ab und sagte : » Geh nach den Kleinen sehen , daß sie nicht unter die Räder kommen . « » Aber warum weinst du , Mama ? « » Du wirst schon sehen , mein Junge , « sagte sie , sein Haar streichelnd , » Löb Levy ist dabei - du wirst schon sehen . « Da ward er ganz ärgerlich auf seine Mutter ; wo alle sich freuten , warum mußte sie da im Winkel sitzen und weinen ? Aber nun war auch ihm die Freude abhanden gekommen , und als er Löb Levy in seinem langen schwarzen Hackenwärmer über den Hof schlenkern sah , hätte er am liebsten dem Karo einen Wink nach seinen Waden hin zukommen lassen . Die Zwillinge waren ganz von Sinnen vor Freude . Sie nahmen eine Leine und tollten mit Hott und Hü durch den Garten . Die eine war die Lokomobile und die andere das Pferd , aber jede wollte Lokomobile sein , denn dann bekam sie Vaters schwarzen Hut aufgesetzt - als Schornstein . Vor dem Schlafengehen hatten sie dem neuen Untier auch schon einen Namen gegeben . Sie behaupteten , es gliche der dicken Dienstmagd mit dem langen Halse , die vor kurzem wegen ihrer Unsauberkeit entlassen worden war , und nannten es nach ihr » die schwarze Suse « . Diesen Namen behielt die Lokomobile im Meyhöferschen Hause für alle Zeiten . Am andern Morgen ging das Hallo von neuem los . Die zehn angeworbenen Arbeiter standen auf dem Hofe und wußten nicht , was sie tun sollten . Meyhöfer wollte die Maschine heizen lassen , aber Löb Levy , der in der Scheune übernachtet hatte , um morgens sogleich zur Hand zu sein , erklärte , er wünsche vorerst den Kaufpreis in Empfang zu nehmen , wie es im Kontrakte abgemacht wäre , denn das Getreide müsse mittags bereits in der Stadt abgeliefert werden . » Welches Getreide ? « fragte die Mutter erbleichend . Ja , es ließ sich nicht mehr verleugnen . Meyhöfer hatte fast die ganze Ernte , das gedroschene Korn wie das noch auszudreschende , dem Juden für die alte , abgebrauchte Dampfmaschine verkauft . Triumphierend fuhr dieser mit den schönen prallen Säcken von dannen . Und dies galt nur als Abschlagzahlung , gegen Weihnachten wollte er den Rest abholen kommen . Für einen Moment mochte selbst den leichtsinnigen Meyhöfer eine Regung der Mutlosigkeit anwandeln , als er die hoch aufgetürmten Fuhren hinter dem Walde verschwinden sah , aber im nächsten steckte er trotzig die Hände in die Hosentaschen und befahl , die Maschine ohne Verzug in Bereitschaft zu setzen . Mit dem Ungetüm zu gleicher Zeit war ein Mann in blauer Bluse und mit einer Schnapsnase auf den Hof gekommen , der sich » Heizer « nannte und der sich dadurch auszeichnete , daß er unaufhörlich Zwiebeln aß . Das sei gut für den Magen , sagte er . Dieser Mann erschien sich als der Held des Tages . Er stand breitbeinig neben der Maschine , nannte sie sein Pflegekind und streichelte mit seiner grauschwarzen , knotigen Hand die rostigen Eisenwände . Das klang , als ob zwei Reibeisen übereinander fahren . Jeden , der herzukam , erklärte er mit einem großen Aufwande von Fremdwörtern die innere Einrichtung der » Luckmanbile , « wie er sein Pflegekind nannte , nur mußte man ihm zu trinken geben , sonst schimpfte er . Erhielt er jedoch den Branntwein , den er sich wünschte , so wurde er gerührt und behauptete , er ließe sich lieber Hände und Füße abhacken , als daß er sich jemals von seinem Pflegekinde trennte . Er habe es liebgewonnen wie sein eigen Fleisch und Blut und halte es tausendmal höher als alle Menschen auf der Welt . Meyhöfer ging stolz um ihn herum , denn auch diese Perle war ja nun sein Eigentum , und er erklärte einmal über das andere , hier sähe man , was deutsche Treue bedeute . Als es aber ans Heizen gehen sollte , war der vielgetreue Mann nirgends zu finden . Endlich entdeckte man ihn auf dem Heuschober - schlafend . Als man ihn weckte , nannte er dies Verfahren eine Menschenschinderei und ließ sich nur mit Mühe bewegen , aus seinem Winkel hervorzukommen . Das Anheizen der Maschine war ein neues Fest . Paul stand vor der Feuerung und starrte träumenden Auges in den glühenden Schlund , der sich gähnend aufsperrte , als wollte er alles Lebendige verschlingen . Er gedachte des alten heidnischen Götzen Moloch , von dem er aus der biblischen Geschichte wußte , und glaubte jeden Augenblick ein paar rotglühende Arme sich ausstrecken zu sehen . - Und dann erhob sich in dem Innern des Ungetüms ein geheimnisvolles Singen , bald dumpf wie fernes Waldesbrausen , bald fein und hoch wie leise Engelsstimmen . In den Ventilen begann es zu zischen - Dampfstrahlen fuhren empor - die eiserne Schaufel klirrte , und rasselnd sanken neue Kohlenhaufen in die Glut . Es war ein Lärm ringsum , daß man sein eigen Wort nicht verstehen konnte . Der Heizer mit der roten Nase stand da wie ein König , trank aus einer schmalbauchigen Flasche und hantierte von Zeit zu Zeit an den Ventilen herum , ein lautes , befehlshaberisches Geschrei ausstoßend wie ein Tierbändiger . Und dann begann sich das große Rad zu drehen - surr , surr , surr - immer rascher , immer rascher . Einem wurde schwindlig vom bloßen Hinsehen - und dann gab es einen Knack - ein Klirren , ein Pfauchen - das große Rad stand still - für immer . Anfangs freilich tat der Heizer sehr groß und meinte , in einer halben Stunde werde der Schaden vollkommen repariert sein , als Meyhöfer aber nach zweitägiger Arbeit in ihn drang , endlich einmal mit dem Ausbessern ein Ende zu machen , da wurde er grob und erklärte , an diesem alten Gerümpel sei überhaupt nichts auszubessern , das wäre gerade gut genug , an den Trödler als Alteisen verkauft zu werden . » Pflegekind ? « Er bedankte sich für solch ein Pflegekind . Er sei denn doch zu gut dazu , solch einen Rosthaufen zu pflegen . Und dabei kam es heraus : - Löb Levy hatte ihn vor drei Tagen in einer Spelunke aufgelesen und ihn gefragt , ob er für eine Woche wie der Herrgott in Frankreich leben wolle ; länger werde der Scherz wohl nicht dauern . Und nur auf diese Zusicherung hin sei er mitgegangen , denn länger wie acht Tage an einem Platze sitzen , das widerstreite seinen Prinzipien . Darauf wurde er vom Hofe gejagt . Am andern Tage ließ Meyhöfer den Schlosser aus dem Dorfe holen , damit er sich den Schaden besehe . Dieser arbeitete abermals ein paar Tage an der Maschine herum , aß und trank für dreie und erklärte schließlich , wenn sie jetzt nicht gehen wolle , hätte der Teufel die Hand im Spiel . - Das Anheizen wurde wiederholt , aber die » schwarze Suse « war nicht mehr zum Leben zu erwecken . Als gegen Weihnachten Löb Levy auf dem Hof erschien , um den Rest des Getreides abzuholen , prügelte ihn Meyhöfer mit seinem eigenen Peitschenstiel durch . Der Jude schrie Gewalt und fuhr schleunigst wieder von dannen . Aber alsbald erschien ein Gerichtsbote mit einem großen , rotversiegelten Briefe . Meyhöfer fluchte und trank mehr denn je , und das Ende vom Liede war , daß er zur Zahlung sämtlicher Kosten und eines Schmerzensgeldes verurteilt wurde . Nur mit knapper Not glitt er an einer Gefängnisstrafe vorbei . Seit diesem Tage wollte er die » schwarze Suse « nicht mehr vor Augen sehen . Sie wurde in den hintersten Schuppen gebracht und stand dort in Verborgenheit manches Jahr hindurch , ohne daß eines Menschen Blick auf sie fiel . Nur Paul nahm von Zeit zu Zeit heimlich den Schlüssel des Schuppens und schlich zu dem schwarzen Ungetüm hinein , das ihm lieber und lieber wurde und ihm schließlich wie eine stumme , arg verkannte Freundin erschien . Dann betastete er die Schrauben und die Ventile , kletterte