zu Tisch und mitunter auch bis zur Dunkelstunde . So beispielsweise dieser hier , ein schöner Mann , etwas blaß , der in seinen besten Jahren an der Auszehrung starb . Er war Prediger zur Zeit der schwedischen Prinzessin Josephine Albertine , derselben , die den Kristallspiegel wiedererstand . Und hier ist die Prinzessin in Person . « Dabei wies er auf das Bild einer mittelalterlichen Dame mit großer Kurfürsten-Nase , Stirnlöckchen und Agraffenturban , aus deren ganz ungewöhnlicher Stattlichkeit sich die vom Kastellan nur leis angedeuteten Anfechtungen ihres Seelsorgers unschwer erklären ließen . Einige der Bilder kehrten mehrfach wieder , was die Zahl der Äbtissinnen größer erscheinen ließ , als sie tatsächlich war . Rosa drang darauf , die Namen zu hören , aber es waren tote Namen , einen ausgenommen , den der Gräfin Aurora von Königsmark . Und vor das Porträt dieser traten jetzt alle mit ganz ersichtlicher Neugier , ja , Cécile - die , vor kaum Jahresfrist , einen historischen Roman , dessen Heldin die Gräfin war , mit besonderer Teilnahme gelesen hatte - war so hingenommen von dem Bilde , daß sie von der Unechtheit desselben nichts hören und alle dafür beigebrachten Beweisführungen nicht gelten lassen wollte . Gordon , als er sah , daß er nicht durchdränge , wandte sich um Sukkurs an Rosa . » Helfen Sie mir . Die gnädigste Frau will sich nicht überzeugen lassen . « Rosa lachte . » Kennen Sie die Frauen so wenig ? welche ... « » Wohl , Sie haben recht . Und am Ende , wer will an Bildern Echtheit oder Unechtheit beweisen ? Aber zweierlei gilt auch ohne Beweis . « » Und das wäre ? « » Nun , zunächst das , daß es nichts Toteres gibt als solche Galerie beturbanter alter Prinzessinnen . « » Und dann zweitens ? « » Daß der Unterschied von hübsch und häßlich in solcher Galerie zurechtgemachter Damenköpfe gar keine Rolle spielt , ja , daß einer Häßlichkeitsgalerie wie dieser hier vor einer sogenannten Schönheitsgalerie mit ihrer herkömmlichen Ödheit und Langerweile der Vorzug gebührt . Ach , wie viele solcher Galeries of beauties hab ich gesehen , und eigentlich keine darunter , die mich nicht zur Verzweiflung gebracht hätte . Schon in ihrer Entstehungsgeschichte sind sie meistens beleidigend und ein Verstoß gegen Geschmack und gute Sitte . Denn wer sind denn die jedesmaligen Mäcene , Stifter und Donatoren ? Immer ältliche Herren , immer mehr oder weniger mythologische Fürsten , die , Pardon , meine Damen , nicht zufrieden mit der wirklichsten Wirklichkeit , ihre Schönheiten auch noch in effigie genießen wollen . Einer von ihnen - derselbe , von dem das Bonmot existiert , er habe nie was Dummes gesagt und nie was Kluges getan - ist mit seiner Galerie von Magdalenen ( selbstverständlich von Magdalenen vor dem Bußestadium ) allen anderen vorauf . Er war ein Stuart , wie kaum gesagt zu werden braucht . Aber unsere deutschen Kleinkönige sind ihm gefolgt und haben nun auch dergleichen . Ich entsinne mich noch des Eindrucks , den der Kopf der Lola Montez oder , wenn Sie wollen , der Gräfin Landsfeld auf mich machte . Denn Gräfinnen werden sie schließlich alle , wenn sie nicht vorziehen , heiliggesprochen zu werden . « » Ei , wie tugendhaft Sie sind « , lachte Rosa . » Doch Sie täuschen mich nicht , Herr von Gordon . Es ist ein alter Satz , je mehr Don Juan , je mehr Torquemada . « Cécile schwieg und ließ sich , wie gelähmt , in einen in einer tiefen Fensternische