und die Anwesenden - meist schwarzgekleidete Frauen - weinten fast alle laut . Und jede weinte nicht nur um den Einen , den sie verloren , sondern um alle Anderen , die denselben Tod gefunden : sie hatten ja alle zusammen , die armen , tapferen Waffenbrüder , für uns Alle , das heißt für ihr Land , für die Ehre der Nation ihr junges Leben hingegeben . Und die lebenden Soldaten , die dieser Feier beiwohnten , - sämtliche in Wien zurückgebliebenen Generäle und Offiziere waren da , und mehrere Compagnien Mannschaft füllten den Hintergrund - diese alle waren gewärtig und bereit , ihren gefallenen Kameraden zu folgen , ohne Zaudern , ohne Murren , ohne Furcht ... Ja , mit den Weihrauchwolken , mit dem Geläute und den Orgeltönen , mit den in einem gemeinsamen Schmerz vergossenen Thränen stieg da sicherlich ein wohlgefälliges Opfer zum Himmel auf und der Herr der Heerschaaren mußte seinen Segen träufeln auf jene , denen dieser Katafalk errichtet war ... So dachte ich damals . Wenigstens sind dies die Worte , mit welchen die roten Hefte der Trauerfeier beschreiben . Ungefähr vierzehn Tage später als die Nachricht von der Niederlage bei Solferino , kam die Nachricht von der Unterzeichnung der Friedenspräliminarien in Villafranca . Mein Vater gab sich alle mögliche Mühe , mir zu erklären , daß es aus politischen Gründen zwingend notwendig war , diesen Frieden zu schließen ; worauf ich versicherte , daß es mir auf jeden Fall erfreulich schien , wenn das böse Kämpfen und Sterben ein Ende fand ; aber der gute Papa ließ es sich nicht nehmen , mir entschuldigende Auseinandersetzungen zu unterbreiten : » Du mußt nicht glauben , daß wir Angst haben ... Wenn es auch den Anschein hat , als machten wir Konzessionen , wir vergeben unserer Würde nichts und wissen schon , was wir thun . Wenn es sich um uns allein handelte , so hätten wir wegen dieses kleinen Schachs in Solferino die Partie nicht aufgegeben . O nein , noch lange nicht . Wir brauchten nur noch ein Armeekorps hinunter zu schicken und der Feind müßte Mailand schnell wieder räumen ... Aber weißt Du , Martha , es handelt sich um andere allgemeine Interessen und Prinzipien . Wir verzichten jetzt darauf , uns weiter zu schlagen , um die anderen bedrohten italienischen Fürstentümer zu bewahren , welche der sardinische Räuberhauptmann samt seinem französischen Henkersbeistand auch gern überfallen wollten . Gegen Modena , Toskana - wo , wie Du weißt , mit unserem Kaiserhaus verwandte Dynastien regieren - ja sogar gegen Rom , gegen den Papst , wollen sie ziehen - die Vandalen . Wenn wir nun vorläufig die Lombardei hergeben , so erhalten wir uns damit Venetien und können den süditalienischen Staaten und dem heiligen Stuhl unsere Stütze gewähren . Du siehst also ein , daß wir aus rein politischen Gründen und im Interesse des europäischen Gleichgewichts - « » Ja , Vater , « unterbrach ich , » ich sehe es ein . Ach hätten diese Gründe doch schon vor Magenta gewaltet ! « fügte ich bitter seufzend hinzu . Dann , um abzulenken , zeigte ich auf ein Bücherpaket , das heute aus Wien eingetroffen war . » Schau ' her : der Buchhändler schickt uns verschiedene Sachen zur Ansicht . Darunter ein eben erschienenes Werk eines englischen Naturforschers , eines gewissen Darwin : The Origin of Species - und er macht uns aufmerksam , daß dies besonders interessant sei und geeignet , epochemachend zu wirken . « » Er soll mich auslassen , der gute Mann . Wer soll sich in einer so wichtigen Zeit , wie die gegenwärtige , für derlei Lappalien interessieren ? Was kann denn in einem Buch über