Er hatte schon die ganze Zeit her bei Tische ihre reinen , schönen Züge bewundert . Er nahm den Kneifer ab , wie befriedigt über das , was seine scharfen Gläser entdeckt hatten . » Ich bin ein schlechter Ueberzeuger , ich selbst möchte zuweilen aus Ihrem Ninive durchbrennen . Da müßte man den Hans Tage hier haben , der - « » Wie ? « rief Johanne , dunkel errötend , » Hans Tage kennen Sie ? Ach Sie Glücklicher , nein , den ! « Die beiden Freunde warfen sich einen lächelnden Blick zu . » Kennen Sie ihn ? « fragte Mink , der bei der backfischhaften Aeußerung etwas Bewunderung für Johanne verlor . » Er ist ein Genie « sagte sie freigebig . » Ich war wie im Himmel , als ich Einiges von ihm las . Seit einem Jahr wünschte ich nichts sehnlicher , als ihm zu begegnen . Es muß ein herrlicher Mensch sein « . » Ein herrlicher Mensch « nickte Babinsky und sah zu Mink hinüber , » wo steckt er denn augenblicklich ? Wir wollen ihn gefesselt vor die Füße seiner Bewunderin legen « . » O wenn - nein ! « ... Sie ist doch riesig albern , dachte Wewerka , der leise zu den Dreien getreten war , und küßte Johanne die Hand . » Mahlzeit ! Wie haben sich eure Herrlichkeit amüsiert ? « Mink legte seine Hand leicht auf Babinskys Arm und schlenderte nach dem Sopha , wo Frau Wewerka Cercle hielt . » Gefallen Ihnen die beiden jungen Leute ? « flüsterte Wewerka . » Es sind zwei unserer bekanntesten Dichter « . » Sie scheinen überhaupt nur Berühmtheiten hier zu haben « . Ihre Blicke glitten über die Gäste hin . » Ironisch , Johanne ? « Der Hausherr sah ihr in die Augen . » Ich habe in der That nur bekannte Namen hier « . » Einige Herren , zum Beispiel den dort mit den aufgekrempelten Hosen - es ist doch nicht naß hier - kenne ich noch nicht ; auch den dort mit dem schwarzen Backenbart nicht « . » Der erstere ist - nicht ernst zu nehmen . Er lebt augenblicklich sehr , wie soll ich sagen , primitiv . Uebernachtet meist in Kaffeehäusern und so . Gegenwärtig ohne Stellung und Arbeit . Er ist Journalist und zwar ein sehr gewandter . Früher war er Priester ; dann trat er aus dem Orden aus und ging zur Feder über . Sein Chefredakteur kündigte ihm , weil er zu sehr über die Katholiken loszog . Man sagt , er gehe wieder ins Kloster zurück . Wahrscheinlich nicht in dasselbe , aus dem er kam . Der Herr mit dem Backenbart - saß er nicht rechts von Ihnen ? - ist Maler , hat eben eine eklige Geschichte hinter sich , wegen eines Modells . Na , das paßt nicht für Ihre Ohren . Uebrigens , der Eine , auf den ich noch rechnete , ist nicht gekommen « . In diesem Augenblick hörte man von draußen heftig die Klingel ziehen , und nach ein paar Augenblicken trat ein Mann herein , auf den Herr und Frau Wewerka mit Vorwürfen , daß er so spät komme , losstürzten . Der Angekommene mochte Ende der Dreißig oder Anfangs der Vierzig sein . Er hatte scharfgeschnittene Züge , einen dunklen Teint , sehr wenig Haare auf seinem prächtig gewölbten Schädel und diese wenigen so glatt gestrichen , als machte es ihm Freude , die elfenbeinerne Platte noch bedeutender erscheinen zu lassen . Mit kühlen Blicken musterte er die Anwesenden und beruhigte die stürmische Liebenswürdigkeit der Hausherren . » Ihr habt doch genug jeunesse dorée hier ; was braucht ihr mein ehrwürdiges