In der Gerichtsstraße . Dorthin hatte ein Dienstmann die Sachen abgeholt und ihre Wohnung verrathen ; dorthin war auch ein Brief , der vor acht Tagen angelangt , befördert . Eduard biß sich auf die Lippen , als der Mann ihn forschend ansah : Augenscheinlich war sein Brief gemeint . Draußen auf der Pferdebahn erkundigte er sich , wie er am nächsten nach der Gerichtsstraße komme . Eine Stadtbahnstation lag in der Nähe und er fuhr denn dorthin . Seltsame Gedanken quirlten durch sein Hirn . Was bedeutete das Alles ? An demselben Tage , wo er erschien , verließ sie den Ort ? Und zog sich ganz privat zurück ? Was bedeutet das ! Ist das Fliehen vor der Liebe ? Instinktiv oder beabsichtigt ? - Oder hatte vielleicht ein Andrer hierbei die Hand im Spiele ? Station Wedding . - Die Gerichtsstraße , bald erreicht , lag in der grauen Einförmigkeit ihrer Miethskasernen schläfrig da und dehnte sich ordentlich in der Mittagsgluth . Es war erstickend heiß . In Schweiß gebadet , trat er unter den kalten Hofthorweg eines Hauses mit einer Reihe von Hintergebäuden . Es trug die angegebene Nummer . Einen Portier gab es nicht . Da er annahm , daß sie allein wohne , hoffte er ihren Namen an einer Thür zu finden , als er die engen schmutzigen Treppen hinaufstieg . Doch täuschte er sich . Nur eine Thür , drei Treppen rechts , trug gar keine Namensaufschrift , und obschon er dreimal klingelte , öffnete Niemand Er irrte noch lange im Hofe umher , fragte bei drei verschiedenen Portiers und Vicewirthen , endlich bei dem Hauptwirth , der auf die Frage : ob hier ein Fräulein Kreutzner wohne , eine kalt verneinende Antwort gab . Offenbar hinterließ er mit seinem eleganten Rock einen sonderbaren Eindruck bei den schmutzigen Kinderscharen auf Treppen und Höfen , die ihm verwundert nachgafften . Die Hitze drückte auf sein Hirn . Asphalt- und Holzpflaster in der Friedrichstadt schienen zu schwitzen , selbst die Steine erweicht zu stöhnen . Was machen ! Ah , da blieb nur eins : er fuhr direkt in das Wiener Café . Als er dort erschien und seinen Schoppen Pilsener bestellt hatte , fragte er den dortigen Kellner kurz , ohne weiteres Herumgerede : » Seit wann ist denn die Kathi nicht mehr hier ? « » O schon seit vorigen Dienstag nicht « grölte dieser . » Seit sie der Kerl da herausgenommen hat . « » Wer ? « Eduard fühlte sein Blut erstarren . » Ach , davon wissen Sie nichts ? Nun , der Eberhart . « » Wer ist denn das ? Was weiß denn ich davon ? « » Nun , der hier immer um Kathi herum war . Ach , Sie kennen ihn ja ! So Einer mit Bart-Cotelettes , verstehn sie . Der war ja immer auch da , wenn Sie da waren . « » Jaja , ich erinnere mich , « murmelte Eduard dumpf . » Also der ! « » Er war auch draußen in Treptow und hat sie da besucht . Na , nun hat sie ja , was sie wollte . « Plötzlich erschien der Wirth des Cafés , Herr Bammer , elegant geschniegelt , wie gewöhnlich . Derselbe schimpfte mit aller Kraft auf die pflichtvergessene » raffinirte Person « , die ihn höchst unangenehm hineingelegt . Der ganze Hergang war folgender gewesen . An jenem Dienstag vor acht Tagen war Kathi plötzlich erschienen und hatte erklärt , daß sie nie mehr nach Treptow hinausgehe . Der Alte dort sei immer hinter ihr her , und wenn sie der zu Frieden lasse , komme der Junge . - Er , Bammer , habe das für faule Fische erklärt . Nachdem sich dann daraus ein Zank entwickelt , sei sie still geworden und habe sich für krank