, am Forsthause vorbei , zu einem ansehnlichen Marktflecken . Wir führten ein sehr einförmiges Leben . Den Vormittag verbrachten Anka und ich bei unsern Lektionen ; zum Gabelfrühstück fanden sich der Graf und der Doktor ein . Der Speisesaal und der Salon , den wir benützten , lagen im Erdgeschoß , von unsern Gemächern nur durch die der Frauen getrennt . Nach dem Frühstück wurde spazieren gegangen oder gefahren , wir kehrten erst mit einbrechender Dunkelheit nach Hause zurück . Der Mensch ist ein Lufttier , sagte der Doktor und litt uns vor Sonnenuntergang , sogar bei recht schlechtem Wetter , nicht im Zimmer . Das Diner wurde erst am Abend aufgetragen . Von sieben bis acht Uhr spielte der Graf mit seiner Tochter Domino , ich mit dem Doktor eine Partie Schach , oder wir beteiligten uns alle an irgendeinem Gesellschaftsspiel . Dann ging Anka schlafen , und wenn ich meine kühle Nixe zu Bett gebracht hatte , blieben mir einige Stunden für mich . Aufrichtig gestanden , wurden sie mir manchmal lang , und die Augen fielen mir zu über einem Buche , das ich las , oder einem Brief , den ich schrieb . Ich war jung , schlafbedürftig und dennoch des Nachts zu höchst unfreiwilligem Wachen verurteilt . Sie wissen , daß der Graf die Zimmer bezogen hatte , die über den unsern lagen ; je weiter die Nacht vorschritt , desto lauter hörte ich ihn mit langsamen , dröhnenden Tritten in seinem Gemach auf und ab gehen . Mir verriet dieses rastlose Wandeln in der Nacht das Geheimnis der Sehnsucht , die ihn quälte . Ich sah ihn im Geiste vor mir , dem Schmerz ganz hingegeben , den er mit starkmütiger Selbstverleugnung vor uns verbarg ; ich bildete mir ein , ihn aufschluchzen , ich meinte ihn klagen zu hören um die Frau , die er geliebt und verloren hatte . Endlich trat eine Pause ein , ich vernahm eine Zeitlang nichts mehr und gab mich der Hoffnung hin , daß er endlich Ruhe gefunden habe . Nach kurzem jedoch erschallten seine Schritte von neuem über meinem Haupte , weckten mich aus dem Schlummer , in den ich kaum gesunken war , und hielten mich wach bis zum Tagesgrauen . Am Morgen aber , sobald Anka die Augen aufgeschlagen hatte , rief sie nach mir und bat mich , die Laden zu öffnen , und wenn ich nun ans Fenster trat , sah ich schon den Grafen sich aufs Pferd schwingen , oder ich erkannte an dem erschlossenen Hoftor , daß er ausgeritten war auf einem seiner wilden Hengste , die nur er allein zu bändigen verstand . Einige Stunden später erschien er beim Frühstück so ruhig und in so gleichmäßiger Laune , als ob er sich im tiefsten Frieden mit seinem Schicksal befände . Was auch in ihm vorging , wie gequält er war , wir litten nicht unter seiner Trauer , er war gegen seine Umgebung gütig und rücksichtsvoll , wie es sogar die nur äußerst selten sind , die am meisten dazu verpflichtet wären - die Glücklichen . Es verflossen Wochen , Monate , ein neues Jahr war angebrochen , da ereignete es sich eines Tages , daß die Schloßuhr die erste Nachmittagsstunde schlug , Anka vor Hunger bereits weinte - das Kind hatte einen Appetit wie Ludwig XVI. - , vom Gabelfrühstück aber noch immer nicht die Rede war . Sie schellte , sie fragte nach der Ursache dieser Verspätung , und da hieß es , der Graf sei vom Spazierritte noch nicht heimgekehrt , der Doktor aber , der Anka sonst zürnen half , wenn die Mahlzeiten nicht pünktlich aufgetragen wurden , hatte Urlaub genommen , um Verwandte zu besuchen , die im benachbarten Städtchen lebten ; wir erwarteten ihn nicht vor dem nächsten Morgen . Der Tag war eisig kalt , der Schnee zwischen den Steinen und Blöcken zu festen Eismassen zusammengefroren . Blank wie ein Spiegel schimmerte der Teil des Waldweges , den wir vom Fenster aus überblickten . Plötzlich kam mir der Gedanke , es könne ein Unglück geschehen , der Graf mit dem Pferde auf dem Glatteis gestürzt sein , und im selben Moment rief Anka : Da kommt Papa zu Fuß und führt den Fuchs ! Der Graf näherte sich langsam dem Tore , die Zügel des Pferdes in der linken Hand , die rechte im Rock eingeknöpft und - der Atem verging mir vor Schrecken - das Gesicht von Blut überrieselt . Die Diener rannten ihm über den Hof entgegen , Anka begann zu schreien und schoß wie ein Pfeil aus dem Zimmer . Ich folgte ihr . Der Graf war schon ins Treppenhaus getreten , als wir dort anlangten . Er ging hoch aufgerichtet , wischte das Blut vom Gesicht und wehrte ungeduldig , wie ich ihn nie gesehen , die Hilfeleistungen seiner Diener ab . Als er die Stimme Ankas vernahm , wandte er sich und lachte . Sie stürzte auf ihn los und stieß , da er sich beugte , um ihr die Stirn zu küssen , an seinen im Rock eingeknöpften Arm . Der Graf zuckte zusammen , erbleichte bis an die Lippen und preßte mit zorniger Willenskraft einen Ausruf des Schmerzes zurück . Ich trat rasch vor und zog Anka an mich ... ohne besondere Zärtlichkeit scheint mir , vielleicht nicht sehr sanft , jedenfalls in einer Weise , die ihrem Vater mißfiel . Er warf mir einen strafenden Blick zu und sprach in aggressivem Tone , und recht wie jemand , der die Gelegenheit , einen Tadel zu äußern , vom Zaune bricht : Ich hoffe , daß Anka gefrühstückt hat . Noch nicht , erwiderte ich und fügte hinzu , wir hätten auf ihn gewartet . Er rügte das , äußerte sehr trocken den Wunsch , ich möge in Zukunft , ohne Rücksicht auf ihn , die Tagesordnung einhalten , grüßte und stieg mühsam , von seinem alten Haushofmeister gefolgt , die Treppe empor . Kleinlaut wandte ich mich mit Anka zur Rückkehr in unsere Gemächer . Francine , die im Gange stehengeblieben war und alles mit angesehen hatte , begleitete uns . Ja , so ist er ... Oh , Sie kennen ihn noch nicht , flüsterte sie mir zu , er hat sich geärgert , nicht über das verspätete Frühstück , sondern über Ihre Bestürzung und über das Mitleid , mit dem Sie ihn ansahen . Das war aber auch gewaltig ... Sie kicherte und warf mir einen spöttischen Blick zu . Sie hatte so häßliche Augen ! Tiefschwarze , kugelrunde Augen , fast ohne Lider , dafür aber mit dichten , halbkreisförmigen Brauen . Oh , Mitleid verträgt er nicht , der Graf , Sie sollten das wissen ; bemerken Sie nicht , wieviel Mühe er sich gibt , seinen Schmerz um seine Frau zu verbergen ? Wie er sich stellt , als ob er ihren Verlust mannhaft ertrüge , während er des larmes de sang um sie weint . Jetzt darf niemand wissen , wie übel er sich beim Sturz mit dem Pferde , den er ohne Zweifel getan , zugerichtet hat , damit er nur ja nicht bedauert werde . Aber , das können Sie mir glauben , sein Kopf tut ihm nicht wohl in diesem Moment , und der rechte Arm ist verrenkt oder gebrochen . Instinktmäßig , ich wußte damals wirklich nicht , warum ich es tat , suchte ich ihr den Schrecken zu verbergen , in den ihre Worte mich versetzten , und fragte mit anscheinender Ruhe , ob man nicht einen Boten nach dem Doktor schicken sollte . Sie meinte nein , der Doktor komme morgen früh , müsse demnach schon unterwegs sein ; es bliebe nichts übrig , als zu warten . Warten - ja , wenn es nur mit dem Gedanken hätte geschehen können , der Kranke sei bis zum Eintreffen des Arztes leidlich versorgt . Diesem Tröste durften wir uns jedoch nicht hingeben . Der Haushofmeister , den der Graf , gelangweilt durch dessen Klagen , aus seiner Nähe gewiesen , kam am Nachmittag , Francine zu beschwören , sie möge sich der Pflege des Patienten ein wenig annehmen . Der Alte hatte an der Tür gelauscht und behauptete , der Graf sei bewußtlos , der Kammerdiener allein bei ihm , und der sitze in einem Winkel , die Hände im Schoß . Er wage nicht sich zu rühren und dem Fiebernden auch nur ein feuchtes Tuch auf die Stirn zu legen . Anka und ich stimmten in die Bitten des alten Dieners ein , aber Francine blieb unbeweglich und erklärte ein Mal ums andere , sie dränge sich nicht auf ; wenn der Graf ihrer bedürfe , möge er sie rufen lassen . Und sooft wir wiederholten : er sei ja bewußtlos , er könne sie nicht rufen lassen , so oft wiederholte sie , wie eine gedankenlose Maschine , ihren albernen Satz . Endlich riß mir die Geduld . Bleiben Sie denn hier , ich gehe zu ihm ! rief ich und schritt resolut aus dem Zimmer und über die Treppe und pochte an der Tür des Grafen . Der Kammerdiener öffnete mir . Er hieß Raimund , war ein ältlicher , dicker Mensch , der immer schläfrig aussah , und obwohl anfangs erschrocken über mein kühnes Eindringen , dankte er bald dem Himmel und jedem einzelnen Heiligen darin , daß ich da war . Kein Wunder , denn ich wußte bei Kranken Bescheid . Hatte doch mein jüngerer Bruder , dessen Wartung zumeist mir obgelegen , von den dreizehn Jahren seines Lebens neun auf dem Siechbette zugebracht . Überdies , meine Teuerste , bleiben das Kinder- und das Krankenzimmer ewig die Domäne , in der der Frau recht gern die Herrschaft eingeräumt wird . So hatte ich bald Ordnung geschafft , Verbandszeug herbeibringen und einen Kübel mit Eis vor das Bett stellen lassen , an das ich nun trat und dessen Vorhänge ich zurückschlug . Der Graf lag gerade ausgestreckt auf dem Rücken , wachsbleich und regungslos , aber nicht in Ohnmacht , sondern in jenem dumpfen , schweren Schlaf , in den kräftige Leute nach überstandenen körperlichen Schmerzen versinken . Um die Stirnwunde war das Blut geronnen ; sie schien klein und tief , durch den Sturz auf einen spitzen Stein hervorgebracht . Der beschädigte Arm lag hoch angeschwollen auf der Decke , ich schnitt den Ärmel des Hemdes entzwei und begann meinen Krankenpflegerdienst . Raimund ging mir treulich an die Hand , solange er sich des Schlafes erwehren konnte . Als er aber nur noch wie ein Träumender meinen Weisungen nachkam , eine halbe Stunde brauchte , um das erlöschende Feuer im Kamin anzufachen , als er begann , die Umschläge statt auf die Stirn und den Arm des Grafen auf das Kissen und die Decke zu legen , da dankte ich ihm für seine Beihilfe und ließ ihn ungestört schlafen auf einem Bärenfell , auf das er hingesunken war wie ein Klotz . Mein Kranker begann indes zu fiebern und zu phantasieren , sein Atem wurde kürzer ; die Tücher , die ich eiskalt auf seine Stirn gelegt hatte , nahm ich wenige Minuten später dampfend vor