scher Hausfrauen . Auch Frau Judiths Brautkleid , ihre Brautschuhe , wahre Ungetüme von Stöckelschuhen , waren pietätvoll hier aufbewahrt ; sie war ja die einzige Tochter und Erbin eines vornehmen , sehr begüterten Hauses gewesen , ein bedeutender Teil des Lamprecht ' schen Reichtumes stammte von ihrer Mitgift her . Das wußte die kleine Margarete nicht ; sie würde wohl auch kein Verständnis dafür gehabt haben - sie suchte nur manchmal mit ihren kleinen Händen an den Schrankthüren zu rütteln , um den geheimnisvollen Laut , das Aneinanderreiben der steifen Seide , herauszuhören . Nun war sie auch einmal mutterseelenallein hier . Der kleine Bruder war nicht da , um sie am Rock zurückzuzerren , und sein ängstlicher Zuruf störte sie nicht . Sie huschte tiefer in den Gang hinein und wollte eben vor einem der Schränke stehen bleiben , als sie ganz deutlich ein Geräusch hörte , wie wenn jemand in ihrer Nähe wiederholt auf ein Thürschloß griffe . Die Kleine horchte auf , zog in vergnüglicher Ueberraschung den Kopf zwischen die Schultern , kicherte in sich hinein und schlüpfte in das dunkelnde Versteck neben dem Schrank , von wo sie die schräg gegenüberliegende Thüre sehen konnte ... Na , aber die Augen wollte sie sehen , die Tante Sophie machen würde , wenn sie hörte , daß es die Sonne doch nicht gewesen war ! Und » die Gretel « behielt recht , Emma war es gewesen , und wenn sie zehnmal that , als fürchte sie sich - sie steckte ja noch drin im Zimmer ! Der konnte ein tüchtiger Schrecken nicht schaden , ganz und gar nicht ! In diesem Augenblick ging die Thüre lautlos auf , und hinter ihr trat ein kleiner Fuß von der erhöhten Schwelle auf die Gangdielen herab ; dann huschte es ganz weiß aus dem schmalen Spalt , zu welchem sich die Thüre geöffnet hatte ... Von dem weißen Latzschürzchen und dem kokettgerafften Falbelkleid des Stubenmädchens war nun freilich nichts zu sehen ; ein dichter Schleier fiel vermummend vom Scheitel über die ganze Gestalt her , und seine Spitzenkante schleifte auf den Dielen nach . Aber es war doch Emma , die sich da einen Spaß machte - sie hatte solch ein Füßchen und trug stets nette Schuhe mit hohen Absätzen und Bandrosetten . Vorwärts , drauf ! Das gab einen famosen Spaß ! Gewandt wie ein Kätzchen schlüpfte das Kind aus seinem Versteck , flog der Dahinhuschenden nach , warf sich mit der ganzen Schwere des kleinen Körpers von rückwärts über die Gestalt her und umklammerte sie mit beiden Armen ; dabei geriet ihre kleine Rechte durch eine Schleieröffnung in das weiche , über die Hüfte herabhängende Gewoge einer gelösten Haarflechte - sie griff fest zu und zog zur Strafe für » den dummen Witz « so derb an den Haarenden , daß sich der vermummte Kopf tief nach dem Nacken zurückbog ... Ein Schreckensschrei , dem ein klagender Wehlaut folgte , scholl durch den Gang - was dann geschah , kam so blitzschnell , so unerwartet , daß die Kleine sich nie , auch später nicht eine klare Vorstellung machen konnte . Sie fühlte sich gepackt und geschüttelt , daß ihr Hören und Sehen verging , ihr kleiner Körper flog wie ein Ball um eine ganze Strecke , fast bis zum Eingang des Korridors , zurück und stürzte zu Boden . Sie blieb , wie betäubt , mit geschlossenen Augen liegen , und als sie endlich die Lider hob , da stand ihr Vater bei ihr und sah auf sie