Ruh ist hin ... Und mit der Ihrigen , meine Herren , steht es nicht viel besser . Ich glaube , wir müssen wieder bei den Damen erscheinen , um an der Ära Adolar Krola teilzunehmen . Denn die beginnt jetzt . « Damit erhoben sich alle vier und kehrten unter Vortritt Treibels in den Saal zurück , wo wirklich Krola am Flügel saß und seine drei Hauptstücke , mit denen er rasch hintereinander aufzuräumen pflegte , vollkommen virtuos , aber mit einer gewissen , absichtlichen Klapprigkeit zum besten gab . Es waren : » Der Erlkönig « , » Herr Heinrich saß am Vogelherd « und » Die Glocken von Speyer « . Diese letztere Nummer , mit dem geheimnisvoll einfallenden Glockenbimbam , machte jedesmal den größten Eindruck und bestimmte selbst Treibel zu momentan ruhigem Zuhören . Er sagte dann auch wohl mit einer gewissen höheren Miene : » Von Loewe , ex ungue Leonem ; das heißt von Karl Loewe , Ludwig komponiert nicht . « Viele von denen , die den Kaffee im Garten oder auf der Veranda genommen hatten , waren , gleich als Krola begann , ebenfalls in den Saal getreten , um zuzuhören , andere dagegen , die die drei Balladen schon von zwanzig Treibelschen Diners her kannten , hatten es doch vorgezogen , im Freien zu bleiben und ihre Gartenpromenade fortzusetzen , unter ihnen auch Mister Nelson , der , als ein richtiger Vollblut-Engländer , musikalisch auf schwächsten Füßen stand und rundheraus erklärte , das liebste sei ihm ein Nigger , mit einer Pauke zwischen den Beinen : » I can ' t see , what it means ; music is nonsense . « So ging er denn mit Corinna auf und ab , Leopold an der anderen Seite , während Marcell mit der jungen Frau Treibel in einiger Entfernung folgte , beide sich über Nelson und Leopold halb ärgernd , halb erheiternd , die , wie schon bei Tische , von Corinna nicht los konnten . Es war ein prächtiger Abend draußen , von der Schwüle , die drinnen herrschte , keine Spur , und schräg über den hohen Pappeln , die den Hintergarten von den Fabrikgebäuden abschnitten , stand die Mondsichel ; der Kakadu saß ernst und verstimmt auf seiner Stange , weil es versäumt worden war , ihn zu rechter Zeit in seinen Käfig zurückzunehmen , und nur der Wasserstrahl stieg so lustig in die Höhe wie zuvor . » Setzen wir uns « , sagte Corinna , » wir promenieren schon , ich weiß nicht wie lange « , und dabei ließ sie sich ohne weiteres auf den Rand der Fontaine nieder . » Take a seat , Mister Nelson . Sehen Sie nur den Kakadu , wie bös er aussieht . Er ist ärgerlich , daß sich keiner um ihn kümmert . « » To be sure , und sieht aus wie Lieutenant Sangevogel . Does ' nt he ? « » Wir nennen ihn für gewöhnlich Vogelsang . Aber ich habe nichts dagegen , ihn umzutaufen . Helfen wird es freilich nicht viel . « » No , no , there ' s no help for him ; Vogelsang , ah , ein häßlicher Vogel , kein Singevogel , no finch , no trussel . « » Nein , er ist bloß ein Kakadu , ganz wie Sie sagen . « Aber kaum daß dies Wort gesprochen war , so folgte nicht nur ein lautes Kreischen von der Stange her , wie wenn der Kakadu gegen den Vergleich protestieren wolle , sondern auch Corinna schrie laut auf , freilich nur , um im selben Augenblicke wieder in ein helles Lachen auszubrechen , in das gleich danach auch Leopold und Mister Nelson einstimmten . Ein plötzlich sich aufmachender Windstoß hatte nämlich dem Wasserstrahl eine Richtung genau nach der Stelle