» Ach was , denken ; ich denke gar nich . Ich sage bloß , wenn was werden soll , wird es gleich . Un wenn es nich gleich wird , wird es gar nich ... Ich kenne doch auch die Mannsleute . « » Ja , ja « , sagte Polzin und griente , » die kennst du . « » Höre , Polzin , komme mir nich so . Fange nich wieder alte Geschichten an . « » I wie werd ich denn ... Ich meine ja bloß ... « Neuntes Kapitel Der junge Graf wiederholte seine Besuche . Während der ersten Woche kam er einen Tag um den andern , dann täglich ; aber immer blieb er nur bis Spätnachmittag . Dann ging er wieder . Einmal kam ausnahmsweise der Abend heran , und man öffnete die Fenster und sah hinaus . Die Schwere der Luft machte , daß das Straßentreiben unten anders als sonst auf die Sinne wirkte , die Lichter brannten trüber , und das Geläute der Pferdebahnglocke klang gedämpfter herauf . Über dem Parke drüben stand der Mond und warf seinen Schimmer auf einen frei zwischen den Bäumen stehenden Obelisken ; die Nachtigallen schlugen , und die Linden blühten in aller Pracht . Der junge Graf wies darauf hin und sagte : » Das ist nun ein Park und heißt auch so . Aber ist es nicht eigentlich wie ein Kirchhof ? Daß alles blüht , das hat der Kirchhof auch . Und der Obelisk sieht aus wie ein Grabstein . « » Und ist auch so was . « » Wie das ? Ist da jemand begraben ? « » Nein , begraben nicht . Aber ein Denkmal ist es , das zur Erinnerung an die mit der Amazone Verunglückten errichtet wurde . Hundert oder mehr , und ich habe manchmal ihre Namen gelesen . Es ist rührend ; lauter junge Leute . « » Ja « , sagte der junge Graf , » ich entsinne mich , lauter junge Leute . « Dann schwieg er wieder , und der Ton , in dem er gesprochen hatte , klang fast , wie wenn er sie mehr beneide als beklage . Bald danach brach er auf , sichtlich bewegt von der Wendung , die das Gespräch genommen , und Stine sah , als er auf die Straße hinaustrat , daß er nicht , wie gewöhnlich , nach links hin auf die Bahnhofsbrücke zuschritt , sondern , quer über den Damm , nach dem eingegitterten Park . Da stand er nun an dem Gitter und beugte sich vor , und es war , als ob er die Namen , die der Obelisk trug , in dem Halblicht zu lesen versuche . An diesem Tage hatte sein Besuch etwas länger gedauert ; sonst blieb er nur bis Sonnenuntergang und hatte seine Freude daran , Stine bei der Arbeit zu sehen und dabei plaudern zu hören . Er nahm teil an allen Vorkommnissen , am liebsten aber war es ihm , wenn sie Geschichten aus ihrem Leben erzählte , von ihren Kinder- und Schultagen , von dem frühen Tod ihrer Mutter und von der Einsegnung , die kurz nachher gewesen , und wie die Leute im Hause gesammelt hätten , um ihr das Einsegnungskleid schenken zu können . Und wie sie dann in demselben Jahre noch in das große Woll- und Stickereigeschäft eingetreten sei - dasselbe , für das sie jetzt noch arbeite ; meistens zu Haus , aber mitunter auch im Geschäft selbst - und wie sie da lebten und Freundschaften schlössen und in der Weihnachtswoche bis in die halbe Nacht beisammensäßen und der Reihe nach eine immer vorlesen müsse . Das sei nicht bloß gestattet , das sei sogar gewünscht ; denn der Herr des Geschäfts sei klug und gütig und wisse , was es wert sei , die , die arbeiten müßten , bei Lust und Liebe zu halten . Und so käm es auch , daß sie keinen Wechsel im Personal hätten , oder doch nur sehr selten , und alle gern blieben , es sei denn , daß sie sich verheirateten . Überhaupt müsse sie sagen , es würde soviel von Aussaugen und Quälen und von Bedrückung gesprochen , aber nach ihrer eigenen Erfahrung könne sie dem durchaus nicht zustimmen . Im Gegenteil . Im Winter hätten sie Maskenball und Theaterstücke ; denn ihr Geschäftsherr , wie sie nur wiederholen könne , vergesse nie , daß ein armer Mensch auch mal aus dem Alltag herauswolle . Das schönste aber seien die Landpartien im Sommer . Da würden ein paar Kremser gemietet , und noch vor Tau und Tag ging ' es ins Freie hinaus , nach Schildhorn und Grunewald oder nach Tegel und dem Finkenkrug . Oder auch zu Wasser , was freilich , solange sie da sei , nur einmal gewesen , aber ihr auch ganz unvergeßlich geblieben sei . Da wär ein Dampfschiff gemietet worden , und die ganze Spree hinauf , an Treptow und Stralow und dann an Schloß Köpenick und Grünau vorüber , wären sie bis in die Einsamkeit gefahren , bis an eine Stelle , wo nur ein einziges Haus mit einem hohen Schilfdach dicht am Ufer gestanden habe . Da wären sie gelandet und hätten Reifen gespielt . Ihr aber sei das Herz so zum Zerspringen voll gewesen , daß sie nicht habe mitspielen können , wenigstens nicht gleich , weshalb sie sich unter eine neben dem Hause stehende Buche gesetzt und durch die herabhängenden Zweige wohl eine Stunde lang auf den Fluß und eine drüben ganz in Ampfer und Ranunkeln stehende Wiese geblickt habe , mit einem schwarzen Waldstreifen dahinter . Und es sei so still und einsam gewesen , wie sie gar nicht gedacht , daß Gottes Erde sein könne . Nur ein Fisch sei mitunter aufgesprungen und ein Reiher über die Wasserfläche hingeflogen . Und als sie sich satt gesehen an der Einsamkeit , habe sie die andern wieder aufgesucht und mit ihnen gespielt ; und sie höre noch das Lachen und sähe noch , wie die Reifen in der Sonne geblitzt hätten . Der junge Graf hörte nichts lieber als dergleichen Erzählungen , und so glücklich ihn jedes Wort stimmte , so lehrreich war es ihm auch . Er war in der Vorstellung herangewachsen , daß die große Stadt ein Babel sei , darin die Volksvergnügungen , wenn nicht mit Sittenlosigkeit und Roheit , so doch mit Lärm und Gejohle ziemlich gleichbedeutend seien , und mußte nun aus Stines Munde hören , daß dies Babel eine Vorliebe für Lagern im Grünen , für Zeck und Anschlag habe . Dergleichen verfehlte denn auch nicht , seine Gedanken immer mehr einer ihm angeborenen , allen Standesvorurteilen abgewandten Richtung zuzuwenden , und wenn Stine mit solchen Schilderungen , ernsten und heiteren , ihn in die Gemütlichkeit hineingeplaudert hatte , wurd er zuletzt selber mitteilsam und sogar gesprächig und erzählte von seinem eigenen Leben : von dem Predigtamtskandidaten , bei dem er bis zum Überdruß Gesangbuchlieder und Bibelsprüche habe lernen müssen , weil es so das bequemste für den Lehrer gewesen , von seinen Vorbereitungen zum Examen , durch das er nur ( denn er habe nie was gelernt ) wie durch ein Wunder hindurchgekommen sei , und endlich , nach seinem Eintritt ins Regiment , von seinen Avantageur- und Fähnrichstagen . Das wäre seine beste Zeit gewesen , seine einzig frohe , trotzdem es bei seinem frommen und eisenfresserischen Kommandeur ein für allemal festgestanden habe , » ein Fähnrich ist ein Nichtsnutz « . Und da mit einem Male hab es geheißen » Krieg « ; ein Jubel wäre losgebrochen , und drei Tage später hab er schon eingepfercht in einem Waggon gesessen , überglücklich , auch seinerseits , aus dem Garnisons-Einerlei heraus zu sein . Überglücklich . Aber freilich nicht auf lange . Denn wieder drei Tage später , und er habe , aus dem Sattel geschossen , dagelegen , und als einen Halbtoten hätten sie ihn weggetragen . Und während seine Kameraden von Sieg zu Sieg gezogen seien , hätt er sich in einem Nest an der Grenze hingequält und nicht gewußt , ob er leben oder sterben solle . Und die Natur hab es auch nicht recht gewußt und habe sich nicht entscheiden wollen . Aber zuletzt habe sie sich entschieden , und