nieder . Aber sie erkannte ihn kaum - sie entsetzte sich vor ihm und schloß unwillkürlich die Augen wieder , instinktmäßig fühlend , daß etwas Schreckliches kommen müsse ; denn er sah aus , als wisse er nicht , solle er sie erwürgen oder zertreten . » Steh auf ! Was thust du hier ? « fuhr er sie mit kaum erkennbarer Stimme an , packte sie mit rauhem Griff und stellte sie auf die Füße . Sie schwieg ; der Schrecken , aber auch das Unerhörte der grausamen Behandlung , verschloß ihr die Lippen . » Hast du mich nicht verstanden , Grete ? « fragte er in etwas beherrschterem Ton . » Ich will wissen , was du hier treibst ! « » Ich wollte zuerst zu dir , Papa ; aber die Thüre war verschlossen , und du warst nicht zu Hause - « » Nicht zu Hause ? Unsinn ! « schalt er und trieb sie vor sich her . » Die Thüre war nicht verschlossen , sag ' ich dir - du wirst ungeschickt beim Oeffnen gewesen sein ! Ich war hier im roten Salon « - er zeigte nach der Thüre , auf welche er die Kleine zuschob - » als ich dein Geschrei hörte . « Margarete stemmte die Füße fest auf den Boden , so daß Herr Lamprecht auch stehen bleiben mußte , und wandte ihm das Gesicht zu . » Ich habe doch nicht geschrieen , Papa ? « sagte sie mit weit geöffneten , erstaunten Augen . » Du nicht ? Wer denn sonst ? Du wirst mir doch nicht weismachen wollen , daß noch jemand außer dir hier oben gewesen ist ? « - Er war ganz rot im Gesicht , wie immer , wenn er zornig und ungeduldig wurde , und seine Augen blitzten sie drohend an . Sie sollte gelogen haben ! In dem Kind , welches die Aufrichtigkeit selbst war , empörte sich jeder Blutstropfen . » Ich mache dir nichts weis , Papa ! Ich sage die Wahrheit ! « beteuerte sie , mutig und ehrlich zu den flammenden Augen aufblickend . » Du kannst dich darauf verlassen , es war jemand hier oben ! Ein Mädchen war ' s. - Sie kam aus dem Zimmer , weißt du , wo ich die Stirn mit den hellen Haaren am Fenster gesehen habe . - Ja , da kam sie heraus und hatte Schuhe mit Bandrosetten an , und wie sie weiterlief , da hörte ich , wie die Absätze auf den Dielen klapperten - « » Bist du toll ? « Er drehte sich mit einem Ruck nach dem Gange zurück . Das rote Abendwölkchen war inzwischen weiter gesegelt , und durch das hochgelegene , kleine Fenster sah nur noch der abgeblaßte Himmel herein - ein graues Dämmerdunkel fing an , den langen Korridor zu füllen . » Siehst du noch etwas , Grete ? « fragte er , hinter ihr stehend und mit seinen beiden Händen schwer auf die Schultern des Kindes drückend . » Nein ? - Dann nimm auch Vernunft an , Kind ! Durch den Flursaal hätte das vermeintliche Mädchen nicht entwischen können , denn wir selbst würden ihr den Weg versperrt haben ; die Thüren , wie wir sie da sehen , sind verschlossen , das weiß ich am besten , denn ich habe die Schlüssel - glaubst du aber , es könne ein Mensch auf dem einzigen Weg , der übrig bliebe , durch das Fensterchen dort oben , hinausfliegen ? « Scheinbar ruhiger nahm er sie bei der Hand und führte sie an eines der Flursaalfenster . Er zog sein Taschentuch heraus und wischte ihr die Thränen vom Gesicht , die ihr Schreck und Entsetzen vorhin erpreßt hatten ; sein Blick schmolz plötzlich in schmerzlichem Mitleid . » Weißt du nun , daß du ein rechtes Närrchen gewesen bist ? « fragte er lächelnd , wobei er sich tief bückte , um in ihre Augen zu sehen . Sie schlang stürmisch ihre kleinen Arme um seinen Hals . » Ich habe dich so lieb , so lieb , Papa ! « beteuerte sie mit der ganzen Inbrunst eines heißen , zärtlichen Kinderherzens und drückte ihr schmales , sonnengebräuntes Gesichtchen an seine Wange . » Aber du darfst auch nicht denken , daß ich gelogen habe ... Ich habe vorhin nicht geschrieen - sie war ' s ! Ich dachte , es sei Emma und wollte sie für ihren dummen Spaß erschrecken . Aber Emma hat ja gar nicht so langes Haar , das fällt mir eben ein , und meine Hand riecht noch nach Rosenöl , weil ich den Zopf festgehalten habe , und das ganze Mädchen roch wie die schönsten Rosen - Emma ist ' s doch wohl nicht gewesen , Papa ! ... Durch das kleine Fenster kann freilich niemand fliegen ; aber vielleicht war die Thüre an der kleinen Treppe offen , weißt du , die Bodenthüre vom Packhaus - « Er hatte schon vorhin , ungestüm emporfahrend , ihre Arme von seinem Nacken gelöst , und jetzt unterbrach er sie mit einem lauten Auflachen ; aber trotz dieses Lachens sah er plötzlich so blaß und so furchtbar böse aus , daß sich das Kind scheu in die Fensterecke drückte . » Du bist ein obstinates , dickköpfiges Geschöpf ! « zürnte er und seine Stirn zog sich immer finsterer zusammen . » Die Großmama hat recht , wenn sie sagt , die richtige Zucht fehle . Um deinen Kopf zu behaupten , fabelst du das ungereimteste Zeug zusammen ... Wer möchte sich wohl in eine Rumpelkammer voll Ratten und Mäusen verkriechen , bloß um ein kleines Mädchen , wie du eines bist , zu necken ? ... Aber ich weiß schon , du bist zu viel in der Gesindestube , und da wird dir der Kopf mit Fraubasen- und Spinnstubengeschichten vollgestopft , und nachher träumst du am hellen Tage unmögliche Dinge . Dabei bist du wild wie ein Junge , und Tante Sophie ist viel zu schwach und nachgiebig . Die Großmama hat mich längst gebeten , der Sache ein Ende zu machen , und das soll nun geschehen , und zwar sofort ! Ein paar Jahre in fremder Zucht werden dich zahm und anständig machen ! « » Ich soll fort ? « schrie das Kind auf . » Für ein paar Jahre , Grete , « sagte er milder . » Sei vernünftig ! Ich kann dich nicht erziehen ; Großmamas Nerven aber sind zu angegriffen , um dein ungestümes Wesen in stetem Umgang zu ertragen , und Tante Sophie - nun , die ganze Wirtschaft liegt auf ihr , und sie kann sich nicht so um dich kümmern , wie es sein müßte - « » Thue es nicht , Papa ! « fiel sie mit einer für ein Kind fast unnatürlichen festen Entschlossenheit ein . » Es hilft dir nichts - ich komme doch wieder ! « » Das wollen wir sehen - « » Ach , du hast ja keinen Begriff , wie ich laufen kann ! ... Weißt du noch , wie du dem Herrn in Leipzig unseren Wolf geschenkt hattest und wie der gute alte Hund nachher einmal frühmorgens draußen vor unserer Hausthüre lag , todmüde und schrecklich hungrig ? Er hatte sich gesehnt , der arme Kerl , und da hatte er den Strick zerrissen und war fortgelaufen , und so mache ich ' s auch ! « - Ein herzzerreißendes Lächeln flog um den bebenden Mund . » Glaub ' s schon , unbändig genug bist du ja ! Allein es wird dir wohl nichts übrigbleiben , als dich zu fügen - mit solchen kleinen Trotzköpfen macht man kurzen Prozeß ! « sagte er streng . Er wandte sich dabei weg und sah anscheinend durchs Fenster in