stehenden Sessel nieder . St. Arnaud , der wohl wußte , was in ihr vorging , öffnete den einen der beiden Flügel und sagte , während die frische Luft einströmte » Du bist angegriffen , Cécile . Ruh dich . « Und sie nahm seine Hand und drückte sie wie dankbar , während es vor Erregung um ihre Lippen zuckte . Neuntes Kapitel Cécile erholte sich rascher als erwartet von dieser Anwandlung , und die weitere Besichtigung des Schlosses und bald danach auch der Abteikirche verlief zu allseitiger Zufriedenheit , ganz besonders auch zur Freude Céciles . Ja , sie war durch den Besuch der prächtig kühlen Kirche so gekräftigt und erfrischt worden , daß man auf ihren Vorschlag das Programm überschritt und guten Mutes die schon aufgegebene Partie nach dem Rathause machte , wo man erst den Roland und gleich danach das Gefängnis des Regensteiners bewunderte . Daran schloß sich dann unmittelbar ein ziemlich mittägliches Frühstück an Ort und Stelle . Kulmbacher Bier , wofür das Rathaus ein Renommee hatte , wurde bestellt , und Cécile war entzückt , als der Wirt die schäumenden und frisch beschlagenen Seidel brachte . » Wieviel schöner doch als eine Table d ' hôte « , sagte sie . » Pierre , votre santé ... Fräulein Rosa , wohl bekomm ' s ... Herr von Gordon , Ihr Wohl . « Und während sie so plauderte , stieß sie mit ihrem Seidel an , sprach von dem Regensteiner , der es achtzehn Monate lang nicht voll so gut gehabt habe , und war überhaupt wie ein Kind . Nur als die Malerin auf die Bilder der Äbtissinnen zurückkam und bei der Gelegenheit bemerkte , daß auch noch im Rathaussaale ( wie der Herr Wirt ihr eben verraten ) ein Bild der schönen Aurora sei , » besser und jedenfalls echter als das im Schloß « , brach Cécile rasch ab und sagte verstimmt und in beinahe heftigem Tone : » Bilder und immer wieder Bilder . Wozu ? Wir hatten mehr als genug davon . « Gegen fünf Uhr war man in Thale zurück , und Cécile , die sich nach Ruhe sehnte , verabschiedete sich für den Rest des Tages . » Bis auf morgen , Fräulein Rosa ; bis auf morgen , Herr von Gordon . « Und dieser Morgen war nun da . Gordon , der am Abend vorher noch einem Konzert auf dem Hubertusbade beigewohnt und bei dieser Gelegenheit eine halbe Stunde lang mit der Malerin über Samarkand und Wereschagin , dann aber mit dem ebenfalls erschienenen St. Arnaud über den Quedlinburger Roland , den Regensteiner und vieles andere noch geplaudert hatte , hatte sich ' s , um den Morgen zu genießen , auf einem Fauteuil am Fenster bequem gemacht und blies eben den Dampf seiner Havanna in die frische Luft hinaus . Er ließ dabei die Vorgänge des letzten Tages , darunter auch die Bilder der Fürst-Abbatissinnen , noch einmal an sich vorüberziehen und begleitete den Zug ihrer meist grotesken Gestalten mit allerhand spöttisch erbaulichen Betrachtungen . » Ja , diese kleinen Grandes Dames aus dem vorigen Jahrhundert ! Wie wird eine freiere Zeit darüber lachen , wenn sie nicht jetzt schon darüber lacht . Es gibt nichts , an dem sich das Wesen der Karikatur so gut demonstrieren ließe . Meist waren sie häßlich oder doch mindestens von einem unschönen Embonpoint , und alle hielten sie sich einen Kammerherrn und einen Mops , wuschen sich nicht oder doch nur mit Mandelkleie und waren ungebildet und hochmütig zugleich . Ja , auch hochmütig . Nur nicht gegen ihren Leibdiener . « Er malte sich das alles noch weiter aus , bis sich ihm plötzlich