heiß verschlang . Auch ließ er sich , trotz seiner Jugend , nicht so leicht blenden , und wenn er auch merkwürdig viel Sinn das Brillante in Stil und Gedanken hatte , so nahm er das doch schon mit einer Art von Kennerschnalzen hin , während Stilpe sofort wie überschüttet und überglänzt war und Alles am liebsten gleich subjektiv für sich zur That gemacht hätte . Der Fleiß fehlte ihm , wie in der Schule , so auch hier . Keines der Bücher , die ihn wild begeisterten , las er fertig , und Sitzfleisch hatte er nur in der Kneipe bei Martha . Eines Tages kam er auf Girlingers Wohnung gestürzt . - Bist Du allein ? - Meine Schwestern sind im Wohnzimmer . - Können sie hören , was wir sprechen ? - Wenn sie nicht horchen : Nein ! - Aber sie werden horchen , natürlich ! - Unsinn , sie machen ihre deutschen Aufsätze . - Nein , ich kann das hier nicht sagen . - Was denn ? - Es ... es ... Komm nur ! Komm ! Ins Freie ! - Ja , was hast Du denn nur ? - Ach , es ist schrecklich ! Schrecklich ! Sie gingen zusammen in den Garten , den Stilpes Pflegeeltern vor der Stadt hatten . - Also , was ist denn los ? Du siehst ja ganz blaß aus ! - Wie ? Sieht man mirs an ? Nicht wahr , ich bin furchtbar blaß ? - Ja , blaß bist Du ... Und außerdem stinkst Du nach Sprit . - Ja , ich habe sechs Glas Bier getrunken . - Pfui Teufel , und natürlich dieses gräßliche Lagerbier in der Austria . - Ja , aus Verzweiflung Girlinger . Denke Dir nur ... Martha ... ! Ach Gott ! - Ich kann mirs wirklich nicht denken . Daß der Engel einen Bräutigam hat , der Unteroffizier ist , weißt Du ja schon seit vier Wochen . - Ach , ich bitte Dich , sei nicht so spöttisch jetzt . Es ist zu furchtbar . Er war wirklich wie zerschmettert . Girlinger fühlte Mitleiden mit ihm , und wie sie im Garten angekommen waren , redete er ihm sehr teilnahmsvoll zu , sich ihm auszuschütten . Es war ein kleiner Mietsgarten zwischen anderen von der gleichen quadratisch angelegten Art. Selbst in der schönen Jahreszeit sah er trostlos öde aus mit seinen kleinen nach der Schnur gepflanzten Bäumen , den kümmerlichen Sträuchern und den harten gelben Kieswegen . Jetzt , da es Spätherbst war , die kahlen Bäume wie Besen aufragten , verfaultes Laub in den schwarzen Beeten lag und ein kalter Wind unter grauem Himmel ging , machte er einen völlig jämmerlichen Eindruck . Da sie keinen Schlüssel hatten , sprangen sie über das Stacket . Plötzlich rief Stilpe : Wo ist denn die Bank ? ! Nicht einmal eine Bank ist da ! Wütend rannte er im Garten herum . Es kam ihm unbewußt sehr gelegen , daß er Ursache zu einem Wutausbruch fand . - Wir können ja hin- und hergehn ! - Nein ! Ich will eine Bank ! Ich bin wie zerschlagen ! Ich muß sitzen ! - Aber , wenn doch keine da ist ? - In der Baracke sind sie . Wart ! Ich werde sie gleich haben ! Und er stürzte zum Gartenhaus , rüttelte erst mit den Händen an der Thür und trat diese dann mit den Füßen ein . - Hö ! Bänke genug ! Und er schleppte eine heraus und stellte sie mitten auf den Weg . - Da , setz Dich ! - Ich brauche nicht zu sitzen . Ich bin nicht » zerschlagen « wie Du , denn ich bin nicht betrunken . Übrigens werde ich gleich wieder nach Hause gehn , denn ich habe besseres zu thun , als Deine Rohheiten mit anzusehn . Jetzt wurde Stilpe wieder weinerlich . - Setz Dich doch , ich bitte Dich , setz Dich . Ich muß ... ach Gott , sei mir nicht böse ... Ich bin ja so ... Girlinger setzte sich auf die Bank und sah vor sich auf den Boden . Stilpe stellte einen Fuß auf die Bank und stützte den Kopf in die rechte Hand . Große Thränen rannen ihm aus den Augen . Lange konnte er nicht sprechen . Dann sagte er ganz leise : - Kennst Du das Haus mit den weißen Fensterscheiben gegenüber der Austria ? - Das Puff ? Stilpe schlug sich mit der Faust aufs Knie und schrie : Da drin ist sie ! Girlinger sah auf und pfiff durch die Zähne . Dann sagte er sehr bedächtig : So , so ! Ja , ja ! Da packte ihn Stilpe an beiden Schultern und schüttelte ihn wütend : - Du bist ein Vieh ! Ein Amphibium ! Geh aus dem Garten , oder ich schmeiße Dich naus ! - Bist Du denn verrückt geworden ? Jetzt hör aber auf ! Was fällt Dir denn ein ? Glaubst Du , ich bin für Deine Grobheiten da ? Das war das letzte Mal ! Er wollte gehen . Aber nun hielt ihn Stilpe wieder fest und drückte seine Hände , und indem ihm Thräne auf Thräne über die Backen lief , rief er aus : - Ich weiß ja nicht , was ich sage , ich weiß ja nicht , was ich thue , ich bin Dir ja so dankbar ; Du mußt mir alles verzeihen , was ich sage , ich bin ja ganz zerschlagen . Girlinger bekam jetzt Angst vor ihm . Dieses Weinen war gräßlich , und all dies Gehaben war ihm so fremd . Er glaubte im Ernste , daß sein Freund verrückt geworden wäre , und fing an , ihn wie einen Kranken zu behandeln . - Sei nur ruhig , Stilpe , ich bring Dich jetzt nach Hause . Du bist so aufgeregt . Du mußt ins Bett gehen ... Und übrigens : Ist es denn auch sicher ? - Sie hat mirs ja geschrieben ; sie hat mich ja eingeladen , ich soll sie in ihrer neuen Stellung besuchen ... Girlinger hatte was Ironisches auf den Lippen , aber er bezwang sich . - Ach Gott , wer weiß , was dahinter steckt . Es ist vielleicht gar nicht so schlimm . Überhaupt : Was ist denn schließlich dabei ? Erinnere Dich , was Lassale über die Prostitution sagt . Es ist mehr ein Opfer , als eine Schande . Und die schlimmsten Huren sind nicht in den Bordells . So , mit vielen Citaten , abgeklärten Sentenzen und ein paar historischen und ethnographischen Excursen ins alte Griechenland und nach Japan , tröstete er seinen zerschmetterten Freund nach Hause . Drittes Kapitel Nicht lange nach dieser herbstlichen Gartenscene wurde Willibald Stilpe , im Alter von 163 / 4 Jahren , von seiner Mannheit entbunden . Damit ging eine merkliche Veränderung in ihm vor . Er bekam etwas Renommistisches , Überhobenes und trug eine Verachtung seiner Klassengenossen , Girlinger eingeschlossen , zur Schau , die sich von der , die er schon immer gezeigt hatte , deutlich unterschied . Früher war darin etwas Erzwungenes gewesen , als sei er sich doch nicht völlig klar über seine Berechtigung dazu , jetzt hatte sie etwas sehr Entschiedenes , sehr Selbstbewußtes . Er trat diesen Obertertianern gegenüber , wie ein Mann , der von einer Reise in unbekannte Länder nach Hause zu Leuten kommt , die noch nicht den Äquator überschritten haben : - Ist es sehr heiß in den Tropen ? - Es macht sich . - Sind die Schlangen wirklich so lang und dick und giftig ? - Ach ja . - Sie sind doch nicht gebissen-worden ? - Ein bischen . - Wie ? Und wieder kuriert ? - So ziemlich . Schade , daß er nur mit Girlinger darüber reden