Thier- und Pflanzenarten Epochemachendes für uns Menschen enthalten sein ? Ja , die Konföderation der italienischen Staaten , die Hegemonie Österreichs im deutschen Bunde : das sind weittragende Dinge ; die werden noch lange in der Geschichte bestehen , wenn von diesem englischen Buch da kein Mensch mehr etwas wissen wird . Merk ' Dir das . « Ich habe es mir gemerkt . Zweites Buch Friedenszeit Vier Jahre später . Meine beiden - nunmehr siebzehn-und achtzehnjährigen Schwestern - sollten bei Hofe vorgestellt werden . Aus diesem Anlaß entschloß auch ich mich , wieder » in die Welt « zu gehen . Die verstrichene Zeit hatte ihr Werk gethan und meinen Schmerz allmählich gelindert . Die Verzweiflung wandelte sich in Trauer , die Trauer in Wehmut , die Wehmut in Gleichgültigkeit und diese endlich in erneute Lebensfreudigkeit . Ich erwachte eines schönen Morgens zum Bewußtsein , daß ich eigentlich in einer beneidenswerten , glückverheißenden Lage mich befand : dreiundzwanzig Jahre alt , schön , reich , hochgestellt , frei , Mutter eines allerliebsten Knaben , Glied einer liebenden Familie - waren das nicht Bedingungen genug , um des Lebens froh zu werden ? Das kurze Jahr meines Ehelebens lag hinter mir wie ein Traum . Ja - ich war in meinen schönen Husaren sterblich verliebt gewesen ; ja - mein zärtlicher Mann hatte mich sehr glücklich gemacht ; ja - die Trennung hatte mir großen Kummer , sein Verlust wilden Schmerz bereitet - aber das war vorbei , vorbei . So innig mit meinem ganzen Seelenleben verwachsen , daß ich eine Zerreißung nicht hätte überleben , nicht verschmerzen können , war ja meine Liebe nicht gewesen ; dazu hatte unser Zusammensein zu kurz gedauert . Wir hatten uns angebetet , wie ein paar feurige Verliebte ; aber Herz in Herz , Geist in Geist aufgegangen , in gegenseitiger Hochachtung und Freundschaft fest verbunden , wie dies manche Eheleute nach langen Jahren geteilten Leiden und Freuden sind , - das waren wir beide nicht gewesen . Auch ich war ja sein Höchstes , sein Unentbehrlichstes nicht ; wäre er sonst so frohgemut und ohne zwingende Pflicht - sein Regiment hat niemals ausrücken müssen - fort von mir ? Zudem war ich in den vier Jahren allmählich eine Andere geworden ; mein geistiger Gesichtskreis hatte sich in vielem erweitert ; ich war in den Besitz von Kenntnissen und Anschauungen gelangt , von welchen ich zur Zeit meiner Verheiratung keine Ahnung gehabt und von welchen auch Arno - das wußte ich jetzt zu beurteilen - sich keinen Begriff gemacht und so hätte er meinem jetzigen Seelenleben - wäre er auferstanden - in mancher Richtung fremd gegenüber gestanden . Wieso diese Wandlung mit mir geschehen ? Das ist so gekommen : Ein Jahr meiner Witwenschaft war verstrichen , die Verzweiflung - erste Phase - in Trauer übergegangen . Aber noch in eine sehr tiefe , herzblutende Trauer . Von einer Wiederanknüpfung geselliger Verbindungen wollte ich durchaus nichts wissen . Ich meinte , fortan müsse mein Leben nur noch mit der Erziehung meines Sohnes Rudolf ausgefüllt sein . Nie mehr nannte ich das Kind » Ruru « oder » Korporal « ; die Babyspielereien des verliebten Elternpaares waren dahin ; der Kleine war mein » Sohn Rudolf « geworden , meines ganzen Strebens , Hoffens , Liebens geheiligter Mittelpunkt . Um ihm einstens eine gute Lehrerin sein - oder doch , um seinen Studien folgen und ihm eine Geisteskameradin werden zu können , wollte ich selber so viel Wissen als möglich mir aneignen ; zudem war Lesen die einzige Zerstreuung , die ich mir erlaubte - so vertiefte ich mich denn von neuem in