vor eben diese groteske Gestaltenreihe die graziöse Gestalt Céciles stellte , wechselnd in Stimmung und Erscheinung , genau so , wie sie der vorhergehende Tag ihm gezeigt hatte . Jetzt sah er sie , wie sie , sich vorbeugend , die Inschrift auf dem Grab-Obelisk des Bologneser Hündchens las , und dann wieder , wie sie bei dem Gespräch über die Schönheitsgalerien und die Gräfin Aurora nahezu von einer Ohnmacht angewandelt wurde . War das alles Zufall ? Nein . Es verbarg sich etwas dahinter . Aber dann vernahm er wieder das heitere Lachen und sah , wie sie , glückstrahlend , den Krug nahm und anstieß . » Ihr Wohl , Fräulein Rosa ; Herr von Gordon , Ihr Wohl . « Und er empfand dabei deutlich , daß , was immer auch auf ihrer Seele laste , die Seele , die diese Last trage , trotz alledem eine Kinderseele sei . » Clothilde muß von ihr wissen « , sprach er vor sich hin . » Und wenn sie nichts weiß , so doch von ihr hören können . Liegnitz ist just der Ort dazu , nicht zu groß und nicht zu klein , und was das Regiment nicht weiß , das weiß die Ritter-Akademie . Die Schlesier sind ohnehin miteinander verwandt und haben einen schwatzhaften Zug . Schwatzhaftigkeit , Eigensinn und so gerne hat Rübezahl jedem der Seinen in die Wiege gelegt . Ja , Clothilde muß es wissen , an sie zu schreiben hab ich ohnehin , und so denn two birds with one stone . Fräulein Schwester wird freilich sommerlich ausgeflogen und irgendwo im Gebirge sein , in Landeck oder in Reinerz oder gar in Böhmen . Aber was tut ' s ? Die Post wird sie schon zu finden wissen . Wozu haben wir Stephan ? Er kommt ja gleich nach Bismarck . « Und bei diesem Selbstgespräche die Havanna aus der Hand legend , nahm er ein Couvert und adressierte mit großer Handschrift : » Dem Fräulein Clothilde von Gordon-Leslie , Liegnitz , Am Haag 3 a. « Dann schob er das Couvert wieder zurück , legte sich zwei kleine Bogen mit Hexentanzplatz und Roßtrappe zurecht und schrieb : » Meine liebe Clotho . Genau vier Wochen heute , daß ich mich von Dir und Elsy verabschiedete . Vier Wochen fort aus Eurem traulichen Heim , aber erst seit einer Woche hier , weil ich , als ich von Liegnitz nach Berlin zurückkehrte , Briefe vorfand , die mich in geschäftlichen Angelegenheiten erst nach Hamburg und dann nach Bremen führten . Um Euch wenigstens eine Andeutung zu machen , es handelt sich abermals um Legung eines Kabels . Von Bremen dann hierher , nach Thale , Thale am Harz , und nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen Kurort in Thüringen . Es gereut mich nicht , diesen entzückenden Platz mit seiner erfrischenden und stärkenden Luft gewählt zu haben , denn Luft ist kein leerer Wahn , was der am besten weiß , der ihre mannigfachen Arten an sich selber erprobt hat . Wir gehen einer totalen Reform der Medizin oder doch zum mindesten der Heilmittellehre entgegen , und die Rezepte der Zukunft werden lauten : drei Wochen Lofoten , sechs Wochen Engadin , drei Monate Wüste Sahara . Ja , selbst Malaria-Gegenden werden in kleinen Dosen verordnet werden , etwa wie man jetzt Arsenik gibt . Die große Wirkung der Luftheilmethode liegt in ihrer Perpetuierlichkeit - man kommt Tag und Nacht aus dem Heilmittel nicht heraus . Ein gut Teil dieser Heilmethode hab ich auch hier , und so fühl ich denn mehr und mehr die Verstimmung von mir abfallen , die mich , ohne rechten Grund , seit lange quälte . Nur bei Euch war ich frei davon . Die