er sei genesen . Oder doch halb . Ob zu seinem Glück ? er wiß es nicht . » Es ist doch das schönste , wenn die Sonne niedergeht und ausruhen will von ihrem Tagewerk . « Stine verstand ihn wohl und bat ihn , als er das sagte , nicht so zu sprechen . Er müsse doppelt hoffen ; denn wer vom Tode gerettet sei , der lebe lange . So sage das Sprichwort , und die Sprichwörter hätten immer recht . Er lächelte bei diesen Worten und lenkte dann auch seinerseits wieder zu heiteren Dingen über . Und bald danach trennte man sich in Herzlichkeit und guter Laune . Zehntes Kapitel Es war in der dritten Woche nach ihrer Bekanntschaft , ein Freitagabend , und der junge Graf hatte noch keine zehn Minuten das Haus verlassen , als es oben an der Flurtür klopfte . Das war das Zeichen für die Polzin , die denn auch sofort erschien und sich mit der Pittelkow begrüßte . » War Besuch hier , liebe Polzin ? Ich meine bei Stine ? « » Kann ich wirklich nich sagen , liebe Frau Pittelkow . Sie wissen , wir sehen und hören nichts . « Es schien , daß sich die Polzin über dies ihr Lieblingsthema noch weiter verbreiten wollte , Stine jedoch , die das draußen auf dem Flur geführte Gespräch gehört und die Stimme der Schwester erkannt hatte , ließ es nicht dazu kommen . » Ei , das ist hübsch , Pauline , daß du da bist . « Und hiermit wandte sie sich wieder in ihr Zimmer zurück , um , vorsichtig umhersuchend , von einem schon im vollen Abendschatten stehenden Eckschrank die Lampe herunterzunehmen . » Laß man , Stinechen « , sagte die Schwester . » Es ist so hübsch schmustrig hier , un das Schmustrige hab ich nu mal am liebsten , un is immer wie ' n altes schwarzes Kreppschintuch , wo man sich gleich einmummeln un anlehnen kann , un braucht nicht steif un grade zu sitzen . Nein , laß man , Stine ; wir haben Licht genug von unten her . Sieh doch bloß , da kuckt ja der Mond grad über Sieboldten seinen Schornstein weg . « Unter solchem Geplauder hatte die Pittelkow auf dem Sofa Platz genommen und sagte , während sie sich behaglich in die Kissen drückte : » Ja , was ich sagen wollte , Stine , das Grafchen war eben wieder hier ? « » Ja , Pauline . « » Jott , Kind , wie dir die Backen brennen . « » Ja , sie brennen mir . Aber ich weiß eigentlich nicht warum . Es ist fast zum Ärgern ; ich bin rot geworden und brauchte doch nicht . « » Ach , mein Stineken , werde du man rot ; es is immer besser mal zuviel als mal zuwenig . Aber was ich sagen wollte , das Grafchen ... Es gefällt mir nich , daß er hier immer bei Dagesschluß die Treppe raufsteigt , grad als müßt er die Betglocke läuten . « » Er ist der beste Mensch von der Welt , Pauline . Nie hätt ich geglaubt , daß es einen so guten Menschen gäbe . Den ersten Tag hatte ich eine Aussprache mit ihm und redete von Anständigkeit und auf sich Halten , und daß ich ein ordentliches Mädchen sei . Aber ich schäme mich jetzt fast , daß ich so was gesagt habe . Denn immer ängstlich sein ist auch nicht gut und zeigt bloß , daß man sich nicht recht traut und daß man schwächer ist , als man sein sollte . « Die Pittelkow lächelte vor sich hin und schien antworten zu wollen , aber Stine fuhr fort : » Ja , Pauline , der beste Mensch , ohne Falsch und ohne Hochmut , aber auch ohne Glück . Wenn er mir so gegenübersitzt , ist es mir oft , als ob wir die Rollen vertauscht hätten und als ob ich eine Prinzessin wär und könnt ihn glücklich machen . Er sieht mich dann immer an und hört auf jedes Wort , das ich spreche , nicht bloß zum Schein und aus Haberei , nein , solch dummes Ding bin ich nicht mehr , mir so was einzubilden , wenn es nicht wahr wäre . Nichts von bloß so tun ; ich seh es ihm an , daß er wirklich dabei ist und daß ihn alles freut , was ich