still ihr Leben fort ; Lotti war von ihrer ersten und einzigen Liebe so vollkommen geheilt , daß sie die Nachricht von Halwigs Verheiratung , die Gottfried eines Tages brachte , mit unbefangener Heiterkeit aufnahm . Vor drei Jahren hatte sich ' s ereignet , und Lotti besann sich heute noch des verstörten Gesichts , mit dem Gottfried damals bei ihr erschienen war , der Verlegenheit , der unnötigen Schonung , mit denen er , nach langem Hin- und Herreden seine Neuigkeit plötzlich hervorgestoßen und dabei so beschämt und elend ausgesehen , als ob er eben eine schändliche Handlung begangen hätte . » Ich muß es dir sagen « , entschuldigte er sich , » du hättest es vielleicht auf eine unangenehme Art erfahren können ... unvorbereitet vielleicht ... « Lotti sah ihn freundlich an und sagte : » Nun - was hätte das gemacht ? « » Wenn du ihnen aber begegnet wärest wie ich - ganz unerwartet - beim Biegen um eine Ecke ... Arm in Arm . « » So hätte es mich gefreut « , sagte Lotti . » Hätte es ? ... « Sein Gesicht hatte sich verklärt , er geriet in Begeisterung , und jetzt kam es heraus , daß er schon seit einigen Tagen von der Verheiratung Halwigs unterrichtet war , daß er auch gehört hatte , die junge Frau sei arm , vornehm und schön . » Das Letztere kann ich bezeugen « , sprach Gottfried mit gedämpfter Stimme , als ob er ein Geheimnis anzuvertrauen hätte , » du und ich , wir haben nie etwas Schöneres gesehen . Sie ist groß - um ein Haar vielleicht größer als du , und so zart , so ätherisch , als wäre sie aus Mondesstrahlen gewoben ... aber nein , das Bild paßt nicht ; die Strahlen des Mondes sind kalt , und sie sieht aus wie das junge , rosige Leben ... Ein Kind , sag ich dir , und hat doch schon etwas in den Augen ... Ich war eilig und ging in Gedanken so hin , wäre beinahe an sie angerannt ... Er rief : Holla ! und sie blickte mich mit diesen prächtigen , sonderbaren Augen unaussprechlich verwundert an , als ob sie sagen würde : Geben Sie doch acht ! Ich bin es ja ! ... so , daß ich außerordentlich erschrocken stehenblieb und den Hut rückte . Da bemerkte ich erst , daß er den seinen abgenommen hatte . Gesprochen wurde nichts , wir haben beide nur getrachtet , so bald als möglich fortzukommen . « Gottfried nahm seinen gewohnten Platz in der Fensterecke , dem Arbeitstisch Lottis gegenüber , ein , und sie begann von anderen Dingen zu sprechen . Sie erzählte mit einer Art Entrüstung , daß der Uhrenliebhaber , der einst für ihre Sammlung jenes hohe Angebot gemacht , das Feßler bereute von der Hand gewiesen zu haben , sich wieder melde . Von Amerika aus , wo er lebte - er war ein Deutscher , der dort Glück gemacht - , erneuerte er seinen Antrag in einem Briefe , den sein Agent Lotti überbrachte . Sie sann jetzt über ihre Antwort nach , konnte nicht Worte finden , scharf und bestimmt genug , um ihren unerschütterlichen Vorsatz , sich nie von ihrer Sammlung zu trennen , auszudrücken . Sie hatte Lust , dem » Amerikaner « mitzuteilen , was bisher niemand außer Gottfried wußte , daß der Hausschatz nämlich im Testamente Lottis dem Museum ihrer Vaterstadt vererbt sei , wo er unter dem Namen » Feßlersche Sammlung « auf die Nachwelt übergehen sollte zum Nutzen und zur Freude künftiger Generationen . Gottfried gab ihr , etwas zerstreut , in allem recht , sprang aber plötzlich von