vom Lied ist , daß sie dem Kind einen Widerwillen beibringt . Und dann ist es vorbei . Denn ohne Lieb und ohne Lust ist nichts in der Welt . Auch nicht einmal in der Musik ... Aber da kommt ja Teichgräber und will uns einen Besuch anmelden . Ich bin außer mir . Hätte viel lieber noch mit dir weitergeplaudert . « In eben diesem Augenblicke war der alte Parkhüter , der sich vergeblich nach einem von der Hausdienerschaft umgesehen hatte , bis an die Veranda herangetreten und überreichte eine Karte . Melanie las : » Ebenezer Rubehn ( Firma Jakob Rubehn und Söhne ) , Lieutenant in der Reserve des 5. Dragonerregiments ... « » Ah , sehr willkommen ... Ich lasse bitten ... « Und während sich der Alte wieder entfernte , fuhr Melanie gegen das kleine Fräulein in übermütiger Laune fort : » Auch wieder einer . Und noch dazu aus der Reserve ! Mir widerwärtig , dieser ewige Lieutenant . Es gibt gar keine Menschen mehr . « Und sehr wahrscheinlich , daß sie diese Betrachtungen fortgesetzt hätte , wenn nicht auf dem Kiesweg ein Knirschen hörbar geworden wäre , das über das rasche Näherkommen des Besuchs keinen Zweifel ließ . Und wirklich , im nächsten Augenblicke stand der Angemeldete vor der Veranda und verneigte sich gegen beide Damen . Melanie hatte sich erhoben und war ihm einen Schritt entgegengegangen . » Ich freue mich , Sie zu sehen . Erlauben Sie mir , Sie zunächst mit meiner lieben Freundin und Hausgenossin bekannt machen zu dürfen ... Herr Ebenezer Rubehn ... Fräulein Friederike von Sawatzki ! « Ein flüchtiges Erstaunen spiegelte sich ersichtlich in Rubehns Zügen , das , wenn Melanie richtig interpretierte , mehr noch dem kleinen verwachsenen Fräulein als ihr selber galt . Ebenezer war indessen Weltmann genug , um seines Erstaunens rasch wieder Herr zu werden , und sich ein zweites Mal gegen die Freundin hin verneigend , bat er um Entschuldigung , seinen Besuch auf der Villa bis heute hinausgeschoben zu haben . Melanie ging leicht darüber hin , ihrerseits bittend , die Gemütlichkeit dieses ländlichen Empfanges und vor allem eines unabgeräumten Frühstückstisches entschuldigen zu wollen . » Mais à la guerre , comme à la guerre , eine kriegerische Wendung , an die mir ' s im übrigen ferneliegt ernsthafte Kriegsgespräche knüpfen zu wollen . « » Gegen die Sie sich vielmehr unter allen Umständen gesichert haben möchten « , lachte Rubehn . » Aber fürchten Sie nichts . Ich weiß , daß sich Damen für das Kapitel Krieg nur so lange begeistern , als es Verwundete zu pflegen gibt . Von dem Augenblick an , wo der letzte Kranke das Lazarett verläßt , ist es mit dem Kriegseifer vorbei . Und wie die Frauen in allem recht haben , so auch hierin . Es ist das Traurigste von der Welt , immer wieder eine Durchschnittsheldengeschichte von zweifelhaftem Wert und noch zweifelhafterer Wahrheit hören zu müssen , aber es ist das Schönste , was es gibt , zu helfen und zu heilen . « Melanie hatte , während er sprach , ihre Handarbeit in den Schoß gelegt und ihn fest und freundlich angesehen . » Ei , das lob ich und hör ich gern . Aber wer mit so warmer Empfindung von dem Hospitaldienst und dem Helfen und Heilen , das uns so wohl kleidet , zu sprechen versteht , der hat diese Wohltat wohl an sich selbst erfahren . Und so plaudern Sie mir denn wider Willen , nach fünf Minuten schon , Ihre Geheimnisse aus . Versuchen Sie nicht , mich zu widerlegen , Sie würden scheitern damit , und da Sie die Frauenherzen so gut zu