die Schätze unserer Schloßbibliothek . Namentlich drängte es mich , mein einstiges Lieblingsstudium - die Geschichte - wieder aufzunehmen . In der letzten Zeit , als der Krieg von meinen Zeitgenossen und von mir selber so schwere Opfer gefordert hatte , war mein früherer Enthusiasmus stark abgekühlt worden und ich wünschte denselben durch entsprechende Lektüre wieder anzufachen . Und in der That , es gewährte mir manchmal einen gewissen Trost , wenn ich ein paar Seiten Schlachtenberichte mit den daran geknüpften Heldenverherrlichungen gelesen , zu denken , daß der Tod meines armen Mannes und mein eigenes Witwenleid als Parzellen in einem ähnlichen großen geschichtlichen Vorgang enthalten waren . Ich sage » manchmal « - nicht immer . So ganz und gar konnte ich mich doch nicht mehr in jene Stimmungen meiner Mädchenzeit zurückversetzen , wo ich es der Jungfrau von Orleans hätte gleich thun mögen . Vieles , vieles in den gelesenen überschwänglichen Ruhmestiraden , welche die Schlachtenberichte begleiteten , klang mir falsch und hohl , wenn ich mir zugleich die Schrecken der Schlacht vergegenwärtigte - so falsch und hohl , wie eine als Preis für eine echte Perle erhaltene Blechmünze . Die Perle Leben - ist die wohl ehrlich bezahlt , mit den Blechphrasen der geschichtlichen Nachrufe ? ... Bald hatte ich den Vorrat der in unserer Bücherei vorhandenen historischen Werke erschöpft . Ich bat unseren Buchhändler , er möge mir ein neues Geschichtswerk zur Ansicht schicken . Er schickte Thomas Buckles » History of Civilization « . » Das Werk ist nicht vollendet , « schrieb der Buchhändler , » aber die beifolgenden zwei , als Einleitung dienenden Bände bilden an und für sich ein abgeschlossenes Ganzes und ihr Erscheinen hat sowohl in England , als in der übrigen gebildeten Welt großes Aufsehen erregt ; der Verfasser , so sagt man , habe damit den Grundstein zu einer neuen Auffassung der Geschichte gelegt . « In der That ja : - ganz neu . Mir war , nachdem ich diese zwei Bände gelesen und wieder gelesen , wie Jemandem zu Mute , der zeitlebens in einem engen Thalkessel gewohnt und zum erstenmale auf eine der umgebenden Bergspitzen hinaufgeführt worden , von wo ein ausgestrecktes Stück Land zu sehen ist , mit Bauten und Gärten bedeckt , von endlosem Meere begrenzt . Ich will nicht behaupten , daß ich - die Zwanzigjährige , welcher die bekannte oberflächliche höhere Töchtererziehung zu teil geworden - das Buch in seiner ganzen Tragweite verstand , oder - um obiges Bild beizubehalten - daß ich die Erhabenheit der Monumentalbauten und die Größe des Ozeans erfaßte , die vor meinen überraschten Blicken lagen ; aber ich war geblendet , war überwältigt ; ich sah , daß es jenseits meines engen Heimatthales eine weite , weite Welt gab , von der ich bisher niemals Kunde erhalten . Erst , als ich das Buch nach fünfzehn oder zwanzig Jahren wieder las , und nachdem ich andere im selben Geist verfaßte Werke studiert hatte , konnte ich mir vielleicht anmaßen , zu sagen , daß ich es verstehe . Doch eins wurde mir auch schon damals klar : die Geschichte der Menschheit wird nicht - wie dies die alte Auffassung war - durch die Könige und Staatsmänner , durch die Kriege und Traktate bestimmt , welche der Ehrgeiz der einen und die Schlauheit der anderen ins Leben rufen , sondern durch die allmähliche Entwicklung der Intelligenz . Die Hof- und Schlachtenchroniken , welche in den Historienbüchern an einander gereiht sind , stellen einzelne Erscheinungen der jeweiligen Kulturzustände vor , nicht aber deren bewegende Ursachen . Von der