, die im Trockenhofe hingen , war mehr wert als das ganze neue Kleid . Und wie der Leopold nur so dastehen konnte vor ihr ? Mit jeder Woche sah er nachlässiger aus , sie hatte aufgemerkt , sogar sein Schnurrbart war zerwirbelt und zerzaust , und immer baumelte der leere Ärmel herum . Ehemals war der Mann viel hübscher , und wenn sie ihn auch nicht so liebhaben konnte wie er sie , so gefielen ihr doch seine Gestalt und sein Wesen besser . Aber schon an ihrem Hochzeitsabend mußte sie anhören , daß er ein Krüppel war . - Sie hatte es verwinden wollen ; wo hab ich nur hing ' schaut ? - sann sie doch wieder . Sie wußte nicht , warum ihr jetzt der Mann und die andern Leut , die Wirtschaft , ja sogar die Blaue Gans zuwider waren . Daß sie alles das , wie es war , für die ganze Lebenszeit ansehen und aushalten müsse , das ging ihr immer durch den Sinn , und darauf pochte er noch und stand vor ihr und wartete auf eine freundliche Antwort . Woher nehmen ? » Ich will gar nicht davon reden , wie lang du mir nicht ein einziges Bussel geben hast ... Schau , Lene , ich bin halt anders wie die anderen Männer , die du kennst da bei uns herunten . Ich hab die Welt gesehen , hab ein wenig etwas gelernt draußen und gelesen ... Du bist so schön , und ich hab dich gern gehabt , wie du noch ein kleinwinziges Ding warst , und ich hab dich immer lieber kriegt und gar nichts sonst gedacht , als daß ich dich heiraten und dich recht glücklich machen will . Wenn du dir nur überlegen könntest , wie weh du mir tust . « » Ich kann nicht anders sein , als ich bin « , antwortete sie leise . » Kannst nicht anders sein ? ... Warst doch vor der Hochzeit zutraulicher . Sitze doch nicht so dort , komm hervor , und schau dir wenigstens das neue Kleid in der Nähe an . « Sie knüpfte sich das Tuch fester auf dem Rücken , ließ die Schultern einsinken und schob sich langsam zwischen dem Bett und der Wiege hervor . Wie ein gescholtenes Schulmädchen stand sie neben dem Tische und zog die Ellenbogen an die Hüften . » Du tust ja , als ob du alle Tage eine Tracht Prügel kriegen tätst ! « rief er und hob ihren Kopf am Kinn auf . » Geh , Frau , sei nicht trotzig , es paßt nicht zu deinem schönen Gesichtl , sei gut . « Als sie nichts erwiderte , glaubte er auf den roten Lippen ein leichtes Lächeln zu sehen , er nahm sie um die Mitte und wollte sie an die Brust ziehen , aber als sie mit ihrer Wange seine Schulter berührte , taumelte sie zurück wie fortgestoßen und schaute mit dem Ausdruck des Grausens nach dem leeren Ärmel . » Was hast du ? « frug der Leopold erstaunt . » Ich - du - weil « , stotterte sie zagend und deutete auf seinen Arm . » Mein Arm ? « Er griff mit der Hand an den Stumpf , und es blitzte etwas in seinen Augen , das sie noch ängstlicher machte . » Dein Armstumpf , freilich - ich hab mich angestoßen , da « - sie zeigte auf ihre Wange und schüttelte sich . » Na und ? « » Stopf was hinein , laß dir einen hölzernen Arm machen , nur laß den leeren Ärmel nicht so herumfliegen . « » Warum ? « » Ich - ich fürcht mich , und die Leut lachen , weil ... « Sie konnte nicht weiterreden , der Leopold hatte sie rückwärts am Halse gepackt und sie auf einen Sessel niedergedrückt , er schaute ihr ganz nahe in die Augen und sagte mit trockenen Lippen und dürrer Zunge wie ein Kranker : » Red nur fort , über was lachen die Leut ? « Lene bog sich ein wenig beiseite und blickte mit zuckenden Wimpern zu ihm hinauf , als ob sie sein Gesicht sehen wollte , wenn sie ihm einen Hieb gab dafür , daß er sie , die Prinzessin , rauh angefaßt hatte ; ihre graugrünen Augen flimmerten fast gehässig , als sie weitersprach : » Die Leut lachen