ausgegeben . Sie müsse zu ihrem Arzte gehn . Dann sei sie um fünf Uhr weggegangen und seitdem nicht wieder gekommen . Eine nähere Nachforschung ergab jedoch , daß sie einen Dienstmann an Herrn Eberhart gesandt . Dieser Mann war ein reicher Holzhändler , ließ sich aber consequent » Herr Hauptmann « anreden , weil er zufällig in diesem Range der Reserve angehörte . Ein boshafter Zufall hatte gewollt , daß der Buchhalter Bammers in der Reichensberger Straße wohnte , und dieser hatte Kathi in aller Frühe dort aus dem Hause Eberharts kommen sehn . In wortlosem bleichem Grimm erhob sich Rother , nachdem er erfolglos versucht den Gleichgültigen zu spielen , und wanderte heim . Erdrückend schwül lastete sein Leben auf ihm , öde und leer gähnte ihn ein Vacuum von Langeweile und Ekel an . Er hatte innerlich seine ganze Leidenschaft und sein ganzes Gefühl auf eine Karte gesetzt , und diese mit einem einzigen Va-Banque verloren . Wozu dies Leben ! Die Befriedigung der Eitelkeit , die man etwa » Ruhm « nennen könnte , dieser erbärmliche Erfolg , den der Künstler erstrebt , widerte ihn an . Die Natur , je mehr er sich in sie versenkte , blieb ihm immer mehr eine steinerne Maske . So klammerte er sich denn mit letzter Kraft an dies erotische Gefühl . Hier lag die geheime Truhe seines Innern , wo er all seine Schätze aufgespeichert . Und nun hatte ein Dieb ihm Alles über Nacht geraubt . Nein , nicht ein Dieb . Was war der einzelne Mensch , der einzelne Fall ! Was galt das ihm ! Prüfte er seine Gefühle und sondirte seine Motive , so mußte er sich gestehen , daß er weder jenen großen Unbekannten haßte noch das Weib selber , sondern daß ihm wiederum wie von je das erstickende Bewußtsein mit neidischer Wuth die Brust beklemmte , wie ohnmächtig der arme Künstler mit seinem Anspruch auf Genuß der Welt gegenüberstehe . Der nichtigste Geselle , der Lieutenant mit der glatten Taille und der Assessor mit dem Wirbelscheitel - von dem parfümduftenden Ladenschwengel und dem goldklimpernden Banquier ganz zu schweigen - spielt in der Welt eine bessere Figur , als der Künstler , der Federheld , der Musikus . Und gar erst beim Weibe ! Beim Weibe ? Ja gewiß giebt es weiblicher Wesen genug , die für das Romantische schwärmen , die sich von der Verehrung eines Musensohnes geblendet und geschmeichelt fühlen - aber das Praktische siegt im letzten Augenblick ja doch auch hier . Und wäre es auch nicht so , den Künstler zwingt ja nun einmal sein Kultus schöner Sinnlichkeit , das sinnlich Schöne zu begehren - selbst wenn es sich in Gestalt einer Dirne darstellt . Und hier fühlte er sich durch ein räthselhaft Zwingendes dämonisch an dies Mädchen geleitet , das nicht nur seine Sinne , sondern auch sein Herz bis zum letzten Blutstropfen erglühen ließ . Jetzt war diese Rose also verwelkt und gebrochen , der Wurm hatte sich in sie hineingebohrt . Alles war aus . Eine tiefe Verzweiflung über die Nichtigkeit all seines Strebens und Lebens verdunkelte ihm die klare Vernunft . Sein Groll mußte sich in schmähenden groben Worten Luft machen . Und so ließ er sich denn dazu fortreißen , in einem Café Feder und Tinte fordernd , folgenden Brief nach der Gerichtsstraße zu richten - denn sie wohnte in der That dort , wie er erfuhr ; er hatte nur nicht den Namen der Wirthin , Frau Lämmers , gewußt . » Liebe Kathi ! Mit Vergnügen habe ich erfahren , daß Sie eine ganz gemeine Dirne geworden sind . Nun kann