althergebrachten Bewunderung , mit welcher andere Geschichtsschreiber die Lebensläufe gewaltiger Eroberer und Länderverwüster zu erzählen pflegen , konnte ich in Buckle gar nichts finden . Im Gegenteil , er führt den Nachweis , daß das Ansehen des Kriegerstandes im umgekehrten Verhältnis zu der Kulturhöhe eines Volkes steht : - je tiefer in der barbarischen Vergangenheit zurück , desto häufiger die gegenseitige Bekriegung und desto enger die Grenzen des Friedens : Provinz gegen Provinz , Stadt gegen Stadt , Familie gegen Familie . Er betont , daß im Fortschritt der Gesellschaft , mehr noch als der Krieg selber , die Liebe zum Kriege im Schwinden begriffen sei . Das war mir aus der Seele gesprochen . Sogar in meinem kurzen Innenleben war diese Verminderung vor sich gegangen ; und wenn ich oft diese Regung als etwas Feiges , Unwürdiges unterdrückt hatte , glaubend , daß ich allein mich solchen Frevels schuldig mache , so erkannte ich jetzt , daß dies bei mir nur der schwache Widerhall des Zeitgeistes war ; daß Gelehrte und Denker , wie dieser englische Geschichtsschreiber , daß unzählige Menschen mit ihm , die einstige Kriegsvergötterung verloren hatten , welche - wie sie eine Phase meiner Kindheit gewesen - in diesem Buche auch als eine Phase aus der Kindheit der Gesellschaft dargestellt war . Somit hatte ich in Buckles Geschichtswerke eigentlich das Gegenteil von dem gefunden , was ich gesucht . Dennoch empfand ich diesen Fund als einen Gewinn - ich fühlte mich dadurch gehoben , geklärt , beruhigt . Einmal versuchte ich mit meinem Vater über diese neugewonnenen Gesichtspunkte zu reden - aber vergebens . Auf den Berg hinauf wollte er mir nicht folgen - das heißt er wollte das Buch nicht lesen - also war es aussichtslos , mit ihm von Dingen zu reden , die man nur von dort oben aus wahrnehmen konnte . Nun folgte das Jahr - zweite Phase - , da die Trauer in Melancholie übergegangen war . Jetzt las und studierte ich noch fleißiger . Das erste Werk Buckles hatte mir Geschmack am Nachdenken gegeben und die Freuden eines erweiterten Weltausblickes kosten gemacht . Davon wollte ich nun noch immer mehr und mehr genießen , und so ließ ich diesem Buche noch viele andere , im gleichen Geist verfaßte , folgen . Und das Interesse , die Genüsse , welche ich in diesen Studien fand , trugen dazu bei , die dritte Phase eintreten - nämlich die Melancholie schwinden zu machen . Als aber die letzte Wandlung mit mir vorging , das ist , als die Lebenslust von neuem erwachte , da wollten mir auf einmal die Bücher nicht mehr genügen ; da sah ich auf einmal ein , daß Ethnographie und Anthropologie und vergleichende Mythologie und sonstige -logien und -graphien unmöglich meine Sehnsucht stillen konnten ; daß für eine junge Frau in meiner Lage das Leben noch ganz andere Glücksblüten bereit hielt , nach welchen ich nur die Hand auszustrecken brauchte ... Und so kam es , daß ich im Winter 1863 mich anbot , meine jüngeren Schwestern selber in die Welt einzuführen und meine Salons der wiener Gesellschaft öffnete . Martha Gräfin Dotzky , eine reiche , junge Witwe . Unter diesem vielversprechenden Namen stand ich auf dem Personenverzeichnis der » große-Welt « -Komödie . Und ich muß sagen , die Rolle sagte mir zu . Es ist kein geringes Vergnügen , von allen Seiten Huldigungen zu empfangen , von der ganzen Gesellschaft gefeiert , verwöhnt , mit Auszeichnungen überschüttet zu werden . Es ist kein geringer Genuß , nach beinahe vierjähriger Weltabgeschiedenheit plötzlich in einen Strudel von allerlei Vergnügungen zu gelangen ; interessante , bedeutende Menschen kennen zu lernen , an fast jedem Tage ein glänzendes Fest mitzumachen - und dabei sich selber als den Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit zu fühlen . Wir drei Schwestern hatten den Spitznamen » die Göttinnen vom Berge Ida « bekommen und die Erisäpfel lassen sich nicht zählen , welche die verschiedenen jungen Parisse unter uns verteilten ; ich natürlich - in meiner oben erwähnten Theaterzettelwürde » reiche , junge Witwe « war gewöhnlich die Bevorzugte . Es galt übrigens in meiner Familie - und auch ein klein wenig in meinem eigenen Bewußtsein - als ausgemachte Sache , daß ich mich wieder vermählen würde . Tante Marie pflegte in ihren Homilien nicht mehr auf den Verklärten anzuspielen , der » dort oben meiner harrte « , denn wenn ich in den kurzen Erdenjahren , die mich vom Grabe trennten , mir einen zweiten Gatten angeeignet - eine von Tante Marie selber gewünschte Eventualität - so war dadurch die Gemütlichkeit des himmlischen Wiedersehens mit dem ersten stark beeinträchtigt . Alle um mich herum schienen Arnos Existenz vergessen zu haben - nur ich nicht . Obwohl die Zeit meinen Schmerz um ihn geheilt hatte - sein Bild hatte sie nicht verlöscht . Man kann aufhören um seine Toten zu trauern - die Trauer hängt auch nicht vom Willen ab - aber vergessen soll man sie nicht . Ich betrachtete dieses von meiner Umgebung geübte Todschweigen eines Verstorbenen als eine zweite nachträgliche Tötung und vermied es , den Armen auch noch totzudenken . Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht , täglich zum kleinen Rudolf von seinem Vater zu sprechen , und in seinem Abendgebet mußte das Kind stets sagen : » Gott , laß mich gut und brav sein , meinem geliebten Vater Arno zu Liebe ! « Meine Schwestern und ich » amüsierten « uns köstlich - ich gewiß nicht minder als sie . Es war ja sozusagen auch mein Debut in der Welt . Das erste Mal war ich als Braut und Neuvermählte eingeführt worden ; da hatten sich selbstverständlich alle Kurmacher von mir fern gehalten , und was ist des » Welt « -Lebens höchster Reiz , wenn nicht die Kurmacher ? Aber sonderbar : so sehr es mir behagte , von einer Schar von Anbetern umgeben zu sein , keiner von ihnen machte einen tieferen Eindruck auf mich . Es lag eine Schranke zwischen ihnen und mir , die schier unübersteiglich war . Und diese Schranke hatte sich durch die drei Jahre meines einsamen Studierens und Denkens aufgerichtet . Alle diese glänzenden jungen Herren , deren Lebensinteressen in Sport , Spiel , Ballet , Hofklatsch und , wenn es hoch ging , in Berufsehrgeiz ( die meisten waren Militärs ) gipfelten , die hatten von den Dingen , die ich in meinen Büchern von ferne erschaut und an denen mein Geist sich gelabt , auch nicht die entfernteste Idee . Jene Sprache , von der ich freilich auch nur die Anfangsgründe kennen gelernt , von der ich aber wußte , daß in ihr durch die Männer der Wissenschaft die höchsten Fragen beraten und einst gelöst werden ; jene Sprache war ihnen nicht nur » spanisch « , sondern - patagonisch . Unter dieser Kategorie junger Leute würde ich mir keinen Gatten wählen - das stand fest . Überhaupt hatte ich keine Eile , meine Freiheit , die mir so wohl gefiel , wieder aufzugeben . Ich wußte meine seinwollenden Freier so in Entfernung zu halten , daß keiner einen Antrag wagte und daß auch niemand in der Gesellschaft das kompromittierende Wort von mir sagen konnte : » Sie läßt sich den Hof machen . « Mein Sohn Rudolf sollte einst auf seine Mutter stolz sein dürfen - keinen Hauch des Verdachtes auf dem blanken