den Hof hinab ; in Wahrheit jedoch glitt sein scheuer Seitenblick über das Gesichtchen , das jetzt einen furchtbaren inneren Aufruhr widerspiegelte , und wie von einem unwiderstehlichen Impuls getrieben , bog er sich rasch wieder nieder und strich mit der Hand sanft über die weiche , plötzlich von einer wahren Fieberhitze überglühte Wange des Kindes . » Geh , sei mein gutes Mädchen ! « redete er ihr zu . » Ich bringe dich selbst fort - wir reisen zusammen . Und schöne Kleider sollst du haben , ganz wie unsere kleinen Prinzessinnen . « » Ach , schenke sie lieber einem anderen Kind , Papa ! « versetzte die Kleine tonlos . » Bei mir gibt ' s immer schon am ersten Tage Risse und Flecken . Bärbe sagt immer : Es ist schade um jede Elle Zeug , die der kleine Reißteufel auf den Leib kriegt , und da hat sie ganz recht ! - Ich will aber auch gar nicht so sein , wie die kleinen Mädchen im Schlosse « - sie hob trotzig den Kopf und hörte auf , an ihren Fingern nervös zu pflücken - ; » ich kann sie nicht leiden , weil die Großmama immer so vor ihnen knickst . « Ein sarkastisches Lächeln huschte über Herrn Lamprechts Gesicht ; gleichwohl sagte er in strengem Ton : » Siehst du , Grete , das ist ' s eben , was die Großmama so oft in Verzweiflung bringt ! Du bist ein unhöfliches , kleines Ding und hast die allerschlechtesten Manieren - man muß sich deiner schämen . Es ist die höchste Zeit , daß du fortkommst ! « Die Kleine schlug ihre feuchtflimmernden Augen sprechend zu ihm auf . » Hat denn meine Mama auch fortgemußt , als sie noch ein kleines Mädchen war ? « fragte sie , das hervorbrechende Weinen mühsam niederkämpfend . Eine dunkle Blutwelle schoß ihm in das Gesicht . » Deine Mama ist immer ein sehr artiges , folgsames Kind gewesen , da war es nicht nötig . « - Er sprach mit so gedämpfter Stimme , als sei außer ihm und dem Kinde noch irgend ein horchendes Wesen im Flursaal , vor welchem sich der laute Ton scheue . » Ich wollte , sie wäre wieder da , die arme Mama ! - Sie hat freilich Holdchen lieber auf den Schoß genommen , als mich , aber da hat es doch nie geheißen , daß ich fort sollte ... Eine Mama ist doch besser als eine Großmama ! Wenn die ins Bad reist , da freut sie sich und sagt kaum Adieu . Sie weiß nicht , wie ein Kind alle lieb hat , alles , Papa , auch unser Haus , ach , und Dambach « - sie hielt inne , als breche ihr kleines Herz schon bei dem Gedanken an eine Trennung . Das Köpfchen nahezu an die Fensterscheibe gedrückt , suchte sie mit flehentlichem Aufblick die Augen des stattlichen Mannes , der die Finger leise auf der Brüstung spielen ließ und sichtlich mit einer inneren Bewegung rang . Er schwieg bei der beredten Klage des Kindes . Sein Blick schweifte lange ziellos über die weite Landschaft draußen , und als er sich endlich senkte , da ging ein jäher Ruck durch die hohe Gestalt , und die Finger hörten auf zu spielen ... Der Papa war erschrocken - über was denn ? Es war weit und breit nichts zu sehen . Die Sonne war längst fort ; auf den Feldern drüben rührte und regte sich nichts ; von den ein- und ausfliegenden Schwalben ließ sich keine mehr blicken ; auch die Möwchentauben , die tagsüber das Dach des Packhauses umflatterten , hatten den Schlag aufgesucht , und auf dem stillen Gange unter den Blätterrundbogen des Pfeifenstrauches stand ja