Pelz und Pelzmütze , welch letztere er , als der Herr Landrat vorüberfuhr , mit vieler Würde vom Haupte nahm . » Wer war denn das ? « sagte Effi , die durch alles , was sie sah , aufs höchste interessiert und schon deshalb bei bester Laune war . » Er sah ja aus wie ein Starost , wobei ich freilich bekennen muß , nie einen Starosten gesehen zu haben . « » Was auch nicht schadet , Effi . Du hast es trotzdem sehr gut getroffen . Er sieht wirklich aus wie ein Starost und ist auch so was . Er ist nämlich ein halber Pole , heißt Golchowski , und wenn wir hier Wahl haben oder eine Jagd , dann ist er obenauf . Eigentlich ein ganz unsicherer Passagier , dem ich nicht über den Weg traue und der wohl viel auf dem Gewissen hat . Er spielt sich aber auf den Loyalen hin aus , und wenn die Varziner Herrschaften hier vorüberkommen , möcht er sich am liebsten vor den Wagen werfen . Ich weiß , daß er dem Fürsten auch widerlich ist . Aber was hilft ' s ? Wir dürfen es nicht mit ihm verderben , weil wir ihn brauchen . Er hat hier die ganze Gegend in der Tasche und versteht die Wahlmache wie kein anderer , gilt auch für wohlhabend . Dabei leiht er auf Wucher , was sonst die Polen nicht tun ; in der Regel das Gegenteil . « » Er sah aber gut aus . « » Ja , gut aussehen tut er . Gut aussehen tun die meisten hier . Ein hübscher Schlag Menschen . Aber das ist auch das Beste , was man von ihnen sagen kann . Eure märkischen Leute sehen unscheinbarer aus und verdrießlicher , und in ihrer Haltung sind sie weniger respektvoll , eigentlich gar nicht , aber ihr Ja ist Ja , und Nein ist Nein , und man kann sich auf sie verlassen . Hier ist alles unsicher . « » Warum sagst du mir das ? Ich muß nun doch hier mit ihnen leben . « » Du nicht , du wirst nicht viel von ihnen hören und sehen . Denn Stadt und Land hier sind sehr verschieden , und du wirst nur unsere Städter kennenlernen , unsere guten Kessiner . « » Unsere guten Kessiner . Ist es Spott , oder sind sie wirklich so gut ? « » Daß sie wirklich gut sind , will ich nicht gerade behaupten , aber sie sind doch anders als die andern ; ja , sie haben gar keine Ähnlichkeit mit der Landbevölkerung hier . « » Und wie kommt das ? « » Weil es eben ganz andere Menschen sind , ihrer Abstammung nach und ihren Beziehungen nach . Was du hier landeinwärts findest , das sind sogenannte Kaschuben , von denen du vielleicht gehört hast , slawische Leute , die hier schon tausend Jahre sitzen und wahrscheinlich noch viel länger . Alles aber , was hier an der Küste hin in den kleinen See- und Handelsstädten wohnt , das sind von weither Eingewanderte , die sich um das kaschubische Hinterland wenig kümmern , weil sie wenig davon haben und auf etwas ganz anderes angewiesen sind . Worauf sie angewiesen sind , das sind die Gegenden , mit denen sie Handel treiben , und da sie das mit aller Welt tun und mit aller Welt in Verbindung stehen , so findest du zwischen ihnen auch Menschen aus aller Welt Ecken und Enden . Auch in unserem guten Kessin , trotzdem es eigentlich nur ein Nest ist . « » Aber das ist ja entzückend , Geert . Du sprichst immer von Nest , und nun finde ich , wenn du nicht übertrieben hast , eine ganz neue Welt hier . Allerlei Exotisches . Nicht wahr , so was Ähnliches meintest du doch ? « Er nickte . » Eine ganz neue Welt , sag ich , vielleicht einen Neger oder einen Türken oder vielleicht sogar einen Chinesen . « » Auch einen Chinesen . Wie gut du raten kannst . Es ist möglich ; daß wir wirklich noch einen haben , aber jedenfalls haben wir einen gehabt ; jetzt ist er tot und auf einem kleinen eingegitterten Stück Erde begraben , dicht neben dem Kirchhof . Wenn du