dem Gegenstand ihres Gespräches ab und sagte : » Findest du es nicht verwegen von ihm , ja sehr verwegen , in seinen doch schon reifen Jahren ein Mädchen zu heiraten , wie gesagt , fast noch ein Kind und so wunderschön ? « » Von - ihm ? ... du sprichst von Halwig - « erwiderte sie mit einem verweisenden Blick . - Die sanfte Lotti war gegen Gottfried ausnahmsweise immer ein wenig streng . » Das muß man wissen ... Reife Jahre ? Ach was ! Künstler bleiben immer jung , nur wir altern , wir Arbeitsleute . « So hatte sie vor drei Jahren die Kunde von Hermanns Verheiratung aufgenommen und seitdem nichts mehr von ihm gehört . Und jetzt , nachdem sie alles verschmerzt , vieles vergessen , kam ein Bote aus der langentschwundenen Zeit und weckte sie aus ihrer tiefen Ruhe . Sie staunte selbst über die Gewalt des Eindrucks , den sie plötzlich empfangen hatte , über die Pein , welche er verursachte . Doch versuchte sie nicht , sich ihr zu entziehen , dazu kannte sie sich zu gut . Ihre Leiden wollten völlig durchlebt sein , bevor sie sterben konnten . Da half kein Wegschieben , keine Überredungskunst , sie forderten ihr ganzes Recht und wichen erst , nachdem es ihnen geworden . Sie nahm ihre Arbeit vor . Gleichförmig wie immer spann ihr Tagewerk sich ab . Nachmittags besuchte sie Gottfried in seinem Gewölbe . Allein , was sie auch tat und sprach , unablässig summten ihr die Worte : » Aus Leichtsinn oder Not « im Ohr , und der Gedanke an Halwig verließ sie nicht eine Sekunde . Sie durchwachte eine böse Nacht . Am nächsten Morgen kam Gottfried und mahnte sie noch einmal , die bei ihr bestellten Arbeiten dem früheren Meister heute selbst zu überbringen . Sie versprach es , lehnte aber Gottfrieds Antrag , sie zu begleiten , auffallend hastig ab . » Wie du willst « , sagte er und verabschiedete sich ohne eine Spur von Empfindlichkeit . Sie blickte ihm eine Weile nach . » Der beste Mensch ! « murmelte sie leise vor sich hin und begann ganz gegen ihre Gewohnheit müßig , mit gekreuzten Händen , im Zimmer auf und ab zu gehen . Ihre alte Dienerin trat ein und verwunderte sich über die Maßen , ihre Herrin unbeschäftigt zu finden . Aber sie freute sich noch mehr als sie sich verwunderte . Der Himmel selbst , meinte sie , beschere ihr eine Gelegenheit , sich so recht nach Herzenslust über die interessanten Neuigkeiten auszulassen , die sie vom Markte mitgebracht . Leider fand sie nur geringe Teilnahme und wurde plötzlich durch die Worte unterbrochen : » Agnes - ich gehe jetzt aus . « Das war freilich leichter gesagt als getan . Ausgehen ? Jetzt ? - die Alte entsetzte sich über » diese Idee « . Vor dem Essen war das Fräulein nie ausgegangen , warum denn heut ! Die Frage und die seltsam forschende Miene , mit der sie gestellt wurde , machten Lotti erröten ; sie wandte das Gesicht verlegen ab und sagte : » Warum ? - ja - - ich könnte eigentlich auch später - wenn du dich beeilen wolltest ... « Agnes entfernte sich , erschien jedoch bald wieder . Sie überbrachte die Visitenkarte eines fremden Herrn , der das Fräulein dringend zu sprechen wünschte . Der Agent des » Amerikaners « kam einmal wieder , die Anerbietungen seines Chefs in bezug auf die Uhrensammlung zu erneuern . Er wurde selbstverständlich abgewiesen . Allein statt sich damit zu bescheiden und sich - zufrieden oder nicht - zu empfehlen , nahm er auf das breiteste Platz in dem Fauteuil und ließ alle fünf Minuten einige wegwerfende Worte über alte Uhren fallen . Nach einer tödlich langen Stunde erhob er sich endlich mit der Versicherung , er wolle vor seiner Abreise noch einmal vorsprechen . Lotti erlaubte sich zu bemerken , das sei ganz überflüssig , worauf er verbindlich erwiderte , er danke und werde sich gewiß einfinden . Dieser Besuch schien Lotti den Appetit verdorben zu haben , denn sie ließ ihr Mittagsmahl , das von Agnes endlich aufgetragen wurde , unberührt . Sie kleidete sich rasch und hastig zum Ausgehen an und blieb dann zögernd an der Tür stehen ... sie eilte die Treppe hinab und schritt langsam durch die Straßen ... immer langsamer , je näher sie ihrem Ziele kam . Sie wollte sich Gewißheit über die Umstände verschaffen , unter denen ihr einstiges Geschenk verkauft worden war . Sie wollte es . Und doch erhoben sich Einwendungen in ihr gegen den unwiderruflichen Entschluß . - Was soll die Gewißheit , nach der du strebst , dir bringen ? fragte sie . - Was hast du zu erwarten ? Du wirst von einem Leichtsinn hören , den du nicht heilen kannst , oder von einer Not , der abzuhelfen du nicht vermagst . Laß ab ! Was quälst du dich ? ... Zu wessen Frommen ? Du bist längst vergessen - vergiß auch du ! Lotti horchte den leisen abratenden Stimmen und - mit Bewußtsein handelte sie ihnen entgegen . Jetzt stand sie an der Tür des Uhrmacherladens , jetzt drückte sie die Klinke . Der Laden war leer , aber aus dem anstoßenden offenen , mit Gaslicht hell erleuchteten Raume schallte ihr ein lauter Wortwechsel entgegen . » Ich weiß ja , daß ich eine Gefälligkeit von Ihnen verlange ! « rief eine Stimme , deren Ton Lotti seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört hatte und die sie dennoch augenblicklich erkannte . » Ich aber bin nicht in der Lage , Gefälligkeiten zu erweisen . - Entschuldigen Sie , da ist jemand ... « sagte der Uhrmacher , der den Eingang zum Gewölbe nicht aus dem Auge gelassen hatte : » Ah - Fräulein ! eben recht ... « Er eilte auf Lotti zu , indem er fortfuhr zu sprechen : » Vierundzwanzig Stunden bin ich im Wort gestanden ; jetzt sind drei Tage vorüber ; und mit dem besten Willen - wenn ich noch so gern möchte - ich könnte die Uhr nicht beschaffen , denn sie ist - « er warf Lotti einen Blick des Einverständnisses zu , » bereits in anderen Händen . Diese Dame kann es bestätigen . « Derjenige , dem diese Rede galt , hatte sie mit Äußerungen des Unglaubens begleitet . Als Lottis Zeugnis angerufen wurde , richtete er plötzlich die Augen auf sie , verstummte und starrte sie so vernichtet , so völlig überwunden und ratlos an wie ein Kind , das auf einer schlimmen Tat ertappt wird . » Mein Gott - Sie ? ... « stammelte er , » was werden Sie von mir denken ? « Lotti hatte sich rascher gefaßt als er ; sie erwiderte : » Nichts anderes , als daß es schön von Ihnen ist , sich so herzlich nach Ihrer alten Uhr zurückzusehnen . « Beide schwiegen und sahen einander an . Sie ihn mit leiser , etwas peinlicher Überraschung : er sie halb wehmütig , halb freudig . Seine Verlegenheit war wie durch Zauber verschwunden , und ihm wurde leicht und wohl ums Herz . Ihm schien es , als träte ihm die Erinnerung an die beste Zeit seines Lebens verkörpert entgegen ... nicht die