, gute Nacht , Mutter . Ich bin müde . « Und dabei nahm er einen Blaker und das Amerika-Buch und stieg in seine Giebelkammer hinauf . Oben aber schob er einen Stuhl an sein Bett . Und eh er das Licht auslöschte , sah er noch einmal auf den Titel des Buchs . Der lautete : » Die Neue Welt oder Wo liegt das Glück ? « Opitz hatte wirklich , ganz wie Frau Menz erzählte , während der Brückenberger Hochzeit in entgegenkommender Weise mit sich reden lassen , und als Siebenhaar , wie durch einen glücklichen Zufall , am folgenden Tage schon einen schwarzgesiegelten Brief empfing , der ihn in die Notwendigkeit versetzte , für einen unbemittelten und brustkranken Amtsbruder samt Schwägerin und fünf in kürzesten Zwischenräumen aufeinander gefolgten Kindern ( die Mutter war dann schließlich im Kindbett gestorben ) eine hochgelegene , möglichst geräumige , vor allem aber möglichst billige Wohnung im Gebirge zu mieten , beschloß er , sich dieses Auftrages auf der Stelle zu entledigen und bei der Gelegenheit seinen längst beabsichtigten Besuch bei den Menzes in Wolfshau zu machen und seinen Freund Lehnert wissen zu lassen , daß alles gut stehe . Siebenhaar , trotz seiner siebzig , war noch ein rüstiger Steiger und hielt deshalb zu dem Satze , » was sich zu Fuß tun lasse , nicht auf kostspielige Weise zu Roß und Wagen machen « . Er griff also zu Hut und Stock , um gegen elf in Krummhübel und , nach einem Imbiß in der » Schneekoppe « , spätestens um zwölf in Wolfshau zu sein . Der Morgen war prachtvoll , und der Heugeruch zog vom Feld her über den Weg . Aber dieser selbst , trotzdem es die große chaussierte Straße war , war noch wenig belebt , und erst als Siebenhaar , an der Untermühle vorbei , bis an die steile , zu den ersten Häusern von Krummhübel hinaufführende Berglehne gekommen war , war auch Leben da : die Schule war aus , und die flachsköpfige Jugend , Jungen und Mädchen , mit Mappen unterm Arm und auf dem Rücken , stürmten übermütig den Abhang hinunter . Aber mit einem Male Siebenhaars ansichtig werdend , hielten sie mitten im Jagen inne und grüßten und stürmten dann erst weiter . Dem alten Herrn lachte das Herz bei dieser Begegnung , und die Freude darüber erleichterte ihm den Aufstieg bis auf die Höhe , von der aus , bis weiter hinauf zum Exnerschen Gasthause , nur noch eine kleine Strecke war . Aber so klein sie war , so war sie doch bestimmt , ihm eine freundliche Überraschung zu bringen : eine Feuerwehrparade . Für gewöhnlich war diese , samt nachfolgender Mannschaftsübung , eine Sonn- und Feiertagssache , die Brückenberger Hochzeit aber , die gestern alles in Atem erhalten hatte , hatte diesmal eine Verlegung gefordert , und so kam es denn , daß Siebenhaar an einem Schauspiel teilnehmen konnte , das er seit Jahr und Tag nicht mehr gehabt hatte . Die Dorfgasse hinauf , hart an einem kleinen Rinnsal entlang , standen die Spritzen und Wasserwagen , aus deren Mitte hohe Leitern aufragten , während auf dem frei gebliebenen Straßenteil die Feuerwehr selber stand , dreigliedrig aufmarschiert , prächtige Gestalten in bayerischen Helmen und mit Musik am rechten Flügel . In Front seiner Mannschaften aber stand Exner junior aus der » Schneekoppe « , der , ein Jahr jünger als Lehnert , gleich nach dem Kriege bei den Görlitzern gedient und den Schneid und Pli dieser