sagte , während er gleich den ersten Bissen kennermäßig würdigte : » Ja , Berlin wird Weltstadt . Aber was mehr sagen will , es wird auch Seestadt . Sie reden ja schon von einem großen Hafen , ich glaube , da bei Tegel herum - und ich kann wohl sagen , diese Seezunge schmeckt , als ob wir den Hafen schon hätten oder als ob wir hier mindestens in Wilkens Keller in Hamburg säßen . Es sind das noch so Erinnerungen von achtundvierzig her , wo ich ein blutjunger Leutnant war , so wie Leo jetzt , nur schmalere Gage . « » Kann ich mir kaum denken , Onkel . « » Nun , wir wollen das fallenlassen ; so was wird leicht persönlich , und im Persönlichen liegen immer die Keime zu Streitigkeiten . Aber Kunst , Kunst , darüber läßt sich reden ; Kunst ist immer friedlich . Sagt , Kinder , was war das eigentlich mit dem Berliner Jargon in dem Stück ? Schon gleich als die Straußberger kamen und der Torwart nach ihnen auslugte , ging es damit los . Und das alles so um 1411 herum . « » Ich denke mir « , sagte Therese , » der Dichter , ein Mann von Familie , wird doch wohl seine Studien dazu gemacht haben . Vielleicht , daß er Wendungen und Ausdrücke , die dich verwundern , in alten Magistratsakten gefunden hat . « » Ach , Kind , das Berlinische , das da gesprochen wird , das ist noch keine hundert Jahre alt und manches noch keine zwanzig . Aber es mag wohl schwer sein . Am besten hat mir die polnische Gräfin gefallen , ich glaube Barbara mit Namen , eine schöne Person , das muß wahr sein . Auf dem Zettel stand : Natürliche Tochter König Jagellos von Polen . Will ich gern glauben ; sie hatte so was , Augen wie Kohlen . Und dieser Dietrich ; alle Wetter , muß der verwöhnt gewesen sein , um solche polnische Königstochter so abfallen zu lassen . Ich kenne nur wenig Fälle der Art , vielleicht den mit Karl dem Zwölften und der Aurora von Königsmarck . Aber dieser Fall ist eigentlich keiner . Denn das mit Karl dem Zwölften lag doch noch wieder anders ; das hatte einen Haken ... « » Einen Haken ? Welchen , Onkel ? « » Ach , Manonchen , das ist nichts für junge Damen . Und hier so öffentlich ... « » Dann sag es mir ins Ohr . « » Geht auch nicht . Sieh , das sind so Finessen , auf die man warten muß , bis man sie zufällig mal aufpickt , sagen wir auf einem Einwickelbogen oder auf einem alten Zeitungsblatt , da wo die Gerichtssitzungen oder die historischen Miszellen stehn . Denn nach meinen Erfahrungen umschließt die sogenannte Makulatur einen ganz bedeutenden Geschichtsfonds , mehr als manche Geschichtsbücher . Ich würde mich dabei vielleicht auf Leo berufen , wenn er nicht mit seinem Kneifer beständig nach dem eleganten jungen Herrn da drüben hinüberlorgnettierte ; da drüben am zweiten Tisch von uns . Und nun grüßt er auch noch . « Wirklich , Leo war während der letzten Minuten ziemlich unaufmerksam gewesen , und jetzt erhob er sich von seinem Platz und ging auf den jungen Herrn zu , von dem der Onkel eben gesprochen . Es war unschwer zu sehen , daß beide gleichmäßig verwundert waren , sich hier zu finden , und nachdem sie , wie ' s schien , ein paar orientierende Fragen ausgetauscht hatten , führte Leo den hier so unerwartet Wiedergefundenen an den Poggenpuhlschen Tisch und sagte : » Lieber Onkel , erlaube mir , daß ich dir Herrn von Klessentin vorstelle . Alter Kamerad von mir , noch von den Kadetten her ... Meine drei Schwestern ... « Herr von Klessentin , sehr gewandt und von typischer Leutnantshaltung , verbeugte sich gegen den General und die jungen Damen und bemerkte dann , daß er sich des Herrn Generals , der mal zum Besuch draußen in Lichterfelde gewesen sei , sehr wohl noch erinnere . » Trifft zu , Herr von Klessentin . Ich war öfter draußen , mußte doch dann und wann nach dem Rechten sehn . « Und