Spiegel ihres guten Rufes vorfinden . Wenn jedoch der Fall einträte , daß mein Herz von neuem in Liebe erglühte - es konnte nur für einen Würdigen sein - dann war ich ja geneigt , das Anrecht , welches meine Jugend noch auf irdisches Glück besaß , geltend zu machen und eine zweite Ehe einzugehen . Unterdessen - von Liebe und Glück abgesehen - war ich recht guter Dinge . Der Tanz , das Theater , der Putz : an alledem fand ich lebhaftes Vergnügen . Dabei vernachlässigte ich weder meinen kleinen Rudolf noch meine eigene Ausbildung . Nicht , daß ich mich in gründliche Fachstudien vertiefte ; aber über die Bewegung der Geister erhielt ich mich stets auf dem Laufenden , indem ich mir die hervorragendsten neuen Erscheinungen der Weltlitteratur anschaffte und regelmäßig sämtliche Artikel , auch die wissenschaftlichen , der » Revue des deux Mondes « und ähnlicher Zeitschriften aufmerksam las . Diese Beschäftigung hatte freilich zur Folge , daß die vorerwähnte Schranke , welche mein Seelenleben von der mich umgebenden Junge-Herrenwelt abschloß , immer höher wurde - aber das war schon recht so . Gern hätte ich in meinen Salon einige Persönlichkeiten aus der Litteraten- und Gelehrtenwelt zugezogen , allein dies war in der Mitte , in der ich mich bewegte , nicht recht thunlich . Bürgerliche Elemente werden der österreichischen sogenannten » Societät « nicht beigemischt . Namentlich damals ; seither hat sich dieser ausschließliche Geist etwas geändert und es ist Mode geworden , einzelnen Vertretern der Kunst und Wissenschaft seine Salons zu öffnen . Zu der Zeit , von der ich spreche , war dies jedoch nicht der Fall ; was nicht hoffähig war - das heißt was nicht sechzehn Ahnen aufzuweisen hatte - war von vornherein ausgeschlossen . Unsere gewohnte Gesellschaft wäre ganz unangenehm überrascht gewesen , bei mir unadelige Leute anzutreffen , und hätte nicht den rechten Ton gefunden , mit solchen zu verkehren . Und diese selber hätten meinen mit » Komtesseln « und Sportsmen , mit alten Generälen und alten Stiftsdamen gefüllten Salon schon gar unerträglich langweilig gefunden . Welchen Anteil konnten Männer von Geist und Wissen , Schriftsteller und Künstler , an den ewig gleichen Erörterungen nehmen : bei wem gestern getanzt worden und bei wem morgen getanzt wird - ob bei Schwarzenberg , bei Pallavicini oder bei Hof - welche Passionen Baronin Pacher einflößt , welche Partie Komteß Palffy ausgeschlagen , wieviel Herrschaften Fürst Croy besitzt , was die junge Almasy für eine » Geborene « sei , ob eine Festetics oder eine Wenkheim , und ob die Wenkheim , deren Mutter ein Khevenhüller gewesen u.s.w. u.s.w. Das war nämlich so der Stoff der meisten um mich herum geführten Unterhaltungen . Auch die geistvollen und unterrichteten Leute , von welchen doch gar manche in unseren Kreisen sich fanden - Staatsmänner und dergleichen - glaubten sich verpflichtet , wenn sie mit uns - tanzender Jugend - verkehrten , denselben frivolen und inhaltslosen Ton anzuschlagen . Wie gerne hätte ich oft nach einem Diner mich in die Ecke begeben , wo ein paar unserer vielgereisten Diplomaten , beredten Reichsräten , oder sonstige bedeutende Männer über bedeutende Fragen ihre Meinung austauschten - aber das war nicht thunlich ; ich mußte schon bei den anderen jungen Frauen bleiben und die Toiletten besprechen , die wir für den nächsten großen Ball vorbereiteten . Und hätte ich mich auch in jene Gruppe eingedrängt , sogleich würden die eben geführten Gespräche über Nationalökonomie , über Byrons Poesie , über Theorien von Strauß und Renan verstummt