kennen scheinen , so werden Sie natürlich auch unsere zwei stärksten Seiten kennen : unseren Eigensinn und unser Rätselraten . Wir erraten alles ... « » Und immer richtig ? « » Nicht immer , aber meist . Und nun erzählen Sie mir , wie Sie Berlin finden , unsere gute Stadt , und unser Haus und ob Sie das Zutrauen zu sich haben , in Ihrem Hofkerker , dem eigentlich nur noch die Gitterstäbe fehlen , nicht melancholisch zu werden . Aber wir hatten nichts Besseres . Und wo nichts ist , hat , wie das Sprichwort sagt ... « » Oh , Sie beschämen mich , meine gnädigste Frau . Jetzt erst , nach meinem Eintreffen , weiß ich , wie groß das Opfer ist , das Sie mir gebracht haben . Und ich darf füglich sagen , daß ich bei besserer Kenntnis ... « Aber er sprach nicht aus und horchte plötzlich nach dem Hause hin , aus dem eben ( die Musikstunde hatte schon vorher geschlossen ) ein virtuoses und in jeder feinsten Nuancierung erkennbares Spiel bis auf die Veranda herausklang . Es war » Wotans Abschied « , und Rubehn erschien so hingerissen , daß es ihm Anstrengung kostete , sich loszumachen und das Gespräch wieder aufzunehmen . Endlich aber fand er sich zurück und sagte , während er sich abermals gegen Riekchen verneigte : » Pardon , meine Gnädigste . Hatt ich recht gehört ? Fräulein von Sawatzki ? « Das Fräulein nickte . » Mit einem jungen Offizier dieses Namens war ich einen Sommer über in Wildbad-Gastein zusammen . Unmittelbar nach dem Kriege . Ein liebenswürdiger , junger Kavalier . Vielleicht ein Anverwandter ... ? « » Ein Vetter « , sagte Fräulein Riekchen . » Es gibt nur wenige meines Namens , und wir sind alle verwandt . Ich freue mich , aus Ihrem Munde von ihm zu hören . Er wurde noch in dem Nachspiel des Krieges verwundet , fast am letzten Tage . Bei Pontarlier . Und sehr schwer . Ich habe lange nicht von ihm gehört . Hat er sich erholt ? « » Ich glaube sagen zu dürfen , vollkommen . Er tut wieder Dienst im Regiment , wovon ich mich , ganz neuerdings erst , durch einen glücklichen Zufall überzeugen konnte ... Aber , mein gnädigstes Fräulein , wir werden unser Thema fallenlassen müssen . Die gnädige Frau lächelt bereits und bewundert die Geschicklichkeit , mit der ich , unter Heranziehung Ihres Herrn Vetters , in das Kriegsabenteuer und all seine Konsequenzen einzumünden trachte . Darf ich also vorschlagen , lieber dem wundervollen Spiele zuzuhören , das ... Oh , wie schade ; jetzt bricht es ab ... « Er schwieg , und erst als es drinnen stillblieb , fuhr er in einer ihm sonst fremden , aber in diesem Augenblicke völlig aufrichtigen Emphase fort : » Oh , meine gnädigste Frau , welch ein Zaubergarten , in dem Sie leben . Ein Pfau , der sich sonnt , und Tauben , so zahm und so zahllos , als wäre diese Veranda der Markusplatz oder die Insel Zypern in Person ! Und dieser plätschernde Strahl , und nun gar dieses Lied ... In der Tat , wenn nicht auch der aufrichtigste Beifall unstatthaft und zudringlich sein könnte ... « Er unterbrach sich , denn vom Korridore her waren eben Schritte hörbar geworden , und Melanie sagte mit einer halben Wendung : » Ah , Anastasia ! Du kommst gerade zu guter Zeit , um den Dank und die Bewunderung unseres lieben Gastes und neuen Hausgenossen allerpersönlichst in Empfang zu nehmen . Erlauben Sie mir , daß ich Sie miteinander bekannt mache : Herr Ebenezer Rubehn , Fräulein Anastasia Schmidt ... Und hier meine Tochter Lydia « , setzte Melanie hinzu , nach dem schönen