Hitze wieder hinweg . So kam die Mitternacht heran . Daß ich müde oder schläfrig werden könnte , fürchtete ich nicht , davor schützten mich meine Aufregung und meine Besorgnis ; doch waren infolge des beständigen Hantierens mit dem Eise meine Finger ganz erstarrt , ich mußte ihnen Zeit gönnen , sich zu erwärmen , und Raimund wecken , um mich von ihm ablösen zu lassen . Im Begriff , auf ihn zuzugehen , wandte ich mich und - fühlte mich plötzlich zurückgehalten . Der Graf hatte meine Hand erfaßt . Sitta ! rief er - der Name seiner Frau - Sitta ! Sitta ! und den Kopf etwas erhoben , blickte er mich mit weitgeöffneten Augen an ... Augen freilich , die nur sahen , was das Fieber ihnen vorspiegelte ; aber ich war doch sehr erschrocken , regte mich nicht mehr , als wenn ich von Stein gewesen wäre , und verwünschte mein albernes Herz , das zu pochen anfing - laut , bildete ich mir ein , so laut , daß man es hören konnte ... Der Kranke lächelte , seine Lippen bewegten sich und flüsterten Worte der Liebe und Zärtlichkeit . Er sank auf das Kissen zurück , die Wange an meine Handfläche geschmiegt , schloß die Augen und schlief ein . Noch einige rasche Atemzüge , dann hob und senkte sich seine Brust gleichmäßig , und er lag in süßem , erquickendem Schlaf . Ich aber stand da und hatte nicht den Mut , meine Hand zurückzuziehen . Ein Wunsch nur beseelte mich und stieg als inbrünstiges Gebet zum Himmel . Herrgott , laß ihn nicht erwachen ! laß ihn jetzt nicht erwachen , barmherziger Gott , sonst muß ich sterben vor Scham ... Meine Knie wankten , ich war erschöpft und mußte mich endlich , um nicht umzusinken , auf den Rand des Bettes setzen und dachte immer nur an das eine : Laß ihn nicht erwachen ! Damals lernte ich eine von jenen Stunden kennen , in denen jede Sekunde zur Ewigkeit wird . Das sind die Stunden , die uns alt machen ; die Leute , die solche nicht erlebt haben , bleiben jung bis zum Tode . Endlich gelang mir doch , was ich wohl hundertmal vergeblich versucht hatte : meine Hand zu befreien , ohne den Grafen zu wecken . Wie erlöst atmete ich auf , trat ans Fenster , und da fuhr auch schon der Wagen , der den Doktor brachte , in den Hof . Ich lief dem sehnlich Erwarteten entgegen , erzählte ihm in kurzen Worten , was sich ereignet hatte , und begab mich auf mein Zimmer , als ich den Arzt bei dem Kranken wußte . Die Spöttereien , mit denen Francine mich im Laufe des Tages neckte , ließen mich gleichgültig . Ich war von Natur aus gegen dergleichen kleinliches Zeug gefeit , besonders war ich es jedoch in jenen Augenblicken . Mir war ein heißes Gebet erfüllt worden , und nachmittags kam der Doktor zu uns und sagte : Der Arm ist eingerichtet , und Ihnen verdankt es der Graf , daß es ohne übermäßigen Schmerz geschehen konnte . 7 Der Graf erholte sich nicht ganz so rasch , als der Arzt erwartet hatte . Erst nach drei Wochen erschien er wieder bei Tisch , einen Verband um die Stirn , den Arm , der an zwei Stellen gebrochen war , in der Schiene . Seine Unbehilflichkeit machte ihn ärgerlich , und die Ruhe , die ihm seiner Kopfwunde wegen vorgeschrieben war , verursachte ihm Langeweile . Bis zur Speisestunde hielt er es in seinen Zimmern aus , nach dem Essen blieb er nun im Salon , auch nach beendeter Spielpartie mit Anka , und wir erlaubten uns , das Kind eine Stunde länger als sonst aufbleiben zu lassen , ohne daß