Wort wurde gesprochen . Graf Egge ruderte ungestüm , und Fräulein Herwegh saß über das Geländer geneigt und ließ die Fingerspitzen über das dunkle Wasser streifen . Sie schien es wie eine Erlösung zu begrüßen , als der Nachen endlich vor der Steintreppe der Villa hielt . Hastig erhob sie sich , und von Forbeck mit raschem Gruß sich verabschiedend , verließ sie das Boot . Tassilo folgte und reichte ihr den Arm . Im schwarzen Schatten der Bäume verschwanden sie , und Forbeck hörte ihre leisen Stimmen . An der Villa ging eine Tür , und Graf Egge erschien wieder bei der Landungstreppe . » Wo wohnen Sie , lieber Forbeck ? « » Dort drüben hinter den Villen , in einem Bauernhäuschen , wo ich eine Stube mit gutem Licht gefunden habe . Aber wenn Sie gestatten steige ich beim Seewirt ab . « Tassilo stieß das Boot von der Mauer . » Hoffentlich finden wir beim Seewirt noch offen , und wenn es Ihnen recht ist , leiste ich Ihnen noch ein Stündchen Gesellschaft . « » Aber ich bitte , Herr Graf ! « » Keine Förmlichkeiten ! Wenn es schon ein Titel sein muß , sagen Sie : Doktor ! « Forbeck lächelte . » Das geht mir auch leichter von der Zunge . « Das Ufer war erreicht . Auf der Terrasse des Wirtshauses brannten noch einige Lichter ; die Tische standen leer ; ein letzter Gast schäkerte zum Abschied mit der drallen Kellnerin . Tassilo und Forbeck schritten über den mondhellen Landeplatz der Treppe zu . Plötzlich verhielt Graf Egge den Fuß . » Herr Forbeck ! Diese unerwartete Begegnung mit Fräulein Herwegh scheint Sie überrascht zu haben . Ich möchte jeder Mißdeutung vorbeugen . « » Sie kränken mich ! « erwiderte Forbeck ernst . » Ich kenne Sie , Herr Doktor , und weiß , daß Fräulein Herwegh nicht nur eine gefeierte Künstlerin ist , sondern auch eine Dame , die keine Mißdeutung zu befürchten hat . « » Ich danke Ihnen für dieses Wort . Und nun hab ' ich doppelte Ursache zu sprechen , obwohl ich Sie aus zwingenden Gründen um Ihr Schweigen bitten muß . Sie sind der erste , der es erfährt . Fräulein Herwegh ist meine Braut . « In herzlicher Bewegung streckte Forbeck die Hand . » So darf ich auch der erste sein , der Sie beglückwünscht . « » Glück ! Ja , Forbeck ! Was sich ein Menschenherz an Glück nur träumen kann , das hab ' ich gefunden . Und ich danke für Ihren Wunsch , denn ich weiß , er kommt aus ehrlichem Herzen . Es hat mich immer zu Ihnen hingezogen , Sie sind ein tüchtiger Mensch , und ich möchte den glücklichen Zufall festhalten , der uns heute zusammenführte . Wir wollen gute Freunde sein ! « Mit festem Druck umspannten sich ihre Hände ; dann betraten sie die Terrasse . Margaret , die Kellnerin , begrüßte wohl den » gnä Herrn Grafen « mit aller Dienstbeflissenheit , aber ihrem müden Gesicht war es anzumerken , daß ihr die beiden verspäteten Gäste keine Freude bereiteten . Die Auskunft , die sie zu geben wußte , war wenig tröstlich : die Küche geschlossen , das Faß auf der Neige . Forbeck mußte sich mit kaltem Braten begnügen , aber dazu fand sich eine gute Flasche Rheinwein . Das Gähnen überwindend , stäubte Margaret die Brotkrumen vom Tischtuch und zog sich in einen dunklen Winkel der Terrasse zurück , wo sie nach wenigen Minuten in unbequemer Stellung die bleischweren Lider schloß . Über See und Ufer flimmerte der Mondschein , sacht rauschten die Bäume im lauen Wind , und mit dem Gewisper des Laubes mischte sich das leise Geplätscher des Wassers , das gegen die Pfähle der Schiffshütten schwankte und die angeketteten Boote bewegte . Forbeck erzählte von dem Ergebnis seiner vierzehntägigen Studien . » Dieser Bergwinkel ist die reine Goldgrube . Und jetzt liegen noch zwei Wochen