glänzendste , oh , bei weitem nicht ! Aber die beste gewiß . » Fräulein Lotti - Fräulein Lotti « , wiederholte er mehrmals , ohne den Blick von ihr zu verwenden . Er fand in ihrem Gesicht den Ausdruck , den er einst geliebt hatte , wieder . Hübsch war sie nie gewesen , doch konnte sie schön sein , wenn ihre Seele sich in ihren Zügen spiegelte , wenn der Abglanz ihrer reinen Gedanken auf ihrer Stirn sichtbar wurde , wenn eine Gemütsbewegung ihre Wangen rötete - so wie jetzt ... Was lag daran , ob leichte Falten diese Stirn furchten , ob diese Wangen schmaler geworden ? Die Augen blickten so gütig , wie je ; die rosige Farbe der Lippen hatten die Jahre verwischt , den Zug von Sanftmut und stiller Heiterkeit , der sie umspielte , jedoch nur tiefer eingeprägt ... Ja , sie war es , war dieselbe noch ! und - sie hat sich wenig verändert , dachte er . Lotti hingegen dachte : Er hat sich sehr verändert . Worin aber ? fragte sie sich . Die Zeit ist ja doch schonend an ihm vorübergezogen . Seine Gestalt hatte sich jugendlich schlank erhalten . Die Farbe seiner Haare und seines Gesichtes waren dunkler , sein Bart und seine Brauen waren lichter geworden . Die Augen lagen tiefer , und schon bildeten sich Ringe um dieselben , doch funkelten sie noch feurig wie sonst ; er war noch immer ein Bild männlicher Schönheit , sein Wesen noch immer anziehend und gewinnend . Allein der Charakter seiner Erscheinung hatte eine gewaltige Änderung erfahren . Keine Spur des Künstlers war mehr an ihm . Er sah wie ein vollendeter Weltmann , sogar ein wenig stutzerhaft aus . Das Haar war kurz gehalten , der Backenbart nach englischer Mode zugeschnitten , und die nämliche und allerneueste Mode hatte auch die Form des langen lichten Oberrocks , den er trug , bestimmt , hatte bei der Wahl des glänzenden Zylinders , der sportsmäßigen Krawatte , der Handschuhe aus Hundsleder den Ausschlag gegeben . Wenn Kleider Leute machen würden , hätte man ihn für ein Mitglied des Jockeyklubs halten müssen . Er hatte jedoch nur die äußere Hülle eines Engländers , nicht dessen Art und Weise angenommen - vielleicht nicht anzunehmen vermocht . Es war nichts von steifer Gleichgültigkeit in dem Tone , in welchem er sich an Lotti wendete und sie versicherte , er freue sich des Wiedersehens , trotz der ihn beschämenden Umstände , unter denen es stattfand . Er bat sie , ihn anzuhören , bat , ihr seine törichte und leichtsinnige Handlung , die allerdings unverzeihlich sei , wenigstens erklären zu dürfen . Lotti unterbrach ihn und meinte , daß sich wohl mehr werde tun lassen . Sie wandte sich an den Kaufmann , und ihrer eindringlichen Fürsprache gelang es nach einiger Bemühung , den übereilten Handel rückgängig zu machen . Sodann verabschiedete sie sich von dem alten Geschäftsfreunde und verließ das Gewölbe zu gleicher Zeit mit Halwig . » Ihre Uhr ist bei mir « , sagte sie zu ihm , » in drei Tagen schicke ich sie hierher , da kann sie abgeholt werden . « Er wollte in Worte des Dankes ausbrechen , sie aber grüßte so deutlich verabschiedend , daß ihm nichts übrigblieb , als diesem Winke zu gehorchen . Er verneigte sich , trat zurück , und sie schlug den Weg nach ihrer Wohnung ein . Sie war schon eine ziemlich große Strecke gewandert , als sie durch rasch hinter ihr hereilende Schritte eingeholt wurde und Halwig an