Greisenhaupt in Euerer Mitte ? « » Herr Max Lohringer , Fräulein Johanne Grün « stellte die Hausfrau die beiden einander vor ; dann führte sie ihn zu Alice . Johanne sagte zu Mink , der wieder zu ihr getreten war : » Wer ist doch dieser Herr ? Ich habe schon irgendwo seinen Namen gehört « . Mink ließ durch eine Grimasse den Zwicker von der Nase fallen . » Max Lohringer ? Hm . Das ist schwer zu beantworten . Er ist nämlich - gar nichts . Das wurmt ihn , deshalb schimpft er über alles und alle . Besonders über die Kunst und was mit ihr zusammenhängt : die Künstler . Er möchte für sein Leben gern auch einer sein , besitzt aber auf keinem Gebiet das mindeste Talent « . » Wirklich , wie schade « sagte Johanne . Dann näherte sie sich Alice , die eben vorbei kam . » Du , denk Dir , Mink und Babinsky kennen Tage « . Die junge Frau sah die Freundin fragend an . » Tage ? Wer ist das ? « » Wie , den kennst Du nicht ? Nun ja , Du bist erst so kurz hier . Dein Mann kennt ihn sicher . Er ist einer der berühmtesten Dichter von allen . Du könntest mir einen riesigen Gefallen thun . Lade die beiden Freunde zu Euch ein und sage ihnen , sie sollen Tage mitbringen . Ja , magst Du ? Ich möchte ihn für mein Leben gerne kennen lernen . Er erscheint mir als der einzige bedeutende Mensch in diesen trostlosen ... « » Na , na , Du hast Dich heute doch ganz gut unterhalten . Aber wies mit dem Einladen wird ? Ernst hat auf meine Bitte , uns Gäste zuzuführen , Frau Wewerka bestimmt , diese Gesellschaft zu geben . Sie deutete es mir an . Ich glaube , er will bei uns niemand empfangen . Du weißt ja weshalb « . » Ich dachte es mir « sagte Johanne . » Aber versuchen , ihn zu bitten , kann ich ja . Schließlich für einen Abend wird wohl andere Bedienung zu haben sein « . » Was für Weltgeschicke werden hier gebraut ? « Max Lohringer stand neben den beiden Damen . Johanne fühlte ein Paar weicher , dunkler Augen auf sich gerichtet . Alice lachte . » Meinen Sie , das sagen wir Ihnen ? « Er sah von der einen zur andern . Sie schienen ihm beide zu gefallen . Dann wandte er sich an die junge Frau . » Mir braucht man nichts zu sagen ; lassen Sie mich nur ihre Hand fühlen ; ich bin Gedankenleser « . » Ei ! « rief Frau Schüler , während es Johanne heiß durch die Wangen strömte . Sie hatte in eben demselben Augenblick gedacht : wie kommt der eigentlich hierher ; er sieht ganz anders aus als die Uebrigen . » Wissen Sie , was meine Freundin eben innerlich beschäftigt ? « Alice blickte übermütig auf Johanne . Er sah mit einem langen Blick in das schöne Gesicht des jungen Mädchens . » Sie suchen « . » Gefehlt « sagte sie , ihre Bestürzung tapfer verbergend . » Das hätte ich garnicht nötig ! « Er verbeugte sich . » Das war königlich gesprochen . Sind Sie angehende Schauspielerin ? « Nun lachten beide . » Die ? « sagte Alice , » sie ist erst ein halb Jahr unter kultivierten Menschen « . Johanne blickte zu Lohringer auf . » Aber es waren brave Leute , von denen ich kam , wenn sie auch mit dem Messer statt mit der Gabel aßen « . » Sie schwärmen für Naturzustände . Sind wohl auch Vegetarierin in Wolle « . » Was ist das ? « Er sah sie mit ironischem Lächeln an . Man reichte Bier herum . Er dankte . » Aber vielleicht ein Glas Wein oder Thee « sagte Frau Wewerka herantretend . » Danke « rief er entschiedener als nötig war und ging auf die beiden Dichterfreunde zu , mit denen er sich in ein Gespräch einließ . Später trat Schüler zu Johanne und wich für den Rest des Abends nicht mehr von ihrer Seite . Lohringer ging gelangweilt bald zu diesem , bald zu jenem . Er war der erste , der aufbrach . Spät nach Mitternacht entfernten sich auch die Uebrigen . Johanne fühlte sich müde und abgespannt , als sie ihr Lager aufsuchte . 