was , dachte ! Sie denken immer ! Verscherzen mir darüber womöglich eine solche Kundschaft . - Natürlich nehmen wir den Hafer , Herr Büttner ! Unbesehen nehmen wir alles , was Sie uns bringen . Haben Sie den Hafer mit in der Stadt ? « Der Büttnerbauer brachte mit Rucken und Zerren ein Säckchen von grauer Leinwand aus seiner hinteren Rocktasche hervor . » Ach so , eine Probe ! Ist eigentlich gar nicht nötig , Herr Büttner . Kennen Ihre Ware schon . Prima , natürlich ! « Er öffnete das Säckchen aber dennoch und ließ die Körner prüfend durch die Finger gleiten . » Kaufen wir ! Geben den höchsten Marktpreis . Herr Bellwitz , gleich einen Mann nach dem , Mutigen Ritter ' schicken ! Der Hafer soll her . - Inzwischen kommen Sie mal auf ein Augenblickchen hier herein , mein guter Herr Büttner ! Sie müssen mir was über den Saatenstand bei Ihnen da draußen erzählen . « Der Bauer befand sich , ehe er sich dessen recht versehen , im Nebenzimmer , einem kleinen Gemache , dessen einziges Fenster nach dem Hofe hinausführte . Dort wurde er aufs Sofa genötigt ; der rotbärtige Händler nahm ihm gegenüber am Tische Platz . » Nun , mein Lieber , wie steht ' s denn , wie geht ' s denn in Halbenau ? Ich kenne dort verschiedene Ökonomen . Mittlerer Boden - was ! Liegt auch schon ein bißchen hoch - was ? Sie leiden an späten Frösten . Nachher will das Korn nicht recht schütten , wenn ' s vorher noch so schön gestanden hat . Kenne das , kenne die ganze Geschichte . - Also nun erzählen Sie mir mal . Wie weit ist ' s mit der Sommerung ? « » Mei Suhn und de Madel stacken heite de latzten Apern . Hernachen is nur noch ' s Kraut . In a Wochen a zwee noch hin , denk ' ch , sein mer fertig . « » Gratuliere , gratuliere ! - Sie haben wohl eine starke Familie , Herr Büttner ? « » ' s langt zu , Herr Harrassowitz , ' s langt Se gerade zu , « meinte der Bauer und lachte in sich hinein . » Mit de Enkel sein ' s ' r immer a Mäuler achte , die gefittert sein wullen - ju , ju ! « » Nun , um so mehr Hände sind dann auch da zur Bestellung und in der Erntezeit - nicht wahr , Herr Büttner ? Eine zahlreiche Familie ist ein Segen Gottes , besonders für den Landmann . Ich kenne die ländlichen Verhältnisse , ich kenne sie ! Sie mögen mir das glauben , lieber Büttner . - Und wie steht ' s denn mit der Winterung ? « Der Bauer berichtete , daß der Roggen gut durch den Winter gekommen und nur wenig ausgewintert sei . » Ene wohre Pracht ! Wie ene Bürschte , weeß der Hohle , wie ene Bürschte steht Sie das Korn ! « » Nun , das ist ja hocherfreulich zu hören ! Da hätten wir also die schönsten Aussichten für eine gute Ernte . Da wird wieder mal schönes Geld unter die Leute kommen ! Und hat der Bauer Geld , dann hat ' s die ganze Welt . « » Das mechte och sein - das mechte freilich sein , Herr Harrassowitz ! « meinte der Büttnerbauer und kratzte sich hinter den Ohren . » ' s Geld is sihre rar gewest . Ne , ach Gott , zu rare ist dos gewest in der letzten Zeit , Herr Harrassowitz ! « » Nun , Sie werden doch nicht etwa klagen wollen , Herr Büttner ! Sie , mit Ihrer schönen Besitzung ! - Wie groß ist denn das Gut , wenn ich fragen darf ? « » Zweemalhundert und a paaren dreißig Morgen , alles in allen , mit an Buusche . « » Das wäre ja bald ein kleines Rittergut ! Und da