durchaus harmlosem Charakter . In einer an vier Ketten hängenden Schoßkelle schlief eine Hundefamilie , während auf dem Rand einer großen Trommel ein ältlicher und etwas fadenscheiniger Rabe saß , in betreff dessen es zweifelhaft blieb , ob er sich bloß zufällig hier eingefunden oder aber den Rang eines wirklichen Mitgliedes der Truppe habe . Phemi war natürlich der letzteren Ansicht und beteuerte wiederholt , daß ein Schützenplatz ohne Wahrsagerei gar nicht möglich und die vorhin gesehene schwarze Frau mit dem Kind an der Brust aller Wahrscheinlichkeit nach die Lenormand dieses Kreises gewesen sei . Sie habe durchaus auch die Requisiten dazu gehabt : einen stechenden Blick und einen falschen Scheitel . Und das dritte sei eben dieser Rabe . Übrigens käme die Wahrsagerei wieder in Mode , was auch gut und erklärlich sei , denn je freier der Mensch werde , desto nötiger werd ihm der Hokuspokus . Graf Pejevics , der gerade vornehm genug war , um ungestraft liberalisieren zu können , wollte demgemäß widersprechen , aber Phemi ging mit Hülfe von Spiritismus und Amerikanismus , zwischen denen sie gleichzeitig auch allerlei natürliche Zusammenhänge finden wollte , sofort zu Beweisen über und zeigte sich dabei so beredt und zeitungsbelesen , daß man den ansteigenden Talweg bereits halb hinauf war , als der Anblick des jetzt in gleicher Höhe mit ihnen fahrenden Hotelwagens ihren Vortrag momentan unterbrach . » Ah , die Gräfin ! « Und sie grüßte mit ihrem Tuch über die tiefe , mit Tannen besetzte Schlucht hinweg . » Phemi ! « sagte Franziska . Phemi nahm aber den Tadel , der sich darin ausdrückte , nicht an und sagte nur lachend : » Ich weiß schon , was ich tu . Frage nur Graf Pejevics . Man muß die vornehmen Leute nicht immer daran erinnern , daß sie vornehm sind . « Und dabei winkte sie ruhig weiter . » Übrigens laß dir sagen , Schatz , daß das alles nur uraltes Sommerfrischen- und Badevorrecht ist . In der Stadt rückt sich ' s leicht wieder zurecht . « Eine Viertelstunde später waren unsere drei Fußgänger glücklich oben , und als gleich darnach auch der Wagen erschien , hatte Phemi bereits einen Platz gefunden , der jeden erdenkbaren Vorzug in sich vereinigte : temperierte Sonne , Schutz vor Wind und Zug und einen wundervollen Blick in die Landschaft . » Wie schön ! « sagte die Gräfin , und Franziska gab ihr ein Mäntelchen um , während Egon ein Kissen aus dem Wagen und Graf Pejevics eine Fußbank herbeiholte . » Hier bleiben wir , nicht wahr , und schonen unsere Kräfte ? Wenn man das Gute hat , muß man das Bessere nicht auf allerlei Gefahr hin haben wollen . Und nun , Egon , mache den Wirt ; oder besser noch , Fräulein Phemi . Zu der hab ich ein Vertrauen und bin ganz sicher , daß sie nicht bloß den artigsten und raschesten Kellner , sondern auch den besten und frischesten Kuchen für uns entdecken wird . « Und nun kamen heitere Stunden oben auf dem Aussichtspunkte , schön und heiter auch für Franziska , die das Berg- und Burgenpanorama noch nicht kannte , darunter Schlösser und Türme , die seit der Türkenzeit in Trümmern lagen . Am meisten interessierte sie die Ruine von Schloß Merkenstein , und Graf Egon , der landeskundig war , erzählte von einer rätselvollen Buchstabeninschrift : » O. H. I. N. N. « , die sich bis diesen Tag an dem stehengebliebenen Portal der Burgruine befinde . Phemi , die sich mitunter auf die Wissenschaftlichkeit hin ausspielte , wollte die Bedeutung davon für ihr Leben gern erraten und ruhte nicht eher , bis ihr Egon die Buchstaben ins Notizbuch geschrieben und schließlich , als alles Raten umsonst geblieben , die Versicherung gegeben hatte , daß nur der Wiener Witz bis dato die Deutung dafür gefunden habe . » Welche ? « fragte das Fräulein neugierig . » Oesterreich Hinkt Immer Noch Nach . « Und nun gab es ein norddeutsch übermütiges Lachen von seiten der beiden jungen Damen , das erst schwieg , als sie halb erschrocken einen spöttisch superioren Zug um den Mund der beiden Grafen spielen sahen . Aber Phemi witzelte rasch die kleine Verstimmung fort , und Graf Pejevics , der erst wenige Tage wieder aus England zurück war , wohin er sich der Rennen halber begeben hatte , wurde jetzt eindringlich gebeten , über seine Reise zu berichten , ganz besonders auch von seiten der alten Gräfin . » Ich bin halb von englischer Extraktion « , sagte diese . » Meine Mutter war eine Howard und meiner Mutter Mutter eine Talbot . « » Eine Talbot ! « wiederholte Phemi mit einem beinahe komisch wirkenden Ernste , dem man es deutlich anhörte , daß die halbe » Jungfrau von Orleans « an ihrem inneren Auge vorüberzog . » Aber trotz dieser nahen und nächsten Beziehungen « , fuhr die Gräfin fort , » war ich nie dort . Ich hab eine Scheu vor der Überfahrt und höre jedesmal zu meinem Troste , daß es keinen schlimmeren Pas geben soll als den Pas de Calais . Indessen , wenn ich auch niemals dort war , ich höre doch gern davon . Alles ist interessant und eigenartig und zeigt uns das Leben von einer neuen Seite . Wie fanden Sie London ? « » Vor allem ohne Londoner und beinahe auch ohne Engländer . Es ist dasselbe wie mit Wien , wie mit allen großen Städten . Sie werden zum Rendezvous für die Provinzen oder die Welt überhaupt . In London ist alles irish und scotch , und wollte man die Deutschen zählen , so fände man wahrscheinlich mehr als in unserem guten Wien . Im übrigen , um auch das noch zu sagen , ich kann mich mit einer Lebensweise nicht befreunden , die den Tag mit Speck und Ei beginnt und ihn mit Cognac abschließt . Kardinal Antonelli soll denn auch ausgerufen haben : Ich mag kein Volk , das vierzig Sekten und eine Sauce hat . Er hätte nach meinen Erfahrungen auch noch hinzusetzen können : Alles sei schwer und massig in diesem Lande , sogar die Träume . Wenigstens sprechen sie selber von plumpudding dreams . « Es fehlte , wie sich denken läßt , nicht an Opposition dagegen , am meisten von seiten Phemis , die nicht müde wurde , vom Großen Freibrief an , über Milton und Shakespeare weg bis zu Scott und Thackeray hin , alles zu loben und zu preisen . Egon und Graf Pejevics amüsierten sich ersichtlich und stimmten mit ein oder widersprachen auch , je nach Laune . So schwanden die Stunden , und erst als die Sonne gesunken und statt ihrer die Mondsichel sichtbar geworden war , erhob man sich , um den Rückweg anzutreten . Auch die Gräfin zog jetzt vor zu gehen und sprach nur den Wunsch aus , daß der am wenigsten abschüssige Weg eingeschlagen würde . Graf Pejevics bot ihr den Arm , und Phemi plauderte nebenher , während Egon mit Franziska folgte . Man ging anfänglich sehr vorsichtig , vorsichtiger noch als nötig ; als man aber die Kuppe passiert und die breiteren Gelände gewonnen hatte , machte sich ' s , daß man nicht nur in aller Bequemlichkeit , sondern auch in einem beflügelten Marschtempo