Mittagessen , eintreffen sollten , stand bevor . Sie kamen auch richtig angefahren , auf die Minute , zwei Seelen und vier Seelchen . Im letzten Augenblicke hatte Wilhelm sich erweichen lassen durch die traurigen Gesichter , mit denen die jüngeren Rangen den Vorbereitungen zur Abfahrt der Eltern zusahen , und sie mitgebracht . Sie waren ja noch so dumm und versäumten nicht gar viel Lernerei . Vater und Mutter baten dringend , sich nicht im geringsten um sie zu kümmern , sie nur im Garten herumlaufen zu lassen . Das Vertrauen konnte man ihnen schenken , daß sie sich in acht nehmen und nicht in den Teich fallen würden . Auf irgendwelche Berücksichtigung bei der Mahlzeit hatten sie keinen Anspruch ; sie waren zu Hause abgefüttert worden , und überdies hatte jeder sein Stück Brot im Sacke und konnte damit bequem aushalten bis zur Heimkehr . Eine so ungastliche Behandlung sollten sie jedoch nicht erfahren , vielmehr durften sie ihre Brotration den Pferden bringen ; ihre Mutter und je zwei von ihnen wurden von Maria in der Ponyequipage im Parke herumkutschiert , während die zwei anderen dem Wagen nachrannten , um die Wette mit den Hunden . Bei Tische erhielten sie ihre Plätze nebeneinander , saßen kerzengerade und benahmen sich musterhaft . Trefflich regiert von den kurzen Kommandoworten des Vaters und den abmahnenden oder zustimmenden Blicken der Mutter , entfalteten sie bei aller Dressur einen kleiner Rothäute würdigen Appetit . Maria hatte sich auf die Freuden des heutigen Familienfestes mit uneingestandenem Grauen gefaßt gemacht , und jetzt erfüllte sie mit Vergnügen ihre Hausfrauenpflichten und unterhielt sich beinahe . Nicht nur mit den Kindern . Der biedere Mann , der , wie sie wußte , den Unterhalt seiner zahlreichen Nachkommenschaft schwer bestritt und ihrer etwaigen Vermehrung dennoch mit naiver Ergebung entgegensah , die Frau mit dem Typus ihres hochadeligen Stammes in den feinen Zügen , die sich ihrer abgearbeiteten Hände so gar nicht schämte und die Haube mit den gefärbten Bändern und das verschossene Foulardkleid so tapfer trug , flößten der neuen Verwandten die herzliche Wertschätzung ein , die bei ihr eine sichere Vorbotin künftiger Freundschaft war . Bald nach Tische trennte man sich . Hermann und Wilhelm ritten nach einem entlegenen Hof zur Besichtigung eines Baues , der dort aufgeführt wurde . Gräfin Wilhelmine und ihre Kinder kollerten heim in ihrem kürzlich neu lackierten , mit Bauernpferden bespannten grünen Wägelchen . Maria blieb allein und wollte ihre Einsamkeit zu einer Wanderung durch den Park benützen und einen schönen Aussichtspunkt am Ende desselben erreichen , von dem Hermann ihr gesprochen hatte . Sie nahm seine beiden Jagdhunde als Begleiter mit ; semmelfarbige , kurzhaarige , sehr kluge Tiere , die am Tage des Einzugs Marias begriffen hatten : in Abwesenheit des Herrn gibt es jetzt eine Herrin . Auf den Fersen folgten sie ihr , die Nasen gesenkt , mit tief herabhängenden Ohren , und wenn sich ' s regte auf der Wiese , im Gebüsch , im dunklen Schatten der Bäume , fuhren sie zusammen , hoben die Nasen in die Höhe , schnupperten , alle ihre Sehnen spannten sich zum Sprunge . - Ein Anruf aber : » Zurück ! Lord , Fly , zurück ! « und sogleich senkten sie die Köpfe und schritten dahin , gehorsam den Befehlen der Menschen , widerstrebend den Gesetzen ihrer eigenen Natur . Es war ein kühler Nachmittag ; Maria ging rasch vorwärts , von einem