hin in die königliche Küche zu liefern . Und das ging so durch Jahre . Da beschloß zuletzt der gute König , sich für all die gute Gabe zu revanchieren , und als wieder Weihnachten war , traf in Köpernitz ein Postpaket ein , Inhalt : eine zierliche kleine Blutwurst . Und zwar war es ein wunderschöner , rundlicher Blutkarneol mit Goldspeilerchen an beiden Seiten und die Speilerchen selbst mit Diamanten besetzt . Und neben diesem Geschenk lag ein Zettelchen : Wurst wider Wurst . « » Allerliebst ! « » Mehr als das . Ich persönlich ziehe solchen guten Einfall einer guten Verfassung vor . Der König , glaub ich , tat es auch . Und es denken auch heute noch viele so . « » Gewiß , Herr Major . Es denken auch heute noch viele so , und bei dem Schwankezustand , in dem ich mich leider befinde , sind meine persönlichen Sympathien gelegentlich nicht weitab davon . Aber ich fürchte doch , daß wir mit dieser unsrer Anschauung sehr in der Minorität bleiben . « » Werden wir . Aber Vernunft ist immer nur bei wenigen . Es wäre das beste , wenn ein einziger Alter-Fritzen-Verstand die ganze Geschichte regulieren könnte . Freilich braucht ein solcher oberster Wille auch seine Werkzeuge . Die haben wir aber noch in unserm Adel , in unsrer Armee und speziell auch in Ihrem Regiment . « Während der Alte diesen Trumpf ausspielte , kam Engelke , um ein paar neue Tassen zu präsentieren . » Nein , nein , Engelke , wir sind schon weiter . Aber stell nur hin ... In Ihrem Regiment , sag ich , Herr von Czako ; schon sein Name bedeutet ein Programm , und dies Programm heißt : Rußland . Heutzutage darf man freilich kaum noch davon reden . Aber das ist Unsinn . Ich sage Ihnen , Hauptmann , das waren Preußens beste Tage , als da bei Potsdam herum die russische Kirche und das russische Haus gebaut wurden und als es immer hin- und herging zwischen Berlin und Petersburg . Ihr Regiment , Gott sei Dank , unterhält noch was von den alten Beziehungen , und ich freue mich immer , wenn ich davon lese , vor allem , wenn ein russischer Kaiser kommt und ein Doppelposten vom Regiment Alexander vor seinem Palais steht . Und noch mehr freu ich mich , wenn das Regiment Deputationen schickt : Georgsfest , Namenstag des hohen Chefs , oder wenn sich ' s auch bloß um Uniformabänderungen handelt , beispielsweise Klappkragen statt Stehkragen ( diese verdammten Stehkragen ) - und wie dann der Kaiser alle begrüßt und zur Tafel zieht und so bei sich denkt : Ja , ja , das sind brave Leute ; da hab ich meinen Halt . « Czako nickte , war aber doch in sichtlicher Verlegenheit , weil er , trotz seiner vorher versicherten » Sympathien « , ein ganz moderner , politisch stark angekränkelter Mensch war , der , bei strammster Dienstlichkeit , zu all dergleichen Überspanntheiten ziemlich kritisch stand . Der alte Dubslav nahm indessen von alledem nichts wahr und fuhr fort : » Und sehen Sie , lieber Hauptmann , so hab ich ' s persönlich in meinen jungen Jahren auch noch erlebt und vielleicht noch ein bißchen besser ; denn , Pardon , jeder hält seine Zeit für die beste . Vielleicht sogar , daß Sie mir zustimmen , wenn ich Ihnen mein Sprüchel erst ganz hergesagt haben werde . Da haben wir ja nun jenseits des Njemen , wie manche Gebildete jetzt sagen , die drei Alexander gehabt , den ersten , den zweiten und den dritten , alle drei große Herren und alle drei richtige Kaiser und fromme Leute , oder doch beinah fromm , die ' s gut mit ihrem Volk und mit der Menschheit meinten , und dabei selber richtige Menschen ; aber in dies Alexandertum , das so beinah das ganze Jahrhundert ausfüllt , da schiebt sich doch noch einer ein , ein Nicht-Alexander , und ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen , der war doch der