längs dem Schornstein in die Höhe und setzte sich rittlings auf den Kessel - oder er hängte sich an das große Triebrad und versuchte es durch seiner Arme Kraft in Schwung zu setzen . Aber schlaff wie ein Leichnam bewegte er sich nur so weit , als es geschoben wurde , dann stand es wieder still . Und wenn er sich müde gearbeitet hatte , faltete er die Hände , und traurig zu dem toten Rade emporblickend murmelte er : » Wer wird dich wieder lebendig machen ? « 7 Als Paul vierzehn Jahre alt war , beschloß sein Vater , ihm zum Konfirmandenunterricht zu schicken . » Etwas Rechtschaffenes wird er in der Schule doch nicht lernen , « sagte er , » Zeit und Geld sind bei ihm weggeworfen . Daher soll er rasch eingesegnet werden , damit er sich in der Wirtschaft nützlich machen kann . Was Besseres als ein Bauer wird sowieso nicht aus ihm werden . « Paul war ' s zufrieden , denn ihn verlangte danach , einen Teil der Sorgen , die die Mutter drückten , auf seine Schultern zu nehmen . Er gedachte eine Art von Inspektor aus sich zu machen , der den fehlenden Herrn zu jeder Zeit ersetzte und selber Hand anlegte , wo die Knechte ein gutes Beispiel brauchten . Er versprach sich von seiner Tätigkeit den Beginn einer neuen , segensreichen Zeit , und wenn er nachts im Bette lag , träumte er von wogenden Weizenfeldern und blitzblanken , massiven Scheuern . Immer mehr festigte sich in ihm der Entschluß , all seine Kraft daran zu wenden , um den verlotterten Heidehof zu Ehren zu bringen . Die Brüder sollten einst von ihm sagen können : » Er ist doch zu etwas nütze gewesen , wenn er uns auch auf unseren glänzenden Bahnen nicht hat folgen können . « Ja , die Brüder ! Wie groß und wie vornehm waren die inzwischen geworden ! Der eine studierte Philologie , und der andere war als Lehrling in ein angesehenes Bankgeschäft eingetreten . Trotz der guten Tante brauchten beide Geld , viel Geld , weit , weit mehr , als der Vater ihnen schicken konnte . Auch für sie versprach sich Paul mit seinem Übertritt in die Wirtschaft den Beginn einer sorgenfreien Zeit . Alles überschüssige Geld sollte ihnen geschickt werden , und er , o , er würde schon sparen und sorgen , auf daß sie frei von Not und Bedrängnis weiterschreiten könnten nach ihren erhabenen Zielen . Mit diesen frommen Gedanken trat Paul den Weg zur ersten Religionsstunde an . - Es war an einem sonnigen Frühlingsmorgen zu Anfang des Monats April . Das junge Gras auf der Heide leuchtete in grünlichen Lichtern , Wacholder und Erika trieben neue , weiche Spitzen , am Waldesrand blühten Anemonen und Ranunkeln . - Ein warmer Wind zog über die Heide ihm entgegen , er hätte laut aufjauchzen mögen , und das Herz ward ihm schwer vor lauter Lust . » Es muß ein Trauriges im Werke sein , « sagte er sich , » denn so froh darf man sich auf Erden nicht fühlen . « Vor dem Pfarrgarten stand eine Reihe von Fuhrwerken , die er nur zum geringsten Teil kannte . Auch vornehme Karossen waren darunter . - Mit stolzem Lächeln saßen die Kutscher mit ihren blanken Röcken auf dem Bocke und warfen geringschätzige Blicke um sich herum . In dem Garten war eine große Kinderschar versammelt . Die Knaben gesondert und die Mädchen auch . Unter den Knaben befanden sich die beiden Brüder , von denen er früher so viel hatte leiden müssen und die seit einem Jahr die Schule nicht mehr besuchten . Sie kamen sehr freundlich auf ihn zu , und während der eine ihm die Hand zum Gruße reichte , stellte ihm der andere von hinten ein Bein . Von den Mädchen gingen einige Arm in Arm in den Gängen spazieren . Sie hatten sich um die Taille gefaßt und kicherten miteinander . Die meisten waren ihm fremd , einige schienen besonders vornehm , sie trugen feine graue Regenmäntel und hatten Federhüte