. » Jawohl , gnädige Frau ! In gewissem Sinne sogar unfehlbar ist mir die Regierung ! Und ich wäre glücklich , sollte es mir vergönnt sein , dereinst einmal ein guter Hüter und Wahrer und Pfleger des Gesetzes zu werden - des Gesetzes , das für mich vorläufig nur einen Fehler hat - nämlich den , daß es in mancher Beziehung zu mild , zu tolerant ist . So sollte z.B. Jeder - ich wähle das Beispiel , weil mir gerade kein anderes einfällt - so sollte also Jeder , der im öffentlichen Besitze einer Waffe gefunden wird , quasi als Mörder behandelt werden , denn er hat , respective hatte es ja jeden Augenblick in der Hand , einen seiner Mitmenschen das Leben , dieses höchste , kostbarste Gut , wie Sie mir zugestehen werden , zu nehmen - « » Das kann doch nicht Ihr Ernst sein , Herr Referendar - ? « - ? « fragte Adam belustigt . » Wollen Sie nicht auch einmal den Käse kosten , Herr Doctor ? « bot Frau Möbius , die aufmerksame Wirthin , an . Sie benutzte den Moment , wo das Gespräch sich wieder gabeln zu wollen schien . Auch Hedwigs Gesicht hatte einige Ausdrucksgrade seines Ernstes verloren . Auch ihr mußten die Geständnisse Herrn Oettingers etwas drollig und schattentöterig-bizarr vorkommen . » Zweifeln Sie daran , Herr Doctor ? - Ich bitte doch sehr ... Allerdings - Sie scheinen mir in dieser Beziehung etwas laxere Ansichten zu haben - « entgegnete der Herr Referendar ein Wenig indignirt . Er führte sein Weinglas an die Lippen und sah furchtbar moralisch entrüstet aus . » Laxere ... hm ! - ich weiß nicht , Herr Referendar , ob gerade laxere - - jedenfalls ... hm ! nun ! jedenfalls modernere ... « warf Adam mit einem kleinen Anflug von Spott hin . » Was verstehen Sie eigentlich unter modern , Herr Doctor ? - Man hört das Wort heute so oft . Man kann sich gar nicht mehr retten vor ihm - « fragte Lydia dazwischen . Sie schien momentan ganz vergessen zu haben , daß sie ja selbst eine - moderne Bibel schreiben wollte . » Ja ! das ist schwer zu sagen mit einem Worte , gnädige Frau ... « begann Adam . Auch ihm fiel der Umstand , daß gerade Lydia ihn um eine Art von Begriffsbestimmung gebeten , weiter nicht auf . » Modern sein heißt , heißt , gnädige Frau - ja ! also sagen wir - heißt : sich auf Etwas vorbereiten , was Einen im Grunde gar nichts angeht - - ich meine : auf Etwas , dessen Eintreten in die Welt man sicher nicht erleben wird , das sich vielleicht erst in einer sehr fernen Zukunft erfüllt - modern sein heißt aber zugleich : - bei dem Vorbereiten auf dieses problematische Etwas ganz gefälligst ... zu Grunde gehen - « fuhr Adam sodann mit einem spröden Stich ins Paradoxe und Bittere fort . Hedwig sah ihren Nachbar erstaunt-theilnehmend an . Herr Oettinger machte ein verblüfft-ungläubiges Gesicht . Von Lydia erhielt Adam einen sehr eigenthümlichen Blick . Und nun erkundigte sie sich etwas leichthin - : » Gehört das Zu-Grunde-Gehen , wie Sie sich ausdrückten , Herr Doctor , absolut dazu - ? « » Allerdings , gnädige Frau , « erwiderte Adam ernst , » das gehört dazu , wenn man treu sein will ... und sich , wenigstens in der Hauptsache , in den Grundzügen , in den Kernlinien seiner Natur , erkannt hat - das heißt : wenn man weiß , daß man nicht treu sein kann ... Der incarnirte Widerspruch ist immer Subtrahent - « » Herr Gott ! Wieder einmal Pythius ! Wenn Sie im