konnte . Dem setzte er aber dafür auch tüchtig zu , und es machte ihm unverhohlenen Spaß , daß dieser so wißbegierig war . Er flunkerte auch ein bischen und gab mehr tropische Abenteuer zum besten , als er erlebt hatte . Aber auch ohne die Flunkereien hätte er dem Freunde imponiert . Es gab jetzt etwas , worin er dem weisen Primus über war . - Weißt Du , da helfen Dir alle Deine Bücher nicht hin . Und übrigens : Wie willst Du denn ohne das Deinen Schopenhauer verstehen ? Und dann die Dichter ! Er dachte dabei vornehmlich an Heine und den Tannhäuser in Rom , der zu seinem Brevier und Muster wurde . Denn jetzt fing er an , aus dem Vollen zu dichten und zwar mit dem Bewußtsein , ein Dichter werden zu wollen und nichts andres . Die Schule wurde ihm dabei immer widerlicher , - und er schwänzte sie mit großer Frechheit . Seine Pflegeeltern , denen er von Stilpe-Vater übergeben worden war , weil dieser deutlich fühlte , daß jeder andre ein besserer Pädagoge sei , als er , waren gute Leipziger Mittelstandsleute , die , mit Stilpes Mutter entfernt verwandt , den jungen Gymnasiasten aus Gefälligkeit aber nicht mit der Meinung aufgenommen hatten , daß hier besondere Aufsicht und Wachsamkeit nötig sei . Der alte Wiehr hatte einen Porzellanladen am Markte , der ihn ausschließlich beschäftigte , und seine Frau ging in der Hauswirtschaft und zahlreichen Kaffeekränzchen auf . Ihr einziger Sohn war ein zarter junger Mensch gewesen , bleichsüchtig und solide , nicht sehr begabt , aber fleißig ; er war gestorben , als er in Stilpes Alter gewesen war . Die Alten sahen in Willibald dessen Fortsetzung und behandelten ihn wie jenen , nämlich mit vollendetem Zutrauen und vollkommener Ahnungslosigkeit . Dies wurde durch Stilpes mimische Kunst , sich wie ein Lamm zu benehmen , unterstützt . So hatte er eigentliche vollkommene Freiheit , und es fehlte ihm , um mit dieser Freiheit so viel anfangen zu können , wie er wünschte , nur an Gelde . Leider machte sich dieser Mangel , seit sich Martha » verändert hatte , « viel fühlbarer als früher . Ein geradezu lächerlicher Gedanke , jetzt mit den fünf Mark monatlichem Taschengelde auszukommen . Man mußte , da eine regelrechte Erhöhung des Budgets außerhalb jeder Möglichkeit lag , auf Extraordinaria sinnen . Da fing denn der junge Mann zunächst klein und bescheiden an . Er durchmusterte seine Bibliothek . Nun , da fanden sich ja einige Sächelchen , die vom Überflusse waren : Alle die überwundenen Standpunkte der durchlaufenen Klassen , wie sie sich in alten Grammatiken , Lehrbüchern , Schulausgaben , Gesangbüchern verkörperten , und dazu des Knaben Willibald Belletristik : Der Lederstrumpf , verschiedene Walter Scott-Romane , » für die Jugend « bearbeitet , eine » ausgewählter Goethe « ( fahr hin , Castrat ! rief Willibald ) und Anderes mehr . Diese Literatur überlieferte Stilpe einem alten verwachsenen Antiquar , der in einem Durchgange von der Petersstraße zum Neumarkt seine Bude hatte . Herr Wopf war ein wunderlicher alter Bursche , ausgestattet mit einer schönen Meerschaumpfeife , einer sehr großen , üppigen und noch jungen Gattin und einer eminenten Rundschrift , mit der er die Neuerwerbungen seines Lagers in gewaltig großen Zügen auf Pappendeckel schrieb , die wie die Ahnentafeln vor chinesischen Tempeln rechts und links