vor mir . Professor Werner soll Augen machen , wenn er meine Mappe sieht . « » Ich wundere mich nur , daß er Ihnen so lange Urlaub gab ! « sagte Tassilo lächelnd . » Er hängt an Ihnen wie der Baum an seinem besten Ast . « Forbecks Augen leuchteten . » Werner liebt mich , mit dem Herzen des Künstlers , weil er an meine Begabung glaubt , weil er hofft , daß ein Teil seines Könnens in mir weiterleben wird . Das ist für mich ein glühender Sporn . Aber es bedrückt mich auch manchmal mit Angst . Wenn er sich täuschte in mir ! « » Aber Forbeck ! Wie kommen Sie auf solche Gedanken ? Gerade das Vertrauen , das Werner auf Sie gesetzt hat , sollte Ihnen Selbstbewußtsein geben . Er hat scharfe Augen für alles , was Talent heißt . Bei Ihnen ist er seiner Sache sicher . « » Das halte ich mir manchmal vor und habe dann wieder Mut und Kraft . Aber jeder von uns , der es ernst meint mit seiner Kunst , kämpft den ewigen Kampf mit dem Drachen des quälenden Zweifels . Wenn meine Zweifel recht behielten , das wäre ein Unglück auch um Werners willen . Das wäre ein Riß in seinem Leben , ich beginge damit ein Verbrechen an ihm , noch schlimmer als Verrat und Undank eines Kindes . Er ist mir doch wirklich wie ein Vater . Was ich kann , was ich bin , alles verdanke ich ihm ! Als ich noch Eltern hatte , war ich ein verlorenes Geschöpf . Unter seinen Händen bin ich ein neues Menschenkind geworden . Er darf und soll sich in mir nicht täuschen ! « » Da glaub ' ich eher , daß Sie noch mehr erfüllen werden , als Werner sich von Ihnen verspricht ! « Mit Wohlgefallen ruhte Tassilos Blick auf dem jungen Manne . » Aber er hätte Sie jetzt nicht von seiner Seite lassen sollen ! In Ihnen sprudelt die Gärung . Ich kenne das . Ich hab ' es jahrelang durchgemacht , bis ich die Ruhe fand . Aber ich war immer gewöhnt , allein mit allem fertig zu werden . Das ist bei Ihnen nicht der Fall . Sie hatten immer den erfahrenen , treuen Freund bei der Hand . Da mag jetzt in der Einsamkeit etwas in Ihnen erwacht sein , etwas Neues , halb noch Unbewußtes - « » Etwas Neues ? « Nachdenklich schüttelte Forbeck den Kopf . » Es ist so . Das rumort jetzt in Ihnen , und unwillkürlich fühlen Sie , daß Ihnen Werner fehlt mit seinem Rat und seinem beruhigenden Lächeln . « » Sie kennen dieses Lächeln ? Nicht wahr , das ist merkwürdig ! Wenn er so lächelt , das redet wie ein Buch . « » Eine Kunst , die sich bitter lernt ! Es war gewiß keine heitere Geschichte , hinter der ihm nichts anderes verblieb als dieses Lächeln . Werner ist Junggeselle geblieben , er muß eine schwere Enttäuschung erlebt haben . « Forbeck lehnte sich tief atmend zurück . » Nein , das glaube ich nicht . Er ist völlig aufgegangen in seiner Kunst . Hätte er geliebt - ein Mann wie er wäre nicht getäuscht worden . Er ist einer von jenen Seltenen , die man lieben muß , heiß und treu ! « Eine Pause entstand . » Wo ist Werner jetzt ? « fragte Tassilo . » In München . Er macht die letzten Striche an seinem Bild für die Berliner Ausstellung . Herrgott , wird das wieder eine Arbeit ! Ich glaube , er hat mich nur fortgeschickt , weil ich ganz verzagt wurde , sooft ich vor dieser Leinwand stand . Gestern schrieb er mir . Er hofft in vierzehn Tagen fertig zu sein . Dann kommt er , und wir reisen . « » Wohin ? « » Italien ! « Es war aus Forbecks Augen zu lesen , was er mit diesem einen Worte sagen wollte . Tassilo lächelte . » Sie kennen Italien noch nicht ? « » Nein ! Und wenn ich mir denke , daß ich in vier Wochen dort unten sitze - sehen Sie mich nur an : ich muß die Fäuste auf die Rippen drücken , denn ich glaube , mir geht bei diesem Gedanken die ganze Bude da drin aus