wohligen Gefühl der Freiheit beseelt . Daheim wäre ihr verwehrt gewesen , einen weiten Spaziergang allein zu unternehmen , und sie empfand einen großen Genuß in der Ausübung ihrer kaum erlangten Selbständigkeit . Alles trug dazu bei , ihre Wanderlust zu erhöhen , der wolkenlose Himmel , der über ihr blaute , die kräftige Luft , die , gewürzt mit Harzdüften , vom Tanne hergestrichen kam , die Frühlingslieder der Vögel in den Zweigen , die Schönheit der Stätte selbst , die Maria durchschritt . - Sie kam sich vor wie in einem Zaubergarten , den menschenfreundliche Geister pflegten . Sie hatten die Wege besandet , die Wiesen geschoren , die Hecken beschnitten , die Brücklein über den Bach gebaut . Sie hatten die bewimpelten Kähne am Ufer des Weihers befestigt , die Scheiben des Fischerhauses blankgescheuert , daß sie im Abendrot glänzten wie Gold , und waren nach vollbrachtem Werke verschwunden ohne Spur . Wie wohltuend , wie entzückend schön ist es hier , sagte sich Maria , und zugleich durchblitzt ' es sie : Wenn Tessin jetzt dastände und mich sähe in diesem kleinen irdischen Himmelreich ... Sie hatte ihn verbannen wollen aus ihren Gedanken , es nicht vermocht und - Frieden mit ihm geschlossen . Was war denn sein Verbrechen gewesen ? - Hatte er sie zu täuschen gesucht , je ein Wort von Liebe zu ihr gesprochen ? ... Und doch war sie beneidet worden um seine Aufmerksamkeit und hatte sich beneidenswert gefühlt und sich nicht Rechenschaft gegeben , worin seine Macht über sie bestand . Die unbestimmte , unerklärliche Angst , von der sie manchmal ergriffen worden in seiner Nähe , im Banne seiner Augen , durchrieselte sie ; eine Ahnung kommenden Leids beklemmte ihr die Brust . Sie war sich der Zeit nicht bewußt , die verflossen , seit ihre Wanderung begonnen hatte , und staunte , als sie , aus einem Fichtenhain tretend , die Sonne schon tief zum Untergang geneigt sah . Mit verdoppelter Geschwindigkeit eilte sie ihrem Ziele , einer Zirbelkiefer , zu , an deren gewaltigem Stamm eine leichte , geschnitzte Wendeltreppe zu einer runden Altane emporführte , über die der mächtige Baum sein grünes Schirmdach breitete . Die junge Frau lief die Stufen hinan , um von der hohen Warte aus noch einen letzten Blick des scheidenden Tagesgestirns zu erhaschen . Die Hunde folgten . - Plötzlich schien ihr , als schwanke die Treppe ... sie blieb stehen , wartete , an das Geländer gelehnt - das Schwanken dauerte fort . Es war nicht durch sie hervorgebracht . Dort oben mußte jemand auf und ab gehen , langsam und wuchtig . Einen Augenblick dachte sie an Flucht , es war doch gar zu einsam hier . Sogleich jedoch verlachte sie die feige Regung , die sich ihrer hatte bemeistern wollen . Wer konnte es sein ? Ein Jäger , im schlimmsten Fall ein Wildschütz . Aber wenn auch , was hatte sie zu fürchten ? Die Hunde knurrten . Die Schritte hielten an , die ihren waren gehört worden . Wenige Sekunden später betrat sie die Plattform unter dem wütenden Gebell Lords und Flys , die ihr vorangesprungen waren . » Hoho , die Hunde ! Rufen Sie die Hunde ! « kreischte eine erregte Stimme ihr entgegen . - Der Mensch , der diesen Hilfeschrei ausgestoßen hatte , preßte den Rücken an den Stamm des Baumes und führte mit dem Stock einen Schlag gegen seine Angreifer , traf sie aber nicht . Maria hatte ihn auf den ersten Blick erkannt trotz der Veränderung , die mit ihm vorgegangen war . Nicht in Lumpen wie in jener