Alterthum , zu Zeiten Frau oder Fräulein Pythia ' s gelebt hätten , Herr Doctor , - ich bin fest überzeugt : aus Ihnen und jener ehrenwerthen Dame wäre ein Paar geworden ... « scherzte Lydia lachend . » Meinen Sie , gnädige Frau ? - Ob aber die Concordanz immer addirt - ? « » Himmlischer Vater ! Nun fehlt bloß noch das Multipliciren und Dividiren ... Die armen vier Spezies ! - « Hedwig konnte sich nicht mehr verbergen , daß Adam sie jetzt interessirte . Und sie mußte sich gestehen , daß sie in ihrem Denken und Fühlen diesem merkwürdigen Causeur unter den Anwesenden jedenfalls am Nächsten stände . Das machte sie immerhin eine Idee stolz und befriedigte sie . Tiefer in Anspruch genommen wurde sie allerdings auch kaum , es war ihr nur lieb , daß in das Gespräch einmal ein paar kühnere , neuere Töne hineinklangen . » Sie scheinen nicht gerade religiös zu sein , Herr Doctor- ? « interpellirte jetzt Oettinger Adam . » Religiös ? Sie etwa , Herr Referendar- ? « fragte Adam barsch entgegen . » Ich - ich schmeichle mir allerdings , mein Herr , in gewissem Sinne religiös zu sein - ja ! Gott sei Dank ! noch religiös zu sein - « gab Oettinger etwas von oben herab zur Antwort . » Na ! das ist kennzeichnend - : in gewissem Sinne - hm ! « - Herr Quöck wurde unruhig : » Prosit , meine Herrschaften ! « Die Gläser klangen wieder einmal zusammen . Und wieder ließ Lydia das ihrige zuerst an das Adams tönen . Dieser hatte plötzlich die ganze Situation , zumal sein Verhältniß zu Frau Lange , klar erfaßt und wandte sich jetzt mit einer auffälligen Wendung zu Hedwig hin ... und zwar so beklemmend nahe , als wollte er dieser Dame Etwas ins Ohr flüstern . Hedwig sah verwundert auf . Ihre Brauen zogen sich zusammen . Verstand sie das Manöver - ? » Ich muh doch bitten , Herr Doctor - « nahm Oettinger das Gespräch wieder auf . » Um was - ? « flegelte Adam . » Ja ! . Aber ... Gewiß bin ich religiös ... wenn auch - - wie ich mir schon einmal zu bemerken erlaubte - : in erster Linie bin ich conservativ - und dieser Standpunkt schließt ja ein mehr oder weniger intimes Verhältniß zu den Satzungen der Landeskirche ganz von selber ein - - ich klebe durchaus nicht am Dogma - gehe sogar so weit , in gewissem Sinne - verzeihen Sie ! - nun ! wie soll ich sagen ? - ja ! - frei - vielleicht modern zu sein - es ist wahr : ich besuche selten die Kirche - vertrete aber als Jurist , als Gesetzeshüter , ganz entschieden die Ansicht , daß die Masse der Religion bedarf - und sollte das - Sie sehen , ich bin ganz aufrichtig - und sollte das auch nur nothwendig sein , damit sie , die Plebs , der Mob , kurz : das Volk - damit dieses also stets in der Gewalt , in den Händen der oberen Zehntausend bleibt ... Ich bitte , in meinen freimüthigen Worten weiter keinen Cynismus zu suchen - « Adam lächelte sehr ironisch . Er spielte mit den Fingern der rechten Hand an dem Griffe seines Weinglases herum und warf nun mit gutmüthig-boshaftem Gesichtsausdruck die Frage über den Tisch zu seinem Gegner hinüber : » Dann gehören Sie also , Herr Referendar , so ungefähr zu den Leuten , die im Grunde als erste Autorität über sich ihren - Cylinder anerkennen - ? « Frau Möbius sah recht erschrocken aus . Lydia lächelte wie zustimmend , lenkte dann aber mit feinem Takte ab : » Und die Cigaretten , Herr Vetter - ? « Traugott Quöck verstand . Er erhob sich , warf dabei Adam einen nicht gerade » gnädigen , « kaum freundlichen und aufmunternden Blick zu und wünschte seinen Gästen » Gesegnete Mahlzeit ! « - » Sie rauchen doch , Herr Referendar - ? « Oettinger starrte noch immer auf Adam hin . Es schien ihm unbegreiflich zu sein , daß dieser Mensch gerade ihm mit seinen Impertinenzen zu kommen wagte . Sollte er die Beleidigung auf sich sitzen lassen - ? Sollte er einen Skandal provociren - ? Er war unschlüssig . Adam machte ein unschuldig-heiteres Gesicht . Er wandte sich jetzt zu Fräulein Irmer , die hinter ihrem Stuhle stand und theilnahmslos vor sich hinsah , mit der Frage : » Rauchen Sie auch , mein gnädiges Fräulein ? « » Nein ! « kam es kurz und schroff von Hedwigs Lippen . » Wollen die Herren in mein Zimmer treten - ? « forderte Herr Quöck auf . Man verbeugte sich ziemlich steif gegen einander . Lydia sah nach ihrer kleinen , goldnen Uhr . » Schon Zehn durch ! Um Elf kommt mein Wagen - « » Um Elf schon - ? « fragte Frau Möbius , wohl nur , um überhaupt Etwas zu sagen . » Wenn es Ihnen recht ist , Fräulein Irmer , fahren Sie mit mir - ? Wir wohnen ja nicht weit auseinander . Ich werde Friedrich sagen , daß er durch Ihre Straße den Weg nimmt - « » Sehr liebenswürdig , Frau Lange , ich nehme mit Dank an - « » Aber was fangen wir nun an -- ? « überlegte Lydia . » Die Herren spielen natürlich den unvermeidlichen Scat ... Ach ! Wir armen Frauen - ! « » Traugott spielt eigentlich selten Scat - « bemerkte Frau Möbius schüchtern . » Ich werde mir wahrhaftig noch die Geheimnisse dieses verteufelten Scatspiels beibringen lassen - man ist ja sonst rein verloren heute ... Ob der Doctor Mensch auch spielt - ? Er sieht gar nicht so aus ... Was meinen Sie , Hedwig - ? « » Warum sollte er nicht - ? « antwortete die Gefragte kurz , etwas geringschätzig . Die beiden Frauen sahen sich an . Eine jede wußte , was die andere im Stillen dachte , was sie wissen wollte , zu hören verlangte , und was doch keine von ihnen aussprach .... keine aussprechen mochte . » Bitte , Cousine - ! « Herr Quöck war aus dem Nebenzimmer getreten und hatte eine Schachtel amerikanischer Cigaretten auf den Tisch gestellt . » Versuchen Sie es doch auch einmal , Fräulein Irmer - ! « forderte er halb im Scherz , halb im Ernste auf . » Die Damen rauchen heute alle ... Es ist so fashionable ... « » Ich danke , Herr Quöck - « Lydia saß im Fauteuil und spie ganz respectable , weißgelbe Rauchwolken durch die Lippen . Sie hüstelte ein Wenig . » Wir spielen natürlich Scat , Lydia . Der Doctor ist nämlich auch ein leidenschaftlicher Scatverehrer , wie er neulich versichert hat - « » So - ? « Lydias und Hedwigs Augen fanden sich wieder einmal . Aus dem Nebenzimmer klang gedämpftes Sprechen . So leise die Unterhaltung geführt wurde - man hörte doch immer den gereizt-markirten Ton heraus . Hedwig hatte in einem Album geblättert . Jetzt sah sie auf und horchte gespannt hinüber . Lydia erschien sehr gleichgültig . Sie blies eine dicke , weißgelbe Dampfwolke nach der anderen vor sich hin . Im Zimmer machte sich schon das Cigaretten-Parfüm deutlich riechbar . Es war Frau Lange entschieden sehr behaglich zu Muthe . Herr Quöck war nach dem Salon hinübergegangen . Er arrangirte den Scattisch . Frau Möbius hatte sich nach der Küche begeben . Oettinger und