wollen Sie lamentieren ! Ich bitte Sie , guter Herr Büttner , was sollen denn dann die kleinen Leute machen ! « » Ju , wenn ock de vielen Abgaben ne wären und de Gemeenelasten und de Schulden . « » Ich weiß , ich weiß , es lastet vielerlei auf dem Ökonomen heutzutage . Sind denn die Abgaben und Lasten so bedeutend in Halbenau ? « Der Büttnerbauer schüttete darüber sein Herz gründlich aus . Harrassowitz ließ ihn reden ; nur manchmal warf er eine Bemerkung ein , die den einmal warm Gewordenen veranlaßte , mehr und mehr von seinen Verhältnissen aufzudecken . Jetzt war der Büttnerbauer bei seinem Hauptbeschwernis angelangt : seinem mächtigen Nachbarn , der Herrschaft Saland . » Ja , ja , das glaube ich Ihnen gerne , Herr Büttner ! « rief der Händler , » solch einen Großgrundbesitzer zum Nachbarn zu haben , ist kein Spaß ! Die Leute sind landgierig , die möchten die Bauern am liebsten alle legen . Das ist ein wahrer Krebsschaden für unser Volk , die Latifundienwirtschaft . Ein freier , selbständiger Bauernstand wird immer eine Grundbedingung für das Gedeihen des ganzen Staates bilden . Wer soll uns denn die Soldaten liefern - was , he ? Die strammen Soldaten für unser Heer , wenn nicht der Bauernstand ! - Grenzen Sie an einer oder an mehreren Seiten mit der Herrschaft Saland ? « Der Bauer erzählte , daß er so gut wie eingeschlossen sei durch das Dominium . Dann ereiferte er sich über den Wildschaden . » Schrecklich ! aber dafür hat natürlich so ein Graf gar keinen Sinn ! « rief der Händler mit dem Ausdrucke höchster Entrüstung , » wenn sich ' s nur um Bauernflur handelt . Traurige Zustände sind das ! Hat Ihnen der Graf denn schon mal ein Angebot machen lassen wegen Ihres Gutes ? « Der Büttnerbauer berichtete , daß der Graf schon seit Jahren um seinen Wald handle , aber daß er ihm nicht einen Fußbreit abzulassen gesonnen sei . Harassowitz horchte scharf hin auf diese Angaben . Dann nahm er auf einmal wieder eine nachdenkliche Miene an . » Ja , das sind traurige Verhältnisse ! Das zehrt am Vermögen , das will ich schon glauben . Da haben Sie doch allerhand Sorgen , mein guter Herr Büttner . Haben Sie denn etwa auch Hypothekenschulden auf Ihrem Gute ? « » O Ierum ! « rief der Bauer bei dieser Frage , die mit der unbefangensten Miene der Welt gestellt wurde . » O Ierum ! « Er fuhr empor von seinem Sitze . » Hypothekenschulden ! die tun freilich zulangen , tun die ! Wenn ' s wos winger warn , kinnt ' s och basser sein . « » Nun , was haben Sie denn so ungefähr drauf stehen ? Ich frage aus wirklichem Interesse . « Der Bauer rechnete eine Weile . Dann sagte er , die Stimme dämpfend , mit bedrückter Miene : » A Märker a zweeundzwanzigtausend kennen ' s schu sein , die druffe stiehn , Herr Harrassowitz . « Der Händler ließ ein leises Pfeifen ertönen , zog die Brauen in die Höhe und wiegte den Kopf hin und her . » Das ist ein bißchen stark ! « » Newuhr , ' s is vill ? « meinte der Alte , ganz in sich zusammensinkend und trostlos zur Erde blickend . » Wie in aller Welt wollen Sie denn da die Zinsen herauswirtschaften , Herr Büttner ? « - Harassowitz nahm ein Stück Papier zur Hand und begann zu rechnen . » Ja , mein Lieber , das ist ja ein Mißverhältnis ! Und da wollen Sie auch noch davon leben , Sie und Ihre Familie ! Das