ruhigen Wasserspiegel . Still weideten die Pferde . Pavel hatte sich in seiner Wächterhütte ausgestreckt , die Arme auf den Boden , das Gesicht auf die Hände gestemmt , und beobachtete seine Schutzbefohlenen . Die Fuchsstute des Bürgermeisters , die weißmähnige , war früher sein Liebling gewesen ; seitdem er aber den Sohn des Bürgermeisters haßte , haßte er auch dessen Fuchsstute . Sie kam , auf alte Freundschaft bauend , zutraulich daher , beschnupperte ihn und blies ihn an mit ihrem warmen Atem . Ein Fluch , ein derber Faustschlag auf die Nase war der Dank , den ihre Liebkosung ihr eintrug . Sie wich zurück , mehr verwundert als erschrocken , und Pavel drohte ihr nach . Er hätte alles von der Welt vertilgen mögen , was mit seinem Nebenbuhler in Zusammenhang stand . Das Versprechen der Vinska flößte ihm kein Vertrauen ein ; es war viel zu rasch gegeben worden , viel zu sehr in der Weise , in welcher man ein ungestümes Kind beschwichtigt . Sie will kein Geschrei , kein Aufsehen ; sie tut ja seit einiger Zeit so ehrbar , hat ihr früheres übermütiges Wesen , ihre Gleichgültigkeit gegen die Meinung der Leute abgelegt . Die Angst und Hast , mit der sie ausgerufen hatte : » Es soll nicht heißen , daß zu uns Briefe kommen aus dem Zuchthaus « , klang dem Pavel noch im Ohr . Er meinte , das Blatt an seiner Brust brenne ; er griff danach und zerknüllte es in der geballten Faust . Was brauchte sie ihm aber auch zu schreiben , die Mutter ? Hatte sie noch nicht Schande genug über ihn gebracht ? Sie stand zwischen ihm und allen andern Menschen . Zwischen ihn und die Vinska , die so viel bei ihm galt , sollte sie ihm nicht treten ... In seinem tiefsten Innern glaubte , ja wußte er : seine Mutter hat das nicht getan , dessen man sie beschuldigt , und dennoch trieb ihn ein dunkler Instinkt , sich selbst zu überreden : Es kann wohl sein ... Und aus dem schwankenden Zweifel wuchs ein fester Entschluß hervor : Ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben . Ihren Brief zerriß er in Fetzen . Auf dem letzten , den er in der Hand behielt , waren noch die Worte zu lesen : » Deine Mutter die ärmste auf der Welt ... « Das bist du , mußte er doch etwas wehmütig berührt zugestehen , das bist du von jeher gewesen ... Ihre große Gestalt tauchte vor ihm auf in ihrem Ernst , in ihrer Schweigsamkeit . Abends erliegend unter der Last der Arbeit , der Not , der Mißhandlung , am Morgen wieder rastlos am Werke . Er sah sich als Kind an ihrer Seite , von ihrem Beispiel angeeifert , schon fast so still und so vertraut mit der Mühsal wie sie . Er erinnerte sich mancher derben Zurechtweisung , die er durch seine Mutter erfahren , und keiner einzigen Äußerung ihrer Zärtlichkeit ... vieler jedoch ihrer stummen Fürsorge , ganz besonders der alltäglich vorgenommenen ungleichen Teilung des Brotes . Ein großes Stock für jedes Kind , ein kleines für sie selbst ... Pavel begann die Fetzen des Briefes zusammenzulesen , legte sie aufeinander und betrachtete das Päckchen , ungewiß , was er damit anfangen sollte . Endlich trug er ' s zum Friedhof und begrub es dort zu den Füßen der Mauer , unter den herüberhängenden Zweigen einer Traueresche . In seine Hütte zurückgekehrt , legte er sich hin und schlief ein und träumte von dem schönen Hemde , das Vinska für ihn genäht und das eine