« Da stand der Großvater auf vom Mittagstisch , stieg auf den Heuboden hinauf , brachte den dicken Sack herunter , der Heidis Bettdecke war , und sagte : » So komm ! « In großer Freude hüpfte das Kind ihm nach in die glitzernde Schneewelt hinaus . In den alten Tannen war es nun ganz still und auf allen Ästen lag der weiße Schnee und in dem Sonnenschein schimmerte und funkelte es überall von den Bäumen in solcher Pracht , daß Heidi hoch aufsprang vor Entzücken und ein Mal übers andere ausrief : » Komm heraus , Großvater , komm heraus ! Es ist lauter Silber und Gold an den Tannen ! « Denn der Großvater war in den Schopf hineingegangen und kam nun heraus mit einem breiten Stoßschlitten : da war vorn eine Stange angebracht , und von dem flachen Sitz konnte man die Füße nach vorn hinunter halten und gegen den Schneeboden stemmen und der Fahrt die Weisung geben . Hier setzte sich der Großvater hin , nachdem er erst die Tannen ringsum mit Heidi hatte beschauen müssen , nahm das Kind auf seinen Schoß , wickelte es um und um in den Sack ein , damit es hübsch warm bleibe , und drückte es fest mit dem linken Arm an sich , denn das war nötig bei der kommenden Fahrt . Dann umfaßte er mit der rechten Hand die Stange und gab einen Ruck mit beiden Füßen . Da schoß der Schlitten davon die Alm hinab mit einer solchen Schnelligkeit , daß das Heidi meinte , es fliege in der Luft wie ein Vogel , und laut aufjauchzte . Auf einmal stand der Schlitten still , gerade bei der Hütte vom Geißenpeter . Der Großvater stellte das Kind auf den Boden , wickelte es aus seiner Decke heraus und sagte : » So , nun geh hinein , und wenn es anfängt dunkel zu werden , dann komm wieder heraus und mach dich auf den Weg . « Dann kehrte er um mit seinem Schlitten und zog ihn den Berg hinauf . Heidi machte die Tür auf und kam in einen kleinen Raum hinein , da sah es schwarz aus , und ein Herd war da und einige Schüsselchen auf einem Gestell , das war die kleine Küche ; dann kam gleich wieder eine Tür , die machte Heidi wieder auf und kam in eine enge Stube hinein , denn das Ganze war nicht eine Sennhütte , wie beim Großvater , wo ein einziger , großer Raum war und oben ein Heuboden , sondern es war ein kleines , uraltes Häuschen , wo alles eng war und schmal und dürftig . Als Heidi in das Stübchen trat , stand es gleich vor dem Tisch , daran saß eine Frau und flickte an Peters Wams , denn dieses erkannte Heidi sogleich . In der Ecke saß ein altes , gekrümmtes Mütterchen und spann . Heidi wußte gleich , woran es war ; es ging geradaus auf das Spinnrad zu und sagte : » Guten Tag , Großmutter , jetzt komme ich zu dir ; hast du gedacht , es währe lang , bis ich komme ? « Die Großmutter erhob den Kopf und suchte die Hand , die gegen sie ausgestreckt war , und als sie diese erfaßt hatte , befühlte sie dieselbe erst eine Weile nachdenklich in der ihrigen , dann sagte sie : » Bist du das Kind droben beim Alm-Öhi , bist du das Heidi ? « » Ja , ja « , bestätigte das Kind , » jetzt gerade bin ich mit dem Großvater im Schlitten heruntergefahren . « » Wie ist das möglich ! Du hast ja eine so warme Hand ! Sag , Brigitte , ist der Alm-Öhi selber mit dem Kind heruntergekommen ? « Peters Mutter , die Brigitte , die am Tisch geflickt hatte , war aufgestanden und betrachtete nun mit Neugierde das Kind von oben bis unten ; dann sagte sie : » Ich weiß nicht , Mutter , ob der Öhi selber heruntergekommen ist mit ihm ; es ist nicht glaublich , das Kind wird ' s nicht recht wissen . « Aber das Heidi sah die Frau sehr bestimmt an und gar nicht , als sei es im