Adam waren natürlich gegen einander gerathen . Der Herr Referendar hatte den Herrn Doctor bezüglich dessen Bemerkung bei Tisch noch einmal interpellirt . Das hätte kaum unterbleiben dürfen . » Ich habe weiter nichts gethan , als gleichsam die Quadratwurzel aus Ihren Aeußerungen gezogen , Herr Referendar . Ihr conservativer Standpunkt mag ehrliche Ueberzeugung sein - das gebe ich sehr gern zu . Warum auch nicht - ? In Puncto der Religion gestanden Sie selbst ein , daß Ihnen dieselbe nur noch als ein Mittel in den Händen der oberen Zehntausend erschiene , das den Zweck hat , die Plebs geduckt und unterwürfig zu erhalten - Herrenmoral und Sclavenmoral - Punktum - « » Aber bitte - das ist doch heute die Anschauung jedes gebildeten Menschen - « » Das weiß ich recht gut . Der Standpunkt ist auch ein dieser gebildeten Menschheit vollkommen würdiger . Ich erlaube mir nämlich die Ansicht zu haben , Herr Referendar , daß diese famose Bildung und der bodenlose Indifferentismus in religiösen , philosophischen , künstlerischen Dingen heutzutage so ziemlich identisch sind mit einander - « » Hm ! . Mag sein ! ... Aber bitte , Herr Doktor - wir kommen ganz von dem Punkte ab , dessen Erörterung mir momentan zumeist am Herzen liegt - Sie gebrauchten bei Tisch ein Bild - einen Vergleich - ein - ei-n-e - nun ! - es bleibt Ihnen ja unbenommen , auch mich unter diese Indifferenten zu rechnen - - « » Pardon , Herr Referendar ! Wenn mir das unbenommen bleibt , nun ! so ist doch die einfache Folge davon die , daß ich Ihnen einen großen Respect vor dem - Cylinder als dem Symbole der auf das Aeußerliche gestellten Bildung vindiciren darf - die einfache Consequenz , nichts weiter - « » Ich glaube aber kaum , Herr Doctor , daß es erlaubt ist , derartige etwas - verzeihen Sie ! - immerhin - immerhin etwas boshaft-gesuchte Consequenzen öffentlich auszusprechen ... Ich kann - ja ! ich muß das geradezu als eine persönliche Beleidigung auffassen - und ich sähe mich genöthigt , wenn Sie nicht revociren - - « Adam lachte : » Beleidigung ! - - revociren - - Sie scherzen , Herr Referendar ! Sie scherzen jetzt , wie ich vorhin - gescherzt habe - wir sind also quitt - nicht - ? « » Das ist eine sonderbare Auffassung , Herr Doctor - « Herr Quöck trat wieder ein . » Wie schmeckt Ihnen das Kraut , Doctor - ? « » Vorzüglich , Herr Quöck ... etwas schwer zwar- « » Ach ! Nee ! schwer - ? Finden Sie auch , Herr Referendar - ? Aber bitte , meine Herren - - es ist Alles bereit - kommet und gehet ein in den Freudenhimmel , allwo duftende Blumen in Fülle wachsen - wo es Könige giebt und Fürsten - - « » Auf Kartenblättern - famos , Herr Quöck ! Die Herren dieser Welt sind doch eigentlich furchtbar witzige Kerle , daß sie ihre Bilder auf Münze und Karte malen lassen ... immer noch malen lassen ... Wollen sie damit etwa sagen , - symbolisch andeuten , daß - daß - - na ! manchmal wirft man eben das Geld weg - « scherzte Adam . » Still , Doctor , - das klingt ja ganz gefährlich - Sie sind des Teufels - « wehrte Herr Quöck erschrocken ab . » Pflegen Sie das ... Geld auch so ... wegwerfend zu behandeln , Herr Doctor - ? « fragte Oettinger . Man trat gerade in den Salon ein . Lydia hatte ihren Fauteuil im Speisezimmer verlassen und stand jetzt am Spieltisch . Sie hielt die rändervergoldete Scatkarte zwischen Daumen