Häupter . Und das war unser Nikolaus . Manche dummen Kerle haben Spottlieder auf ihn gemacht und vom schwarzen Niklas gesungen , wie man Kinder mit dem schwarzen Mann graulich macht , aber war das ein Mann ! Und dieser selbige Nikolaus , nun , der hatte hier , ganz wie die drei Alexander , auch ein Regiment , und das waren die Nikolaus-Kürassiere , oder sag ich lieber : das sind die Nikolaus-Kürassiere , denn wir haben sie , Gott sei Dank , noch . Und sehen Sie , lieber Czako , das war mein Regiment , dabei hab ich gestanden , als ich noch ein junger Dachs war , und habe dann den Abschied genommen ; viel zu früh ; Dummheit , hätte lieber dabeibleiben sollen . « Czako nickte , Dubslav nahm ein neues Glas von dem Goldwasser . » Unsre Nikolaus-Kürassiere , Gott erhalte sie , wie sie sind ! Ich möchte sagen , in dem Regimente lebt noch die Heilige Alliance fort , die Waffenbrüderschaft von Anno dreizehn , und dies Anno dreizehn , das wir mit den Russen zusammen durchgemacht haben , immer nebeneinander im Biwak , in Glück und Unglück , das war doch unsre größte Zeit . Größer als die jetzt große . Große Zeit ist es immer nur , wenn ' s beinah schiefgeht , wenn man jeden Augenblick fürchten muß : Jetzt ist alles vorbei . Da zeigt sich ' s. Courage ist gut , aber Ausdauer ist besser . Ausdauer , das ist die Hauptsache . Nichts im Leibe , nichts auf dem Leibe , Hundekälte , Regen und Schnee , so daß man so in der nassen Patsche liegt , und höchstens ' nen Kornus ( Cognac , ja hast du was , den gab es damals kaum ) und so die Nacht durch , da konnte man Jesum Christum erkennen lernen . Ich sage das , wenn ich auch nicht mit dabeigewesen . Anno dreizehn , bei Großgörschen , das war für uns die richtige Waffenbrüderschaft : jetzt haben wir die Waffenbrüderschaft der Orgeldreher und der Mausefallenhändler . Ich bin für Rußland , für Nikolaus und Alexander . Preobraschensk , Semenow , Kaluga - da hat man die richtige Anlehnung ; alles andre ist revolutionär , und was revolutionär ist , das wackelt . « Kurz vor elf , der Mond war inzwischen unter , brach man auf , und die Wagen fuhren vor , erst der Katzlersche Kaleschwagen , dann die Gundermannsche Chaise ; Martin aber , mit einer Stallaterne , leuchtete dem Pastor , über Vorhof und Bohlenbrücke fort , bis an seine ganz im Dunkel liegende Pfarre . Gleich darauf zogen sich auch die drei Freunde zurück und stiegen , unter Vorantritt Engelkes , die große Treppe hinauf , bis auf den Podest . Hier trennten sich Rex und Czako von Woldemar , dessen Zimmer auf der andern Flurseite gelegen war . Czako , sehr müde , war im Nu bettfertig . » Es bleibt also dabei , Rex , Sie logieren sich in dem Rokokozimmer ein - wir wollen es ohne weiteres so nennen - , und ich nehme das Himmelbett hier in Zimmer Nummer eins . Vielleicht wäre das Umgekehrte richtiger , aber Sie haben es so gewollt . « Und während er noch so sprach , schob er seine Stiefel auf den Flur hinaus , schloß ab und legte sich nieder . Rex war derweilen mit seiner Plaidrolle beschäftigt , aus der er allerlei Toilettengegenstände hervorholte . » Sie müssen mich entschuldigen , Czako , wenn ich mich noch eine Viertelstunde hier bei Ihnen aufhalte . Habe nämlich die Angewohnheit , mich abends zu rasieren , und der Toilettentisch mit Spiegel , ohne den es doch nicht gut geht , der steht nun mal hier an Ihrem , statt an meinem Fenster . Ich muß also stören . « » Mir sehr recht , trotz aller Müdigkeit . Nichts besser , als noch ein bißchen aus dem Bett heraus plaudern können . Und dabei so warm eingemummelt . Die Betten auf dem Lande sind überhaupt das Beste . « » Nun , Czako , das freut mich , daß Sie so bereit sind , mir Quartier zu gönnen . Aber wenn Sie noch eine