erlesenen Truppe weggekriegt hatte . Das , und mehr noch seine gesellschaftliche Stellung als Reichster und deshalb Erster im Dorf , hatte dafür Sorge getragen , daß ihm das Feuerwehrkommando wie selbstverständlich zugefallen war . Er war gekleidet wie der Rest der Mannschaften , roter Kragen und Aufschläge zu dunkelblauem Rock , trug aber die Galons und Achselbänder des Offiziers . Die von ihm abzunehmende Revue hatte just abgeschlossen , wie kaum gesagt zu werden braucht , » zu seiner besonderen Zufriedenheit « , und eben schien er den Befehl zum Abmarsch auf das mehr talwärts gelegene Dorf Steinseiffen zu , wo dann mit Leitern und Rettungsapparaten ein Scheinfeuer bekämpft werden sollte , gehen zu wollen , als er , des alten Siebenhaar , seines Freundes und Lehrers , ansichtig werdend , sich plötzlich eines andern besann und » Stillgestanden ... Rückwärts richt ' t euch ... Präsentiert das Gewehr « kommandierte . Wie da die Griffe klappten ; alles fuhr stramm zusammen , und unter Ehrenbezeigungen wie diese passierte der Alte die für ihn freigegebene Gasse . Nun erst nahm Exner sein ursprüngliches Kommando wieder auf : » Rechtsum .. . Feuerwehr , marsch « , und unter Trommelschlag und Querpfeife setzte sich der lange Zug bergab , auf Steinseiffen hin , in Bewegung . Aber eine kleine Strecke nur , dann schwiegen die Trommeln und Pfeifen , und Horn und Klapptuba stimmten statt ihrer eine militärische Musik an , und Becken und Pauke fielen ein . Siebenhaar , ein alter Burschenschafter , sah ihnen nach , und eine Träne stand in seinem Auge : » Wie dank ich dir , Gott , diese Tage noch erlebt zu haben « , und erst als die Kolonne seinem Blick entschwunden war , stieg er weiter hinauf auf den Exnerschen Gasthof zur » Schneekoppe « zu , woselbst er einen Imbiß nehmen und wegen der für den Amtsbruder zu mietenden Wohnung einige Erkundigungen bei der guten alten Frau Exner , der Mutter des Feuerwehrkommandanten , einziehen wollte . Selbstverständlich nahm Siebenhaar , als er sein vorläufiges Ziel erreicht hatte , seinen Platz in Front der Halle , just an der Stelle , wo sonst Espes und Lieutenant Kowalski zu sitzen pflegten . Der Garten war , der frühen Stunde halber , noch leer , und nur in der Siebenhaar zunächst befindlichen Laube standen , angesichts einer über den Tisch hin ausgebreiteten Karte , drei Touristen von eleganter und beinah weltmännischer Haltung , die trotz ihres prononciert sächsischen Dialekts unschwer erkennen ließen , daß sie viel » drüben « gewesen sein mußten , in England oder vielleicht gar in Amerika . Siebenhaar , wenn er nach der Seite hin schärfer zu beobachten gewußt hätte , würde sofort auf Chemnitzer oder doch mindestens auf Meeraner Industrielle geraten haben . Aber dergleichen Beobachtungen lagen ihm fern . Er sah nur nach der Laube hinüber und horchte neugierig auf den Gang der von nur zu deutlichen Stimmen geführten Unterhaltung . Einer der drei , der der Kritischste zu sein schien , unterzog - ein großes gelbes Kursbuch in der Hand - die von dem über die Karte gebeugten Hauptsprecher in einem fort vorgebrachten Zeit- und Ortsangaben einer beständigen Kontrolle , was den Reisestrategen , den » Mann der Karte « , natürlich sehr verdroß . Überhaupt schien die Stimmung nicht die beste zu sein , denn zwei junge hübsche Frauen , die