Winternacht , sondern gut gekleidet , in einem lichten Sommeranzug , mit wohlgepflegtem Haar und Bart , wäre seine Erscheinung die eines auffallend hübschen Menschen gewesen ohne den Ausdruck der Verwilderung und der Krankheit in seinem eingefallenen Gesicht . Auch Maria war bleich geworden : » Hierher ! « befahl sie den Hunden , die sich widerwillig fügten , und sprach in hartem Tone den Fremden an : » Der Eintritt in den Park ist nur den Hausleuten erlaubt . Was wollen Sie hier ? « Er hatte seine Sicherheit wiedergewonnen und beeilte sich , es zu beweisen . Den Hut spöttisch lüftend , erwiderte er : » Ich will dasselbe , was Sie wollen - die Aussicht bewundern , die wirklich ganz reizend ist . Erfüllen wir den Zweck unseres Spaziergangs . « » Frechheit « , murmelte Maria , und die Rechte gebieterisch ausgestreckt , setzte sie laut hinzu : » Fort ! « » Entschuldigen Sie « , versetzte er , » ich bleibe . Ich habe mit Ihnen zu reden und hätte Sie um eine Zusammenkunft ersuchen lassen , wenn nicht der Zufall - oder war es vielleicht ein geheimer Zug des Herzens ? - Sie hierhergeführt hätte , Frau Schwester . « Maria stieß einen dumpfen Schrei aus und wich zurück . Wie dieser Mensch sich jetzt leicht verneigt hatte , war es in einer Art geschehen , mit einer Bewegung des Hauptes , ihr so wohlbekannt , so lieb und sympathisch an einem andern ... » Es beleidigt Sie , daß ich mir erlaube , Ihnen diesen Namen zu geben , aber - er gebührt Ihnen und nicht durch meine Schuld ... Bleiben Sie doch « , bat er , als Maria , entsetzt und gequält , sich plötzlich zum Gehen wandte . » Einmal müssen wir uns aussprechen , warum nicht lieber heute als morgen . Was ich Ihnen zu sagen habe , ist bald gesagt . - Unser Vater hat meine Mutter betrogen - wie die Ihre , nebenbei bemerkt « , brach er höhnisch aus . » Lüge ! « sprach Maria ; er aber fuhr fort , ohne sich unterbrechen zu lassen . » Ich mache ihm keinen Vorwurf , ich klage ihn überhaupt nicht an . Unser Vater hat viel Geld auf mich verwendet - schade darum ! - , mich erziehen , mir Grundsätze beibringen lassen wollen . Ganz vergeblich , denn - ich habe sein Blut in meinen Adern . Daß sein Sohn ihm gar zu gut nachgeraten , empörte den vortrefflichen Mann . Endlich zog er seine Hand von mir ab ... Der Grund ist eigentümlich - was ? « Er brach in ein Lachen aus , das allmählich in ein heftiges Husten überging . Auf dem Taschentuche , das er an die Lippen drückte , zeigten sich dunkelrote Flecken . » Da « , sagte er , » ich bin fertig . Zuviel Verschiedenes kennengelernt im Leben , zuviel Vergnügen und zuviel Elend . Jetzt bin ich fertig , fertig , hörst du ? Der schlechte Spaß mit der Schneeschaufelei hat mir das letzte Almosen vom Grafen eingebracht , das allerletzte ! Laß mich nicht auf dem Stroh sterben , gib mir ein Obdach , Frau Schwester . « Sie starrte ihn an wie verloren . » Lügen , Lügen ! - ich glaube nicht - ich glaube Ihnen nicht ... « » Wäre freilich das Bequemste , wird aber nicht durchzuführen sein . Fragen Sie nur den Grafen , meinen Schwager , der weiß von mir , Wolfi Förster , nennen Sie mich ihm nur . Ich will ihn sprechen , das heißt euch , in der Fischerhütte am Weiher , morgen vormittag zehn Uhr . Kommt gewiß , ich könnte euch sonst Unannehmlichkeiten bereiten . - Jetzt jagt der verfluchte Krankheitsteufel mich heim nach dem Bauernhotel , in dem ich mich vorläufig einlogiert habe . « Er knöpfte seinen