sein und es würde geheißen haben : » Ach , Gräfin Dotzky ! ... gestern auf dem Damen-Pique-nique haben Sie bezaubernd ausgesehen ... und Sie gehen doch morgen zum Empfang bei der russischen Botschaft ? « » Erlaube , liebe Martha , « sagte mein Vetter Konrad Althaus , » daß ich Dir Oberstlieutenant Baron Tilling vorstelle . « Ich neigte den Kopf . Der Vorstellende entfernte sich und der Vorgestellte blieb stumm . Ich faßte dies als eine Aufforderung zum Tanze auf und erhob mich von meinem Sitz - mit gerundet aufgehobenem linken Arm , bereit , ihn auf Baron Tillings Schulter zu lehnen . » Verzeihen Sie , Gräfin , « sagte jener mit einem flüchtigen Lächeln , das blitzend weiße Zähne aufdeckte , » ich kann nicht tanzen . « » Ah so - desto besser , « antwortete ich , mich wieder setzend . » Ich hatte mich ohnehin hierher zurückgezogen , um ein wenig auszuruhen . « » Und ich hatte mir die Ehre erbeten , Ihnen vorgestellt zu werden , gnädige Gräfin , um Ihnen eine Mitteilung zu machen . « Ich blickte erstaunt auf . Der Baron machte ein sehr ernstes Gesicht . Er war überhaupt ein ernsthaft aussehender Mann - nicht mehr jung , etwa vierzig , mit einigen Silberfäden an den Schläfen - im ganzen eine vornehme , sympathische Erscheinung . Ich hatte mir angewöhnt , jeden Neuvorgestellten auf die Frage hin prüfend anzusehen : Bist Du ein Freier ? - würde ich Dich nehmen ? Beide Fragen beantwortete ich mir in diesem Falle mit einem schnellen » Nein « . Es fehlte dem Betreffenden durchaus der verbindlich-anbetende Ausdruck , welchen alle jene anzunehmen pflegen , die sich den Frauen mit sogenannten » Absichten « nahen ; - und die andere Frage fand schon durch seine Uniform verneinende Erledigung . Ein zweites Mal würde ich keinem Soldaten die Hand reichen - das hatte ich mir fest vorgenommen . Nicht nur aus dem Grunde , um kein zweites Mal der schrecklichen Angst ausgesetzt zu werden , den Gatten ins Feld ziehen zu sehen , sondern weil ich seither über den Krieg im allgemeinen zu Ansichten gelangt war , in welchen ich unmöglich mit einem Krieger hätte übereinstimmen können . Oberstlieutenant von Tilling machte von meiner Aufforderung , sich neben mich zu setzen , keinen Gebrauch . » Ich will Sie nicht lange belästigen , Gräfin . Was ich Ihnen mitzuteilen habe , paßt nicht in ein Ballfest . Ich wollte mir nur die Erlaubnis erbitten , mich in Ihrem Hause einzufinden ; können Sie mir gnädigst einen Tag und eine Stunde bestimmen , wann ich Sie sprechen darf ? « » Ich empfange an Samstagen zwischen zwei und vier . « » Dann gleicht an Samstagen zwischen zwei und vier Ihr Haus vermutlich einem Bienenstock , wo die Honigträger aus- und einfliegen - « » Und ich als Königin in der Zelle sitze , meinen Sie - das ist ein recht hübsches Kompliment . « » Komplimente mache ich nie - ebensowenig als Honig , und so behagt mir die samstägliche Schwarmstunde durchaus nicht ; ich muß Sie allein sprechen . « » Sie reizen meine Neugier . Sagen wir also morgen Dienstag , um die gleiche Stunde ; ich werde für Sie und sonst niemand zu Hause sein . « Er dankte mit einer Verbeugung und ging . Eine Weile später kam mein Vetter Althaus vorbei . Ich rief ihn zu mir , ließ ihn an meiner Seite Platz nehmen und verlangte Auskunft über Baron Tilling . » Gefällt er Dir ? Hat er dir solch ' tiefen Eindruck gemacht , daß Du Dich gar so angelegentlich erkundigst ? Er ist zu haben - das heißt er ist noch ledig . Darum soll er aber doch nicht frei sein ... Man munkelt , daß eine sehr hohe Dame ( Althaus nannte eine Prinzessin aus regierendem Hause ) ihn