ich ja machen , was ich will . Ich ersuche Sie aber , mir unverzüglich meine Briefe zurückzustellen , deren ich mich natürlich schäme ; sonst werde ich mich an Ihren Aushälter halten müssen . Wenn Sie übrigens mal zwanzig Mark brauchen - die will ich schon für Sie daran wenden . « Aber als er nach Hause in sein einsames Atelier zurückgekehrt war , empfand er tief die Würdelosigkeit dieses Benehmens und sandte einge kurze Zeilen , in edelem Ton gehalten . Sie schlossen : » Es rächt sich Alles auf Erden . « Er war wie wahnsinnig . Indem seine Phantasie sich geil und lüstern ausmalte , wie das prächtige Weib sich von jenem höheren Stallknecht ihre intimsten Bedürfnisse besorgen lasse , ergriff ihn selbst eine verzehrende Begier . Nachdem er in schlafloser Nacht seine gramvolle Leidenschaft hin- und hergewälzt , machte er sich am andern Morgen auf . Theils seine Leidenschaft theils seine Eitelkeit , die einen Eklat fürchtete , trieben ihn an , sie nicht loszulassen , sondern auf ihrer Spur zu bleiben . Diesmal benutzte er die Pferdebahn von der Weidendammer Brücke aus . Welch ein endloser Weg , die Chausseestraße und die endlose Müllerstraße entlang ! Aber er fand richtig das Haus , und als er drei Treppen rechts im Vordergebäude klingelte - ihm zitterten die Kniee vor Erwartung , als er die schmutzig steile Treppe hinanstieg - öffnete ihm diesmal eine anständig aussehende Frau und bat ihn einzutreten , als er nach Fräulein Kreutzner fragte . Die Dame sei ausgegangen , um eine Stelle zu suchen . » Sind Sie nicht der Herr Agent , den sie erwartete ? « Rother brummte etwas Ausweichendes vor sich hin und bat um Schreibzeug . Dann hinterließ er Kathi einen Brief , er werde um fünf Uhr bei ihr vorsprechen . Er beschwöre sie , auf ihn zu hören . Ihr Schicksal liege in ihrer Hand ; dies sei sein letztes Wort . Er fuhr direkt in das Café Bammer zurück und schlürfte mit unbefangenster Miene seinen Eierpunsch , während er aufmerksam horchte . Es erschien nämlich nunmehr eine Gestalt auf der Bildfläche , die von besonderer Wichtigkeit für den Fall sein konnte . Herr Wursteler , ein stets elegant gekleideter , schwarzhaariger und wohlaussehender Dreißiger , wohnte bei seinem Freunde Bammer . Beide waren Spießgesellen aus frühen Jugendtagen und hatten von einander Mancherlei zu verschweigen . Wursteler fröhnte einem kavaliermäßigen Müssiggang , obschon er sich unter dem vieldeutigen Namen » Agent « herumtrieb . Er besaß eine Gattin , welche ziemlich häßlich , aber anständig aussah und , wegen eines kleinen Batzen Geldes von dem flotten Schwerenöther geehelicht , nun an chronischer Eifersucht leiden mußte . Hinter Kathi war er immer anbetend hergeschlichen , wie Bammer einmal Rother lachend erzählte , und pflegte ihr zärtlich Morgens aufzulauern , wenn sie aus ihrer Stube ins Lokal hinunterkam , wofür er » a sakrische Watschen « schon mehrmals geerntet hatte . - Nun ergab sich aber , daß jene neue Wirthin Kathis durch Wurstelers dieser empfohlen war und daß Wurstelers , wie jetzt herauskam und gestanden wurde , auf Kathis Kosten mit dieser die erste Nacht im Grand Hotel zugebracht hatten , ehe sie zu der Wirthin Frau Lämmers , die ihre Wohnung in der Gerichtsstraße eben erst gemiethet hatte , einzog . Ueber alles Weitere fehlte hingegen auch Wurstelers jede Nachricht ; sie brach hier ab . Auch tauchte jetzt die schwarze Emmy hinterm Buffettisch auf , wo einst Kathi