mich aus , weil - weil ich einen Dreiviertelmann geheiratet hab ! « » Einen ... « , keuchte er . » Einen Krüppel ! « » Weib ! « schrie der Leopold auf und stand mit erhobenem Arm vor ihr , » hat dir das Gesindel nicht gesagt , daß ich dich und mein Kind mit dem einen Arm besser erhalte als die andern Männer die ihrigen mit zwei Händen ? « Die Frau duckte sich zusammen , hielt sich die Ohren zu und schloß die Augen . » Und du denkst auch so von deinem Mann ? Ich soll mir einen Arm machen lassen ? « Jählings wurde er dunkelrot und schrie heiser : » Es graust dir also vor mir , weil ich ein Krüppel bin ? « » Ja ! « stieß sie rücksichtslos trotzig heraus , gleich dahinter aber rief sie bittend : » Schlag nicht ! « Es war zu spät , seine wuchtige Faust fiel auf ihren Nacken nieder ... Der Leopold wankte und torkelte , als ob er den Schlag bekommen hätte , das wutverzerrte Gesicht wurde nach und nach schlaff und fahl , er schleppte sich an das Fenster , ohne sein Weib anzusehen , er horchte und wußte nicht auf welchen Laut ; als sich aber minutenlang nichts regte in der Stube , stöhnte er : » So weit kann ein Weib einen Mann bringen « , und ohne daß er den Kopf erhob , tappte er aus der Stube . Ohne Mütze , mit weitoffenem Rock und flatterndem Ärmel schritt er schwerfällig durch den Hof , über die Straße und hinaus auf die Trockenwiese . Dort stand er jetzt still , sah sich um und holte tief Atem , dann ging er langsam weiter über das Feld , querdurch , wie ihn seine unsicheren Füße trugen , und so kam er zu dem Feldrain , auf dem er damals ausrastete , als er heimkehrte . - Schier auf demselben Platz setzte er sich nieder , er hatte ja damals hier Frieden gefunden . Damals . Der Menschenlärm , der Schreck über den Sturz der kleinen Hanne , das Herzleid und die Körperschwäche , die ihn angefallen hatten , alles war hier zurückgewichen , und er saß damals still da mit der Lene , mit demselben Kinde , das heute sein Weib war - und dasselbe Geschöpf hatte ihn auch diesmal hierhergetrieben , heute saß er aber allein , verlassen , von ihr beschimpft mit dem schlimmsten Schmähwort , das es für ihn gab . Von jetzt ab erst war er ein Krüppel , er wußte , daß seinem Weibe vor ihm grauste und daß ihn die Leute verlachten , weil er den Mut gehabt hatte , das schönste Mädchen zu heiraten , er , der Einarmige , der Dreiviertelmann . - Ach ! - die Schmerzen , die Schmerzen ! Er litt alles wieder durch , was er auf dem Schlachtfelde und im Spital ertragen hatte , und der Armstumpf zuckte und zitterte an seinem Leibe . - Da plötzlich spürte er seine verlorene Hand wieder ; als er mit der lebendigen Hand verzweifelt an die linke Schläfe fuhr und die Faust fest andrückte , da war ihm , als ob die rechte entgegenpreßte , und als er die linke mutlos zwischen die Knie sinken ließ , da fühlte er , wie die Finger , die längst vermodert waren , sich rührten und zwischen die lebendigen schlüpften , wie die beiden Hände sich ineinanderkrallten und flehend hinaufreckten zu dem dämmergrauen , stummen , mitleidlosen Herbsthimmel . - Der Rest seines Armes bewegte sich fort und fort , alle Muskeln dehnten sich , er spürte sein begrabenes Stück Körper wirklich wieder , das Herzleid hatte es lebendig gemacht , die Seele schrie nach diesem Glied , als könnte sich dann der gequälte Mensch wehren , als müßte sie nicht hilflos erdulden , was sie schädigte für alle Zeit . Das war ein ganz anderer , der jetzt da auf dem Feldrain hockte , das war der Leopold , den man nie äußerlich sah , das war der Mensch , der jetzt sich selbst genau anschaute , als ob sein heimliches verborgenes Ich wie ein Zwillingsbruder , den er versteckte , da ihm gegenübersitzen würde . Es jammerte ihn , was sie alles gemacht haben aus dem blonden , lustigen Burschen : » Die Zeit ... und die Leut ... und das Weib ! ... « Er hatte so redlich gesorgt für sie , er liebte sie so dumm , so unsinnig , daß er sich schämte , es ihr zu sagen ; die sonderbarsten Dinge flüsterte er vor sich hin , wenn er sie umarmte , so schöne Worte , wie er sie sprach , standen ja nur in den Büchern oder sagten die Leute auf dem Theater , das durfte sie nie hören , beileibe nicht , sie hätte ihn ja doch nicht verstanden - wenn es gut gegangen wäre , höchstens gelacht . Dafür aber konnte sie nichts , das war nicht ihre Schuld . Alle können ja nicht so sein wie der , welcher ihm gegenübersitzt und mit traurigen Augen auf die fahlen Grashalme schaut . Sie ist so schön ! - Wie liebte er sie , und sie konnte es dahin bringen , daß er seinen männlichen Arm entehrte und den anderen noch im Grabe zuschanden machte dadurch , daß er ein Weib schlug - sein Weib , dieselbe Lene , die er doch bis zur Stunde noch mit allen Qualen des Gekränkten liebte . » So weit kann nur ein Weib einen Mann bringen ! « schrie er jählings , so daß die Hunde aufbellten , die noch unten in den Feldern herumtollten . Was soll nun daraus werden ? - Wie wird das Leben jetzt weitergehen ? - Was soll er ihr sagen , wenn er heimkommt ? - Der Blick , mit dem sie ihn ansah , als sie die Abscheulichkeit aussprach , brannte ihm noch auf der Stirne und in der Brust ; das war ein gehässiger Blick , so schaut jemand , der nicht in der Zornwütigkeit hinschlägt , wie er es getan hat . » Die kann nicht vergessen und verzeihen « , stöhnte der Mann . Dieweil war geräuschlos ein großer Hund herangezottelt , legte sich auf ein paar Schritte entfernt nieder , streckte alle vier Pfoten von sich und kläffte , als ob er den Leopold rufen wollte . Es war ein junges Tier mit ungelenken Gliedern und einem dummen Gesicht . Langsam schob und kollerte er sich näher , sprang spielend rund um den Mann , bis er endlich mit einem plumpen Satz hinter ihm war . Jetzt richtete er sich auf , legte die Vorderpfoten auf die Schultern des Leopold , streckte den großen Schädel hervor und begann seine Ohren und Wange abzulecken . » Ah , du bist ' s , Schuftl ! Du suchst mich auf ? « Das Tier kroch hervor , machte wieder ein paar Sprünge , hielt plötzlich inne , horchte auf und stellte sich dann leise knurrend neben den Mann . » Was gibt ' s ? « Der Hund schnupperte dem Trockenplatz zu . » Paß auf , Schuftl ! « Jetzt schlug das Tier dreimal nacheinander laut an , wie immer , wenn jemand dem Trockenplatze nahe kam . » Es ist ja keine Wäsche im Freien mehr ? ! Warum er nur bellt ? « Wieder kläffte der Wachhund und winselte , als ob jemand die großen leeren Stangen forttragen wollte , denn sonst war nichts unten auf den Trockenstätten . Jetzt aber hörte der Leopold gedämpfte Stimmen , die immer näher und näher heraufkamen . Was das Tier für ein feines Gehör hat , dachte er verwundert und streichelte das weiche Fell des Schuftl . Nun lachten und plauderten die Leute unten lauter , und ein heiserer Mensch jauchzte plötzlich so schrill , daß der Lauscher zusammenschrak . » Singen ! singen ! « grölte einer , dessen kurzer raspelnder Ton dem Leopold bekannt war , aber er dachte nicht darüber nach , denn das Jauchzen und Schreien wurde immer wilder . » Na ja . Aber jetzt kusch ! « überschrie das Gelärme eine kräftige Mädchenstimme , und es wurde auch jählings still . Leise hub nun eine sanfte Stimme zu singen an , wie für sich allein , so sacht und weich . - Es waren schier schwermütige Laute , die aus einer