6 Es war kein erfreuliches Leben . Der Unterricht dieser Kinder mit ihren frühreifen , altklugen Gesichtern , in denen der Charakter der Eltern bereits ausgeprägt stand , lastete wie eine schwere Pflicht auf Johanne . Man merkte es in ihrem Umgang mit den Kleinen . » Sie sollen mit Liebe den Kindern entgegentreten , nicht mit der Miene verdrossenen Pflichtgefühls « sagte die Lehrerin . » Es sind ja nicht meine eignen « drangs unwillkürlich über die Lippen des Mädchens . Nachher schämte sie sich des Wortes . - Eine unendliche Leere und Trostlosigkeit bemächtigte sich ihrer . Diese riesigen Mietskasernen mit ihren prunkvollen Aufgängen , ihren Telephonen , elektrischen Beleuchtungsapparaten , Dampfheizungen , ihren hundertartigen technischen Ueberraschungen , diese Mietspaläste , in denen eine bis zur Sinnlosigkeit unruhige , hastende Menge aus- und eineilte , erschienen ihr wie mächtige steingewordene Lügen . Früher hatte sie geglaubt , daß in schönen Palästen glückliche Menschen wohnen müssen ; nun hatte sie mehr und mehr Einblick in das Leben erhalten . Die Füße aller dieser hinstürmenden Menschen waren schmutzig und staubig von den Wegen , die sie wandelten . Die Kinder sahen nicht wie Kinder aus , und die Erwachsenen besaßen alle etwas greisenhaft Blasiertes , Erschöpftes . Auf der Straße durfte man keinen Moment langsam gehen , oder vor einem Schaufenster stehen bleiben , ohne sich den ärgsten Insulten auszusetzen . In den Kirchen predigten Priester , die eher alles , als das was sie verkündeten , zu glauben schienen . Und die Kunst ? Waren die Herren Mink und Babinsky nicht typisch für die Zustände , die da herrschten . » Ninive « stand als Sonnenuhr über den andern Städten des Reiches . Welche Stunde sie in Sachen des guten Geschmacks zeigte , die galt für alle Kunstfreunde des Landes . Wenn Herr Babinsky Herrn Mink in langen Berichten lobte und Herr Mink Babinsky als das größte Genie pries , mußten die guten Provinzler es nicht glauben ? Und der Ehrenmann Schüler , der an der Spitze eines großen Blattes stand und im » Brustton ehrlicher Ueberzeugung « seine hochherzigen , lieberalen Gesinnungen und Ansichten in die Welt posaunte ( einstweilen genügte ihm der Gehalt , den sein Chef ihm auszahlte ) , stand er etwa vereinzelt da ? War Wewerka besser ? Daß seine sogenannte Redakteurstellung nur ein Scheinamt war , hinter dem er allerlei dunkle Spekulationen verbarg , mit denen er von Zeit zu Zeit irgend einen der biederen Landwirte brav » hineinlegte « , war Johanne längst klar . Schmutz überall , wo man anfaßte . In manchen Augenblicken war ihr , als höre sie langes Gras um sich flüstern und spüre frischen Wind auf ihren Wangen spielen . Aber mit ihrer angeborenen Festigkeit - oder wars der Trotz der Jugend , die ein einmal ins Auge gefaßtes