ihrer Seite erschien . » Verzeihen Sie mir « , sagte er , » verzeihen Sie , Fräulein Lotti ... eine große Bitte ... « » Nun ? « » Erlauben Sie mir , meine Uhr selbst bei Ihnen abholen zu dürfen ? « » Das steht Ihnen frei ! « antwortete sie . » In drei Tagen also ! ... Um diese Zeit , nicht wahr ? Ich komme , ich danke Ihnen ... das ist eine Freude ! « » Die hätten Sie sich längst machen können . « » Können ? ... « wiederholte er fragend , » haben Sie mir nicht dereinst gesagt , nur wenn ich ein Leid zu klagen hätte , mög ich kommen ? Nun , Fräulein Lotti , ich hatte keines zu klagen außer demjenigen , das Sie selbst mir damals angetan haben ... und das ich allein tragen und überwinden mußte ... In allem übrigen bin ich glücklich gewesen ... « » Und davon sollte ich nichts wissen ? « unterbrach sie ihn . » Davon wollten Sie nichts wissen ... « » O wie kindisch ! Ist es möglich , Halwig , so kindisch sind Sie geblieben ? « Er fiel sogleich in den heitern Ton ein , den Lotti angestimmt hatte . Erst die Frage , die sie an ihn stellte , wie es denn komme , daß sie ihm seit Jahren nicht einmal mehr auf der Straße begegnet sei , stimmte ihn ernster . » Ach « , sagte er mit einem Seufzer , » ich bin ja wie der Vogel der Minerva . In der Dämmerung beginne ich meinen Flug . Tagsüber schmiedet mich die Arbeit an meine Stube fest ... freilich keine unnütze Arbeit - eine lohnende und erfolgreiche ... « Er warf den Kopf stolz zurück . » Überdies « , setzte er , als Lotti schwieg , mit veränderter Stimme hinzu , » habe ich diesen Winter und den vorigen in England zugebracht , die Gesundheit meiner kleinen Frau machte einen längeren Aufenthalt in einer kräftigeren Luft notwendig . « » Sie ist leidend ? « » Nichts von Bedeutung . Gott sei Dank , nichts , das mir den geringsten Grund zu Besorgnissen gäbe . « » Sie müssen mir von Ihrer Frau erzählen , Halwig . « » Ich will sie Ihnen bringen ! « rief er , hielt aber sogleich inne , wie jemand , der ein übereiltes Wort gesprochen hat , und setzte zögernd hinzu : » Das heißt , wenn meine Frau - ich wollte sagen , wenn Sie es mir erlauben . « » Erlauben - wie denn ? - ich bitte Sie darum . « Sie waren bei dem Hause Lottis angelangt , und diese blieb stehen . » Hier wohne ich « , sprach sie , » hoch oben im dritten Stock . « » Hier also - gut - hier suche ich Sie auf , in drei Tagen ... Wie glücklich wäre ich , unser kaum begonnenes Gespräch jetzt schon fortsetzen zu können - aber ich bin ein Sklave ... ein freiwilliger natürlich - einer , der vernarrt ist in seine Sklaverei ... Auf Wiedersehen denn ! « Er ergriff ihre Hand und drückte sie mit Wärme : » Fräulein Lotti - so haben wir uns doch endlich wiedergefunden ! « » Und wie mir scheint « , antwortete sie , » als ganz gute Freunde . « 8 Am dritten Tag , zur bestimmten Stunde , fand Halwig sich ein . » Agnes , kennen Sie mich noch ? « sprach er , ins Vorgemach tretend , dessen Tür die Alte ihm geöffnet hatte . Agnes erwiderte ausweichend : » Das Fräulein hat mir schon gesagt , daß Sie kommen werden . « Der harte Blick , mit dem sie ihn empfangen hatte , wurde allmählich milder . » Aber ich hätte Sie auch so erkannt ; Sie sehen ja prächtig aus . « » Sie noch besser , Agnes , Sie noch viel besser ! « Die Alte schmunzelte und dachte : Jetzt geht es mir wieder mit ihm , wie es