Plauderei haben wollen , so müssen Sie sich die Hauptsache selber leisten . Ich schneide mich sonst , was dann hinterher immer ganz schändlich aussieht . Übrigens muß ich erst Schaum schlagen , und so lange wenigstens kann ich Ihnen Red und Antwort stehen . Ein Glück nebenher , daß hier , außer der kleinen Lampe , noch diese zwei Leuchter sind . Wenn ich nicht Licht von rechts und links habe , komme ich nicht von der Stelle ; das eine wackelt zwar ( alle diese dünnen Silberleuchter wackeln ) , aber wenn gute Reden sie begleiten ... Also strengen Sie sich an . Wie fanden Sie die Gundermanns ? Sonderbare Leute - haben Sie schon mal den Namen Gundermann gehört ? « » Ja . Aber das war in Waldmeisters Brautfahrt . « » Richtig ; so wirkt er auch . Und nun gar erst die Frau ! Der einzige , der sich sehen lassen konnte , war dieser Katzler . Ein Karambolespieler ersten Ranges . Übrigens Eisernes Kreuz . « » Und dann der Pastor . « » Nun ja , auch der . Eine ganz gescheite Nummer . Aber doch ein wunderbarer Heiliger , wie die ganze Sippe , zu der er gehört . Er hält zu Stoecker , sprach es auch aus , was neuerdings nicht jeder tut ; aber der neue Luther , der doch schon gerade bedenklich genug ist - Majestät hat ganz recht mit seiner Verurteilung - , der geht ihm gewiß nicht weit genug . Dieser Lorenzen erscheint mir , im Gegensatz zu seinen Jahren , als einer der Allerjüngsten . Und zu verwundern bleibt nur , daß der Alte so gut mit ihm steht . Freund Woldemar hat mir davon erzählt . Der Alte liebt ihn und sieht nicht , daß ihm sein geliebter Pastor den Ast absägt , auf dem er sitzt . Ja , diese von der neuesten Schule , das sind die allerschlimmsten . Immer Volk und wieder Volk , und mal auch etwas Christus dazwischen . Aber ich lasse mich so leicht nicht hinters Licht führen . Es läuft alles darauf hinaus , daß sie mit uns aufräumen wollen , und mit dem alten Christentum auch . Sie haben ein neues , und das überlieferte behandeln sie despektierlich . « » Kann ich ihnen unter Umständen nicht verdenken . Seien Sie gut , Rex , und lassen Sie Konventikel und Partei mal beiseite . Das Überlieferte , was einem da so vor die Klinge kommt , namentlich wenn Sie sich die Menschen ansehen , wie sie nun mal sind , ist doch sehr reparaturbedürftig , und auf solche Reparatur ist ein Mann wie dieser Lorenzen eben aus . Machen Sie die Probe . Hie Lorenzen , hie Gundermann . Und Ihren guten Glauben in Ehren , aber Sie werden diesen Gundermann doch nicht über den Lorenzen stellen und ihn überhaupt nur ernsthaft nehmen wollen . Und wie dieser Wassermüller aus der Brettschneidebranche , so sind die meisten . Phrase , Phrase . Mitunter auch Geschäft oder noch Schlimmeres . « » Ich kann jetzt nicht antworten , Czako . Was Sie da sagen , berührt eine große Frage , bei der man doch aufpassen muß . Und so mit dem Messer in der Hand , da verbietet sich ' s. Und das eine wacklige Licht hat ohnehin schon einen Dieb . Erzählen Sie mir lieber was von der Frau von Gundermann . Debattieren kann ich nicht mehr , aber wenn Sie plaudern , brauch ich bloß zuzuhören . Sie haben ihr ja bei Tisch ' nen langen Vortrag gehalten . « » Ja . Und noch dazu über Ratten . « » Nein , Czako , davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen ; dann doch noch lieber über alten und neuen Glauben . Und gerade hier . In solchem alten Kasten ist man nie sicher vor Spuk und Ratten . Wenn Sie nichts andres wissen , dann bitt ich um die Geschichte , bei der wir heute früh in Cremmen unterbrochen wurden . Es schien mir was Pikantes . « » Ach , die Geschichte von der kleinen Stubbe . Ja , hören Sie , Rex , das regt Sie aber auch auf . Und wenn man nicht schlafen kann , ist es am Ende gleich , ob wegen der