Ziel nicht lassen will - sagte sie sich : nein . Der Kurs mußte hier beendet werden ; koste es , was es wolle , und wenn selbst ihr körperliches Wohlbefinden darunter leiden sollte . Alle die Erfahrungen , die ihre kindlich reine , durch ihr einsames Jugendleben doppelt empfindsame Seele trafen , zehrten an ihrer Gesundheit und Kraft . Ihre Wangen wurden von Tag zu Tag blasser . Sie unterschied sich jetzt in nichts mehr von den anderen Großstadtmädchen , mit ihrer ärmlichen Eleganz , ihrer zierlichen Haltung , ihren alles sehenden und sich über nichts verwundernden Augen . Ihre braven , genagelten Schuhe hatte sie schon lange in die Ecke geworfen . Sie konnte auf diesem heißen Asphaltpflaster nicht darin gehen . Sie trug jetzt dünne Schuhchen , die wenig kosteten und bald zerrissen waren . Eines Tages erhielt sie ein winziges rosa Briefchen . » Meine liebe kleine Hanne , komm übermorgen Nachmittag zu mir . Nimm Dir aber vor , stark zu sein , denn Du wirst den treffen , nach dem Dein Herz verlangt . Ich möchte beinahe glauben , daß Schüler in Dich verliebt sei . Kaum sprach ich Deinen Wunsch aus , als er auch schon Schritte that , ihn zu erfüllen . Hüte Dich vor Ernst . Er thut nichts umsonst ..... « Im ersten Moment sagte sich Johanne : nein , ich gehe nicht hin . Dann , als der Tag anbrach , da sie hingehen sollte , faßte sie eine verzehrende Neugierde , eine Hoffnung , eine Rührung . Vielleicht kam Gutes aus der Begegnung mit diesem Manne , der doch kein niederer Mensch sein konnte , nach all dem , was er geschrieben hatte . Sie zog ihr bestes Kleid an und ging zu Schülers . Alice war am Theetisch beschäftigt ; um sie gruppiert saßen drei Herren . Zwei von ihnen kannte Johanne . Es waren Mink und Babinsky ; der dritte war ein kleiner , verwachsen aussehender Mensch mit wulstigen Lippen , einer birnenförmigen Nase , rötlichem Haar und klugen , spähenden Augen . » Herr Tage , Fräulein Grün « , stellte Alice die beiden einander vor . Alle schwiegen und blickten auf das junge Mädchen . Sie wurde rot und blaß ; dann sagte sie , die innere Belustigung der Andern ahnend , zu Tage : » Gerade so habe ich Sie mir gedacht « . Alice lachte und zog die Angekommene neben sich auf das Sopha . Tage , der sich neben den Freunden niederließ , blickte ironisch auf die Andern . » Wie schlecht müssen meine Gedichte sein « . Mink schlug ihm auf die Schulter . » Sag doch lieber : was muß ich für ein prächtiger Junge sein , denn daß deine Gedichte vortrefflich sind , bist du ebenso überzeugt wie wir « . Es flogen einige Wortwitze hin und her ; dann reichte Alice den Thee herum . Tage wandte sich an Johanne und zog sie in ein Gespräch . Er hatte etwas Feines , Wählendes in seiner Sprache , etwas überaus Beruhigendes . Jedes Wort schien , ehe es ausgesprochen war , wohl überdacht zu sein . Auch seine Art sich auszudrücken war ungewöhnlich . Man sah , daß er mit Leuten aus der Gesellschaft zu verkehren pflegte . Er war nicht der Mann , wie ihn Johanne aus seinen Gedichten erwarten konnte , aber sie war nun schon gewohnt , alles anders zu finden , als sie gehofft hatte . Im Laufe des Gesprächs fiel ihr auf , daß er gewisse gelehrte , nach Litteraturgeschichte riechende Phrasen wieder und wieder gebrauchte ; auch daß die beiden