mir immer gegangen ist . Im Grunde ihres Herzens hatte sie von jeher eine tiefe Abneigung gegen ihn gehegt . Sie war eifersüchtig auf die Geltung , die er im Handumdrehen im Hause erlangt , sie verabscheute seine Tätigkeit . » Was tut er ? « meinte sie , » er schreibt ? Er kritzelt ? Saubere Arbeit für einen Mann - nähen wäre ebensogut . Ich möchte einen Schreiber geradesowenig wie einen Schneider . « Da sie niemals Gelegenheit gehabt , diese Behauptung zu beweisen , war es ihr freigestellt , ihren Haß maßlos zu überschätzen . Trotzdem blieben Halwigs Bewerbungen um ihr Wohlwollen nie ohne Erfolg . Wenn er sie freundlich gegrüßt , wenn er fünf Minuten lang mit ihr geplaudert hatte , gestand sie es regelmäßig zu : » Er ist halt doch ein lieber Mensch . « » Darf ich eintreten « fragte er , » oder wollen Sie so gütig sein , mich anzumelden ? « » Nicht notwendig , das Fräulein erwartet Sie , und Herr Feßler auch . « » Gottfried auch ? « » Ja , ja « , bestätigte Lotti , die auf der Schwelle des Zimmers erschien , » zwei alte Freunde heißen Sie willkommen . « Gottfried stimmte nicht sehr laut in ihre Worte ein , zeigte sich anfangs ein wenig abweisend , aber das dauerte nicht lange . Bald empfand auch er jenes eigentümlich freudige , Herz und Zunge lösende Gefühl , das in reifen Jahren durch das Wiedersehen mit einem Genossen der Jugendzeit erweckt wird . » Und wie lebst du jetzt ? « fragte er , nachdem sie genugsam in Erinnerungen geschwelgt hatten . Halwig lehnte sich in den altertümlichen Sessel zurück , der ihm eingeräumt worden war , und kreuzte die ausgestreckten Beine . » Freund « , lautete seine langsam gesprochene Antwort , » ich lebe nicht - ich schreibe . « Lotti sah ihn befremdet an , und ein tiefes Mißbehagen schien sich seiner unter diesem Blicke zu bemächtigen ; die Stimme erhebend fuhr er fort : » Ich schreibe vom Morgen bis zum Abend oder - zur Abwechslung - vom Abend bis zum Morgen ... Es gibt einmal nichts so Unpoetisches wie das Dasein eines Poeten im neunzehnten Jahrhundert ... Aber was ist zu tun , wenn man einen Haushalt mit der Feder bestreiten muß ? « » Das kann dir nicht schwer werden « , meinte Gottfried , » ein gefeierter Dichter wie du ... « » Heuchle nicht , Gottfried ! Was weißt du davon , ob ich ein gefeierter Dichter bin ? « » Nun - man nimmt doch auch manchmal eine Zeitung zur Hand . « » Daher schöpfst du deine Nachrichten ? Gehst zum Fasse statt zum Quell ... Und Sie , Fräulein Lotti , verschmähen Sie es gleichfalls , sich selbst zu überzeugen , ob ich den Ruf verdiene , den man mir macht ? « » Verschmähen ? « wiederholte sie , » nein . Aber , lieber Halwig , ich altmodische Person lese schon seit langer Zeit nichts Neues mehr . « » Sie tun vielleicht sehr gut daran « , sprach er nicht ohne leisen , etwas ironischen Verdruß . Er erhob sich , trat an den Bücherschrank und las halblaut die Titel einiger darin aufgestellter Werke . » Da sind noch alle , die alten Bekannten ... Ja , ja , Ihre Umgebung hat sich ebensowenig verändert wie Sie selbst . Der Raum ist kleiner geworden « , sprach er und blickte sich in der Stube um , » die Gegenstände sind dieselben geblieben . Aber - wo ist denn die Sammlung , der Schatz des Hauses ? « Lotti deutete nach der Ecke des Zimmers . » Dort steht sie . « » Unvermindert ? In ihrer ganzen