marschieren konnte . Denn das bunte Treiben auf dem Schützenplatz unten hatte mittlerweile begonnen , und die festen Takte von Trommel und Pauke drangen bis hoch an den Abhang hinauf . Um jedes Carrousel her waren Lichter und Lampions , und inmitten eines eingefriedigten Platzes , auf dem trotz der Mondhelle noch viele Pechfackeln brannten , erkannte man nicht nur Pierrot und Harlekin , sondern hörte ganz deutlich auch das Gelächter , das die Kapriolen und Witze beider begleitete . » Wir kommen gerade zu guter Zeit « , wandte sich Egon an seine Begleiterin . » Und ich freue mich darauf . Können Sie sich denken , daß ich ein wirkliches Vergnügen an diesen Dingen habe ? « » Gewiß « , antwortete Franziska , » das dürfen Sie , das ist Ihr gutes Recht . Und wenn ich an Ihrer Stelle wäre , so würd ich es auch haben . Aber unsereins ist doch mehr oder weniger geniert und empfindet leicht eine Verwandtschaft heraus , die schließlich bedenklich ist . « » Sie scherzen « , sagte der Graf , » oder wenn es wirklich Ihr Ernst ist , so möcht ich fast von Empfindelei sprechen dürfen . « » Empfindelei vielleicht . Aber Scherz , nein . Ich nehm es ganz ernsthaft . Auch glaub ich kaum , daß ich damit vereinzelt dastehe . « » Phemi ? « lachte der Graf . » Nein , Phemi nicht . Aber andere , wobei mir eine kleine , dasselbe Gefühl ausdrückende Lenau-Geschichte wieder in Erinnerung kommt , die mir Bauernfeld letzten Winter erzählte . « » Darf ich sie wissen ? « » Gewiß . Ich habe die Namen und näheren Umstände vergessen , aber gleichviel . In irgendeinem Wiener Restaurant , in dem Lenau verkehrte , befand sich eine junge Person , die nicht bloß die Gäste bediente , sondern auch Verse machte . Diese Verse nun wurden bei bestimmter Gelegenheit an Lenau gegeben , der sie las und sofort in eine befangene Stellung zu der neu entdeckten Dichterin geriet . Alles , was sie geschrieben hatte , war unter mittelmäßig , aber sich auch fernerhin von ihr bedienen zu lassen erschien ihm nichtsdestoweniger unmöglich oder doch im höchsten Grade peinlich . Er sah in ihr die Kollegin , die Mitschwester und wußte sich schließlich nicht anders zu helfen , als daß er fortblieb . Es hat das , als mir Bauernfeld davon sprach , einen großen Eindruck auf mich gemacht , und ich würd es einen feinen und liebenswürdigen Zug an Lenau nennen , wenn ich mir nicht selber damit eine Schmeichelei sagte . « » Die Sie sich mit gutem Gewissen sagen dürfen « , antwortete der Graf und nahm einen Augenblick ihre Hand . » Übrigens freut es mich aufrichtig , Sie so lenaubegeistert zu finden . Heute schon zum zweiten Male . « » Wie das ? Zum zweiten Male ? « » Nun , meine Gnädigste , Sie werden doch allen Ernstes nicht glauben wollen , daß ich das schöne Nach-Süden-Lied , wie Sie ' s damals nannten , und seine Schlußstrophe vergessen haben könnte ? « » Welches ? « » Hörbar rauscht die Zeit vorüber an des Mädchens Einsamkeit ... Ich glaube , so hieß es . Es hat mich damals in seiner melancholischen Schönheit eigentümlich ergriffen und war der erste Plauderabend bei der Tante . Nur Feßler war zugegen und draußen Schnee gefallen . Entsinnen Sie sich noch ? « Franziska war betroffen , aber es gelang ihr , ihre Verlegenheit zu verbergen , und in einem immer lebhafter werdenden Gespräche schritten beide die Berglehne hinunter und auf die Budengasse zu . » Sollten wir nicht lieber einen Umweg machen ? « » Oh , nicht doch « , antwortete die Gräfin , an die sich seitens Franziskas diese Frage gerichtet hatte . » Mein Leben verläuft viel zu still und einsam , als daß es mir nicht eine Freude sein sollte , von ungefähr unter Menschen zu kommen . Ich such es nicht auf , aber wenn es sich gibt , so heiß ich es jedesmal willkommen . « Und so mündete man denn wirklich in das bunte Fest- und Jahrmarkttreiben ein . Eine Menge großer Schaubuden war da , Panoramen , an denen sie , dem Menschenzuge folgend , rasch vorübergingen , bis ihnen zuletzt ein kleines Zelt auffiel , über dessen Eingang in Transparent die Worte standen : » Einzige Verkündigung der Wahrheit « , und darunter in kleiner Schrift : » Fünfzig Kreuzer . « » Ah ! « sagte Phemi , » da muß ich hinein . Oft ist mir die Wahrheit umsonst gesagt worden , aber sie war auch darnach . Nichts ist umsonst , nicht einmal die Wahrheit . « Und sie schickte sich wirklich an , in das Zelt einzutreten . Aber Franziska zog sie wie mit Gewalt zurück und sagte : » Du bleibst ! « Eine momentane Verlegenheit trat ein und schwand erst wieder , als man aus der Budengasse heraus war . » Ich war überrascht , Sie so heftig zu sehen « , nahm endlich Egon das Gespräch wieder auf . » So heftig und so bestimmt . « » Und noch dazu gegen Phemi « , setzte Franziska lachend hinzu . » Phemi selbst aber wird mir am ehesten verzeihen . Ich konnte nicht anders und habe nun mal einen tiefen Widerwillen dagegen . Unser ganzes Leben ist eine Kette von Gnaden , aber als der Gnaden größte bedünkt mich doch die , daß wir nicht wissen und nicht wissen sollen , was der nächste Morgen uns bringt . Und weil wir ' s nicht wissen sollen , sollen wir ' s auch nicht wissen wollen . « » Auch nicht einmal im Scherz , im Spiel ? « » Auch nicht einmal im Spiel . Denn es ist ein Spiel mit Dingen , die nicht zum Spielen da sind . Ich muß es wiederholen , ich hasse jede Neugier , die den Schleier von dem uns gnädig Verborgenen wegreißen will ; aber am meisten widerstreitet mir doch die Neugier , die nicht einmal ernsthaft gemeint ist . Es gibt der tückischen Mächte genug , und ihre listig lauernde Feindschaft auch noch durch Spiel und Spott herausfordern zu wollen tut nie gut und ist der Anfang vom Ende . « Der Graf schwieg . Bald darnach aber trennte man sich vor Phemis und Franziskas Veranda , bis wohin die Gräfin in Artigkeit gegen die jungen Damen diese begleitet hatte . Siebentes Kapitel Am andern Morgen saßen beide Freundinnen eine halbe Stunde früher als sonst in der Veranda , deren Leinwandvorhänge nach der einen Seite hin halb zurückgezogen waren , während gegenüber , wo die Vorhänge fehlten , eine Hängematte hing , in der sich Lysinka schaukelte . Sie war in ein Bilderbuch vertieft und überließ deshalb , ohne wie sonst wohl zuzuhorchen , die beiden Damen ihrem Gespräche , das sich selbstverständlich um die Partie vom Tage vorher drehte . Dann aber entstand eine Pause , bis Franziska plötzlich und mit einiger Befangenheit fragte : » Sagtest du nicht , daß die Belmonti geschrieben habe ? « » Ja . « » Und daß sie sich Lysinka zurückerbeten ? « » Ja . « » Und willst du nicht darauf eingehen ? Offen gestanden , ich glaube , daß die Belmonti recht hat und daß du diese Ferien länger ausdehnst , als dem Kinde gut ist . « Phemi lachte herzlich , dann aber sagte sie : » Ja , Fränzl , es hilft dir nichts , du mußt nun schon deutlicher mit der