dem Leim . Und ich weiß nicht - es kommt mir vor , als hätte ich diese brennende Erwartung noch nie so gewalttätig empfunden wie heute , gerade jetzt ! « Er sah hinaus in das Geflimmer der stillen Mondnacht . » Es ist doch möglich , daß Sie recht haben : mit dem Neuen ! Für unsereinen ist so was immer wie ein großes Ereignis , wie eine Offenbarung : ich habe heut ein Bild gefunden ! Keine Studie , kein Motiv , nein , ein Bild ! « Er griff mit den Händen in die Luft und schloß die Finger , als wollte er gewaltsam fassen , was ihm vor der Seele stand . » Ein Bild ! Unglaublich schön ! Wenn ich das fertigbringe , wie ich es sehe , dann wird Werner mich küssen . Das hat er noch nie getan . Über ein Brav , mein Junge ! oder über einen Klaps auf die Schulter ist er in seiner Anerkennung noch nie hinausgekommen . Aber wenn ich das fertigbringe , das ! Dann , ja ! « » Sie machen mich neugierig . Wo haben Sie den Vorwurf gefunden ? « » Da drüben , wo Sie mich in Ihr Boot nahmen , bei der Klause . Schon die Felswand mit dieser stein- und holzgewordenen Romanze ! Das allein ist schon eine Hochzeit von Farbe und Stimmung . « Forbeck gewahrte in seinem Eifer den Schatten nicht , der über Tassilos Züge ging . » Und dazu dieser ganze Rahmen , diese Luft , die Natur in einem Augenblick , in dem sie sich mit ihren stärksten Mitteln in Szene setzt ! Aber ich kann Ihnen nicht schildern , was ich meine . Dazu reichen Worte nicht aus . Es war wie ein Wunder . Schon als das Gewitter begann - dieses nervöse Gezitter von Licht und Schatten , halb noch blendender Glanz , halb schon ein stumpfes Erlöschen aller Farben . Und nun mitten hinein in dieses ängstliche Gefunkel aller Töne der erste Windstoß und der erste Regenguß , zerrissen in graue flatternde Schleier und Bänder - ein Bild , ein Bild ! Und dazu fällt mir noch die einzig mögliche Staffage wie vom Himmel herunter . Das heißt , was ich gesehen habe , reicht für sich allein nicht aus , so schön es war ! Es wäre für sich allein nicht verständlich . Aber ich weiß bereits , was ich dazuwerfe . « Mit beiden Händen machte Forbeck freien Platz vor sich und begann mit dem Finger unsichtbare Linien auf das Tischtuch zu zeichnen . » Hier , zwischen der Klause und dem Wetterbach , den ich näher gegen die Klause rücke , damit der Baum , der sich über den Bach geworfen , die Mitte des Bildes bekommt - hier also , hier auf dem Rasen - wissen Sie , Doktor , so ein saftiges Grün , aus dem jede andere Farbe herausspringt wie ein Licht - hier auf dem Rasen denk ' ich mir ein konfuses Häuflein Menschen , Sommergäste und Schiffer , mitten im lustigen Picknick . Und da kommt nun das Gewitter , plötzlich ! Wie das alles aufspringt , rennt und stolpert , um die Klause zu gewinnen , halb in Lustigkeit und halb in Angst ! Wie da die Farben und Linien durcheinanderwirbeln ! Und drüben über dem Wetterbach kommt eine kleine Touristengesellschaft über den steilen Weg heruntergehastet , Männer und Frauen - « » Ich sehe das Bild ! « fiel Tassilo ein , » wie es lebt und redet ! « » Ein paar von den Leuten stehen schon am Ufer des Wildbaches , ratlos - nirgends eine Brücke , nur dieser einzige Baum ! Es fängt schon zu gießen an . Nur hinüber ! Aber wie ! Und sehen Sie , Doktor , hier ist der Baum , und da hab ' ich einen Jäger , eine Figur , wie von Gott am Sonntag erschaffen . Das ist der einzige , der Hilfe weiß , freilich nur Hilfe für eine einzige : für ein junges Mädchen . Und dieses Mädchen , Doktor ! Das ist Jugend , Frühling ! Und das wird der Kern in meinem Bild : hier , auf dem schwankenden Baum mein Jäger , bei jedem Schritt mit dem Stürzen kämpfend und