nicht furchtsam bist , will ich dir bei Gelegenheit mal sein Grab zeigen ; es liegt zwischen den Dünen , bloß Strandhafer drum rum und dann und wann ein paar Immortellen , und immer hört man das Meer . Es ist sehr schön und sehr schauerlich . « » Ja , schauerlich , und ich möchte wohl mehr davon wissen . Aber doch lieber nicht , ich habe dann immer gleich Visionen und Träume und möchte doch nicht , wenn ich diese Nacht hoffentlich gut schlafe , gleich einen Chinesen an mein Bett treten sehen . « » Das wird er auch nicht . « » Das wird er auch nicht . Höre , das klingt ja sonderbar , als ob es doch möglich wäre . Du willst mir Kessin interessant machen , aber du gehst darin ein bißchen weit . Und solche fremde Leute habt ihr viele in Kessin ? « » Sehr viele . Die ganze Stadt besteht aus solchen Fremden , aus Menschen , deren Eltern oder Großeltern noch ganz woanders saßen . « » Höchst merkwürdig . Bitte , sage mir mehr davon . Aber nicht wieder was Gruseliges . Ein Chinese , find ich , hat immer was Gruseliges . « » Ja , das hat er « , lachte Geert . » Aber der Rest ist , Gott sei Dank , von ganz anderer Art , lauter manierliche Leute , vielleicht ein bißchen zu sehr Kaufmann , ein bißchen zu sehr auf ihren Vorteil bedacht und mit Wechseln von zweifelhaftem Wert immer bei der Hand . Ja , man muß sich vorsehen mit ihnen . Aber sonst ganz gemütlich . Und damit du siehst , daß ich dir nichts vorgemacht habe , will ich dir nur so eine kleine Probe geben , so eine Art Register oder Personenverzeichnis . « » Ja , Geert , das tu . « » Da haben wir beispielsweise keine fünfzig Schritt von uns , und unsere Gärten stoßen sogar zusammen , den Maschinen- und Baggermeister Macpherson , einen richtigen Schotten und Hochländer . « » Und trägt sich auch noch so ? « » Nein , Gott sei Dank nicht , denn es ist ein verhutzeltes Männchen , auf das weder sein Clan noch Walter Scott besonders stolz sein würden . Und dann haben wir in demselben Hause , wo dieser Macpherson wohnt , auch noch einen alten Wundarzt , Beza mit Namen , eigentlich bloß Barbier ; der stammt aus Lissabon , gerade daher , wo auch der berühmte General de Meza herstammt - Meza , Beza , du hörst die Landesverwandtschaft heraus . Und dann haben wir flußaufwärts am Bollwerk - das ist nämlich der Quai , wo die Schiffe liegen - einen Goldschmied namens Stedingk , der aus einer alten schwedischen Familie stammt ; ja , ich glaube , es gibt sogar Reichsgrafen , die so heißen , und des weiteren , und damit will ich dann vorläufig abschließen , haben wir den guten alten Doktor Hannemann , der natürlich ein Däne ist und lange in Island war und sogar ein kleines Buch geschrieben hat über den letzten Ausbruch des Hekla oder Krabla . « » Das ist ja aber großartig , Geert . Das ist ja wie sechs Romane , damit kann man ja gar nicht fertig werden . Es klingt erst spießbürgerlich und ist doch hinterher ganz apart . Und dann müßt ihr ja doch auch Menschen haben , schon weil es eine Seestadt ist , die nicht bloß Chirurgen oder Barbiere sind oder sonst dergleichen . Ihr müßt doch auch Kapitäne haben , irgendeinen fliegenden Holländer oder ... « » Da hast du ganz recht . Wir haben sogar einen Kapitän , der war Seeräuber unter den Schwarzflaggen . « » Kenn ich nicht . Was sind Schwarzflaggen ? « » Das sind Leute weit dahinten in Tonkin und an der Südsee ... Seit er aber wieder unter Menschen ist , hat er auch wieder die besten Formen und ist ganz unterhaltlich . « » Ich würde mich aber doch vor ihm fürchten . « » Was du nicht nötig hast , zu keiner Zeit und auch dann nicht , wenn ich über Land bin oder zum Tee beim Fürsten , denn zu allem andern , was