da so hinplaudere . Freilich , du wirst mich für eitel halten und es nicht glauben wollen . « » O warum nich , Stine ? Warum soll ich es nich glauben ? Ich glaub es alles . Aber alles hat auch seinen Grund und sogar seinen guten Grund . Und ich kenn ihn auch . « » Und ich denke mir , ich kenn ihn auch und weiß , woran es liegt . Sieh , es liegt daran , er hat so wenig Menschen gesehen und noch weniger kennengelernt . In seiner Eltern Hause gab es nicht viel davon - sie sind alle stolz und hart , und seine Mutter ist seine Stiefmutter - , und dann hat er Kameraden und Vorgesetzte gehabt und hat gehört , wie seine Kameraden und seine Vorgesetzten sprechen ; aber wie Menschen sprechen , das hat er nicht gehört , das weiß er nicht recht . Ich denke mir das nicht aus , ich hab es von ihm , es sind seine eigenen Worte . Ja , Pauline , daran liegt es . Das ist der Grund , daß ich armes Ding ihm gefalle ; nichts weiter . Er ist unglücklich in seinem Haus und seiner Familie . Vor allem aber denke nur nicht , er sei mein Anbeter oder Liebhaber , oder wie du ' s sonst noch nennen willst . Ich sehe wohl , daß er mich liebhat , aber das ist doch was andres , und das kann ich dir sagen , noch ist kein Wort über seine Lippen gekommen , dessen ich mich vor Gott und Menschen oder vor mir selber zu schämen hätte . « » Glaub es « , sagte die Pittelkow . » Glaub es alles . Aber , meine liebe Stine , das ist es ja eben . Ich hab es mir so gedacht , gerade so . Gleich als ich ihn das erste Mal sah , als die beiden Alten mit da waren und Wanda Holofernessen köppte , da wußt ich es . Sieh , Kind , es sind mir so viele Mannsleute zu Gesichte gekommen , und wenn ich welche sehe , na , so kenn ich sie gleich durch un durch un kann sie aussuchen wie Handschuh nach der Nummer un weiß gleich , was los is . Un mit dem jungen Grafen is nich viel los . Er is man schwächlich , un die Schwächlichen sind immer so un richten mehr Schaden an als die Dollen . « Stine sah die Schwester an . » Ja , du siehst mich an , Kind . Aber es is wahr un wahrhaftig so . Du denkst wunder , wie du mich beruhigst , wenn du sagst : Es is keine Liebschaft . Ach , meine liebe Stine , damit beruhigst du mich gar nich ; konträr im Gegenteil . Liebschaft , Liebschaft . Jott , Liebschaft is lange nich das schlimmste . Heut is sie noch , un morgen is sie nich mehr , un er geht da hin , und sie geht da hin , un den dritten Tag singen sie wieder alle beide : Geh du nur hin , ich hab mein Teil . Ach , Stine , Liebschaft ! Glaube mir , daran stirbt keiner , un auch nich mal , wenn ' s schlimm geht . Was is es denn groß ? Na , dann läuft ' ne Olga mehr in der Welt rum , un in vierzehn Tagen kräht nich Huhn , nich Hahn mehr danach . Nein , nein , Stine , Liebschaft is nich viel , Liebschaft is eigentlich gar nichts . Aber wenn ' s hier sitzt « ( und sie wies aufs Herz ) , » dann wird es was , dann wird es eklig . « Stine lächelte . » Du lachst , und ich weiß auch warum . Du lachst , weil du denkst , Pauline weiß nichts davon und kann auch nichts davon wissen , denn es hat ihr nie hier gesessen . Un das hat auch seine Richtigkeit damit . Ich bin noch so drum rumgekommen . Aber , meine liebe Stine , man erlebt nich bloß an sich selbst , man erlebt auch an andern . Un ich sage dir , von so was , wie du mit dem Grafen vorhast oder der Graf mit dir , von so was is noch nie was Gutes gekommen . Es hat nu mal jeder seinen Platz , un daran kannst du nichts ändern , un daran kann auch das Grafchen nichts ändern . Ich puste was auf die Grafen , alt oder jung , das weißt du , hast es ja oft genug gesehen . Aber ich kann so lange pusten , wie ich will , ich puste sie doch nich weg , un den Unterschied auch nich ; sie sind nun mal da , und sind , wie sie sind , und sind anders aufgepäppelt wie wir , und können aus ihrer Haut nicht raus . Un wenn einer mal raus will , so leiden es die andern nich und ruhen nich eher , als bis er wieder drinsteckt . Un denn kannst du hier so lang in die Sonne kucken , bis sie morgens bei Polzins oder bei der Frau Privatsekretär wieder rauskommt , er kommt doch nich , er sitzt erster Klasse mit Plüsch un hat noch ein Luftkissen bei sich , un sie hat ' nen blauen Schleier an ' n Hut , und so geht es heidi ! nach Italien . Un das is denn , was sie Hochzeitsreise nennen . « » Ach , Pauline , so kommt es nich . « » Ja , so kommt es , mein armes Stineken . Un wenn es nich so kommt , na , denn kommt es noch schlimmer , denn is er ein Eigensinn un will partout mit ' n Kopp durch die Wand , un da hast du denn den Kladderadatsch erst recht . Glaube mir , Kind , von ' ne unglückliche Liebe kann sich einer noch wieder erholen un ganz gut rausmausern , aber von ' s unglückliche Leben nich . « Elftes Kapitel Baron Papageno ( niemanden über sich ) wohnte von alter Zeit her drei Treppen hoch , teils , weil er das seiner Meinung nach erst in etwa Dachhöhe beginnende Ozon auch in seiner Berliner Abschwächung nicht missen wollte , teils , weil er einen Widerwillen hatte , bei jeder über ihm stattfindenden Mahlzeit ein halbes Dutzend Menschen und Stühle herumpoltern zu hören . Namentlich war ihm das Hinundherschrammen in den Tod verhaßt , das seiner in früheren Wohnungen gemachten Erfahrung nach überall da blühte , wo Kinder mit zu Tische saßen , Kinder , die noch nicht alt genug waren , ihren Stuhl manierlich heranzustellen , und sich deshalb aushilfeweise zum Schieben gezwungen sahen . Neben dem Griffelgequietsch auf Schiefertafeln gab es nichts , was ihn so nervös gemacht hätte wie solche Stuhl- und Rutschfahrten ihm zu Häupten . Aber freilich , seine der gesamten Wohnungsfrage geltenden Sorglichkeiten beschränkten sich nicht auf Luftschicht und Hausruhe , sondern zeigten sich beinah mehr noch in dem Raffinement , mit dem er bei der Wahl der Stadtgegend verfahren war und Zietenplatz und Mohrenstraße-Ecke gewählt hatte . Wie sich denken läßt , hielt er diese seine Kastellecke für nicht mehr und nicht weniger als den schönsten Punkt der Stadt und lag darüber mit dem alten Grafen in einer beständigen Fehde . Dieser seinerseits zog die Behrenstraße weit vor , unterlag aber bei den sich darüber entspinnenden Streitigkeiten jedesmal , weil er in der üblen Lage war , mit bloßen legitimistischen Sentiments gegen Tatsachen fechten zu müssen . » Ich bitte Sie , Graf « , sagte dann Papageno mit einer von vornherein überlegenen Miene , » was haben Sie , Hand aufs Herz , in der Behrenstraße ? Sie sehen nun schon sieben Jahre lang in das Portal der kleinen Mauerstraße hinein , ohne je was anderes herauskommen zu sehen als eine Kutsche mit einer alten Prinzessin oder einer noch älteren Hofdame . Das ist mir aber , offen gestanden , trotzdem die Kutschen zu sind , als Point de vue nicht anziehend genug . Und nun vergleichen Sie damit meine Mohrenstraße-Ecke ? Sag ich zuviel , wenn ich behaupte , daß mir , von meinem Ausguck aus , ganz Berlin , soweit es mitspricht , zu Füßen liegt ? Was ich jeden Morgen zuerst zu begrüßen in der Lage bin , ist der alte Zieten auf seinem Postament . Als er noch weiß war , war er mir freilich noch lieber , und wenn ich ihn damals so marmorblank in der Morgensonne dastehen und leuchten sah , dacht ich mitunter , er werde reden wie der selige Memnon aus seiner Säule . Nun , das hat er schon damals unterlassen , und seitdem er erz- und olivenfarben geworden ist , ist es vollends damit vorbei - die besseren Tage