gethront , ihre holde Rivalin . Man sagte ihr nach , daß sie Herrn Bammers stille Schäferstündchen theile und ihr Kammer-Riegel für ihn nicht schließe . Es war , wie sie Rother einmal geklagt hatte , die bekannte Verleumdung der Welt . Sie begrüßte ihn nunmehr mit einem vielsagenden meckernden Kichern - sie lachte immer gezwungen , wie mit dem Magen - , was Rother jedoch absichtlich nicht verstand . Er that natürlich , als ob ihn das sehr lebhafte Gespräch über Kathis Schandthaten nichts angehe . Betreffs des Getroffenwerdens in der Reichensbergerstraße hatte sie nämlich behauptet , in einem scharfen Brief an die Wurstelers , daß sie einfach ihre Wirthin , die ihre Schwester zum Görlitzer Bahnhof brachte , begleitet habe . » Die Sache ist auch noch nicht aufgeklärt , « bemerkte Wursteler mit Emphase , » dahinter steckt auch noch etwas . Sie hat da irgend ein Verhältniß . « » Ja , « fiel Frau Wursteler ein , » er hat ihr letzthin mehrmals Briefe geschrieben . Er ist ja wohl in München . « Rother horchte hochauf und bewegte sich unruhig hin und her . » Ja , jetzt soll er aber wieder hier sein , « machte Wursteler , indem er möglichst unbefangen aussah ; Rother , der ihn beobachtete , vermochte durchaus keinen lauernden Seitenblick aufzufangen . » Neulich als sie von Treptow hereinkam , sagte sie so etwas im Allgemeinen : Ich denke , er ist verreist und da ist er wieder hier ! « » So ? « fragte Rother mit etwas heiserer Stimme ; er spürte eine gewisse Trockenheit im Halse , als ob er sich in sengender Hitze durch Sandwüsten halb verschmachtet hinschleppe . » Hat sie denn nie gesagt , wer das ist ? « » Nein , « fiel die schwarze Emmy geschwätzig plappernd ein . » Nur etwas war da , so ' n Anzeichen . Sie hatte da so ' ne Broche , mit einer Schlange drauf - die trug sie immer allein von all ihren Schmucksachen . « » Ja richtig . « Frau Wursteler warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu . » Sie sagte immer : Jajaja , das ist ganz ' was anders . Das trag ' ich , weil es mich an Jemand erinnert . « Rother räusperte sich verlegen ; Bammer aber , der sich eine Zeitlang entfernt hatte und jetzt hinzukommend die letzten Worte hörte , fuhr dazwischen : » Larifari ! Das ist Alles nur Verstellung . He , wie , sie leugnet gar nicht , daß sie sich mit dem Eberhard genossen hat ? « » Ne , « sagte der Kellner , der damals Rother zuerst aufgeklärt hatte . » Traf vorgestern den Eberhart an der Weidendammer Brücke , wie er zu ihr hinausfuhr . Er hielt ein paar Rosen , die sie ihm geschenkt hatte . « Rother fühlte , wie eine dunkle Blutwelle ihm rothsiedend zum Hirne drang . Er biß sich auf die Lippen und schwieg . Die schwarze Emmy beobachtete ihn , die Andern empfahlen sich aus irgend einem Grunde . Wursteler aber ließ im Vorübergehen an Rother halblaut die Worte fallen : » Glauben Sie nur ja nicht Alles , was hier gered ' t wird . « Damit entfernte er sich hastig . Rother versank in Nachdenken . Langsam glitten alle vergangenen Vorfälle vor ihm vorüber . Die Thatsache ihres Fliehens vor ihm in Treptow , dann wieder die Mittheilungen der Wurstelers - hier lag irgend ein Geheimniß vor . Er grübelte und grübelte - darüber wurde es halbfünf . In zitternder Haft und unbeschreiblicher Gemüthsverwirrung machte er sich auf den Weg . » Nun ? « fragte er in der Gerichtsstraße an der schon wohlbekannten Thür . Die Wirthin schüttelte den Kopf , er sei immer noch