ungewissen , und sagte : » Ich weiß ganz gut , wer mich in die Bettdecke gewickelt hat und mit mir heruntergeschlittelt ist ; das ist der Großvater . « » Es muß doch etwas daran sein , was der Peter so gesagt hat den Sommer durch vom Alm-Öhi , wenn wir dachten , er wisse es nicht recht « , sagte die Großmutter ; » wer hätte freilich auch glauben können , daß so etwas möglich sei ; ich dachte , das Kind lebte keine drei Wochen da oben . Wie sieht es auch aus , Brigitte ! « Diese hatte das Kind unterdessen so von allen Seiten angesehen , daß sie nun wohl berichten konnte , wie es aussah . » Es ist so fein gegliedert , wie die Adelheid war « , gab sie zur Antwort ; » aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar , wie es der Tobias hatte und auch der Alte droben ; ich glaube , es sieht den zweien gleich . « Unterdessen war Heidi nicht müßig geblieben ; es hatte ringsum geguckt und alles genau betrachtet , was da zu sehen war . Jetzt sagte es : » Sieh , Großmutter , dort schlägt es einen Laden immer hin und her , und der Großvater würde auf der Stelle einen Nagel einschlagen , daß er wieder fest hält , sonst schlägt er auch einmal eine Scheibe ein ; sieh , sieh , wie er tut ! « » Ach , du gutes Kind « , sagte die Großmutter , » sehen kann ich es nicht , aber hören kann ich es wohl und noch viel mehr , nicht nur den Laden ; da kracht und klappert es überall , wenn der Wind kommt , und er kann überall hereinblasen ; es hält nichts mehr zusammen , und in der Nacht , wenn sie beide schlafen , ist es mir manchmal so angst und bang , es falle alles über uns zusammen und schlage uns alle drei tot ; ach , und da ist kein Mensch , der etwas ausbessern könnte an der Hütte , der Peter versteht ' s nicht . « » Aber warum kannst du denn nicht sehen , wie der Laden tut , Großmutter ? Sieh jetzt wieder , dort , gerade dort . « Und Heidi zeigte die Stelle deutlich mit dem Finger . » Ach Kind , ich kann ja gar nichts sehen , gar nichts , nicht nur den Laden nicht « , klagte die Großmutter . » Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache , daß es recht hell wird , kannst du dann sehen , Großmutter ? « » Nein , nein , auch dann nicht , es kann mir niemand mehr hell machen . « » Aber wenn du hinausgehst in den ganz weißen Schnee , dann wird es dir gewiß hell ; komm nur mit mir , Großmutter , ich will dir ' s zeigen . « Heidi nahm die Großmutter bei der Hand und wollte sie fortziehen , denn es fing an , ihm ganz ängstlich zumute zu werden , daß es ihr nirgends hell wurde . » Laß mich nur sitzen , du gutes Kind ; es bleibt doch dunkel bei mir , auch im Schnee und in der Helle , sie dringt nicht mehr in meine Augen . « » Aber dann doch im Sommer , Großmutter « , sagte Heidi , immer ängstlicher nach einem guten Ausweg suchend ; » weißt , wenn dann wieder die Sonne ganz heiß herunterbrennt und dann gute Nacht sagt und die Berge alle feuerrot schimmern und alle gelben Blümlein glitzern , dann wird es dir wieder schön hell ? « » Ach Kind , ich kann sie nie mehr sehen , die feurigen Berge und die goldenen Blümlein droben , es wird mir nie mehr hell auf Erden , nie mehr . « Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus . Voller Jammer schluchzte es fortwährend : » Wer kann dir denn wieder hell machen ? Kann es niemand ? Kann es gar niemand ? « Die Großmutter suchte nun das Kind zu trösten , aber es gelang ihr nicht so bald . Heidi weinte fast nie ; wenn es aber einmal anfing , dann konnte es auch fast nicht mehr aus der Betrübnis herauskommen . Die Großmutter hatte schon allerhand probiert , um das Kind zu beschwichtigen , denn es ging ihr zu Herzen , daß es so jämmerlich schluchzen mußte . Jetzt sagte sie : » Komm , du gutes Heidi , komm hier heran , ich will dir etwas sagen . Siehst du , wenn man nichts sehen kann , dann hört man so gern ein freundliches Wort , und ich höre es gern , wenn du redest ; komm , setz dich da nahe zu mir und erzähl mir etwas , was du machst da droben und was der Großvater macht , ich habe ihn früher gut gekannt ; aber jetzt hab ' ich seit manchem Jahr nichts mehr gehört von ihm , als durch den Peter , aber der sagt nicht viel . « Jetzt kam dem Heidi ein neuer Gedanke ; es wischte rasch seine Tränen weg und sagte tröstlich : » Wart nur , Großmutter , ich will alles dem Großvater sagen , er macht dir schon wieder hell und macht , daß die Hütte nicht zusammenfällt , er kann alles wieder in Ordnung machen . « Die Großmutter schwieg stille , und nun fing Heidi an , ihr mit großer Lebendigkeit zu erzählen von seinem Leben mit dem Großvater und von den Tagen auf der Weide und von dem jetzigen Winterleben mit dem Großvater , was er alles aus Holz machen könne , Bänke und Stühle und schöne Krippen , wo man für das Schwänli und Bärli das Heu hineinlegen könnte , und einen neuen großen Wassertrog zum Baden im Sommer , und ein neues Milchschüsselchen und Löffel , und Heidi wurde immer eifriger im Beschreiben all der schönen Sachen , die so auf einmal aus einem Stück Holz herauskommen , und wie es dann neben dem Großvater stehe und ihm zuschaue und wie es das alles auch einmal machen wolle . Die Großmutter hörte mit großer Aufmerksamkeit zu , und von Zeit zu Zeit sagte sie dazwischen : » Hörst du ' s auch , Brigitte ? Hörst du , was es vom Öhi sagt ? « Mit einem Mal wurde die Erzählung unterbrochen durch ein großes Gepolter an der Tür , und herein stampfte der Peter , blieb aber sogleich stille stehen und sperrte seine runden Augen ganz erstaunlich weit auf , als er das Heidi erblickte , und schnitt die allerfreundlichste Grimasse , als es ihm sogleich zurief : » Guten Abend , Peter ! « » Ist denn das möglich , daß der schon aus der Schule kommt « , rief die Großmutter ganz verwundert aus ; » so geschwind ist mir seit manchem Jahr kein Nachmittag vergangen ! Guten Abend , Peterli , wie geht es mit dem Lesen ? « » Gleich « , gab der Peter zur Antwort . » So , so « , sagte die Großmutter ein wenig seufzend , » ich habe gedacht , es gäbe vielleicht eine Änderung auf die Zeit , wenn du dann zwölf Jahre alt wirst gegen den Hornung hin . « » Warum muß es eine Änderung geben , Großmutter ? « fragte Heidi gleich mit Interesse . » Ich meine nur , daß er es etwa noch hätte lernen können « , sagte die Großmutter , » das Lesen mein ' ich . Ich habe dort oben auf dem Gestell ein altes Gebetbuch , da sind schöne Lieder drin , die habe ich so lange nicht mehr gehört , und im Gedächtnis habe ich sie auch nicht mehr ; da habe ich gehofft , wenn der Peterli nun lesen lerne , so könne er mir etwa ein gutes Lied lesen ; aber er kann es nicht lernen , es ist ihm zu schwer . « » Ich denke , ich muß Licht machen , es wird ja schon ganz dunkel « , sagte jetzt Peters Mutter , die immer emsig am Wams fortgeflickt hatte ; » der Nachmittag ist mir auch vergangen , ohne daß ich ' s merkte . « Nun sprang Heidi von seinem Stühlchen auf , streckte eilig seine Hand aus und sagte : » Gut ' Nacht , Großmutter , ich muß auf der Stelle heim , wenn es dunkel wird « , und hintereinander bot es dem Peter und seiner Mutter die Hand und ging der Tür zu . Aber die Großmutter rief besorgt : » Wart , wart , Heidi ; so allein mußt du nicht fort , der Peter muß mit dir , hörst du ? Und gib acht auf das Kind , Peterli , daß es nicht umfällt , und steh nicht still mit ihm , daß es nicht friert , hörst du ? Hat es auch ein dickes Halstuch an ? « » Ich habe gar kein Halstuch an « , rief Heidi zurück , » aber ich will schon nicht frieren « ; damit war es zur Tür hinaus und huschte so behend weiter , daß der Peter kaum nachkam . Aber die Großmutter rief jammernd : » Lauf ihm nach , Brigitte , lauf , das Kind muß ja erfrieren , so bei der Nacht , nimm mein Halstuch mit , lauf schnell ! « Die Brigitte gehorchte . Die Kinder hatten aber kaum ein paar Schritte den Berg hinan getan , so sahen sie von oben herunter den Großvater kommen , und mit wenigen rüstigen Schritten stand er vor ihnen . » Recht so , Heidi , Wort gehalten ! « sagte er , packte das Kind wieder fest in seine Decke ein , nahm es auf seinen Arm und stieg den Berg hinauf . Eben hatte die Brigitte noch gesehen , wie der Alte das Kind wohlverpackt auf seinen Arm genommen und den Rückweg angetreten hatte . Sie trat mit dem Peter wieder in die Hütte ein und erzählte der Großmutter mit Verwunderung , was sie gesehen hatte . Auch diese mußte sich sehr verwundern und ein Mal über das andere sagen : » Gott Lob und Dank , daß er so ist mit dem Kind , Gott Lob und Dank ! Wenn er es nur auch wieder zu mir läßt , das Kind hat mir so wohl gemacht ! Was hat es für ein gutes Herz und wie kann es so kurzweilig erzählen ! « Und immer wieder freute sich die Großmutter , und bis sie ins Bett ging , sagte sie immer wieder : » Wenn es nur auch wiederkommt ! Jetzt habe ich doch noch etwas auf der Welt , auf das ich mich freuen kann ! « Und die Brigitte stimmte jedesmal ein , wenn die Großmutter wieder dasselbe sagte , und auch der Peter nickte jedesmal zustimmend mit dem Kopf und zog seinen Mund weit auseinander vor Vergnüglichkeit und sagte : » Hab ' s schon gewußt . « Unterdessen redete das Heidi in seinem Sack drinnen immerzu an den Großvater heran ; da die Stimme aber nicht durch den achtfachen Umschlag dringen konnte und er daher kein Wort verstand , sagte er : » Wart ein wenig , bis wir daheim sind , dann sag ' s. « Sobald er nun , oben angekommen , in seine Hütte eingetreten war und Heidi aus seiner Hülle herausgeschält hatte , sagte es : » Großvater , morgen müssen wir den Hammer und die großen Nägel mitnehmen und den Laden festschlagen bei der Großmutter und sonst noch viele Nägel einschlagen , denn es kracht und klappert alles bei ihr . « » Müssen wir ? So , das müssen wir ? Wer hat dir das gesagt ? « fragte der Großvater . » Das hat mir kein Mensch gesagt , ich weiß es sonst « , entgegnete Heidi , » denn es hält alles nicht mehr fest und es ist der Großmutter angst und bang , wenn sie nicht schlafen kann und es so tut , und sie denkt : jetzt fällt alles ein und gerade auf unsere Köpfe ; und der Großmutter kann man gar nicht mehr hell machen , sie weiß gar nicht , wie man es könnte , aber du kannst es schon , Großvater ; denk nur , wie traurig es ist , wenn sie immer im Dunkeln ist und es ihr dann noch angst und bang ist und es kann ihr kein Mensch helfen , als du ! Morgen wollen wir gehen und ihr helfen ; gelt , Großvater , wir wollen ? « Heidi hatte sich an den Großvater angeklammert und schaute mit zweifellosem Vertrauen zu ihm auf . Der Alte schaute eine kleine Weile auf das Kind nieder , dann sagte er : » Ja , Heidi , wir wollen machen , daß es nicht mehr so klappert bei der Großmutter , das können wir ; morgen tun wir ' s. « Nun hüpfte das Kind