Rock zu , Fieberfröste schüttelten ihn . » Auf Wiedersehen . « Damit reichte er Maria die Hand , sie zog die ihre mit Abscheu zurück . » O Frau Schwester « , rief er , » du bist noch hochmütiger als unser edler Herr Vater ! « 7 Hermann hatte die Erzählung von Marias Abenteuer im Parke schweigend angehört und sich am nächsten Morgen zur Zusammenkunft mit Wolfi im Fischerhause eingefunden . » Ein Schwerkranker , vielleicht ein Sterbender « , sagte er bei seiner Rückkehr . » Mag er nun sein , wer er will , wir können ihm die Aufnahme , um die er bittet , vorläufig wenigstens nicht verweigern . « » Wir können - du meinst , wir dürfen nicht « , fragte Maria . » So hat denn dieser Mensch einen Anspruch ... « » Genausoviel Anspruch « , unterbrach er sie , » als wir Erbarmen mit ihm haben . « » Mir flößt er keines ein , er ist zu keck « , gab sie zur Antwort . Sie erkundigte sich kaum nach dem , was für ihn geschah , obwohl Lisette dem hergelaufenen Gast eine ganz merkwürdige Teilnahme bezeigte . Es war ihm eine kleine Wohnung im Hause einer Hegerswitwe angewiesen worden , das am Saume des Waldes und doch nahe genug am Dorfe lag , um den täglichen Besuch des Arztes zu ermöglichen . Diesen , einen sehr gutmütigen und sehr neugierigen ältlichen Herrn , beehrte Lisette mit ihrem Vertrauen . Sie saßen nebeneinander am Bette des Kranken , der in den ersten Tagen aus stumpfer Bewußtlosigkeit nur auffuhr , um in Fieberphantasien zu verfallen , in denen er lachte und schwatzte und alle Geheimnisse seiner armen , verkommenen Seele ausplauderte . Der Doktor trank förmlich jedes seiner Worte . » Fräulein Lisette « , sagte er einmal , » da werden verborgene Familienverhältnisse vor uns enthüllt . « Sie lächelte : » Bin eingeweiht , Herr Doktor , und brauche mir darauf nichts einzubilden . Wer das Haus kennt , kennt diesen wilden Sprößling , der in Wolfsberg zur Welt gekommen ist . Wäre auch schwer zu verleugnen gewesen bei der Ähnlichkeit und bei dem impertinenten Spektakel , den seine Mutter vor der Hochzeit des Herrn Grafen gemacht hat - als ob nicht viele andere dieselben Ansprüche ... Na , darüber ist nichts zu sagen ... « brach sie plötzlich ab . » Sagen Sie doch , Fräulein , genieren Sie sich nicht und sagen Sie doch ! « Lisette erwiderte mit einem kleinen Achselzucken voll Koketterie : » Können sich selber denken . So ein Herr wie unser Graf , so eine Schönheit , kann der was dafür , daß ihm die Weiber nachlaufen ? - ' s ist ihre Sach und ihre Schuld . So ein Herr wird sich nicht auf den heiligen Aloisius hinausspielen . « Doktor Weise stimmte bei . Er hätte gern einen recht nichtsnutzigen Witz gemacht , um auf das alte Fräulein den blendenden Eindruck eines Don Juan hervorzubringen . Weil er aber von Natur ein keuscher Mann war , wollte ihm nichts Frivoles einfallen . Lisette erneuerte den feuchten Umschlag auf Wolfis Stirn . » Ein so hübscher Bursche und soll schon sterben « , seufzte sie . » Recht traurig , aber im Grunde doch das Beste für ihn und auch für die anderen . « Der Doktor sah seinen Patienten , der jetzt ruhig atmete und sanft zu schlafen schien , prüfend an : » Gut gebaut , kräftig , kann sich noch eine Zeitlang wehren . « » Wie lange zum Beispiel ? « » Schwer zu erraten - möchte mich nicht vor Fräulein blamieren « - er verbeugte sich galant - , » ich glaube nur , bei vortrefflicher Pflege - in dieser gesunden Luft - vielleicht noch zwei Jahre . « Der Kranke