und Mittelfinger ihrer kleinen , weißen , rechten Hand , ungefähr in Schritthöhe über dem Tisch , und ließ nachlässig , träumerisch , gedankenabseits ein Blatt nach dem anderen auf die Fläche niedertaumeln . » Leider ! « erwiderte Adam , einen komisch-drolligen Ton des Bedauerns in der Stimme . Lydia wandte sich um . Sie sah die Herren fragend an . » Wo steckt denn Tante Möbius- ? « ärgerte sich Herr Quöck laut . Er schien irgend ein Anliegen zu haben . » Die wird wohl noch in der Küche sein - « vermuthete Lydia . » Es ist doch genug Wein da - ? ... Nein ! Wo die alte - ich hätte beinah ' was gesagt - nur steckt - ? « Hedwig erschien im Rahmen der Thür . Sie sah sehr verschlossen und gelangweilt aus . » Die Damen werden entschuldigen - aber der Scat - dieses jöttlichste aller Spiele - - bitte , placiren Sie sich , meine Herren ! Sie führen Buch , Doctor , nicht - ? ... Also um die Ganzen - nicht wahr - ? Sie geben , Herr Referendar - bitte ! Jüngstes Semester - ich denke wenigstens - jenöthigt wird nicht - übrigens so ein Scätchen - Teufel - ! es geht doch Nichts drüber ! Ich bitte nochmals die Damen um Entschuldigung - ! « Herr Quöck war ganz Feuer und Flamme . » Und ein guter Tropfen dabei « - fuhr er befriedigt fort ... » Und schöne Frauen ! « complimentirte Oettinger , indem er den Scat auslöste - Lydia brannte sich eben eine neue Cigarette an . Hedwig hatte sich wieder ins Nebenzimmer zurückgezogen . Das knisternde Umschlagen von großen Buchseiten drang ab und zu herüber . » Sie reizen , Herr Doctor - « » Ich passe - « » Tournée - ? « » Carreau ! Carreau-Solo aus der la main ! ... « Die Karten flogen auf den Tisch . Man spielte sehr flott . Herr Quöck beschrieb beim Ausspielen immer erst einen Halbkreis mit seinem Blatte . Adam warf seine Karten mit einem gewissen pathetischen Bogenschwung von oben herunter , Oettinger ließ sie nachlässig-graziös fallen . » Einundsechzig ! ... Teufel ! ... Das Spiel war überhaupt gewagt . Ohne Renonce in Pique - « begann Herr Oettinger frohlockend ... » Das fängt ja jut an - « brummte Herr Quöck , ein klein Wenig erbost . - Adam schrieb an , dann mischte er die Karten . » Sie langweilen sich gewiß recht , gnädige Frau- « fragte er zu Lydia hinüber . Frau Lange hatte sich einen Fauteuil in die Nähe des Ofens gerückt . » Langweilen - warum , Herr Doctor - ? Eine Cigarette ist eine vorzügliche Gesellschafterin . Uebrigens - - Scat mußt Du mir doch noch beibringen , lieber Cousin ! Wenn Ihr Männer so versessen darauf sein könnt , muß das Spiel doch etwas ... Anziehendes , etwas Pikantes haben ... « » Gewiß hat es das ! « versicherte Herr Oettinger eilfertig . » Vielleicht dürfen wir Sie , gnädige Frau , schon heute Abend in unsere köstlichen Geheimnisse einweihen - ? « » Na ! na ! « wehrte Herr Quöck erschreckt ab . Der Herr Referendar war doch etwas zu galant ! Sie hatten kaum angefangen zu spielen - und nun womöglich erst wieder das umständliche Dociren - die langwierige Erklärung - und nachher dann noch die ersten stümperhaften Spielversuche Lydias mitaushalten müssen - nein ! nein ! - ganz undenkbar - ! Aber Lydia war schon aufgesprungen . » In der That - eine ganz prächtige Idee , Herr Referendar - ich danke Ihnen ! Ich muß Ihnen nämlich gestehen , Herr Doctor , daß Sie nicht so ganz Unrecht hatten mit Ihrer Vermuthung , daß ich mich ... langweilte ... Wir Frauen sind ja alle so ... so gedankenarm ... « Adam erhielt einen herausfordernden Blick . Lydia war zu ihm hingetreten . » Auch die Verfasserin der modernen Bibel - wenigstens die bessere Hälfte der Firma - ? « fragte die schlechtere Hälfte boshaft-galant . » Man braucht doch nicht immer Gedanken zu haben ! « schmollte Lydia neckisch . » Aber , liebe Cousine - « versuchte Herr Quöck das drohende Scatverderben noch einmal zu beschwören , einen zärtlich abrathenden Ton in der Stimme - » Die Grundgesetze des Seats , gnädige Frau - « hub Oettinger an . Adam klappte mit pathetischer Resignation sein zierliches , goldschnittgeziertes Rechnungsbüchlein zu . Frau Möbius trat über die Schwelle . » Wo steckst Du nur in aller Welt , Tante - ? « mußte sie sich von ihrem Herrn Neffen etwas barsch anfahren lassen . » In der Küche , lieber Traugott - Du weißt ja : auf Marien ist kein Verlaß ... Und die Herren wollten ja auch spielen - - « Herr Quöck leerte sein Glas . » Ist denn noch genug Wein oben - ? « fragte er ärgerlich . » Ich denke - « antwortete Frau Möbius mit sanfter Gelassenheit . Man sprach nun viel und trank im Ganzen recht tapfer . Herr Quöck hatte sich einigermaßen gefügt . Er wanderte im Zimmer auf und ab , die Hände auf dem Rücken , stellte sich gelegentlich an den Ofen , blies dicke , blauschwarze Rauchwolken aus Nase und Mund . Ab und zu warf er eine humoristischkaustische Bemerkung in den Spielunterricht , welchen Frau Lydia zu ertheilen , der Herr Referendar Oettinger auf sich genommen . Frau Möbius lachte mit ängstlicher Aufrichtigkeit zu den Bemerkungen ihres Neffen . Oettinger führte seine Schülerin sehr geschickt in die schwierigen Scatprobleme ein . Und Lydia war eine gelehrige Schülerin . Es ärgerte sie nur ein Wenig , daß Adam jetzt im Ganzen so zurückhaltend gegen sie war . Wollte er demonstrativ merken lassen , daß dieser erste beste Herr Referendar gerade gut genug war für die Rolle des Scatpräceptors - ? Plötzlich hatte sich Adam erhoben und war in das Nebenzimmer verschwunden . Man plauderte im Salon gerade sehr eifrig durcheinander . Herrn Quöck schien der genossene Wein schon recht tüchtig angefranst zu haben . Auch Oettinger sprach schärfer und lauter als gewöhnlich , betonte unregelmäßig und falsch . Lydia war nicht minder unruhig . Ihre Gedanken waren zerstückt , ihr Blut kochte auf . Alkohol und Nicotin hatten sie aus den Geleisen der normalen Selbstbeherrschung geschleudert . Adam war zu Hedwig getreten . Diese hatte ihren rechten Oberarm weit , nachlässig , unkritisch , über den aufgeschlagenen Band , in dem sie geblättert , gelegt und den Kopf in die Handhöhlung gestützt . Der linke Arm hing schlaff herunter . Der Blick gedankengebannt oder phantasieverloren . Da fiel der Schatten einer fremden Gestalt in ihren Kreis . Sie schrak zusammen . Adam trat ganz dicht an sie heran . Er athmete schwerer . Hedwig zog den zurückgeglittenen Aermel bis zum Gelenk herunter und sah zu Adam empor , erschreckt und doch zugleich fragend , erwartend - abweisend und doch zugleich normal verwundert , unwillkürlich aufreizend . Aus dem Salon klang buntes , sich gegenseitig verhakendes Stimmengewirr . Aber wie ferne , dumpfe , monotone Brandung dünkte es Adam . Die Situation nahm ihn ganz hin . Jetzt allerdings