wir haben , haben wir ja Gott sei Dank auch Rollo ... « » Rollo ? « » Ja , Rollo . Du denkst dabei , vorausgesetzt , daß du bei Niemeyer oder Jahnke von dergleichen gehört hast , an den Normannenherzog , und unserer hat auch so was . Es ist aber bloß ein Neufundländer , ein wunderschönes Tier , das mich liebt und dich auch lieben wird . Denn Rollo ist ein Kenner . Und solange du den um dich hast , so lange bist du sicher und kann nichts an dich heran , kein Lebendiger und kein Toter . Aber sieh mal den Mond da drüben . Ist es nicht schön ? « Effi , die , still in sich versunken , jedes Wort halb ängstlich , halb begierig eingesogen hatte , richtete sich jetzt auf und sah nach rechts hinüber , wo der Mond , unter weißem , aber rasch hinschwindendem Gewölk , eben aufgegangen war . Kupferfarben stand die große Scheibe hinter einem Erlengehölz und warf ihr Licht auf eine breite Wasserfläche , die die Kessine hier bildete . Oder vielleicht war es auch schon ein Haff , an dem das Meer draußen seinen Anteil hatte . Effi war wie benommen . » Ja , du hast recht , Geert , wie schön ; aber es hat zugleich so was Unheimliches . In Italien habe ich nie solchen Eindruck gehabt , auch nicht , als wir von Mestre nach Venedig hinüberfuhren . Da war auch Wasser und Sumpf und Mondschein , und ich dachte , die Brücke würde brechen ; aber es war nicht so gespenstig . Woran liegt es nur ? Ist es doch das Nördliche ? « Innstetten lachte . » Wir sind hier fünfzehn Meilen nördlicher als in Hohen-Cremmen , und eh der erste Eisbär kommt , mußt du noch eine Weile warten . Ich glaube , du bist nervös von der langen Reise und dazu das St.-Privat-Panorama und die Geschichte von dem Chinesen . « » Du hast mir ja gar keine erzählt . « » Nein , ich hab ihn nur eben genannt . Aber ein Chinese ist schon an und für sich eine Geschichte ... « » Ja « , lachte sie . » Und jedenfalls hast du ' s bald überstanden . Siehst du da vor dir das kleine Haus mit dem Licht ? Es ist eine Schmiede . Da biegt der Weg . Und wenn wir die Biegung gemacht haben , dann siehst du schon den Turm von Kessin oder richtiger beide ... « » Hat es denn zwei ? « » Ja , Kessin nimmt sich auf . Es hat jetzt auch eine katholische Kirche . « Eine halbe Stunde später hielt der Wagen an der ganz am entgegengesetzten Ende der Stadt gelegenen landrätlichen Wohnung , einem einfachen , etwas altmodischen Fachwerkhause , das mit seiner Front auf die nach den Seebädern hinausführende Hauptstraße , mit seinem Giebel aber auf ein zwischen der Stadt und den Dünen liegendes Wäldchen , das die » Plantage « hieß , herniederblickte . Dies altmodische Fachwerkhaus war übrigens nur Innstettens Privatwohnung , nicht das eigentliche Landratsamt , welches letztere , schräg gegenüber , an der anderen Seite der Straße lag . Kruse hatte nicht nötig , durch einen dreimaligen Peitschenknips die Ankunft zu vermelden ; längst hatte man von Tür und Fenstern aus nach den Herrschaften ausgeschaut , und ehe noch der Wagen heran war , waren bereits alle Hausinsassen auf dem die ganze Breite des Bürgersteiges einnehmenden Schwellstein versammelt , vorauf Rollo , der im selben Augenblicke , wo der Wagen hielt , diesen zu umkreisen begann . Innstetten war zunächst seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich und ging dann , dieser den Arm reichend , unter freundlichem Gruß an der Dienerschaft vorüber , die nun dem jungen Paare in den mit prächtigen alten Wandschränken umstandenen Hausflur folgte . Das Hausmädchen , eine hübsche , nicht mehr ganz jugendliche Person , der ihre stattliche Fülle fast ebensogut kleidete wie das zierliche Mützchen auf dem blonden Haar , war der gnädigen Frau beim Ablegen von Muff und Mantel behilflich und bückte sich eben , um ihr auch die mit Pelz gefütterten Gummistiefel auszuziehen . Aber ehe sie noch dazu kommen konnte , sagte Innstetten : » Es wird das beste sein , ich stelle dir gleich hier unsere gesamte Hausgenossenschaft vor , mit Ausnahme der Frau Kruse , die sich - ich vermute sie wieder bei ihrem unvermeidlichen schwarzen Huhn - nicht gerne sehen läßt . « Alles lächelte . » Aber lassen wir Frau Kruse ... Dies hier ist mein alter Friedrich , der schon mit mir auf der Universität war ... Nicht wahr , Friedrich , gute Zeiten damals ... und dies hier ist Johanna , märkische Landsmännin von dir , wenn du , was aus Pasewalker Gegend stammt , noch für voll gelten lassen willst , und dies ist Christel , der wir mittags und abends unser leibliches Wohl anvertrauen und die zu kochen versteht , das kann ich dir versichern . Und dies hier ist Rollo . Nun , Rollo , wie geht ' s ? « Rollo schien nur auf diese spezielle Ansprache gewartet zu haben , denn im selben Augenblicke , wo er seinen Namen hörte , gab er einen Freudenblaff , richtete sich auf und legte die Pfoten auf seines Herrn Schulter . » Schon gut , Rollo , schon gut . Aber sieh da , das ist die Frau ; ich hab ihr von dir erzählt und ihr gesagt , daß du ein schönes Tier seiest und sie schützen würdest . « Und nun ließ Rollo ab und setzte sich vor Innstetten nieder , zugleich neugierig zu der jungen Frau aufblickend . Und als diese ihm die Hand hinhielt , umschmeichelte er sie . Effi hatte während dieser Vorstellungsszene Zeit gefunden , sich umzuschauen . Sie war wie gebannt von allem , was sie sah , und dabei geblendet von der Fülle von Licht . In der vorderen Flurhälfte brannten vier , fünf Wandleuchter , die Leuchter selbst sehr primitiv , von bloßem Weißblech , was aber den Glanz und die Helle nur noch steigerte . Zwei mit roten Schleiern bedeckte Astrallampen , Hochzeitsgeschenk von Niemeyer , standen auf einem zwischen zwei Eichenschränken angebrachten Klapptisch , in Front davon das Teezeug , dessen Lämpchen unter dem Kessel schon angezündet war . Aber noch viel , viel anderes und zum Teil sehr Sonderbares kam zu dem allen hinzu . Quer über den Flur fort liefen drei , die Flurdecke in ebenso viele Felder teilende Balken ; an dem vordersten hing ein Schiff mit vollen Segeln , hohem Hinterdeck und Kanonenluken , während weiter hin ein riesiger Fisch in der Luft zu schwimmen schien . Effi nahm ihren Schirm , den sie noch in Händen hielt , und stieß leis an das Ungetüm an , so daß es sich in eine langsam schaukelnde Bewegung setzte . » Was ist das , Geert ? « fragte sie . » Das ist ein Haifisch . « » Und ganz dahinten das , was aussieht wie eine große Zigarre vor einem Tabaksladen ? « » Das ist ein junges Krokodil . Aber das kannst du dir alles morgen viel besser und genauer ansehen ; jetzt komm und laß uns eine Tasse Tee nehmen . Denn trotz aller Plaids und Decken wirst du gefroren haben . Es war zuletzt empfindlich kalt . « Er bot nun Effi den Arm , und während sich die beiden Mädchen zurückzogen und nur Friedrich und Rollo folgten , trat man , nach links hin , in des Hausherrn Wohn- und Arbeitszimmer ein . Effi war hier ähnlich überrascht wie draußen im Flur ; aber ehe sie sich darüber äußern konnte , schlug Innstetten eine Portiere zurück , hinter der ein zweites , etwas größeres Zimmer , mit Blick auf Hof und Garten , gelegen war . » Das , Effi , ist nun also dein . Friedrich und Johanna haben es , so gut es ging , nach meinen Anordnungen herrichten müssen . Ich finde es ganz erträglich und würde mich freuen , wenn es dir auch gefiele . « Sie nahm ihren Arm aus dem seinigen und hob sich auf die Fußspitzen , um ihm einen herzlichen Kuß zu geben . » Ich armes kleines Ding , wie du mich verwöhnst . Dieser Flügel und dieser Teppich , ich glaube gar , es ist ein türkischer , und das Bassin mit den Fischchen und dazu der Blumentisch . Verwöhnung , wohin ich sehe . « » Ja , meine liebe Effi , das mußt du dir nun schon gefallen lassen , dafür ist man jung und hübsch und liebenswürdig , was die Kessiner wohl auch schon erfahren haben werden , Gott weiß , woher . Denn an dem Blumentisch wenigstens bin ich unschuldig . Friedrich , wo kommt der Blumentisch her ? « » Apotheker Gieshübler ... Es liegt auch eine Karte bei . « » Ah , Gieshübler , Alonzo Gieshübler « , sagte Innstetten und reichte lachend und in beinahe ausgelassener Laune die Karte mit dem etwas fremdartig klingenden Vornamen zu Effi hinüber . » Gieshübler , von dem hab ich dir zu erzählen vergessen - beiläufig , er führt auch den Doktortitel , hat ' s aber nicht gern , wenn man ihn dabei nennt , das ärgere , so meint er , die richtigen Doktors bloß , und darin wird er wohl recht haben . Nun , ich denke , du wirst ihn kennenlernen , und zwar bald : er ist unsere beste Nummer hier , Schöngeist und Original und vor allem Seele von Mensch , was doch immer die Hauptsache bleibt . Aber lassen wir das alles und setzen uns und nehmen unsern Tee . Wo soll es sein ? Hier bei dir oder drin bei mir ? Denn eine weitere Wahl gibt es nicht . Eng und klein ist meine Hütte . « Sie setzte sich ohne Besinnen auf ein kleines Ecksofa . » Heute bleiben wir hier , heute bist du bei mir zu Gast . Oder lieber so : den Tee regelmäßig bei mir , das Frühstück bei dir ; dann kommt jeder zu seinem Recht , und ich bin neugierig , wo mir ' s am besten gefallen wird . « » Das ist eine Morgen- und Abendfrage . « » Gewiß . Aber wie sie sich stellt oder , richtiger , wie wir uns dazu stellen , das ist es eben . « Und sie lachte und schmiegte sich an ihn und wollte ihm die Hand küssen . » Nein , Effi , um Himmels willen nicht , nicht so . Mir liegt nicht daran , die Respektsperson zu sein , das bin ich für die Kessiner . Für dich bin ich ... « » Nun was ? « » Ach laß . Ich werde mich hüten , es zu sagen . « Siebentes Kapitel Es war schon heller Tag , als Effi am andern Morgen erwachte . Sie hatte Mühe , sich zurechtzufinden . Wo war sie ? Richtig , in Kessin , im Hause des Landrats von Innstetten , und sie war seine Frau , Baronin Innstetten . Und sich aufrichtend , sah sie sich neugierig um ; am Abend vorher war sie zu müde gewesen , um alles , was sie da halb fremdartig , halb altmodisch umgab , genauer in Augenschein zu nehmen . Zwei Säulen stützten den Deckenbalken , und grüne Vorhänge schlossen den alkovenartigen Schlafraum , in welchem die Betten standen , von dem Rest des Zimmers ab ; nur in der Mitte fehlte der Vorhang oder war zurückgeschlagen , was ihr von ihrem Bette aus eine bequeme Orientierung gestattete . Da , zwischen den zwei Fenstern , stand der schmale , bis hoch hinauf reichende Trumeau , während rechts daneben , und schon an der Flurwand hin , der große schwarze Kachelofen aufragte , der noch ( soviel hatte sie schon am Abend vorher bemerkt ) nach alter Sitte von außen her geheizt wurde . Sie fühlte jetzt , wie seine Wärme herüberströmte . Wie schön es doch war , im eigenen Hause zu sein ; soviel Behagen hatte sie während der ganzen Reise nicht empfunden , nicht einmal in Sorrent . Aber wo war Innstetten ? Alles still um sie her , niemand da . Sie hörte nur den Ticktackschlag einer kleinen Pendule und dann und wann einen dumpfen Ton im Ofen , woraus sie schloß , daß