andern jungen Leute ihn mit besonderer Zuvorkommenheit behandelten . Sie konnte nicht recht klug aus ihm werden . Indes sie nach und nach ihre natürliche Lebendigkeit und Anmut wiederfand und ihre Augen den gewöhnlichen treuherzigen , warmen Ausdruck erhielten , fühlte er sich von Wort zu Wort , das sie sprach , mehr gefesselt . Seine Stärke war es ja , solche kinderreine , liebliche Mädchengestalten zu zeichnen , Mädchen mit blauen Bändern im Haar , voll süßer thörichter Einfalt . Und weil jeder Mann in jeder Frau nur das sieht und hört , was er in sie hineinlegt , so spürte Tage nichts von all dem Starken , Ringenden in dieser jungen Seele . Er hörte nur ihre Unschuld und Sehnsucht reden . Alice unterhielt sich mit Mink und Babinsky , indes sie von Zeit zu Zeit einen forschenden Blick auf die beiden miteinander Sprechenden warf . Als Johanne endlich aufstand - sie fühlte , wie ihre Wangen zu brennen begannen - erhob sich mit ihr zugleich Tage . » Sie gehen ? Darf ich Sie geleiten ? « » Bitte « sagte sie einfach . Die Dichterfreunde erhoben sich ebenfalls . Auf der Straße trennten sie sich von Johanne und ihrem Begleiter . Die Beiden gingen eine zeitlang schweigend hin , dann sagte Tage : » Dichter besitzen etwas , was man poetische Licenz nennt , das heißt : die Freiheit , zu sagen , was andere nicht sagen dürfen . Und wenn ich nun von diesem meinem Rechte Gebrauch mache , werden Sie mir hoffentlich nicht zürnen , nichtwahr nein ? « Sie schwieg verlegen . » Sie sind ein wunderbares Geschöpf . Sagen Sie , haben Sie eigentlich schon einmal geliebt ? « Sie fühlte einen schmerzlichen Stich durch ihr Herz gehen . Sie geliebt ? Wen etwa ? Sie die ganz Einsame . » Nein , ich - ich ging immer allein « . Klang es nicht wie das Bekenntnis eines mittelalterlichen Gretchens : Ich ging immer allein ? » Geben Sie mir doch Ihren Arm « bat er , » es geht sich so besser in dem Gedränge « . Sie legte schüchtern ihre Hand auf seinen Arm . Sie gingen durch elektrisch beleuchtete Straßen , mit herrlichen Schaufenstern , tausenden von Menschen , einem Gewimmel von Wagen , die sich des riesigen Verkehrs wegen nur stockend fortbewegen konnten . Sie fühlte , wie er sie ansah , wie er von Zeit zu Zeit ihren Arm inniger an sich drückte . Ein leiser Taumel ergriff sie . Als ob sie träumend dahinschwebe ... Als sie endlich bei ihrem Hause hielten , sagte er leise : Fräulein Johanne , wann gehen Sie immer nach dem Fröbelhaus ? Würden Sie zürnen , wenn ich - Ihnen begegnete ? « Sie antwortete nicht , sondern schüttelte nach Kinderart den Kopf . Er sah ihr einen Moment lang starr in die Augen , zog ihre Hand an seine Lippen , öffnete ihr die Hausthür und verschwand im Gewühl der Straße . Sie schritt langsam hinauf , berührte kaum ihr Nachtessen , und begab sich zu Bette . Lange Stunden lag sie mit offenen Augen da und lauschte in sich hinein in heimlicher Verwunderung ...... Am andern Tag , als die Unterrichtsstunden beendet waren , kam er wirklich auf sie zugeeilt . Er war elegant gekleidet und überreichte ihr drei rote Rosen . Sie freute sich , plauderte ein wenig mit ihm und dachte so oft sie ihn ansah : Gott wie häßlich . Aber mit der Zeit würde sie es vielleicht übersehen . Sie blühte wie die Rosen in ihren Händen ; nur um