Partien und Ausflüge liegen hier wie vor der Tür , und so sieht man sich in der angenehmen Lage , Naturschönheit ohne jede Müh und Anstrengung genießen zu können . Daß es eine Schönheit kleineren Stils ist , schadet wenig . Ich bin oft genug bis 20 000 Fuß hoch umhergeklettert , um jetzt mit 2 000 vollkommen zufrieden , ja sogar eigens dankbar dafür zu sein . Ich liebe Weltreisen und möchte sie , wiewohl ich fühle , daß die Passion nachläßt , auch für die Zukunft nicht missen , aber ich bin andererseits kein Freund von Strapazen als solchen , und je bequemer ich den Kongo hinauf- oder hinunterkomme , desto besser . Ökonomie der Kräfte . Doch was Kongo ! Vorläufig heißt meine Welt noch Thale , Hotel Zehnpfund , ein wundervoller Hotelname , bei dem man sich , wie auf dem Bilde Wo speisen Sie ? , förmlich arrondieren fühlt und der sofort die Vorstellung weckt : hier ist es gut sein . Und diese Vorstellung täuscht auch nicht . Es ist hier in der Tat gut sein , appetitlich und unterhaltlich , letzteres besonders seit drei Tagen , wo sich , durch Eintreffen neuer Gäste , die Table d ' hôte belebt hat . Unter diesen Gästen ist ein alter Emeritus , mit dem ich mich gleich anfänglich anfreundete , seit Dienstag aber hat er vor einer neuen Bekanntschaft einigermaßen zurücktreten müssen : Oberst St. Arnaud und Frau . Er , trotzdem er a. D. ist ( nicht bloß zur Disposition ) , Gardeoffizier from top to toe , sie , trotz eines languissanten Zuges , oder vielleicht auch um desselben willen , eine Schönheit ersten Ranges . Wundervoll geschnittenes Profil , Gemmenkopf . Ihre Augen stehen scharf nach innen , wie wenn sie sich suchten und lieber sich selbst als die Außenwelt sähen - eine Besonderheit , die , von Splitterrichtern , sehr wahrscheinlich ihrer Schönheit zum Nachteil angerechnet und mit einem ziemlich prosaischen Namen bezeichnet werden wird . Es gibt ihr aber entschieden etwas Apartes , und wenn ihre Beauté wirklich Einbuße dadurch erfahren sollte , was ich nicht zugeben kann , so doch sicherlich nicht ihr Reiz . Sie verzieht mich ein wenig , und zwar in einer ganz eigentümlichen Weise , der ich Coquetterie nicht zuschreiben und auch nicht ganz absprechen kann . Ich stehe vor einem Rätsel , oder doch mindestens vor etwas Unbestimmtem und Unklarem , das ich aufgeklärt sehen möchte . Und dazu , meine liebe Clothilde , mußt Du mir behülflich sein . Du weißt ja den Genealogischen halb und die Rangliste ganz auswendig , hast das Offiziercorps Eurer berühmten Garnison eingetanzt und kennst die nachbarlichen Wahlstätter Kadettenlieutenants , die sich so ziemlich aus allen Provinzen rekrutieren . Du mußt also was erfahren können . Daß er mehrere Jahre lang ein Gardebataillon kommandierte , weiß ich ; er hat sich gestern abend , als ich von einem Konzert mit ihm heimkehrte , selbst darüber ausgesprochen . Warum aber nahm er den Abschied ? Warum zieht er sich augenscheinlich aus dem , was man Gesellschaft nennt , zurück ? Vor allem jedoch , wer ist Cécile ? Dies ist nämlich ihr Name . Woher stammt sie ? Brüssel , Aachen , Sacré coeur , so schoß es mir durch den Kopf , als ich sie zum ersten Male sah , aber dies alles war ein Irrtum . Ich finde , sie schlesiert ein wenig , und so wird es Dir , wenn ich darin recht habe , nur um so leichter sein , meine Neugier zu befriedigen . Meine Neugier ? Ich würde Dir von einem tieferen Interesse sprechen , wenn ich nicht fürchten