drobenauf schwimmt . Jetzt bitte ich dich , setze dich mal in meine Stelle und suche mit , euch dummen Jungen , seinen lieben Eltern und was sonst dazu gehört zum Trotz , aus so ' ner verschüchterten , zur Feldkatze verwilderten Dorfmieze wieder ein niedliches , nettes , reinliches , schnurrendes , gurrendes , liebes , liebstes kleines Mädchen zu machen . Na , nun tu noch mal die Schürze von den Augen und sich mich mit ihnen an ; sonst beißt es mich in meinen Augen auch , und das möchte ich doch hier des klugen , gebildeten Eduards wegen lieber vermeiden . So ist ' s recht , und nun laß uns die Zähne aufeinanderbeißen . Ich kann wahrhaftig nichts dafür , daß andere Leute das Recht zu haben behaupten , etwas anderes aus mir zu machen , als was in mir steckt . Da hast du meine Hand darauf , Jungfer Quakatz : ich komme wieder und behalte mir bis dahin alle meine Rechte hier an dieser Erdstelle vor , und den seligen Kienbaum soll doch noch mal der Teufel holen . Sage es deinem Vater , wenn er nach Hause kommt , daß ich es gesagt habe , Tinchen ! Und du , feiner Eduard , bitte , sieh gütigst noch mal hinein in die schöne Landschaft und auf die liebe Vaterstadt - schade , daß jetzt grade nicht die Glocken dazu läuten . So ist ' s recht , verlegener Jüngling - - - - « Ich sehe mich wirklich um - verschüchtert , verstört , verlegen . Ich sehe hinaus in die Landschaft und auf die Stadt drunten im Tale - kurz - ich sehe weg und vernehme im klingenden , summenden Ohre , hinter meinem Rücken , auf der alten Wallhöhe des Siebenjährigen Krieges , rasch hintereinanderfolgende Töne , die ich nur mit dem Namen Stopfkuchen ganz und gar in Einklang zu bringen weiß . Dazwischen ein unterdrücktes Geschluchz und Gekicher und dazu die Worte : » Ach Heinrich , Heinrich ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Als ich wieder aufsehe , ist weiter nichts vorgefallen , als daß die Jahre hingegangen sind und daß die langen Wogen des großen Meeres unter dem Schiffe weiterrollen und es gegenwärtig gutmütig , ohne zu arges Rollen , Schütteln und Schüttern weitertragen , dem Kap der Guten Hoffnung zu . Zuerst sah das Ding noch gradeso aus , wie es vor Jahren ausgesehen hatte . Nur daß es heute in anderer Beleuchtung als an jenem Abschiedstage vor mir lag , nämlich im frischen , hellen Tagesschein , so um zehn Uhr morgens . Noch immer derselbe alte Wall und Graben , wie er sich aus dem achtzehnten Jahrhundert in die zweite Hälfte des neunzehnten wohl erhalten hatte . Die alten Hecken im Viereck um das jetzige bäuerliche Anwesen , die alten Baumwipfel darüber . Nur das Ziegeldach des Haupthauses , das man sonst über das Gezweig weg und durch es hindurch noch von der Feldmark von Maiholzen aus gesehen hatte , erblickte man heute nicht mehr . Dieses brachte mich denn darauf , daß die Hecken doch wohl gewachsen und die Baumkronen noch mehr über der Quakatzenburg sich verdichtet haben müßten . Es mußte unbedingt im Sommer noch schattiger als sonst auf der Roten Schanze geworden sein , und um dieses würdigen zu können , mußte man eben wie ich die Linie gekreuzt haben , um noch einmal nach Hause zu kommen , und sonst auch überhaupt jetzt dort zu Hause sein , wo es durchschnittlich im Jahre recht heiß ist und wo der Schatten manchmal ganz bedenklich mangelt . Ich sah hin , die Hände vor dem Leib übereinandergelegt ; und ich sah mir alles , da ich ja Zeit