Sprache heraus . Denn du wirst mir doch nicht wirklich und ernsthaft einreden wollen , daß du Lysinkas halber Erziehungssorgen hättest . Ich würde glauben , du wolltest sie los sein , wenn ich nicht umgekehrt wüßte , daß du sie fast so gern hast wie Hannah . Also beichte . « Franziska sah verlegen vor sich hin , und Phemi , der ihre Verlegenheit leid tat , setzte deshalb ohne weiteres hinzu : » Nun , laß nur , ich brauche deine Beichte nicht und will dir sagen , was es ist . Sieh , ich bin lange nicht so gescheit wie du , hab aber bessere Augen und sehe gleich , wie ' s steht und im Herzen aussieht . Auch in deinem . Und deshalb weiß ich , es kommt alles nur daher , weil du wieder Reputationsanfälle hast und einfach fürchtest , die Nichte könnte dich über kurz oder lang in Verlegenheit bringen , die Nichte , die mir wie aus dem Gesicht geschnitten ist und an deren Nichtenschaft deshalb niemand glaubt . Sieh « , fuhr sie fort , » du bist ein so guter Kerl , daß ich dir nichts übelnehme , schon lange nicht . Empfindeleien sind ohnehin nicht meine Spezialität , und so begnüg ich mich denn in dieser dir Sorge machenden Lysinka-Sache mit dem geflügelten Wort : Es ist mein Kind , es bleibt mein Kind , ihr gebt mir nichts dazu , noch dazu klassisches Zitat . Und sogar vom alten Goethe , der immer recht hatte . « » Nicht immer . « » Aber doch in solchen Dingen . Er verstand sich zu gut darauf . Jedenfalls hab ich vor , mich nach diesem Spruche zu richten und Madame Belmonti noch eine Weile warten oder meinetwegen auch sich ängstigen zu lassen . « Franziska schwieg . Endlich sagte sie : » Verzeih , Phemi , daß ich davon sprach . Es war nicht recht . Aber ich dachte , man könne nicht gleichzeitig zwei Dinge wollen , die sich einander ausschließen . Es liegt dir selber an dem Umgange mit drüben und muß auch so sein , denn es ist eine herrliche Frau , diese alte Gräfin , ganz von jener Feinheit , Nachsicht und Milde , die , wie du mit Recht sagtest , immer nur bei den Frommen und Vornehmen zu finden ist . Aber man darf ihr umgekehrt auch nicht zuviel zumuten , und wenn wir wirklich einen auch nur oberflächlichen Verkehr mit ihr unterhalten wollen , so müssen doch Fragen ausgeschlossen sein , die , wenn sie wie zufällig in Gegenwart Graf Egons zur Sprache kämen , unzweifelhaft zu Verlegenheiten und hinterher zu Witzeleien und allerhand Medisance führen würden . « » Du bist ein Kindskopf « , lachte Phemi . » Lehre mich doch die vornehme Welt kennen . Ich stecke länger darin und will dir sagen , wie ' s liegt . Auch die Besten nehmen uns bloß so hin . Sie lassen sich ' s gefallen , daß wir ihnen die Zeit vertreiben , und sind auch wohl dankbar dafür , aber von unserer Tugend und Sitte zu hören ist ihnen nur langweilig . Denn sie glauben nicht daran , und weil sie nicht daran glauben , erscheint ihnen unser Tugendanspruch einfach prätentiös . Wir sollen nicht bloß tatsächlich anders sein wie sie , nein , sie wollen sich dieses Unterschiedes auch bewußt werden . Und so glaube mir denn , es wird ihnen gar nicht schwer , uns zu pardonnieren , aber uns zu respektieren ist ihnen lästig und unbequem . Du hast keine Vorstellung davon , in wie vielerlei Kleider sich der menschliche Hochmut steckt . Und auch die Gräfin drüben , sosehr ich sie verehre , wird schließlich keine Ausnahme machen ... Aber sieh nur , wer ist denn der alte Herr , der sich drüben im Hotel