Herrlichkeit ? « » Jawohl , in ihrer ganzen unvergleichlichen Herrlichkeit . « » Wirklich ? « » Wie können Sie daran zweifeln ? Ein Geizhals würde sich leichter von Hab und Gut trennen als ich mich von einer meiner Uhren . « » Nicht einmal eine wäre Ihnen feil ? - Um gar keinen Preis ? Nicht um Wohlhabenheit , nicht um Reichtum ? « » Welche Fragen ! « erwiderte Lotti beinahe verletzt . Halwig nahm seinen früheren Platz wieder ein ; er stützte die Arme auf seine Knie und sah eine Welle nachdenklich vor sich hin . Da plötzlich erhob er die Augen zu Lotti : » Idealistin ! Sie wohnen in einer Nußschale unter dem Dach , plagen sich ums tägliche Brot , verzichten auf alle Annehmlichkeiten des Lebens , um nichts zu schmälern von einem eingebildeten Wert ... Sie haben recht ! ... Bewahren Sie sich , was Ihnen unschätzbar ist ! « schloß er wehmütig , schlug jedoch gleich darauf mit einem der unvermittelten Übergänge , die ihm immer eigen gewesen waren , einen heitern Ton an . Er nannte sich einen glücklichen Menschen und pries sein Schicksal , das ihn endlich wieder mit seinen alten Freunden zusammengeführt . Der Verkehr mit ihnen sei das einzige gewesen , wonach er eine Sehnsucht empfunden , die sich oft bis zum Schmerze gesteigert . Jetzt war auch diese erfüllt . Ihm fehlte nichts mehr . Er begann von seiner Frau zu erzählen , und wie er sie im Sturm gewonnen , trotz des Widerstandes , den ihre Eltern , ihre Geschwister , » die ganze hochadelige Sippe « gegen ihre Verbindung mit ihm aufgeboten habe . Anfänglich wurde sein Haus von den Verwandten seiner Frau gemieden - nur anfänglich ... » Seitdem sie sich überzeugt haben , daß meine Kunst keine brotlose ist « , sprach er lachend , » bin ich merkwürdig in ihrer Achtung gestiegen , und das freut mich , obwohl ich keinen Grund habe , viel Gewicht auf ihre Meinung zu legen . Es sind sehr ehrenwerte Leute , aber durchaus keine überlegenen Geister . Ein wirkliches Band besteht nicht zwischen uns ... « » Einfluß nehmen sie aber doch auf dich « , versetzte Gottfried . » Dein Äußeres hat sich völlig dem der Weltmenschen anbequemt . Der Tausend ! was bist du nobel geworden ... ich bewundere dich schon die ganze Zeit im stillen . « » Spotte nur « , sagte Halwig . » Übrigens , lieber Alter , die Zeiten sind vorbei , in welchen man den Dichter am wallenden Lockenhaar und am abgeschabten Flausrock erkannte . Den Wunsch , genial auszusehen , habe ich allerdings aufgegeben . Aber nicht infolge äußerer Einflüsse , sondern dank meinem verbesserten Geschmack . « Gottfried blinzelte ihn freundlich an . » Sehr gescheit « , sprach er ; » deine Leute können mit deiner stattlichen Erscheinung zufrieden sein . Und deine Bücher , sage mir , finden die bei ihnen gehörige Anerkennung ? Gefallen sie ihnen , wie du selbst ihnen gefallen mußt ? « » Meinen Leuten - Bücher ? ... meinen Leuten ? - Freund , ich frage mich manchmal , ob sie lesen können « , entgegnete Halwig und fuhr nach einem Blick voll Verwunderung , den Lotti auf ihn geworfen , rasch fort : » Das gilt nur von den Männern ! Die Frauen lesen , die - ja . Und zwar die alten französische , und die jungen englische Romane . Welche Früchte diese Lektüre den ersten trägt , weiß ich nicht ; die zweiten holen sich aus der ihrigen Begeisterung für englische Sitten und Gebräuche und für alle