Kinde hinzeigend , das , auf der Türschwelle , neben dem Musikfräulein stehengeblieben war und den Fremden ernst und beinah feindselig musterte . Rubehn bemerkte den Blick . Aber es war ein Kind , und so wandt er sich ohne weiteres gegen Anastasia , um ihr allerhand Schmeichelhaftes über ihr Spiel und die Richtung ihres Geschmackes zu sagen . Diese verbeugte sich , während Melanie , der kein Wort entgangen war , aufs lebhafteste fortfuhr : » Ei , da dürfen wir Sie , wenn ich recht verstanden habe , wohl gar zu den Unseren zählen ? Anastasia , das träfe sich gut ! Sie müssen nämlich wissen , Herr Rubehn , daß wir hier in zwei Lagern stehen und daß sich das van der Straatensche Haus , das nun auch das Ihrige sein wird , in bilderschwärmende Montecchi und musikschwärmende Capuletti teilt . Ich , tout à fait Capulet und Julia . Doch mit untragischem Ausgang . Und ich füge zum Überfluß hinzu , daß wir , Anastasia und ich , jener kleinen Gemeinde zugehören , deren Namen und Mittelpunkt ich Ihnen nicht zu nennen brauche . Nur eines will ich auf der Stelle wissen . Und ich betrachte das als mein weibliches Neugiersrecht . Welcher seiner Arbeiten erkennen Sie den höchsten Preis zu ? Worin erscheint er Ihnen am bedeutendsten oder doch am eigenartigsten ? « » In den Meistersingern . « » Zugestanden . Und nun sind wir einig , und bei nächster Gelegenheit können wir van der Straaten und Gabler , und vor allem den langen und langweiligen Legationsrat , in die Luft sprengen . Den langen Duquede ! Oh , der steigt wie ein Raketenstock . Nicht wahr , Anastasia ? « Rubehn hatte seinen Hut genommen . Aber Melanie , die durch die ganze Begegnung ungewöhnlich erfreut und angeregt war , fuhr in wachsendem Eifer fort : » Alles das sind erst Namen . Eine Woche noch oder zwei , und Sie werden unsere kleine Welt kennengelernt haben . Ich wünsche , daß Sie die Gelegenheit dazu nicht hinausschieben . Unsere Veranda hat für heute die Repräsentation des Hauses übernehmen müssen . Erinnern Sie sich , daß wir auch einen Flügel haben , und versuchen Sie bald und oft , ob er Ihnen paßt . Au revoir . « Er küßte der schönen Frau die Hand , und unter gemessener Verbeugung gegen Riekchen und Anastasia verließ er die Damen . Über Lydia sah er fort . Aber diese nicht über ihn . » Du siehst ihm nach « , sagte Melanie . » Hat er dir gefallen ? « » Nein . « Alle lachten . Aber Lydia ging in das Haus zurück , und in ihrem großen Auge stand eine Träne . Achtes Kapitel Auf der Stralauer Wiese Nach dem ersten Besuche Rubehns waren Wochen vergangen , und der günstige Eindruck , den er auf die Damen gemacht hatte , war im Steigen geblieben wie das Wetterglas . Jeden zweiten , dritten Tag erschien er in Gesellschaft van der Straatens , der seinerseits an der allgemeinen Vorliebe für den neuen Hausgenossen teilnahm und nie vergaß , ihm einen Platz anzubieten , wenn er selber in seinem hochrädrigen Cabriolet hinausfuhr . Ein wolkenloser Himmel stand in jenen Wochen über der Villa , drin es mehr Lachen und Plaudern , mehr Medisieren und Musizieren gab als seit lange . Mit dem Musizieren vermochte sich van der Straaten freilich auch jetzt nicht auszusöhnen , und es fehlte nicht an Wünschen wie der , » mit von der Schiffsmannschaft des Fliegenden Holländers zu sein « , aber im Grunde genommen war er mit dem » anspruchsvollen Lärm « um vieles zufriedener , als er einräumen wollte , weil der von nun an in eine neue , gesteigerte Phase