große Frau mit verhülltem Antlitz , in dunkle Sträflingsgewänder gekleidet , ihm streitig zu machen suchte Das Bild dieser Frau verfolgte ihn fortan ; und wenn er in mondhellen Nächten nur eine Weile unverwandt nach dem Friedhof blickte , ballte es sich zusammen aus Nebel und Dunst und glitt an der schimmernden Mauer vorbei . Pavel starrte die Erscheinung mit tiefem Grauen an und dachte : Meine Mutter ist vermutlich gestorben und » meldet « sich bei mir . Der Vinska erzählte er von diesem Erlebnis nichts , hätte auch keine Gelegenheit dazu gehabt . Sie war unfreundlich mit ihm , guckte immer nach seinen Händen , wenn er heimkam , sagte spitz : » Schön Dank für die Federn ! « - und ging ihm übrigens schmollend aus dem Wege . - Er sah wohl ein , das würde nicht anders werden , bevor er ihr den Willen getan , und so bequemte er sich zur Erfüllung ihres kindischen Wunsches , die ihm eine leichte Sache schien . Seit Miladas Abreise stand die Pforte des Schloßgartens wieder offen von früh bis abends , und der alte Pfau stelzte unzählige Male im Tag an ihr vorbei . Er hatte in der Tat nur Reste seines sommerlichen Federschmucks übrigbehalten , drei Prachtexemplare an lächerlich langen , von Nachwuchs noch unbedeckten Kielen . Eines Tages lauerte Pavel ihm auf , und als er ihn kommen sah , schlich er ihm nach in den Garten . Längs eines schmalen Weges , den Bäume und Büsche gegen das Haus deckten , schritt der Vogel gemächlich hin und pickte aus purer Jagdlust hie und da ein Insekt vom Boden auf . Plötzlich mußte er , so leise Pavel auch auftrat , dessen Schritte vernommen haben ; denn er blieb stehen , reckte mit einer raschen Wellenbewegung den Hals und wandte den Kopf seinem Nachfolger zu , wie fragend : Was willst du von mir ? - Wirst gleich sehen , dachte der Bursche , und als Meister Pfau ein schnelleres Tempo einschlug , machte Pavel ein paar Sätze , glitt aus und fiel nieder , verlor aber die Geistesgegenwart nicht , sondern streckte die Hand aus und entriß mit festem , glücklichem Griff dem Vogel auf einmal seine letzte Zier . Der stieß ein rauhes Alarmgeschrei hervor , machte kehrt , schnellte halb fliegend , halb springend empor , und ehe der noch am Boden Liegende sich besann , saß ihm das zornige Tier im Nacken und hackte mit dem harten , scharfen Schnabel auf seinen Kopf , seine Schläfen los . Es tat weh , kam dem Pavel jedoch sehr komisch vor , daß ein Vogel sich in einen Kampf mit ihm einließ . Er lachte - wohl etwas krampfhaft - und machte eine heftige Anstrengung , das Tier abzuschütteln . Aber es krallte sich mit unheimlicher Stärke fester , spreizte die Flügel , hielt sich im Gleichgewicht , und immerfort kreischend streckte es den kleinen Kopf weit vor , die Augen seines Feindes suchend und bedräuend ... Da wurde diesem angst ... Mit beiden Händen griff er nach dem langen blauen Hals , dessen Gefieder sich unter seinen Fingern sträubte , und drehte ihn zusammen wie zu einem Knoten . Das Tier gab noch einen schrillen , verzweiflungsvollen Laut und glitt über Pavels Schulter zur Erde , wo es auf dem Rücken liegenblieb mit zusammengezogenen zuckenden Füßen . Ob tot , hatte der Sieger nicht mehr Zeit , sich zu überzeugen ; denn er sah aus dem Schlosse Leute herbeikommen , raffte die Federn vom Grase auf und war wie der Blitz aus dem