durch zarte Bande an sich fesselt - deshalb heirate er nicht . Sein Regiment ist erst seit kurzer Zeit hierher versetzt worden , daher hat man ihm noch nicht viel in der Gesellschaft begegnet - auch ist er , glaube ich , ein Feind von Bällen und dergleichen . Ich habe ihn im adeligen Kasino kennen gelernt , wo er täglich ein paar Stunden verbringt , aber gewöhnlich im Lesezimmer in die Zeitungen , oder mit unseren besten Schachspielern in eine Partie vertieft . Ich war erstaunt , ihn hier zu treffen - da jedoch die Hausfrau seine Kousine ist , so erklärt sich seine kurze Erscheinung auf dem Ball - er ist auch schon wieder weg . Nachdem er sich von Dir empfohlen , sah ich ihn fortgehen . « » Hast Du ihn noch mehreren anderen Damen vorgestellt ? « » Nein , nur Dir . Aber darum mußt Du Dir nicht einbilden , daß Du es ihm von weitem angethan , und er deshalb verlangte , Dich kennen zu lernen : - » Können Sie mir nicht sagen , fragte er mich , ob eine gewisse Gräfin Dotzky , geborene Althaus - vermutlich mit Ihnen verwandt - hier anwesend ist ? Ich muß mit derselben sprechen . « - » Ja , antwortete ich , auf Dich zeigend , - dort in jener Ecke auf dem Sofa - im blauen Kleide . « - » Ah , die ? Seien Sie so gut , stellen Sie mich vor . « - Was ich denn bereitwilligst that , ohne zu ahnen , daß ich Dich dadurch um Deine Ruhe bringen würde . « » So sprich doch keinen Unsinn , Konrad - meine Ruhe ist nicht so leicht zu untergraben . Tilling ? was ist das für eine Familie ? - ich höre den Namen zum erstenmale . « » Aha , Du gibst nicht nach ... Ist das ein Glücksmensch ! Ich habe mich durch volle drei Monate , mit Aufwand aller meiner Bezauberungskräfte , in Deine Gunst einzuschleichen versucht - vergebens . Und dieser kalte Oberstlieutenant - denn er ist kalt und fühllos , laß Dir das gesagt sein - kam , sah und siegte . - Was Tilling für eine Familie sei , fragtest Du ? Ich glaube preußischen Ursprungs - doch war schon sein Vater in österreichische Dienste getreten - seine Mutter ist auch Preußin - Du mußt seinen norddeutschen Accent bemerkt haben . « » Ja , er spricht ein wunderschönes Deutsch . « » Natürlich - alles ist wunderschön an ihm . « Althaus stand auf . » Jetzt habe ich gerade genug . Erlaube , daß ich Dich Deinen Träumen überlasse ; ich will versuchen , mich mit Damen zu unterhalten , welche « » Dich wunderschön finden . Solche gibt es wohl genug . « Ich verließ den Ball zu früher Stunde . Meine Schwestern konnten unter dem Schutze Tante Maries noch bleiben und mich hielt nichts zurück . Die Lust am Tanzen war mir vergangen , ich fühlte mich ermüdet und sehnte mich nach Einsamkeit . Warum ? ... Doch nicht , um ungestört an Tilling denken zu können ? .. Es scheint doch so - da ich noch um Mitternacht die roten Hefte mit Eintragung der oben angeführten Gespräche bereicherte und Betrachtungen daran knüpfte , wie folgt : » Ein interessanter Mensch , dieser Tilling ... Die hohe Frau , die ihn liebt , denkt jetzt wahrscheinlich an ihn ... oder vielleicht kniet er in diesem Augenblick zu ihren Füßen und sie ist nicht so allein - allein - wie ich . Ach , jemand so recht innig lieben zu können ... es müßte nicht eben Tilling sein - ich kenne ihn ja nicht ... Nicht um Tilling beneide ich die Prinzessin , aber um ihr Verliebtsein . Und je leidenschaftlicher , je wärmer sie ihm zugethan ist , desto mehr beneide ich sie . « Mein erster Gedanke beim Erwachen war wieder - Tilling . Ja richtig : er hatte sich für diesen Tag behufs wichtiger Mitteilungen bei mir angesagt . So gespannt , wie auf diesen Besuch