seiner Ladenthüre standen . Außerdem besaß er noch eine verworrene Menge von Literaturkenntnissen und eine erstaunlich tremolierende Stimme , mit der er Passagen aus seinen Büchern vorlas , um diese seinen Kunden begehrenswert erscheinen zu lassen . Wegen dieser Gabe des rollenden Rezitierens nannten ihn Stilpe und Girlinger den Deklamator . Stilpe liebte ihn direkt und sah in ihm den Helden seines ersten Dramas . In wiefern Herr Wopf den Anforderungen an einen dramatischen Helden entsprach , das war ihm freilich unklar , ging ihm aber auch nicht nahe . Sicher war nur , daß die üppig blühende Gattin , die früher scheuern gegangen war , die Rolle der Ehebrecherin haben mußte . Sich selbst dachte Stilpe als den Galan , doch stellte er sich in dieser Thätigkeit etwas älter und als berühmten Journalisten vor . Die Hauptscene , der Drehpunkt des Ganzen , stand schon fest , aber nur im Kopfe , denn , und dies gilt für die meisten dichterischen Pläne Stilpes in dieser und späteren Zeit : Er kam selten dazu , seine Entwürfe in Tinte umzusetzen . Schade übrigens , daß Stilpe diese Szene nicht ausgeführt hat . Sie war höchst verwegen naturalistisch gedacht und sehr geeignet , Ärgernis zu erregen , - ein poetischer Zweck , der dem revolutionären Obertertianer ziemlich deutlich vorschwebte , obwohl seine Verwegenheit nicht bis zur Phantasmagorie einer Drucklegung ging . Sie sollte sich direkt in Wopfs Ehebette abspielen . Girlinger hatte Einwendungen dagegen , vornehmlich vom Standpunkte der Bühnenmöglichkeit aus . Aber da kam er bei Stilpe übel an : - Bühne ! ? Du sagst Bühne ! Was geht mich denn die Bühne an ? Ich pfeife auf die Bühne . Glaubst Du , ich will mich neben Herrn Blumenthal stellen ? - Nein , aber neben Schiller . - Ach , Schiller ! Dieses » Ach , Schiller ! « ist um die Zeit , in der Stilpe sein Wopf-Drama plante , auch sonst noch manchmal ausgesprochen worden . Wer es mit dem Phonographen aufgefangen hätte , könnte sich heute damit auf den Jahrmärkten hören lassen . Übrigens war der Deklamator Stilpen in erster Linie doch nicht als dramatischer Held , sondern als zahlungsfähiger Bücherkäufer wichtig . Zwar , er zahlte niederträchtige Preise und verdiente schon deshalb , dramatisch als Hahnrei angemacht zu werden , aber er nahm wenigstens Alles , und in schwierigen Augenblicken gab er auch Vorschüsse auf später zu verkaufende Bücher . - Nächstes Ostern brauche ich meinen alten Cicero nicht mehr ; können Sie mir 1 Mark 50 drauf geben ? Der Deklamator durchblätterte das dicke Buch und blies seinen Tabaksrauch wie desinfizierend hinein . - Quousque tandem , Catilina , abutere patientia nostra ! Haben wir auch gelesen ! Wie lange noch , Herr Liebknecht , wollen Sie uns mit Ihren Reden mopfen ? Fünfundsiebzig Fenge Herr Stilpe . - Nee , mein Lieber , eine Mark doch mindestens . Der Schmöker kostet neu ja fünfe , und er sieht doch noch ganz jungfräulich aus . - Fünfundsiebzig Fenge , Herr Stilpe ! Und übrigens : Wenn Sie nu sitzen bleiben und die Catilinarischen noch ein Jahr lesen müssen ? - Na , hören Sie mal , das find ich stark ! Sie halten mich wohl für ein Kameel ? Also gut , her mit den fünfundsiebzig , Sie Jude . Der Deklamator zog seinen Beutel und fischte das Geld heraus . Dann notierte er sich das Geschäft in sein Notizbuch , wo eine