Garten . Draußen auf der Straße mäßigte er seine Schnelligkeit , um nicht durch sie die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu erregen . Das Herz pochte ihm heftig , und er dachte an den Lärm , den es im Schlosse bei der Auffindung der zappelnden Pfauenbestie absetzen würde . An der Spitze der Schar , die auf deren Geschrei nach dem Kampfplatz geeilt war , meinte er die Frau Baronin erkannt zu haben . Eine Weile ging Pavel unbehelligt seines Weges und hoffte schon , dem Verdacht und der Gefahr entronnen zu sein , als die Rufe : » Galgenstrick , schlechter Bub ! « an sein Ohr schlugen und ihn eines anderen belehrten . Hinter ihm her waren , wie er sich durch einen raschen Blick überzeugte , der schmächtige rundrückige Gärtner und zwei alte Arbeiter . » Greif aus , elendes Krüppelvolk ! « höhnte Pavel und schoß vorwärts im leichten wegverschlingenden Lauf . Er hatte einen guten Vorsprung vor seinen Verfolgern , und als er zu rennen begann , wurde ein noch viel besserer daraus . An dem Aufsehen , das er erregte , lag ihm jetzt nichts mehr , sondern nur daran , seinen Raub in Sicherheit zu bringen . Glühend , mit funkelnden Augen stürmte er in die Hütte . Vinska stand allein im Flur und errötete vor Freude , als Pavel ihr die Federn hinreichte . Bei seinen hastig hervorgestoßenen Worten : » Versteck sie ! versteck dich ! « erschrak sie jedoch sehr und fragte : » Was gibt ' s mit ihnen ? Ich mag sie gleich nicht , wenn ' s was mit ihnen gibt . « Er drang ihr das gestohlene Gut auf , schob sie in die Stube und trat selbst zum Eingang der Hütte zurück , wo er sich an den Türpfosten lehnte , die Arme kreuzte und trotzigen Mutes die Häscher erwartete . Der Anführer derselben war so aufgeregt , daß er nur abgebrochen seine Befehle erteilen konnte : » Packt ihn ! Packt den Hund ! Ins Schloß mit ihm ! « rief er seinen Begleitern zu , zweien preßhaften und friedfertigen Menschen , die einander ansahen und dann ihn und dann wieder einander . - Packen ? war das ihre Sache ? ... Sie hielten sich für verdienstvolle Gärtnergehilfen , weil sie zum Rechen griffen und mit ihm auf den Wegen herumscharrten , sobald sie die Schloßfrau erblickten . Den Rest des Tages lagen sie im Grase , tranken Schnaps und rauchten zuweilen ; meistens jedoch schliefen sie . Dem Pavel wäre es nur ein Spiel und zugleich ein wahres Genügen gewesen , die Guardia anzurennen und zu Boden zu schlagen , aber um Vinskas willen und ihrer Angst vor einem Skandal verzichtete er auf diese Ergötzlichkeit und ließ sich ruhig beim Kragen nehmen , was die beiden Alten zaghaft und ohne innere Überzeugung taten . Indessen wuchs ihnen der Kamm bei der Widerstandslosigkeit , mit der Pavel sich in sein Schicksal ergab , und ein großer Stolz erwachte in ihnen , als sie den wilden Buben , dem sie sonst von weitem auswichen , als Gefangenen durch das Dorf führten . Der Gärtner , der Zeter und Mordio schrie , bildete die Nachhut , und die Straßenjugend lief mit . » Was hat er getan ? « fragten die Leute . Er soll etwas erwürgt haben ... Was ? weiß vorläufig niemand ; aber das weiß man : Der kommt ins Zuchthaus wie die Mutter , der stirbt am Galgen wie der Vater . Fäuste erhoben sich drohend , Steine flogen und fehlten , aber Worte , schlimmer als Steine , trafen ihr Ziel . Pavel blickte keck umher , und das Bewußtsein unauslöschlichen Hasses gegen alle seine Nebenmenschen erquickte und stählte sein Herz . Gelassen trat er in den Schloßhof und wurde sogleich ins Haus und in ein ebenerdiges Zimmer mit vergitterten Fenstern gebracht , dessen Tür man hinter ihm absperrte . Es war eines der Gastzimmer , in dem Pavel sich befand , und seine Augen hatten , solange sie offenstanden , eine Pracht wie diejenige , die ihn hier umgab , nicht erblickt . Seidenzeug , grün schillernd wie Katzenaugen , hing an Fenstern und Türen in so reichen Falten , wie der neue Sonntagsrock Vinskas sie warf , und mit demselben Stoff waren große und kleine Bänke , die Lehnen hatten , überzogen . An den Wänden befanden sich Bilder , das heißt eingerahmte dunkelbraune Flecken , aus denen an verschiedenen Stellen ein weißes Gesicht hervorschimmerte , eine fahle Totenhand zu winken schien ... Ein großer Schrank war da , dem Altar in der Kirche sehr ähnlich , und am Fensterpfeiler ein Spiegel , in dem Pavel sich sehen konnte in seiner ganzen lebensgroßen Zerlumptheit . Als er hineinblickte und dachte : So bin ich ? gewahrte er über seinem Kopf ein seltsames Ding . Ein flacher eiserner Kübel schien ' s , aus dem goldene Arme herausragten und der mit einem äußerst dünnen Seilchen an der Decke befestigt war . Pavel sprang sogleich davon und betrachtete das böse Ding mißtrauisch aus der Entfernung . Es schien keinen anderen Zweck und auch keine andere Absicht zu haben , als auf die Leute , die so unvorsichtig waren , in sein Bereich zu treten , niederzustürzen und sie zu erschlagen . Nach kurzer Zeit ließen Schritte auf dem Gange sich hören ; die Tür wurde geöffnet , und die Baronin trat ein . Sie ging mühsam auf den Stock gestützt , war sehr gebeugt und blinzelte fortwährend . Fast auf den Fersen folgte ihr , tief bekümmert , die spärlichen Haare so zerzaust , als hätte er eben in ihnen gewühlt - der Schulmeister . Sein ungeschickt fahriges Benehmen fiel sogar dem schlechten Beobachter Pavel auf . » Wohin belieben Euer Gnaden sich zu setzen ? « fragte der Alte , schoß dienstfertig umher und rückte die Sessel auseinander , um der Frau Baronin den Überblick und somit die Wahl zu erleichtern . » Lassen Sie ' s gut sein , Schullehrer « , sagte sie ärgerlich , nahm gerade unter dem Kronleuchter mit dem Rücken gegen die Fenster Platz , legte den Stock auf ihren Schoß und gab Pavel Befehl näher zu treten . Er gehorchte . Der Lehrer jedoch stellte sich hinter den Sessel der gnädigen Frau , und über ihren Kopf hinweg bedrohte er abwechselnd den Delinquenten mit Blicken des Ingrimms oder suchte ihn durch Mienen , welche die tiefste Wehmut ausdrückten , zu erschüttern und zu rühren . Die Baronin hielt die Hand wie einen Schirm an die Stirn und sprach , ihre rotgeränderten Augen zu Pavel erhebend : » Du bist groß geworden , ein großer Schlingel . Als ich dich zum letztenmal gesehen habe , warst du noch ein kleiner . Wie alt bist du ? « » Sechzehn Jahre « , erwiderte er zerstreut . Das eiserne Ding an der dünnen Schnur nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch . Im Geist sah er ' s herunterfallen und die Frau Baronin auf ihrem Richterstuhl zu einem flachen Kuchen zusammenpressen . Diese nahm wieder das Wort : » Schau nicht in die Luft , schau mich an , wenn du mit mir