schlug die Augen auf und blickte ihn zornig an : » Esel « , sagte er , so laut er konnte , » merken Sie nicht , daß ich wach bin ? « » Ich merke , daß Sie Ihre Besinnung wieder haben , und gratuliere « , sprach der Arzt , nicht im geringsten beleidigt . » Zwei Jahre - wieviel Tage sind das ? ... rechnen ... « Wolfi begann langsam zu zählen , seine Stimme wurde immer schwächer , er schlief wieder ein . » Schon bei Besinnung « , flüsterte Lisette , » das hätte ich nicht geglaubt . Das ist eine schöne Kur von Ihnen , Sie reißen ihn am Ende gar noch heraus . Aber dann ist das erste « - diese Worte wurden von einer bezeichnenden Gebärde begleitet - , » abreisen . « » Wird schwerlich dazu kommen , Fräulein « , erwiderte der Doktor und verbeugte sich noch galanter als vorhin . Lisette aber warf einen Blick in den kleinen Spiegel , der an der Wand über dem Schranke hing , und sagte zu sich : Ich weiß eigentlich nicht , warum ich so altmodische Hauben trage . Zur selben Stunde war Maria im Schloß an ihren Schreibtisch getreten mit der Absicht , den letzten Brief Wolfsbergs zu beantworten . Ein Brief , reich an ernsten und eigentümlichen Gedanken , voll tiefer Empfindung und Zärtlichkeit , den sie mit Stolz und innerster Herzensbefriedigung gelesen und wieder gelesen . Nie hatte ihr Vater so liebreich zu ihr gesprochen , wie er an sie schrieb ; jetzt fürchtete er nicht mehr , sie zu verwöhnen . Am Tische Platz nehmend , bemerkte sie , daß die Kassette aus dem Nachlasse ihrer Mutter neben die Mappe gestellt worden war . Eine alte Bekannte ! Wie oft hatte Maria sie stehen gesehen , immer auf demselben Platz im Zimmer ihres Vaters , und ihre feinen Ornamente betrachtet . Jetzt holte sie den kleinen Schlüssel , dessen Griff ihr in ähnlicher Weise durchbrochen und verziert geschienen hatte , aus der Emaildose und steckte ihn in das Schloß . Er paßte , wollte sich aber nicht drehen lassen . Viel Geduld und Geschicklichkeit mußte angewendet werden , bevor es gelang , der Deckel aufsprang und der Inhalt zum Vorschein kam . Der bestand aus einem zerrissenen Heft , dessen vergilbte Blätter mit einer zarten , feinen Schrift dicht bedeckt waren , und aus alten , mit einer verblaßten Schleife zusammengebundenen Briefen . Maria zog einen derselben hervor . Ihr Vater hatte ihn als Bräutigam an ihre Mutter gerichtet , und die glühendste Leidenschaft sprach sich darin mit hinreißender Beredsamkeit aus . Wie mußten die Beteuerungen , diese Schwüre überzeugt und beseligt haben ! Wie reich war das Leben , das durch die Liebe eines solchen Mannes geschmückt worden ! Und wenn auch früh erloschen , es hatte den köstlichsten , den seltensten Inhalt gehabt - ein volles Glück . Maria griff nach einem der Blätter , auf denen sie die Schrift ihrer Mutter erkannt hatte . Es hing mittelst eines Seidenfadens lose mit den anderen zusammen und war , wie alle , ein Bruchstück . Das Ganze machte den Rest eines Heftes aus , das einst ziemlich stark gewesen sein mochte . Verbogen und zerknittert fand sich noch der Umschlag vor . Maria glättete ihn , so gut es ging . Er trug die mit größtem Fleiß kalligraphisch ausgeführte Aufschrift : » Im Himmel « und das Datum 1850 . Aber die schönen Lettern waren durch Kreuz- und Querstriche verunstaltet , recht wie mit kindischer Zerstörungslust , und eine unsichere Hand hatte sich bemüht , als Vignette einen Teufel hinzuzeichnen ; die kaum zu entziffernden Worte : » Der König des Himmels « und das Datum 1858 standen darunter . Maria las hier und dort einen Satz , eine Zeile ; ihr Gesicht verfinsterte sich ; wie versteinert blickte sie nieder auf die verstümmelten Blätter . Die stummen , toten Zeichen aber wurden lebendig und sprachen und gaben Zeugnis von einem längst eingesargten Schmerz . Der überwundene , der vergessene , da war er aus dem Grabe auferstanden und stöhnte erschütternd seine Klagen aus . Sie fanden einen qualvollen Widerhall in der Seele Marias . Nun war ihr einmal wieder etwas zerstört worden : ein beglückender Glaube ... Glaube ? Nein , ein Glaube , der auf einem Irrtum beruht , ist ein Wahn . Maria wäre sehr gestimmt gewesen , dem ihren nachzuweinen : das Künstlerische in ihrer Natur sträubte sich gegen die Zerstörung des Ideals , das ihr Vater ihr bisher gewesen war . Da fiel ein Wort ihr auf , das am Rande eines der mißhandeltsten Bogen des seltsamen Tagebuches stand : WAHRHEIT , groß geschrieben , von einer leichten Arabeske umschlungen . Maria blickte nicht mehr auf , bevor sie den Sinn der letzten ihr noch halbwegs verständlichen Zeile in sich aufgenommen hatte . - Dann küßte sie die Blätter innig und lange , trug sie zum Kamin , verbrannte sie und erwartete auf den Knien das Verlöschen der Flammen . Das Geheimnis der Toten blieb aufbewahrt im Herzen ihres Kindes . Einige der aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen , die sich dem Gedächtnisse Marias fast vollständig eingeprägt , lauteten : » Die Wahrheit verlange ich von dir . Du sollst nicht lügen . Treu sein , festhalten , was dein Herz einmal ergriffen hat , kannst du nicht . Du bist schwach und hilflos deinen Leidenschaften gegenüber . Sei wenigstens wahr . Dem Schwachen Bedauern , dem Lügner Verachtung . Eifersüchtig ist nicht das rechte Worte . Würde ich sonst deinen Wolfi lieben ? Würde ich sonst das Andenken seiner Mutter ehren ? - Und ich hätte Grund , auf sie eifersüchtig zu sein , denn sie hat dich mehr geliebt , als ich dich liebe ; ich hätte dir nicht geopfert , was sie dir geopfert hat : ihre Eltern , ihre Heimat , Ehre und Pflicht . Wenn meine Tochter erwachsen sein wird , werde ich ihr sagen : heirate nicht aus Liebe . Man glaubt , vereint sein mit dem Geliebten , das ist der Himmel auf Erden . Es ist nicht wahr . Was macht den Himmel zum Himmel ? Daß ein Gott darin regiert und - - - Wenn Gott nur so gut wäre , wie wir sind gegen unsere braven Diener , dann hätte er mich erhört . Habe ich nicht alle meine Pflichten getreu erfüllt ? ... war ich nicht gläubig und fromm ? Wenn Gott gut und gerecht wäre , hätte er mich gehört . Aber es ist überhaupt kein Gott im Himmel , nur ein Teufel , und der straft mich . Geliebter , wenn die Jugend hinter uns liegen wird , wenn du zu mir zurückgekehrt sein wirst und ich dir alles verziehen haben werde , dann lesen wir zusammen , was ich jetzt schreibe , und reichen uns die Hände und lachen - und weinen auch ein wenig . ... daß du Alma verleitest - sie hat ein Gewissen . Es schläft jetzt nur , du hast es eingeschläfert , du weißt , wie man das macht ... aber es wird erwachen , und dann - - - Ich glaube es nicht , ich will es wissen , mich überzeugen , euch auflauern . Ich bin jetzt ein Jäger , ihr seid das scheue Wild ... Manchmal fürchte ich und manchmal hoffe ich den Verstand zu verlieren . Wir werden mein Tagebuch nicht zusammen lesen , Geliebtester . Ich glaube , daß ich es