vor Freude im ganzen Hüttenraum herum und rief ein Mal ums andere : » Morgen tun wir ' s ! Morgen tun wir ' s ! « Der Großvater hielt Wort . Am folgenden Nachmittag wurde dieselbe Schlittenfahrt ausgeführt . Wie am vorhergehenden Tag stellte der Alte das Kind vor der Tür der Geißenpeter-Hütte nieder und sagte : » Nun geh hinein , und wenn ' s Nacht wird , komm wieder . « Dann legte er den Sack auf den Schlitten und ging um das Häuschen herum . Kaum hatte Heidi die Tür aufgemacht und war in die Stube hineingesprungen , so rief schon die Großmutter aus der Ecke : » Da kommt das Kind ! Das ist das Kind ! « und ließ vor Freuden den Faden los und das Rädchen stehen und streckte beide Hände nach dem Kinde aus . Heidi lief zu ihr , rückte gleich das niedere Stühlchen ganz nahe an sie heran , setzte sich darauf und hatte der Großmutter schon wieder eine große Menge von Dingen zu erzählen und von ihr zu erfragen . Aber auf einmal ertönten so gewaltige Schläge an das Haus , daß die Großmutter vor Schrecken so zusammenfuhr , daß sie fast das Spinnrad umwarf , und zitternd ausrief : » Ach du mein Gott , jetzt kommt ' s , es fällt alles zusammen ! « Aber Heidi hielt sie fest um den Arm und sagte tröstend : » Nein , nein , Großmutter , erschrick du nur nicht , das ist der Großvater mit dem Hammer , jetzt macht er alles fest , daß es dir nicht mehr angst und bang wird . « » Ach , ist auch das möglich ! Ist auch so etwas möglich ! So hat uns doch der liebe Gott nicht ganz vergessen ! « rief die Großmutter aus . » Hast du ' s gehört , Brigitte , was es ist , hörst du ' s ? Wahrhaftig , es ist ein Hammer ! Geh hinaus , Brigitte , und wenn es der Alm-Öhi ist , so sag ihm , er soll doch dann auch einen Augenblick hereinkommen , daß ich ihm auch danken kann . « Die Brigitte ging hinaus . Eben schlug der Alm-Öhi mit großer Gewalt neue Kloben in die Mauer ; Brigitte trat an ihn heran und sagte : » Ich wünsche Euch guten Abend , Öhi , und die Mutter auch , und wir haben Euch zu danken , daß Ihr uns einen solchen Dienst tut , und die Mutter möchte Euch noch gern eigens danken drinnen ; sicher , es hätte uns das nicht gerad ' einer getan , wir wollen Euch auch dran denken , denn sicher - « » Macht ' s kurz « , unterbrach sie der Alte hier ; » was Ihr vom AlmÖhi haltet , weiß ich schon . Geht nur wieder hinein ; wo ' s fehlt , find ' ich selber . « Brigitte gehorchte sogleich , denn der Öhi hatte eine Art , der man sich nicht leicht widersetzte . Er klopfte und hämmerte um das ganze Häuschen herum , stieg dann das schmale Treppchen hinauf bis unter das Dach , hämmerte weiter und weiter , bis er auch den letzten Nagel eingeschlagen , den er mitgebracht hatte . Unterdessen war auch schon die Dunkelheit hereingebrochen , und kaum war er heruntergestiegen und hatte seinen Schlitten hinter dem Geißenstall hervorgezogen , als auch schon Heidi aus der Tür trat und vom Großvater wie gestern verpackt auf den Arm genommen und der Schlitten nachgezogen wurde , denn allein da drauf sitzend , wäre die ganze Umhüllung vom Heidi abgefallen , und es wäre fast oder ganz erfroren . Das wußte der Großvater wohl und hielt das Kind ganz warm in seinem Arm . So ging der Winter dahin . In das freudlose Leben der blinden Großmutter war nach langen Jahren eine Freude gefallen und ihre Tage waren nicht mehr lang und dunkel , einer wie der andere , denn nun hatte sie immer etwas in Aussicht , nach dem sie verlangen konnte . Vom frühen Morgen an lauschte sie auch schon auf den trippelnden Schritt , und ging dann die Tür auf und das Kind kam