mit zur Partie gehörten , sahen sich entweder unter ironischem Lächeln an oder schlugen ungeduldig die fünf Finger ihrer Hände ineinander . Es half ihnen aber nichts . » Ich denke also « , fuhr der Hauptsprecher und Kartenstratege fort , » wir gehen über das Gehänge . Führer brauchen wir nicht , denn wir haben eben die Karte . Hier läuft der Weg - ein bemerkenswert dicker Strich , alles klar und deutlich . Willst du so gut sein , Agnes , und dich durch den Augenschein überzeugen , daß er hier läuft . Bitte , Mathilde , tritt auch heran ! Ich habe nicht Lust , mir nachher Vorwürfe machen zu lassen oder Anklagen zu hören über Nichtwegekenntnis und Verlaufen und Irrfahrten . Freilich , wenn die Schuhe drücken , so ist das eine Sache für sich , die mit dem Weg und der Führung nicht das geringste gemein hat . Auf Reisen sollten Eitelkeiten der Art aufhören . Denn enge Schuhe sind Eitelkeiten . Es ist jetzt elf Uhr fünf Minuten , wir müssen also spätestens drei Uhr fünfzehn Minuten oben sein . Schnitzel oder Koppen-Beefsteak , je nachdem . Ich rechne darauf vierzig Minuten . Aber sagen wir fünfundvierzig , was hoch gerechnet ist . Jedenfalls sind wir mit dem Glockenschlage vier auf der böhmischen Seite . Dann im Laufschritt bergab ; Laufschritt , wenn die Terrainbeschaffenheit ihn irgendwie gestattet , ist bekanntlich bequemer und sicherer als ewige Vorsicht und Trippelei . Um sechs Uhr sind wir in Johannisbad und sieben Uhr fünf Minuten in Trautenau . Hier treffen wir den Zug und sind um Mitternacht in Prag . « » Der Zug von Trautenau geht aber schon sechs Uhr fünfundfünfzig « , sagte der mit dem Kursbuch , der auf diesen abzugebenden Zwischenschuß mit einer Art Schadenfreude gewartet zu haben schien . » Sieben Uhr fünf oder sechs Uhr fünfundfünfzig ist gleich . Eine Differenz von zehn Minuten ist keine Differenz ; jedenfalls aber durch ein rascheres Tempo leicht einzubringen . Außerdem gehen von Johannisbad aus immer Retourwagen . Aber wenn auch nicht , mit Hilfe von ... « Er kam nicht weiter in seinen Auseinandersetzungen , denn beide junge Frauen , welche die » ewige Rennerei « längst satt hatten , faßten sich in diesem Augenblick unter und traten ziemlich demonstrativ vom Tisch fort an den plätschernden Springbrunnen . » Ach , Mathilde « , sagte die eine , » wenn wir den doch mitnehmen könnten . « Und dabei stellte sie sich aufatmend in den Sprühregen . » Weißt du , daß ich hier bleiben möchte ? « Die andere nickte . » Und was wohl die Kinder machen mögen ? « » Ach die ! Aber wir ! « Siebentes Kapitel Siebenhaar war entzückt , ebenso von dem feierlichen Ernste , mit dem die Fehde zwischen dem Karten- und dem Kursbuchmann geführt wurde , wie von den kleinen Verstimmungen des verbleibenden Restes der Gesellschaft . Er sah denn auch , um diese Verstimmungen besser verfolgen zu können , eben neugierig nach dem Springbrunnen hinüber , auf dessen Rand sich die beiden Damen und mit ihnen der dritte , jüngere Herr ( welcher der Unverheiratete der Partie zu sein schien ) gesetzt hatten , als er , einigermaßen verlegen - weil es mit dem Weiterbeobachten nun natürlich vorbei sein mußte - , die gute Frau Exner auf sich zukommen sah , seine liebe , alte Freundin , die vor vierzig Jahren oder , was dasselbe sagen will , bald nach seinem Amtsantritte von ihm eingesegnet