hin gegeben , wo sie saßen , und bei der Gelegenheit allesamt , den Vogel auf seiner Stange mit eingeschlossen , mit einer Flut von Spritzwasser überschüttet . Das gab nun ein Klopfen und Abschütteln , an dem auch der Kakadu teilnahm , freilich ohne seinerseits seine Laune dabei zu verbessern . Drinnen hatte Krola mittlerweile sein Programm beendet und stand auf , um andern Kräften den Platz einzuräumen . Es sei nichts mißlicher als ein solches Kunstmonopol ; außerdem dürfe man nicht vergessen , der Jugend gehöre die Welt . Dabei verbeugte er sich huldigend gegen einige junge Damen , in deren Familien er ebenso verkehrte wie bei den Treibels . Die Kommerzienrätin ihrerseits aber übertrug diese ganz allgemein gehaltene Huldigung gegen die Jugend in ein bestimmteres Deutsch und forderte die beiden Fräulein Felgentreus auf , doch einige der reizenden Sachen zu singen , die sie neulich , als Ministerialdirektor Stoeckenius in ihrem Hause gewesen , so schön vorgetragen hätten ; Freund Krola werde gewiß die Güte haben , die Damen am Klavier zu begleiten . Krola , sehr erfreut , einer gesanglichen Mehrforderung , die sonst die Regel war , entgangen zu sein , drückte sofort seine Zustimmung aus und setzte sich an seinen eben erst aufgegebenen Platz , ohne ein Ja oder Nein der beiden Felgentreus abzuwarten . Aus seinem ganzen Wesen sprach eine Mischung von Wohlwollen und Ironie . Die Tage seiner eignen Berühmtheit lagen weit zurück , aber je weiter sie zurücklagen , desto höher waren seine Kunstansprüche geworden , so daß es ihm , bei dem totalen Unerfülltbleiben derselben , vollkommen gleichgültig erschien , was zum Vortrage kam und wer das Wagnis wagte . Von Genuß konnte keine Rede für ihn sein , nur von Amüsement , und weil er einen angeborenen Sinn für das Heitere hatte , durfte man sagen , sein Vergnügen stand jedesmal dann auf der Höhe , wenn seine Freundin Jenny Treibel , wie sie das liebte , durch Vortrag einiger Lieder den Schluß der musikalischen Soiree machte . Das war aber noch weit im Felde , vorläufig waren noch die beiden Felgentreus da , von denen denn auch die ältere Schwester , oder , wie es zu Krolas jedesmaligem Gaudium hieß , » die weitaus talentvollere « , mit » Bächlein , laß dein Rauschen sein « ohne weiteres einsetzte . Daran reihte sich : » Ich schnitt es gern in alle Rinden ein « , was , als allgemeines Lieblingsstück , zu der Kommerzienrätin großem , wenn auch nicht geäußerten Verdruß von einigen indiskreten Stimmen im Garten begleitet wurde . Dann folgte die Schlußnummer , ein Duett aus » Figaros Hochzeit « . Alles war hingerissen , und Treibel sagte zu Vogelsang : » er könne sich nicht erinnern , seit den Tagen der Milanollos , etwas so Liebliches von Schwestern gesehen und gehört zu haben « , woran er die weitere , allerdings unüberlegte Frage knüpfte , ob Vogelsang seinerseits sich noch der Milanollos erinnern könne . » Nein « , sagte dieser barsch und peremptorisch . - » Nun , dann bitt ich um Entschuldigung . « Eine Pause trat ein , und einige Wagen , darunter auch der Felgentreusche , waren schon angefahren ; trotzdem zögerte man noch mit dem Aufbruch , weil das Fest immer noch seines Abschlusses entbehrte . Die Kommerzienrätin nämlich hatte noch nicht gesungen , ja war unerhörterweise noch nicht einmal zum Vortrag eines ihrer Lieder aufgefordert worden - ein Zustand der Dinge , der