dieser Frevel an der unverbrüchlichen Tagesordnung von ihm gerügt worden wäre . Erzähle mir etwas , sagte er eines Abends zu der Kleinen , und sie erwiderte , zu erzählen wisse sie nichts , aber vorlesen wolle sie ihm . Er staunte , er wollte es nicht glauben , daß sie schon lesen könne - sie ging damals ins achte Jahr - , und als sie begann , geriet er in stilles Entzücken ; aus seinen tiefliegenden Augen brachen Blitze der Bewunderung , während sie auf dem klugen und kalten Gesicht des lesenden Kindes ruhten . Das war für den Grafen ! Jetzt etwas für mich ! rief der Doktor , als Anka mit ihrem Märchen zu Ende gekommen . Er trug einige Bücher herbei , unter denen die Herren - ziemlich aufs Geratewohl - den Cid von Herder wählten . Der Zögling wurde schlafen geschickt , und die Erzieherin begann vorzulesen . Ein dankbares Publikum wie früher war der Graf jetzt nicht , aber er hörte mir doch zu , und von nun an verstanden die Leseabende sich von selbst , Anka las regelmäßig eine halbe Stunde , ich regelmäßig eine ganze Stunde , und die Befriedigung hatte ich , meinen guten Grafen nach einem Weilchen mannhaft mit dem ersten Gähnen kämpfen zu sehen . Seine Züge nahmen einen friedlichen , etwas müden Ausdruck an , und wenn ich beim Glockenschlag der zehnten Stunde das Buch schloß , dankte er mir , versicherte , es sei sehr interessant gewesen , und wünschte mir gute Nacht . Und ich hatte sie , denn um mich und in mir herrschte Ruhe . Einmal , nachdem Anka uns verlassen hatte , brach der Graf in Lobpreisungen seiner Tochter aus . Er fand , daß sie erstaunliche Fortschritte im Lernen gemacht hätte , ihr Verstand entwickle sich von Tag zu Tag mehr , das Herz sei von jeher vortrefflich gewesen . Sie ist ein gutes , liebevolles Kind , schloß er mit einer Innigkeit in seinem Tone , einer beglückenden Überzeugung , die mir weh taten . Ich schwieg , der Doktor warf mir einen vielsagenden Blick zu . Die Worte des Grafen waren Wasser auf seine Mühle , sie bestätigten eine Behauptung , die er gern wiederholte : Eltern haben nie ein richtiges Urteil über ihre Kinder . Er hätte seinen Satz gewiß aufgestellt und dem Grafen ins Gesicht verteidigt , wenn ihm in diesem Augenblick überhaupt an etwas anderm gelegen gewesen wäre als an der Fortsetzung unsrer Lektüre . Er brannte zu heiß darauf , zu erfahren , ob der Cid , matt von Jahren , matt von Kriegen , im Kampf mit Bucar erlegen und ob das gute Pferd Babieka wirklich ohne den Helden vom Schlachtfeld zurückgekehrt war , um nicht alles zu vermeiden , was die Befriedigung seiner Neugier hätte verzögern können . So begnügte er sich damit , ausweichend zu sagen : Gut ? gut ? alle Kinder sind gut , und alle Kinder sind böse , wie man ' s nimmt ... Lesen Sie , Fräulein , lesen Sie , verlieren wir keine Zeit . Mir gaben die Worte des Grafen viel zu denken . Für so verblendet hatte ich ihn doch nicht gehalten , daß er gerade das Gegenteil dessen , was seine Tochter war , in ihr sah : ein gutes , liebevolles Kind . Es schnürte mir das Herz zusammen , wenn ich mir vorstellte , wie herb die Enttäuschung sein werde , die er früher oder später an dem Wesen erleiden müsse , das ihm über alles in der Welt teuer war . Du lieber Gott , was machte den ganzen Reichtum dieses Mannes aus ? Was hielt ihn aufrecht und spendete ihm Trost in dem großen Unglück , das er erfahren hatte ? Wahn