und zehn Jahre später getraut worden war . Sie nickte schon von weitem und setzte sich zu ihm , um eine kleine Plauderei mit ihm zu haben . Die machte sich denn auch - nur noch von einzelnen Streifblicken nach dem Springbrunnen hin begleitet - ebenso rasch wie gemütlich , und erst als eine Viertelstunde später die Touristen , Männlein und Weiblein , aufgebrochen waren , entsann sich Siebenhaar , mitten im Gespräch über die glänzende Vermögenslage des alten Zölfel , auch seines Amtsbruders , um dessentwillen er eigentlich gekommen war , und las nun aus dem Briefe desselben die Stelle vor , die des kranken und kinderreichen Mannes Wünsche noch einmal kurz zusammenfaßte . » So handelt es sich denn , lieber Bruder « , so hieß es im Wortlaut , » vor allem um reine Luft und gesunde Lage , wenn es sein kann , an einem Hochwalde hin , selbstverständlich mit Ausschluß von Sumpf und Wiesengrund , zum zweiten aber um drei geräumige Zimmer mit sieben Betten , am liebsten über dem Kuhstall , wenigstens das meinige . Daß ich vor Hundebleff geschützt bin , darf ich wohl voraussetzen , ebenso daß das Haus oder die Baude nicht unmittelbar an der Lomnitz steht . Ich leide nämlich seit letztem Winter an einer Trommelfellaffektion oder vielleicht auch bloß an allgemeiner Nervenüberreizung und bedarf deshalb absoluter Stille . Was ich eingangs über den Preis geschrieben habe , brauche ich Dir nicht zu wiederholen . « Siebenhaar , als er gelesen , steckte den Brief wieder ein und sagte : » Ja , das wär es , liebe Frau Exner . Und nun sagen Sie , was meinen Sie dazu ? « Diese lachte still vor sich hin . » Es fehlte bloß noch , daß er geschrieben hätte , nicht Wind , nicht Sonne haben zu wollen . Aber ich werde mir ' s überlegen , und wenn ich was finde , so schick ich einen Boten oder komm auch wohl selbst und sehe mir mal wieder die Konfirmandenstube an . « » Das soll ein Wort sein , liebe Frau Exner . Und dann zeig ich Ihnen auch gleich meine Kanarienvogelhecke , zwei Schläger , wie sie die Harzer nicht besser haben . « Er blieb noch eine kleine Weile , dann stand er auf und ging in einem langsamen Schritt , denn es war heiß geworden , bis zum Gerichtskretscham und dem gleich dahinter gelegenen katholischen Kapellchen , um von hier aus nach Wolfshau abzubiegen . Der Weg schlängelte sich durch Kusseln und Heidekraut und mündete zuletzt auf die breite Hauptstraße , die neben der Lomnitz hinlief und weiter aufwärts die Grenze zwischen dem Opitzschen und dem Menzschen Gewese zog . Als er diesen Teil der Straße fast schon erreicht und jedenfalls die beiden Häuser schon in Sicht hatte , hielt er noch einmal an , weil er etwas außer Atem war , und schritt dann erst auf den Brückensteg zu , der nach dem Inselchen hinüberführte . Von dem Kapellchen her klang gerade das Mittagsläuten , Lehnert aber , der , wenigstens bei der Arbeit , nicht für strenges Stundenhalten war , blieb in seinem Schuppen und schnitzelte weiter , ohne des Läutens und der Mahnung zur Mittagsmahlzeit zu achten . Erst als der Hahn in ein ungewöhnliches Krähen kam und mit seinem ganzen Hühnergefolge nach dem Arbeitsschuppen hin retirierte , sah er auf und bemerkte nun Siebenhaar , der eben vom Brückensteg her auf den Vorgarten und die kleine Steintreppe zuschritt . Er legte nun das Schnitzeisen aus der Hand und ging