ihre Augen lag ein ganz feiner träumerischer Ausdruck . Tage blickte sie sehr verliebt an . Sie machten einen Umweg nach ihrem Hause . Heute sprach er auch von seinen Gedichten . » Wissen Sie « meinte er unter anderem , » ich verkehre nur selten mit meinen Kollegen . Es sind alles rohe und was mehr ist : unfähige Burschen . Im Litteraturverein trifft man sich ja zuweilen ; aber ich schneide sie , wo ich kann . Man wird gleich um Protektion angepumpt und haste nicht gesehen rufen sie einen als ihren Freund und Genossen aus . Meine Einzelstellung in der Litteratur verbietet mir solche Verbrüderung « . » Ja , ich lachte und weinte damals über Ihre Strophen « sagte Johanne , » ich fühlte mich erhoben , wenn ich in Ihren Gedichten las « . » Das höre ich oft und es freut mich , sind sie doch - « er seufzte tief auf , » mit Herzblut geschrieben . Manches junge Mädchen hat mir schon bekannt : seit ich Ihre Poesien kenne , glaube ich wieder an das Gute und Schöne im Leben « . Von diesem Tag an begleitete er sie sehr häufig nach Hause . Eines Herbstabends , es dunkelte schon früh , zog er sie in den Flur ihres Hauses und stammelte : » Johanne , Johanne , ich vergeh vor Sehnsucht « . Und er brachte sein Gesicht dem ihren nah . Sie wollte etwas erwidern ; da hatte er beide Lippen auf die ihren gepreßt , als wollte er ihre Seele schlürfen und war davongeeilt . Sie stand einen Augenblick an die Mauer des dunklen Eingangs gelehnt und vermochte sich nicht zu rühren . Dann ging sie hinauf und weinte . Am andern Tag wollte sie ihm einen empörten Brief schreiben , aber sie kannte seine Adresse nicht . Zum Glück erschien er heute nicht . Sie würde vor Scham und Aerger wahrscheinlich auf der Straße eine Szene gemacht haben . Nachmittags ging sie zu Schülers . Sie wollte dort seine Straße erfahren . Auf dem Wege dahin überlegte sie , ob er vielleicht vorhabe , sie zu heiraten . Aber selbst dann , schien es ihr , durfte er sich nicht so betragen . Sie war mit sich unzufrieden , obzwar sie nicht wußte , wie sie sich hätte anders benehmen sollen . Er hatte sie überrascht . - - Bei Schülers öffnete Alice die Thüre . Sie hatte rotgeweinte Augen und war sehr aufgeregt . » Denk Dir , Madame ist krank , oder behauptet mindestens es zu sein . Sie arbeitet nichts und liegt auf der faulen Haut . Glaubst du , er ließe mich einen andern Dienstboten mieten ? Keine Spur . Ich , meint er , soll so lange das Nötige besorgen , bis sie wieder flott ist . Wie findest du das ? Ich finde es unerhört « . - Die kleine Frau trippelte nervös in ihrem Zimmer auf und ab . » Unsere alte Wirtschafterin in St. Estephe ließ mich nie in die Küche . O , ich bin sehr unglücklich « . Sie warf sich in einen Sessel . » Weißt du , was er jetzt thut ? Er macht sich sein Bett selbst und läßt Essen aus dem Gasthaus kommen . Alles wegen der Alten . Welch gutes Herz , wie ? « Johanne suchte die Freundin so gut sie konnte zu beruhigen . Dann bat sie um Tages Adresse . » Ich weiß sie nicht « sagte Alice , » aber Mink kennt sie . Er soll sie dir mitteilen . Liebst du etwa das Scheusal Hans Tage ? « Johanne errötete . » Muß man alle gleich lieben , mit denen man auf der Straße geht ? « » Na ich , ich schaff mir jetzt um jeden Preis einen Verehrer an , mir ist dies Leben