und wieder Wahn ! Der Glaube an die Liebe und Treue seines Weibes verklärte ihm seine Erinnerungen , der Glaube an die Güte seines Kindes schimmerte wie ein mildes Licht über seinem Leben . Ein tiefes Erbarmen erfüllte mich und zugleich eine Verehrung ohne Grenzen . Dieser Mann hatte gewiß nicht viel über sich nachgedacht , die edlen Eigenschaften , die ihn erfüllten , kamen ihm nur in andern zum Bewußtsein ... Oh , Freundin ! die Welt verlacht die Betrogenen - ich liege vor ihnen auf den Knien ... Ich konnte meinen Grafen nicht ansehen , konnte nicht an ihn denken , ohne mir zu sagen : Du braves Herz ! Aus deiner Ehrlichkeit entspringt dein Glaube , aus deiner eigenen , lauteren Seele dein Vertrauen , dein günstiges Vorurteil ... Du armer Mann , wie reich bist du ! Ich bedauerte und bewunderte ihn und meinte nun doch zu können , was mir bisher unmöglich geschienen hatte : sein Kind zu lieben und es lieben zu lehren . Er sollte nicht nur eingebildete Güter besitzen , das eine unter ihnen , das meiner Obhut anvertraut war , mußte durch mich ein wirklich wertvolles werden , und ich wollte mir sagen können , wenn ich es einst in seine Hand zurückgäbe : Jetzt gleicht dein Kind dem Bilde , das du dir von ihm gemacht hast . Damals habe ich meinen ersten großen Kampf gekämpft mit einem kleinen Mädchen . Ach Gott , mir erging es schlimmer als Moses in der Wüste Zin . Zweimal pochte der an einen Felsen - wie oft ich es getan , ist nicht zu zählen , und wie vergeblich , nicht auszudrücken . Ich hatte mich dahin gebracht , Anka gegenüber eine eherne Stirn anzunehmen , und sie stellte ihre Feindseligkeiten ein , als sie zu bemerken glaubte , daß sie mir keinen Eindruck machten . Jetzt , ganz beseelt von meinen neuen Vorsätzen , begann ich freundlicher mit ihr zu werden , und augenblicklich , so rasch wie ein Messer einschnappt , der Hahn eines Gewehrs knackt , sprang sie aus ihrer Gleichgültigkeit in ein herausforderndes , verletzendes Wesen über . Ich weiß recht gut , Sie wollen sich bei mir einschmeicheln , warf sie mir einmal hin , aber es nützt Ihnen nichts . Je nachsichtiger ich sie behandelte , desto gereizter schien sie . Ich sah wohl , daß Francine sich ' s angelegen sein ließ , sie wider mich zu hetzen , konnte aber nicht erraten , durch welches Mittel . Ebenso rätselhaft war mir manches im Benehmen der Dienerschaft . Jeder einzelne zeigte sich kriechend und unterwürfig , wenn er mir allein begegnete , steif und verlegen in Gegenwart seiner Genossen . Es schien jedem um meine Gunst zu tun und jedem auch darum , es nicht einzugestehen . Nur der Doktor blieb immer derselbe . Er war weder ein Mann von vielen Worten noch von feiner Erziehung . Ich bitte oder ich danke hat er selten gesagt . Seine ärztlichen Ratschläge erteilte er kurz und verachtete jene , die sie nicht befolgten . Armen und Dienern gegenüber besaß er nicht die nötige Duldsamkeit , war immer gleich bereit , die Hand von ihnen abzuziehen , wenn sie sich einen Zweifel an der Wirksamkeit seiner Mittel und der Weisheit seiner Anordnungen erlaubten . Blinden Glauben und Gehorsam jedoch belohnte er durch unermüdliche , aufopfernde Fürsorge , und seine Patienten fuhren wohl dabei . Mir ist er von dem Tage , an welchem ich das Haus betrat , bis zu dem , an welchem ich es verließ , ein treuer Freund gewesen , und er zeigte sich auch damals mir gegenüber