hatte und niemand auf der weiten Flur mich störte und die Lerchen in den Lüften nicht störten , sehr genau an , ehe ich den Graben des Grafen von der Lausitz überschritt . Da fiel mir denn bald noch ein anderes auf . Wie es innerhalb der Roten Schanze aussehen mochte - außerhalb derselben , so weit ihr Reich ging , erschien mir das Ding verwahrloster denn je . Sonst sah man es doch , trotz aller Verfemung , dem Dammweg sehr an , daß der kriegerische Aufwurf im fetten Ackerboden dieser Landschaft zu der Umwallung eines friedlichen Bauernhofes geworden war , daß Mensch und Vieh darüberhin ein und aus gingen , daß Mist- und Erntewagen darüber hinfuhren , daß der Mensch , trotzdem daß Kienbaum von hier aus totgeschlagen worden war , auch hier noch seiner Nahrung und seinem Behagen nachging . Dem schien jetzt nicht mehr so zu sein . Eine Römerstraße , auf der vor , während und nach der Völkerwanderung Tausende totgeschlagen worden waren , konnte im laufenden Saeculo nicht mehr überwachsen und von Grasnarbe überzogen sein wie die alten Radgleise und Fußspuren , die über den Graben des Prinzen Xaverius von Sachsen auf dem Dammwege des Bauern zu der Roten Schanze führten . Es leitete jetzt nur noch ein ganz schmaler , schmaler Fußpfad , ohne Radgleisen , Huf- und Klauenspuren daneben , durch das hohe Gras . Quendel , blaue Glockenblume , Löwenzahn , Thymian , und was sonst im Grunde das meiste Recht hier hatte , brauchte sich nicht mehr scheu wegzuducken oder sich von Huf , Klaue und Schuhsohle alles gefallen zu lassen . Nun soll es mich doch wundern , dachte ich . Es ist doch wirklich , als ob das Gras auch hinter ihm wieder aufgestanden sei ! Und damit setzte ich den Fuß auf den Damm und in den engen Pfad , der zu Stopfkuchen hinüberführte , wie er vordem zum Bauer Andreas Quakatz hinübergeführt hatte , und - hielt noch einmal an . Es war noch ein Drittes jetzt hier am Eingange anders geworden als sonst : wo steckten die Hunde ? Ja , wo waren die Hunde der Roten Schanze ? Die Wächter der Quakatzenburg ? Wo war die durch stille Winter- und Sommernächte , vorzüglich wenn in ihnen der Vollmond am Himmel stand , weithin ins Land ob ihrer guten , aber lauten Wacht bekannte und berüchtigte Wachtmannschaft ? Wir haben im Kaffernlande auf unsern Gehöften ihrer auch und haben sie nötig ; aber nun war es mir wieder ganz deutlich : ich war nie in der Welt auf bösere Hunde getroffen als die der Roten Schanze , und ich hatte nie ein Gebell böser Hunde - selbst wo ich wieder an es zurückdachte - so vermißt als wie hier am Eingangstor dieses deutschen Bauernhofes . Die nächsten Schritte gegen die Quakatzenburg belehrten mich , daß die Wache abgelöst , aber keineswegs aufgegeben worden sei . Eine andere Mannschaft hatte sie bezogen , und der Empfang durch dieselbe sprach wahrlich für friedlichere Zustände als die von vergangenen Zeiten . Wir kennen alle die alten hübschen , behaglichen Bilder , auf welchen am Tor mittelalterlicher Städte der Stadtsoldat auf der Bank unter dem letzten Edikt seines Senatus populusque , die Brille auf der Nase , den Bierkrug zur Rechten , die feuer- , schloß- und steinlose Flinte zur Linken , in idyllischer Ruhe und Beschaulichkeit an seinem Strumpf strickt . Ich habe selber solch ein Bild , Spitzweg gezeichnet , draußen zu Hause , drunten in Afrika , an der Wand über dem Sofa und Sofatisch meiner Frau ( es mutet mich