nur Blanka Lenz , wie an jedem Abend , seit sie aus England gekommen war ... Diesmal aber hatte das Kind keine Augen für das schöne weiße Gesicht , das wie Mondlicht sanft aus dem dunklen Blattwerk drüben dämmerte - es sah nur , wie der Papa tief aufseufzte , wie er stöhnend mit beiden Händen nach den Schläfen fuhr und sie preßte , als drohe ihm der Kopf zu zerspringen . Die Kleine schmiegte sich an seine Seite und blickte noch dringlicher zu ihm empor . » Hast du mich noch lieb , Papa ? « » Ja , Grete . « - Er sah sie aber nicht an , er starrte immer auf denselben Punkt . » Gerade so lieb , wie du Reinhold lieb hast ? Ja , Papa ? « » Nun ja doch , Kind ! « » Ach , da bin ich froh ! Da wirst du mich doch auch hier lassen ! - Wer sollte denn auch mit Holdchen spielen ? Wer sollte denn sein Pferdchen sein , wenn ich nicht mehr da bin ? Andere Kinder thun ' s nicht , weil er so schlimm mit der Gerte haut . Gelt , Papa , es war nicht dein Ernst mit dem Fortreisen ? Du hast mir nur gedroht , weil ich so wild wie ein Junge bin ? Aber ich will nun besser werden , ich will auch höflich gegen die kleinen Prinzessinnen sein ! ... Gelt , ich darf dableiben , bei dir und allen ? Papa , hörst du denn nicht ? « Herr Lamprecht zuckte bei der Berührung der kleinen , seinen Arm schüttelnden Hand wie aus einem marternden Traum empor . » Gott im Himmel , Kind , quäle mich nicht auch mit deinen entsetzlichen Fragetönen ! Es ist zum Verrücktwerden ! « fuhr er das zurückschreckende Kind an . Er wühlte mit beiden Händen in seinem Haar , preßte sich wiederholt die Stirn und schritt ein paarmal in wilder Hast auf und ab . Es mochten eben nur die monotonen » Fragetöne « gewesen sein , die ihn in ihrer dringlichen Wiederholung irritiert hatten - den Sinn derselben erfaßte er wohl erst nachträglich , als er ruhiger wurde . » Du machst dir einen ganz falschen Begriff , Gretchen ! « sagte er endlich stehen bleibend in milderem Ton . » Dort , wohin ich dich bringen will , hast du eine Menge lustiger Spielkameraden , lauter kleine Mädchen , die sich untereinander lieb haben wie Schwestern . Ich kenne manches Kind , das bitterlich geweint hat , als es wieder nach Hause geholt wurde ... Uebrigens ist deine Erziehung in einem Institut eine längst beschlossene Sache zwischen mir und der Großmama - es handelte sich nur noch um den Termin , um das Wann der Aufnahme . Ich habe nunmehr den Beschluß gefaßt und dabei bleibt ' s ... Es ist am besten , ich gehe gleich zu Tante Sophie , um das Nötige mit ihr zu besprechen . « Bei den letzten Worten schritt er nach der Flurthüre . » Geh mit , Grete ! Hier oben kannst du nicht bleiben ! « rief er ihr zu , als sie unbeweglich in der Fensterecke stehen blieb . Sie kam langsam mit gesenktem Kopf über den Saal her - er ließ sie an sich vorbei über die Schwelle gehen , dann drehte er den Thürschlüssel um , zog ihn ab und ging die Treppe hinunter . 