jungen Kehle emporstiegen und wie Wellen dahinschwammen , die ganze Luft schien erfüllt von dem flüsternden süßen Gesang . » Aha , die Marie ! « murmelte der Lauscher . Die unsichtbaren Begleiter der Sängerin schrien und klatschten in die Hände , bis wieder der kräftige Ton dareinfuhr : » Still ! Weißt , Marie , wir singen jetzt miteinander das Mariahilfer G ' läut . « Nun begannen die zwei Mädchen gleichzeitig und sangen eines jener wortlosen Lieder , die nur die kleinen Leute , die an den äußersten Enden der großen Stadt wohnen , erfinden , aus der Luft holen und ein paar Wochen lang in die Luft hinaussingen und pfeifen . Richtig , die Strohschneidermädeln , dachte der Leopold , hielt dem Hund die Schnauze zu , damit er nicht knurren oder bellen konnte , grub sein Gesicht in das wollige Fell des Schuftl und horchte . Der Gesang hub wieder an , ernst , fast melancholisch , die beiden Stimmen erklangen wirklich wie abgetönte Glocken , abwechselnd schwang sich jetzt eine über die andere , immer reiner , immer höher , immer fröhlicher , und nun einigten sie sich in einem letzten kecken Hinaufwirbeln und schlossen mit einem hellen Jauchzen jäh ab . » Heiß ich singen « , sagte beistimmend der Grölende , und der Leopold erkannte jetzt , da die Schar schon näher herankam , den Laternenanzünder . » Was fallt nur dem ein , daß er mit der Gesellschaft herumzieht ? « Er wußte nicht , daß auch der alte Dragoner heute sein Teil zu tragen hatte und daß die lustige Bande eine Gefälligkeit für die andere begehrte . Sie hatten geduldig seine Auseinandersetzung über das neue Licht angehört , ihm beigestimmt und zugetrunken , ihn aber dafür durch alle Straßen geschleppt , hinter den anrüchigen Strohschneidermädeln her , sie hatten Staat gemacht mit dem würdigen Laternenanzünder und führten ihn , den der Gesang verlockte , in dieselbe Schenke , in welcher vor Wochen der Leopold die ganze Nacht gelumpt und gezecht hatte . Die fröhlichen Menschen zogen an dem einsamen Mann vorüber , er drückte sich enger an das Tier , damit sie ihn nicht sehen mögen , und als er nach einer Weile den Kopf erhob , gingen sie schon seitwärts die Straße entlang und jauchzten , daß die leichtbewegte Luft das Echo wiedergab . Das eine der beiden Mädchen lachte und kicherte herausfordernd , die Stimme der anderen tönte mild , schier beruhigend hinüber zu dem Lauschenden . » Mitten dahinein in den Trubel , das wäre vielleicht das beste ! - - Ganz den Herrn zeigen , vielleicht hilft die Grobheit mehr als die dumme Lieb . Sie hat Respekt gekriegt vor dem einen Arm und kriegt vielleicht mehr Respekt vor dem Mann , der jetzt nicht heimkriecht und um Verzeihung bittet « , so grübelte der Leopold , während er noch den lustigen Menschen nachhorchte . » Ich könnt ihr heut nicht in die falschen Augen schauen , ob sie mich wieder so anblitzen täten oder verweint wären ... Verweint ? ... Es ist doch eine schmutzige Sache , so auf ein wehrloses Frauenzimmer hinschlagen wie auf einen Lumpen , der einen bei der Nacht anfallen will ... Es ist eine Schand ! Ja ... es ist eine Schand ! « Jetzt war es totenstill um ihn , ein kühler , schwerer , trauriger Herbstabend brach an ; weit drüben lag ein leichtgeröteter Nebel , unter dem die Stadt steckte , und die tausend und tausend Lichter gossen das feine Rot auf die schwere Nebelhülle . Lange starrte der einsame Mann dahin , wo seine Arbeitsstrecke war , dahin sollte er morgen wieder mit einem ruhigen Gesichte gehen , die Lene mußte wenigstens nicht unter die Leute , wenn sie nicht wollte , aber er . - Zwischen der Nebelmauer und dem Platze , wo er jetzt saß , wurde es immer schwärzer , die Öllämpchen der Vorstadt verschwanden ganz , nur in der Nähe , unten vor der Blauen Gans , da glitzerten ein paar Lampen rötlich , wie verkommene Sternlein ohne Rand und Strahlen . - - - Wie traurig erschienen ihm die karg erleuchteten Fenster des Hauses . » Was soll jetzt draus werden ? ... So etwas geschieht da unten alle Tage , und die Leute leben vergnügt weiter . Der Laternanzünder hat der Seinigen auch den Kopf zurechtgesetzt ... Aber die Seinige ist halt anders als die Meinige , das zarte junge Weib . Und bin ich so einer wie er ? « Der Leopold wies mit dem Daumen hinter sich , der Schenke zu . » Ei , hol ' s der Teufel , das Nachdenken macht ' s nur noch schlimmer . « Er sprang auf , schüttelte die Erdklümpchen von seinen Kleidern , strich sich die Haare zurecht und ging langsam den Weg , der hinauf in die Schenke führte . - Der Mond guckte mit halbem Gesicht über die Berge hervor , und sein mattes Licht rann über den Nebel , der sich jetzt ansah , als ob er beweglich wäre , als ob sich da unten ein geräuschloses Wasser ganz sachte heben und senken täte . Der Hund spreizte alle vier Beine steif von sich , zog den Schweif ein und heulte hinauf zu der gelbblassen Halbscheibe , und als ihn der Leopold am Ohre nachziehen wollte , winselte er jämmerlich und schmiegte sich eng an die Füße des Mannes . Der Mond kam immer höher herauf , und der Leopold ertappte sich dabei , daß er wohl eine Viertelstunde dagestanden war und so wie der Schuftl hinaufgestarrt hatte , jetzt aber schritt er rascher aus , und der Hund lief leise klagend neben ihm her . Da waren sie endlich ; der Leopold stieß die feuchte Wirtshaustür weit auf , Tabakrauch , Wein- und Bierdunst qualmte ihm entgegen , so daß er wie betäubt in das Gewühl glotzte und wieder umkehren wollte , aber da johlten sie ihm schon zu : » Du bist da ? « » Servus ! « » Grüß Gott ! « » Wo kommst her ? « » Setz dich nieder . « » Daher ! « grölte der Laternanzünder und wies auf einen klebrigen Stuhl . » Wie schaust aber aus ? « » Seid ' s ja ganz naß , du und der Schuftl . « » Schufterl , hupf , da herauf ! « rief die Marie . » Das ist gescheit , daß du endlich da bist ! « sagte sie seitwärts zu dem Manne . » Trink , Leopold ! « » Da auch . « » Zu uns setz dich ! « » Daher ! daher ! daher ! « Etwa zwanzig drängten sich mit jener angeheiterten Zärtlichkeit an ihn , die bei dem nächsten Glas Wein schon so derb wird , daß sie jedem kurz die Wahl läßt : weiter und weiter trinken oder tüchtig geprügelt werden . » Wenn so ein hübscher junger Ehemann zu uns kommt , müssen wir ihm was Besonderes vorsingen , daß er das Wiederkommen nicht vergißt « , flüsterte ihm die Marie zu und sah mit zwinkernden Augen zu ihm auf . » Probier ' s « , warf der Leopold leicht hin . » Hat das neue Kleid geholfen ? « frug der Laternanzünder und kam mit verglasten Augen , aber mit militärisch strammer Haltung kerzengerade auf ihn zu . » Und wie es geholfen hat « , erwiderte der Leopold , er lachte dabei und ließ sich von der Marie an einen Tisch ziehen , der in einer Ecke stand . Das Mädchen sang ihm zuerst ganz laut eines ihrer vierzeiligen Lieder vor , einen Gassenhauer , doch als er vor sich hin stierte und sich um ihren Gesang nicht kümmerte , preßte sie ihre Schulter an seinen Arm , nahm seine Finger spielend in die ihren und summte mit gedämpfter , weicher Stimme : » Geh , sei nicht so traurig , Schau nicht so trüb drein . Tust mir bitterlich weh , Denn mein Herz g ' hört noch dein . « » Wem ? « frug der Leopold spitz , rückte ganz in die Ecke und goß ein großes Glas Wein hinab . » Rück nicht von mir weg , Rück näher noch her , Hast bis jetzt