müßte , diesen Ausdruck mißverstanden zu sehen . Sie hat offenbar viel erfahren , Leid und Freud , und ist nicht glücklich in ihrer Ehe , trotzdem sie dem Obersten , ihrem Gemahl , in einzelnen Momenten etwas wie Dank oder selbst wie Hingebung und Herzlichkeit zeigt . Aber es sind immer nur Momente , wo sie nach einem Halt sucht und diesen Halt in ihm zu finden glaubt . Also , wenn Du willst , eine Neigung mehr aus Schutzbedürfnis als aus Liebe . Mitunter auch aus bloßer Caprice . Ja , sie hat Capricen , was an einer schönen Frau nicht sonderlich überraschen darf , aber was durchaus frappieren muß , ist das naive Minimalmaß ihrer Bildung . Sie spricht gut französisch ( recht gut ) und versteht ein weniges von Musik , im übrigen fehlt ihr nicht bloß alles Positive , sondern auch jener Esprit , der adorierten Frauen fast immer zu Gebote steht . Wir waren gestern in Quedlinburg und kamen unter anderm an dem Klopstock-Hause vorüber . Ich sprach von dem Dichter und konnte deutlich wahrnehmen , daß sie den Namen desselben zum ersten Male hörte . Was nicht in französischen Romanen und italienischen Opern vorkommt , das weiß sie nicht . Ob sie Zeitungen liest , ist mir fraglich . Und so gibt sie sich Blößen über Blößen . Aber sie besitzt dafür ein andres , was all diese Mängel wieder aufwiegt : eine vornehme Haltung und ein feines Gefühl , will sagen ein Herz . Denn ein feines Gefühl läßt sich sowenig lernen wie ein echtes . Man hat es oder hat es nicht . Dazu gesellt sich jener freiere Blick oder doch mindestens jenes unbefangene , allem Schwerfälligen abgewandte Wesen , das allen Personen eigen ist , die jahrelang in der Obersphäre der Gesellschaft gelebt und sich einfach dadurch jenes je ne sais quoi erworben haben , das sie Gebildeteren und selbst Klügeren überlegen macht . Sie weiß , daß sie nichts weiß , und behandelt dies Manko mit einer entwaffnenden Offenheit . Trotz einer hautainen Miene , die sie , wenn sie will , sehr wohl aufzusetzen versteht , ist sie bescheiden bis zur Demut . Daß sie nervenkrank ist , ist augenscheinlich , aber der Oberst ( vielleicht , weil es ihm paßt ) macht unter Umständen mehr davon als nötig . Er mag übrigens , was diesen Punkt angeht , in einer ziemlich heiklen Lage sein , denn nimmt er ' s leicht , wo sie ' s vorzieht , krank zu sein , so verdrießt es sie , und nimmt er ' s schwer , wo sie ' s vorzieht , gesund zu sein , so verdrießt es sie kaum minder . Ich war auf der Roßtrappe Zeuge solcher Szene . Mir persönlich will es scheinen , daß sie , nach Art aller Nervenkranken , im höchsten Grade von zufälligen Eindrücken abhängig ist , die sie , je nachdem sie sind , entweder matt und hinfällig oder aber umgekehrt zu jeder Anstrengung fähig machen . Überhaupt voller Gegensätze : Dame von Welt und dann wieder voll Kindersinn . Sie lacht wenig , aber wenn sie lacht , ist es entzückend , weil man herausfühlt , wie dieses Lachen sie selber beglückt . Sie war wohl eigentlich , ihrer ganzen Natur nach , auf Reifenwerfen und Federballspiel gestellt und dazu angetan , so leicht und graziös in die Luft zu steigen wie selber ein Federball . Aber es wird ihr von Jugend an nicht daran gefehlt haben , was sie wieder herabzog . Vielleicht weil sie so schön war . Übrigens glaube nicht , daß ich an eine St. Arnaudsche Mesalliance denke . Nichts in und an ihr , das an eine Tochter Thaliens oder gar Terpsichorens erinnerte . Noch