5 Herr Lamprecht kümmerte sich nicht weiter darum , ob ihm die Kleine auch folge . Er war längst unten , und sie hatte ihn in die Wohnstube eintreten hören , als sie noch oben an der Treppe stand . Die Hände auf das Geländer stützend , glitt sie langsam Stufe um Stufe hinab . Die Thüre der Wohnstube war offen geblieben ; Herrn Lamprechts starke , volltönende Stimme klang heraus , und Margarete hörte beim Herabkommen , wie er zu Tante Sophie von lautem Schreien , Laufen im Korridor des Seitenflügels , von eingebildeten Erscheinungen am hellen Tage und seinem Verweilen im roten Salon sprach ; er blieb dabei , daß das Kind sich die Erscheinung im dunklen Gange eingebildet habe , daß daran die » Fraubasen-Geschichten « der Gesindestube schuld seien , und daß Margarete sofort in ein Institut übersiedeln müsse , um alle diese Eindrücke abzuschütteln und im übrigen auch manierlicher und mädchenhafter zu werden . Leisen Schrittes ging die Kleine an der Thüre vorüber . Sie warf einen scheuen Blick in das Zimmer - der kleine Bruder hatte seinen Turmbau im Stich gelassen und hörte mit offenem Munde zu , und Tante Sophiens liebes , lustiges Gesicht war ganz blaß und fahl ; sie preßte die verschlungenen Hände auf die Brust , aber sie sprach nicht , » weil das ja doch nichts half « , dachte das kleine Mädchen im Vorüberhuschen , denn wenn der Papa einmal mit der Großmama zusammen etwas beschloß , da half kein Bitten und Betteln mehr , die Großmama setzte es durch ... Nur einer hatte noch Gewalt , wenn er dazwischen fuhr und kräftig polterte und wetterte , und das war der Großpapa in Dambach . Der half , das wußte sie ! Er ließ seine Gretel nicht fortschleppen , am allerwenigsten aber in » den großen Vogelbauer , wo sie alle in einem Tone pfeifen mußten « , wie er stets sagte , wenn die Großmama auf ein Mädcheninstitut hinwies ... Ja , er half ! Was wollten sie denn machen , wenn er - wie er immer that , sobald ihm der Widerspruch zu toll wurde - mit den starken Fingerknöcheln auf den Tisch klopfte und mit seiner rauhen Stimme ernsthaft sagte : » Ruhe bitte ich mir aus , Franziska ! Ich will es so , und hier bin ich Herr ! « ? Da ging ja die Großmama stets hinaus , und die Sache war abgemacht . Ja , war man nur erst in Dambach , dann hatte es keine Gefahr mehr ! Sie lief hinaus in den Hof , um die Ziegenböcke aus dem Stalle zu holen ; aber der Hausknecht hatte die Thüre zugeschlossen , und eigentlich gab es doch wohl auch zu viel Lärm , wenn der Wagen rasselte ; dann kam irgendwer und machte ihr das Thor vor der Nase zu , und sie mußte dableiben ... Da hieß es denn , sich tapfer auf seine zwei Füße stellen und hinauslaufen . Im Vorübergehen hatte sie ihren Hut genommen , der noch auf dem Gartentisch lag ; sie knüpfte die Bänder unter dem Kinn und machte sich auf den Weg . Niemand hatte das Kind gesehen , als es durch den Thorweg des Packhauses auf die Straße hinausschlüpfte . Es war keine Menschenseele im Hof ; auch Blanka Lenz hatte den offenen Gang wieder verlassen . Und draußen war es auch menschenleer ; die Leute saßen noch nicht vor den Hausthüren , dazu war der Abend noch nicht weit genug vorgeschritten ; nur ein paar kleine barfüßige Jungen ließen auf dem Kanal , der schmalen , seichten Wasserader , welche die Straße in der Mitte durchschnitt , Papierschiffchen schwimmen . » Die haben ' s gut ! « dachte die Kleine und marschierte über das Brückchen in die benachbarte Gasse ; dann kam man zu einem Durchbruch der Stadtmauer , und von da lief ein Fußweg durch die Felder und eine niedere Anhöhe hinauf nach Dambach . Er machte zwar einen ziemlich weiten Bogen und war einsam ; aber sie kannte ihn und schlug ihn auch jetzt ein - über der belebteren Chaussee wirbelten