Arten von Sport . Sie verstehen sich auf Pferde trotz eines Maquignons , reden wie die Jockeys und - sind reizend . - Ja , ich muß gestehen , daß ich sie reizend finde , obwohl ich mich nicht im geringsten täusche über ihre stupende Oberflächlichkeit ... Aber - was geht die mich an ? Mich unterhalten , mir gefallen diese Amazonen in Schleppkleidern ; meinetwegen dürfen sie bleiben , wie sie sind ... Die Klagen über die Fehler der Aristokraten , über ihre Frivolität , Genußsucht und Unwissenheit hört man bis zum Ekel wiederholen ; allein , wer hat jemals freundschaftlich mit ihnen verkehrt und sich dabei nicht wohlgefühlt ? - Man hat überhaupt keinen Sinn für das Anmutige und Schöne , wenn man keinen hat für die Anmut und Schönheit ihrer Umgangsformen ... freilich , eine Ahnung von Talent zu dergleichen Dingen muß man mitbringen , um sie als Vorzüge gelten lassen zu können ... diese Ahnung fehlt - nicht dem großen Publikum , das unsere ist vortrefflich , keine Nation der Welt vermag ein besseres zu bilden - es fehlt den Wortführern des Publikums , meinen Herren Kollegen und lieben getreuen , immer dienstbeflissenen Feinden . « » Deine Kollegen und Feinde ? « fragte Gottfried ganz verwundert über diesen plötzlichen Ausfall . » Nun ja ! - Ich habe zuviel Glück und habe stets zuviel Glück gehabt , um ohne Neider zu sein . Sie tun , was sie können , um mir meine Erfolge zu verkümmern , allein die Mühe ist verloren . Noch befinde ich mich im Vollbesitze meiner Kraft und hoffe , nicht so bald zu erlahmen - geschähe das - erwachte ich eines Tages und wäre kein Dichter mehr - wie man behauptet , daß es geschehen könne , anderen schon geschehen sei - versiegte plötzlich der Quell , aus dem ich gewöhnt bin , ohne Maß zu schöpfen - ja dann ... « er griff sich mit beiden Händen an den Kopf , » dann wäre ich verloren ... denn alles , was ich bin und habe , steht und fällt mit meinem Talent . Mein Haus ist darauf gegründet , die Zukunft meiner Frau ... geistige Verarmung hätte für mich so viel zu bedeuten wie materielle Not - und das hieße sie betrogen haben , die mir in unbegrenztem Vertrauen gefolgt ist ... Närrische Gedanken - « unterbrach er sich mit einem gequälten Lachen , » ich kenne mich und fürchte nichts . Aber die Phantasie , die uns beseligt , will auch peinigen . Nur zu ! ... In der Einbildung müssen wir das Furchtbare durchmachen , das uns die Wirklichkeit erspart - das ist der Tribut , den der Glückliche dem allgemeinen Menschenelend bezahlt ... Und , daß er reichlich bezahle , dafür sorgen die eigenen , in dem Geschäft , das ich betreibe , bis zum Zerreißen gespannten Nerven , und die Bemerkungen der süßen Neider , oder die Ratschläge der weisen Freunde . Auf dem Wege hierher bin ich dem weisesten von allen begegnet ... Was der nicht alles wußte , nicht alles kommen sah ! Wie der so eindringlich bat , als hänge sein eigenes Heil davon ab : Gönne dir Ruhe ! Sündige nicht auf dein Talent - du brauchst Sammlung , Erholung ... Wohl brauch ich sie , aber sie mir gönnen heißt abtreten , anderen Platz machen ... O nein , ich weiche nicht , ich bleibe und fühle Nerv und Stärke genug in mir , der ganzen heranwachsenden Epigonengeneration standzuhalten ... Ich traue mir ' s zu , sie alle zu überdauern , diese altklugen Kinder mit ihrem riesigen Wollen und ihrem