wirklich dahergesprungen , dann rief sie jedesmal in lauter Freude : » Gottlob ! da kommt ' s wieder ! « Und Heidi setzte sich zu ihr und plauderte und erzählte so lustig von allem , was es wußte , daß es der Großmutter ganz wohl machte und ihr die Stunden dahingingen , sie merkte es nicht , und kein einziges Mal fragte sie mehr so wie früher : » Brigitte , ist der Tag noch nicht um ? « , sondern jedesmal , wenn Heidi die Tür hinter sich schloß , sagte sie : » Wie war doch der Nachmittag so kurz ; ist es nicht wahr , Brigitte ? « Und diese sagte : » Doch sicher , es ist mir , wir haben erst die Teller vom Essen weggestellt . « Und die Großmutter sagte wieder : » Wenn mir nur der Herr Gott das Kind erhält und dem Alm-Öhi den guten Willen ! Sieht es auch gesund aus , Brigitte ? « Und jedesmal erwiderte diese : » Es sieht aus wie ein Erdbeerapfel . « Heidi hatte auch eine große Anhänglichkeit an die alte Großmutter , und wenn es ihm wieder in den Sinn kam , daß ihr gar niemand , auch der Großvater nicht mehr hell machen konnte , überkam es immer wieder eine große Betrübnis ; aber die Großmutter sagte ihm immer wieder , daß sie am wenigsten davon leide , wenn es bei ihr sei , und Heidi kam auch an jedem schönen Wintertag heruntergefahren auf seinem Schlitten . Der Großvater hatte , ohne weitere Worte , so fortgefahren , hatte jedesmal den Hammer und allerlei andere Sachen mit aufgeladen und manchen Nachmittag durch an dem Geißenpeter-Häuschen herumgeklopft . Das hatte aber auch seine gute Wirkung ; es krachte und klapperte nicht mehr die ganzen Nächte durch , und die Großmutter sagte , so habe sie manchen Winter lang nicht mehr schlafen können , das wolle sie auch dem Öhi nie vergessen . Es kommt ein Besuch und dann noch einer , der mehr Folgen hat Schnell war der Winter und noch schneller der fröhliche Sommer darauf vergangen , und ein neuer Winter neigte sich schon wieder dem Ende zu . Heidi war glücklich und froh wie die Vöglein des Himmels und freute sich jeden Tag mehr auf die herannahenden Frühlingstage , da der warme Föhn durch die Tannen brausen und den Schnee wegfegen würde und dann die helle Sonne die blauen und gelben Blümlein hervorlocken und die Tage der Weide kommen würden , die für Heidi das Schönste mit sich brachten , was es auf Erden geben konnte . Heidi stand nun in seinem achten Jahre ; es hatte vom Großvater allerlei Kunstgriffe erlernt : mit den Geißen wußte es so gut umzugehen als nur einer , und Schwänli und Bärli liefen ihm nach wie treue Hündlein und meckerten gleich laut vor Freude , wenn sie nur seine Stimme hörten . In diesem Winter hatte Peter schon zweimal vom Schullehrer im Dörfli den Bericht gebracht , der Alm-Öhi solle das Kind , das bei ihm sei , nun in die Schule schicken , es habe schon mehr als das Alter und hätte schon im letzten Winter kommen sollen . Der Öhi hatte beide Male dem Schullehrer sagen lassen , wenn er etwas mit ihm wolle , so sei er daheim , das Kind schicke er nicht in die Schule . Diesen Bericht hatte der Peter richtig überbracht . Als die Märzsonne den Schnee an den Abhängen geschmolzen hatte und überall die weißen Schneeglöckchen hervorguckten im Tal und auf der Alm die Tannen ihre Schneelast abgeschüttelt hatten und die Äste wieder lustig wehten , da rannte Heidi vor Wonne immer hin und her von der Haustür zum Geißenstall und von da unter die Tannen und dann wieder hinein zum Großvater , um ihm zu berichten , wie viel größer das Stück grüner Boden unter den Bäumen wieder geworden sei , und gleich nachher kam es wieder , nachzusehen , denn