einzige Kind ihrer Eltern war , weil ihr Wesen von je herb und entschieden gewesen , vor allem aber , weil die Mutter den Wunsch des Mädchens nicht so unvernünftig fand . Die Rosel war ja fast ebenso reich wie häßlich ; das Mutterherz fühlte nach , wie sich ihr Kind dagegen sträubte , bloß um des Geldes willen genommen zu werden . Aber auch sie war tief erschreckt , als ihr das Mädchen sagte : » Froim der Schreiber hat mir gesagt , daß er mich will , und ich nehm ' ihn ! « , denn der Froim Kurländer war ein hübscher , starker , lustiger , aber sehr armer Bursche , der sich durch das Abschreiben von Thorarollen notdürftig ernährte , und dies umso schwerer , als er sein bißchen Verdienst immer rasch unter die Leute brachte . » Eben darum nehm ' ich ihn « , meinte die Rosel . » Er verachtet das Geld . Wenn er mich will , so ist ' s um meinetwillen . « Da irrte sie . Froim ließ sich nur eben durch die reiche Mitgift über das Unglück trösten , die häßlichste Frau im Kreise zu haben . Es ward eine jämmerliche Ehe . Der Mann war ein Säufer und Spieler und kam nur dazu manchmal heim , um neues Geld zu holen oder sein Weib zu prügeln , wenn sie ihm keines gab . Vergeblich rieten der Rosel die Verwandten , sich von dem wüsten Menschen scheiden zu lassen . Die düstere Frau schüttelte den Kopf : ihr geschehe nur , was sie verdient habe , und sie wolle die Suppe , welche sie sich selbst eingebrockt , bis auf den letzten Löffel schlucken . Das erfüllte sie denn auch ganz und gar . Erst nachdem sie dem Trunkenbold nichts mehr zu geben hatte , prügelte sie ihn einmal so unmenschlich durch , und schwor mit so entsetzlichen Eiden , ihn zu morden , wenn er sich je wieder blicken lasse , daß der Lump verschwand , als hätte ihn die Erde verschlungen . Nun pachtete die Rosel den Schranken und begann in dem einsamen Hause ein neues , mühseliges Leben . Sie hielt keine Dienerin , keinen Knecht und verrichtete selbst den harten Dienst , rastlos , Tag und Nacht , mit einziger Ausnahme des Sabbats , und auch das nur , weil das Gesetz es gebot . Und wenn die Leute sie vor den Gefahren solcher Einsamkeit warnten , erwiderte sie kurz : jedes Kind im Kreise kenne ihre Geschichte und wisse , daß sie jetzt bettelarm sei , und vor sonstigen Anfechtungen wahre sie ihr Gesicht hinlänglich . Übrigens ward jeder dieser Rater in einer Art empfangen , daß er nicht wiederkam . So galt sie bald den einen als verrückt , den anderen als menschenfeindlich und ward von allen gemieden . Aber wie edel und klar sie war , bewies sie an der unglücklichen Witwe des Mendele . Sie pflegte sie bis zur letzten Stunde wie eine Schwester , und zog dann das Knäblein durch künstliche Ernährung mit unsäglicher Mühe auf . Das Schicksal des » Pojaz « ist dadurch bestimmt worden , daß er dieser Eltern Sohn gewesen und von dieser Frau auferzogen worden ist ; er selbst hat im Grunde wenig dazu getan , wie denn überhaupt das Wort , daß jeder seines eigenen Glückes Schmied sei , wohl die größte Lüge ist , welche so durch all die Zeiten von Mund zu Mund geht . Übrigens erfuhr er seine Herkunft erst spät , er hielt sich für der Rosel Sohn , und die Leute taten ihr den Willen , ihn nicht aufzuklären ; sie hatte so flehentlich darum gebeten , daß selbst der Roheste nicht entgegenhandeln wollte . Auch hielt ihn die Frau wie ihr eigenes Fleisch und Blut ; alle