eben über die Balkonbrüstung lehnt und hieher lorgnettiert , als kenn er uns ? Ist das nicht ... ? « Und im selben Augenblick erkannten beide den alten Grafen und erwiderten seinen Gruß . Wirklich , er war es , und ehe sich beide Damen noch in ihren Verwunderungen und Mitteilungen erschöpft hatten , erschien er bereits in Person , um ihnen einen Morgenbesuch zu machen . Er war unbefangen , auch Franziska gegenüber , und lächelte nur , als Phemi genau so , wie sie damals Egon bestürmt hatte , halb in wirklicher und mehr noch in erkünstelter Neugier mit hundert Fragen auf ihn einzudringen begann . Es habe verlautet , wenn auch nur gerüchtweise , daß er den Sommer in Trouville zubringen werde ; statt dessen habe , wie der Augenschein lehre , Wien oder doch Öslau gesiegt , woraus sie den Schluß ziehe , daß das entkaiserte Frankreich auch zugleich ein entzaubertes Frankreich für ihn gewesen sei . Der Graf in seiner Antwort schwankte zwischen Zugeben und Bestreiten und versteckte dabei den eigentlichen und wahren Grund seiner Rückkehr hinter allerlei Scheingründen , in deren übermütiger und etwas grotesker Ausmalung er sich gefiel . Es sei wirklich sein Plan gewesen , während der heißen Monate nach Trouville zu gehen , aber weil die Saison erst Mitte Juli beginne , habe er zu viel Zeit gehabt , sich in seiner Phantasie mit dem Badestrand und seinen Bildern zu beschäftigen , eine Beschäftigung , an der schließlich die ganze Reise gescheitert sei ; was übrigens niemanden in Verwunderung setzen werde , der das Übergewicht der Vorstellung über die Wirklichkeit irgendeinmal an sich selbst erfahren habe . Das fait accompli bedeute gemeinhin nicht viel , aber in der Erwartung der Dinge liege Himmel und Hölle . Das habe sich ihm in den Tagen seiner Phantasiebeschäftigung mit dem Trouviller Badestrand auch wieder recht fühlbar gemacht . Er habe nichts gegen Urzuständlichkeiten , und das letzte , woran er kranke , sei Prüderie , ja das Paradiesische , das Mittelafrikanische , das Mythologische , gleichviel , welcher Ausdruck seitens der Damen bevorzugt werde , werde niemals von ihm beanstandet werden ; aber er hasse die Mischgattungen und müsse statt ihrer auf Einheit und Reinheit des Stiles dringen . Jeder ehrlich gemeinte Versuch , das alte Theatervorhangthema : Neptun und Arion samt dem ganzen Corps de ballet der Weltmeere , zu neuem , wirklichen Leben erblühen zu lassen , dürfe seiner Zustimmung ein für allemal sicher sein , aber verschämte Halbzustände , Zustände , die nicht Fisch und nicht Vogel seien , hätten diese seine Zustimmung mit gleicher Entschiedenheit nicht . Und so dürfe er sich denn allerdings berühmen , ausschließlich unter der Wucht ästhetischer Bedenken einen fluchtartigen Rückzug aus Frankreich angetreten zu haben . Während er so sprach , war Lysinka neugierig aus ihrer Hängematte herausgekrochen und stellte sich ohne jede Spur von Verlegenheit mit an den Tisch , ganz so , wie verwöhnte Kinder zu tun pflegen . Ihr Auge ging dabei beständig umher und sah jeden einzelnen wie fragend und doch auch wieder halb verständnisvoll an . Es war ersichtlich , daß sie dem alten Grafen , der unwillkürlich seine Hand über ihr langes blondes Haar hingleiten ließ , ungemein gefiel ; ehe er aber eine Frage zu tun imstande war , sagte Phemi , die mit Franziskas aufsteigender Verlegenheit ein Mitleid haben mochte : » Das war nun also Trouville , Herr