ist ja rein unmöglich . Da lügen Sie sich einfach in den Beutel , mein Bester ! « » Ja , ' s is schwer , ' s is aben schwer ! « meinte der Büttnerbauer seufzend . » Man mechte manchmal salber zum Taler wern , um da Zinsen ock immer richtig zu bezahla . Ees muß sich abrackern und abschinden muß mer sich , vun frih bis abend . Ne a mal satt essen mechtn man , weil ' s hinten und vurne ne zulangen tut . Ne , ' s is a Luderlaben , wenn ees suvills Schulden hat wie der Hund Flöhe . « » Und das ertragen Sie so ruhig ? Das verdenke ich Ihnen , offen herausgesagt , sehr , daß Sie sich für Ihre Gläubiger so abquälen . « » Ju , wos soll unserees denne angohn ? Ich ha ' s Gutt duch glei su verschuldt übernumma . Billiger wullten de Geschwister mir ' s duch ne iberlassen . « » Da gibt ' s eben nur ein Mittel , mein Lieber : schmeißen Sie den Gläubigern die ganze Geschichte hin . Sagen Sie einfach : ich tue nicht weiter mit . Mag ' s doch ein anderer versuchen , die Zinsen herauszuwirtschaften , ich kann ' s nicht , ich hab ' s satt ! - Passen Sie mal auf , was für Gesichter die dann machen werden . Von denen übernimmt ' s keiner , verlassen Sie sich darauf ! Die werden dann schon kommen und Sie bitten , daß Sie doch nur um Gottes willen weiter auf dem Gute bleiben möchten , damit ihre Hypotheken nicht ausfallen . Sowas ist schon öfters mit Erfolg gemacht worden . Tragen Sie selbst auf Subhastation an wegen Überschuldung , dann wollen wir einmal sehen , was für Seiten die Gläubiger aufziehen werden . Vielleicht erstehen Sie ' s dann selbst oder einer Ihrer Kinder aus der Zwangsversteigerung zurück , dann sind Sie einen ganzen Posten Schulden los . Nur nicht ängstlich sein in solchen Dingen ! Das ist ja nur ein Mittel , sich wieder zu rangieren , wenn man nicht reüssiert hat . Gott sei Dank , möchte ich sagen , daß so etwas möglich ist ! « Der Büttnerbauer schüttelte den Kopf . Den eigentlichen Sinn des Vorschlages hatte er wohl gar nicht erfaßt . Sein Redlichkeitsgefühl sagte ihm jedoch , daß hier etwas nicht in Ordnung sei . Er wolle auf seinem Gute bleiben , erklärte er . Er hoffe auch durchzukommen und seine Zinsen richtig bezahlen zu können , wenn nur bessere Zeiten kämen , und wenn ihm inzwischen jemand helfend unter die Arme greifen wolle . Inzwischen waren die Hafersäcke vom » Mutigen Ritter « herangeschafft worden und wurden im Hofe abgeladen . Der junge Mann aus dem Kontor trat ein und machte Meldung davon . » Da wollen Sie also Ihr Geld gefälligst in Empfang nehmen , Herr Büttner , « sagte der Händler . » Vorn an der Kasse . Ich komme mit Ihnen . « Der Bauer empfing am Kassenpult das Geld und mußte über den Empfang quittieren . Das nahm einige Zeit in Anspruch , da seiner Hand das Schreiben nicht mehr recht geläufig war . Endlich war er mit der schwierigen Prozedur zustande gekommen . Trotzdem er sein Geld längst durchgezählt und eingesackt hatte , blieb er noch stehen , zaudernd , seinen Hut in den Händen drehend , als habe er noch etwas auf dem Herzen . Dem scharfen Auge des Händlers war das auffällige Benehmen des Alten nicht entgangen . Er kam hinter dem Ladentische vor , wo er mit einem der Kontoristen verhandelt hatte . » Nun , Herr Büttner , kann ich Ihnen vielleicht noch mit etwas dienen ? Wir haben auch