liegen ihm und anderen zurück . Aber besser oder nicht , der alte Zieten ist überhaupt nur Vorposten an dieser Stelle , hinter dem ich - die Menge muß es bringen - an jedem neuen Tage nach links hin die Gamaschen des Alten Dessauers und nach rechts hin die Fahnenspitze des alten Schwerin blinken sehe . Vielleicht ist es auch sein Degen . Und en arrière meiner Generäle türmen sich die Ministerien auf und Pleß und Borsig , und wenn ich mich noch weiter vorbeuge , seh ich sogar das Gitter von Radziwill , jetzt Bismarck , und durchdringe mich mit dem patriotischen Hochgefühle : hier Preußen unter dem Alten Fritzen , dort Preußen unter dem eisernen Kanzler . « So liebte Baron Papageno zu perorieren und schloß dann in der Regel mit Zitaten aus der ersten Strophe des » Ring des Polykrates « , womit sich seine Kenntnis der Ballade , wie bei vielen andern , erschöpfte . Der Baron lag auch heute wieder im Fenster , aber nicht nach dem Zietenplatze , sondern nach der Mohrenstraße hinaus , und beobachtete die Sperlinge , die gerad gegenüber in der Dachrinne saßen und sich unter beständigem Gepiep und Gehupf , dem dann ein abschüttelndes Flügelschlagen folgte , den Extravaganzen eines geordneten oder vielleicht auch ungeordneten Familienlebens hingaben . Er sann eben darüber nach , ob er sich nicht aus moralpädagogischen Gründen ein kleines Pustrohr anschaffen und durch Hinüberschießen kleiner Lehmkugeln etwas mehr Askese heranbilden solle , als er draußen auf dem Flur die Klingel gehen hörte . Seine Wirtin mußte , der Tagesstunde nach , eigentlich noch zu Hause sein , und so hielt er vorläufig ruhig auf seinem Beobachtungsposten aus , bis das mehrfach wiederholte Klingeln ihn veranlaßte , nachzusehen , was es sei . Baron Papageno hatte draußen den Postboten erwartet und war nicht wenig überrascht , statt seiner den jungen Grafen vor sich zu sehen . » Ah , Waldemar ! Herzlich willkommen . Wie Zeit und Jugend sich ändern ! Ich schlief immer noch um elf , und Sie sind schon auf und gestiefelt und gespornt und machen Ihre Visiten . Aber bitte , geben Sie mir Ihren Überzieher . Oder wenn Sie meine Dienste verschmähen , auch gut ; auch das alte Selbst ist der Mann hat seine Vorzüge . Hier an diesen Riegel , wenn ich bitten darf . Und nun lassen Sie mich vorangehen und den Führer machen ... Soll ich das Fenster schließen ? « » Ich denke « , sagte der junge Graf , » wir lassen es , wie ' s ist . « » Gut . Oder vielmehr desto besser . Nichts über frische Luft . Ich war eben naturhistorischen Betrachtungen hingegeben , und zwar dem Liebesleben einer Sperlingsfamilie drüben in der Dachrinne . Nichts interessanter als solche Betrachtungen . Und warum ? Weil wir ihnen entnehmen dürfen , daß auch das tierweltlich Intrikateste seine Parallelstellen in unserem eigenen Leben findet . Glauben Sie mir , Waldemar , nichts falscher als die Vorstellung , daß es mit der Gattung homo was ganz Besonderes sei . « Der junge Graf nickte zustimmend . Der alte Baron aber , ohne sich im geringsten um Anzweiflung oder Zustimmung zu kümmern , fuhr in dem ihm eigenen jovialen Tone fort : » Sehen Sie , Waldemar , die Sperlinge . Meine Passion ! Jedes Alter hat seine Passionen , und die Sperlinge repräsentieren am Ende nicht die schlimmste . Hübsch freilich sind meine Freunde drüben nicht und auch nicht wählerisch , eigentlich in nichts , im Gegenteil , immer frère cochon , aber auch immer amüsant , und das ist für mich das entscheidende . Denn die meisten Tiere - wiederum ganz nach höherer Analogie - sind herzlich langweilig , darunter selbst solche , die für bevorzugt gelten , und fast möcht ich sagen , den Vortritt haben . Nehmen Sie beispielsweise den Hahn . Er denkt sich