schnellte die Stimme Oettingers scharf , zackig , hart in die Höhe . Dann sprach Lydia auch lauter , auch artikulirter . Adam hatte nach der rechten Hand Hedwigs gehascht , sie hatte sie ihm mit zufahrender Heftigkeit entzogen . Und doch neigte sie jetzt den Kopf ein Wenig . Ein schmales Stück des weißen , glänzenden Halses wurde sichtbar . Da packte es Adam . Es rüttelte und schüttelte an ihm , schlug ihm die Zähne in die Nerven . Er wußte nicht , wie es so jäh , so bezwingend über ihn kam . Der Wein hatte sein Blut aufgejagt , hatte zuckende , von unten herauf bohrende Flammen hineingeschmissen . Er war seiner nicht mehr mächtig . Es flimmerte ihm roth vor den Augen . Er beugte sich nieder , sog sich eine Sekunde lang fest an diesem weißen , glänzenden Halse und lallte Fräulein Irmer im nächsten Augenblicke ein heißes , leidenschaftliches » - Hedwig ! « in ' s Ohr . Jetzt fuhr die Dame auf . Ihr Gesicht war weiß , die Augen starr , groß aufgerissen , ohne Pol . Durch den Salon kugelte sich gerade ein lautes Lachen . Herr Quöck schien so etwas wie eine Anekdote , wie einen guten Witz erzählt zu haben . » Hedwig - ! « wiederholte Adam dringend , bebend vor Erregung . » Weib ! ich liebe Dich ja - ! « fuhr er wie im Taumel fort . Hedwig schoß mit einem jähen Rucke in die Höhe . » Ich muß Dich sprechen , Hedwig - laß mich Dich nach Hause be-gleiten - « bat Adam mit mühsam geduckter Leidenschaft . Seine Stimme rasselte heiser , die Finger zuckten . » Ich danke , Herr Doctor - « erwiderte Hedwig auffallend laut - » ich fahre mit Frau Lange - « Und zugleich ging sie an ihm vorüber , der Thür nach dem Salon zu . » Verflucht ! - « knurrte Adam wüthend vor sich hin , zugleich bedeutend ernüchtert . Dann begann er mit gemachter Hast in dem großen Bande zu blättern , über welchen Hedwig vorhin ihre Träumereien ... oder die Nachtfalter ihrer schwarzen Schwermuth hatte hinflirren lassen . In dem Augenblicke , da Hedwig über die Schwelle in den Salon trat , war dort das Gespräch jäh verstummt . Unwillkürlich , wie auf Verabredung , richteten sich aller Augen auf sie . Was wollten diese Augen nur von ihr - ? Was zwang die Leute da , so plötzlich ihre vorher doch recht laute , auffallend laute Unterhaltung abzubrechen - ? Hatte man Hedwigs letzte , mit unwillkürlich gesteigerter Stimme gesprochenen Worte verstanden - diese Worte , die sie allerdings halb bewußt , halb unbewußt , in der Absicht , daß sie gehört würden , so laut hinausgestoßen - ? Lydia machte ein fast spöttisches , beinahe beleidigendes Gesicht . Hedwig fühlte , wie sie verwirrt , immer verwirrter wurde , wie ein unzurückdrängbar in die Höhe siedendes Roth ihr über Stirn und Wangen schoß . Hülflos , haltlos irrten ihre Blicke von Einem zum Anderen . Herr Quöck , der sich schon vorhin bei Tische im Besitze des glücklichen Talentes gezeigt hatte , einem Gespräche , das eine unwillkommene Wendung genommen , ungezwungen eine andere zu geben , verstand es auch jetzt vorzüglich , durch eine an sich recht banale Bemerkung über die peinliche Situation hinwegzuhelfen . » Aber ! Fräulein Hedwig - wir haben Sie ja ganz vergessen - ich glaube entschieden , Sie sind zu kurz gekommen in Puncto des Weins - Sie müssen nachholen - - und nun wollen wir wieder einmal anstoßen , meine Herrschaften - wo steckt denn nur wieder