unausstehlich « . Johanne faßte ihre Hände . » Alice , mach nicht so böse Scherze . Du bist eine verheiratete Frau « . » Wer hat denn angefangen ? « rief die junge Frau erregt , » er oder ich ? Wer hat mich schändlich hintergangen . Und ich hielt so viel von ihm ! « Sie brach in Thränen aus . » Nun thue ich ihm , was er mir gethan hat « . » Harre doch aus . Es muß sich ja ändern , wenn sie stirbt - « » Ach was , die stirbt nicht « . Johanne ging traurig fort . Nichts als Elend , wohin man blickte . Und in ihrer eignen Brust ein Sturm widersprechender Gefühle . Ach , wenn sie doch wirklich Einen besessen hätte , der ihr gehörte mit Leib und Seele . Es war zu trostlos , so allein dahinzutreiben . Wenn Tage ihr Halt und Stütze sein könnte ? Aber durfte sie das hoffen ? Berechtigte sein Benehmen dazu ? Faßte er etwa einen Kuß ebenso ernsthaft auf wie sie ? Vielleicht . Die Thränen traten ihr in die Augen , als sie das Glück erwog , jemanden zu haben , an dessen Brust sie ihr Haupt lehnen könnte . Wenn sie ihn jetzt hier gehabt hätte , sie würde ihm weich und hingebend begegnet sein ..... Am andern Tag , als sie aus der Schule kam - er hatte sie wieder nicht erwartet - klopfte es und ihr Hausherr trat herein . Die hundert Falten in seinem Gesicht waren alle lebendig und zuckten . » Ich bringe Ihnen die gewünschte Adresse « sagte er sich niederlassend , » Mink begegnete mir vorhin und teilte sie mir mit . Er wollte selbst zu Ihnen kommen , hatte es aber sehr eilig . Fräulein Johanne , Fräulein Johanne , sind Sie eifersüchtig , wollen Sie ihn überraschen ? Lassen Sie sich von einem Uneigennützigen davor warnen . Sie würden keine angenehmen Entdeckungen machen « . Er rückte seinen Stuhl näher dem ihren . » Tage ist durchaus kein tadelloser Charakter , Fräulein Johanne . Ich würde dies Ihnen nicht mitteilen , wenn mich nicht durch meine liebe Frau Freundschaft mit Ihnen verbände « . » Aber « stotterte das junge Mädchen , » Herr Tage geht mich ja eigentlich nichts an , ich weiß nicht was Sie - « » Sie interessieren sich für ihn , Sie gehen mit ihm , ich selbst habe Sie an seinem Arm gesehen « , er sah ihr tiefes Erröten - » Sie sind ein unschuldiges , erfahrungsloses Mädchen . Ehe Sie es recht wissen , stecken Sie im Unglück « . » Was wollen Sie mir also sagen ? « fragte sie plötzlich kühl . Dieser Mensch da spielte sich auf den Wächter der Unschuld , der Tugend hinaus . War es nicht lächerlich ? Er ! Der ! Wewerka erriet aus dem verächtlichen Aufwerfen ihrer Lippen ihre Gedanken . » Ich wollte Sie nur warnen « versetzte er in biederem Ton , » sich Hoffnungen zu machen , wenn Tage Ihnen Dinge verspricht , wie man sie zuweilen jungen Mädchen verspricht . Er ist nicht mehr frei . Er ist durch die verschiedensten Bande an eine Frau gefesselt , die ebenso alt und kokett wie hochvermögend ist . Das letztere weniger durch ihren Reichtum , als durch ihre Verbindungen . Sie arbeitet für die ersten Blätter der Residenz . Sie hat ihm zu seiner Berühmtheit verholfen , sie und sein Protektor , der berühmte Professor Kneilenbregg , vor dem Tage auf den Knieen rutscht . Früher trieb er philologische Studien unter ihm . Der Mann , der sich so angebetet sieht und der als Gesellschaftsfex in den Salons , wo er Sekt trinkt und