es konnte nicht erwarten , daß alles wieder grün und der ganze schöne Sommer mit Grün und Blumen wieder auf die Alm gezogen kam . Als Heidi so am sonnigen Märzmorgen hin- und herrannte und jetzt wohl zum zehntenmal über die Türschwelle sprang , wäre es vor Schrecken fast rückwärts wieder hineingefallen , denn auf einmal stand es vor einem schwarzen alten Herrn , der es ganz ernsthaft anblickte . Als er aber seinen Schrecken sah , sagte er freundlich : » Du mußt nicht erschrecken vor mir , die Kinder sind mir lieb . Gib mir die Hand ! du wirst das Heidi sein ; wo ist der Großvater ? « » Er sitzt am Tisch und schnitzt runde Löffel von Holz « , erklärte Heidi und machte nun die Tür wieder auf . Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Dörfli , der den Öhi vor Jahren gut gekannt hatte , als er noch unten wohnte und sein Nachbar war . Er trat in die Hütte ein , ging auf den Alten zu , der sich über sein Schnitzwerk hinbeugte , und sagte : » Guten Morgen , Nachbar . « Verwundert schaute dieser in die Höhe , stand dann auf und entgegnete : » Guten Morgen dem Herrn Pfarrer . « Dann stellte er seinen Stuhl vor den Herrn hin und fuhr fort : » Wenn der Herr Pfarrer einen Holzsitz nicht scheut , hier ist einer . « Der Herr Pfarrer setzte sich . » Ich habe Euch lange nicht gesehen , Nachbar « , sagte er dann . » Ich den Herrn Pfarrer auch nicht « , war die Antwort . » Ich komme heut ' , um etwas mit Euch zu besprechen « , fing der Herr Pfarrer wieder an ; » ich denke , Ihr könnt schon wissen , was meine Angelegenheit ist , worüber ich mich mit Euch verständigen und hören will , was Ihr im Sinne habt . « Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi , das an der Tür stand und die neue Erscheinung aufmerksam betrachtete . » Heidi , geh zu den Geißen « , sagte der Großvater . » Kannst ein wenig Salz mitnehmen und bei ihnen bleiben , bis ich auch komme . « Heidi verschwand sofort . » Das Kind hätte schon vor dem Jahr und noch sicherer diesen Winter die Schule besuchen sollen « , sagte nun der Herr Pfarrer ; » der Lehrer hat Euch mahnen lassen , Ihr habt keine Antwort darauf gegeben ; was habt Ihr mit dem Kind im Sinn , Nachbar ? « » Ich habe im Sinn , es nicht in die Schule zu schicken « , war die Antwort . Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten , der mit gekreuzten Armen auf seiner Bank saß und gar nicht nachgiebig aussah . » Was wollt Ihr aus dem Kinde machen ? « fragte jetzt der Herr Pfarrer . » Nichts , es wächst und gedeiht mit den Geißen und den Vögeln ; bei denen ist es ihm wohl und es lernt nichts Böses von ihnen . « » Aber das Kind ist keine Geiß und kein Vogel , es ist ein Menschenkind . Wenn es nichts Böses lernt von diesen seinen Kameraden , so lernt es auch sonst nichts von ihnen ; es soll aber etwas lernen , und die Zeit dazu ist da . Ich bin gekommen , es Euch zeitig zu sagen , Nachbar , damit Ihr Euch besinnen und einrichten könnt den Sommer durch . Dies war der letzte Winter , den das Kind so ohne allen Unterricht zugebracht hat ; nächsten Winter kommt es zur Schule , und zwar jeden Tag . « » Ich tu ' s nicht , Herr Pfarrer « , sagte der Alte unentwegt . » Meint Ihr denn wirklich , es gebe kein Mittel , Euch zur Vernunft zu bringen , wenn Ihr so eigensinnig bei Eurem unvernünftigen Tun beharren wollt ? « sagte der Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig . » Ihr seid weit in der Welt herumgekommen und habt viel gesehen und vieles lernen können , ich hätte Euch mehr Einsicht zugetraut , Nachbar . « » So « , sagte jetzt der Alte und seine Stimme