nicht gekommen . Und so stieg er denn schweren Herzens wieder hinab . Er fühlte sich so müde , daß er beim zweiten Treppenabsatz sich athemschöpfend ans Geländer lehnte . Da plötzlich knarrte die Treppe von einem emporklimmenden Schritt : Wie von einem elektrischen Schlag durchzuckt , fühlte Eduard : Sie war es ! Sie , sein Traumbild in einsamen Nächten ! Ja , sie war es ! Ihre prachtvolle Gestalt knapp von einem schwarzen einfachen Gewand umschlossen . Als sie ihn erblickte , blieb sie einen Augenblick , zusammenschreckend , stehn . Dann stieg sie etwas schwerfällig die Stufen bis zu ihm empor . Er wartete , bis sie neben ihm stand , auffallend bleich , mit einem finsteren harten Ausdruck der schönen Züge . » Haben Sie mir nichts zu sagen ? « Sie gab keine Antwort und schritt an ihm vorbei , schweigend , mit erhobenem Haupte . Ihm war buchstäblich , als ob ihn ein schneidendes Schwert durchschnitte . Mark und Bein erzitterten ihm . Und mit zitternder Stimme fragte er nochmals , halb stammelnd und doch bemüht , einen sicheren Befehlton festzuhalten : » Nochmals , haben Sie mir nichts zu sagen ? Es ist mein letztes Wort . « Aber ohne zu antworten stieg sie höher und höher , und ohne sich umzusehen , stieg er hinab , ohne ein weiteres Wort zu verlieren . In seinem Innern gährte und schäumte Unaussprechliches durcheinander . Er traf am Abend einige jüngere Künstler , die ihm docirten , die Liebe sei etwas Unreifes , was unter die Füße getreten werden müsse . Doch mit finsterem Humor vertrat er dagegen die Ansicht , nur durch erotische Leidenschaft werde Außerordentliches zu Tage gefördert . Er selbst docirte dabei ebenso weise als erfahrener Mann , wie die andern Jünglinge mit der misogynischen Weisheitswürde . Aber eine Ahnung von der Lächerlichkeit all dieser reifen Theorieen dämmerte ihm heimlich . Und siehe da , am andern Morgen erhielt er einen Brief , dessen Adresse-Handschrift ihn schon erbleichen machte : » Daß ich Ihnen auf der Treppe keine Antwort gegeben , darf Sie wohl nicht wundern . Doch weil ich nicht herzlos sein kann , sende ich Ihnen diese wenigen Zeilen . Was ich diese Tage gelitten , weiß nur ein guter Gott , vor dem allein ich mich zu verantworten habe . Ich wünsche Ihnen nur , daß Sie solche Stunden nie kennen lernen , denn dann könnten Sie die einzig richtige Bedeutung des Wortes Verzweiflung fühlen . Vergessen werde ich die Beleidigungen nie und Gott gebe , daß Ihnen in diesem Falle nicht Ihre eigenen Worte zur Wahrheit werden ( es rächt sich Alles auf Erden ) und wenn sich nie in Ihrem Leben Jemand mehr über Sie lustig macht als ich es gethan , dann sind Sie der unbehelligste Mensch , den es überhaupt giebt . Nur bitte , lassen Sie mich aus dem Spiele , es sind dies die letzten Zeilen , die Sie von mir je bekommen , ich bin froh , wenn ich meine Ruhe habe . « Rother war es , als gingen ihm Dolchstiche durch und durch , da er diese einfachen Zeilen leidenschaftlicher Beredsamkeit durchlas . Ja , dachte er , ob die Heerde Dich verbannte , Einer blieb Dir , wundes Reh . Ich , ich allein erkannte dein besseres Ich und wenn Du zu bereuen hast , so wollen wir selbander die Reue tragen . Aller Schmutz in deiner Seele zerstiebt vor meines Geistes Hauch .. Dies Geheimniß deiner Seele soll kein Anderer verstehn . Da erblühte ihm noch eine seltsame Ueberraschung . Sein Dienstmädchen meldete ihm Herrn Schneidemühl . Dieser Herr führte eine