auf dem Kopfe . Ihnen mußten die Karossen draußen gehören . Er sah auf seine Jacke herunter , um sich zu vergewissern , daß er sich nicht zu schämen brauchte . Sie war von feinem schwarzen Tuche , aus einem alten Fracke des Studenten gefertigt , und schien so gut wie neu , nur daß die Nähte ein wenig glänzten . Alles in allem : er brauchte sich nicht zu schämen . Die Glocke ertönte . Die Konfirmanden wurden in die Kirche gerufen . - Paul fühlte sich frei und fromm , als ihn die feierliche Dämmerung des Gotteshauses umfing . - Er dachte nicht mehr an seine Jacke , die Gestalten der Knaben ringsum wurden wie Schatten . Zu beiden Seiten des Altars waren Bänke aufgestellt . Rechts sollten die Knaben , links die Mädchen ihre Plätze erhalten . Paul wurde in die hinterste Reihe gedrängt , wo die Kleinen und die Armen saßen . Zwischen zwei barfüßigen Häuslerkindern , die grobe , durchlöcherte Jacken trugen , nahm er Platz . An den Schultern seiner Vordermänner vorbei sah er drüben die Mädchen sich ordnen , die Vornehmsten zuerst , dann die ärmlich Gekleideten . Er dachte darüber nach , ob im Himmel die Reihenfolge wohl eine ähnliche sein werde , und der Spruch fiel ein : » Wer sich erniedrigt , der soll erhöhet werden . « Der Pfarrer kam . Es war ein behäbiger Mann mit einem Doppelkinn und einem blonden Backenbärtchen . Seine Oberlippe schimmerte blank von dem häufigen Rasieren . Er trug nicht seinen Talar , sondern einen einfachen schwarzen Rock , sah aber doch sehr würdig und feierlich aus . Er sprach zuerst ein langes Gebet über den Text : » Lasset die Kindlein zu mir kommen « und knüpfte daran die Ermahnung , das kommende Jahr als eine Zeit der Weihe zu betrachten , nicht zu tollen und nicht zu tanzen , denn das widerspräche der Würde eines Religionsschülers . » Ich habe nie getollt und getanzt , « dachte Paul und war in diesem Augenblick ganz von Stolz erfüllt über seinen gottseligen Wandel . » Aber schade war ' s doch « - dachte er hinterher . Dann pries der Pfarrer die vornehmste der christlichen Tugenden : die Demut . Niemand in dieser Kinderschar sollte sich über den anderen erhaben fühlen , weil seine Eltern vielleicht reicher und vornehmer wären als die seiner Mitbrüder und Mitschwestern . Denn vor Gottes Throne wären alle gleich . » Aha , da habt ihr ' s ! « dachte Paul und faßte liebevoll den Arm seines zerlumpten Nachbarn . Der dachte , er wolle ihn kneifen , und sagte : » Au , nicht doch ! « Drauf zog der Pfarrer ein Blatt Papier aus der Tasche und sagte : » Jetzt will ich die Rangordnung verlesen , in der ihr fortan sitzen sollt . « » Warum denn eine Rangordnung , « dachte Paul , » wenn vor Gottes Throne alle gleich sind ? « Der Pfarrer sagte : » Zuerst kommen die Mädchen und dann die Knaben , « und begann zu lesen . Schon der erste Name machte Paul stutzig , denn er hieß - Elsbeth Douglas . Er sah ein hochaufgeschossenes , blasses Mädchen mit einem frommen Gesicht und schlicht zurückgestrichenen blonden Haaren sich erheben und nach dem ersten Platze hinschreiten . » Also das bist du ! « dachte Paul , » und wir sollen zusammen eingesegnet werden . « Das Herz klopfte ihm vor Freude und auch vor Angst , denn er fürchtete zugleich , daß er ihr zu gering erscheinen werde . - » Vielleicht besinnt sie sich gar nicht mehr auf dich , « dachte er weiter . Er beobachtete sie , wie sie mit niedergeschlagenen Augen sich auf ihren Platz setzte und freundlich vor sich hinlächelte . » Nein , die ist nicht stolz , « sagte er leise vor sich hin , aber zur Sicherheit besah er seine Jacke . Dann wurden die Knaben aufgerufen . Zuerst kamen die beiden Brüder Erdmann . Die hatten sich schon ohnehin auf den ersten Plätzen breitgemacht , und dann wurde sein eigener Name gerufen . - In diesem Augenblick machte Elsbeth Douglas es genauso , wie er vorhin getan . Sie hob rasch den Kopf und spähte zu den Reihen der Knaben hinüber . Als er sich auf seinen Platz gesetzt hatte , schaute auch er vor sich auf die Erde nieder , denn er wollte es ihr an Demut gleichtun , und wie er dann aufblickte , sah er ihr Auge voll Neugier auf sich ruhen . Er wurde rot und tupfte ein Federchen von dem Ärmel seiner Jacke . Und dann begann der Unterricht . Der Pfarrer erklärte Bibelsprüche und fragte Gesangbuchlieder ab . Elsbeth kam zuerst an die Reihe . Sie hob ein wenig den Kopf und sagte ruhig und unbefangen ihre Verse her . » Donnerja , die Margell hat Courage , « murmelte der jüngere Erdmann , der zu seiner linken Seite saß . Paul fühlte sich von plötzlichen Ingrimm gepackt . Er hätte ihn mitten in der Kirche prügeln mögen . » Sagt er noch einmal Margell auf sie , so hau ' ich hernach auf ihn los . « Das versprach er sich feierlich . Aber der jüngere Erdmann dachte nicht mehr an sie , er beschäftigte sich damit , seinen Hintermännern Stecknadeln in die Waden zu stechen . Als die Stunde beendet war , verließen zuerst die Mädchen paarweise die Kirche . Erst als die letzten draußen waren , durften die Knaben ihnen folgen . Auf dem Vorplatze begegnete er Elsbeth , die nach ihrem Wagen schritt . Beide sahen sich ein wenig von der Seite an und gingen aneinander vorüber . An ihrem Wagen stand eine alte Dame mit grauen Ringellocken und einem persischen Umschlagetuch , die im Pfarrhause auf sie gewartet haben mußte . Sie küßte Elsbeth auf die Stirn , und beide bestiegen die Rücksitze . Der Wagen war der schönste in der ganzen Reihe , der Kutscher trug eine schwarze Pelzmütze mit einer roten Troddel daran , auch hatte er blanke Tressen am Kragen und an den Aufschlägen der Ärmel . Gerade als der Wagen fortgefahren war , wurde Paul von den beiden Erdmanns angefallen , die ihn ein wenig prügelten . » Pfui , schämt euch , zwei gegen einen , « sagte er , da ließen sie ihn laufen . Er ging vergnügt dem Heimathause zu . Die Mittagssonne glitzerte auf der weiten Heide , und in nebelnder Ferne fuhr der Wagen vor ihm her , wurde kleiner und kleiner und verschwand endlich als ein schwarzer Punkt in dem Fichtenwalde . Als er zu Hause ankam , küßte ihn die Mutter auf beide Wangen und fragte : » Nun , wie war ' s ? « » Ganz nett , « erwiderte er , » und , Mama , die Elsbeth aus dem weißen Hause war auch da . « Da wurde sie ganz rot vor Freude und fragte nach allerlei , wie sie aussähe , ob sie hübsch geworden sei und was sie mit ihm gesprochen habe . » Gar nichts , « erwiderte er beschämt , und als die Mutter ihn daraufhin erstaunt ansah , fügte er eifrig hinzu : » Du , aber stolz ist sie nicht . « ... Am nächsten Montag fand er sie bereits an ihrem Platze sitzen , als er die Kirche betrat . Sie hatte die Bibel auf den Knien liegen und lernte die aufgegebenen Sprüche . Es waren noch nicht viele Kinder anwesend , und als er sich ihr gegenüber niedersetzte , machte sie eine halbe Bewegung , als wolle sie aufstehen und zu ihm herüberkommen , aber sie ließ sich wieder nieder und lernte weiter . Die Mutter hatte ihm vor dem Weggehen anempfohlen , Elsbeth einfach anzureden . Sie hatte ihm viele Grüße an ihre Mutter aufgetragen , auch sollte er sich erkundigen , wie es ihr selber erginge . Er hatte sich während des Weges eine lange Rede einstudiert - nur war er sich noch darüber uneins , ob er » du « oder » Sie « zu ihr sagen solle . - » Du « wäre das einfachste gewesen . Die Mutter schien es sogar für selbstverständlich zu halten , aber » Sie « klang entschieden feiner - so hübsch erwachsen klang es . Und da er zu keinem Entschlusse kommen konnte , so unterließ er die Anrede ganz . - Auch er nahm nun seine Bibel vor , und beide stützten die Ellbogen auf die Knie und lernten um die Wette . Ihm nützte es nicht viel , denn als hernach in der Stunde der Pfarrer an ihn die Frage richtete , hatte er keine Ahnung mehr . - Ein peinliches Schweigen entstand , die Erdmänner lachten schadenfroh , und er , glutrot vor Scham , mußte sich wieder auf seinen Platz niedersetzen . Er wagte nun nicht mehr aufzuschauen , und als er beim Verlassen der Kirche Elsbeth vor der Türe stehen sah , als wartete sie auf etwas , schlug er die Augen nieder und wollte rasch an ihr vorüber . - Sie aber trat einen Schritt auf ihn zu und redete ihn an : » Meine Mama hat mir aufgetragen , ich soll dich fragen - wie ' s deiner Mutter ginge . « Er erwiderte , es ginge ihr gut . » Und sie läßt sie auch vielmals grüßen , « fuhr Elsbeth fort . » Und meine Mutter läßt deine Mutter auch vielmals grüßen , « erwiderte er , Bibel und Gesangbuch zwischen den Fingern drehend , » und ich soll dich auch fragen , wie ' s ihr ginge . « » Mama läßt sagen , « entgegnete sie , wie wenn man Auswendiggelerntes hersagt , » sie sei viel kränklich und müßte sehr oft das Zimmer hüten , aber jetzt im Frühling ging ' s ihr besser - und ob du nicht mit unserem Wagen mitfahren möchtest bis zu deinem Hause . Ich soll ' s dir anbieten , hat sie gesagt . « » Kiek , der Meyhöfer raspelt Süßholz , « rief der ältere Erdmann , der sich hinter der Kirchentür verborgen hatte , um seine Kameraden durch den Ritz hindurch mit einem Röhrchen zu kitzeln . Elsbeth und Paul sahen erstaunt einander an , denn sie kannten den Sinn der Redensart nicht , aber da sie fühlten , daß sie etwas sehr Schlimmes bedeuten mußte , wurden sie rot und trennten sich . Paul schaute ihr nach , wie sie auf ihren Wagen stieg und davonfuhr . Diesmal wartete die alte Dame nicht auf sie . Es war ihre Gouvernante , wie er gehört hatte . Ja , so vornehm war sie , daß sie sogar eine eigene Gouvernante besaß ! » Die Erdmänner kriegen doch noch ihre Prügel , « damit schloß er seine Überlegungen . - - - Die nächsten Wochen vergingen , ohne daß er mit Elsbeth wieder geredet hätte . Wenn er in die Kirche trat , saß sie meistens schon an ihrem Platze . Dann nickte sie ihm freundlich zu , aber das war auch alles . Und dann kam ein Montag , an dem ihr Wagen nicht auf sie wartete . Er bemerkte es sofort , als er auf den Kirchenplatz zuschritt , und atmete erleichtert auf , denn der stolze Kutscher mit der Pelzmütze , die er selbst mitten im Sommer trug , verursachte ihm stets ein beklemmendes Gefühl . Er brauchte nur an den Kutscher zu denken , wenn er ihr gegenübersaß , und sie erschien ihm wie ein Wesen aus einer anderen Welt . Heute wagte er fast vertraulich zu ihr hinüber zu grüßen , und es erschien ihm , als wenn auch sie seinen Gruß freundlicher denn sonst erwiderte . Und als die Stunde beendet war , trat sie aus freien Stücken auf ihn zu und sagte : » Ich muß heute zu Fuß nach Hause , denn unsere Fuhrwerke sind alle auf dem Felde . Mama hat gemeint , du könntest wohl ein Stück mit mir zusammengehen , da wir doch denselben Weg haben . « Er fühlte sich sehr beglückt , wagte aber nicht an ihre Seite zu treten , solange sie sich innerhalb des Dorfes befanden . Auch schaute er sich von Zeit zu Zeit ängstlich um , ob nicht die beiden Erdmänner irgendwo mit ihren Stachelreden auf ihn lauerten . Doch als sie draußen auf freiem Felde dahingingen , fand es sich von selbst , daß sie nebeneinander schritten . Es war ein sonniger Junivormittag . Der weiße Sand des Weges flimmerte ... Ringsherum blühten goldgelbe Katzenpfötchen , und das Wiesenfrauenhaar wehte in dem warmen Winde ... vom Dorfe her tönte die Mittagsglocke ... Kein Mensch war weit und breit zu