redest ... Sechzehn Jahre ! ... Vor drei Jahren hast du mir meine Kirschen gestohlen , heute erwürgst du mir meinen guten Pfau , der mir , das weiß Gott , lieber war als mancher Mensch . « Der Lehrer erhob seine flehend gefalteten Hände und gab dem Burschen ein Zeichen , diese Gebärde nachzuahmen . Pavel ließ sich aber nicht dazu herbei . » Warum hast du das getan ? « fuhr die Baronin fort . » Antworte ! « Pavel schwieg , und der alten Frau schoß das Blut ins Gesicht . Erregten Tones wiederholte sie ihre Frage . Der Junge schüttelte den Kopf ; aus seinem dichten Haargestrüpp hervor glitt sein Blick über die Zürnende , und ein leises Lächeln kräuselte seine Lippen . Da wurde die Greisin vom Zorn übermannt . » Frecher Bub ! « rief sie , griff nach ihrem Stock und gab ihm damit einen Streich auf jede Schulter . Nun ja , dachte Pavel , wieder Prügel , immer Prügel ... und er richtete einen stillen Stoßseufzer an das eiserne Ding : Wenn du doch herunterfallen , wenn du ihr doch auf den Kopf fallen möchtest ! Habrecht machte hinter dem Rücken der Baronin ein Kompliment , in dem sich Anerkennung aussprach : » Euer Gnaden haben dem Holub Pavel eine spürbare Zurechtweisung gegeben « , bemerkte er . » Das war gut ; eine sehr gute Vorbereitung zum Verhör , das ich jetzt mit Euer Gnaden Erlaubnis vornehmen will . « Der alten Frau war nach ihrer Gewalttat nicht wohl zumute . Sie hatte ihren Zorn auf einmal ausgegeben und lag nun im Bann eines viel unleidigeren Gefühls : einer grämlichen , sentimentalen Entrüstung . » Was ist da zu verhören ? « sprach sie ; » der schlimme Bub hat mir meinen Pfau erwürge und will nicht sagen warum , weil er sonst sagen müßte : aus Bosheit . « » So ist es ! O gewiß ! « bestätigte der Lehrer . » Dem armen Pfau fehlten , als man ihn tot auffand , seine letzten Schwanzfedern , die hat der schlechte Bub ihm gewiß ausgerupft - aus Bosheit ! « » Das ist nun wieder albern , Schulmeister ! « fiel die Baronin ärgerlich ein . » Wenn der Junge - wie schon viele andere dumme Jungen vor ihm - meinem armen Pfau nur Federn ausgerupft hätte , wäre das noch kein Zeichen von Bosheit - Dummheit wäre es gewesen und Dieberei . « » O wie wahr ! « entgegnete Habrecht , » - Dummheit und Dieberei . So ist es und nicht anders , Euer Gnaden . « » Ist es so ? Wer weiß es ? « » Ganz recht , wer ... außer - Euer Gnaden , die sogleich Licht in die Sache gebracht haben . Federn ausrupfen ? Ei , ei , ei ! Um Federn war ' s dem Buben zu tun ; dadurch hat er den Pfau gereizt und einen Kampf hervorgerufen , in dem das gute Tier gefallen ist . « Wie der Rabe Odins an dessen Ohr neigte sich Habrecht an das Ohr der Baronin und flüsterte : » Nicht ohne an dem Feind Spuren seiner Tapferkeit zu hinterlassen . Geruhen sich zu überzeugen , die Stirn des Buben ist zerhackt und voll Blut . « » So ? Ja - mir scheint so ... « » Sprich , Holub Pavel ! « rief der Lehrer , sich wieder aufrichtend , » entschuldige dich . Um die Federn war ' s dir dummem Jungen zu tun , eine böse Absicht hast du nicht gehabt . « » Sprich ! « befahl auch die Baronin . » Hat dich jemand zum Raub der Federn angestiftet ? Denn im Grund « , setzte sie nach kurzer Überlegung hinzu , » was solltest du mit ihnen ? « » Freilich , was ? ein solcher Bettler mit Pfauenfedern ... « Jedesmal , wenn das Wort » Federn « ausgesprochen wurde , überrieselte es den Burschen ; als ihm aber der Lehrer nun mit der bestimmten Frage zu Leibe ging : » Wer hat dich angestiftet ? war ' s nicht die saubere Vinska ? « da überkam ihn eine Todesangst vor den schlimmen Folgen , welche dieser Verdacht für die Tochter des Hirten haben könnte , und fest entschlossen , ihn abzuwenden , sprach er mit dumpfer Stimme : » Es hat mich niemand angestiftet ; ich hab ' s aus Bosheit getan . « Die Baronin stieß ihren Stock heftig gegen den Boden und erhob sich : » Da haben Sie ' s « , sprach sie zum Schullehrer , » da hören Sie ihn ... den geben Sie auf , der ist verloren . « » Erbarmen sich Euer Gnaden ! « flehte der Alte . » Glauben ihm nicht . Der unsinnige Tropf lügt sich zum Schelm ; der Tropf weiß nicht , was er tut , Euer Gnaden ! « Sie winkte ihm zu schweigen und trat dicht an Pavel heran . Ihre müden Augen maßen den Wildling mit traurigem Ausdruck : » Und das ist der Bruder meines lieben Kindes « , sagte sie tief aufseufzend . » Sooft das Kind an mich schreibt und sooft ich es sehe , fragt es : Wie geht ' s meinem Pavel ? Wann wird mein Pavel zu mir kommen ? ... Es weiß , daß ich mit ihm nichts zu tun haben will , ich habe es erklärt und bleibe dabei , aber es fragt doch , das Kind ... « Pavel war zusammengefahren , er riß die Augen weit auf , seine Nasenflügel bebten : » Welches Kind ? - die Milada ? « » Wann wird mein Pavel zu mir kommen ? « wiederholte die Baronin erregt und gerührt und mit den Tränen kämpfend . » Aber kann ich dich zu ihr schicken , Dieb , schlechter Bub , schlechtester im Dorfe ! ... kann ich denn ? « » Schicken Sie mich « , sagte Pavel leise . Der Lehrer zog die Schultern in die Höhe , schob die Kinnlade vor und machte ihm die eindringlichsten Zeichen : » Haben Euer Gnaden die Gnade , ich bitte untertänigst , Euer Gnaden ! So spricht man . « Pavel aber zermarterte seine verschränkten Finger ; seine Brust hob sich keuchend ; mit einem trockenen Schluchzen sprach er noch einmal : » Schicken Sie mich . « Die Baronin wandte sich dem Lehrer zu : » Es scheint ihm Eindruck zu machen . « » Es macht ihm einen außerordentlichen Eindruck . Euer Gnaden haben das Rechte getroffen mit diesem weisen Beschluß ... « » Beschluß ? Von einem Beschluß ist noch gar nicht die Rede . « Den Einwand überhörend , fuhr der Lehrer fort : » Das unschuldige Kind wird besser als irgendwer auf sein Gemüt zu wirken verstehen , das Kind ... « » Das Kind « , fiel die Baronin ein , » ist der Stolz und der Liebling des Klosters . « » Sehen Euer Gnaden ! ... Und was könnte für den verwahrlosten Jungen heilsamer und aneifernder sein als der Anblick seiner wohlgeratenen Schwester , als ihr Beispiel , ihre Ermahnungen ? « » Vielleicht « , entgegnete die alte Dame nachdenklich . » Und so wollen wir es denn in Gottes Namen versuchen ... Ein letztes Mittel . Schlägt das fehl , dann - mein Wort darauf : bei seiner nächsten Übeltat kommt er nicht mehr vor mein sondern vor das Bezirksgericht . « » Hörst du ' s ? « rief der Lehrer , und Pavel murmelte ein ungerechtfertigtes » Ja « . In Wirklichkeit wußte er nicht , was und ob überhaupt gesprochen worden , seitdem man ihm Hoffnung gemacht hatte , daß er seine Milada wiedersehen solle . Das unerreichbare Ziel seiner jahrelangen Sehnsucht stand plötzlich nahe vor ihm ; sein heißester , in tausend Schmerzen aufgegebener Wunsch war ihm auf das unerwartetste erfüllt . Das Herz hüpfte ihm im Leibe ; ein Jauchzen , das er nicht unterdrücken konnte , drang aus seiner Kehle ; er wandte sich auf den Fersen : » Und jetzt geh ich zur Milada ! « sagte er . » Halt ! « rief die Baronin , » bist närrisch ? So ohne weiteres geht man nicht zur Milada . Jetzt trollst du dich nach Hause , und am Samstag kommst du ins Schloß und holst einen Brief für die Frau Oberin ab . Den wirst du ins Kloster tragen und bei der Gelegenheit vielleicht deine Schwester zu sehen bekommen . « » Gewiß ! ich werde sie gewiß zu sehen bekommen - wenn ich nur einmal dort bin ! « sprach Pavel und schürzte mit einer unwillkürlichen Bewegung die Ärmel auf . » Nicht gar zuviel Zuversicht « , versetzte die Baronin . Sie war müde geworden und schickte sich an , ihren früheren Platz wieder einzunehmen . Da sprang Pavel auf sie zu , schob sie hastig zur Seite und den Lehnsessel aus dem Bereich des Kronleuchters hinaus : » So « , rief er , » jetzt setzen Sie sich . « Die Greisin war nahe daran gewesen , umzusinken , als sie statt des Stützpunktes , den sie suchte , einen Stoß erhielt . Mit einem Schrei der Angst klammerte sie sich an den in tiefster Ehrfurcht dargereichten Arm des Lehrers , der die gnädige Frau zu ihrem Sitz geleitete und dann betend vor Unwillen die Faust gegen Pavel erhob : » Was tust ? was fälle dir ein - Spitzbube ? « Pavel deutete ruhig nach der Schnur des Lüsters : » Wenn das Strickerl reißt , ist sie ja tot « , sprach er . » Esel ! Esel ! - fort ! hinaus ! « rief Habrecht , und der Junge gehorchte , ohne mit Abschiednehmen Zeit zu verlieren . Die Baronin beruhigte sich allmählich und sagte : » Er ist blitzdumm , aber er hat wenigstens eine gute Absicht gehabt . « » Das weiß Gott « , rief der Lehrer , » - wenn Euer Gnaden nur nicht so erschrocken wären ! « » Ach was ! Daran liege nichts . « Sie zog das Taschentuch und drückte es an ihre Stirn . » Viel schlimmer ist , viel schlimmer , daß ich einmal wieder inkonsequent gewesen bin ... Wie oft habe ich mir vorgenommen : Es bleibe dabei , meine Milada darf ihren Bruder nicht mehr sehen - und jetzt schicke ich ihn selbst zu ihr ! ... Keine Willenskraft mehr , keine Energie - der geringste Anlaß , und - mein festester Vorsatz ist wie weggeblasen . « » Kommt vom Alter , Euer Gnaden « , fiel Habrecht in liebenswürdig entschuldigendem Tone ein - » da können Euer Gnaden nichts dafür ... Der Mensch ändere sich . Bedenken nur , Euer Gnaden ! auch die Zähne , mit denen man in der Jugend die härtesten Nüsse knacke , beißt man sich im Alter an einer Brotrinde aus . « » Ein unappetitlicher Vergleich « , erwiderte die Baronin ; » verschonen Sie mich , Schullehrer , mit so unappetitlichen Vergleichen . « 7 In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag schloß Pavel kein Auge . Er lag wie in Fieberhitze und meinte immer , jetzt und jetzt komme jemand , ihm den Brief abzufordern , den ihm die Baronin am Abend überschickt hatte und der ihm Einlaß ins Kloster verschaffen sollte . Sie konnte sich ' s anders überlegt , ihre Güte konnte sie gereut haben ... Pavel kauerte sich zusammen auf seiner elenden Lagerstätte und faßte wilde Entschlüsse für den Fall , daß seine Besorgnisse