tretende Wagner-Kultus ihm einen unerschöpflichen Stoff für seine Lieblingsformen der Unterhaltung bot . Siegfried und Brunhilde , Tristan und Isolde , welche dankbaren Tummelfelder ! Und es konnte , wenn er , in Veranlassung dieser Themata , seinem Renner die Zügel schießen ließ , mitunter zweifelhaft erscheinen , ob die Musizierenden am Flügel oder er und sein Übermut die Glücklicheren waren . Und so war Hochsommer gekommen und fast schon vorüber , als an einem wundervollen Augustnachmittage van der Straaten den Vorschlag einer Land- und Wasserpartie machte . » Rubehn ist jetzt ein rundes Vierteljahr in unserer Stadt und hat nichts gesehen , als was zwischen unserem Comptoir und dieser unserer Villa liegt . Er muß aber endlich unsere landschaftlichen Schätze , will sagen unsere Wasserflächen und Stromufer , kennenlernen , erhabene Wunder der Natur , neben denen die ganze heraufgepuffte Main-und Rheinherrlichkeit verschwindet . Also Treptow und Stralow , und zwar rasch , denn in acht Tagen haben wir den Stralauer Fischzug , der an und für sich zwar ein liebliches Fest der Maien , im übrigen aber etwas derb und nicht allzu günstig für Wiesewachs und frischen Rasen ist . Und so proponier ich denn eine Fahrt auf morgen nachmittag . Angenommen ? « Ein wahrer Jubel begleitete den Schluß der Ansprache , Melanie sprang auf , um ihm einen Kuß zu geben , und Fräulein Riekchen erzählte , daß es nun gerade dreiunddreißig Jahre sei , seit sie zum letzten Mal in Treptow gewesen , an einem großen Dobremontschen Feuerwerkstage - derselbe Dobremont , der nachher mit seinem ganzen Laboratorium in die Luft geflogen . » Und in die Luft geflogen warum ? Weil die Leute , die mit dem Feuer spielen , immer zu sicher sind und immer die Gefahr vergessen . Ja , Melanie , du lachst . Aber es ist so , immer die Gefahr vergessen . « Es wurde nun gleich zu den nötigen Verabredungen geschritten , und man kam überein , am anderen Tage zu Mittag in die Stadt zu fahren , daselbst ein kleines Gabelfrühstück einzunehmen und gleich danach die Partie beginnen zu lassen : die drei Damen im Wagen , van der Straaten und Rubehn entweder zu Fuß oder zu Schiff . Alles regelte sich rasch , und nur die Frage , wer noch aufzufordern sei , schien auf kleine Schwierigkeiten stoßen zu sollen . » Gryczinskis ? « fragte van der Straaten und war zufrieden , als alles schwieg . Denn sosehr er an der rotblonden Schwägerin hing , in der er , um ihres anschmiegenden Wesens willen , ein kleines Frauenideal verehrte , sowenig lag ihm an dem Major , dessen superiore Haltung ihn bedrückte . » Nun denn , Duquede ? « fuhr van der Straaten fort und hielt das Crayon an die Lippe , mit dem er eventuell den Namen des Legationsrates notieren wollte . » Nein « , sagte Melanie . » Duquede nicht . Und so verhaßt mir der ewige Vergleich vom Mehltau ist , so gibt es doch für Duquede keinen andern . Er würde von Stralow aus beweisen , daß Treptow , und von Treptow aus beweisen , daß Stralow überschätzt werde , und zu Feststellung dieses Satzes brauchen wir weder einen Legationsrat a. D. noch einen Altmärkischen von Adel . « » Gut , ich bin es zufrieden « , erwiderte van der Straaten . » Aber Reiff ? « » Ja , Reiff « , hieß es erfreut . Alle drei Damen klatschten in die Hände , und Melanie setzte hinzu : » Er ist artig und manierlich und kein Spielverderber und trägt einem die Sachen . Und dann , weil ihn alle kennen , ist es immer , als führe man