künstlichen Dünger , ein reichhaltiges Lager . Haben Sie da keinen Bedarf ? « » Ne , ne ! « meinte der Bauer . » Da mag ' ch nischt darvon . Aber was andres wollt ' ch Se noch derzahlen ; wenn Se da vielleicht an Rat wißten . - Mir is ane Hipetheke gekindgt wurden . Uf Gohanni muß ' ch zahlen . « » Sehen Sie einmal an ! « rief der Händler und stellte sich erstaunt . » Da werde ich Ihnen wohl nicht helfen können . Hypotheken , das gehört nicht in meine Branche . « - Aber , er nahm den Bauern doch wieder , mit in das Hinterzimmer . » Also eine Hypothek ist Ihnen gekündigt auf den Johannistermin . An welcher Stelle steht sie ? wie ist der Zinsfuß ? wie läuft sie aus ? « Harrassowitz stellte die verschiedensten Kreuz-und Querfragen . Dann rechnete er für sich . Der alte Bauer beobachtete währenddessen das Mienenspiel des Händlers sorgenvoll . Er sah mit Schrecken , daß Harrassowitz in einem fort bedenklich den Kopf schüttelte und die Brauen in die Höhe zog . Endlich erhob sich der Mann und trat dicht vor den Bauern hin , ihm in die Augen blickend mit ernster Miene . Er könne das Geld nicht beschaffen , erklärte er . Er sei Kaufmann und nichts als Kaufmann , und es gehöre nicht zu seinen Gepflogenheiten , Güter zu beleihen . Aber da er gemerkt habe , daß der Büttnerbauer ein redlicher und solider Mann sei , wolle er ihm helfen . Er habe einen Geschäftsfreund , einen durchaus feinen Mann , zu dem wolle er den Bauern führen , der werde ihm die Hypothek möglicherweise decken . Aber nur dem Bauern zu Gefallen wolle er es tun , rein zum Gefallen . Denn er bemenge sich sonst nicht mit dergleichen . - Darauf ging Samuel Harrassowitz ans Telephon und klingelte an . » Guten Morgen ! Ist Herr Schönberger im Kontor ? - Möchte ihn auf einen Augenblick sprechen ... Danke ! « Der Bauer sah mit Staunen dem Beginnen des anderen zu . In seinem Leben hatte er noch nichts von einem Fernsprecher gehört , geschweige denn eine solche Vorrichtung gesehen . Harrassowitz stand neben dem Apparate und lachte über den komischen Schrecken des Alten . » Nehmen Sie mal das andere Ding ans Ohr , Herr Büttner ! « rief er und hielt ihm den Hörer hin . » Machen Sie nur ! Es beißt nicht . « Der Bauer war nicht zu bewegen , den Hörer anzufassen . Inzwischen kam Antwort . » Hier Harrassowitz ! ... Ja ! ... ' n Morgen , Schönberger ! Herr Gutsbesitzer Büttner aus Halbenau ist hier bei mir , wünscht gekündigte Hypothek belegt zu haben . Kann ich mit ihm zu Ihnen kommen ? « Eine längere Pause entstand , während der Harrassowitz gespannt horchte . Dann lachte er auf einmal laut auf , und den Bauern höhnisch von der Seite anblickend , immer den Hörer am Ohr , rief er in den Fernsprecher : » Der Kaffer braucht ehn , dringend . Feines Massematten .... Ach was ! Bist meschuke ! - Wie ? ... Is besoll . Wir machen ' s in Kippe , natürlich .... Versteh nicht ! Der Kaffer ist halb mechulleh . Geb dir Rebussim ... Schön ! Bringe ihn . Auf Wiedersehen . Schluß ! « » Das nennt man Telephon oder Fernsprecher , mein Lieber ! « sagte Harrassowitz und klopfte dem Alten mit spöttischem Grinsen auf den Rücken . » Sehen Sie , da haben Sie wieder was Neues kennen gelernt und können Ihren Leuten da draußen was erzählen . « Man wolle nun zu Herrn Schönberger gehn , meinte