weniger hat sie den kecken Ton unserer Offiziersdamen oder den unmotiviert selbstbewußten unseres Kleinadels auf seinen Herrensitzen . Ihr Ton ist vornehmer , ihre Sphäre liegt höher hinauf . Ob von Natur oder durch zufällige Lebensgänge , laß ich dahingestellt sein . Sie hascht nach keinem Witzwort , am wenigsten müht sie sich um ein zugespitztes Repartie , sie läßt andre sich mühen und zeigt auch darin , daß sie ganz daran gewöhnt ist , Huldigungen entgegenzunehmen . Alles erinnert an kleinen Hof . Und nun tue das Deine . Deiner Antwort sehe ich noch hier entgegen , und zwar binnen einer Woche . Wird es später , so nach Berlin poste restante . Zu postlagernd hab ich mich noch nicht bekehren können . Und nun Dir und meiner teuren Elsy Gruß und Kuß . Wie immer Dein Dich herzlich liebender Robert v. G. L. « Zehntes Kapitel Gordon überflog den Brief noch einmal und war mit seiner Charakteristik Céciles zufrieden , aber nicht so mit dem , was er über St. Arnaud geschrieben hatte . Der war offenbar zu kurz gekommen , was ihn bestimmte , noch ein paar Worte hinzuzufügen . » Eben , meine liebe Clotho « ( so kritzelte er an den Rand ) , » hab ich mein langes Skriptum noch einmal durchgelesen und finde , daß St. Arnauds Bild der Retouche bedarf . Es wird dadurch freilich mehr an Richtigkeit als an Liebenswürdigkeit gewinnen . Wenn ich ihn Dir als Gardeoberst comme il faut vorstellte , was zutrifft , so gibt dies doch immer nur eine Seite ; mindestens mit gleichem Rechte darf ich ihn als den Typus eines alten Garçons aus der Oberschicht der Gesellschaft bezeichnen . Es ist unmöglich , sich etwas Unverheirateteres vorzustellen als ihn , trotzdem er voll Courtoisie gegen die junge Frau , ja gelegentlich selbst voll anscheinend großer Aufmerksamkeiten ist . Aber sie wirken äußerlich , und wenn sie nicht bloß in chevaleresker Gewohnheit ihren Grund haben , so doch jedenfalls zur größeren Hälfte . Zu dem allem hat er ( in diesem Punkte mit Cécile verwandt ) einen genierten Blick ; aber was ihr kleidet , ja , rundheraus , ihren Reiz noch steigert , ist an ihm einfach unheimlich . In manchen Momenten , ich zögere fast , es auszusprechen , wirkt er nicht viel anders , als ob er ein Jeu-Oberst wäre , der hier in Thale den Gemütlichen spielt und seine Kräfte für eine neue Kampagne sammelt . Jedenfalls wirst Du nach dem allen meine Neugier begreifen . Und nun noch einmal Gott befohlen . Dein Roby . « Und nun schob er den Brief ins Couvert und ging in das Lesezimmer , um sich in die » Times « zu vertiefen , die zu lesen ihm , seit seinen indisch-persischen Tagen , ein Bedürfnis war . Um dieselbe Stunde , wo Gordon den Brief schrieb , machte das St. Arnaudsche Paar , wie täglich nach dem Frühstück , seinen Morgenspaziergang . Als sie die große Parkwiese zweimal umschritten hatten , war Cécile müde geworden und nahm auf einer von Flieder und Goldregen überwachsenen Bank Platz , die zum großen Teil im Schatten lag . Es war eine lauschige Stelle , vormittags die schönste der ganzen Anlage , von der aus man nicht bloß die vorgelegene bewaldete Gebirgswand , sondern auch den Hexentanzplatz und die Roßkappe mit ihren in der Sonne blitzenden Hotels übersehen konnte . Die Luft stand , und nur dann und wann fuhr ein Windstoß durch die Stille . Cécile , die den schattigsten Platz hatte , zog den Sonnenschirm ein und sagte : » Gewiß , ich finde das Fräulein sehr unterhaltlich , aber