so rasch wie möglich geändert werden mußte . Dies erkannte niemand klarer als Adolar Krola , der , den Polizeiassessor beiseite nehmend , ihm eindringlichst vorstellte , daß durchaus etwas geschehen und das hinsichtlich Jennys Versäumte sofort nachgeholt werden müsse . » Wird Jenny nicht aufgefordert , so seh ich die Treibelschen Diners , oder wenigstens unsere Teilnahme daran , für alle Zukunft in Frage gestellt , was doch schließlich einen Verlust bedeuten würde ... « » Dem wir unter allen Umständen vorzubeugen haben , verlassen Sie sich auf mich . « Und die beiden Felgentreus an der Hand nehmend , schritt Goldammer , rasch entschlossen , auf die Kommerzienrätin zu , um , wie er sich ausdrückte , als erwählter Sprecher des Hauses , um ein Lied zu bitten . Die Kommerzienrätin , der das Abgekartete der ganzen Sache nicht entgehen konnte , kam in ein Schwanken zwischen Ärger und Wunsch : aber die Beredsamkeit des Antragstellers siegte doch schließlich ; Krola nahm wieder seinen Platz ein , und einige Augenblicke später erklang Jennys dünne , durchaus im Gegensatz zu ihrer sonstigen Fülle stehende Stimme durch den Saal hin , und man vernahm die in diesem Kreise wohlbekannten Liedesworte : » Glück , von deinen tausend Losen Eines nur erwähl ich mir , Was soll Gold ? Ich liebe Rosen Und der Blumen schlichte Zier . Und ich höre Waldesrauschen , Und ich seh ein flatternd Band - Aug in Auge Blicke tauschen , Und ein Kuß auf deine Hand . Geben nehmen , nehmen geben , Und dein Haar umspielt der Wind , Ach , nur das , nur das ist Leben , Wo sich Herz zum Herzen findt . « Es braucht nicht gesagt zu werden , daß ein rauschender Beifall folgte , woran sich , von des alten Felgentreu Seite , die Bemerkung schloß , » die damaligen Lieder « ( er vermied eine bestimmte Zeitangabe ) » wären doch schöner gewesen , namentlich inniger « , eine Bemerkung , die von dem direkt zur Meinungsäußerung aufgeforderten Krola schmunzelnd bestätigt wurde . Mister Nelson seinerseits hatte von der Veranda dem Vortrage zugehört und sagte jetzt zu Corinna : » Wonderfully good . Oh , these Germans , they know everything ... even such an old lady . « Corinna legte ihm den Finger auf den Mund . Kurze Zeit danach war alles fort , Haus und Park leer , und man hörte nur noch , wie drinnen im Speisesaal geschäftige Hände den Ausziehtisch zusammenschoben und wie draußen im Garten der Strahl des Springbrunnens plätschernd ins Bassin fiel . Fünftes Kapitel Unter den letzten , die , den Vorgarten passierend , das kommerzienrätliche Haus verließen , waren Marcell und Corinna . Diese plauderte nach wie vor in übermütiger Laune , was des Vetters mühsam zurückgehaltene Verstimmung nur noch steigerte . Zuletzt schwiegen beide . So gingen sie schon fünf Minuten nebeneinander her , bis Corinna , die sehr gut wußte , was in Marcells Seele vorging , das Gespräch wieder aufnahm . » Nun , Freund , was gibt es ? « » Nichts . « » Nichts ? « » Oder , wozu soll ich es leugnen , ich bin verstimmt . « » Worüber ? « » Über dich . Über dich , weil du kein Herz hast . « » Ich ? Erst recht hab ich ... « » Weil du kein Herz hast , sag ich , keinen Sinn für Familie , nicht einmal für deinen Vater ... « » Und nicht einmal für meinen Vetter Marcell ... « » Nein , den laß aus dem Spiel , von dem ist nicht die Rede . Mir gegenüber kannst du tun , was du willst . Aber dein Vater . Da läßt du nun heute den alten Mann einsam und allein und kümmerst dich sozusagen um gar nichts . Ich glaube , du weißt nicht einmal , ob er zu Haus ist oder nicht . « » Freilich ist er zu Haus . Er hat ja heut seinen Abend , und wenn auch nicht alle kommen , etliche vom hohen Olymp werden wohl dasein . « » Und du gehst aus und überlässest alles der alten guten Schmolke ? « » Weil ich es ihr überlassen kann . Du weißt das ja so gut wie ich ; es geht alles wie am Schnürchen , und in diesem Augenblick essen sie wahrscheinlich Oderkrebse und trinken Mosel . Nicht Treibelschen , aber doch Professor Schmidtschen , einen edlen Trarbacher , von dem Papa behauptet , er sei der einzige reine Wein in Berlin . Bist du nun zufrieden ? « » Nein . « » Dann fahre fort . « » Ach , Corinna , du nimmst alles so leicht und denkst , wenn du ' s leicht nimmst , so hast du ' s aus der Welt geschafft . Aber es glückt dir nicht . Die Dinge bleiben doch schließlich , was und wie sie sind . Ich habe dich nun bei Tisch beobachtet ... « » Unmöglich , du hast ja der jungen Frau Treibel ganz intensiv den Hof gemacht , und ein paarmal wurde sie sogar rot ... « » Ich habe dich beobachtet , sag ich , und mit einem wahren Schrecken das Übermaß von Koketterie gesehen , mit dem du nicht müde wirst , dem armen Jungen , dem Leopold , den Kopf zu verdrehen ... « Sie hatten , als Marcell dies sagte , gerade die platzartige Verbreiterung erreicht , mit der die Köpnicker Straße , nach der Inselbrücke hin , abschließt , eine verkehrslose und beinahe menschenleere Stelle . Corinna zog ihren Arm aus dem des Vetters und sagte , während sie nach der anderen Seite der Straße zeigte : » Sieh , Marcell , wenn da drüben nicht der einsame Schutzmann stände , so stellt ich mich jetzt mit verschränkten Armen vor dich hin und lachte dich fünf Minuten lang aus . Was soll das heißen , ich sei nicht müde geworden , dem armen Jungen , dem Leopold , den Kopf zu verdrehen ? Wenn du nicht ganz in Huldigung gegen Helenen aufgegangen wärst , so hättest du sehen müssen , daß ich kaum zwei Worte mit ihm gesprochen . Ich habe mich nur mit Mister Nelson unterhalten , und ein paarmal hab ich mich ganz ausführlich an dich gewandt . « » Ach , das sagst du so , Corinna , und weißt doch , wie falsch es ist . Sieh , du bist sehr gescheit und weißt es auch ; aber du hast doch den Fehler , den viele gescheite Leute haben , daß sie die anderen für ungescheiter halten , als sie sind . Und so denkst du , du kannst mir ein X für ein U machen und alles so drehen und beweisen , wie du ' s drehen und beweisen willst . Aber man hat doch auch so seine Augen und Ohren und ist also , mit deinem Verlaub , hinreichend ausgerüstet , um zu hören und zu sehen . « » Und was ist es denn nun , was der Herr Doktor gehört und gesehen haben ? « » Der Herr Doktor haben gehört und gesehen , daß Fräulein Corinna mit ihrem Redekatarakt über den unglücklichen Mister Nelson hergefallen ist ... « » Sehr schmeichelhaft ... « » Und daß sie - wenn ich das mit dem Redekatarakt aufgeben und ein anderes Bild dafür einstellen will - , daß sie , sag ich , zwei Stunden lang die Pfauenfeder ihrer Eitelkeit auf dem Kinn oder auf der Lippe balanciert und überhaupt in den feineren akrobatischen Künsten ein Äußerstes geleistet hat . Und das alles vor wem ? Etwa vor Mister Nelson ? Mitnichten . Der gute Nelson , der war