auf den Alten zu , den er , seine Kappe ziehend , respektvoll begrüßte . Dabei wollte Lehnert etwas von Dank und Freude sprechen , aber Siebenhaar , der nicht bloß eine Kanarienvogelhecke hatte , sondern vor allem auch ein Rosenzüchter war , war von dem das ganze Haus umfassenden und überall hin mit Knospen und gelben Blüten überdeckten Rosenbusche viel zu sehr entzückt , um Lehnert ausreden zu lassen , und sagte nur ein Mal über das andere : » Lehnert , Junge , wo hast du diesen Busch her ? Der ist ja schöner als der Hildesheimsche . Rote , die hat jeder ; aber gelbe , gelbe . Wie nennt ihr sie denn ? Ei , das ist ja eine wahre Gottesgabe . « Während er noch so sprach , war er auf den Flur und gleich danach in die Stube getreten , drin Frau Menz eben am Ofenherd stand und die Kartoffeln , frische , die von ihr wie Gold behandelt wurden , in den Topf zählte . Kaum aber , daß sie des Besuchs ansichtig wurde , so fuhr sie zunächst mit der nassen Hand über die Schürze , band diese dann rasch ab und kam auf Siebenhaar zu , den sie jetzt umknickste und mit einer Flut von kriecherischen Worten überströmte . Lehnert schüttelte den Kopf , aber die Alte sah es nicht oder wollt es nicht sehen und fuhr in ihrem Wortschwall unverändert fort : » Aber nun bitt ich , Herr Pastor ; hier dieser , der hat die beste Lehne ... setzen müssen Sie sich ... Sie werden uns doch die Ruhe nicht mit fortnehmen wollen ... Ich denke , hier an den Ofen . Oder soll ich das Fenster aufmachen ? Ja , das will ich , das wird das beste sein , ich werde das Fenster aufmachen . Der Herr Pastor , soviel habe ich wohl gesehn , haben immer das eine Fenster auf , und auch noch ein Fliegenfenster dazu , da zieht es noch mehr . Ja , was die Reichen sind und die Studierten , die sind immer so sehr für frische Luft , auch wenn es kalt ist ; aber unsereins will gern warm sitzen , weil man sonst nichts Warmes hat , und das bißchen Kleinholz gibt es ja auch , das heißt , wenn man den Zettel hat , sonst ist Opitz gleich bei der Hand und schreibt einen auf , und man hat seine vierzehn Tage weg , man weiß nicht wie ... Gott , wenn ich nur noch von dem Hochzeitskuchen hätte ... Nun hab ich so gut wie nichts für den Herrn Pastor ... Aber wenn arme Leute so was im Hause haben , dann sind sie wie die Kinder , und Lehnert ist eigentlich schuld ... Ja , Lehnert , du bist schuld , du sagst doch sonst immer : Mutter , verdirb dich nicht , Mutter , sei nicht so naschig . Aber du hast kein Wort gesagt , und da hab ich alles verputzt und verurscht , und is kein Krümel mehr da . « Lehnert war aufgestanden und trommelte vor Ungeduld an die Fensterscheibe , Siebenhaar aber , der sich noch der Zeiten erinnerte , wo so mancher aus dem armen Volk hier diese Sprache der Unfreien und Hörigen gesprochen hatte , lächelte nur und sagte : » Liebe Frau Menz , ich habe ja selber von dem Hochzeitskuchen gehabt und hab es geradeso gemacht wie Sie und hab ihn auch aufgegessen oder verputzt , wie Sie sagen , jedenfalls viel zuviel , was man eigentlich nicht soll . Und Lehnert hat ganz recht , wenn er gegen das Naschen ist . Aber das ist nun mal nicht anders , auch die Alten bleiben Kinder . Und wissen Sie , wer der dritte war , der auch zuviel gegessen hat , und noch dazu gleich oben , als der Kaffee kam ? Der dritte war unser Freund