dann und wann um so mehr an , weil unter dem letztern , dem Sofatisch meiner Frau nämlich , ein Löwenfell zum Fußteppich dient ) , und ich fand es nicht ohne Behagen wieder , hier zu Hause , am Tor der Roten Schanze . Nur wurde von dem jetzigen Wachtinhaber des weiland Prinzen Xaverius von Sachsen und Kienbaums Mörder , des Bauern Quakatz , nicht gestrickt . Es wurde gesponnen . Er saß nicht an , sondern auf dem rechten Torpfeiler , der jetzige Wachtmann der Roten Schanze . Er saß mit Würde da in der Morgensonne und sah ruhig , gelassen , zu mir hinüber - und er spann dabei . Sein Spinnen hinderte ihn aber nicht , auch den Schnurrbart zu streichen , ja er fuhr sich mit der wehrhaften Faust sogar über die Ohren ( was beiläufig in seiner Kompanie bedeutet , daß Besuch kommt ) und strich sich die Nase und nieste dabei . Ich war ganz dicht bei ihm , als er einen Satz tat und langsam , stattlich und über die Schulter gleichmütig nach mir zurücksehend , mir voranging , hinein in Quakatzenhof : der » Kapitän Hinze « , der » weiße Mann « , der wirklich fleckenlos weiße Kater - der Hauskater der Schanze des Comte de Lusace . Er blieb noch einmal stehen und schlenkerte erst die rechte , dann die linke Pfote ab ; denn es hing da immer noch etwelcher Tau am Grase , wo der Lindenschatten noch auf letzterm lag . Er sah mich noch einmal an und ging langsam wieder weiter , als wolle er mir den Weg zeigen : er betrachtete mich unbedingt nicht als Feind und ging auch wahrlich nicht mehr , um die Hunde zu holen und Tinchen Quakatz mit einem Feldstein in der Kinderfaust und den Vater Quakatz mit dem ersten besten Prügel oder gar der Mistgabel oder der Holzaxt ! Es gab wohl nichts Einladenderes als ihn , den Hauptmann Hinze ; und das , wozu der neue Wachtkommandant der Roten Schanze einlud , winkte ebenfalls nicht ab und riet zu schleuniger Umkehr und eiligem Rückzug . Ganz Stopfkuchen ! Stopfkuchen , wie er sich selber wohl tausendmal in seinen schönsten , elegischsten Jugendträumen als Ideal gesehen hatte . O welch ein Frühstückstisch vor dem Binsenhüttchen , das heißt dem behaglichen , auch auf Winterschnee und Regensturm behaglich zugerichteten deutschen Bauernhause - vor dem Hause , am deutschen Sommermorgen , zwischen hochstämmigen Rosen , unter Holunderbüschen , im Baumschatten , mit der Sonne drüber und der Frau , der Katze , dem Hunde ( jetzt ein ruhiger , verständiger , alter Spitz ) , den Hühnern , den Gänsen , Enten , Spatzen und so weiter und so weiter rundum ! Und solch ein grauer , der Jahreszeit angemessener , jedem Recken und Dehnen gewachsener Schlaf- oder vielmehr Hausrock ! Und solch eine offene Weste und solch eine würdige , lange Pastorenpfeife mit dem dazugehörigen angenehmen Pastorenknaster in blauen Ringeln in der stillen Luft ! » Stopfkuchen ! « Es gab nur ein Wort , und dieses war es , was ich murmeln konnte , wie ich jetzt stand und , wie der Marquis von Carabas , dem Kapitän Hinze meine weitere Einführung in die Behaglichkeit überließ . » Stopfkuchen ! « murmelte ich , während ich stand und darauf wartete , daß man , just aus seinem Wohlsein heraus , noch einmal in meinem Leben Notiz von mir nehme auf der Roten Schanze . Selbstverständlich war ' s die Frau , welche die Störung zuerst bemerkte , zu dem Fremden hastig aufsah und ihren Mann anstieß : » Aber Heinrich ! Ein Herr ! Da ist ja wer ! « Ich habe es nicht gehört , aber ich bin nicht nur fest überzeugt , sondern ich weiß es gewiß , daß ihr Heinrich nichts weiter als » Na ? ! « gesagt hat , als er , wenig erfreut , die Zeitung sinken ließ und die Nase erst seinem Wachtkapitän zu , sodann nach seinem Toreingang hin und zuletzt dem Eindringling in seinen Morgenfrieden entgegenhob . » Entschuldige den Störenfried , lieber Alter . Eduard nanntest du , freilich vor langen Jahren , einen Freund , wenn er auch kein junger Baron war , sondern nur aus dem Posthause da unten stammte , Schaumann « , sagte ich , wie vollständig aus dem heißen Afrika in seine wonnige Kühle hinein ihm näher tretend . Die Frau legte das Strickzeug auf den Kaffeetisch , der Mann legte beide fleischigen Hände auf beide Lehnen seines Gartenarmstuhls , wand sich langsam in die Höhe , in seiner gediegenen Breite nun noch mehr zur Erscheinung kommend , und - sprang vor . Er tat einen Sprung ! Es war der Sprung eines überfetten Frosches , aber ein Sprung war es ! Das Wort nahm ihm jedoch noch einmal die kleine , zarte Frau vom Munde weg . » Jesus , Heinrich « , rief Valentine Schaumann , geborene Quakatz , » es ist wirklich und wahrhaftig dein Freund Eduard ! « » Halte doch mal meine Pfeife , Tinchen « , sagte Stopfkuchen , und dann nahm er mich , wenn auch nicht in seine Arme , so doch an meinen beiden Oberarmen hielt mich so eine Weile fest , aber doch von sich , besah mich ganz genau und - fragte : » Bist du es ? Bist du es wirklich doch noch einmal ? Die Möglichkeit ist es ja ! « setzte er hinzu . » Es ist die Wirklichkeit , alter Heinz ; und ich freue mich , dich - die Rote Schanze - nein , dich und deine Frau so wohl zu sehen ! Du hast - « » Dich gar nicht verändert . Bleibe mir , an jedem warmen Tage im Jahre wenigstens , mit der verruchten Redensart vom Wanste . Der andere Hohn : Mensch , aber wie dick bist du geworden ! kommt ja doch gleich hinterdrein . In der Beziehung könnt ihr alle - « » Schaumann , ich freue mich so sehr , dich so , grade so , wiederzufinden ! « » Na , na , im Schatten geht es ja wohl noch an . Da zerfließt man seinem besten Jugendfreund nicht sofort als ein Schemen in den Armen . Er ist es wirklich , Tinchen ! Er hat wahrhaftig die Freundlichkeit gehabt , sich auch unserer noch zu erinnern . « » Stopfkuchen ? ! « » Das Wort schmeckt wenigstens noch ein bißchen nach andern , jüngern Tagen und lebendigeren Gefühlen ; aber die Tatsache bleibt dessenungeachtet bestehen : Geehrter , weshalb kommst du jetzt erst auch zu uns ? Soweit lesen wir die Zeitungen hier oben auf Quakatzenburg noch , daß wir aus der Gasthofsliste wissen , wie lange du dich da unten bereits aufgehalten und natürlich einer Menge anderer das Vergnügen , dich wiederzusehen , geschenkt hast . Nu denn , das ist denn ja sehr freundlich von dir . « Wie jeder , der mit Recht wegen einer Versäumnis am Ohr genommen wird , suchte ich nach einer Ausrede und fand diesmal folgende : » Das Beste erspart sich der verständige Erdenbewohner stets bis zuletzt . Dieses war , wie ich mich ungemein deutlich erinnere , auch dein Grundsatz in den Tagen unserer Kindheit und Jugend , lieber Heinrich . « » Davon bin ich völlig abgekommen « , erwiderte Stopfkuchen . » Seit einigen Jahren schon nehme ich das Beste zuerst , lieber Eduard , und verlasse mich nicht mehr darauf , daß man ja Zeit habe und das Butterbrot sicher und fest in beiden Fäusten halte . Na , lassen wir die Komplimente ! Das Glück ist dir diesmal wenigstens noch günstig gewesen : einen fetten Happen hast du dir an mir aufgehoben , was ? « » Nun , nun , bester Schaumann - « » Und du - wie stehst du denn so dumm da , Mieze ? Quakätzchen ? Da der Mann sich als Mensch , Bruder und Freund wenigstens annäherungsweise legitimiert hat nach Menschenbrauch , so biete ihm wenigstens einen Stuhl und noch eine Tasse Kaffee an , wenn der noch warm ist . Setze dich wenigstens einen Augenblick , Eduard , wenn du Zeit hast ; und dann - du , sieh sie dir einmal an ! - Das ist sie ! Tinchen ; Tinchen Quakatz . Na , was meinst du , Eduard ? Über mich hast du deine Meinung , dir unbewußt , durch Blick , Mundaufsperren , Hand- und Fußmimik bereits geäußert . Jetzt sage es mir dreist aufrichtig , wie du sie im Fleisch findest ? « Die Handbewegung , der Blick , und was sonst zu dieser Vorstellung der Frau Valentine Schaumann gehörte - nichts ist davon zu beschreiben . Auch von dem Ton nicht , mit dem das Wort » Mieze « gesprochen wurde . Und Quakätzchen ? ! Eine geborene Quakatz , die Tochter von Kienbaums Mörder , Andreas Quakatz , die sich bei ihrem Eheherrn zu einer » Mieze « , ja , wie ich nachher merkte , sogar zu einem » Müschen « , mit längster , zärtlichster Dehnung auf dem ü ausgewachsen hatte und jetzt mir Platz im Sommermorgen und am Frühstückstisch auf der Roten Schanze machte , die muß doch beschrieben werden ! Ich hatte sie als Kind nur hager gekannt - » klapperig « nannte es Stopfkuchen ; aber sie hatte es nicht so wie Stopfkuchen gemacht , sie hatte nicht ihre Körperveranlagung im Laufe der Jahre zur höchsten Potenz ausgebildet . Sie war nicht in dem Grade dürr geworden , wie er dick ; geworden war . Sie war nicht eingehutzelt unter seinem Regimente in dem Schatten , dem beträchtlichen Schatten , den er warf . Sie war ein wohlgebautes , behagliches Persönchen geworden , mit einigem Grau im Haar , wie man es so gegen das vierzigste Jahr wohl gelten lassen muß . Ich sah sie mir natürlich zuerst darauf an , ob sie wohl noch die Hunde über den Dammweg auf » uns Jungens « und die übrige Welt hetzen könne ; ich sah sie mir sehr genau darauf an , und ich freute mich . Vollständig hatte sie den wilden , manchmal halb irren Blick ihrer Kindheit und » Jugendblüte « , der aus ihrer trostlosen Verfemung damals stammte , verloren . Und als sie lächelnd die ersten Worte auch an mich gerichtet hatte , wußte ich nach diesen ersten Worten , daß sie seit lange nicht mehr das verschüchterte , mit bösen Worten , Steinen und Erdklößen beworfene Bauernmädchen vom Quakatzenhof war . Es war durchaus nicht nötig , daß mein Freund Schaumann es für notwendig zu halten schien , meine Aufmerksamkeit noch reger zu machen , und zwar mit den abgeschmackten Worten : » Jaja , Eduard , Bildung steckt an , und ich bin immer ein sehr gebildeter Mensch gewesen , wenn ihr da unten es auch nicht immer Wort haben wolltet . Und dann , Eduard , studiert man manchmal auch nicht ganz ohne Nutzen für die oder den Nebenmenschen - das Kochbuch . « » Wer es nicht wüßte , daß wir seit lange recht gute , gute Bekannte sind , der müßte das hieraus doch sofort merken « , sagte freundlich zierlich Frau Valentine Schaumann , und weder im Salon der Madame Récamier noch dem der Madame de Staël noch dem der Frau Varnhagen von Ense , die ihrerzeit Rahel genannt wurde , konnte