vom Flur her ein paar neue Scheite nachgeschoben würden . Allmählich entsann sie sich auch , daß Geert , am Abend vorher , von einer elektrischen Klingel gesprochen hatte , nach der sie denn auch nicht lange mehr zu suchen brauchte ; dicht neben ihrem Kissen war der kleine weiße Elfenbeinknopf , auf den sie nun leise drückte . Gleich danach erschien Johanna . » Gnädige Frau haben befohlen . « » Ach , Johanna , ich glaube , ich habe mich verschlafen . Es muß schon spät sein . « » Eben neun . « » Und der Herr ... « , es wollt ihr nicht glücken , so ohne weiteres von ihrem » Manne « zu sprechen , » ... der Herr , er muß sehr leise gemacht haben ; ich habe nichts gehört . « » Das hat er gewiß . Und gnäd ' ge Frau werden fest geschlafen haben . Nach der langen Reise ... « » Ja , das hab ich . Und der Herr , ist er immer so früh auf ? « » Immer , gnäd ' ge Frau . Darin ist er streng : er kann das lange Schlafen nicht leiden , und wenn er drüben in sein Zimmer tritt , da muß der Ofen warm sein , und der Kaffee darf auch nicht auf sich warten lassen . « » Da hat er also schon gefrühstückt ? « » O nicht doch , gnäd ' ge Frau ... der gnäd ' ge Herr ... « Effi fühlte , daß sie die Frage nicht hätte tun und die Vermutung , Innstetten könne nicht auf sie gewartet haben , lieber nicht hätte aussprechen sollen . Es lag ihr denn auch daran , diesen ihren Fehler , so gut es ging , wieder auszugleichen , und als sie sich erhoben und vor dem Trumeau Platz genommen hatte , nahm sie das Gespräch wieder auf und sagte : » Der Herr hat übrigens ganz recht . Immer früh auf , das war auch Regel in meiner Eltern Hause . Wo die Leute den Morgen verschlafen , da gibt es den ganzen Tag keine Ordnung mehr . Aber der Herr wird es so streng mit mir nicht nehmen ; eine ganze Weile hab ich diese Nacht nicht schlafen können und habe mich sogar ein wenig geängstigt . « » Was ich hören muß , gnäd ' ge Frau ! Was war es denn ? « » Es war über mir ein ganz sonderbarer Ton , nicht laut , aber doch sehr eindringlich . Erst klang es , wie wenn lange Schleppenkleider über die Diele hinschleiften , und in meiner Erregung war es mir ein paarmal , als ob ich kleine weiße Atlasschuhe sähe . Es war , als tanze man oben , aber ganz leise . « Johanna , während das Gespräch so ging , sah über die Schulter der jungen Frau fort in den hohen schmalen Spiegel hinein , um die Mienen Effis besser beobachten zu können . Dann sagte sie : » Ja , das ist oben im Saal . Früher hörten wir es in der Küche auch . Aber jetzt hören wir es nicht mehr ; wir haben uns daran gewöhnt . « » Ist es denn etwas Besonderes damit ? « » O , Gott bewahre , nicht im geringsten . Eine Weile wußte man nicht recht , woher es käme , und der Herr Prediger machte ein verlegenes Gesicht , trotzdem Doktor Gieshübler immer nur darüber lachte . Nun aber wissen wir , daß es die Gardinen sind . Der Saal ist etwas multrig und stockig , und deshalb stehen immer die Fenster auf , wenn nicht gerade Sturm ist , Und da ist denn fast immer ein starker Zug oben und fegt die alten , weißen Gardinen , die außerdem viel zu lang sind , über die Dielen hin und her . Das klingt dann so wie seidne Kleider oder auch wie Atlasschuhe , wie die gnäd ' ge Frau eben bemerkten . « » Natürlich ist es das . Aber ich begreife nur nicht , warum dann die Gardinen nicht abgenommen werden . Oder man könnte sie ja kürzer machen . Es ist ein so sonderbares Geräusch , das einem auf die Nerven fällt . Und nun , Johanna , bitte , geben Sie mir noch das kleine Tuch und tupfen Sie mir die Stirn . Oder nehmen Sie lieber den Refraichisseur aus meiner Reisetasche ... Ach , das ist schön und erfrischt mich . Nun werde ich hinübergehen . Er ist doch noch da , oder war er schon aus ? « » Der gnäd ' ge Herr war schon aus , ich glaube drüben auf dem Amt . Aber seit einer Viertelstunde ist er zurück . Ich werde Friedrich sagen , daß er das Frühstück bringt . « Und damit verließ Johanna das Zimmer , während Effi noch einen Blick in den Spiegel tat und dann über den Flur fort , der bei der Tagesbeleuchtung viel von seinem Zauber vom Abend vorher eingebüßt hatte , bei Geert eintrat . Dieser saß an seinem Schreibtisch , einem etwas schwerfälligen Zylinderbureau , das er aber , als Erbstück aus dem elterlichen Hause , nicht missen mochte . Effi stand hinter ihm und umarmte und küßte ihn , noch eh er sich von seinem Platz erheben konnte . » Schon ? « » Schon , sagst du . Natürlich um mich zu verspotten . « Innstetten schüttelte den Kopf . » Wie werd ich das ? « Effi fand aber ein Gefallen daran , sich anzuklagen , und wollte von den Versicherungen ihres Mannes , daß sein » schon « ganz aufrichtig gemeint gewesen sei , nichts hören . » Du mußt noch von der Reise her wissen , daß ich morgens nie habe warten lassen . Im Laufe des Tages , nun ja , da ist es etwas anderes . Es ist wahr , ich bin nicht sehr pünktlich , aber ich bin keine Langschläferin . Darin , denk ich , haben mich die Eltern gut erzogen . « » Darin ? In allem , meine süße Effi . « » Das sagst du so , weil wir noch in den Flitterwochen sind ... aber nein , wir sind ja schon heraus . Um ' s Himmels willen , Geert , daran habe ich noch gar nicht gedacht , wir sind ja schon über sechs Wochen verheiratet , sechs Wochen und einen Tag . Ja , das ist etwas anderes ; da nehme ich es nicht mehr als Schmeichelei , da nehme ich es als Wahrheit . « In diesem Augenblicke trat Friedrich ein und brachte den Kaffee . Der Frühstückstisch stand in Schräglinie vor einem kleinen rechtwinkligen Sofa , das gerade die eine Ecke des Wohnzimmers ausfüllte . Hier setzten sich beide . » Der Kaffee ist ja vorzüglich « , sagte Effi , während sie zugleich das Zimmer und seine Einrichtung musterte . » Das ist noch Hotelkaffee oder wie bei der Bottegone ... erinnerst du dich noch , in Florenz , mit dem Blick auf den Dom . Davon muß ich der Mama schreiben , solchen Kaffee haben wir in Hohen-Cremmen nicht . Überhaupt , Geert , ich sehe nun erst , wie vornehm ich mich verheiratet habe . Bei uns konnte alles nur so gerade passieren . « » Torheit , Effi , ich habe nie eine bessere Hausführung gesehen als bei euch . « » Und dann , wie du wohnst . Als Papa sich den neuen Gewehrschrank angeschafft und über seinem Schreibtisch einen Büffelkopf und dicht darunter den alten Wrangel angebracht hatte ( er war nämlich mal Adjutant bei dem Alten ) , da dacht er , wunder was er getan : aber wenn ich mich hier umsehe , daneben ist unsere ganze Hohen-Cremmener Herrlichkeit ja bloß dürftig und alltäglich . Ich weiß gar nicht , womit ich das alles vergleichen soll ; schon gestern abend , als ich nur so flüchtig darüber hinsah , kamen mir allerhand Gedanken . « » Und welche , wenn ich fragen darf ? « » Ja , welche . Du darfst aber nicht drüber lachen . Ich habe mal ein Bilderbuch gehabt , wo ein persischer oder indischer Fürst ( denn er trug einen Turban ) mit untergeschlagenen Beinen auf einem roten Seidenkissen saß , und in seinem Rücken war außerdem noch eine große rote Seidenrolle , die links und rechts ganz bauschig zum Vorschein kam , und die Wand hinter dem indischen Fürsten starrte von Schwertern und Dolchen und Parderfellen und Schilden und langen türkischen Flinten . Und sieh , ganz so sieht es hier bei dir aus , und wenn du noch die Beine unterschlägst , ist die