zerreißen muß . Die schöne Schilderung der glücklichen Tage - schon fort . In kleine , kleine Stücke gerissen und fliegen lassen von hoher Altane am Turm ... Wie sie stoben im Winde ... Woran habe ich gedacht ? woran nur ? An mein Glück oder was ? Ich weiß nicht mehr ... « Bei dem nächsten Besuch , den Hermann im Hegerhause machte , begleitete ihn Maria . Der Kranke erholte sich sehr langsam von dem letzten heftigen Anfall seines Leidens . Er lag in tiefer Erschöpfung dahin , halb wachend , halb schlafend , nahm nur widerstrebend die Nahrung , die man ihm reichte , und zählte ohne Unterlaß an seinen Fingern , wieviel Monate , Wochen , Tage er noch zu leben habe . Die Rechnung war ihm aber zu schwer und wollte nicht stimmen . Gegen alle , die ihm nahten , Hermann nicht ausgenommen , legte er feindseliges Mißtrauen , ein mürrisches und schroffes Wesen an den Tag , das sogar die Geduld seines langmütigen Arztes sehr oft erschöpfte . Nur wenn Maria an sein Bett trat , glättete sich seine Stirn , er lächelte ; unter seinem kleinen schwarzen Schnurrbart schimmerten seine Zähne hervor , jung und gesund wie die eines Kindes . In der Tiefe seiner dunklen Augen entzündete sich ein unheimlicher Glanz : » Frau - - - « sprach er und machte eine lange Pause . Fürchtest du dich , fürchtest du das Wort , das ich jetzt sagen könnte ? fragte sein boshafter und drohender Blick . Aber der ihre hielt ihn im Bann . Stolz und kalt ruhte er auf ihm , und er murmelte verwirrt : » Frau Gräfin . « Sie kam regelmäßig , aber nicht an bestimmten Tagen , wöchentlich zweimal , auf der Rückkehr von ihren Gängen durch das Dorf . Dort hatte sie die Armen und Kranken besucht , war wohl auch in die Schule getreten und hatte einer Unterrichtsstunde beigewohnt . Sie hatte getadelt , gelobt , mit vollen Händen gegeben und mit alledem nur eine Einführung ihrer Schwiegermutter aufrechterhalten - nicht ganz in deren Sinn jedoch . Gräfin Agathe hatte von den Leuten , denen sie Hilfe angedeihen ließ , eine Gegenleistung gefordert : » Du bekommst das unter der Bedingung , fortan das Wirtshaus zu meiden . - Du bekommst jenes unter der Bedingung , daß du von heut ab deine religiösen Verpflichtungen pünktlich erfüllst . « Maria hingegen stellte nicht nur keine Bedingungen , sie lehnte sogar den Dank ab , dessen meist überschwengliche Äußerungen ihr widerstrebten . So verstimmte sie die Geistlichen und die Lehrer , die gewohnt gewesen waren , ihren Teil von der gräflichen Wohltätigkeit mittelbar einzuheimsen , und entwertete ihre Geschenke bei den Empfängern . - Wie hoch soll denn angeschlagen werden , was umsonst zu haben ist ? » Mit einer Hand geben und die andere zum Nehmen ausstrecken « , sagte Maria zu Hermann , » ekelt mich an . « » Das versteh ich nicht « , entgegnete er . » Was diesen Menschen vor allem anderen fehlt , was ihnen vor allem anderen beigebracht werden muß , ist das Pflichtgefühl . Mit Wohltaten wirst du es nicht wecken . « » Wecke ich es , wenn ich ihnen einen Handel vorschlage , einen Tausch ? « » Viel eher . Wenn du einem anderen Gutes tust und zum Preis dafür verlangst , daß auch er etwas Gutes tue , kannst du damit einen Begriff von Billigkeit in ihm erwecken , eine Ahnung dessen , was Pflicht ist . Und wenn du das getan , hast du ihm unendlich mehr genützt als durch momentane Linderung seines Elends . « Sie mußte das gelten lassen und tat es gern . Es freute sie , von ihm überwiesen