unverändert . Wir lebten allerdings samt und sonders in schrecklicher Spannung , und nur spärlich drangen Nachrichten in unsern vergessenen Erdenwinkel . Aufs höchste verstimmt war der Graf . Er litt noch heftige Schmerzen , die zu verbeißen ihm nicht immer gelang , und grollte darüber mit sich selbst . Krank sein erschien ihm wie eine Art Schande für einen Mann . Und nun gar jetzt in diesen Tagen , in denen er sich am liebsten aufs Pferd geworfen hätte , um dem Erzherzog nachzureiten , der an der Spitze der Hauptarmee über Böhmen zog , gegen Regensburg . Wie begreiflich war diese Sehnsucht , wie gut konnte ich sie verstehen ! Er hatte als Jüngling unter Erzherzog Karl gedient , den Feldzug vom Jahre neunundneunzig mitgemacht ; an Stocksach , Zürich , Mannheim knüpften sich seine glorreichen Erinnerungen , er betete den Helden an , dem er sie verdankte . Wir erfuhren oder errieten vielmehr aus einzelnen seiner Äußerungen , daß es schon im Spätherbst beschlossene Sache bei ihm gewesen war , an dem neuen Feldzuge teilzunehmen , und daß er alle vorbereitenden Schritte zu seinem Wiedereintritt ins Heer durch Stephan hatte machen lassen . Nun schrieb dieser : Komm ! und gab den Ort an , nach dem die Kriegsequipage zu senden sei , und der Graf saß da in seinem einsamen Schloß , unfähig , einen Säbelgriff zu halten , ein Pferd zu besteigen , und führte statt des ersehnten Kampfes gegen tapfere Feinde einen erniedrigenden und nutzlosen Kampf mit elenden Gebresten . Von Zeit zu Zeit fuhr der Doktor nach dem Städtchen , um dort Neuigkeiten einzusammeln . Dies war denn einmal wieder geschehen ; Anka und ich befanden uns allein bei dem Grafen . Er hielt die Kleine auf seinem Schoß ; sie plauderten von der schönen Sommerzeit , von dem Schlosse , das wir früher bewohnt hatten , von dem Garten und seinen Wundern . Endlich kam die Rede auf die Einsiedelei . Ach , wie gut hatte sich Anka in der Einsiedelei unterhalten ... aber welchen Schrecken hatte sie einmal dort ausgestanden ! Wenn der Papa das wüßte , und - ich sage Ihnen , das Blut erstarrte in meinen Adern ... Soll ich ' s erzählen , Fräulein ? wandte sie sich plötzlich zu mir . Der Graf sah meine Bestürzung , sie schien ihn zu ergötzen ; lachend munterte der Unglückliche sein Kind zum Schwatzen auf . Anka ließ sich nicht bitten , berichtete alles genau - wie Stephan uns im Walde gesucht und wir ihm ausgewichen . Da kommt er in die Einsiedelei , sprach sie lebhaft , ich seh ihn von weitem und lauf davon ; dann seh ich auch Mama , die im Garten spazierengeht und rufe : Komm uns zu Hilfe , Stephan ist da ! - und da wird Mama ganz weiß - ich fürchte mich , verstecke mich und rühr mich nicht ... Mama versteckt sich auch vor Stephan und dem Fräulein . Will sie überraschen , verstehst du ? Stephan ist zornig und schreit - nun ja , es ärgert ihn , daß wir nicht mehr mit ihm sprechen wollen . Er wird immer zorniger . Da tritt Mama aus dem Hause und schaut ihn an - das Kind erzitterte bei dieser Erinnerung und wiederholte flüsternd : Schaut ihn an - - und ich , ganz erschrocken , rühr mich wieder nicht , und dem Stephan ist himmelangst geworden ! Umgedreht hat er sich , weg vom Fräulein , und ist der Mama gefolgt , wie dir die Lady folgt , wenn du sie geprügelt hast . Der Graf hob die Kleine von seinem Schoß und sprang auf . Ein dumpfer Laut der Qual entstieg seiner