dabei wies er auf Leo . » Hat freilich nicht viel geholfen . Aber wollen Sie nicht bei uns einrücken ? Dies ist der beste Tisch hier , etwas abgetrennt von den übrigen und kein Zug . « Klessentin verbeugte sich , holte sein Seidel und nahm den Platz zwischen dem General und Therese . » Wir haben uns hier seßhaft gemacht « , fuhr der General fort , » weil es so nahe beim Theater ist ... Sie waren drüben auch zugegen ... « » Zu Befehl , Herr General . « » ... Und ich möchte beinahe wetten , Sie links im Parkett bemerkt zu haben , sechste oder siebente Reihe . « » Bedaure , Herr General ; ich war dem Aktionsfeld um ein gut Teil näher ... « » Weiter vor ? « » Ja , Herr General . Auf der Bühne selbst . « Alle ( Leo mit eingeschlossen ) fuhren neugierig , aber doch auch ein wenig schreckhaft zusammen , und man war froh , als der Onkel in einem heiteren Tone sagte : » Da hat man Sie zu beglückwünschen , Herr von Klessentin . Hinter den Kulissen ; à la bonne heure , so gut trifft es nicht jeder . Aber andrerseits , Pardon , bin ich doch auch wieder erstaunt , etwas Derartiges unter der jetzigen Verwaltung - die , soviel ich weiß , auf sittliche Strenge hält - sich überhaupt ermöglichen zu sehn . Oder sind es persönliche Beziehungen zum Graf Hochbergschen Hause ? « » Leider nicht , Herr General . Es handelt sich auch nicht um besondere , mich auszeichnende persönliche Beziehungen . Ich bin nämlich einfach Bühnenmitglied . Der Dietrich Schwalbe , dessen Sie sich vielleicht aus dem letzten Akt her entsinnen - auf dem Zettel steht Bannerträger ; richtiger wäre vielleicht Quitzowscher Milchbruder gewesen , aber diese Bezeichnung unterließ man wohl aus Delikatesse - , dieser Dietrich Schwalbe bin ich . « Therese bog ein wenig nach links hin aus , während die beiden jüngeren Mädchen noch mehr aufhorchten als vorher und auf den wiedergefundenen Freund ihres Bruders mit einem rasch sich steigernden Interesse blickten . Leo selbst schien immer noch etwas unsicher und war froh , als der Onkel mit großer Jovialität fortfuhr : » Freut mich , Herr von Klessentin . Man kann seinem König an jeder Stelle dienen ; nur auf die Treue des Dienstes kommt es an ... « Klessentin verbeugte sich . » Aber was mich überrascht , ich habe den Zettel wenigstens dreimal durchstudiert und bin Ihrem Namen nicht begegnet ... « » Er fehlt auch , Herr General . Auf dem Zettel heiße ich einfach Herr Manfred , nach meinem Vornamen . Es ist das so Sitte . Manfred ist mein nom de guerre . « » Nom de guerre « , lachte der Alte . » Vorzüglich . Ein Klessentin tritt aus der Armee und wird Schauspieler , und im selben Augenblick , wo er dem Kriegshandwerk entsagt , kriegt er einen nom de guerre . Ein Glück dabei , daß Sie solchen hübschen Vornamen hatten . Aber so hübsch er ist , ich möchte doch fragen dürfen , können nicht durch solche poetisch historischen Vornamen allerlei Komplikationen entstehen , können Sie nicht beispielsweise grade mit Manfred in eine gewisse Verlegenheit geraten ? « » Ich mag die Möglichkeit nicht geradezu bestreiten , Herr General . Aber wenn ich die ganze lange Reihe der Rollen und Stücke durchnehme , so kann ich mir , was speziell meinen Namen angeht , eine solche Komplikation doch nur für den Fall denken , daß ich den Lord Byronschen Manfred zu spielen hätte . Dann würd es freilich auf dem Zettel heißen müssen : Manfred ... Herr Manfred , was - soviel muß ich zugeben - das Publikum einigermaßen stutzig machen und eine momentane Verwirrung heraufbeschwören könnte . « » Versteh , versteh . Eine Verwirrung übrigens , aus der Sie nichtsdestoweniger einen Ausweg finden würden . « » Ich glaube dies bejahen zu dürfen , immer für den Fall , daß ich überhaupt in die hier angedeutete Lage kommen sollte . Das ist aber so gut wie ausgeschlossen , weil ganz außerhalb meiner Sphäre . « » Sie sind dessen sicher ? « » Vollkommen , Herr General . Der Lord Byronsche Manfred ... « » Und dann , Pardon , Herr von Klessentin , der ältere Bruder in der Braut von Messina ... der , wenn mir recht ist , etwas weniger schuldbelastete ... « » ... Zu Befehl , Herr General . Aber , Verzeihung , das ist eigentlich ein Don Manuel . « » Ah , richtig , richtig . Don Manuel , Don Manfred oder auch bloß Manfred , das ist mir durcheinandergelaufen ... Und Sie meinen , dieser Manfred , also wahrscheinlich auch dieser Manuel , beide Rollen , wie Sie sich ausdrückten , lägen ganz außerhalb Ihrer Sphäre . « » Gewiß , Herr General . Der Byronsche Manfred ist eine Pyramidalrolle , groß , erhaben wie Lord Byron selbst , während ich durchaus auf einer Anfängerstufe stehe . « » Das ändert sich . Das ist überall dasselbe . Heute Fähnrich und nach vierzig Jahren General ; kommt Zeit , kommt Rat . « » Wollte Gott , daß es so läge , Herr General . Aber es liegt anders . Ich bin nun mal in der Bühnenlaufbahn drin und muß jetzt dabei verbleiben , ein ewiges Umsatteln macht einen schlechten Eindruck . Aber es ist mir , gerade seit ich dabei bin , ganz klargeworden , daß Herr Manfred kein großer Künstlername werden wird ... Es ist möglich oder wenigstens sehr wünschenswert , daß ich über kurz oder lang eine sogenannte gute Partie machen werde , nach welchem Ereignis ich keinen Augenblick zögern würde , mich von der Bühne wieder zurückzuziehen . Ich bin eigentlich gern Schauspieler , ja , ich könnte beinahe sagen mit Passion ; aber trotzdem ... eine Tiergartenvilla mit einem Delphinbrunnen , der immer plätschert und den Rasen bewässert ... « » Eine solche Villa , mein lieber Klessentin , wurden Sie vorziehen . Das ist das , was ich eine gesunde Reaktion nenne . Gott gebe seinen Segen dazu . Ja , Park mit Reh und Wasserfall und mit alten Platanen , im Herbste goldgelb - das hat es mir auch angetan . Aber solange Sie nun noch mitmachen , ist da nicht ein Avancement möglich ? « » Schwerlich , Herr General . « » ... Und wenn nicht - verzeihen Sie meine Neugier , aber ich interessiere mich für all dergleichen - , also wenn nicht , in welchem Rollenfache hat man Sie denn eigentlich zu suchen ? Wenn ich wieder auf meinem Gute sitze und nehme die Zeitung und lese : Morgen , Mittwoch : » Wilhelm Tell « , so will ich , nachdem ich das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft gehabt habe - denn Sie gefallen mir außerordentlich , Herr von Klessentin ; verzeihen Sie , daß ich Ihnen das so ohne weiteres sage - , so will ich doch wissen , wo ich Sie im Tell unterzubringen habe ; für den Attinghaus sind Sie zu jung und für den Geßler nicht dämonisch genug ; aber vielleicht Rudenz . « » Sie greifen immer noch um etliche Stufen zu hoch , Herr General . Es gibt allerdings ein paar Ausnahmefälle , so zum Beispiel heute abend , wo ich mich als Quitzowscher Bannerträger von dem eigentlichen Gros um ein geringes abheben durfte , im ganzen aber dürfen mich der Herr General immer nur da suchen , wo Sie Gruppen und Rubriken finden : Erster Bürger , zweiter Mörder , dritter Pappenheimer ; so sind mir die Würfel gefallen . Speziell im Tell bin ich natürlich mit auf dem Rütli und habe da den Mondregenbogen und dann später das Alpenglühen dicht hinter mir . Trotzdem - ich habe bis jetzt immer nur den Meier von Sarnen und ein einziges Mal auch den Auf der Mauer gespielt , und ich darf hinzusetzen , mein Ehrgeiz versteigt sich überhaupt nicht höher als bis zu Rösselmann . Ein schwacher Aufstieg . Aber um Ihnen nichts zu verschweigen , man verletzt auch schon durch ein so bescheidenes Avancement andrer Interessen . Und so viel liegt mir