ja bei jedem Windhauch erstickende Staubwolken , die sie heute Nachmittag beim Hereinfahren wie mit Mehl überpudert hatten ... Ach ja , heute nachmittag , da war noch alles gut gewesen ! Sie hätte aufschreien mögen vor Lust , als die Böcke mit ihr aus dem Dambacher Hofthor gestürmt waren ; der Großpapa hatte gelacht und Hurra hinterdrein geschrieen , und die Dorfkinder , ihre getreuen Spielkameraden , waren ein Stück mitgelaufen , und die Jungen hatten untereinander gesagt : » Sapperlot , die kann ' s aber ! « ... Nun kam sie wieder , um sich beim Großpapa zu verkriechen . Ach , wenn er sie doch ganz und gar draußen behielte ! Sie wäre ja um alles gern in die Dorfschule gegangen ... Dahinaus kam auch die Großmama niemals - sie sagte immer , sie könne den Fabriklärm nicht vertragen , und darauf meinte der Großpapa allemal lachend : und er bliebe draußen , weil er ihren Papagei nicht schreien hören könne . Während dieses Durcheinander in dem aufgeregten Hirn des Kindes kreiste , trabten die kleinen Füße im schleunigsten Tempo vorwärts . Ein langes Stück Weges ging es durch wogende Getreidefelder , und da wurde es dem kleinen Mädchen doch ein wenig beklommen zu Mute - seit sie mit Tante Sophie zum letztenmal hier gegangen , waren die grünen , jetzt schon zu mattem Gelb bleichenden Wände auf beiden Wegseiten so himmelhoch gewachsen . Nur immer eine kurze Strecke der vielfach gewundenen Pfadlinie vor sich , war das winzige Menschenkind gleichsam eingeschachtelt im Kornfelde , und der Käfer , der seine blauglänzenden Flügel ausspannte und leise surrend aufflog , die buntlockige Winde , die sich an den Halmen emporhalf , um droben Umschau zu halten , sie hatten es besser ... Und zu Häupten des Kindes wisperte es ; ein seidiges Rieseln , wie wenn schleifendes Gewand ganz leise daherkäme , machte es bänglich in die Höhe blicken ; aber » Bange machen gilt nicht , und es geht alles in der Welt mit natürlichen Dingen zu ! « sagte Tante Sophie immer , und drum konnte es auch kein mit leisen Sohlen auf der wogenden Halmfläche einherwandelndes Wesen sein - es war nur der Abendwind , der drüber hinging und die nickenden Aehren aneinander rieb . Und nun hörte ja auch die enge Gasse endlich auf ; der Weg ging über Kartoffel- und Rübenäcker , dann über zertretenen Graswuchs die Anhöhe hinauf , die ein Laubwäldchen , das sogenannte Dambacher Hölzchen , krönte ; dahinter lag das Dorf . Wohl war es noch hell genug , daß das Kind die großen Erdbeerbüsche mit ihren weißen Blütensternen und glühroten Früchten zwischen den Stämmen am Waldessaum sehen konnte ; aber diesmal gab es weder Zeit noch Lust zum Pflücken und Naschen ; in atemlosem Lauf war es bergauf gegangen - das kleine Herz hämmerte in der Brust , und der Kopf glühte und war so seltsam schwer , als sei Blei in Stirn und Schläfen ... Nun , in Großpapas Stube war es kühl ; da stand das große Sofa mit den weichen Federkissen , auf welchem er stets sein Nachmittagsschläfchen hielt , und da ruhte auch das Kind immer , wenn es sich müde gelaufen hatte . Nur noch das Stückchen Weg hinter dem Dorfe weg - dann war ja alles gut ! Der weite Fabrikhof lag schweigend und menschenleer da , die Arbeiter hatten längst Feierabend gemacht ; und durch den anstoßenden Garten mit seinen schönen Anlagen und dem schmucken , klaren