nur das Trapez , daran meine Cousine herumturnte ; der , um dessentwillen das alles geschah , der zusehen und bewundern sollte , der hieß Leopold Treibel , und ich habe wohl bemerkt , wie mein Cousinchen auch ganz richtig gerechnet hatte ; denn ich kann mich nicht entsinnen , einen Menschen gesehen zu haben , der , verzeih den Ausdruck , durch einen ganzen Abend hin so total weg gewesen wäre wie dieser Leopold . « » Meinst du ? « » Ja , das mein ich . « » Nun , darüber ließe sich reden ... Aber sieh nur ... « Und dabei blieb sie stehen und wies auf das entzückende Bild , das sich - sie passierten eben die Fischerbrücke - drüben vor ihnen ausbreitete . Dünne Nebel lagen über den Strom hin , sogen aber den Lichterglanz nicht ganz auf , der von rechts und links her auf die breite Wasserfläche fiel , während die Mondsichel oben im Blauen stand , keine zwei Handbreit von dem etwas schwerfälligen Parochialkirchturm entfernt , dessen Schattenriß am anderen Ufer in aller Klarheit aufragte . » Sieh nur « , wiederholte Corinna , » nie hab ich den Singuhrturm in solcher Schärfe gesehen . Aber ihn schön finden , wie seit kurzem Mode geworden , das kann ich doch nicht ; er hat so etwas Halbes , Unfertiges , als ob ihm auf dem Wege nach oben die Kraft ausgegangen wäre . Da bin ich doch mehr für die zugespitzten , langweiligen Schindeltürme , die nichts wollen als hoch sein und in den Himmel zeigen . « Und in demselben Augenblicke , wo Corinna dies sagte , begannen die Glöckchen drüben ihr Spiel . » Ach « , sagte Marcell , » sprich doch nicht so von dem Turm und ob er schön ist oder nicht . Mir ist es gleich , und dir auch ; das mögen die Fachleute miteinander ausmachen . Und du sagst das alles nur , weil du von dem eigentlichen Gespräch los willst . Aber höre lieber zu , was die Glöckchen drüben spielen . Ich glaube , sie spielen : Üb immer Treu und Redlichkeit . « » Kann sein , und ist nur schade , daß sie nicht auch die berühmte Stelle von dem Kanadier spielen können , der noch Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte . So was Gutes bleibt leider immer unkomponiert , oder vielleicht geht es auch nicht . Aber nun sage mir , Freund , was soll das alles heißen ? Treu und Redlichkeit . Meinst du wirklich , daß mir die fehlen ? Gegen wen versünd ' ge ich mich denn durch Untreue ? Gegen dich ? Hab ich Gelöbnisse gemacht ? Hab ich dir etwas versprochen und das Versprechen nicht gehalten ? « Marcell schwieg . » Du schweigst , weil du nichts zu sagen hast . Ich will dir aber noch allerlei mehr sagen , und dann magst du selber entscheiden , ob ich treu und redlich oder doch wenigstens aufrichtig bin , was so ziemlich dasselbe bedeutet . « » Corinna ... « » Nein , jetzt will ich sprechen , in aller Freundschaft , aber auch in allem Ernst . Treu und redlich . Nun , ich weiß wohl , daß du treu und redlich bist , was beiläufig nicht viel sagen will ; ich für meine Person kann dir nur wiederholen , ich bin es auch . « » Und spielst doch beständig eine Komödie . « » Nein , das tu ich nicht . Und wenn ich es tue , so doch so , daß jeder es merken kann . Ich habe mir , nach reiflicher Überlegung , ein bestimmtes Ziel gesteckt , und wenn ich nicht mit dürren Worten sage dies ist mein Ziel , so unterbleibt das nur , weil es einem Mädchen nicht kleidet , mit solchen Plänen aus sich herauszutreten . Ich erfreue mich , dank meiner