Ratten oder wegen der Stubbe . « Fünftes Kapitel Rex und Czako waren so müde , daß sie sich , wenn nötig , über Spuk und Ratten weggeschlafen hätten . Aber es war nicht nötig , nichts war da , was sie hätte stören können . Kurz vor acht erschien das alte Faktotum mit einem silbernen Deckelkrug , aus dem der Wrasen heißen Wassers aufstieg , einem der wenigen Renommierstücke , über die Schloß Stechlin verfügte . Dazu bot Engelke den Herren einen guten Morgen und stattete seinen Wetterbericht ab : Es gebe gewiß einen schönen Tag , und der junge Herr sei auch schon auf und gehe mit dem alten um das Rundell herum . So war es denn auch . Woldemar war schon gleich nach sieben unten im Salon erschienen , um mit seinem Vater , von dem er wußte , daß er ein Frühauf war , ein Familiengespräch über allerhand diffizile Dinge zu führen . Aber er war entschlossen , seinerseits damit nicht anzufangen , sondern alles von der Neugier und dem guten Herzen des Vaters zu erwarten . Und darin sah er sich auch nicht getäuscht . » Ah , Woldemar , das ist recht , daß du schon da bist . Nur nicht zu lang im Bett . Die meisten Langschläfer haben einen Knacks . Es können aber sonst ganz gute Leute sein . Ich wette , dein Freund Rex schläft bis neun . « » Nein , Papa , der gerade nicht . Wer wie Rex ist , kann sich das nicht gönnen . Er hat nämlich einen Verein gegründet für Frühgottesdienste , abwechselnd in Schönhausen und Finkenkrug . Aber es ist noch nicht perfekt geworden . « » Freut mich , daß es noch hapert . Ich mag so was nicht . Der alte Wilhelm hat zwar seinem Volke die Religion wiedergeben wollen , was ein schönes Wort von ihm war - alles , was er tat und sagte , war gut - , aber Religion und Landpartie , dagegen bin ich doch . Ich bin überhaupt gegen alle falschen Mischungen . Auch bei den Menschen . Die reine Rasse , das ist das eigentlich Legitime . Das andre , was sie nebenher noch Legitimität nennen , das ist schon alles mehr künstlich . Sage , wie steht es denn eigentlich damit ? Du weißt schon , was ich meine . « » Ja , Papa ... « » Nein , nicht so ; nicht immer bloß ja , Papa . So fängst du jedesmal an , wenn ich auf dies Thema komme . Da liegt schon ein halber Refus drin , oder ein Hinausschieben , ein Abwartenwollen . Und damit kann ich mich nicht befreunden . Du bist jetzt zweiunddreißig , oder doch beinah , da muß der mit der Fackel kommen ; aber du fackelst ( verzeih den Kalauer ; ich bin eigentlich gegen Kalauer , die sind so mehr für Handlungsreisende ) , also du fackelst , sag ich , und ist kein Ernst dahinter . Und soviel kann ich dir außerdem sagen , deine Tante Sanctissima drüben in Kloster Wutz , die wird auch schon ungeduldig . Und das sollte dir zu denken geben . Mich hat sie zeitlebens schlecht behandelt ; wir stimmten eben nie zusammen und konnten auch nicht , denn so halb Königin Elisabeth , halb Kaffeeschwester , das is ' ne Melange , mit der ich mich nie habe befreunden können . Ihr drittes Wort ist immer ihr Rentmeister Fix , und wäre sie nicht sechsundsiebzig , so erfänd ich mir eine Geschichte dazu . « » Mach es gnädig , Papa . Sie meint es ja doch gut . Und mit mir nun schon ganz gewiß . « » Gnädig machen ? Ja , Woldemar , ich will es versuchen . Nur fürcht ich , es wird nicht viel dabei herauskommen . Da heißt es immer , man solle Familiengefühl haben , aber es wird einem doch auch zu blutsauer gemacht , und ich kann umgekehrt der Versuchung nicht widerstehen , eine richtige Familienkritik zu üben . Adelheid fordert sie geradezu heraus . Andrerseits freilich , in dich ist sie wie vernarrt , für dich hat sie Geld und Liebe . Was davon wichtiger ist , stehe dahin ; aber soviel ist gewiß , ohne sie wär es überhaupt gar nicht gegangen , ich meine dein Leben in deinem Regiment . Also wir haben ihr zu danken , und weil sie das geradesogut weiß wie wir , oder vielleicht noch ein bißchen besser , gerade deshalb wird sie ungeduldig ; sie will Taten sehen , was vom Weiberstandpunkt aus allemal soviel heißt wie Verheiratung . Und wenn man will , kann man es auch so nennen , ich meine Taten . Es ist und bleibt ein Heroismus . Wer Tante Adelheid geheiratet hätte , hätte sich die Tapferkeitsmedaille verdient , und wenn ich schändlich sein wollte , so sagte ich das Eiserne Kreuz . « » Ja , Papa ... « » Schon wieder ja , Papa . Nun , meinetwegen , ich will dich schließlich in deiner Lieblingswendung nicht stören . Aber bekenne mir nebenher - denn das ist doch schließlich das , um was sich ' s handelt - , liegst du mit was im Anschlag , hast du was auf dem Korn ? « » Papa , diese Wendungen erschrecken mich beinah . Aber wenn denn schon so jägermäßig gesprochen werden soll , ja ; meine Wünsche haben ein bestimmtes Ziel , und ich darf sagen , mich beschäftigen diese Dinge . « » Mich beschäftigen diese Dinge ... Nimm mir ' s nicht übel , Woldemar , das ist ja gar nichts . Beschäftigen ! Ich bin nicht fürs Poetische , das ist für Gouvernanten und arme Lehrer , die nach Görbersdorf müssen ( bloß , daß sie meistens kein Geld dazu haben ) , aber diese Wendung sich beschäftigen , das ist mir denn doch zu prosaisch . Wenn es sich um solche Dinge wie Liebe handelt ( wiewohl ich über Liebe nicht viel günstiger denke wie über Poesie , bloß daß Liebe doch noch mehr Unheil anrichtet , weil sie noch allgemeiner auftritt ) - wenn es sich um Dinge wie Liebe handelt , so darf man nicht sagen , ich habe mich damit beschäftigt . Liebe ist doch schließlich immer was Forsches , sonst kann sie sich ganz und gar begraben lassen , und da möcht ich denn doch etwas von dir hören , was ein bißchen wie Leidenschaft aussieht . Es braucht ja nicht gleich was Schreckliches zu sein . Aber so ganz ohne Stimulus , wie man , glaub ich , jetzt sagt , so ganz ohne so was geht es nicht ; alle Menschheit ist darauf gestellt , und wo ' s einschläft , ist so gut wie alles vorbei . Nun weiß ich zwar recht gut , es geht auch ohne uns , aber das ist doch alles bloß etwas , was einem von Verstandes wegen aufgezwungen wird ; das egoistische Gefühl , das immer unrecht , aber auch immer recht hat , will von dem allem nichts wissen und besteht darauf , daß die Stechline weiterleben , wenn es sein kann , in aeternum . Ewig weiterleben ; - ich räume ein , es hat ein bißchen was Komisches , aber es gibt wenig ernste Sachen , die nicht auch eine komische Seite hätten ... Also dich beschäftigen diese Dinge . Kannst du Namen nennen ? Auf wem haben Eurer Hoheit Augen zu ruhen geruht ? « » Papa , Namen darf ich noch nicht nennen . Ich bin meiner Sache noch nicht sicher genug , und das ist auch der Grund , warum ich Wendungen gebraucht habe , die dir nüchtern und prosaisch erschienen sind . Ich kann dir aber sagen , ich hätte mich lieber anders ausgedrückt ; nur darf ich es noch nicht . Und dann weiß ich ja auch , daß du selber einen abergläubischen Zug hast und ganz aufrichtig davon ausgehst , daß man sich sein Glück verreden kann , wenn man zu früh oder zuviel davon spricht . « » Brav , brav . Das gefällt mir . So ist es . Wir sind immer von neidischen und boshaften Wesen mit Fuchsschwänzen und Fledermausflügeln umstellt , und wenn wir renommieren oder sicher tun , dann lachen sie . Und wenn sie erst lachen , dann sind wir schon so gut wie verloren . Mit unsrer eignen Kraft ist nichts getan , ich habe nicht den Grashalm sicher , den ich hier ausreiße . Demut , Demut ... Aber trotzdem komm ich dir mit der naiven Frage ( denn man widerspricht sich