Teich , in welchem sich der Pavillon spiegelte , ging auch kein anderes Leben , als das leise Rauschen der mächtigen Baumwipfel , unter denen es bereits stark dämmerte . Nicht einmal Friedel , Großpapas Hühnerhund , bellte und kam auf das Kind zugesprungen - die Schwelle , auf welcher er immer faulenzte , war leer , die Thüre war auch zu , ja , sie erwies sich sogar als fest verschlossen , und auf ein mehrmaliges Klingeln rührte und regte sich nichts drinnen . In ratlosem Schrecken stand die Kleine vor dem stillen Hause - der Großpapa war gar nicht da ! Das wäre ihr doch nie und nimmer eingefallen - es war ja so selbstverständlich gewesen , daß er zu Hause sein mußte , wenn sie kam ... Sie umging das Haus von allen Seiten ; hätte eines der Fenster in der niederen Erdgeschoßwohnung offen gestanden , sie wäre , was sie schon oft im Uebermut gethan , hinaufgeklettert und über die Brüstung ins Innere gesprungen , allein vor allen Scheiben lagen die Rollläden - da war nichts zu machen . Das Weinen war ihr nahe , aber noch verschluckte sie tapfer die Thränen . Der Großpapa war wohl nur zum Faktor gegangen , und der wohnte ja gleich da drüben in der Fabrik . Aber im Hofe sagte ihr eine junge Stallmagd , Faktors seien mit der zurückkehrenden » Herrschaftskutsche « nach der Stadt zu einem Polterabend gefahren ; den Herrn Amtsrat aber habe sie schon vor einigen Stunden fortreiten sehen ; es sei heute Kegelkränzchen beim Oberamtmann in Hermsleben - das war ein ziemlich entfernt gelegenes Gut . Lieber Gott im Himmel - was sollte nun solch ein armes , weithergelaufenes Kind anfangen ! - In der ersten Verzweiflung lief die Kleine wieder vor das Hofthor , während die Magd in den Stall zurückkehrte . Aber schon nach wenigen Schritten wurde Halt gemacht - nach Hermsleben konnte man doch unmöglich laufen , das war ja viel , viel zu weit ! Nein , das ging absolut nicht ; da war es besser , auf den Großpapa zu warten - er kam vielleicht bald wieder ! Damit lief das kleine Mädchen nach dem Pavillon zurück und setzte sich geduldig auf die Schwelle der Hausthüre . Das that den müdgelaufenen Beinchen gut , und auch die tiefe Ruhe und Stille ringsum war eine Wohlthat nach dem aufregenden Marsch . Wenn nur das dumme Hämmern in Stirn und Schläfen nicht gewesen wäre ; aber jetzt , wo sie sich in die Thürecke schmiegte , machte es sich doppelt fühlbar ... Und nun gingen auch noch allerhand beängstigende Vorstellungen durch den schmerzenden Kopf . Zu Hause war die Zeit des Abendessens längst vorüber , und sie hatte bei Tische gefehlt . Man suchte ganz gewiß überall nach ihr , und bei dem Gedanken , daß sich Tante Sophie um sie ängstigen könne , that ihr das kleine Herz bitter weh . Aber wenn es nur um Gotteswillen niemand einfiel , sie hier in Dambach zu suchen , ehe der Großpapa zurück war ! Ganz entsetzt fuhr sie empor , und ihre Augen forschten nach einem Versteck , in welchem sie sich nötigenfalls verkriechen konnte . Denn nun , wo sie heimlich davongelaufen war , blieb gar kein Zweifel , daß man sie gleich morgen fortbrachte - dafür sorgte schon die Großmama , diese unerbittliche Großmama , die so ungerecht sein konnte . Wenn Holdchen täppischer Weise hinfiel , dann wurde » das wilde Mädchen « ausgezankt , weinte er aus Eigensinn , so hatte ihn gewiß » das ungezogene Ding ,