noch kein ' Fleck , So war ' s Bravsein nicht schwer « , sang die Marie mit fieberhaftem Flüsterton , und der Mann schaute halb neugierig , halb verachtungsvoll in das blasse Gesicht des Mädchens . » Eh , Faxen ! Ich weiß schon , daß du dir deine Liedeln selbst zusammendichtst , bist flink mit deinem Kopf , darum singst auch einem jeden , was er gern hört « , spottete der Leopold ; » bei mir aber kommst nicht gut an , überleg es dir , so ein Dreiviertelmann , der um einen Flügel zu wenig hat , der will anders betrogen werden als die ganzen Männer . « Die Marie öffnete den Mund , sprach aber kein Wort , sie zeigte nur ihre blanken Zähne , warf einen flüchtigen Blick auf den leeren Ärmel , und dann schaute sie stumm vor sich hin auf die Tischplatte . Über den Augenbrauenenden , gegen die Nase herab , traten zwei scharfe Buckeln hervor , und ihr feiner , weißer Hals wurde allmählich rosig gefärbt , rasch schlang sie ihren Arm um den Hals des Leopold , legte ihre Lippen an sein Ohr und sang , als ob sie ihn küßte : » Red nicht von Betrug , Hast zwei Augen wie Stern , Hast zwei schnurg ' rade Füß , Und ich hab dich halt gern ! Hast ein butterweich ' s Herz Und zum Küssen ein ' Mund Und zum Halsen ein ' Arm , Das ist g ' nug für ein ' Stund . « » Aus dir könnt auch was Besseres werden als so ein ausgeschrienes Bierhäuselgewächs « , sagte der Besungene nachdenklich und schüttelte ihren Arm von seinem Halse . » Meinst ? - Na so such halt einen , der mich jetzt auf den rechten Weg bringt . Aber von denen dort « , sie schlenkerte die Finger gegen die Nachtschwärmer , » darf er nicht sein . « » Brauchst denn just ein Mannsbild auf den rechten Weg ? « » Ich kenn einen , der sich vor Jahren sogar auf mein ' unrechten Weg g ' stellt hat , so lang , bis ich wirklich g ' stolpert bin - und g ' falln . Hat er mich aufgehoben ? - Frag ihn ! - Und der weiß es doch ganz genau , wie er mich gefunden hat . « Der Leopold zog rechts und links an seinem Schnurrbart und murmelte befangen : » Nicht reden - du warst damals lieber alle Tag unter dem G ' sindel als woanders . « » Eine gute Ausred ist einen Taler wert « , spottete die Sängerin , » der Gewisse hat aber damals gar keine Ausred braucht , er hat mich nur nimmer g ' sehn , wenn er mir zufällig begegnet ist . War recht lustig die Zeit , besonders wenn man mäuserlstill sein muß , daß einen die Leut nicht noch auslachen - und wenn man mutterseelenallein seine Schand und sein Leid hinunterwürgen muß . Kannst du dich vielleicht zufällig an die Zeit erinnern ? « Ein harter Blick glitt über das Mädchen . » Nein . - Besser wirst du ' s nicht verdient haben . Red von was anderem , wenn ich dich anhören soll . « » Nur anschaffen , das bist ja jetzt g ' wöhnt als Eh ' mann « , spöttelte Marie , zog aber dann ein abgegriffenes Büchlein aus ihrer Schürzentasche und kritzelte ernsthaft , nachsinnend eine Seite voll . Leopold schaute auf den gesenkten kleinen Kopf der Sängerin , ihre schwarzen Haare waren so geölt und glatt , daß sie glänzten , und ihre Stirne war weiß und rein ; sogar der kecke Zug verlor sich allmählich aus ihrem Antlitz , während sie schrieb und leise vor sich hin sang . » Schreibst dir die neuen Liedeln auf , daß du sie morgen wieder einem andern vorsingen kannst ? « fragte er lachend . » Müßt ich da bis morgen warten ? Meinst , die horchten nicht gleich alle ? Und gibt ' s so mir und dir nichts geschwind einen , auf den meine Liedeln passen ? Das ist mein Dank von dir « , schmollte sie . Rundum kicherten und brüllten lachend die Wirtshausgäste , wenn sie in die Ecke blinzelten , denn sie hielten sich fern von den beiden . » Hat ihn