etwas Feineres und Besseres mit einem bessern und feinern Lächeln bemerkt werden . Ich hatte es damit vollständig heraus , daß ich hier am Ort in der Heimat den Fuß zuerst auf einen verzauberten Boden gesetzt hatte , auf welchem die Enttäuschungen der Heimkehr doch vielleicht noch einem rechten , echten , wahrhaftigen , wirklichen Heimatsbehagen Raum geben konnten . Nach zehn Minuten einer Unterhaltung , die sich nur auf unser Wieder-aneinander-Herantreten bezog und gar nichts Bemerkenswertes an sich hatte , wollte uns die Frau verlassen und ins Haus gehen , dem Gatten verständnisvoll zunickend , nachdem Stopfkuchen gesagt hatte : » Du , Mieze , natürlich rastet der Fremdling heute im gelobten Lande . In der Abendkühle können wir ihn dann ja ein bißchen auf seinem Wege nach der Stadt und Afrika zurückbegleiten . « Ich war wohl nicht mit der Absicht gekommen , so lange zu verweilen : aber ich bin doch wirklich gern den Tag über auf der Roten Schanze geblieben , nachdem ich meinerseits gerufen hatte : » O Frau Valentine , wohin wollen Sie ? Bleiben Sie sitzen . Man muß aus Südkaffraria und über die Tropen auf Besuch nach Hause gekommen sein , um wirklich zu erproben , wie wohlig es sich zu Hause an einem Morgen wie der heutige vor einem solchen Hause sitzen läßt ! « » Nicht wahr ? « sagte Stopfkuchen . » Da hörst du ' s mal wieder , Tinchen Quakatz ! Übrigens geh du nur ruhig hin ; der fremde Herr erzählt uns nachher wohl das Genauere von seinem Hauswesen da unten , da hinten . Das macht man wahrhaftig am besten und gemütlichsten bei Tische ab . Laß du dich nicht von ihm jetzt abhalten ; geh du ruhig an dein Geschäft , Müschen . Dieser abenteuernde Afrikaner wird seine richtige Desdemona wohl auch schon anderswo gefunden haben , und du kriegst doch nur die schönen Reste seiner Schnarren und Seelenstimmungen . Geh du ruhig in deine Küche - doch die Hauptsache . Auch ihm ! « Und der Gatte warf der Gattin einen schmunzelnd verständnisinnigen Blick zu und zog sich mit der Handkante vor der Gurgel her , den Gestus des Halsabschneidens aufs vollkommenste zur Darstellung bringend . » Heinz hat wahrhaftig recht , Herr Eduard . Die Herren müssen mich wirklich für einige Augenblicke entschuldigen . Sei nur ruhig , Schaumann , ich weiß schon ! « Sie entschlüpfte , und ein Weib , das von einem alten Mörder , von Kienbaums Mörder abstammte und eben ebenfalls mit Mordgedanken umging , konnte wahrlich dabei nicht lieber und gutmütiger und behaglicher mir zunicken und mir ihre Freude darob zu erkennen geben , daß sie mich heute mittag bei Tisch haben werde . Aber es lag auch eine Welt voll Vertrauen in der Rauchwolke , die ihr der Gatte aus seiner Pfeife nachblies mit den Worten : » Alte - Achtung ! Das Afrika verwöhnt seine Leute . Ein in der Asche gebratener Elefantenfuß soll keine Kleinigkeit sein . Tinchen , das wäre doch endlich ein wahrer guter Ruf , wenn dieser fremde Herr daheim , zu Hause , bei sich von uns beiden mit Vergnügen erzählen - müßte ! « » Welch eine wirklich liebe Frau « , sagte ich . » Nicht wahr ? « fragte Stopfkuchen und fügte hinzu : » Was und wie gut konserviert ? « Und dann saßen wir einige Zeit in Nachdenken und die Behaglichkeit der Stunde versunken und bemerkten es währenddem erst allmählich , daß nach und nach um uns her eine Bewegung entstand . Es kam nämlich ein Aufhorchen , ein Umhersehen , ein Schnabelzusammenstecken