unter Eskorte , und alles grüßt so verbindlich , und mitunter ist es mir schon gewesen , als ob die Brandenburger Torwache Heraus rufen müsse . « » Ach , das ist ja nicht um des alten Reiff willen « , sagte Anastasia , die nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ , sich durch eine kleine Schmeichelei zu insinuieren . » Das ist um deinetwillen . Sie haben dich für eine Prinzessin gehalten . « » Ich bitte nicht abzuschweifen « , unterbrach van der Straaten , » am wenigsten im Dienst weiblicher Eitelkeiten , die sich , nach dem Prinzipe von Zug um Zug , bis ins Ungeheuerliche steigern könnten . Ich habe Reiff notiert , und Arnold und Elimar verstehen sich von selbst . Eine Wasserfahrt ohne Gesang ist ein Unding . Dies wird selbst von mir zugestanden . Und nun frag ich , wer hat noch weitre Vorschläge zu machen ? Niemand ? Gut . So bleibt es bei Reiff und Arnold und Elimar , und ich werde sie per Rohrpost avertieren . Fünf Uhr . Und daß wir sie draußen bei Löbbekes erwarten . « Am andern Tage war alles Erregung und Bewegung auf der Villa , viel , viel mehr , als ob es sich um eine Reise nach Teplitz oder Karlsbad gehandelt hätte . Natürlich , eine Fahrt nach Stralow war ja das Ungewöhnlichere . Die Kinder sollten mit , es sei Platz genug auf dem Wagen , aber Lydia war nicht zu bewegen und erklärte bestimmt , sie wolle nicht . Da mußte denn , wenn man keine Szene haben wollte , nachgegeben werden , und auch die jüngere Schwester blieb , da sie sich daran gewöhnt hatte , dem Beispiele der ältern in all und jedem zu folgen . In der Stadt wurde , wie verabredet , ein Gabelfrühstück genommen , und zwar in van der Straatens Zimmer . Er wollt es so jagd- und reisemäßig wie möglich haben und war in bester Laune . Diese wurd auch nicht gestört , als in demselben Augenblicke , wo man sich gesetzt hatte , ein Absagebrief Reiffs eintraf . Der Polizeirat schrieb : » Chef eben konfidentiell mit mir gesprochen . Reise heute noch . Elf Uhr funfzig . Eine Sache , die sich der Mitteilung entzieht . Dein Reiff . Pstscr . Ich bitte der schönen Frau die Hand küssen und ihr sagen zu dürfen , daß ich untröstlich bin ... « Van der Straaten fiel in einen heftigen Krampfhusten , weil er , unter dem Lesen , unklugerweise von seinem Sherry genippt hatte . Nichtsdestoweniger sprach er unter Husten und Lachen weiter und erging sich in Vorstellungen Reiffscher Großtaten . » In politischer Mission ! Wundervoll . O lieb Vaterland , kannst ruhig sein . Aber einen kenn ich , der noch ruhiger sein darf : er , der Unglückliche , den er sucht . Oder sag ich gleich rundweg : der Attentäter , dem er sich an die Fersen heftet . Denn um etwas Staatsstreichlich-Hochverräterisches muß es sich doch am Ende handeln , wenn man einen Mann wie Reiff allerpersönlichst in den Sattel setzt . Nicht wahr , Sattlerchen von der Hölle ? Und heut abend noch ! Die reine Ballade . Wir satteln nur um Mitternacht . Oh , Lenore ! Reiff , Reiff . « Und er lachte konvulsivisch weiter . Auch Arnold und Elimar , die man nach Verabredung draußen treffen wollte , wurden nicht geschont , bis endlich die Pendule vier schlug und zur Eile mahnte . Der Wagen wartete schon , und die Damen stiegen ein und nahmen ihre Plätze : Fräulein Riekchen neben Melanie , Anastasia auf dem Rücksitz . Und mit ihren Fächern und Sonnenschirmen grüßend , ging es über Platz und Straßen fort , erst auf die Frankfurter Linden und zuletzt auf das Stralauer Tor zu . Van der Straaten und Rubehn folgten eine Viertelstunde später in einer Droschke zweiter Klasse , die man » echtheits « -halber gewählt hatte , stiegen aber unmittelbar vor der Stadt aus , um nunmehr an den Flußwiesen hin den Rest des Weges zu Fuß zu machen . Es schlug fünf , als unsre Fußgänger das Dorf erreichten und in Mitte desselben Ehms ansichtig wurden , der mit seinem Wagen , etwas ausgebogen , zur Linken hielt und den ohnehin wohl gepflegten Trakehnern einen vollen Futtersack eben auf die Krippe gelegt hatte . Gegenüber stand ein kleines Haus , wie das Pfefferkuchenhaus im Märchen , bräunlich und appetitlich und so niedrig , daß man bequem die Hand auf die Dachrinne legen konnte . Dieser Niedrigkeit entsprach denn auch die kaum mannshohe Tür , über der , auf einem wasserblauen Schilde , » Löbbekes Kaffeehaus « zu lesen war . In Front des Hauses aber standen drei , vier verschnittene Lindenbäume , die den Bürgersteig von dem Straßendamme trennten , auf welchem letzteren Hunderte von Sperlingen hüpften und zwitscherten und die verlorenen Körner aufpickten . » Dies ist das Ship-Hotel von Stralow « , sagte van der Straaten im Cicerone-Ton und war eben willens , in das Kaffeehaus einzutreten , als Ehm über den Damm kam und ihm halb dienstlich , halb vertraulich vermeldete , » daß die Damens schon vorauf seien , nach der Wiese hin . Und die Herren Malers auch . Und hätten beide schon vorher gewartet und gleich den Tritt runtergemacht und alles . Erst Herr Gabler und dann Herr Schulze . Und an der Würfelbude hätten sie Strippenballons und Gummibälle gekauft . Und auch Reifen und eine kleine Trommel und allerhand noch . Und einen Jungen hätten sie mitgenommen , der hätte die Reifen und Stöcke tragen müssen . Und Herr Elimar immer vorauf . Das heißt mit ' ner Harmonika . « » Um Gottes willen « , rief van der Straaten , » Ziehharmonika ? « » Nein , Herr Kommerzienrat . Wie ' ne Maultrommel . « » Gott sei Dank ... ! Und nun kommen Sie , Rubehn . Und du , Ehm , du wartest nicht auf uns und läßt dir geben ... Hörst du ? « Ehm hatte dabei seinen Hut abgenommen . In seinen Zügen aber war deutlich zu lesen : ich werde warten . Am Ausgange des Dorfes lag ein prächtiger Wiesenplan und dehnte sich bis an die Kirchhofsmauer hin . In Nähe dieser hatten sich die drei Damen gelagert und plauderten mit Gabler , während Elimar einen seiner großen Gummibälle monsieurherkulesartig über Arm und Schulter laufen ließ . Van der Straaten und Rubehn hörten schon von ferne her das Bravoklatschen und klatschten lebhaft mit . Und nun erst wurde man ihrer ansichtig , und Melanie sprang auf und warf ihrem Gatten , wie zur Begrüßung , einen der großen Bälle zu . Aber sie hatte nicht richtig gezielt , der Ball ging seitwärts , und Rubehn fing ihn auf . Im nächsten Augenblicke begrüßte man sich , und die junge Frau sagte : » Sie sind geschickt . Sie wissen den Ball im Fluge zu fassen . « » Ich wollt , es wäre das Glück . « » Vielleicht ist es das Glück . « Van der Straaten , der es hörte , verbat sich alle derartig intrikaten Wortspielereien , widrigenfalls er an die Braut telegraphieren oder vielleicht auch Reiff in konfidentieller Mission abschicken werde . Worauf Rubehn ihn zum hundertsten Male beschwor , endlich von der » ewigen Braut « ablassen zu wollen , die wenigstens vorläufig noch im Bereich der Träume sei . Van der Straaten aber machte sein kluges Gesicht und versicherte , » daß er es besser wisse « . Danach kehrte man an die Lagerstelle zurück , die sich nun rasch in einen Spielplatz verwandelte . Die Reifen , die Bälle flogen , und da die Damen ein rasches Wechseln im Spiele liebten , so ging man , innerhalb anderthalb Stunden , auch noch durch Blindekuh und Gänsedieb und » Bäumchen , Bäumchen , verwechselt euch « . Das letztere fand am meisten Gnade , besonders bei van der Straaten , dem es eine herzliche Freude war , das scharfgeschnittene Profil Riekchens mit ihren freundlichen und doch zugleich etwas stechenden Augen um die Baumstämme herumgucken zu sehen . Denn sie hatte , wie die meisten Verwachsenen , ein Eulengesicht . Und so ging es weiter , bis die Sonne zum Rückzug mahnte . Harmonika-Schulze führte wieder , und neben ihm marschierte Gabler , der das Trommelchen ganz nach Art eines Tambourins behandelte . Er schlug es mit den Knöcheln , warf es hoch und fing es wieder . Danach folgte das van der Straatensche Paar , dann Rubehn und Fräulein Riekchen , während Anastasia träumerisch und Blumen pflückend den Nachtrab bildete . Sie hing süßen Fragen und Vorstellungen nach , denn Elimar hatte beim Blindekuh , als er sie haschte , Worte fallenlassen , die nicht mißdeutet werden konnten . Er hätte denn ein schändlicher und zweizüngiger Lügner sein müssen . Und das war er nicht ... Wer so rein und kindlich an der Tête dieses Zuges gehen und die Harmonika blasen konnte , konnte kein Verräter sein . Und sie bückte sich wieder , um ( zum wievielsten Male ! ) an einer Wiesenranunkel die Blätter und die Chancen ihres Glücks zu zählen . Neuntes Kapitel Löbbekes Kaffeehaus Vor Löbbekes Kaffeehaus hatte sich innerhalb der letzten zwei Stunden nichts verändert , mit alleiniger Ausnahme der Sperlinge , die jetzt , statt auf dem Straßendamm , in den verschnittenen Linden saßen und quirilierten . Aber niemand achtete dieser Musik , am wenigsten van der Straaten , der eben Melanies Arm in den Elimars gelegt und sich selbst an die Spitze des Zuges gesetzt hatte . » Attention ! « rief er und bückte sich , um sich ohne Fährlichkeit durch das niedrige Türjoch hindurchzuzwängen . Und alles folgte seinem Rat und Beispiel . Drinnen waren ein paar absteigende Stufen , weil der Flur um ein erhebliches niedriger lag als die Straße draußen , weshalb denn auch den Eintretenden eine dumpfe Kellerluft entgegenkam , von der es schwer zu sagen war , ob sie durch ihren biersäuerlichen Gehalt mehr gewann oder verlor . In der Mitte des Flurs sah man nach rechts hin eine Nische mit Herd und Rauchfang , einer kleinen Schiffsküche nicht unähnlich , während von links her ein Schanktisch um mehrere Fuß vorsprang . Dahinter ein sogenanntes » Schapp « , in dem oben Teller und Tassen und unten allerhand ausgebuchtete Likörflaschen standen . Zwischen Tisch und Schapp aber thronte die Herrin dieser Dominien , eine große , starke Blondine von Mitte Dreißig , die man ohne weiteres als eine Schönheit hätte hinnehmen müssen , wenn nicht ihre Augen gewesen wären . Und doch waren es eigentlich schöne Augen , an denen in Wahrheit nichts auszusetzen war , als daß sie sich daran gewöhnt hatten , alle Männer in zwei Klassen zu teilen , in solche , denen sie zuzwinkerten : » Wir treffen uns noch « , und in solche , denen sie spöttisch nachriefen : » Wir kennen euch besser « . Alles aber , was in diese zwei Klassen nicht hineinpaßte , war nur Gegenstand für Mitleid und Achselzucken . Es muß leider gesagt werden , daß auch