er und nötigte den Bauern zur Tür . Das Kredit- und Vermittelungsbureau von Isidor Schönberger lag am anderen Ende der Stadt , ebenfalls in einem engen Winkelgäßchen . Harrassowitz trat aber nicht in das Kontor , führte den Bauern vielmehr durch den Hausgang in eine Hinterstube . Hier saß in einem abgeschabten Lederfauteuil vor seinem Schreibtische ein fetter Mann , kahlköpfig , mit dunklen , großen Augen , die ihm , aus tiefen Höhlen über die gebogene Nase hinwegspähend , etwas von einer großen Eule gaben . » Morgen , Schönberger ! « » Morgen , Sam ! « Der fette Mann rührte sich nicht auf seinem Stuhle , mit dem er verwachsen zu sein schien . Harrassowitz , unter dem Namen » Sam « weit und breit in der Handelswelt bekannt , schien die Gewohnheiten seines Freundes zu kennen . Er rückte selbst Stühle heran , forderte den Bauern auf , Platz zu nehmen und setzte sich . » Hier bringe ich Ihnen also meinen Geschäftsfreund , den Herrn Gutsbesitzer Büttner . Ich kenne den Mann . Er ist gut . Sie können ihm unbedenklich Kredit eröffnen . « Schönberger zuckte die Achseln mit verdrießlicher Miene . Dann begann er mit belegter Stimme , etwas anstoßend sprechend : In gegenwärtiger Zeit auf Grund und Boden Geld zu borgen , sei bedenklich . Jetzt wo Subhastationen an der Tagesordnung seien , und die Bauern noch öfter pleite machten als die Industriellen . » Für den hier garantiere ich ! « rief Harrassowitz . » Das ist einer vom alten Schrot und Korn . Der ist durch und durch solid ! « Dabei tätschelte er den Bauern . » Was ? der macht uns nicht bankerott , nicht wahr ? « Aber Isidor Schönberger blieb bei seiner Ablehnung . Er habe zu viele schlechte Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit . Habe seine Zinsen nicht erhalten , sei bei Zwangsversteigerungen ausgefallen und um sein Geld betrogen worden . » Wenn ich Ihnen sage , daß der Mann Ihnen sicher ist ! wenn ich mich mit meinem Ehrenwort für Herrn Büttner verbürge ! Sehen Sie sich den Herrn doch bloß mal an , Schönberger ! sieht der aus , als ob er uns Schaden machen wollte ? Wenn ich sage , er ist gut , dann ist er gut ! « » Wo steht die Hypothek ? « fragte Schönberger , der im Gegensatz zum lebhaften Wesen seines Geschäftsfreundes eine gleichgültige , apathische Ruhe zur Schau trug . » Darauf kommt ' s hier gar nicht an ! « rief Harrassowitz . » Bei einem Gute von über zweihundert Morgen besten Bodens ! Die Hypothek ist todsicher . « » Weshalb ist sie gekündigt ? « fragte Schönberger . » Der Bruder hatte sie , « erklärte Harrassowitz . » Der hat sie gekündigt , weil er das Geld im Geschäft braucht . Muß auch verrückt sein , der Herr , daß er so ' ne Hypothek weggibt ! - Seien Sie vernünftig , Schönberger , geben Sie das Geld ! « Der fette Mann nahm ein Notizbuch zur Hand , befeuchtete die Bleistiftspitze , dann forderte er den Bauern auf , ihm die einzelnen Posten der Reihe nach zu nennen . Es bedurfte einiger Zeit , ehe der alte Mann die Zahlen in seinem Gedächtnis gefunden hatte . Aber schließlich brachte er doch alles richtig zusammen . Da war zuerst die Landschaft mit viertausend Mark , dann kamen die Geschwister : Karl Leberecht und Gottlieb , die verstorbene Schwester Karoline , an deren Stelle jetzt ihre Erben : Ernst Kaschel und seine Kinder , ferner