zu werden , sich seiner größeren Erfahrung zu beugen , seine schlichte Lebensweisheit anzuerkennen . Ein schönes Leben ließ sich an seiner Seite führen , ein tätiges und hilfreiches Leben . Für alles fand sich Zeit darin , auch für die Pflege ihrer geliebten Kunst . Im Spätsommer sollte Graf Wolfsberg zu längerem Aufenthalt bei seinen Kindern eintreffen . Kurz vor dem Tage jedoch , an dem sie ihn erwarteten , kam seine Absage . Er hatte die vorläufige Vertretung eines hohen Herrn an einem fremden Hofe übernehmen und den Besuch in Dornach auf ein Vierteljahr hinausschieben müssen . Der Gleichmut , mit dem Maria diese Nachricht empfing , setzte Hermann in Erstaunen , wie schon längst das Schweigen , das sie seit ihrer Verheiratung über Alma Tessin beobachtete . Ein Brief von ihrer einst besten Freundin , den er selbst ihr gebracht hatte , war unbeantwortet geblieben . Hermann fragte nicht warum . Er wollte seiner Frau eine peinliche Erörterung ersparen ; es lag ja klar am Tage : der Zufall , den die Blinden blind nennen , hatte hier gewaltet und Maria in Kenntnis von Dingen gesetzt , die ihr bisher sorgfältig verborgen worden . Der Herbst kam , die Weihnachtszeit rückte heran . Schnee und Eis bedeckten die Wiesen und die Weiher , die Natur war tot - scheintot . Unter dem Herzen Marias aber regte sich ein neues Leben und strebte frisch und kräftig dem Tageslicht entgegen . 8 Ein banger Tag in Dornach . Die stattliche Frau , die seit einer Woche im Schloß wohnte , der die Mahlzeiten auf ihrem Zimmer serviert wurden und die zum Verdruß des Kellermeisters mittags und abends eine Flasche Bordeaux vertilgte , weilte seit zwei Uhr nachts am Bette der Gräfin . Auf dem Bahnhofe wartete eine Equipage die Ankunft des Schnellzugs aus Wien ab , mit dem der Herr Professor ankommen sollte . Der Herr Doktor hatte sich in Lisettens jungfräulichem Gemache etabliert , und wenn sich ein Geräusch auf dem Gange vernehmen ließ , trat er hinaus und sprach zu dem etwa Vorbeikommenden : » Ich bin hier - daß Sie ' s wissen - für den Fall , daß ein Arzt nötig wäre , daß Sie wissen , wo er zu finden ist . « Niemand hörte auf ihn , er war ganz uninteressant . Die gespannte Aufmerksamkeit richtete sich ausschließlich auf die Frauen , denen Gelegenheit zu irgendeiner Handreichung in der Nähe der Wochenstube gegeben war . Am Nachmittage mußte Hermann sich ' s gefallen lassen , vom Schmerzenslager seiner Frau , an dessen Ende er mit verstörtem Gesichte stand , durch Base Wilhelmine entfernt zu werden . Jetzt waren sie in seinem Schreibzimmer , sein Vetter und er . Wilhelm hatte mitten auf dem Diwan Platz genommen , sich vorgebeugt und beschäftigte sich damit , seine dicken roten Finger knacken zu machen . Hermann ging rastlos neben dem Bücherschrank , der die Längenwand einnahm , auf und ab und pfiff entsetzlich falsch oder versank in ein düsteres Schweigen oder pflanzte sich vor Wilhelm hin und starrte ihn an . Die Dämmerung war eingebrochen , der Kammerdiener erschien . » Was willst du ? « fragte sein Herr . » Die Lampe anzünden . « » Wir brauchen keine Lampe « , brachte Hermann mühselig hervor , und Wilhelm dachte : Dem armen Kerl ist das Weinen nah . » Heute « , sagte er nach einer Pause , » haben wir drei Marder in der Falle gefangen « , worauf sein Vetter erwiderte : » Wieviel Uhr ist es ? « » Fünf hat ' s just geschlagen . « » Dann muß ja um Gottes willen der Professor schon hier sein .