wieder nicht dran . « » Bravo , bravo . Ganz mein Fall . Nur nicht andre beiseite schieben , nur nicht über Leichen . « » Und dann , Herr General , wie man mit Recht sagt , daß auch die kleinen Existenzen ihre großen Momente haben , so ganz besonders auch beim Theater . Da ist beinahe keiner unter den mir gleichgestellten Kollegen , der sich nicht sagte : Ja , dieser Matkowsky ! dieser Matkowsky spielt den Mortimer und den Prinzen in Calderons » Leben ein Traum « , und er spielt beide gut , sehr gut ; aber den Frießhardt ( das ist , Verzeihung , der Kriegsknecht , der vor Geßlers Hut Wache steht ) oder den Deveroux , der den Wallenstein mit der Partisane niederstößt , oder die Hexe im » Faust « oder - verzeihen Sie , meine Damen , daß ich meine Beispiele anscheinend mit Vorliebe grade aus dieser Sphäre nehme - die dritte » Macbeth « -Hexe , die spiele ich , da bin ich ihm über , diesem Matkowsky ... Und solche glücklichen Momente habe ich auch . « » Mir sehr interessant , mein lieber Herr von Klessentin . Und nun müssen Sie auch noch einen Schritt weiter gehn und außer dem Meier von Sarnen , von dem ich , offen gestanden , eine nur dunkle Vorstellung habe , mir also außer diesem Meier von Sarnen noch ein paar andre Ihrer Paradepferde nennen , klein oder groß , denn man kann bekanntlich auch auf einem Pony paradieren . « » Es schmeichelt mir , soviel freundlichem Interesse bei Ihnen zu begegnen , und ich wünsche nur , daß meine gern abzulegenden Geständnisse mich um dies freundliche Interesse nicht bringen mögen . Meine Begabung , wenn überhaupt von einer solchen die Rede sein kann , liegt nämlich sonderbarerweise nach der Seite des Grotesken hin ; auch meine heutige Rolle streifte wenigstens dieses Gebiet , und so darf ich denn wohl sagen , daß ich meine kleinen Triumphe bisher im Sommernachtstraum und besonders in Shakespeares Heinrich dem Vierten , zweiter Teil , errungen habe . Der Zufall , ein glücklicher oder unglücklicher , hat es so gefügt , daß ich die ganze Reihe der Falstaffschen Rekruten , also des sogenannten Kanonenfutters , durchgespielt habe , mit Ausnahme des Schwächlich . Einmal wurd ich sogar durch Händeklatschen von seiten Seiner Majestät ausgezeichnet , was mich begreiflicherweise sehr beglückte . Beim Publikum aber hab ich bisher in der Rolle des Bullkalb am meisten angesprochen . « Therese begleitete dies Wort mit einer stolzen Kopfbewegung , die Herrn von Klessentin nicht entging , weshalb er sofort hinzusetzte : » Wenn man erst mal , und ich muß deshalb wiederholentlich die Verzeihung der Damen anrufen , beim Beichten ist , so kommen leicht Dinge zum Vorschein , die mehr oder weniger anstößig wirken . Und besonders wenn Shakespeare in Frage steht . In eben diesem Heinrich dem Vierten begegnen wir Personen und Namen , einer Witwe Hurtig beispielsweise ... Nun , diese Witwe selbst möchte vielleicht noch gehn , aber neben ihr waltet auch ein blondes Dorchen seines Amtes , ein junges Mädchen mit einem Zunamen ... « » Oh , ich weiß , ich weiß « , lachte Manon . » Du weißt es nicht « , sagte Therese mit dem ganzen Ernst einer älteren Schwester , die den Schul- und Erziehungsgang der jüngeren überwacht und daraufhin eine Verantwortlichkeit übernommen hat . » Doch , doch , und Leo kann es bezeugen . Und er muß es sogar , damit der Ärmste mal wieder zu Worte kommt . Er ist ja ganz in bewunderndem Zuhören aufgegangen , und ich wette , er hat die ganze Zeit über überlegt , welche Rollen ihm am besten passen würden . « Sophie legte den Finger auf den Mund . Aber Manon sah es nicht oder wollte es nicht sehen und fuhr fort : » Und wir erleben es auch noch , daß wir nach dem Vorbilde von Manfred ... Herr Manfred auf dem Theaterzettel lesen : Leo ... Herr Leo . Der von