ebenso merkwürdige als fragwürdige Existenz . Seines Zeichens Bildhauer , ernährte er sich von Stukkaturarbeiten , die er fabrikmäßig betrieb , nebenbei aber nahm er mit Vorliebe die Börsen seiner guten Freunde in Anspruch . So ahnte denn Rother nichts Gutes , als sein Freund Schneidemühl ihn freudig » wieder zurück in Berlin « bewillkommete . Seine Erwartungen wurden aber übertroffen ; denn , nachdem Schneidemühl seinen Schnurbart verlegen gestrichen , eröffnete er , daß Kathi gestern bei ihm gewesen sei und erschrecklich lamentirt habe . Es ergab sich , daß der geniale Bayer ( er war ein Landsmann Kathis ) wieder mal umsonst den heiligen Pumpus von Perusia , seinen Schutzpatron , um freigebige Huld ersucht hatte . Auch der würdige Caféwirth Bammer , den er täglich frequentirte , litt in dieser Beziehung an Schwerhörigkeit . Aber Eine war nicht taub geblieben : das war Kathi , die ihm schweren Herzens vierzig Mark geborgt hatte . Nun in ihrer Noth - sie wußte nicht wovon leben - forderte sie die Summe zurück und Schneidemühl fand keinen anderen Ausweg , als Rother darum zu ersuchen . Dieser , natürlich tief ergriffen von diesem neuen Beweis für Kathis edle Gesinnung und von Schneidemühls Schilderung , wie sie vor Schluchzen nicht habe reden können , sandte sofort die Summe per Post an ihre Adresse mit einigen Zeilen voll warmer Hingebung , worin er sich nochmals vertheidigte . - Ein unaufschiebbares Geschäft zwang ihn , am selben Abend nach Dresden zu reisen , wo er mit einem Kunsthändler ein Geschäft zu verhandeln hatte . Aber er wandelte dort wie im Traum umher . Als er rein zufällig in ein schlechtes Haus gerieth , war es ihm unmöglich , auch nur einen Augenblick dort zu verweilen ; er empfahl sich den fidelen Genossen , die ihn dorthin gelockt , unter einem Vorwand . Ununterbrochen schwebte ihr Antlitz vor seinen Augen , bleich und in Thränen gebadet . Selbst die Venus von Milo hätte er in diesem Zustand nicht berührt , wenn sich die Göttin selbst ihm zu Füßen geworfen . Seine Venus saß in einem einsamen Kämmerlein im Wedding und weinte sich die Augen blind . Seine Reisetasche schnüren , auf die Bahn stürzen und um Mitternacht zurückdampfen , war ihm das Werk eines willenlosen Instinkts . - - » Diesmal muß ich meinem Entschluß untreu werden , indem ich Ihnen wieder schreibe und wenn ich Sie nicht kennen würde und nicht wüßte , daß Sie wankelmuthiger sind als ein Schilfrohr , würde ich Ihnen sicher nicht mehr geschrieben haben . Vor allem meinen besten Dank für Ihre Freundlichkeit in Betreff des Herrn Schneidemühl . Böse bin ich Ihnen trotz Ihrer mir unvergeßlichen Beleidigung nicht mehr und verzeihen thue ich es Ihnen aus ganzen Herzen , ich müßte nicht menschlich fühlen können , wenn mir Ihre Zeilen gleichsinnig waren , aber Jemandes Freund oder besser Meiner können Sie nicht sein , denn ich weiß genau , wenn heute Jemand zu Ihnen kommen würde und Ihnen sagte , ich hätte Dies oder Jenes gemacht , wären Sie zu neuen Beleidigungen fähig . Wenn ich Jemand gut bin , man könnte mir über die betreffende Person alles Menschenmögliche sagen , mein eigenes Fühlen und Denken steht mir immer höher , ich würde mir nie in dieser Beziehung eine Blöße geben , für das erste schon deshalb nicht , um Anderen nicht zu zeigen , daß man darunter leidet , und zweitens , schlecht gemacht ist bald Jemand , aber gut machen das geht ja sehr schwer , manchmal auch gar