Seite in tadelloser Rundschrift überschrieben war : Herr Stilpe . Leider hielt die Bibliothek der Jugendzeit nicht lange vor , und es war das Bücherverkaufen überhaupt ein etwas bedenkliches Geschäft , weil Stilpe dabei doch zuweilen den Deklamationen des Herrn Wopf unterlag und für seine alten Bücher andre mit in Zahlung nahm . Zwar verkaufte er die gewöhnlich ein paar Wochen später zurück , aber es versteht sich , daß ihm der Deklamator nicht so viel zahlte , wie er sich hatte zahlen lassen . - Se machen ze viel Randbemerkungen in de Bücher , Herr Stilpe . Und , sehn Se , wenn de Marginalien auch sehr geistreich sin , wie z.B. hier gleich zweimal hintereinander : Quatsch ! Quatsch ! , so verliern Se de Bücher doch dadurch an Wert . - Was ! ? Warten Sie nur , Herr Wopf , warten Sie nur ! Wenn ich mal berühmt bin , dann verdienen Sie ein Vermögen mit meinen Autogrammen . Ich sage Ihnen : Heben Sie sich die Bücher auf ! - Sie närrscher Kunde ! Wenn Se nu aber nich berihmt wer ' n ? - : Schon Manchen sah ich mit erhobnem Haupt Im Lenz der Jugend mit den Sternen spielen , Der , als das Alter ihm den Kranz entlaubt , Froh war , nach Kegeln auf der Bahn zu zielen . Schie ' m Se Kegel , Herr Stilpe ? Das is enne sehr gesunde Übung ! - Nee , aber fünf Mark können Sie mir pumpen . Der Deklamator zog sein Notizbuch : Sehn Se mal her , Herr Stilpe : Jetzt ha ' m Se schon acht Mark und fuffz ' g Fenge prae ! Jede Nacht treim ich , Se blei ' m m ' r sitz ' n. Nee , pumpen kann ich Se nischt . Also mußte Stilpe auf Anderes denken . Ein Glück , daß er nicht ohne Erfindungsgabe war . Bald wurde für ein Ehrengeschenk zum Doktorjubiläum des Ordinarius gesammelt . Dann hatte er eine Fensterscheibe in der Klasse zerschlagen . Sehr oft drängte es ihn , eine Klassikervorstellung im Theater zu besuchen . Ein Kamerad war gestorben , ein sehr guter Freund von ihm : Da mußte ein Kranz her . Unendlich häufig mußten Bücher gebunden , Hefte gekauft , neue Schulausgaben angeschafft werden . Aus Versehen hatte er Tinte über den Atlas eines Nachbars gegossen . Ein ekliger Kerl , wie der war , wollte er ihn ersetzt haben . Es war erstaunlich , wie leicht ihm die Lügen fielen . Er schmückte sie sogar mit ersichtlichem Vergnügen novellistisch aus . Erzählte z.B. die ganze Lebensgeschichte des jubilanten Ordinarius , ahmte ihn nach , führte eine ganze Komödie von ihm auf - Alles freieste Erfindung ; und das Ehepaar Wiehr wollte sich ausschütten vor Lachen . Aber auch diese kleinen Mittel halfen nicht auf die Dauer . Stilpe starrte ins Leere und fand nichts . Da überfiel ihn ein Gedanke , vor dem er selber erschrak : Die Ladenkasse ... - Aber nein , pfui Teufel , das ist ja eine Gemeinheit ! Weg damit ! Lieber diese Sumpfereien da sein lassen . Es ist überhaupt widerlich ... Lieber arbeiten ! ... Wieder mehr mit Girlinger disputieren ! ... Ja , und endlich das Drama schreiben ! ! ... Und gleich holte er ein Heft aus dem Schubkasten und schrieb darüber : Der Hahnrei Sittentragödie in ... Ja , wieviel Akte mache ich ! ? Natürlich nicht fünf ! Denn das ist banal . Vielleicht vier ? Vier ? Bei dem Stoff ? Nein ! sechs Akte ! Also : in 6 Akten Und nun die Personen : Schopf , ein buckliger Antiquar Clara , seine Frau Walter Wild , ein berühmter Journalist Wen denn noch ? Girlinger ?