sehen ... Die Heide schien wie ausgestorben . Elsbeth trug einen breiten Strohhut auf dem Kopfe , zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen . Den nahm sie jetzt ab und schlenkerte ihn am Gummibande hin und her . » Es wird dir zu heiß werden , « sagte er , aber da sie ihn ein wenig auslachte , riß er auch seine Mütze vom Kopfe und warf sie hoch in die Luft . » Du bist ja ein ganz lustiger Bursche , « sagte sie beifällig nickend . Er schüttelte den Kopf , und seine Stirne zog sich wieder in die ernsten Falten , die ihn stets alt erscheinen ließen . » Ach nein , « sagte er , » lustig bin ich nicht . « » Warum nicht ? « fragte sie . » Ich habe immer an so vielerlei zu denken , « erwiderte er , » und wenn ich einmal recht froh sein will , kommt mir sicher etwas in die Quere . « » Woran hast du denn immer zu denken ? « fragte sie . Er sann eine Weile nach , aber es fiel ihm gerade nichts ein . » Ach , es ist ja alles dumm ' Zeug , « sagte er , » kluge Gedanken kommen mir überhaupt nicht . « Und dann erzählte er ihr von den Brüdern , von dicken Büchern , die ganz mit Zahlen vollgeschrieben ständen - den Namen habe er vergessen - und die sie schon auswendig gekonnt hätten , als sie so alt gewesen wären wie er selber . » Warum lernst du das nicht auch , wenn es dir Vergnügen macht ? « fragte sie . » Es macht mir aber kein Vergnügen , « erwiderte er , » ich habe einen so schweren Kopf . « » Aber irgend etwas wirst du doch können ? « fragte sie weiter . » Ich kann rein gar nichts , « erwiderte er traurig , » ich sei so dumm , sagt der Vater . « » Du - darauf mußt du nichts geben , « tröstete sie ihn , » mein Fräulein Rathmaier hat auch immer allerhand an mir auszusetzen . Aber ich - pah , ich - « Sie schwieg und riß eine Sauerampferstaude aus , an der sie kaute . » Hat dein Vater noch immer so blitzende Augen ? « fragte er . Sie nickte , und ihr Antlitz verklärte sich . » Du hast ihn wohl sehr lieb - deinen Vater ? « Sie sah ihn erstaunt an , als ob sie seine Frage nicht verstünde , dann meinte sie , o ja - sie hätte ihn sehr lieb . » Und er dich auch ? « » Ob ! « Er pflückte sich nun gleichfalls einen Sauerampferstengel und seufzte dabei . » Warum seufzt du denn ? « fragte sie . Es käme ihm zufällig was in den Sinn , meinte er , und dann fragte er lachend , ob ihr Vater sie wohl noch manchmal auf den Schoß nähme wie damals , als er im » weißen Hause « gewesen war . Sie lachte mit und meinte , sie sei ja schon ein großes Mädchen , und er solle nicht so dumm fragen , aber hinterher kam ' s heraus , daß sie doch noch auf des Vaters Schoß sitze , » freilich nicht mehr rittlings , « fügte sie lachend hinzu . » Ja , das war ein schöner Tag , « sagte er , » und ich saß auf seinem andern Knie . Wie klein müssen wir damals gewesen sein ! « » Und dumm waren wir , daß Gott erbarm ! « erwiderte sie , » wenn ich noch daran denke , wie du pfeifen wolltest und nicht konntest . « » Hast du das behalten ? « fragte er , und sein Auge leuchtete auf im Bewußtsein seiner jetzigen Kunst . » Natürlich , « sagte sie , » und als du fortgingst , kamst du noch einmal zurückgelaufen und - weißt du noch ? « Er wußte es genau . » Heute wirst du wohl pfeifen können , « lachte sie , » in unserem Alter ist das keine Heldentat mehr - kann ich es doch sogar ! « - und sie spitzte die Lippen in sehr drolliger Weise . Ihm tat es weh , daß sie von seiner Kunst so geringschätzig sprach , und er dachte darüber nach , ob er das Pfeifen fortan nicht lieber ganz unterlassen sollte . » Warum bist du so schweigsam ? « fragte sie , » bist du auch müde ? « » Ach nein , aber du - was ? « Ja - der Fußweg in Sand und Mittagshitze habe sie angestrengt . » So komm zu uns ins Haus und ruhe dich aus , « rief er