doch etwas emanzipiert oder , wenn dies nicht das richtige Wort ist , etwas zu sicher und selbstbewußt . Künstlerin , sagst du . Gut . Aber was heißt Künstlerin ? Sie schlägt gelegentlich einen Weisheits- und Überlegenheitston an , als ob sie Gordons Großtante wäre . « » Wohl ihr . « » Ja « , beharrte Cécile . » Wohl ihr . Wenn nur nicht das Gerede der Leute wäre . « » Das Gerede der Leute « , wiederholte St. Arnaud spöttisch das ihn allemal nervös machende Wort . Aber Cécile , die sonst ein scharfes Ohr für diesen Ton hatte , hörte heute darüber hin , und mit ihrem Sonnenschirm auf einen Hausgiebel zeigend , der in geringer Entfernung aus einer Baumgruppe hervorragte , sagte sie : » Das ist das Hubertusbad , nicht wahr ? Wie verlief eigentlich das gestrige Konzert ? Ich hatte das Fenster auf und hörte noch die Schlußpiece Komm in mein Schloß mit mir . Wenn ich mir Rosa als Zerline denke . « » Und Cécile als Donna Elvira . « Sie lachte herzlich , denn der Ton , in dem St. Arnaud dies sagte , klang durchaus liebenswürdig und jedenfalls ebenso frei von Gereiztheit wie Tadel . » Donna Elvira « , wiederholte sie . » Die Rolle der Verschmähten ! Wirklich , es wäre die letzte meiner Passionen , und wenn ich mich da hineindenke , so muß ich dir offen gestehen , es gibt doch allerlei Dinge ... « » Die noch schwerer zu tragen sind als die , die wir tragen müssen . Ja , Cécile , sprich es nur aus . Und du solltest dich jeden Tag daran erinnern . Freilich ist es leichter , die Wahrheit zu predigen , als danach zu handeln . Aber wir sollten es wenigstens versuchen . « Jedes dieser Worte tat ihr wohl , und in einem flüchtigen Zärtlichkeitsanfluge sich an ihn lehnend , sagte sie : » Wie du nur sprichst . Als ob ich eine Neigung hätte , den Kopf hängen zu lassen . Und du weißt doch das Gegenteil . Ach , Pierre , wir hätten uns statt der großen Stadt einen stillen Platz suchen sollen , da wär uns manch Bitteres erspart geblieben . Einen stillen Platz oder lieber gleich ein paar , um mit ihnen wechseln zu können . Wie leicht und gefällig macht sich hier das Leben . Und warum ? Weil sich beständig neue Beziehungen und Anknüpfungen bieten . Das ist noch der Vorzug des Reiselebens , daß man den Augenblick walten und überhaupt alles gelten läßt , was einem gefällt . « » Und doch hat das Leben aus dem Koffer auch seine schweren Bedenken . Man findet nicht jeden Tag einen perfekten Kavalier , der die Tugenden unsrer militärischen Erziehung mit weltmännischem Blick vereinigt . Du weißt , wen ich meine . Welche Fülle von Wissen , und dabei absolut unrenommistisch . Er hat einen entzückenden Ton ; es klingt immer , als ob er sich geniere , viel erlebt zu haben . « Sie nickte zustimmend und fuhr dann ihrerseits fort : » Du hast gestern , als ihr gemeinschaftlich das Fräulein vom Konzert her bis an das Hotel zurückführtet , noch ein Gespräch mit Herrn von Gordon gehabt . Ich stand am Fenster und sah euch den Kiesweg auf und ab promenieren . Erzähle . Du weißt , ich bin eigentlich nicht neugierig , aber wenn ich es bin ... « » Dann ? « » Dann de tout mon cour . Also was ist es mit ihm ? Warum ging er in die weite Welt ? Ein Mann von so guter Erscheinung und Familie , denn die Schotten sind alle von guter Familie . Wir hatten unter den Kavalieren am Hofe ... Daher meine Kenntnis . Mir liegt sonst die Prätension fern , über schottische Familien unterrichtet zu sein . Also warum