auf seinem Arm das Mädchen , das zwischen Lachen und Angst den Hals des Jägers umklammert - ein Bild , Doktor , ein Bild ! Aber das sehen Sie nicht aus meinen Worten , das muß ich Ihnen zeigen - « Forbeck zerrte die Lederriemen auf , mit denen seine Malgeräte zusammengeschnürt waren , und legte das Skizzenbuch aufgeschlagen vor Tassilo hin . » Sehen Sie ! Nur ein paar Linien für mein Gedächtnis - aber man fühlt doch , was da an malerischem Reiz herauszuholen ist . Und das setz ich mitten in mein Bild . Sehen Sie , dieses Köpfchen , dieser zarte Schwung in der Halslinie ! Und wie dieses Kleidchen fließt , ganz weiß ! Das wird in meinem Bild das stärkste Licht . Die Hauptsache . « Lächelnd hob Tassilo die Augen zu dem glühenden Gesicht des jungen Künstlers . » Und das haben Sie heut gesehen ? Das da ? « Er tippte mit dem Finger auf das Blatt . » Wahrhaftig ! Und da begreifen Sie doch , daß sich das entzückende Bild dieser beiden Menschen an meine Seele hängen mußte wie mit Klammern ! Ich seh es noch immer ! Freilich , wenn erst die richtige Arbeit beginnt , wird es mit meinem Gedächtnis nicht mehr klappen . Ich muß die beiden wiederhaben , wenn auch nur für einige Stunden ! Der Jäger ist mir sicher . Aber dieses Mädchen - « Forbeck zögerte . » Es muß mit diesem Mädchen eine merkwürdige Bewandtnis haben . Ich verstehe verschiedenes nicht . « Nachdenklich strich er mit der Hand über die Stirne und sprach dann hastig weiter . » Aber vielleicht können Sie mir raten . Sie müssen doch das Dorf und seine Leute kennen , also auch dieses Mädchen ? « » Ich glaube fast . « » Ihr Vater ist hier ansässig , ein Förster oder Waldaufseher . « Tassilo lachte . » Waldaufseher ? « » Ich hab ' ihn irgendwo da droben kennengelernt . Ein Typus ! Ein ganz origineller Kauz ! « Forbeck blätterte im Skizzenbuch . » Sehen Sie , das ist er ! « Tassilo betrachtete das Blatt . » Ja ! Aufs Haar getroffen ! « Dann hob er die Augen . » Mein Vater ! « » Ihr Vater auch ! « stotterte Forbeck . » Der Mann in dieser abgeschabten , geflickten Joppe hat doch ausgesehen wie - « » Mein Vater findet ein Vergnügen daran , auf der Jagd so echt auszusehen wie der ärmste seiner schlecht bezahlten Jäger . « Forbeck griff sich an den Kopf . » Das muß ein Irrtum sein ! Ich hab ' ihn doch auch sprechen hören . Den da ! Und er hat auch den Taler genommen , den ich ihm für die Sitzung gab . « » Das sieht ihm ähnlich ! - Ja , Forbeck , daran ist nichts zu ändern , das ist mein Vater . Ihr Jäger ist unser braver Hornegger-Franzl . Und das starke Licht , die Hauptsache - nicht wahr , so sagten Sie doch ? - das ist meine Schwester Kitty . « Forbeck griff nach der Stuhllehne , Bestürzung in Blick und Zügen . » Weshalb erschrecken Sie ? « fragte Tassilo verwundert . » Ach so , ich verstehe ! Sie denken an Ihr Bild und fürchten , daß Ihnen meine Schwester einen Strich durch die schönen Pläne machen könnte ? Vorerst keine unnütze Sorge , lieber Freund ! Ich kann Ihnen zwar keine Zusage geben , aber ich will mit meiner Schwester sprechen . Ihr Bild muß gemalt werden , Professor Werner soll seine Freude haben . « Tassilo erhob sich . » Margaret ! « Er wandte sich wieder an Forbeck . » Erlauben Sie , daß ich bezahle , als Revanche für den Taler . Mein Vater hat sich einen Scherz auf Ihre Kosten gemacht . Ich vermute , daß er mit Ihrem Taler seinen Büchsenspanner beglückte . « Forbeck nickte zerstreut und schnürte mit zitternden Händen seine Geräte zusammen . Schweigend verließen sie die Terrasse und schritten in den Mondschein hinaus . » Warum sind Sie plötzlich so still geworden ? « fragte Tassilo . » Ich ? Still ? Eigentlich