nicht . Trösten Sie sich über mein Schicksal es wird wohl wieder anders werden mit Gottes Hilfe . Herr Bammer hat mich zu schwer beleidigt , aber der ist auch kein Mensch . Gefühle giebt es bei ihm nicht und wenn , dann nur thierische . Ich war bei ihm , was Sie schon wissen , und da hat Er mir selbst gesagt , er hat beim Caffee Verluste gehabt , das heißt sie brauchten in Treptow nicht mehr soviel als wie ich dort war und Bammer mußte ihnen nun die Hälfte Bier abnehmen und da sagte Herr Bammer mit diesen Worten ich wollte mich rächen . Dies ist allerdings eine sehr edle Rache . Glauben Sie mir wohl Herr Rother wenn ich schlecht wäre , dann wäre ich es allerdings so , daß Bammer von seiner Person aus mir was sagen könnte . Denn Jemand Schlechten schont man nicht und Bammer ist nicht der Mann , der dann Rücksicht kennen würde . Aber fragen Sie ihn , ob Er mir was sagen kann , weil aber dies nicht der Fall war , mußte Er es auf solche Art thun . Doch genug davon . Alles rächt sich selbst . Ich wollte erst aus Berlin , nun aber thue ich es gerade nicht , weil es B. gerne haben möchte . Zu fürchten brauche ich mich nicht , aber wie schwer Er mir es macht in Berlin Stelle zu bekommen , mußte ich schon manchesmal empfinden . Aber ich trotze doch , endlich wird mir das Geschick doch wieder freundlicher sein , nach jedem Regen wirds wiederum schön . Also keine Feindschaft mehr zwischen uns Beiden ! Leben Sie wohl . K.K. « So las er am Morgen bei seiner Rückkunft nach Berlin . Dieser Brief mit dem Ausdruck echten weiblichen Stolzes , naiver Offenheit und rührender Einfalt trotz einer gewissen Klugheit , Würde und Originalität , die ihr auch in dem confusen und ungebildeten Stil mit den rhetorischen angelernten Wendungen darin noch eigen blieb , brachte Rother zum Entschluß - zu einem Entschluß , der lange genug in ihm herumrumort hatte . Er schrieb ihr in festem ruhigem Ton , daß er nicht wankelmüthig sei und ihr einen äußersten Beweis davon geben wolle . Ein so makelloses Mädchen , wie sie sich mache , sei sie zwar auch nicht , obschon natürlich die Verleumdungen von ihm nicht mehr geglaubt würden . Jetzt aber wolle er ihr sagen , was er sagen müsse , da sonst sein ganzes Benehmen lächerlich sein würde . Er liebe sie , liebe nicht ihre Schönheit , sondern ihr ganzes eigentliches Wesen . Auch möge sie nicht glauben , daß er sich bei ihr ein Ideal zurecht mache . Aber grade so , wie sie sei , sei sie nun einmal sein Ideal . In ihrer Art müsse er sie ein ganz geniales Weib nennen ; denn des Mannes Genie stecke im Kopf , das des Weibes im Herzen . Nur sie könne ihn glücklich machen . Die Mängel ihrer Bildung würden sich schon ausgleichen ; und wenn sie ihn liebe , würde ihr das ganz leicht fallen . Jedenfalls aber könne nur sie ihn verstehen , wie nur er ihr Wesen verstände , wo so viel Romantisch-Poetisches sich mit so viel praktischer Klugheit mische . Kurz denn und rund heraus , er wolle sie heirathen , wenn sie noch etwas warten wolle . Er glaube fest an seinen Stern und er glaube an sie . In drei Tagen wolle er sich ihre Antwort holen . Bis dahin sei er ihr aufrichtiger und getreuer E.R. - Die Tage verstrichen ihm wirr und wüst in steter Erregung . Der Tag kam ; leider hatte er am Abend eine Verabredung , zu welcher er sich einfinden mußte . Er mußte die Stadtbahn benutzen , welche über Moabit im Kreise läuft . Wie öde und traurig erschien ihm die Natur , trotz ihres Juli-Grüns - die ersten Vorboten des Herbstes zeigten sich mitten im Sommer , eine tiefmelancholische Stimmung lag über die Hügel und Haiden der märkischen Sand-Umgegend Berlins ausgegossen . Mitten im Sonnenschein fröstelte ihn . Ein krankhaftes Gefühl durchzitterte seinen nervösen Organismus , als sei er ein Stück verrostetes Eisen , das man auf den Schutt werfen müsse . Jeder andre Gedanke , jedes andre erstrebenswerthe Ziel war völlig aus seinem Hirn wie weggebrannt . An der Schürze eines schönen Weibes hing ihm das All . Wie ein Traum im Traum , spann es sich um ihn her . Seine Sinne wirbelten ; ihm schwindelte ; seinen Magen und seine Eingeweide durchzog eine seltsame Beklemmung , wie nahende Seekrankheit beim Schwanken eines Schiffes . Denn so schien das Schiff des Lebens mit ihm zu schwanken . Station Wedding ! .. Die Station , der lange Bretterzaun , der von ihr entlang führte , die Gerichtsstraße mit ihrem holprigen Pflaster - alles das schien ihm , in der schwülen Beleuchtung des Sommerabends , in seltsame Lichtreflexe getaucht , wie ein wildfremdes symbolisches Etwas . Jeder Stein schien ihn mit lebendigen Augen altklug anzustarren , als besäße er den wahren Schlüssel zu dieser menschlichen Seelenpein ; als stände er in geheimnißvoller Beziehung zu dem Schicksal dieser liebeskranken Menschenpflanze , die dem festen Boden entrissen , vom Wind entführt , ziellos , zwecklos , kraftlos , hinzusiechen verdammt . Ihm war , als ob er umsinken sollte ; seine Kniee bebten , als er die schmutzige steile Treppe hinanstieg . Aber er klingelte gefaßten Muthes . » Ist Fräulein Kreutzner zu Hause ? « » Gewiß , « sagte die Wirthin höflich . » Bitte , treten Sie um hier ein . Ich werde sie rufen ; sie ist mal runtergegangen . « Er saß am Fenster und starrte hinaus . Nach einiger Zeit öffnete sich lautlos die Thür und sie trat ein . Sie ging langsam bis in die Mitte des Zimmers , ohne die Augen aufzuschliessen , beide standen sich einen Augenblick stumm gegenüber . » Nun , was haben Sie nur zu antworten ? « fragte er ruhig . » Ja , Herr Rother , « sagte sie zögernd . » Das geht nicht so schnell . « » Ja , bei mir muß aber Alles schnell gehn . « » Ja , ich .. aber bitte , bleiben Sie doch sitzen ! « Er saß ; sie stand . Ihr Gesicht war geröthet , ihr Ausdruck sehr ernst . » Ist denn das wirklich Ihr Ernst ? Ich habe nichts . « Er sprang unwillig auf . » Wenn Sie mir so kommen ! Daß Sie nichts haben , weiß ich doch selber . « » Aber Sie müssen mich doch aushören ! « sagte sie mit verlegenem Lächeln . » Nun , warten wir ein Jahr , und wenn Sie dann nicht anderen Sinns geworden sind - nun , dann können wir uns heirathen ... Nun , was sagen Sie dazu ? « » Wozu ? « fragte er absichtlich , als hätte er nicht recht hingehört . » Zu dem , was ich gesagt habe . « » Ich bin ' s zufrieden . « Beide sahen sich an . » Nun .. aber Sie haben ja kein Feuer . « Sie eilte rasch , ihm ein Zündholz für seine ausgegangene Cigarre zu reichen . Beide schwiegen eine Zeitlang . Plötzlich entfuhr es ihr wie unwillkürlich : » So hängt das Alles zusammen ? Aber so was ! « Sie lehnte sich über den Stuhl und sah nachdenklich vor sich nieder . » Nun bitt ' ich Sie aber , « sagte er rasch , » was haben Sie Herrn Wursteler , von mir gesagt ? « » Ich ? Nichts , daß ich wüßte ! « » Nun , ich würde mir eher die Hand abreißen , eh ich das sonst erzählte . Sie haben gesagt , ich ...