der Doctor - ? - - Doctor ! - Kommen Sie ! - Prost ! - Prost ! - Auf daß meine innig verehrte Frau Base den auch in weiteren Kreisen mit Recht so beliebten Scat , wie mein Busenfreund Saldern immer zu sagen pflegte , recht bald capirt habe - auf daß sie eine würdige Partnerin werde , die ihrem würdigen Scatmentor Ehre mache - die - die - aber Prost ! - Prost - meine Herren und Damen - wollte sagen : meine Damen und Herren - und trinken Sie aus , Fräulein Hedwig - denn der Wein erfreut des Menschen Herz , sagt schon der alte Homer - oder irgend ein anderer Zechkumpan hat also geweissagt - bravo , Doctor ! - das war ein Männerschluck - kommen Sie her : - Sie sollen ' gleich neue Füllung haben - « Adam hatte sein Glas auf einen Zug geleert . Er sah düster , geärgert aus . Lydia coquettirte mit dem Referendar . Sie blickte ihn schwärmerisch , dankbar , beinahe herausfordernd an . Adam ' s und Hedwig ' s Augen waren noch einmal kurz aneinander vorbeigegangen . Beide wußten , daß es nun ein Etwas für sie gab , das einer dem ander ' n nicht restlos vergessen konnte . Da tönte das eckige Rasseln eines mit fast beleidigender Exaktheit angefahren kommenden Coupés von der stillen Straße her in ' s Gemach . » Mein Wagen ! « fuhr Lydia auf . » Nanu ! Schon so spät ? « fragte Herr Quöck verwundert . Er zog seine große , schwere , goldene Uhr . » Gnädige Frau - ! « bat Oettinger geschmeidig-vorwurfsvoll . Er war ganz selig . Er glaubte an seine Zukunft . Er war überzeugt von seiner Unwiderstehlichkeit . Lydia blickte zu Adam hinüber , der mit forcirter Ruhe seine Cigarre wieder in Brand setzte . Adam sah nicht auf , obwohl er den Blick Lydia ' s deutlich auf sich fühlte . Es war ihm , als ob ihm die Netzhaut plötzlich brennend heiß würde . » Wenn Sie nun noch mit mir fahren wollen , liebes Fräulein - ? « fragte Frau Lange Hedwig , mit scharfer Betonung des » noch « - » Wenn Sie gestatten - « Die Damen verabschiedeten sich . Oettinger küßte hingerissen Lydias Hand . Dann wandte sich Frau Lange zu Adam ... und ohne ihm die Hand zu reichen , meinte sie leichthin , gleichgültig : » - Also , vergessen Sie unsere Verabredung nicht , Herr Doctor - ! Kommen Sie in den nächsten Tagen einmal zu einer Tasse Thee - - wie wäre es , wenn Sie mir schon etwas ... Fertiges mitbrächten - - vielleicht - vielleicht eine Art von - - von ... nun ! - vielleicht ein modernes ... hohes Lied oder etwas Aehnliches - ja ? - - Aber , pardon ! - ich vergaß ganz - Sie baten sich ja das neue Testament aus - nun ! - ich überlasse Ihnen die Auswahl - es wäre zu nett , könnten wir ' gleich mit einem kleinen fait accompli an die Arbeit gehen - « Lydia hatte die Worte langsam , zögernd herausgestoßen , als fiele es ihr schwer , sie zu sprechen - und doch zugleich in einem Tone , mit einem Accente , der deutlich verrieth , daß sie ärgern , spotten , sich rächen , aber auch stimulieren wollte . Adam verneigte sich stumm . Er behielt Hedwig im Auge , er verfolgte jede ihrer Bewegungen . Diese verabschiedete sich mit einem oberflächlichen Gruße von ihm . Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und sah sehr hochmüthig aus . Frau Möbius zog sich bald zurück . Die Herren waren wieder allein . Der Scat konnte fortgesetzt werden . Und man fühlte sich bald ganz unter sich . Die Unterhaltung wurde freier , die