Liebeskraft des einsamen , verbitterten Herzens hatte sie dem Knaben zugewendet . Wer an der Maut vorüberfuhr und das schön geputzte Kind neben dem ärmlichen Weibe auf dem Steinbänkchen sitzen sah , mußte glauben , daß da eine Magd das Söhnchen ihrer Herrin bewache . Den Leuten von Barnow begegnete die Rosel so herb wie sonst , aber dem Knaben fast töricht weich . Vielleicht auch deshalb , weil er trotz aller Pflege schwächlich blieb ; ein mageres , hastiges Bübchen mit dunklen , unruhigen Augen , das fortwährend umherschoß und fragte und sich zu tun schaffte . Zutraulich lief es den Vorüberziehenden zu , begleitete sie lange Strecken Weges und hatte auch bald unter den Fuhrknechten , welche da regelmäßig vorbeikamen , eine große Anzahl Freunde , von denen es eifrig lernte , was sie eben lehren konnten : mit den Pferden umzugehen und allerlei russische und polnische Lieder und Sprüche , gerade nicht immer des saubersten Inhalts . Es war eigen , wie rasch sich das Bürschchen mit den rohen Gesellen vertraut zu machen wußte . Und doch ermunterten sie es anfangs wahrlich nicht oder hielten sich gar den » jungen Judenhund « mit der Peitsche vom Leibe . Aber er gewann sie durch seine hastige , possierliche Art , und dann , weil er ihre Sprache so fertig und ohne Akzent erlernte , wie sie es aus jüdischem Munde kaum gehört , noch für glaublich gehalten hatten . Besonders ein schweigsamer , ältlicher , ruthenischer Knecht , namens Fedko Hayduck , der wöchentlich zweimal mit dem Gemüsewagen der Dominikaner aus dem Meierhofe vorüberkam , ward ganz bezaubert vom » Senderko « , freute sich auf die Maut , wie sehr er sie sonst auch verwünschte , weil dann der Bube eine halbe Stunde mit ihm fuhr , und meinte immer : » Der Teufel mag alle Heiligen loben , wenn das ein Judenblut ist . Den haben die Juden einmal zu Ostern auf einen Braten gestohlen , aber es war ihnen zu wenig Fleisch und Blut daran ! Denn wann hat man gehört , daß ein Jud ' so sprechen kann oder gar singen ! Eher glaub ' ich wahrhaftig noch die Geschichte vom fleißigen Edelmann ! « Minder erbaut waren die Leute im Städtchen von diesem Treiben , doch ließen sie der seltsamen Erziehung ihren Lauf . Auch holte sich niemand gern ohne Grund die wuchtigen Höflichkeiten ab , die Frau Rosel für jeden Besucher bereit hielt . Aber als der Knabe endlich neunjährig geworden , ohne auch nur einen Buchstaben zu kennen , trieb die Leute ihr frommes Gewissen , sich ins Mittel zu legen . Denn Unterricht und Gottesdienst sind ja bei diesem Volke eins und Unwissenheit eine Todsünde ; wer nicht lesen kann , ist auf Erden ein Verruchter , im Jenseits ein Verdammter . So ordneten sie eine Gesandtschaft ins Mauthaus ab , welche wohl bitter empfangen wurde , aber doch ihren Zweck erreichte . Sie werde , erklärte die Frau , ihr liebes Kind keinem » Cheder « ( Judenschule ) anvertrauen , aber einen » Knaben-Bocher « , einen Hofmeister , wolle sie gern bezahlen . Nur die Schwächlichkeit des Knaben habe sie bisher abgehalten , dies selbst zu veranlassen . Doch müsse sie bitten , ihr einen sanften und geduldigen Menschen zu schicken . Der Beisatz war fast überflüssig , denn ungeduldige » Knaben-Bachorim « gibt es nicht , wenigstens nicht im podolischen Ghetto . Das sind Leute anderen Schlages , als die » Jeschiwa-Bachorim « , die Hörer an den Rabbinerschulen . