, « sagte Fanny , dem Kinde , das die Magd ihnen nachgetragen , in die Backen kneifend , » Du schreie mir die Wände aus keiner andern Veranlassung an , als um Lungengymnastik zu treiben . « » Wie schön es hier ist ! « rief Adrienne , die drei Zimmer durchschreitend , welche Fannys Güte ihr auf das wohnlichste geschmückt . Das Wohnzimmer war offenbar ganz neu eingerichtet ; es zeigte dunkelblaue Farben und in allen Möbelstücken strenge , geradlinige Formen ; eine Unzahl von kleinen , bunten Nippes und Luxusgegenständen übergoldete den ernsten Charakter des Gemaches mit dem Zauber der Behaglichkeit . Eine breite Glasthür führte auf einen Balkon , der , an der Rückseite des Hauses gelegen , einen weiten Ausblick über Park und Gegend gewährte . » Ich dachte mir so , daß zu der blassen , rothaarigen Frau ein Zimmer im Renaissancegeschmack gehöre , « scherzte Fanny und eilte hinaus , sich dem Dank zu entziehen . Adrienne trat auf den Balkon . Zu ihm hinauf ragten weitästige Lindenkronen , von rechts und links hemmte dunkles Baumgewipfel den Blick , geradeaus schweifte das Auge über weite Rasenflächen , die von einem Weiher unterbrochen wurden . Und jenseits des Parkes , der im englischen Geschmack angelegt war , blinkte ein breites , stahlglitzerndes Band auf , das sich hinauf und hinab in sanften Windungen durch goldgelbe Saatbreiten zog , so weit das Auge reichte . Es war die Elbe , die da ihre mächtige Straße , vom Riesengebirge kommend , meerwärts zog . Die friedvolle und reiche Landschaft , überzittert von der Mittagsglut eines verfrühten Sommertages , verführte zum Träumen , und Adrienne stand so lange gedankenlos dort , bis die dumpfen Schläge des Tam-Tam sie weckten . Es war das Signal zum Mittagessen . Aber der unmusikalische , lang nachdröhnende Ton dieses asiatischen Signalinstrumentes erinnerte sie plötzlich auch an Arnold : er hatte Fanny Förster das von früheren Reisen mitgebrachte Ding geschenkt . Immer er , auf allen Wegen er , kein Gedanke ohne ihn - setzte sich die Abhängigkeit von ihrem Herrn und Erzieher denn ewig fort ? Mit finsterem Gesicht ging sie hinab , wo in dem großen Saal , der gerade unter ihren Zimmern lag und sich auf eine Terrasse parkwärts öffnete , schon die ganze Gesellschaft versammelt war . Fanny sah mit mißbilligendem Erstaunen , daß ihre junge Schwägerin nicht die mindeste Bemühung gemacht hatte , ihr schlecht sitzendes , zerdrücktes Reisekleid zu wechseln oder ein wenig aufzuputzen . » Sie ist ganz apathisch , « sagte sie leise zu Lanzenau , » wir müssen ihre Jugend aufwecken . « Das Mahl verlief so heiter , als befänden sich hier nicht Menschen , deren Existenz auf dem Spiel stand . Die Pastorsleute fühlten sich ihrer Sorgen ganz ledig : Fanny war da und hatte Hilfe versprochen . Doktor Hesselbarth fühlte sich nicht im mindesten vor Fanny genirt : sie kannte die Welt und verzieh wohl eine schwache Stunde . Selbst Severina , die im Wagen schweigsam und verbittert erschienen war , antwortete auf die jeweiligen Neckereien des Barons mit jäh aufsprühendem , schlagfertigem Witz , versank aber freilich ebenso rasch wieder in ihre Stummheit , wenn ein Blick aus den großen Augen der Pastorin sie traf . Lanzenau hielt sogar eine Rede , eine wohlgesetzte , etwas umständliche Rede , die Fannys Wiederkehr und die neue Hausgenossin feierte . Man trank das Wohl der beiden Damen in Sekt , Fanny rief über das Gläserklingen hinweg : » Aber daß wir auch des fernen Gatten nicht vergessen : Der Kapitän lebe hoch ! « Der Doktor , sich an Adriennens mißbehagliches Gesicht erinnernd , welches sie vorhin bei der Erwähnung Arnolds gemacht , streifte mit schnellem Blick die junge Frau , und unangenehmerweise bemerkte sie es . Ein helles Rot stieg ihr rasch ins Gesicht . Das reichliche Mahl von vielen Schüsseln , der starke Wein , die Aufwartung durch die beiden weißbehandschuhten Bedienten , dies alles drückte Adrienne nieder , und sie dachte an die Wassersuppe , bei welcher Fanny sie getroffen . Schließlich bemerkte sie auch , daß sie noch einfacher angezogen war als selbst Severina , deren dunkelblaues Perkalkleid wenigstens durch den tadellosen Sitz und die äußerste Sauberkeit schmuck aussah . Auch hatte das Mädchen in den Gürtel , der ihre wundervolle Taille eng umspannte , einen frischen Rosenstrauß gesteckt . Adrienne hätte weinen mögen . » Fanny wird sich meiner schämen , « dachte sie verzweifelt . Sie beschloß , sich nach Tisch zurückzuziehen und aus sich noch zu machen , was ihr Kleidervorrat irgend gestattete . Dieser Entschluß , sich zurückziehen zu wollen , paßte in die Hausordnung , die Fanny alsbald verkündete . » Nach Tische , « sagte sie , » bin ich in meinem Arbeitszimmer ; wenn jemand mich zu sprechen wünscht , findet er mich dort . Im übrigen : allgemeine Siesta . « Lanzenau wußte , daß dies für die Pastorenfamilie gesagt war , und begab sich alsbald auf die Terrasse , wo er in einem Schaukelstuhl zwischen einer Epheuwand und einer Palmengruppe sein Schläfchen zu halten pflegte . Severina kehrte in das Pfarrhaus zurück , nicht ohne daß Fanny ihr nachgerufen hätte , sie werde zum Abend wieder hier erwartet , und so sah die Hausherrin sich mit der Familie Hesselbarth allein , die ihr in der komischen Gefolgschaft des Gänsemarsches , eines hinter dem andern , ins Arbeitszimmer folgte . Dieses Zimmer , nach vorn hinaus gelegen , war von den an der Hausfront stehenden Linden so tief verschattet , daß allezeit ein grünes Dämmerlicht herrschte . An den vier Wänden , die einen großen , ganz quadratischen Raum umschlossen , standen Bücherregale und Schränke . Nahe dem einen Fenster befand sich der Schreibtisch , ein vierbeiniger , schmuckloser Tisch , mit einem Riesentintenfaß , einer Schreibmappe und einem Haufen Haushaltungsbücher belastet . Vor dem andern Fenster auch ein Tisch , auf dem allerlei Säckchen und Schälchen mit Getreide- und Hülsenfruchtproben standen . Außerdem gab es noch ein halbes Dutzend Rohrstühle in der Stube , darin der weiße Fußboden mit Sand bestreut war . Fanny nahm auf ihrem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz , die drei Hesselbarths setzten sich im Halbkreis ihr zur Seite . Der Pastor faltete seine Hände über dem Bäuchlein ; ach , nach einem so guten Essen und nach einem so ausgezeichneten Bordeaux war es wahrlich schwer , sich die ganze Sündenfälligkeit des leichtsinnigen Sohnes ins Gedächtnis zu rufen . Die Pastorin hatte auf den gelben Wangen rote Flecke . Ihre Gedanken jagten wie ein Wirbelwind in ihrem Kopf umher , sie zürnte dem Sohn , dem sie diese schwere Stunde verdankte . Sie wollte Fanny beweisen , daß der Sohn eigentlich bloß das Opferlamm eines Mächtigeren sei , sie wollte dem Gatten nochmals zu Gewissen bringen , daß seine Erziehung an allem schuld sei . Aber aus ihrem von Gedanken kreisenden Kopf gebar sich kein gesammeltes Wort ; der Sohn hob statt ihrer an , Fanny geradeaus ansehend : » Severina wird Ihnen das Geschehene angedeutet haben , Frau Förster . Ich sitze nicht hier , um mich zu entschuldigen , und die Hilfe , die wir von Ihnen erbitten wollen , denke ich nicht dadurch zu erschleichen , daß ich mich als Opfer unglücklicher Verkettungen darstelle . Ich habe gefehlt ; jugendlich , verzeihlich vielleicht , würde man sagen , wenn ich einen reichen Vater hätte , der die paartausend Mark Spielverlust ohne Empfindlichkeit zahlen könnte . Aber da ich wußte und immer dessen hätte eingedenk bleiben sollen , daß mein Vater nicht im stande ist , mir dergleichen Schulden zu bezahlen , so wäre mein Vergehen unverzeihlich , wenn ich nicht den Willen und die Fähigkeit hätte , den pekuniären Schaden und den , welchen ich in Ihrer Achtung erlitt , gut zu machen . « Der Pastor seufzte zustimmend . Die Pastorin , die ihre Hände im Schoß gefaltet hielt , sagte schnell : » Gewiß , Magnus , Du hast gefehlt wider besseres Erkennen und Wollen . Der Versucher kam über Dich , und Du mußtest ihm gehorchen . Das ist der Fluch , der seit dem ersten Sündenfall auf uns allen ruht . Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms , den ... « » Liebe Pastorin , « sagte Fanny mit feinem Lächeln , » Sie hörten , Magnus lehnt es von vornherein ab , unter dem Druck jener mysteriösen force majeur gehandelt zu haben , die Sie seit seinen Knabenjahren immer als Entschuldigung für alle seine Thorheiten citirten . Wir haben schon an den alltäglichen kleinen menschlichen Unvollkommenheiten unserer Charaktere genug Stoff , um Adam und Eva verantwortlich zu machen ; suchen wir mit den Hauptnummern unseres Sündenregisters niemand zu belasten als unsere eigene Willensschwäche . « Magnus lächelte Fanny an . Der Pastor seufzte zum zweitenmal zustimmend . » Es war am Abend meines Doktorschmauses , « begann Magnus ; » wir hatten stark getrunken , erst so stark , wie es solche Gelegenheit in studentischen Kreisen mit sich bringt , und dann noch stärker , als mitten in unsere Fröhlichkeit hinein mir ein Brief der großen X.schen Verlagsbuchhandlung kam , die mit mir fest kontrahirt über eine von mir zu liefernde Uebersetzung und Bearbeitung mehrerer griechischen Autoren zum Zweck einer Volksausgabe . Dies Ereignis ... « » Magnus , « rief die Pastorin fieberhaft , » und davon hast Du bislang geschwiegen ? ! Diesen Trost , diese Entschuldigung uns vorenthalten ! Was hab ' ich immer gesagt ; wer hat nun recht ? « » Dieser Umstand hätte Dich vielleicht dahin geführt , liebe Mutter , mein Vergehen als Verdienst aufzufassen , und das ging doch angesichts des Umstandes nicht an , daß Frau Förster uns helfen muß , soll kein Unglück , kein Skandal geschehen , « sprach Magnus mit jener liebevollen Lehrhaftigkeit , die erwachsene Männer den Schwächen der Mutter gegenüber annehmen . Die roten Flecken auf den Wangen der Pastorin wurden dunkler . Ihr Herz schlug heftig . Der Ton - der Ton von ihrem Magnus ! Und von und mit Fanny sprach er so voll Ehrfurcht ! O , wenn sie doch unermeßlich reich wäre , um alle Sorgen selbst dem Sohn aus dem Weg zu schaffen , ihm alle Freuden der Welt zu ermöglichen ! Diese Wonne Fanny überlassen zu müssen ! « » Und weiter ? « fragte Fanny . » Meine Fröhlichkeit wurde Uebermut ; ich sah mich schon berühmt als unerreichten Uebersetzer , ich sah mich schon im Besitz der als Honorar für die in zwei Jahren zu liefernde Arbeit bedungenen fünftausend Mark . Als die Freunde Bank auflegten , verschmähte ich zum erstenmal nicht , daran teilzunehmen . Mein Verlust wuchs , meine Besinnung schwand . Endlich gab es Streit . Am andern Mittag hatte ich die Wunde im Arm und fünftausend Mark Spielschulden . « » Ach , « sagte die Pastorin und sah ihren Sohn bewundernd an , » was mögen das für Aufregungen gewesen sein ! « » Wenn Sie uns , teure Frau , die Summe vorstrecken wollen und sie mir allmälich am Gehalt abziehen ... « , begann der Pastor , der mit einer unüberwindlichen Sehnsucht nach seinem Lehnstuhl kämpfte . » Halt , « rief Fanny , » Magnus soll sich allein aus der Klemme ziehen , in die er sich hineingebracht . Er erhält die fragliche Summe von mir und verschreibt mir dafür sein Honorar . Und damit er nicht durch abermalige schwache Stunden in noch Aergeres gerät , schlage ich vor , daß er seine Arbeit im Elternhause vornimmt ; da wird er billiger und ruhiger leben als in Berlin . « » Bravo ! « rief der Pastor erleichtert , weil die Sorge und die Unterredung bald ein Ende hatten . Magnus ergriff die Hand Fannys und drückte sie mit wortloser Dankbarkeit . Im Herzen der Mutter wallte neben der Freude , den Sohn bei sich zu behalten , schnell der eifersüchtige Gedanke auf , daß Fanny am Ende ein besonderes Interesse für Magnus habe . Daß die Dinge etwa anders werden konnten , als wie Fanny sie ordnete , fiel überhaupt niemand ein . Was sie sagte , geschah immer . Hier trat ein Diener ein und meldete , daß Wenzel und Riggers bäten , vorgelassen zu werden . » Ah , « sagte Fanny , » da soll ich wohl den Schiedsrichter spielen wegen der strittigen Wiese ? « » Die Bauern bitten darum , « antwortete der Diener ; » und hier , diese Depesche ist eingelaufen . « Fanny nahm die Depesche vom Tablet , erbrach und las sie , lächelte , wandte sich zum Diener und sagte : » Die Bauern können gleich vor . Ich rufe . « » Schnell , Magnus , « mahnte sie dann , » ich schreibe Ihnen einen Check für mein Berliner Bankhaus , morgen fahren Sie hin , ordnen Ihre Sachen und kehren übermorgen zurück . Ist vom Duell etwas ruchbar geworden ? « » Nein . « » Um so besser . Hier unterschreiben Sie den Schein . « Magnus unterschrieb ein Papier , auf welchem Fanny Förster sich das Honorar zueignete , das er von der Firma Soundso erhalten solle . Dagegen empfing er einen Check , lautend auf fünftausend Mark . Unmittelbar nachdem die Familie Fannys Zimmer verließ , drängten sich die zwei Bauern hinein , und auf dem Flur warteten noch weitere Leute . » Ja , ja , die Frau ist ein Segen , « murmelte der Pastor . » Leider fehlt es ihr an der rechten Frömmigkeit , « sagte die Pastorin klagend . Als sie sah , daß Magnus vom Zeugständer auf dem Flur seinen Hut nahm , fragte sie hastig : » Wo willst Du hin ? Wir sind eingeladen , den Tag hier zu bleiben . « » Nur dies zu Hause in meine Kommode schließen und mir ein Buch holen . « » Laß nur . Ich gehe eben , « rief die Pastorin , der einfiel , daß Magnus gestern geäußert habe , Severina besitze jene eigentümliche , temperamentvolle Häßlichkeit , die gefährlicher sei als manche Schönheit . Und Severina war allein in der Pfarre . So ging sie denn , und Vater und Sohn gesellten sich dem Baron auf der Terrasse zu . Viertes Kapitel Es war am Abend dieses Tages . Adrienne saß mit einem Buch in der Hand auf der Terrasse , wo Fanny mit dem Pastorenehepaar und Lanzenau schon seit sieben Uhr Whist spielte . Die junge Frau begriff Fannys Geduld nicht ; sie ihrerseits fühlte sich schon nach einer Stunde so nervös vom Zusehen , daß ihr das Aufstoßen der Karten auf die Tischplatte , wenn die Spieler ihre Stiche zusammennahmen , jedesmal einen leichten Schreck verursachte . Und diese im Text sich ewig gleichenden Bemerkungen der Spieler über Bilder , Renoncen , Tricks und Rubber ! Adrienne schielte zuweilen über ihr Buch hinweg zum jungen Doktor Hesselbarth hinüber , der am andern Ende der Terrasse lesend saß . Doch schien diesen das einförmige Geräusch nicht zu stören . Er las mit einer Vertiefung , als befände er sich etwa allein in seinem Studirzimmer . Jedermann schien überhaupt in diesem Hause die unbegrenztesten Freiheiten zu genießen , mit Ausnahme von Fanny , die offenbar ihre Aufgabe darin fand , sich von den anderen ausnützen zu lassen . Nun , die Gründe für diese unbegreifliche Lebensgestaltung würden sich ihr schon allmälich enthüllen , dachte Adrienne und erhob sich endlich , als sie fühlte , daß ihre Ungeduld über die Ausdauer der Spieler sich bis zum Aerger darüber steigerte , daß niemand sich um sie bekümmerte . Wenn doch wenigstens Severina dagewesen wäre , allein diese war von der Pastorin mit dem Bedeuten weggeschickt , sie müsse zu Hause einhüten , weil die Magd einen Abendurlaub erbeten . Als Adrienne am Kartentisch vorbei ins Haus ging , nickte Fanny ihr zu und fragte ausspielend : » Willst Du nach Baby sehen ? Küß es zur Nacht von mir . « In der That hatte Adrienne ihr Kind aufsuchen und zusehen wollen , ob es schlafe . Eine dunkle Sehnsucht war in ihr Herz gekommen , das Wesen zu liebkosen , das einzige , welches ihr zu eigen gehörte . In Fannys Frage fand sie aber den Vorwurf , daß sie sich den ganzen Tag nicht um den Kleinen bekümmert habe , und ging nun trotzig nicht hinauf , sondern durch den Saal über den Flur , vorn hinaus und setzte sich da in den Beischlag . Aber sie fand es bald langweilig , auf den nun am Abend ganz unbelebten Hof zu sehen oder die dunkle Ulmenallee entlang zu gucken , wo sich doch nichts Lebendes zeigte . Die Bauern lieben nach der sauren Tagesarbeit im Freien , sich in Stube und Tenne auszuruhen . Spazierengehen in würziger Abendluft gehört für sie zu den unbegriffenen Luxusbedürfnissen des Städters . Adrienne ging um das Haus und durch schmale Seitenwege parkeinwärts . Der Abend fing an , sich grau unter Stämmen und Buschwerk auszubreiten ; als Adrienne , schon fern vom Hause , einen das Rasenparterre durchschneidenden Pfad verfolgte , sah sie auf der Terrasse Windlichter aufblitzen : offenbar setzten die Kartenspieler ihre öde Thätigkeit nun bei Beleuchtung fort . Die junge Frau hatte von der Ausdehnung des Parks und der Verschlungenheit seiner Wege keine rechte Vorstellung . Sie glaubte , daß alle Wege sie wieder dem Hause zuführen müßten , und ging langsam weiter und weiter . Plötzlich sah sie nahe vor sich das Gebüsch breit auseinander weichen , der Weg trat in ein Halbrund ein , und dieses war abgeschnitten durch ein breites Wasser . Nahe am Ufer , das von jungem Röhricht eingefaßt war , stand ein Holztisch und davor zwei Bänke ; Tisch und Bänke von jener einfachsten Art , die auf vier dünne Baumstämmchen ein paar dürftig behobelte Bretter nagelt . Adrienne ging durch das feuchte Gras und setzte sich auf eine Bank , die Ellenbogen auf den Tisch , das Kinn auf die gefalteten Hände stützend . Die flache , weite Gegend war nun ganz verschattet , rings um den Horizont stand es wie eine Dunstmauer . Die Elbe schob Welle um Welle in sanfter Bewegung vorwärts , im Schilfrohr am Ufer raschelte es zuweilen , ein Frosch sprang auf und plumpste ins Wasser , sonst waren alle Töne des Lebens nah und fern erstorben . Adrienne war von namenloser Furcht ergriffen . Hinter ihr der Park stand zwischen ihr und der Welt wie eine schwarze Mauer , die zu durchbrechen sie sich um keinen Preis getraut hätte . Vor ihr hemmte der breite Strom die Flucht . Das gegenüberliegende Ufer , am Tag ein harmloses Rapsfeld , erschien jetzt wie ein düsteres Land , aus dem jede Minute unbekannte Schrecknisse hervorbrechen konnten . Nun erschien dort rechts hinauf über dem Horizont , dessen Grenze übrigens schon längst mit dem Lande in einer schwarzen , untrennbaren Finsternis sich vermengt hatte , ein breiter roter Schein ; - kein Schein eigentlich , denn die kupferglänzende , schräg abgeflachte Scheibe , die da gespenstisch schnell emporrückte , warf keine Strahlen . Wie ein umqualmter Feuerbrand ging der Mond am schwarzen Himmel empor . Er erschien der geängsteten Frau wie ein großes , strafendes Auge , ausschließlich auf sie gerichtet . Sie fürchtete sich wie ein kleines Kind allein im Dunkeln und schrie gell auf , als plötzlich ein fester , rascher Schritt ihr nahe schon ertönte . » Hallo - ist da jemand ? « fragte eine Stimme , welche Adrienne , erlöst aufatmend , für die von Magnus erkannte . » Ich bin es , « sagte sie schüchtern . Aber auch der Doktor hatte , näher kommend , an dem hellen Gewand und den schmalen Umrissen Fannys Gast erkannt . » Bewundern Sie auch den Mondaufgang , gnädige Frau ? « fragte er . » Ach nein , « sprach sie weinerlich , » ich habe mich nur hieher verirrt . Bitte , bringen Sie mich zurück . « » Ich rate Ihnen , noch eine Viertelstunde auszuhalten . Wie der strahlenlose Feuerball sich allmälich in lauter Silberglanz wandelt , das ist ein überherrliches Schauspiel . « Er setzte sich Adrienne gegenüber ; es war klar , er war hergekommen , dies Schauspiel zu genießen , und ängstlich blieb die junge Frau sitzen . Sie war nicht gewohnt , die Natur zu beobachten und zu genießen , und jene hundertfältigen Schönheiten blieben ihr verborgen , die geschulte , schauensfreudige Augen sehen , die gesammelte Sinne empfinden . Sie merkte jetzt nur , daß es feucht aus dem Rasen aufstieg und daß es kühl wurde . Er aber sah auf dem dunkeltönigen Bilde , das mälich von weißlichen Lichtern überhellt wurde , ein junges , schönes Weib , welches in seiner überzarten Erscheinung wie die passendste Staffage in die Mondnacht gesetzt war . Der Mondschein spielte um ein weißes Gesicht , aus dem ein Paar großer Augen unsäglich trostlos himmelwärts schauten . Ueber dem Flußbett schwebten weißliche Nebel , die dampfend von der Wasserfläche aufstiegen . Auf dem feuchten Rasen , auf dem Laub der nächsten Büsche lag jener kalte Glanz , den das Nachtgestirn um sich verbreitet , und in Schatten flog es zuweilen wie ein Demantschimmer schnell vorüber : Johanniswürmchen begannen da ihre Nachtlust . » Nicht wahr , « sagte Magnus , » es ist schön ? « Sie nickte nur . » Die Schönheiten unserer Gegend sind wie die Schönheiten eines tiefsinnigen Werkes : man erfaßt sie erst durch Studium , « sagte er . » Ja , « antwortete sie . » O weh , « dachte Magnus , » das schöne Bild deckt eine Oede zu ! Ich habe den ganzen Tag kein Wort gehört , das auch nur auf die notdürftigste Gedankenvegetation schließen ließe . Hinter der weißen Stirn und dem rötlichen Haar scheint steriler Boden . « Dabei sah er