Opitz ... « Die Alte nickte und kicherte vor sich hin . Siebenhaar aber wiederholte : » Ja , unser Freund Opitz . Und sehn Sie , liebe Frau Menz , wenn ich hörte , daß er diese Nacht ein großes Alpdrücken gehabt und seine Frau mit seinem Tode geängstigt habe , so würd ich mich nicht wundern . Aber , wie gesagt , es haut eben jeder mal über die Schnur , Sie und ich und natürlich auch ein Förster . Und ist auch nicht so schlimm , wenn einer nur sonst brav und tüchtig ist . Und das ist Opitz und auch gar nicht so hart , wie die Leute glauben , und wenn man ihn nur zu nehmen weiß und ihm seine Ehre gibt , darauf hält er , und darauf muß er halten , so läßt sich ganz gut mit ihm leben , und ist auch nicht so gehässig und unversöhnlich , wie mancher meint , wovon ich mich erst gestern wieder überzeugen konnte ... « » Hörst du , Lehnert , hörst du ? Das ist es ja , was ich auch immer sage . Der Förster ist doch eine Obrigkeit , und die Obrigkeit ist von Gott . Ja , das haben Sie gepredigt , Herr Prediger , und das vergeß ich nicht wieder . Opitz ist Obrigkeit und ein guter Mann und steht eigentlich in Gottes Namen da ... « » Ach , Mutter , rede doch nicht solchen Unsinn . Er ist bei dem Grafen in Dienst , und für den steht er da . So was darfst du nicht sagen , und am wenigsten , wenn der Herr Pastor da ist , das ist ja die reine Gotteslästerung . Und du sagst es auch alles bloß so hin und weißt recht gut , daß er nicht anders ist als du und ich und vielleicht noch ein bißchen schlechter . « Siebenhaar nahm Lehnerts Hand und lächelte : » Mußt dich nicht so ereifern , Lehnert . Die Mutter sagt es bloß , weil sie den ewigen Streit nicht will und sich ängstigt und Ruh und Frieden und gute Nachbarschaft haben möchte . Treff ich ' s ? Sage selbst ... « » Und weil ihr alles gleich ist , Herr Pastor , wenn sie nur ihren Vorteil hat . Das ist es . Und wenn sie drüben ein ranzig Stück Speck haben oder mit einem Rehviertel nicht mehr wissen , wo sie mit hin sollen , dann ist sie gleich bei der Hand und will sich ' s schenken lassen . Ich will aber nichts Geschenktes haben aus dem Haus da , und wenn es denn durchaus ein Reh oder ein Rehviertel sein soll ... « » Dann weißt du , wo du ' s hernimmst ... Ja , Lehnert , das ist es eben , und darüber klagt Opitz und über deinen Trotz , der das Verbotene nicht bloß tut , sondern sich ' s auch noch berühmt . Wie viele Male hab ich dir das schon vorhalten müssen . Erst neulich wieder . Ist es nicht so ? Du schweigst ... Sieh , ich bin gestern mit ihm eine halbe Stunde lang um die Brückenberger Waldwiese herumgegangen und hab ihn beschworen , nicht alles sehen und nicht alles hören zu wollen , und hab ihm Vorstellungen gemacht und ihm ins Gewissen geredet . Und ich kann dir sagen , wörtlich sagen , oder doch so gut wie wörtlich , was ich ihm bei der Gelegenheit alles gesagt habe . Sehen Sie , Opitz , so hab ich ihm gesagt , Sie reden immer von Recht und Ordnung , aber was heißt Recht und Ordnung ? Das sind alles sehr schöne Sachen , und doch ist es mit Recht und Ordnung geradeso wie mit Zucht und Sitte . « Lehnert nickte . » Wie mit Zucht und Sitte . Die sollen sein . Gewiß , Zucht und Sitte sollen sein ; wer will das bestreiten ? Und wenn ich dann im Unterricht und zuletzt noch mal am Einsegnungstage den jungen Dingern zurede , daß sie sie gut halten sollen , dann tu ich das nicht bloß , um was zu sagen , dann tu ich es auch , weil mir ' s mein Herz so vorschreibt und weil ich weiß , was ein guter Wandel nicht bloß vor Gott , sondern auch vor den Menschen bedeutet und daß Glück und Unglück daran hängt . Ja , Opitz , so hab ich ihm gesagt , ich bin für Zucht und Sitte . Aber wenn ' s dann nachher anders geht und wenn eine Braut vor den Altar tritt mit einem Myrtenkranz , der ihr eigentlich nicht zukommt , dann nehm ich ihr den Kranz nicht aus dem Haar und fahre nicht mit Feuer und Schwefel drein und sprech auch nicht von ewiger Verdammnis und verzichte darauf , aus der Altarstufe , darauf das arme Ding kniet , eine Armensünderbank zu machen . Ich verzichte darauf , sag ich , und tue sie beide zusammen und empfehle sie in meinen Worten und vor allem auch in meinem Herzen der Gnade Gottes . Ich will nicht wissen , was ich weiß , und will die Kirchenzucht nicht üben , trotz dem ich sie wohl üben dürfte , ja , wie die Strengen meinen , auch wohl üben sollte . Und sehen Sie , Opitz , wie ' s in der Kirche ist , so ist es auch im Wald . Sie müssen der Armut war nachsehen und nicht bloß dem Gesetze nichts vergeben , sondern auch der Liebe nichts vergeben . Es ist eine Täuschung , wenn wir uns immer und ewig auf unser Amt und unsere Pflicht oder gar auf unseren Schwur und unser Gewissen berufen . Das meiste , was wir tun , tun wir doch aus unserer Natur heraus , aus Neigung und Willen . « Die Alte , während der Prediger so sprach , hatte mit gefalteten Händen dagesessen und allerlei vor sich hin gemurmelt , wie um ihre Andacht zu bezeugen . Aber auch auf Lehnert waren die Worte nicht ohne Einfluß geblieben , denn er war klug genug , nicht bloß das herauszuhören , was sich gegen Opitz richtete . Nein , er hörte ganz allgemein den Geist christlicher Liebe heraus und sagte sich , daß er dieser Liebe geradesogut entbehre wie Opitz und daß er sein Recht geradeso heftig und eigensinnig vertrete wie Opitz das seine . Und sein Recht war doch nur sein Recht , Opitz ' Recht aber war das anerkannte , das gültige , das uralt bestätigte . Siebenhaar , der wohl sehen mochte , was in ihm vorging , hütete sich , durch eine Zwischenbemerkung zu stören . Und so verging eine geraume Weile . Dann erst nahm Lehnert seinerseits das Wort wieder und sagte : » Und was sagte da Opitz , Herr Pastor ? Ich weiß von Christine ... « » Daß er einen hochfahrenden Sinn hat und sich in dem , was seines Amtes ist , nicht gern dreinreden läßt . Ja , so heißt es von ihm und wird auch wohl seine Richtigkeit damit haben . Aber es kommt doch auch darauf an , wer mit ihm spricht , und vor allem , wie man mit ihm spricht , und ich hab ihn gestern als einen christlichen Mann befunden , das heißt als einen Mann , der vergeben kann , weil er fühlt , daß er selber der Vergebung bedürftig ist . So wenigstens schien es mir , als ich ihm nach den Augen sah , und war mir fast , als ob ich eine Träne darin gesehen hätte . « Lehnert lachte . » Wohl , wohl . Wenn er unter Wein ist , ist ihm immer das Weinen nah . Das kenn ich . Aber es hält nicht lange vor , und von gestern auf heute wird er sich wieder anders besonnen haben . « » Kann sein , Lehnert , aber es ist nicht wahrscheinlich . Und unter allen Umständen mußt du vorläufig an seine Versöhnlichkeit glauben und dein Betragen danach einrichten . Du hast es mir versprochen , neulich schon , und ich könnte dich beim Worte nehmen . Aber ich will es nicht . Ich will es nach allem , was er mir gestern gesagt hat , aufs neue von dir hören und , wenn es sein kann , aus einem freudigeren Herzen und einem festeren Entschluß . « » Ich geh ihm aus dem Wege . « » Das ist nicht genug , Lehnert . Das vertagt den Streit bloß , aber schafft ihn nicht aus der Welt , und der nächste Wind , der euch wieder zusammenweht , bläst auch die Flamme wieder an . Damit schließt man keinen Frieden , daß man sich aus dem Wege geht , das ist äußerlich und auf die Dauer einfach unausführbar . Hier muß es anfangen und hier . Herz und Einsicht müssen dazu zwingen . Und ist erst der gute Wille gewonnen , dann ist alles gewonnen . Den seinen hab ich ... « » Und den meinen auch « , sagte Lehnert in plötzlicher , beinah freudiger Erregtheit . Und dabei nahm er des Alten Hand , um sie dankbar zu küssen . » Ich will tun , was ich kann . Ich will die Kappe vor ihm ziehen , immer zuerst , und will kein Schmokfeuer mehr machen , wenn drüben das Leinzeug an der Leine hängt , und will das Wehr so stellen , daß das Wasser bei mir übertritt und nicht bei ihm , und wenn mir ' s auch einen halben Morgen Kartoffelland kostet . Und wenn seine Diana mir nach den Beinen fährt , so will ich den Stock bloß leise nach hinten halten , wie die Bettler und Strolche tun , und will nicht mehr nach der Bestie schlagen . Und was die Hauptsach is , ich will den Mund halten und nicht mehr mit den andern auf ihn schelten und schimpfen und will aufhören , ihn einen Neidhammel zu nennen und die Geschichte von dem Kreuz immer und immer wieder aufzutischen . Was vielleicht ohnehin das klügste ist , denn man soll nicht immer von seinen Heldentaten sprechen , worüber die Leute doch bloß lachen ... « » Also abgemacht , Lehnert . Und nun , Frau Menz , wenn Sie ein Glas Milch für mich haben , dann bringen Sie ' s mir , das soll mir besser tun als der Hochzeitskuchen mit seinen vielen Rosinen . Wenn man bei Jahren ist , soll man überhaupt keine Rosinen mehr essen . Das hat mir noch der alte Doktor Mattersdorf beigebracht , und der wußte es ... So , die hat mir geschmeckt , eine wundervolle Milch . Und nun machen Sie , daß die Kartoffeln ans Feuer kommen . Ich habe gesehen , daß es frische sind und noch dazu blaue ! Hab auch welche . Sie scheffeln in diesem Jahr . Und nun Gott befohlen ! « Und so sprechend überschritt er die Schwelle . Lehnert und seine Mutter begleiteten ihn bis an den Steg , und die Alte knickste und dienerte noch , als er längst schon drüben war . Achtes Kapitel Lehnert , als Siebenhaar drüben war , kehrte - die Kartoffeln wurden eben erst beigesetzt , und der Speck war noch nicht in der Pfanne - zu seiner Arbeit zurück , eigentlich nur deshalb , weil er sich dem unverständigen Gerede der Alten nach Möglichkeit entziehen wollte . Dies gelang ihm aber nur auf eine kleine Weile , denn als bald danach das Essen auf dem Tische stand , brach der zurückgestaute Redestrom der Alten mit verdoppelter Macht über ihn herein , und die Versicherungen nahmen kein Ende , daß sich nun alles zum Guten wenden müsse : Lehnert werde seinen Eigensinn abtun und Opitz fünf gerade sein lassen und auf den Ohren sitzen