Brust . Hatte das Kind an eine verborgene Wunde gerührt ? leise glimmende Zweifel entfacht ? ... Ich wagte nicht , in sein Gesicht zu sehen , dachte nur : Jetzt gilt ' s ! und sprach so munter und so ruhig , als ich vermochte : Ich werde der Frau Gräfin ewig danken , daß sie mich durch ihre Dazwischenkunft aus einer peinlichen Verlegenheit gerettet hat . Graf Stephan scherzte nur , aber sehr keck . Das Erscheinen der Frau Gräfin war für mich eine wahre Wohltat ... Ich schwieg , ich hörte ihn tief aufatmen , und jetzt erhob ich die Augen zu ihm ... Nie bin ich imstande , Ihnen den Ausdruck seines Gesichtes zu beschreiben , die Befürchtung , die Hoffnung , die Freudigkeit , den Schmerz , die sich abwechselnd in seinen Zügen aussprachen . Seine Augen hingen an meinen Lippen , als spendeten meine Worte ihm das Leben . Nachdem ich geendet hatte , gelang es ihm , mit ziemlicher Gelassenheit zu sagen : Stephans Scherze waren vielleicht sehr ernst gemeint . Übrigens habe ich Sie , Fräulein , stets für entschlossen gehalten und für vollkommen fähig , Zudringlichkeit ohne fremden Beistand in Schranken zu halten . Dennoch habe ich den der Frau Gräfin gesegnet ... Er richtete sich empor . Genug ! unterbrach er mich und setzte leise , aber mit einer Gebärde unwiderruflicher Entschlossenheit hinzu : Ich will es glauben . Er faßte Anka in seine Arme , sie umklammerte seinen Hals und schmiegte ihr Gesichtchen an seine Wange ; so nahm er mit ihr seinen früheren Platz wieder ein , verweilte lange unbeweglich und stumm in Gedanken versunken und fragte endlich zerstreut : Was lesen wir heute ? Nichts mehr , meinte ich , da es sehr spät geworden sei . So geht denn , gute Nacht ! gute Nacht ! und plötzlich reichte er mir die Hand , hielt die meine fest in der seinen und sprach dabei kein Wort ; aber welchen innigen , warmen Dank sagte mir der Händedruck ! Anka und ich traten aus dem Salon , und in dem Augenblick , in dem ich die Tür aufstieß , huschte Francine von ihr hinweg . Sie hatte wieder gelauscht . Schämen Sie sich nicht ? fragte ich empört . Aber sie lachte : Nein , sie schämte sich nicht im geringsten . Wie echauffiert Sie sind ! sagte sie , und das Kind hat wohl schon geschlafen ? Es lag ein so frecher Verdacht in ihrem Blick , ihr Mund verzog sich so höhnisch , daß ich alle Herrschaft über mich verlor und ihr , die uns inzwischen auf unser Zimmer gefolgt war , befahl , sich augenblicklich zu entfernen . Da warf sie sich mit einem Ausbruch leidenschaftlicher Klagen Anka zu Füßen und kroch mit zigeunerhafter Geschmeidigkeit vor ihr auf dem Boden . Mein Herzchen hört , wie man die arme Francine behandelt - mein Herzchen sieht es ! Nun , ich gehe schon ! Sie drückte ihr Tuch vors Gesicht und eilte hinweg . Das Kind jedoch trat vor mich hin wie eine kleine wütende Megäre und sagte : Warten Sie nur , Großmama weiß alles , Francine schreibt alles der Großmama ! Was wollen Sie damit sagen ? fragte ich , was bedeutet Ihre Drohung ? Großmama darf alles wissen , was hier vorgeht , und Francine mag es ihr nur schreiben . Die Kleine blickte betroffen zu mir empor und begann mich anzuflehen , niemand etwas von dem zu verraten , was sie mir eben gesagt , niemand - am wenigsten Francine . Ich suchte sie zu beruhigen . Sie forderte ungestüm ein förmliches Versprechen , und nachdem ich es gegeben , küßte sie mich ein paarmal ,