in das Federviehvolk um den Frühstückstisch der Roten Schanze - alles infolge eines heftigen Gegackers und Gekreisches aus dem Hofraum hinter dem Hause . Und nicht ohne Grund , denn von dorther über das niedrige Gatter um den obbemeldeten Hof war ein einzeln Huhn mit gesträubten Flügeln und mit einigen Federn im Schwanze weniger gelaufen gekommen und hatte böse Mär gebracht . » Was hat denn das Vieh ? Wer hat denn jetzt wieder Kienbaum totgeschlagen ? « fragte Stopfkuchen , seinen Tauben nachstarrend , die plötzlich von ihrem Schlage sich erhoben und in angstvollen Kreisen über unsern Häuptern und über den grünen Lindenwipfeln der Roten Schanze , allmählich zu silbernen Pünktchen im Himmelblau werdend , sich entsetzt umschwangen . » Das Zeugs ist ja wie rein toll ! « sagte er ; ich aber tat natürlich , als ob ich nicht die geringste Ahnung davon habe , daß der ganze Aufruhr und Schrecken der Natur sich von mir herleite , daß meinetwegen Frau Valentine Stopfkuchen auf der Roten Schanze in der Küche gerufen habe : » Stine , wir haben heute einen Gast , und wenn mich nicht alles täuscht , einen aus fremden Ländern her sehr verwöhnten . Was fangen wir an ? Mein Mann hat ihn zu Tische gebeten , und wir haben für so einen , der von so weit herkommt , eigentlich gar nichts Ordentliches im Hause . « » Na ja , so muß es uns immer zur unrechten Zeit über den Hals kommen « , hatte dann wahrscheinlich Stopfkuchens guter , zweitbester Küchengenius gerufen und - sicherlich hinzugesetzt : » Na , ganz so schlimm ist es wohl noch nicht mit ihm , dem fremden Herrn , und uns hier auf der Roten Schanze . Die Hühner und den Taubenschlag haben wir ja immer gottlob noch bei der Hand . « Ich wußte es auch noch von meiner seligen Mutter her , was die Antwort und der Trost war . » Für eine gute Bouillon wollen wir jedenfalls sorgen , Stine . Die lassen sich auch die Verwöhntesten gefallen . « Frau Tinchen Schaumann hat an dem Tage aber noch aus ihrer eigenen Speisekammer und , was noch besser , aus ihrer eigenen guten Seele » mit einem Stein vom Herzen « hinzugesetzt : » Und dann haben wir ja auch , Gott sei Dank , den Schinken in Burgunder liegen . Also denn , Stine , rasch in den Hühnerhof und auf den Taubenschlag ! Der fremde Herr bleibt bis zum Abend , und es ist ein alter Freund von meinem Mann , und es ist auch mir eine große Freude , daß er nach so langen Jahren und von so weit her hier noch einmal auf der Schanze zu Besuch ist ! « Es möchten vielleicht manche auf dem Schiffe gern wissen , womit sich eigentlich der Herr aus der Burenrepublik so eifrig literarisch beschäftige , was er schreibe , worüber er jetzt knurre , jetzt seufze und jetzt lache . Es ist aber keiner unter der ganzen Reisegesellschaft , dem ich es vollständig klarmachen könnte , wie sich ein vernünftiger Mensch auf einer solchen Fahrt so mit einem längst gegessenen und verdaueten Schinken , und wenn auch in Burgunder , so eingehend noch einmal beschäftigen könne . Wir haben Deutsche , Niederländer , Engländer , Norweger , Dänen und Schweden , die ganze germanische Vetternschaft , an Bord des » Leonhard Hagebucher « ; aber sie würden mich alle mehr für einen Narren als einen mit ein wenig Weltverschönerungssinn begabten Teutonen nehmen , wenn ich heute abend im Rauchsalon ihnen einige Seiten aus meinem diesmaligen Logbuch und Reisemanuskript , aus der Kriminalgeschichte » Stopfkuchen « vorlesen würde . Ich lasse das wohl bleiben ; aber ich bleibe auch bei meinem Manuskript , wenn das Wetter und der Wogengang es erlauben . Ich bin eben oft genug im Leben zu Schiffe gewesen , um zu wissen , was das Behaglichere ist auf einer längern Fahrt . Es ist eine große Täuschung , zu meinen , daß auf den großen Wassern alle Augenblicke etwas Merkwürdiges vorkomme und daß eine germanische Reiseverwandtschaft immer ungemein humoristisch , gemütvoll , feinfühlig und interessant sei ... Nämlich den frischen Schinken in Burgunder und die gute Hühnersuppe fanden wir auf dem Mittagstisch ; aber so weit sind wir ja wohl noch nicht . Wir sitzen noch hinter Stopfkuchens zweitem Frühstück unter den alten Linden vor der Quakatzenburg auf der Roten Schanze , Freund Heinrich Schaumann und ich , und der Eßtisch drinnen im Hause wird eben erst in die Mitte der Stube gezogen , um von Frau Tinchen und einer zweiten Magd derselben für das Haupttreffen , die Hauptbefriedigung des täglichen Nahrungsbedürfnisses , » gedeckt « zu werden . » Endlich doch einmal ein Mensch , der ein vorgesetztes Ziel erreicht hat , ohne daß es ihn nach dem Anlangen enttäuscht hat ! « sagte und seufzte ich , in die nochmals dargereichte Zigarrenkiste greifend . » Ein bißchen viel Übergewicht « , brummte Stopfkuchen . » An heißen Tagen etwas beschwerlich , lieber Eduard . Vorzüglich bei den doch immer notwendigen Geschäftsgängen . « » Ja , hast du denn wirklich noch solche notwendige Gänge zu machen , lieber Heinrich ? Hast du wahrhaftig noch nicht mit allem , was für unsereinen so draußen herumliegt und besorgt werden muß , abgeschlossen ? Liegt nicht alles das draußen vor deinen wundervollen Wällen des Prinzen Xaver von Sachsen ? « » Was wohl soviel heißen soll als : bist du nur dazu da , auf der Roten Schanze nach dem Lebensunbehagen des Vaters Quakatz die Behaglichkeit des Daseins in deiner feisten Person zur Darstellung zu bringen ? Jetzt leihe mir mal gütigst deinen Arm , Eduard . Eine Weile dauert es wohl , ehe wir zu Tisch gerufen werden ; also kann ich dir , wenn es dir gefällig ist , vorher noch Festung , Haus und Hof - my house and my castle - , wie das alles unter meiner und Tinchens Herrschaft geworden ist , etwas genauer zeigen . Uf - langsam ! Nur nicht zu hastig . Weshalb sollen wir uns nicht Zeit nehmen ? Was könnte ich Hinhocker einem Weltwanderer gleich dir Merkwürdiges zu weisen haben , was solche ein rasendes Drauflosstürzen erforderte ? Nur mit aller Bequemlichkeit , Freund ! Wandeln wir langsam , langsam , und zwar zuerst noch einmal um den Wall des Herrn Grafen von der Lausitz , segensreichen , wenn auch nicht gloriosen Angedenkens . « » Segensreichen Angedenkens ? Das sagte die Stadt da unten , sowie die Umgegend , im Jahre Christi siebenzehnhunderteinundsechzig grade nicht . « » Aber ich sage es heute . Was geht mich die hiesige Gegend und Umgegend an ? Die schöne Aussicht darauf von Quakatzenburg aus natürlich abgerechnet . « Ich war jetzt so gespannt auf das , was er mir zu zeigen hatte , daß ich wirklich mit einiger Mühe meinen Schritt aus den Goldfeldern von Kaffraria nach seinem Schritt von der Roten Schanze mäßigte . Und zum erstenmal nun in meinem Leben umging ich auf dem Walle selbst das Schanzenviereck des Prinzen Xaver ; als Junge und als junger Mensch hatte ich es mir ja nur von jenseits des Grabens , vom Felde ,