in einem fort ) , ist es was Vornehmes , was Pikfeines ? « » Pikfein , Papa , will ich nicht sagen . Aber vornehm gewiß . « » Na , das freut mich . Falsche Vornehmheit ist mir ein Greuel ; aber richtige Vornehmheit - à la bonne heure . Sage mal , vielleicht was vom Hofe ? « » Nein , Papa . « » Na , desto besser . Aber da kommen ja die Herren . Der Rex sieht wirklich verdeubelt gut aus , ganz das , was wir früher einen Gardeassessor nannten . Und fromm , sagst du - wird also wohl Karriere machen ; fromm is wie ' ne untergelegte Hand . « Während dieser Worte stiegen Rex und Czako die Stufen zum Garten hinunter und begrüßten den Alten . Er erkundigte sich nach ihren nächtlichen Schicksalen , freute sich , daß sie » durchgeschlafen hätten « , und nahm dann Czakos Arm , um vom Garten her auf die Veranda , wo Engelke mittlerweile unter der großen Markise den Frühstückstisch hergerichtet hatte , zurückzukehren . » Darf ich bitten , Herr von Rex . « Und er wies auf einen Gartenstuhl , ihm gerade gegenüber , während Woldemar und Czako links und rechts neben ihm Platz nahmen . » Ich habe neuerdings den Tee eingeführt , das heißt nicht obligatorisch ; im Gegenteil , ich persönlich bleibe lieber bei Kaffee , schwarz wie der Teufel , süß wie die Sünde , heiß wie die Hölle , wie bereits Talleyrand gesagt haben soll . Aber Pardon , daß ich Sie mit so was überhaupt noch belästige . Schon mein Vater sagte mal : Ja , wir auf dem Lande , wir haben immer noch die alten Wiener-Kongreß-Witze . Und das ist nun schon wieder ein Menschenalter her . « » Ach , diese alten Kongreßwitze « , sagte Rex verbindlich , » ich möchte mir die Bemerkung erlauben , Herr Major , daß diese alten Witze besser sind als die neuen . Und kann auch kaum anders sein . Denn wer waren denn die Verfasser von damals ? Talleyrand , den Sie schon genannt haben , und Wilhelm von Humboldt und Friedrich Gentz und ihresgleichen . Ich glaube , daß das Metier seitdem sehr herabgestiegen ist . « » Ja , herabgestiegen ist alles , und es steigt immer weiter nach unten . Das ist , was man neue Zeit nennt , immer weiter runter . Und mein Pastor , den Sie ja gestern abend kennengelernt haben , der behauptet sogar , das sei das Wahre , das sei das , was man Kultur nenne , daß immer weiter nach unten gestiegen würde . Die aristokratische Welt habe abgewirtschaftet , und nun komme die demokratische ... « » Sonderbare Worte für einen Geistlichen « , sagte Rex , » für einen Mann , der doch die durch Gott gegebenen Ordnungen kennen sollte . « Dubslav lachte . » Ja , das bestreitet er Ihnen . Und ich muß bekennen , es hat manches für sich , trotzdem es mir nicht recht paßt . Im übrigen , wir werden ihn , ich meine den Pastor , ja wohl noch beim zweiten Frühstück sehen , wo Sie dann Gelegenheit nehmen können , sich mit ihm persönlich darüber auseinanderzusetzen ; er liebt solche Gespräche , wie Sie wohl schon gemerkt haben , und hat eine kleine Lutherneigung , sich immer auf das jetzt übliche : Hier steh ich , ich kann nicht anders auszuspielen . Mitunter sieht es wirklich so aus , als ob wieder eine gewisse Märtyrerlust in die Menschen gefahren wäre , bloß ich trau dem Frieden noch nicht so recht . « » Ich auch nicht « , bemerkte Rex , » meistens Renommisterei . « » Na , na « , sagte Czako . » Da hab ich doch noch diese letzten Tage von einem armen russischen Lehrer gelesen , der unter die Soldaten gesteckt wurde ( sie haben da jetzt auch so was wie allgemeine Dienstpflicht ) , und dieser Mensch , der Lehrer , hat sich geweigert , eine Flinte loszuschießen , weil das bloß Vorschule sei zu Mord und Totschlag , also ganz und gar gegen das fünfte Gebot . Und dieser Mensch ist sehr gequält worden , und zuletzt ist er