die Schwester Ernestine . Sämtliche zu gleichen Teilen und mit gleichem Vorrecht . Dahinter kamen immer noch neue Schuldposten , unter diesen Ernst Kaschel mit siebzehnhundert Mark . Der Mann im Lehnstuhle saß da mit der ihm eigenen verdrossenen Miene und notierte jede Ziffer , die sich von den zagenden Lippen des Alten losrang , mit kühler Ruhe . Weder Staunen noch Erregung schien sich in den Fleischmassen dieses gedunsenen Gesichtes ausdrücken zu können . » Ist das alles ? « fragte er , als der Bauer endlich schwieg . Der Büttnerbauer bejahte . » Sie sollen das Geld haben ! « war alles , was die belegte Stimme darauf sagte . Harrassowitz sprang von seinem Sitze auf . » Was habe ich Ihnen gesagt , Büttner ! Mein Freund Schönberger ist ein edler Mann ! Sehen Sie , er gibt das Geld ! « » Wieviel hat Ihr Bruder Prozent gegeben ? « fragte Schönberger . » Vier Prozent , « erwiderte der Bauer . » Mein Satz ist fünf , bei vierteljähriger Kündigung , « meinte Schönberger . Dem Büttnerbauer fiel ein Stein vom Herzen bei diesen Worten . Er hatte gefürchtet , man werde ganz andere Prozente von ihm fordern . » Sehen Sie , was ich gesagt habe ! « rief Harrassowitz , » was für ein Mann Schönberger ist ! Fünf Prozent nimmt er bloß . Sie haben ein glänzendes Geschäft gemacht , Büttner ! « Der Bauer fing an , das selbst zu glauben . In seinem schlichten Gemüte regte sich Dankbarkeit für den Mann , der ihm in so großer Not geholfen hatte . Er schritt unbeholfen auf Herrn Isidor Schönberger zu und pflanzte sich vor ihn hin . Dann ergriff er die weiße , welke , mit vielen Ringen geschmückte Hand des Mannes und drückte sie mit seiner derben , roten Bauernfaust . » Ich bedank ' mich och , Herr Schönberger , ich sog meinen schiensten Dank ! Und bezahl ' Sie ' s der liebe Gott ! Sie hon mir ane gruße Surge abgenumma . « Isidor Schönberger betrachtete ihn mit demselben mißmutig verächtlichen Ausdruck , den er für alles auf der Welt hatte , was sich nicht in Zahlen ausdrücken ließ , und entließ ihn dann mit kaum merklichem Nicken seines schweren Kopfes . » Wir gehen jetzt zum Notar und dann zum Grundbuchführer , Herr Büttner ! « sagte Harrassowitz , als sie in dem Hausflur standen . » Gehen Sie nur immer hinaus auf die Straße . Mir fällt eben ein , daß ich in einer anderen Sache noch ein paar Worte mit Schönberger zu sprechen habe . Ich komme in einer Minute zu Ihnen . « Aus der Minute wurden ihrer mindestens zehn . Dann erschien der Händler und nahm den Bauern unter den Arm . » Nun kommen Sie , mein Lieber ! Jetzt machen wir die Geschichte schriftlich , damit Sie Ihre Sicherheit haben und einen Beleg in Händen halten . Ich führe Sie zu meinem Notar , der macht ' s Ihnen billig . « * * * Nachdem man beim Advokaten und auf dem Gerichte gewesen war - wo Harrassowitz , der in diesen Dingen äußerst bewandert zu sein schien , alles veranlaßt hatte , so daß der Büttnerbauer nur zu unterschreiben brauchte - ging man zum » Mutigen Ritter « . Denn die Mittagszeit wer inzwischen herangekommen , und der Bauer wollte heimfahren . Harrassowitz versicherte dem Alten , daß er ihn nächstens einmal in Halbenau besuchen werde . Es interessiere ihn , das Gut und die Wirtschaft mal in Augenschein zu nehmen . » Kimma Se ack , Herr Harrassowitz ! Kimma