ihm zu Spielende muß aber natürlich ein Papst sein , unter dem tu ich es nicht . Ja , Leo , das ist mein Ernst . Und ich würde mich vielleicht auch freuen , dich auf der Bühne zu sehn . Warum auch nicht ? Ich meine , man muß nur berühmt sein ; auf welchem Gebiet , ist eigentlich ganz gleich . « » Das ist dann « , unterbrach Therese , » der Grundsatz jenes auch berühmt Gewordenen , der den Tempel zu Korinth anzündete ... « » Ephesus ... « , verbesserte Leo , » Korinth , da waren die Kraniche ... « » Das ist gleich , Tempel ist Tempel . Im übrigen , verzeih , Onkel , wenn ich , dir vorgreifend , an unsern Aufbruch mahne . Auch Herr von Klessentin wird mir verzeihen . Aber unsre gute Mama ... « » Versteht sich , versteht sich . Und noch dazu heute an ihrem Geburtstage ... Leo « ( und Onkel Eberhard nahm bei diesen Worten einen Schein aus seiner Brieftasche ) , » bitte , bemächtige dich des Kellners und bring alles ins klare . Herr von Klessentin , Sie begleiten uns vielleicht eine Strecke ... « » Mir eine große Ehre , Herr General . Aber bitte zugleich verzeihen zu wollen , wenn ich schon an der Friedrichstraßenecke mich verabschiede . Eine Verabredung ... zwei Kameraden von meinem alten Regiment . Ich würde versuchen « , und er wandte sich an die jungen Damen , » Ihnen auch Ihren Herrn Bruder abtrünnig zu machen ( wenn man mal in Berlin ist , will man auch Berliner Luft genießen ) , aber ich zweifle , daß seine ritterlichen Gesinnungen ihm diese Fahnenflucht gestatten . « » Es wird sich leider verbieten , Herr von Klessentin « , sagte Therese mit einem bedeutungsvollen Lächeln . » Und was die Berliner Luft angeht , ich glaube , wir haben sie in der Großgörschenstraße reiner als in der Friedrichstraße ... « » Reiner , aber nicht echter ... mein gnädigstes Fräulein . « Leo , der inzwischen die Rechnung beglichen hatte , gesellte sich ihnen wieder , und so brach man denn in corpore auf : der General mit Therese , Leo mit Manon , Herr von Klessentin mit Sophie , die weniger gesprochen , aber durch ihre Mienen all die Zeit über ein besonderes Interesse gezeigt hatte . Sie fragte während ihres jetzt beginnenden Geplauders mit ihrem Partner auch nach Fräulein Conrad , von deren Verlobung sie ganz vor kurzem gehört habe . » Der Verlobte « , so bemerkte sie , » soll ein sehr scharfer Kritiker sein . Ich denke es mir schwer , einen Kritiker immer zur Seite zu haben . Es bedrückt und lähmt den höheren Flug . « » Nicht immer . Wer fliegen kann , fliegt doch . « » Ich freue mich , das aus Ihrem Munde zu hören ... « Und bei diesen Worten hatte man die Ecke der Leipziger und Friedrichstraße erreicht , und Herr von Klessentin empfahl sich ; die Poggenpuhls aber gingen weiter auf das Potsdamer Tor zu , wo man sich am » Fürstenhofe « - nachdem Leo nicht bloß eine exakte Rechnungsablegung , sondern zu des Onkels großer Erheiterung auch eine Behändigung des verbliebenen Restes versucht hatte - mit einem » Bis auf morgen « voneinander verabschiedete . Achtes Kapitel Mitternacht war dicht heran , als die Geschwister vor ihrer Wohnung eintrafen . Sophie hatte den Schlüssel und schloß auf . In einer gewissen Erregung , in der sie sich mehr oder weniger befanden , sprachen sie ziemlich laut auf der Treppe , was das Gute hatte , daß ihnen die über das lange Ausbleiben schon etwas unruhig gewordene Friederike bis in den zweiten Stock entgegenkam und leuchtete . » Mama noch auf ? « fragte Leo . » Nein , junger Herr . Die gnädige Frau hat sich schon gleich nach neun zu Bett gelegt ; es war ihr so kalt . Aber sie liegt bloß ; sie schläft noch nicht . « Unter diesem kurzen Gespräche hatten die jungen Damen ihre Mäntel , Leo seinen Paletot abgelegt , und alle traten gemeinschaftlich in das große Schlafzimmer , um die Mama noch zu begrüßen , während sich Friederike in ihre Küche zurückzog . Die Majorin saß mehr im Bett , als sie lag , und schien in besserer Stimmung als gewöhnlich . » Aber , Kinder , so spät ; nachtschlafende Zeit ; ich dachte schon , es wäre was passiert ... « » Ist auch , Mutter . « » Na , das mag was Schönes sein . Vielleicht hast du dein Vermögen verloren . Aber davon hör ich noch immer früh genug . Komm , Manon , gib mir deine Hand und sich mich an . Und nun rückt euch Stühle ran und erzählt . Und du , Leo , kannst dich unten auf die Bettkante setzen . Es ist immer noch nicht so hart wie Lattenstrafe ; die gab es noch , als ich jung war . Ihr seid ja runde sechs Stunden weg gewesen , und ein wahres Glück , daß ich Friederike habe , mit der ich mich aussprechen kann . « » Was du wohl auch redlich getan hast « , sagte Therese . » Du machst dich immer so vertraulich mit ihr , mehr als eine Herrschaft wohl eigentlich sollte . « » Meinst du ? « sagte die Majorin , während sie sich in ihrem Bett noch etwas höher hinaufrückte . » Was meine vornehme Therese nicht alles weiß und meint . Aber nun will ich dir auch sagen , was ich meine . Ich meine , daß solche schlichte Treue das Allerschönste ist , das Schönste für den , der sie gibt , und das Schönste für den , der sie empfängt . Die Liebe der Kinder , auch wenn es gute Kinder sind , die hat keine Dauer ; die denken an sich , und ich will ' s auch nicht tadeln und nicht anders haben ; aber solch altes Hausinventar wie die Friederike , die will nichts als helfen und beistehn und fordert weiter nichts , als daß man mal danke sagt . Und ich sage dir , Therese , da steckt ein gut Teil Christentum drin . « » Ja , das glaubst du immer , Mutter . « » Nein , das glaube ich nicht , das weiß ich . Aber wir wollen das lassen ; Leo soll lieber erzählen , wie alles war . « » Ja , Mama , wenn ich davon erzählen soll , so kann ich es nur nach einer Disposition , dreigeteilt , also wie ' ne Predigt . « » Bitte , Leo ... « » Dreigeteilt also schlechtweg , ohne Zubemerkung oder Vergleich . Erster Teil : Onkel und die Quitzows ; zweiter Teil : Onkel und Herr Manfred ( Manfred ist nämlich mein Kadettenfreund Klessentin ) und dritter Teil : Onkel und ... Aber davon erst nachher ; ich will meinen besten Trumpf nicht gleich in einer großen Überschrift ausspielen . « » Ach , Leo , das sind ja wieder Flausen ; hinterher ist es gar nichts . « » Fehlgeschossen , wie du gleich sehen wirst . Aber jetzt aufgepaßt . Erst also : Onkel und die Quitzows . « » Der gute Onkel ! Er wird natürlich über all die Rodomontaden entzückt gewesen sein . « » Mitnichten , Mutter . Ich möchte vielmehr umgekehrt annehmen , daß er , trotzdem er den Dietrich von Quitzow bewunderte , nicht so recht auf seine Kosten gekommen ist . Aber es stehe dahin . Nur soviel , als die Straußberger mit Sack und Pack anrückten , sprach er ziemlich laut ( und jedenfalls so , daß es einen genieren konnte ) von Mühlendamm und Trödelmarkt . Am meisten gefallen hat ihm offenbar eine hübsche Gräfin , eine gewisse Barbara , die bei den Pommernherzögen , das mindeste zu sagen , gut angeschrieben stand und es nun auch mit unserm Dietrich von Quitzow versuchen wollte . Aber da kam sie schön an . Die Mark vertrat schon damals die höhere Sittlichkeit , also dasselbe , wodurch sie später so groß geworden ist . « » Spotte nicht . « » Und der Onkel zeigte auch darin wieder seine pommersche Abstammung , daß er gleich in hellen Flammen stand und von Manfred Klessentin , den wir nach der Vorstellung im Theaterrestaurant trafen , auf der Stelle wissen wollte , wer denn eigentlich die Gräfin sei . Das heißt , die Schauspielerin , die die Gräfin gab . « » Eine schöne Geschichte ... « » ... Und da haben