wunder was und ist doch eigentlich nur ein Geck . Außer dem Amte , das ihm obliegt und über das ich in so früher Stunde nicht gern sprechen möchte , was tut er sonst noch , das der Rede wert wäre ? Nichts . Er hält sommers von drei Uhr ab seine Dienststunden . Aber das ist mir zuwenig . Und nun vergleichen Sie damit den Sperling . Immer guter Laune , gesprächig , fidel . Überall guckt er rein , alles will er wissen , alles will er haben - die reinen Preußen in der Weltgeschichte der Vögel ... Aber ich verschwatze mich , die Sperlinge sind nun mal mein Steckenpferd , ein etwas sonderbares Bild . Und nun nehmen Sie Platz , wenn ich bitten darf ... Zigaretten ? Oder einen Morgencognac ? « Und er fuhr im Zimmer hin und her , um zunächst ein Kistchen Zigaretten und dann Aschbecher und Feuerzeug vor den jungen Grafen hinzustellen . Als er aber endlich damit zu Ruhe war , nahm er selber Platz und blickte mit seinen freundlichgrauen Augen , die pfiffig und unbedeutend in die Welt hineinsahen , seinen Besucher an . » Ich komme « , begann dieser , » in einer etwas diffizilen Angelegenheit ... « » Also Geldsache « , warf Papageno dazwischen und versuchte zu lachen . Denn seine Finanzlage war nicht die beste . » Nein , nicht das , lieber Baron . Es handelt sich vielmehr um eine Herzens- und Standessache . Rundheraus , ich habe vor , mich zu verheiraten . « » Ah , charmant . Eine Hochzeit . Wahrhaftig , ich wüßte nicht , lieber Waldemar , was Sie mir Lieberes sagen könnten . Ich hab es verpaßt und stecke nun in meinen Junggesellenpantoffeln . Aber wenn ich höre , daß ein anderer es wagen will , da faßt mich immer ein heftiger Neid , und ich höre nichts als Orgel und Tanzmusik und sehe nichts als Bouquets und kleine weiße Atlasschuhe . Die sind auch eine Passion von mir , beinah noch mehr als die Sperlinge . Und aus allen Backöfen werden dann Kuchen gezogen , und abends steigen Raketen aus dem Park in den schwarzblauen Himmel auf , und im Kruge , was immer das interessanteste bleibt , gibt es nichts als Friesröcke , Brustlatz und Zwickelstrümpfe . « » Meine Hochzeit , lieber Baron , wenn sie überhaupt stattfindet , wird mutmaßlich einfacher verlaufen . Ich habe nicht unter den Komtessen des Landes gewählt und bin , von unserm Standpunkt aus angesehn , eine gute Stufe herabgestiegen ... « » Auch das hat seine Vorzüge . Junge Bourgeoise ? « » Nein , Baron , Sie müssen noch eine Stufe tiefer . Ich habe vor , die Zustimmung des Mädchens vorausgesetzt , mich mit der Schwester der Pittelkow zu verloben , mit Stine . « Der Baron war aufgesprungen . Er faßte sich aber schnell wieder und sagte , während er sich setzte : » Sie werden Ihre Gründe gehabt haben . Außerdem weiß ich aus hundert Erlebnissen , um nicht zu sagen aus eigener Erfahrung , welche Launen Gott Amor hat und in welchen Sprüngen und Abweichungen er sich gefällt . Man kann beinah sagen , er hat eine Vorliebe für den Ausnahmefall . Aber Ihr Onkel ? Ihre Familie ? « » Das eben ist es , Baron , weshalb ich zu Ihnen komme . Daß meine Familie niemals zustimmen wird , ist mir gewiß , auch liegt es mir fern , nur den Versuch dazu machen zu wollen . Ich respektiere die herrschenden Anschauungen . Aber man kann in die Lage kommen , sich in tatsächlichen Widerstreit zu dem zu setzen , was man selber als durchaus gültig anerkennt . Das ist meine Lage . Meine Familie kann den Schritt nie gutheißen , den ich vorhabe , braucht es nicht , soll es nicht , aber sie kann ihn gelten lassen , ihn verzeihn . Und diese Verzeihung möcht ich haben , nichts weiter . Ich will keine guten Worte hören , aber , wenn ' s sein kann , auch keine bösen . Es genügt mir , einer gewissen Teilnahme sicher zu sein , in der sich