van der Straaten von diesem Achselzucken betroffen wurde . Nicht seiner Jahre halber , im Gegenteil , sie wußte Jahre zu schätzen , nein , einzig und allein , weil er von alter Zeit her die Schwäche hatte , sich à tout prix populär machen zu wollen . Und das war der Blondine das Verächtlichste von allem . Am Ausgange des Flurs zeigte sich eine noch niedrigere Hoftür , und dahinter kam ein Garten , drin , um kümmerliche Bäume herum , ein Dutzend grüngestrichene Tische mit schrägangelehnten Stühlen von derselben Farbe standen . Rechts lief eine Kegelbahn , deren vorderstes unsichtbares Stück sehr wahrscheinlich bis an die Straße reichte . Van der Straaten wies ironischen Tons auf all diese Herrlichkeiten hin , verbreitete sich über die Vorzüge anspruchslos gebliebener Nationalitäten und stieg dann eine kleine Schrägung nieder , die , von dem Sommergarten aus , auf einen großen , am Spreeufer sich hinziehenden und nach Art eines Treibhauses angelegten Glasbalkon führte . An einer der offenen Stellen desselben rückte die Gesellschaft zwei , drei Tische zusammen und hatte nun einen schmalen , zerbrechlichen Wassersteg und links davon ein festgeankertes , aber schon dem Nachbarhause zugehöriges Floß vor sich , an das die kleinen Spreedampfer anzulegen pflegten . Rubehn erhielt ohne weiteres den besten Platz angewiesen , um als Fremder den Blick auf die Stadt frei zu haben , die , flußabwärts , im rot- und golddurchglühten Dunst eines heißen Sommertages dalag . Elimar und Gabler aber waren auf den Wassersteg hinausgetreten . Alles freute sich des Bildes , und van der Straaten sagte : » Sieh , Melanie . Die Schloßkuppel . Sieht sie nicht aus wie Santa Maria Saluta ? « » Salutè « , verbesserte Melanie , mit Akzentuierung der letzten Silbe . » Gut , gut . Also Salutè « , wiederholte van der Straaten , indem er jetzt auch seinerseits das e betonte . » Meinetwegen . Ich prätendiere nicht , der alte Sprachenkardinal zu sein , dessen Namen ich vergessen habe . Salus , salutis , vierte Deklination , oder dritte , das genügt mir vollkommen . Und Salutà oder Salutè macht mir keinen Unterschied . Freilich muß ich sagen , so wenig zuverlässig die lieben Italiener in allem sind , so wenig sind sie ' s auch in ihren Endsilben . Mal a , mal e. Aber lassen wir die Sprachstudien , und studieren wir lieber die Speisekarte . Die Speisekarte , die hier natürlich von Mund zu Mund vermittelt wird , eine Tatsache , bei der ich mich jeder blonden Erinnerung entschlage . Nicht wahr , Anastasia ? He ? « » Der Herr Kommerzienrat belieben zu scherzen « , antwortete Anastasia pikiert . » Ich glaube nicht , daß sich eine Speisekarte von Mund zu Mund vermitteln läßt . « » Es käm auf einen Versuch an , und ich für meinen Teil wollte mich zu Lösung der Aufgabe verpflichten . Aber erst wenn Luna herauf ist und ihr Antlitz wieder keusch hinter Wolkenschleiern birgt . Bis dahin muß es bleiben , und bis dahin sei Friede zwischen uns . Und nun , Arnold , ernenn ich dich , in deiner Eigenschaft als Gabler , zum Erbküchenmeister und lege vertrauensvoll unser leibliches Wohl in deine Hände . « » Was ich dankbarst akzeptiere « , bemerkte dieser , » immer vorausgesetzt , daß du mir , um mit unsrem leider abwesenden Freunde Gryczinski zu sprechen , einige Direktiven erteilen willst . « » Gerne , gerne « , sagte van der Straaten . » Nun denn , so beginne . « » Gut . So proponier ich Aal und Gurkensalat ... Zugestanden ? « » Ja «