hab ' ich Ursache , froh darüber zu sein , daß sich dieses - dieses originelle Mißverständnis auf so einfache Weise gelöst hat . Ich glaube , die Sache hätte mir zu denken gegeben . Aber jetzt - ich bitte Sie nur , mich bei Ihrer Schwester zu entschuldigen , wenn ich vor ihr vielleicht in etwas unpassender Weise über - über den Kopf in meinem Skizzenbuch gesprochen haben sollte . « » Mein Vater hat einen Kopf , der sich mit feinen Strichen nicht schildern läßt . Auch scheint meine Schwester die Sache nicht ernst genommen zu haben , sonst hätte sie mir gegenüber nicht geschwiegen . So was gleicht man persönlich am leichtesten aus . Wollen Sie morgen in Hubertus mit uns speisen ? Ohne jede Förmlichkeit . Um ein Uhr . Und nun gute Nacht für heute ! Wir haben verschiedene Wege . « Während Tassilo sich entfernte , blieb Forbeck wie angewurzelt auf der gleichen Stelle . » Was hab ' ich denn nur ? « Er schob den Hut zurück und wanderte langsam durch die stille Nacht . Immer hastiger wurde sein Schritt , fast wie Flucht , so daß ihm der Schweiß auf der Stirne stand , als er das Bauernhaus erreichte , in dem er wohnte . Eine Stimme weckte ihn aus seinem Brüten . » Guten Abend , Herr ! « Von der Hausbank erhob sich die magere Gestalt eines Bauern , hemdärmelig , in kurzer Lederhose und mit nackten Füßen . Er mochte ein paar Jahre über vierzig zählen . Der Mondschein fiel über das harte , von tiefen Furchen durchrissene Gesicht , ließ im schwarzen Bart die ergrauten Haare wie silberne Fäden schimmern und gab den Augen einen scharfen Glanz . Die offene Haustür gähnte schwarz , und nur ein matter Lichtschein drang aus den kleinen , vom vorspringenden Dach überschatteten Fenstern . Aus der Stube hörte man das Weinen eines Kindes und den Gesang einer linden Mädchenstimme : » Schlaf , Kindele , schlaf , Da draußen gehn die Schaf , Die schwarzen und die weißen , Die tun mein Kindele beißen , Schlaf , Kindele , schlaf , Da draußen gehn die Schaf . « Das Liedchen fing immer wieder von vorne an und nahm kein Ende . » Guten Abend , Herr ! « wiederholte der Bauer , als Forbeck an ihm vorüber wollte . » Sie sind noch auf , Bruckner ? So spät ? « » Ich hab auf Ihnen gwart ' . « » Auf mich ? Weshalb ? « Was der Bauer sagen wollte , schien ihm schwer von der Zunge zu gehen . » Müssen S ' es net verübeln ! Beim Einzug is ausgmacht worden , daß die ander Hälft vom Zins am End vom Monat zahlt wird . Aber wie ' s halt geht . Es schaut a bißl knapp aus bei mir . Was Kranks im Haus , dös reißt am Geldsack grad so wie am Herzen . Und da möcht ich halt bitten - « » Gerne , lieber Bruckner ! Kommen Sie nur mit hinauf , dann machen wir die Sache gleich ab . « » Vergeltsgott , Herr ! « Der Bauer schien wie verwandelt , sprang in die Haustür , und als Forbeck die Schwelle betrat , hatte Bruckner schon die Kerze angezündet , die für den Heimkehrenden auf der Treppe stand . Er nahm dem Maler den Studienkasten ab und leuchtete mit erhobener Kerze über die Treppe hinauf . Sie betraten eine geräumige , frisch geweißte Stube , deren habe Decke schräg gegen die Mauer fiel . Was Forbeck zur Wahl dieser Wohnung bewogen hatte , war nur das große Fenster gewesen , das fast die ganze Firstwand einnahm - hier hatte durch Jahre ein junger Holzschnitzer gewohnt . Neben dem Fenster stand eine Staffelei , die Forbeck vom Dorftischler hatte fertigen lassen . Ein paar Ölskizzen hingen an der Mauer , unter ihnen auch der charakteristische Kopf des Hausherrn mit tiefroten Gewandtönen um die Schultern , so daß man eine Apostelstudie zu sehen glaubte . » Nur einen Augenblick , lieber Bruckner ! « sagte Forbeck , nahm dem Bauer