gestorben . Wollen Sie das auch Renommisterei nennen ? « » Gewiß will ich das . « » Herr von Rex « , sagte Dubslav , » sollten Sie dabei nicht zu weit gehen ? Wenn sich ' s ums Sterben handelt , da hört das Renommieren auf . Aber diese Sache , von der ich übrigens auch gehört habe , hat einen ganz andern Schlüssel . Das liegt nicht an der allgemein gewordenen Renommisterei , das liegt am Lehrertum . Alle Lehrer sind nämlich verrückt . Ich habe hier auch einen , an dem ich meine Studien gemacht habe ; heißt Krippenstapel , was allein schon was sagen will . Er ist grad um ein Jahr älter als ich , also runde siebenundsechzig , und eigentlich ein Prachtexemplar , jedenfalls ein vorzüglicher Lehrer . Aber verrückt ist er doch . « » Das sind alle « , sagte Rex . » Alle Lehrer sind ein Schrecknis . Wir im Kultusministerium können ein Lied davon singen . Diese Abc-Pauker wissen alles , und seitdem Anno sechsundsechzig der unsinnige Satz in die Mode kam , der preußische Schulmeister habe die Österreicher geschlagen - ich meinerseits würde lieber dem Zündnadelgewehr oder dem alten Steinmetz , der alles , nur kein Schulmeister war , den Preis zuerkennen - , seitdem ist es vollends mit diesen Leuten nicht mehr auszuhalten . Herr von Stechlin hat eben von einem der Humboldts gesprochen ; nun , an Wilhelm von Humboldt trauen sie sich noch nicht recht heran , aber was Alexander von Humboldt konnte , das können sie nun schon lange . « » Da treffen Sie ' s , Herr von Rex « , sagte Dubslav . » Genauso ist meiner auch . Ich kann nur wiederholen , ein vorzüglicher Mann ; aber er hat den Prioritätswahnsinn . Wenn Koch das Heilserum erfindet oder Edison Ihnen auf fünfzig Meilen eine Oper vorspielt , mit Getrampel und Händeklatschen dazwischen , so weist Ihnen mein Krippenstapel nach , daß er das vor dreißig Jahren auch schon mit sich rumgetragen habe . « » Ja , ja , so sind sie alle . « » Übrigens ... Aber darf ich Ihnen nicht noch von diesem gebackenen Schinken vorlegen ... ? Übrigens mahnt mich Krippenstapel daran , daß die Feststellung eines Vormittagsprogramms wohl an der Zeit sein dürfte : Krippenstapel ist nämlich der geborene Cicerone dieser Gegenden , und durch Woldemar weiß ich bereits , daß Sie uns die Freude machen wollen , sich um Stechlin und Umgegend ein klein wenig zu kümmern , Dorf , Kirche , Wald , See - um den See natürlich am meisten , denn der ist unsre pièce de résistance . Das andere gibt es woanders auch , aber der See ... Lorenzen erklärt ihn außerdem noch für einen richtigen Revolutionär , der gleich mitrumort , wenn irgendwo was los ist . Und es ist auch wirklich so . Mein Pastor aber sollte , beiläufig bemerkt , so was lieber nicht sagen . Das sind so Geistreichigkeiten , die leicht übel vermerkt werden . Ich persönlich laß es laufen . Es gibt nichts , was mir so verhaßt wäre wie Polizeimaßregeln , oder einem Menschen , der gern ein freies Wort spricht , die Kehle zuzuschnüren . Ich rede selber gern , wie mir der Schnabel gewachsen ist . « » Und verplauderst dich dabei « , sagte Woldemar , » und vergißt zunächst unser Programm . Um spätestens zwei müssen wir fort ; wir haben also nur noch vier Stunden . Und Globsow , ohne das es nicht gehen wird , ist weit und kostet uns wenigstens die Hälfte davon . « » Alles richtig . Also das Menü , meine Herren . Ich denke mir die Sache so . Erst ( da gleich hinter dem Buchsbaumgange ) Besteigung des Aussichtsturms - noch eine Anlage von meinem Vater her , die sich , nach Ansicht der Leute hier , vordem um vieles schöner ausnahm als jetzt . Damals waren nämlich noch lauter bunte Scheiben da oben , und alles , was man sah , sah rot oder blau oder orangefarben aus . Und alle Welt hier war unglücklich , als ich