Erziehung , eines guten Teils von Freiheit , einige werden vielleicht sagen von Emanzipation , aber trotzdem bin ich durchaus kein emanzipiertes Frauenzimmer . Im Gegenteil , ich habe gar keine Lust , das alte Herkommen umzustoßen , alte , gute Sätze , zu denen auch der gehört : ein Mädchen wirbt nicht , um ein Mädchen wird geworben . « » Gut , gut ; alles selbstverständlich ... « » ... Aber freilich , das ist unser altes Evarecht , die großen Wasser spielen zu lassen und unsere Kräfte zu gebrauchen , bis das geschieht , um dessentwillen wir da sind , mit anderen Worten , bis man um uns wirbt . Alles gilt diesem Zweck . Du nennst das , je nachdem dir der Sinn steht , Raketensteigenlassen oder Komödie , mitunter auch Intrige , und immer Koketterie . « Marcell schüttelte den Kopf . » Ach , Corinna , du darfst mir darüber keine Vorlesung halten wollen und zu mir sprechen , als ob ich erst gestern auf die Welt gekommen wäre . Natürlich hab ich oft von Komödie gesprochen und noch öfter von Koketterie . Wovon spricht man nicht alles . Und wenn man dergleichen hinspricht , so widerspricht man sich auch wohl , und was man eben noch getadelt hat , das lobt man im nächsten Augenblick . Um ' s rundheraus zu sagen , spiele soviel Komödie , wie du willst , sei so kokett , wie du willst , ich werde doch nicht so dumm sein , die Weiberwelt und die Welt überhaupt ändern zu wollen , ich will sie wirklich nicht ändern , auch dann nicht , wenn ich ' s könnte ; nur um eines muß ich dich angehen , du mußt , wie du dich vorhin ausdrücktest , die großen Wasser an der rechten Stelle , das heißt also vor den rechten Leuten springen lassen , vor solchen , wo ' s paßt , wo ' s hingehört , wo sich ' s lohnt . Du gehst aber mit deinen Künsten nicht an die richtige Adresse , denn du kannst doch nicht ernsthaft daran denken , diesen Leopold Treibel heiraten zu wollen ? « » Warum nicht ? Ist er zu jung für mich ? Nein . Er stammt aus dem Januar und ich aus dem September ; er hat also noch einen Vorsprung von acht Monaten . « » Corinna , du weißt ja recht gut , wie ' s liegt und daß er einfach für dich nicht paßt , weil er zu unbedeutend für dich ist . Du bist eine aparte Person , vielleicht ein bißchen zu sehr , und er ist kaum Durchschnitt . Ein sehr guter Mensch , das muß ich zugehen , hat ein gutes , weiches Herz , nichts von dem Kiesel , den die Geldleute sonst hier links haben , hat auch leidlich weltmännische Manieren und kann vielleicht einen Dürerschen Stich von einem Ruppiner Bilderbogen unterscheiden , aber du würdest dich doch totlangweilen an seiner Seite . Du , deines Vaters Tochter , und eigentlich noch klüger als der Alte , du wirst doch nicht dein eigentliches Lebensglück wegwerfen wollen , bloß um in einer Villa zu wohnen und einen Landauer zu haben , der dann und wann ein paar alte Hofdamen abholt , oder um Adolar Krolas ramponierten Tenor alle vierzehn Tage den Erlkönig singen zu hören . Es ist nicht möglich , Corinna ; du wirst dich doch , wegen solches Bettels von Mammon , nicht einem unbedeutenden Menschen an den Hals werfen wollen . « » Nein , Marcell , das letztere gewiß nicht ; ich bin nicht für Zudringlichkeiten . Aber wenn Leopold morgen bei meinem Vater antritt - denn ich fürchte beinah , daß er noch zu denen gehört , die sich , statt der Hauptperson , erst der Nebenpersonen versichern - , wenn er also morgen