das Licht ab und trat in die anstoßende Kammer . Als er zurückkehrte , drückte er zwei Banknoten in Bruckners Hand . » Aber Herr - « Der Bauer sah die Scheine an . » Da haben S ' Ihnen verschaut um zwanzg Markln . « » Das ist für den nächsten Monat . Ich bleibe . Ganz bestimmt ! « Der Bauer schloß die Faust über den knisternden Zetteln . » Das Stüberl taugt Ihnen , gelt ? « » Ja , Bruckner ! « » Seit d ' Schwester daheim is , haben S ' auch Ihr Sach schon in der Ordnung . D ' Mali is a richtigs Leut . « » Und wie geht es Ihrem Kind ? « Bruckners Stirn bekam dicke Runzeln . » Ich glaub ' , es schaut wieder besser aus ! Es können doch net allweil die Dreschflegel über ein ' herfallen . Ja , Herr , mei ' Suppen hat saure Brocken ghabt im heurigen Sommer . Z ' erst mei ' gute Alte , Gott hab s ' selig ! Und kaum hat man d ' Wachskerzen nimmer grochen im Haus , da fangt mir ' s Kindl an ! « Er stierte zu Boden , während er mit den Zehen einen Holzsplitter niederdrückte , der sich aus der Diele sträubte . » Nix für ungut halt ! Und Vergelts Gott für alles ! « Leise klappten seine nackten Sohlen , als er zur Tür ging . Die hölzerne Treppe knarrte , und aus der Stube herauf klang das leise Weinen des Kindes und Malis singende Stimme : » Schlaf , Kindele , schlaf , Dein Vater is a Graf , Dein Mutterl is im Himmelreich , Schaut eim lieben Engel gleich , Schlaf , Kindele , schlaf , Dein Vater is a Graf ! « Forbeck schloß die Tür und riß das Fenster auf . Ein kühler Hauch floß in den schwülen Raum und machte die Kerze flackern . 5 Ein Morgen in Duft und Sonne . Der Himmel ohne ein Wölklein , über den Bergen noch blaue Schatten , doch alle Häuser des Dorfes schon im goldenen Frühglanz . Die letzten Nebel kräuselten sich über die Wälder empor und zerrannen in der Luft . Vor allen Gehöften gackerten die Hühner , und auf dem Telegraphendraht , der am Haus der Horneggerin vorbeiführte , saßen in langer Reihe die alten und jungen Schwalben mit leisem Gezwitscher . Franzl , zur Bergfahrt gerüstet , stand bei den Blumenbeeten und pflückte von den brennroten Nelken . Dann drückte er sich schmunzelnd zum Gatter hinaus und wanderte flink davon . Er hatte , bevor es wieder zu Berge ging , noch ein Geschäft im Dorf . Sechs von den sieben Treibern , die Graf Egge verlangte , hatte er noch am vergangenen Abend bestellt , den letzten mußte er noch ausfindig machen . Franzl , weil er immer an die Mali denken mußte , dachte an den Bruckner . Der hatte freilich noch nie als Treiber gedient . Der alte Moser , Graf Egges abgedankter Büchsenspanner , munkelte sogar , daß der Bruckner in früheren Jahren » gegangen « wäre - das sollte heißen : als Wildschütz . Aber es war wohl nur ein Gerede ; der alte Moser schwatzte gern , und was Bauer hieß , war ihm verdächtig . Franzl war überzeugt , daß man dem Bruder der Mali unrecht tat . Er meinte einen besseren Treiber nicht finden zu können als den Bruckner , dem es in seiner jetzigen Lage wohl auch willkommen sein mußte , ein paar Mark zu verdienen . Dennoch zögerte Franzl , als er das Bruckneranwesen erreichte . Der Hof war leer , die Haustür geschlossen . Hinter der Scheune ließ sich klingender Dengelschlag vernehmen . Franzl spähte nach den Fenstern , und als er da was Weißes flimmern sah , stieß er flink das Zauntürchen auf , klopfte ans Fenster und drückte das lachende Gesicht an die Scheibe . » Guten Morgen , Mali ! « » Jeh , mir scheint gar , der Franzl ! « klang es in der Stube . » Freilich ! Kennst mich jetzt ? Ich selber bin gestern auch völlig blind gwesen . Erst d ' Mutter hat mir ' s gsagt . Und da hab ich mir gleich denkt , ich muß meiner