Graf . Und nun Paris , Paris , von dem ich so gerne höre , das mein Ideal und meine Sehnsucht war von Kindheit an und das ich schon um meiner Kunst willen so gern gesehen und befragt und studiert hätte . Ja , wirklich , um meiner Kunst willen . Eine reizende junge Kollegin von mir , natürlich Liebhaberin , phantasierte neulich sogar von der Heiligkeit ihrer Kunst . Es war komischer als Tewele . Doch ich verirre mich von der Hauptsache , von Paris , über das wir , nicht wahr , Fränzl , um so lieber berichten hören , als uns Graf Pejevics gestern erst von London erzählt hat . « » Und wie fand er London ? « » Er klagte , daß alles zu schwer sei , sogar die Träume . « » Je nun « , lachte der Graf , » die sind heuer auch in Frankreich gerade schwer genug . Es sind Rüstungs-und Waffenträume , Vierundzwanzigpfünder mit der Aufschrift Revanche . Ja , die Franzosen sind und bleiben Kinder . Aber so schwer ihre Träume sind , so leicht ist ihr Leben nach wie vor , und ich habe keinen Unterschied entdecken können zwischen sonst und jetzt . Das entkaiserte Frankreich , um Fräulein Phemis Wort zu wiederholen , ist nicht entzaubert . Und warum nicht entzaubert ? Weil es zu den Vorzügen oder meinetwegen auch zu den Schwächen dieses Volkes gehört , im steten Wechsel der Dinge sich selbst immer gleichzubleiben . Ich habe es nun unter einem halben Dutzend widerstreitender Regierungen im wesentlichen ohne jede Veränderung gesehen und möchte mich fast verwetten , daß es auch dasselbe war , als die Trikoteusen um die Guillotine herum saßen und schnupften und plauderten und Strümpfe strickten . Es ist ein Phantasievolk , dem der Schein der Dinge vollständig das Wesen der Dinge bedeutet , ein Vorstellungs- und Schaustellungsvolk , mit einem Wort , ein Theatervolk . « » Wie die Wiener ? « » O nicht doch , meine Gnädigste . Die Wiener sind ein Vergnügungsvolk und gehen ins Theater , um unter Lachen und Weinen sich etwas vormachen zu lassen , aber auch der Passionierteste fühlt sich schließlich auf seinem Parkett- oder Parterreplatz immer noch wie zu Gast . Anders der Franzose . Der ist da zu Hause , füllt die Hälfte seines Daseins mit Fiktionen aus , und wie die Stücke sein Leben bestimmen , so bestimmt das Leben seine Stücke . Jedes ist Fortsetzung und Konsequenz des andern , und als letztes Resultat haben wir dann auch selbstverständlich ein mit Theater gesättigtes Leben und ein mit Leben gesättigtes Theater . Also Realismus ! Auf der Bühne gewiß , aber auch weitergehend in der Kunst überhaupt . Welche Lust , ein französisches Schlachtenbild zu sehen , auf dem die Säbel nicht angeklebt sind , sondern wirklich geschwungen werden . Elan auch da , Leben und Wirklichkeit . Und nun gar erst der Roman ! « » Ah , Sue ; Balzac . « » Überholt . « » Flaubert ? « » Überholt . « » Nun , wer denn ? « » Eine neue Größe . Zola . Emile Zola . « » Was sehr unfranzösisch klingt . « » Und es auch ist . Italiener von Abstammung , wie die meisten berühmten Franzosen . « » Und was will er ? « » Ja , das ist schwer zu sagen , meine Gnädigste , weil er sehr vieles will und dies viele zu gleicher Zeit . Er hat jedenfalls seine Wahlverwandtschaften gelesen und sieht in dem , was wir das Seelische zu nennen gewohnt sind , also zu meinem lebhaften Bedauern auch in der ganzen Machtsphäre der Liebe , nur sehr äußerliche , sehr natürliche Prozesse . Die Blutmischung spielt eine Rolle von Bedeutung