unwillkürlich sein Gegenüber ungenirt forschend an . Dieser Blick war Adrienne unbehaglich , sie sagte mit einer gewissen Schärfe : » Ich bin kein tiefsinniges Werk . « So schnippisch kann nur eine unreife und unerfahrene Frau sein , deshalb freute er sich der Antwort , denn ihm wohnte , wie den meisten jungen Gelehrten , den Frauen gegenüber ein Gefühl der Ueberlegenheit , um nicht zu sagen Ueberhebung , inne . » Verzeihen Sie , « sprach er lächelnd , » aber ich bin kurzsichtig , und da erscheint mein Blick gleich unbescheiden , wenn ich jemand nahe ansehe . « » Haben Sie jetzt den Mond genug bewundert ? « Er sprang auf . » Sie wünschen heimzukehren ? Ich stehe zu Befehl ! « Adrienne ging hastig voran , aber kaum traten von rechts und links die dichten Baumschläge an den engen Weg , als sie sich in so offenbarer Furcht nach Magnus umwandte , daß dieser ihr den Arm anbot . » Ob wir Fanny noch bei dem schrecklichen Whist finden ? « sagte Adrienne . » Pünktlich um halb zehn hört er auf . Fanny verliert immer ihr Geld , nie ihre Geduld dabei ; man spielt um ein Geringes , aber Lanzenau und meine Mutter sind verstimmt , wenn sie verlieren . Ihnen ist dies Spielchen Erholung , Vergnügen , mein Vater und Fanny bringen ein Opfer . « » Ums Himmels willen , Fanny scheint aller Welt Opfer zu bringen ! « rief Adrienne . Dann zuckte sie zusammen : im Gebüsch hatte es geraschelt . Magnus zog ihren Arm zur Beruhigung fest an sich . » Fanny ? Ich weiß nicht , ob man Thaten , die einem seelischen Bedürfnis entspringen , noch Opfer nennen kann . Freilich , das Kartenspiel ist ein kleines - aber sie bringt es Lanzenau , « sagte Magnus . » Lanzenau ? Das sagen Sie mit einer Betonung , als wäre er für Fanny der Gegenstand höchster Güte , « bemerkte Adrienne ; » man sieht es nicht im freundlichen Verkehr zwischen beiden . Aber dennoch frage ich mich , weshalb heiraten sie einander nicht , und ist es möglich , daß Fanny , so in ihren besten Jahren , niemals den Wunsch haben sollte ... ich meine ... ich wollte sagen ... warum sie wohl Witwe bleibt ? « » Da fragen Sie mich zu viel . Seit ich ein Junge von zwölf Jahren bin , war ich von der Schule , dann von der Universität immer nur zum Besuch hier . Herrn Försters erinnere ich mich kaum , doch Sie wissen , man gewinnt mit der Zeit so was wie ein retrospektives Verständnis , und so verstehe ich auch jetzt , daß mit den Jahren die Lebensbilder , die ich hier im Ausschnitt sah , immer heiterer und friedlicher wurden . Lanzenau war schon immer eine stehende Figur darin , auch zu Försters Zeiten . Damals gehörte ihm Driesa . « » Ah , « sagte Adrienne mit dem Ausdruck unaussprechlichen Verlangens in Stimme und Antlitz , » wenn ich Fanny wäre , lebte ich anders . « » Wie denn ? « fragte Magnus , der von diesem Ausdruck gepackt wurde . » Ich weiß nicht , wie , « flüsterte sie , » nur müßte jeder Tag eine neue Wonne , ein anderer Genuß sein . « Magnus schwieg mit einigem Herzklopfen . Das also , das stand hinter der weißen Stirn ! Die schönen Lippen waren nur so schweigsam , weil der Durst sie zusammenpreßte ! Es fiel Adrienne nicht auf , daß er ganz verstummte . Sie hatte so viel zu denken , daß sie seiner Unterhaltung nicht bedurfte . So kamen sie vor der Terrasse an . Dort räumte gerade ein Diener den Kartentisch ab , aus dem Gartensaal brach ein Lichtstrom , man sah mitten in demselben Fanny und Lanzenau stehen , Lanzenau schien aus einem Zeitungsblatt eine Notiz zu lesen . Magnus ' Eltern waren nicht mehr da . » Ich habe mich schon vorhin von Fanny verabschiedet und gehe nicht mehr hinein . Gute Nacht ! « » Gute Nacht ! « sagte Adrienne und legte ihre kalte Hand in seine warme . Sie standen am Fuße der wenigen Stufen , die zur Terrasse emporführten ; im Schein des Lichts , das vom Hause kam , sah Adrienne die braunen Augen Magnus ' mit jenem zudringlichen feurigen Blick auf sich gerichtet , den Männer schnell für eine schöne Frau haben , die ein Bedürfnis oder den Wunsch nach » Trost « gezeigt hat , - dem Blick , den Wegelagerer auf eine scheinbar wenig verteidigte Beute richten . Adrienne erzitterte - so hatte sie noch kein Mensch angesehen , und ihr blieb auch alles Unbescheidene in dem Blick verborgen , sie bemerkte nur das Feuer , und das genügte , sie fliehen zu lassen . Mit eilenden Füßen lief sie über Treppe und Terrasse in den Gartensaal . » Gute Nacht , Fanny ! « sagte sie und wollte ihr im Vorübergehen die Hand reichen . Fanny hielt sie fest , zog eine Depesche aus der Tasche , gab sie Adrienne und machte : » Pst ! Lesen , aber nichts sagen . « Adrienne las , was da der Blaustift des Bahnhofinspektors auf das Depeschenformular hingeschrieben : » Ich komme an dem gewünschten Tag . Joachim von Herebrecht . « » Ein Geheimnis vor mir ? « fragte Lanzenau , scherzhaft drohend . » Ja , « sagte Fanny , » das Geheimnis einer Verschwörung . Aber nun geh schlafen , armes Kind , Du siehst ganz bleich und übernächtig aus . Ich bin auch müde , aber ich habe noch einiges mit Lanzenau zu besprechen , wozu der Tag uns keine Muße gab . « Adrienne murmelte etwas davon , daß sie in der That sehr abgespannt sei , und war froh , sich von beiden verabschieden zu können . » Kommen Sie , « sprach Fanny ; » was wir uns zu sagen haben , können wir uns draußen sagen . Die Nacht ist so wohlig kühl . « Sie ging auf die Terrasse hinaus und setzte sich in einen leichten Schaukelstuhl ; sie stemmte die Arme auf seine Seitenlehnen und die gekreuzten Füße auf einen Schemel . Den Kopf weit zurücklegend gegen die Holzeinfassung der rohrgeflochtenen Lehne , schaute sie zu dem neben ihr stehenden Lanzenau empor und fragte : » Nun ? « Lanzenau , der die Rechte sehr nahe an Fannys Kopf auf die Stuhllehne gelegt hatte , strich mit der Linken seine Haarlocke gesichtwärts glatt . Fanny wußte ganz genau , daß das bei ihm nervöse Aufregung bedeutete . » Wollen Sie nicht rauchen ? « fragte sie . » Also ich werde eines Beruhigungsmittels bedürfen ? « fragte er mit einem schwachen Lächeln entgegen . » Nein , Fanny , ich will keines , sondern ich will meinem Henker - wenn er wirklich als solcher vor mir sitzt - fest in die Augen sehen ; in diese grausamen , schönen Augen , die immer klar bleiben wie ein Himmel , über den nie ein Gewitter zieht . « Er schob das Windlicht auf dem Tisch neben Fannys Stuhl etwas weiter fort , nahm sich einen Sessel und setzte sich Fanny so nahe gegenüber , als es ihre jeweiligen schaukelnden Bewegungen nur irgend erlaubten . Mit vorgebeugtem Oberkörper faltete er seine Hände zwischen seinen Knieen , sah Fanny eindringlich an und sagte : » Dreimal , liebe Fanny , haben Sie seit dem Tode Ihres Gatten meine Werbung um Ihre Hand abschlägig beschieden , aber jedesmal hat die Art der Abweisung , hat Ihre liebevolle Güte nachher neue Hoffnung in mir genährt . Die Jahre sind darüber hingegangen , ich habe keine mehr zu verlieren in dem Kampf um Glück ; jetzt muß es mein werden oder