Se ack ! « rief der alte Bauer . » ' s full mir ane Freide sein ! « Damit drückte er dem Händler treuherzig beide Hände zum Abschiede . Der Büttnerbauer verließ die Stadt in bester Laune . Er hatte die Tasche voll Geld , das er für seinen Hafer eingenommen . Und was noch weit mehr bedeuten wollte , seine Hypothek hatte er untergebracht . Nun hing ihm auf einmal der Himmel voller Geigen . Es schien keine Sorgen und Nöte mehr zu geben auf der Welt , die Zukunft lag vor ihm im heitersten Lichte . Nun würde er sich die neue Kuh anschaffen können ! so recht eine nach seinem Herzen , mit langem Rücken und starkem Euter , womöglich schwarz und weiß gefleckt . Das waren seiner Erfahrung nach die besten Milchkühe . Und dann liebäugelte er über seinen Plan hinaus mit einem anderen , noch kühneren : die Scheune umdecken ! das Strohdach kostete zuviel Reparaturen ! Noch vor ein paar Tagen hatte er zu seinem Sohne Gustav gesagt , daß das eine Ausgabe sei , die er in seinem Leben nicht mehr werde auf sich nehmen können . Heute stellte er im Geiste schnell einen Kostenanschlag auf , der erstaunlich günstig ausfiel . Es würde schon gehen ! es mußte ja alles gut werden . - Der Bauer schmunzelte in einem fort und pfiff auch gelegentlich still vergnügt vor sich hin . Etwas wie ein langverhaltener Jugendübermut kam über den alten Mann . Hätte er einen Bummler überholt , er würde ihn aufgefordert haben , zu ihm in den leeren Kälberwagen zu springen , nur um jemanden bei sich zu haben , dem er seine gute Laune mitteilen könne . Als er an einem Gasthofe vorüberfuhr , kam ihm der Gedanke , zu halten und einen Branntwein zu fordern ; das war ein Genuß , den sich der Büttnerbauer nur alle Jubeljahre einmal leistete . Er wollte schon das Pferd zum Stehen bringen , da fiel ihm ein , daß er den Schnaps ja auch im Kretscham von Halbenau trinken könne . Nicht etwa , daß er seinem Schwager , dem Kretschamwirt , den Verdienst hätte zuwenden wollen ! Nein ! Er hatte bei sich beschlossen , den Halunken zu ärgern . Wie würde sich Kaschelernst erbosten , wenn er vernahm , daß der Schwager das Geld doch noch bekommen hatte und daß ihm , Kaschelernst , die fünf Prozent auf diese Weise entgingen . - Der Bauer trieb den Rappen an . Schadenfroh lachte er in sich hinein . Endlich konnte er den Menschen , der ihm schon so manchen Tort angetan hatte , doch auch einmal ärgern ! - Er hielt vor dem Kretscham an und machte sich durch Peitschenknallen bemerkbar . Sein Neffe Richard Kaschel kam heraus . Der junge Mensch sah seinem Vater bedenklich ähnlich . Nur etwas länger war er geraten und zeigte noch nicht die rote Nase und die schwimmenden Augen des Alten . Aber dasselbe Rattengesicht war ' s und auch dasselbe Lächeln und Kichern , das bei dem jungen Menschen noch flegelhafter und zudringlicher herauskam . Der Büttnerbauer fragte den Neffen , ob der Wirt zu Haus sei . Der sei gerade aufs Feld hinausgegangen , erwiderte der Bursche und grinste dazu . Der Bauer bestellte einen Kornschnaps . » En guten ? « fragte der Neffe , mit unverschämten Lächeln den Onkel anzwinkernd . » Verstieht sich , an guten ! Was Schlecht ' s mog ich ne ! Wennt ' r und er hat schlechten , den kennt ' r salber saufen . Verstiehst de ! « rief der Alte dem Neffen zu . Der junge