antritt und um diese rechte Hand deiner Cousine Corinna anhält , so nimmt ihn Corinna und fühlt sich als Corinne au Capitole . « » Das ist nicht möglich ; du täuschest dich , du spielst mit der Sache . Es ist eine Phantasterei , der du nach deiner Art nachhängst . « » Nein , Marcell , du täuschest dich , nicht ich ; es ist mein vollkommener Ernst , so sehr , daß ich ein ganz klein wenig davor erschrecke . « » Das ist dein Gewissen . « » Vielleicht . Vielleicht auch nicht . Aber soviel will ich dir ohne weiteres zugeben , das , wozu der liebe Gott mich so recht eigentlich schuf , das hat nichts zu tun mit einem Treibelschen Fabrikgeschäft oder mit einem Holzhof und vielleicht am wenigsten mit einer Hamburger Schwägerin . Aber ein Hang nach Wohlleben , der jetzt alle Welt beherrscht , hat mich auch in der Gewalt , ganz so wie alle anderen , und so lächerlich und verächtlich es in deinem Oberlehrers-Ohre klingen mag , ich halt es mehr mit Bonwitt und Littauer als mit einer kleinen Schneiderin , die schon um acht Uhr früh kommt und eine merkwürdige Hof- und Hinterstubenatmosphäre mit ins Haus bringt und zum zweiten Frühstück ein Brötchen mit Schlackwurst und vielleicht auch einen Gilka kriegt . Das alles widersteht mir im höchsten Maße ; je weniger ich davon sehe , desto besser . Ich find es ungemein reizend , wenn so die kleinen Brillanten im Ohre blitzen , etwa wie bei meiner Schwiegermama in spe ... Sich einschränken , ach , ich kenne das Lied , das immer gesungen und immer gepredigt wird , aber wenn ich bei Papa die dicken Bücher abstäube , drin niemand hineinsieht , auch er selber nicht , und wenn dann die Schmolke sich abends auf mein Bett setzt und mir von ihrem verstorbenen Manne , dem Schutzmann , erzählt , und daß er , wenn er noch lebte , jetzt ein Revier hätte , denn Madai hätte große Stücke auf ihn gehalten , und wenn sie dann zuletzt sagt : Aber , Corinnchen , ich habe ja noch gar nicht mal gefragt , was wir morgen essen wollen ... ? Die Teltower sind jetzt so schlecht und eigentlich alle schon madig , und ich möchte dir vorschlagen , Wellfleisch und Wruken , das aß Schmolke auch immer so gern - ja , Marcell , in solchem Augenblicke wird mir immer ganz sonderbar zumut , und Leopold Treibel erscheint mir dann mit einem Mal als der Rettungsanker meines Lebens oder , wenn du willst , wie das aufzusetzende große Marssegel , das bestimmt ist , mich bei gutem Wind an ferne , glückliche Küsten zu führen . « » Oder , wenn es stürmt , dein Lebensglück zum Scheitern zu bringen . « » Warten wir ' s ab , Marcell . « Und bei diesen Worten bogen sie , von der Alten Leipziger Straße her , in Raules Hof ein , von dem aus ein kleiner Durchgang in die Adlerstraße führte . Sechstes Kapitel Um dieselbe Stunde , wo man sich bei Treibels vom Diner erhob , begann Professor Schmidts » Abend « . Dieser » Abend « , auch wohl Kränzchen genannt , versammelte , wenn man vollzählig war , um einen runden Tisch und eine mit einem roten Schleier versehene Moderateurlampe sieben Gymnasiallehrer , von denen die meisten den Professortitel führten . Außer unserem Freunde Schmidt waren es noch folgende : Friedrich Distelkamp , emeritierter Gymnasialdirektor , Senior des Kreises ; nach ihm die Professoren Rindfleisch und Hannibal Kuh , zu welchen beiden sich noch Oberlehrer Immanuel Schultze gesellte , sämtlich vom Großen-Kurfürsten-Gymnasium . Den Schluß machte Doktor Charles Etienne , Freund und Studiengenosse Marcells , zur Zeit französischer Lehrer an einem vornehmen Mädchenpensionat , und endlich Zeichenlehrer Friedeberg , dem , vor ein paar Jahren erst - niemand wußte recht warum und woher - , der die Mehrheit des Kreises auszeichnende Professortitel angeflogen war , übrigens ohne sein Ansehen zu heben . Er wurde vielmehr , nach wie vor , für nicht ganz voll angesehen , und eine Zeitlang war aufs ernsthafteste die Rede davon gewesen , ihn , wie sein Hauptgegner Immanuel Schultze vorgeschlagen , aus ihrem Kreise » herauszugraulen « , was unser Wilibald Schmidt indessen mit der Bemerkung bekämpft hatte , daß Friedeberg , trotz seiner wissenschaftlichen Nichtzugehörigkeit , eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für ihren » Abend « habe . » Seht , lieben Freunde « , so etwa waren seine Worte gewesen , » wenn wir unter uns sind , so folgen wir unseren Auseinandersetzungen eigentlich immer nur aus Rücksicht und Artigkeit und leben dabei mehr oder weniger der Überzeugung , alles , was seitens des anderen gesagt wurde , viel besser oder - wenn wir bescheiden sind - wenigstens ebensogut sagen zu können . Und das lähmt immer . Ich für mein Teil wenigstens bekenne offen , daß ich , wenn ich mit meinem Vortrage gerade an der Reihe war , das Gefühl eines gewissen Unbehagens , ja zuzeiten einer geradezu hochgradigen Beklemmung nie ganz losgeworden bin . Und in einem so bedrängten Augenblicke seh ich dann unseren immer zu spät kommenden Friedeberg eintreten , verlegen lächelnd natürlich , und empfinde sofort , wie meiner Seele die Flügel wieder wachsen ; ich spreche freier , intuitiver , klarer , denn ich habe wieder ein Publikum , wenn auch nur ein ganz kleines . Ein andächtiger Zuhörer , anscheinend so wenig , ist doch schon immer was und mitunter sogar sehr viel . « Auf diese warme Verteidigung Wilibald Schmidts hin war Friedeberg dem Kreise verblieben . Schmidt durfte sich überhaupt als die Seele des Kränzchens betrachten , dessen Namensgebung : » Die sieben Waisen Griechenlands « , ebenfalls auf ihn zurückzuführen war . Immanuel Schultze , meist in der Opposition und außerdem ein Gottfried-Keller-Schwärmer , hatte seinerseits » Das Fähnlein der sieben Aufrechten « vorgeschlagen , war aber damit nicht durchgedrungen , weil , wie Schmidt betonte , diese Bezeichnung einer Entlehnung gleichgekommen wäre . » Die sieben Waisen « klängen freilich ebenfalls entlehnt , aber das sei bloß Ohr- und Sinnestäuschung ; das » a « , worauf es recht eigentlich ankomme , verändere nicht nur mit einem Schlage die ganze Situation , sondern erziele sogar den denkbar höchsten Standpunkt , den der Selbstironie . Wie sich von selbst versteht , zerfiel die Gesellschaft , wie jede Vereinigung der Art , in fast ebenso viele Parteien , wie sie Mitglieder zählte , und nur dem Umstande , daß die drei vom Großen-Kurfürsten-Gymnasium , außer der Zusammengehörigkeit , die diese gemeinschaftliche Stellung gab , auch noch verwandt und verschwägert waren ( Kuh war Schwager , Immanuel Schultze Schwiegersohn von Rindfleisch ) , nur diesem Umstande war es zuzuschreiben , daß die vier anderen , und zwar aus einer Art Selbsterhaltungstrieb , ebenfalls eine Gruppe bildeten und bei Beschlußfassungen meist zusammengingen . Hinsichtlich Schmidts und Distelkamps konnte