schon erwischt , die Feine , bis in den grauen Tag halten wir ihn fest , die Lene wird sich giften « , eiferte ein alter Kamerad des jungen Ehemannes . » Na , und wer soll denn nachher singen ? « schrie die Klara , » ich hab heut schon den ganzen Tag kräht - soll ich allein weitertun , was ? - Wird der vielleicht « , sie wendete nur die Augen , ohne den Kopf zu bewegen , gegen Leopold , » den ganzen Abend zahlen heut ? « » Muß er « , betonte der Laternanzünder . Der Leopold konnte nichts hören und sehen von dem , was da vorging , er war in einer mitleidsvollen Stimmung und schaute sich darum die Strohschneider-Marie zum ersten Male genauer an . Alles war so fein und zart an dem Mädchen , das klare Heiligenbilder-Gesicht . Aber die blauen Ränder um die Augen und die kecken Reden und das leichtsinnige Lachen manchmal , rechnete der Mann zusammen . » Warum singst du denn in allen Kneipen und unter der Sippschaft herum , wenn ' s dir keine Freud macht ? « Er nahm mit trotzigen Mienen das Gespräch von früher wieder auf . » Frag meine Frau Mutter . Umsonst sing ich nicht , da schau , am Fenster stehen unsere Körberln , gerade früher war mein kleiner Bruder , der Xanderl , da und hat sie ausgeleert , jeder Wirt füllt sie uns voll , morgen in aller Früh schleppen wir das heim , was wir da kriegen . Meinst , es ist ein Spaß , die Mutter und die acht jüngeren Geschwister zu erhalten ? Wie die Wilden fallen sie über die Körb her , wenn wir hundsmüd heimkommen . « » Deswegen brauchst aber nicht alle Tag einen andern Schatz ? « » Ich ? - Die Leut sagen das ! Ist es darum wahr ? Eh ! Ich wollt , ich wär weiter , als mich meine Füß tragen . « Das Mädchen schmiegte sich an den Leopold und schloß die Augen . » Da schau hin , Klara ! « zischelte einer . » Auch nicht übel ! « brummte die ältere Schwester und ging zögernd in die Ecke , sie stemmte die Hände auf die Tischplatte , neigte sich vornüber und musterte das schweigende Paar mit einem wegwerfenden Lachen . » He ! Marie ! Schlafst ein bei dem fidelen G ' spann da ? - Die Herren wollen ein neues Lied von dir hören . Pack zusamm ' und laß den allein sitzen . « Sie schlug dem Mädchen leicht auf die Schulter und zog sie fort . » Es kann angehen « rief sie den Musikanten zu . Gleich quiekte die Klarinette , die schlecht behandelte Gitarre trommelte einen Wirbel , und der Lärm verstummte , als die beiden Mädchen Hand in Hand mitten unter das Männervolk traten . Der Leopold wartete , bis sich alle den Sängerinnen zugewendet hatten , dann stand er auf und schaute über die Köpfe der anderen hinüber zu den Schwestern . Dicht aneinandergedrängt hielten sie sich umschlungen , der Kopf der Jüngeren lag halb auf der Schulter der Älteren , und so zwitscherten und jodelten die zwei Mädchen , daß dem Leopold schier der Atem verging vom Anhören und Ansehen . Er trat zurück , stürzte zwei Gläser Wein schnell nacheinander hinab , warf noch einen Seitenblick auf die Marie und ging davon , ohne daß ihn jemand beachtet hatte . Draußen fiel ihn die kalte Nachtluft an wie ein nasses Tuch , der Nebel war dünner und heller geworden und das Mondlicht ganz klar . Er sah seinen Weg deutlich vor sich , feuchtglänzend zog sich die ausgetretene Spur durch die kahlen Felder . Er taumelte . Der jähe Umschlag aus der Hitze in die Nachtkälte machte ihn ganz wirr , und sein weinheißer Kopf , sein ganzes fieberhaftes Wesen trieben ihn mehr , als daß er bewußt ging . Wenn nur der heutige Tag nicht gewesen wäre , wenn ich nur wüßt , daß sie die Augen aufmacht und sagt : » Grüß dich Gott , Leopold ! « » Tust mir bitterlich weh , Denn mein Herz g ' hört noch dein ... « Das