trat er aus der Armee ? « St. Arnaud lachte . » Meine liebe Cécile , du gehst einer grausamen Enttäuschung entgegen . Er schied aus der Armee ... « » Nun ? « » Einfach Schulden halber . In diesem Punkte beginnt seine Laufbahn als chevalier errant so trivial wie möglich . Er stand erst bei den Pionieren in Magdeburg , dann bei dem Eisenhahn-Bataillon unter Golz , einer Truppe , die sonst viel zu klug und zu gescheit ist , um sich durch Schuldenmachen auszuzeichnen . Aber jede Regel hat ihre Ausnahme . Kurzum , er konnte sich nicht halten und übersiedelte , wenn sich in solcher Lage von Übersiedlung sprechen läßt , nach England , woselbst er seine wissenschaftlichen Kenntnisse praktisch zu verwerten hoffte . Dies gelang ihm denn auch , und er ging Mitte der siebziger Jahre nach Suez , um hier , im Auftrag einer großen englischen Gesellschaft , einen Draht durch das Rote Meer und den Persischen Golf zu legen . Du wirst nicht orientiert sein , aber ich zeige dir ' s auf der Karte . « » Nur weiter . « » Etwas später trat er in persischen und , nach Beendigung einer unter seiner Oberleitung hergestellten Telegraphenverbindung zwischen den zwei Hauptstädten des Landes , in russischen Dienst . Es war gerade die Zeit , als Skobeleff , dessen du dich von Warschau her erinnern wirst , vor Samarkand seine Triumphe feierte . Später , als der Kriegsschauplatz wechselte , war er mit demselben General vor Plewna . Der wachsende Haß der Russen aber gegen alles Deutsche hat ihm schließlich den Dienst verleidet ; er nahm den Abschied und hat das Glück gehabt , alte Beziehungen wieder anknüpfen zu können . Er ist in diesem Augenblicke Bevollmächtigter derselben englischen Firma , in deren Dienst er seine Laufbahn begann , und gerade jetzt mit einer geplanten neuen Kabellegung in der Nordsee beschäftigt . Hat aber den lebhaften Wunsch , in preußischen Dienst zurückzutreten , was ihm , bei Protektion an hoher Stelle , deren er sich erfreut , ganz zweifellos gelingen wird . « » Und das ist alles ? « » Aber Cécile ... « » Du hast recht « , lachte sie . » Buntes Leben genug . Und doch find ich wirklich , daß einen Draht oder ein Kabel an einer mir unbekannten Küste zu legen ( und welche Küste wäre mir nicht unbekannt ) schließlich ebenso trivial ist wie Schuldenmachen . « » Da bin ich doch neugierig , zu hören , was du geneigt sein möchtest , nicht trivial zu finden . « » Nun beispielsweise den Regensteiner . Der ist doch um vieles romantischer . Und wenn es der Regensteiner nicht sein kann , nun denn , Abenteuer , Tigerjagd , Wüste . Verirrungen ... « » Geographische oder moralische ? « » Beide . « » Nun , wer weiß , was er davon noch in petto hat . Er konnte mich doch nicht gleich in seine letzten Intimitäten einweihen . Aber sieh nur ... « Und ein Windstoß , der eben in das große , mit Zentifolien dicht besetzte Rondel gefahren war , trieb eine Wolke von Rosenblättern auf Cécile zu . » Sieh nur « , wiederholte der Oberst , und im selben Augenblicke sanken die herangewehten Blätter , denen das Fliedergebüsch den Durchgang wehrte , zu Füßen der schönen Frau nieder . » Ah , wie schön « , sagte Cécile . » Das ist mir eine gute Vorbedeutung . « Und sie bückte sich nach einem der Blätter , um es auf ihre Lippen zu legen . Dann aber erhob sie sich und schritt , in guter Laune St. Arnauds Arm nehmend , auf das Hotel zu . Elftes Kapitel Es war noch eine gute Weile bis Mittag .