und natürlich auch die Nerven . Aber das ist nicht die Hauptsache . Bis jetzt war es , wenn ich mich nicht irre , das Auge , was in dem bekannten und entscheidenden großen Romanmomente den Ausschlag zu gehen hatte ; der neue Romancier mit dem italienischen Namen aber geht weit , weit darüber hinaus und zieht nicht mehr und nicht weniger als die Gesamtheit aller Sinne heran . Gambettistische Levée en masse , wenn Sie wollen . Es hat unleugbar manches für sich , und ich breche nur ab , so gern ich fortführe , weil das Thema zu delikat und voll ganz besonderer Schwierigkeiten ist . Einer seiner Romane heißt beispielsweise Der Bauch von Paris . « » Ah « , sagte Phemi . » Sehr interessant . Das verspricht etwas . Und das Neueste ? « » Das Neueste ? Nun , das las ich in dem Feuilleton einer Zeitung , und der Titel lautete , so mir recht ist : La faute de l ' abbé Mouret . Der Herr Verfasser beschwört darin den Sündenfall , also ein immerhin interessantes Thema , noch einmal herauf und läßt ihn sich in einem modernen Blumenurwald vollziehen , dem er in offenbar gewolltem Anklang an das altehrwürdige Paradies den Namen Paradoux gegeben hat . « » Und wie führt sich Adam ein ? « » Vollkommen dezent . « » Auch vor dem Fall ? « » Auch da , meine Gnädigste . Denn der Adam , um den es sich in dem Romane handelt , ist eben kein wirklicher Adam , sondern in jedem Sinn ein Kostüm-Adam und in Wahrheit niemand anderes als der Abbé Mouret selbst , ein schöner und liebenswürdiger junger Herr , der sich , wie ' s einem Abbé geziemt , mit Händen und Füßen sträubt und wehrt und die Frucht vom Baume der Erkenntnis mit ihrer von Minute zu Minute röter und verführerischer werdenden Backe gern wegbeten möchte . Doch umsonst . Er fällt ! « » Natürlich . « » Natürlich ? « wiederholte Franziska . » Warum natürlich ? Ich verlange , daß Gebete helfen ... Und wie straft sich seine Schuld ? « » Er geht leer aus . « » Comme toujours . Und Eva ? « » Stirbt . Aber selbstverständlich nicht auf dem herkömmlichen Wege , sondern trägt sich höchst eigenhändig ihr Sterbelager aus der Gesamtflora des Paradoux zusammen , schläft ein und chloroformiert sich mit Blumenduft zu Tode . « » Das möcht ich aber doch wirklich lesen . « » Ein Entschluß , in dem ich Sie nur bestärken kann . Und seien Sie versichert , daß jede Seite Sie fesseln wird , aller Einwendungen unserer kritischen Freundin unerachtet . Über das Anfechtbare hilft schließlich die fremde Sprache hinweg . Ich werde mich mühen , Ihnen die Blätter zu verschaffen . Und nun lassen Sie mich meinen ersten , ohnehin über Gebühr ausgedehnten Besuch rasch abbrechen . Auf gute Nachbarschaft , meine Damen . Bis morgen . « Und damit erhob er sich , um seinen Morgenspaziergang in der Richtung auf den Bahnhof hin fortzusetzen . Als er eben die Veranda passiert hatte , lief ihm Lysinka , die draußen Federball spielte , nach , nahm seine Hand und sagte : » Guten Tag . Ich werde dich begleiten . « Franziska war es nicht recht , aber Phemi lachte nur und sagte » Sieh doch , er freut sich , das Kind an der Hand zu haben . Ach , Fränzl , du glaubst gar nicht , wie gleichgültig Legitimitätsfragen sind . Natürlich den Erbschaftspunkt abgerechnet . « Achtes Kapitel In derselben halben Stunde saß die Gräfin drüben vor einem an ihrem Balkonfenster stehenden Schreibtisch , um einen Brief an Feßler zu richten . Aber das entzückende Bild , das sich