Mann , gleich seinem Vater in Strümpfen und Holzpantoffeln , verschwand im Gasthofe , um gleich darauf mit einer Flasche und einem Gläschen wieder zu erscheinen . Der Bauer goß den Schnaps hinter , machte » brrr ! « und schüttelte sich . » Wos kost ' dos ? « rief er und zog den Geldsack . Der Neffe meinte mit gönnerhafter Miene , das sei umsonst . » Was macht ' s ? « schrie ihn da der Alte an mit zorniger Miene . » Ich wer dich glei umsonsten ! Ich will keenen Menschen nischt ne schuld ' g bleiba , zu allerletzten eich ! Dei Vater mechte mich am Ende glei verklogen ! Dei Vater , wegen dan paar Pfengen . - Wos macht der Schnaps ? « Der Neffe nannte den Preis . Mit wichtiger Miene öffnete der Bauer den Geldsack , suchte eine ganze Weile unter den Münzen herum , immer beobachtend , welche Wirkung das Geld auf den Neffen hervorbringen würde , und ließ ein Goldstück wechseln . Nachdem er kleine Münzen zurückerhalten und den Beutel wieder an seinen Ort gebracht hatte , sagte er scheinbar beiläufig : » De kannst deinem Alten och derzahlen , ich hätte menen Hafer gut verkoft , und de Hipetheke hätt ' ' ch och ungergebracht . Vun ihn braucht ' ch nu nischt mih , und an Puckel kennt ' ar mir rungerrutscha , kennt ' ar mir ! « - Damit trieb er den Rappen an und fuhr nach Hause , sehr mit sich zufrieden . Seinem Schwager würde das brühwarm berichtet werden ; dafür war gesorgt . Dem Kaschelernst hatte er ' s mal gründlich heimgegeben . V. Ein Reiter ritt in den Hof des Büttnerschen Bauerngutes ein . Das Pferd war ein alter englischer Vollblutgaul , der bessere Tage gesehen haben mochte . Sattel und Zäumung waren armeemäßig . Der Reiter verleugnete in Haltung und Erscheinung den ehemaligen Offizier nicht . Er war ein hagerer Fünfziger . Seinem wettergebräunten Gesichte gab ein langer , graublonder Vollbart eine wirksame Umrahmung . Die Töchter des Büttnerbauern waren im Hofe mit Mistaufladen beschäftigt . Hochaufgeschürzt , mit bloßen Füßen , die Gabeln in den geröteten Händen , standen sie auf der Düngerstätte , neben der ein halbbeladener Wagen unbespannt hielt . » Bin ich hier im Büttnerschen Bauerngute ? « fragte der Reiter . » Hier is Büttners ! « antwortete Toni , die Ältere . » Ist der Bauer zu Haus ? « » Der Vater is uf ' n Felde mit Karlen . Se tun de Apern igeln . « » Ich möchte mit Ihrem Vater sprechen in einer Angelegenheit . Am liebsten allerdings im Hause . Könnten Sie ihn holen ? « Toni stand da mit offenem Munde und gaffte den Fremden an . Sein großer Bart , die roten Lederhandschuhe , die Reitgerte mit dem Silberknauf , alles an ihm kam ihr ungewöhnlich vor . Sie empfand eigentlich Lust , zu lachen . Darüber vergaß sie ganz , zu antworten . An ihrer Stelle übernahm die jüngere Schwester die Vermittelung dem Fremden gegenüber . Ernestine war die Gewecktere und Lebhaftere von den beiden . Mit einigen kaum merklichen Griffen hatte sie es verstanden , ihren allzu hoch aufgeschürzten Rock herabzulassen , so daß wenigstens die vom Mist beschmutzten Waden den Blicken des fremden Herrn entzogen waren . Sie sagte - und gab sich dabei Mühe , Hochdeutsch zu sprechen : » Wenn Sie den Vater sprechen wollen , wir können ihn rufen ; sie sein nicht sehre weit . « Damit sprang sie behende von der Düngerstätte hinab und lief