in Erfüllung gehen sollten Indessen graute der Morgen , und Pavels eigene Hirngespinste blieben seine einzigen Bedränger . Dennoch verließ die Unruhe ihn nicht . Schon um vier Uhr stand er am Brunnen und wusch sich vom Kopf bis zu den Füßen , zog Hemd und Hose an und den Rock , der eine bedeutende Verschönerung erfahren hatte . Auf dessen schleißigster Stelle , gerade über dem Herzen , prangte ein bunter Flicken , ein handgroßes Stück Zeug , das beim Zuschneiden von Vinskas neuem Leibchen übriggeblieben war . Pavel nahm sich vor , es herabzutrennen und der kleinen Milada zu schenken , wenn es ihr so gut gefiele wie ihm . Und so zog er rüstig und freudig aus und begegnete keiner lebenden Seele im ganzen Dorf . An der Mauer des Schloßgartens schlüpfte er besonders eilig vorbei , und nun ging ' s bergab und bergauf , immer mit der stillen Besorgnis : Wenn mir nur keiner nachläuft , um mich zurückzurufen . Auf der Höhe angelangt , von welcher aus er vor fast zwei Jahren dem Wagen nachgeblickt , der seine Schwester entführte , atmete er freier . Er besann sich , wie schön er damals die Türme der Stadt hatte glänzen gesehen . Heute lagerten Herbstnebel über ihnen und verbargen sie seinen Augen . Und auf dem Feld , das zu jener Zeit im Grün der jungen Halme geprangt , lagen große harte Schollen , vom Pfluge umgelegt , dessen Schaufel einen Metallglanz auf ihnen hinterlassen hatte . Er schritt weiter , verlor sein Ziel oft aus den Augen , verfolgte es aber mit dem Instinkt eines Tieres ; es fiel ihm nicht ein , daß er ' s verfehlen könnte . Drei Stunden war er gewandert , da hörte er zum ersten Male deutlich den Schlag der Uhr von einem der Kirchtürme schallen und langte bald darauf bei den kleinen Häuschen der Vorstadt an . Die Brücke , von welcher er oft sprechen gehört hatte , lag vor ihm , und unter ihr rauschte ein so gewaltiges Wasser , wie er nicht gewußt hatte , daß es auf Erden gibt . Und das Wunder , das er anstaunt , Milada sieht es alle Tage , denkt Pavel ; und Stolz auf die Schwester und Ehrfurcht vor ihr ergreifen ihn . Am Brückenpfeiler sitzt ein altes Weib und hat Äpfel feil . Gewiß ißt Milada Äpfel noch ebenso gern wie früher - wie wär ' s , wenn er ihr ein paar mitbrächte ? Die Hökerin kehrt ihm den Rücken zu ; sie kramt eben in ihrer Vorratskiste ; ihr ein paar Äpfel wegzumausen wär eine kleine Kunst ... Soll er ? soll er nicht ? - Eine innere Stimme warnt ihn : Gestohlenes Gut taugt nicht mehr für Milada ... Er steht und zaudert . Da wendet sich die Alte , sieht ihn , rühmt ihre Ware und lädt ihn zum Kaufe ein . » Ich hab kein Geld « , sagt Pavel zögernd . Mit der Freundlichkeit der Hökerin ist es sogleich vorbei , und ihre Aufforderung lautet jetzt : » Wenn du kein Geld hast , so pack dich ! « Das ist wieder gewohnter Klang , Pavel fühlt sich angeheimelt , er fragt nun fast zutraulich nach dem nächsten Weg zum Fräuleinstift . » Was willst du im Fräuleinstift ? « brummt das Weib . » Wärst gestern gekommen . Am Samstag wird dort ausgeteilt . « Pavel lügt , er weiß selbst nicht warum , und behauptet , das sei ihm wohl bekannt , wiederholt seine Erkundigung und wandelt , nachdem er sie erhalten , einem Hause zu , das sich wie eine riesige gelbgetünchte Schachtel am Ende des Platzes erhebt . Es hat auffallend kleine Fenster und an