wir denn mit guter Manier auch gleich die Überleitung auf Teil zwei , auf Onkel Eberhard und Manfred Klessentin . Aber davon können dir am Ende die Mädchen geradesogut erzählen wie ich selbst . « Die Mama nickte . » ... Und so denn lieber gleich Teil drei unter der imposanten Überschrift : Onkel Eberhard und der Hundertmarkschein . Und noch dazu ein ganz neuer . Ja , Mama , das war ein großer Moment . Er existiert zwar nicht mehr als Ganzes , ich meine natürlich den Schein , aber doch immer noch in sehr respektablen Überresten . Hier sind sie . Wie du dir denken kannst , sträubt ich mich eine ganze Weile dagegen , als ich aber sah , daß er es übelnehmen würde ... « » Leo , so hast du noch nie gelogen ... « » Selbstverspottung ist keine Lüge , Mama . Aber du siehst daran so recht , wie unrecht du mit deiner ewigen Sorge hast . Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf , solch großes Dichterwort ist nicht umsonst gesprochen und darf nie vergessen werden . Ich bekenne gern , daß ich den ganzen Abend über wegen des Rückreisebillets in einer gewissen Unruhe war , denn ich darf wohl sagen , ich gebe lieber , als ich nehme ... « Die Mädchen lachten . » ... Indessen , Gott verläßt keinen Deutschen nicht und einen Poggenpuhl erst recht nicht , und wenn die Not am größten ist , ist die Hilfe am nächsten . So hab ich es immer gefunden . Und so schwimm ich denn augenblicklich ganz kreuzfidel wieder obenauf und , so Gott will , eine ganze Weile noch . Denn die Rückreise macht keinen großen Abstrich , auch wenn ich erster Klasse fahre . « » Aber Leo ... « » Beruhigt euch , Kinder . Ich werde ja nicht erster Klasse fahren ; es beglückt mich nur , so einen Augenblick denken zu können , ich könnt es . Alles bloß Phantasie , Traumbild . Aber das ist Ernst : ich will wissen , wieviel ich von meinem Vermögen hier lassen soll ; jede Summe ist mir recht , und ich will auch keine Rückzahlung und keine Zinsen . Ich will vielmehr diesen Zustand voll und rein genießen und will Wendelin mal übertrumpfen . Aber ihr sagt ja nichts , auch du nicht , Mama . « » Nun , ich nehme es für genossen an , Leo . Und nun geh in die Vorderstube , und nimm Manon mit , sie kann dir da beim Packen behilflich sein . Aber haltet euch nicht zu lange damit auf ; ich weiß schon , ihr kommt immer ins Schwatzen und könnt dann kein Ende finden . Und nun gute Nacht , und wir nehmen auch gleich Abschied . Komm morgen früh nicht an mein Bett , und bringe Wendelin meine Grüße , und es wäre hübsch von ihm gewesen , daß er dir diese Reise gegönnt . Er wäre nun schon der Beste von der Familie , ganz anders ... « » Wie Leo ... « » Ja , ganz anders . Aber du kannst doch bleiben , wie du bist . So sind alle alten Mütter ; die Tunichtgute sind ihnen immer die liebsten , wenn sie nebenher nur das Herz auf dem rechten Fleck haben . Und das hast du . Du taugst nichts , aber du bist ein lieber Kerl . Und nun gute Nacht , mein Junge . « Er streichelte sie und gab ihr einen Kuß , und dann ging er mit der jüngsten Schwester , die seine besondere Vertraute war , nach vorn , um da für den Abreisemorgen alles in Ordnung zu bringen . Als sie mit dem Kofferpacken fertig waren , nahm Manon Leos Hand und sagte : » Setz dich da in die Sofaecke ; ich muß noch ein paar Worte mit dir sprechen . « » Brrr . Das klingt ja ganz ernsthaft . Ist es so was ? « » Ja , es ist so was . Freilich in deinen Augen kaum . Und nun höre zu , ganz aufmerksam . Ich bin nämlich einigermaßen in Sorge , daß du , deiner ewigen Schulden halber , falsche Schritte tust . Und noch dazu in Thorn . Ich bitte dich , übereile nichts . Du hast neuerdings ein paarmal Andeutungen gemacht , erst in deinen Briefen und nun auch hier wieder , so heute abend noch auf dem Heimwege . Du