Schulkameradin an guten Einstand in der Heimat wünschen . Geh , trau dich a bißl aussi zu mir ! « Die Haustür öffnete sich , und Mali trat in die Sonne heraus ; mit den Armen hielt sie ein geblumtes Kissen umschlungen , aus dem das wackelige Köpfchen eines Kindes hervorlugte : ein welkes Gesichtl mit müden Augen und einem farblosen Mündchen , um dessen Winkel schon die Bitternis des Lebens gezeichnet war . Franzl aber sah nur das Gesicht des Mädels , das mit keiner Spur die durchwachte Nacht verriet . Langsam reichten sie sich die Hände und sahen sich schweigend in die Augen , als spräche zu jedem aus dem Blick des anderen die Erinnerung der längst verflossenen Kindheit und der guten Freundschaft , die einst ihre jungen Herzen verbunden hatte . Franzl fand zuerst die Sprache : » Mali ! Nobel hast dich ausgwachsen ! « » Geh ! Du ! « schmollte das Mädel . » Aus dir , scheint mir , is der richtige Schwefler worden . « » Ich sag , was wahr is ! Ganz heiß wird mir , wann ich dich anschau und sag mir : dös is mei ' Mali ! « Das Mädel machte große Augen : » Dei ' Mali ? Du redst dich leicht ! « » Is doch wahr , daß wir zwei allweil zammghalten haben wie der Vogel und d ' Federn ! Bis wir grupft worden sind alle zwei . « Aus dem Gesicht des Jägers schwand der lachende Frohsinn . » Aber jetzt bist ja wieder da ! « In Franzls Augen ging die Sonne wieder auf . » Und gar net begreifen kann ich ' s , daß ich dich gestern net gleich wiederkennt hab . Schaut dir ja ' s liebe Kindergsichtl noch allweil aus die Augen aussi . « » Und die deinigen sind noch allweil die gleichen Haselnußkern ! « sagte Mali lächelnd . » No also , nachher stimmt ja alles ! Da fangen wir gleich die alte Kameradschaft wieder an . Und schau , « Franzl nahm den Hut ab und löste die Nelken aus der Schnur , » da hab ich dir zum Einstand gleich was mitbracht . « Malis Wangen brannten , als ihr der Jäger das Sträußchen reichte . Sie wollte die Nelken ans Mieder stecken . Da streckte das Kind verlangend die Ärmchen aus dem Kissen und griff mit den bleichen Fingerchen nach den roten Blüten . Mali hatte nicht das Herz , dem kranken Kind die kleine Freude zu stören . » Gelt , Nettele , schöne Blümerln ! « plauderte sie zärtlich . » Und alle ghören dem Netterl , alle ! « Die Händchen des Kindes zupften und rissen an den Blüten , daß die roten Flocken zu Boden fielen . Mali wurde unruhig . » Gelt , Franzl , bist net harb ? « » Aber geh , was redst denn ! « In herzlichem Erbarmen hingen Franzls Augen an dem welken Gesichtchen des Kindes . » Dös arme Hascherl ! « » Der Doktor meint , ' s Herzl wär schwach . So a Kindl , so a guts ! Wenn nur ich ihm was geben könnt vom meinigen , ich hab eh so an Brocken in mir drin , der allweil schlögelt wie net gscheit ! « Um dem Kinde das Spiel mit den Blumen zu erleichtern , setzte Mali sich auf die Hausbank ; und während das Netterl in den Blüten wühlte , plauderte sie mit dem Kind und glätte ihm die dünnen , gesträubten Härchen . Schmunzelnd betrachtete sie der Jäger . » Dös schaut sich gut an : du als jungs Mutterl ! « Sie guckte so drollig erschrocken zu ihm auf , daß er lachen mußte . Und da schalt sie : » Tu net so laut ! Unser Stadtherr droben schlaft noch . Der kann ' s heut brauchen . Was er ghabt haben muß ? Die ganze Nacht is er auf und ab marschiert über der Decken . « Franzl sah zu dem großen Fenster hinauf . Da hörte er hinter sich ein leises Klirren , und als er sich umwandte , sah er den Bruckner stehen , in der einen Hand die gedengelte Sense , in der anderen den Hammer . Die Gestalt des Bauern war gebeugt , und mißtrauisch musterte er den Jäger . » Was suchst denn du