den Frauen den Hof macht , viel für einen jungen Autor thun kann , bestimmte seine Verehrerinnen , nicht allein Tages Bücher zu kaufen , sondern auch in ihm eine Zukunftsnummer zu erblicken . Die Weiblein gehen ja immer auf den Leim , wenn ein berühmter Mann sie da haben will . Innerlich denkt er , zu seiner Ehre will ichs annehmen , ebenso wie die andern , nämlich , daß Tage ein Phrasenheld , aber nichts weniger als ein echtes Talent sei . Aber der Kerl verstehts , wo es ihm darum zu thun ist , ausgezeichnet zu schmeicheln . Und dem großen Mann ist das Lob und die Bewunderung , selbst wenn sie aus dem Munde des Allerkleinsten kommt , immer willkommen . Der bekannte Dichter Tage singt ihm , widmet ihm Bücher , was Wunder , wenn er sich gedrängt fühlt , zu quittieren . Die pikante Baronin , Tages Geliebte und Gönnerin , ist schon etliche Male sehr eifersüchtig auf den großen Mann gewesen . Aber sie haben sich wieder verständigt . Daß Tage , wenn er den Dichterkranz aus dem roten Haar legt , auch ein Mensch sei , dem es nach ihren geschminkten Lippen nach frischen dürstet , scheint sie nicht wissen zu wollen . Er hintergeht sie fortwährend mit kleinen Ladenmädchen , ohne daß sie es ahnt . Und - aber vergeben Sie , Sie sind ganz blaß geworden . « - - Johanne hatte sich erhoben und ging heftig auf und nieder . » Warum erzählen Sie mir das alles ? Herr Tage kann thun , was ihm beliebt . Er ist sein eigner Herr . Er kümmert mich nicht « . » Mir scheint - ich hätte über diesen Mann nichts Böses sagen sollen . Aber daß das Ihnen so nahe geht « - » Herr Wewerka « rief sie zornig mit dem Fuße stampfend , » ich verbitte mir jede Beleidigung von Ihnen « . Er trat zu ihr und wollte besänftigend ihre Hand ergreifen . » Aber Fräulein Johanne , nur die Freundschaft für Sie ließ mich von diesem Unwürdigen - « » Lassen Sie das Wort Unwürdiger , es giebt noch viel Unwürdigere als den « . Ihre Augen blitzten . In Wewerkas Gesicht regte sich keine Miene . » Fräulein Johanne , Sie haben recht ; es giebt noch bösere Burschen als ihn , lassen wir das Thema « . In diesem Augenblick wurde geklopft , und Schüler trat herein . » Fräulein Johanne , guten Tag , ' n Tag , Wewerka . Laßt Euch nicht stören « . » Ich war eben im Begriff zu gehen , Herr Gott « rief Wewerka , seine Uhr hervorziehend , » schon so spät ! Auf Wiedersehen « . Er verneigte sich vor Johanne , zwinkerte Schüler zu und eilte hinaus . » Wie gehts , wie gehts , Schönste der Schönen . Irr ich mich , oder sind Sie erregt ? Ihre Augen blitzen , Ihre Wangen brennen . Hat er das zustande gebracht ? « Er deutete nach der Thüre , durch die Wewerka verschwunden war . Johanne lächelte schwach . » Ja , wir plauderten und ich geriet in Eifer « . Schüler sah im Zimmer umher . » Eigentlich ein Käfig hier , viel zu armselig für eine Gestalt wie Sie . Na , sagen Sie Fräulein Johanne - apropos , sind Sie mit mir zufrieden , daß ich Ihnen so prompt Ihr Ideal , Herrn Tage , offeriert habe ? « » Reden wir nicht von dem « rief Johanne . Schüler lächelte . » Sie hatten wohl Streit mit einander ? Na , ich meinte nur , Sie sehen , ich thue Ihnen zu Liebe , was ich kann ; thuen Sie mir auch etwas zu Liebe « . » Und das wäre ? « Ihre Augen richteten sich fest auf ihn . » Kommen Sie öfter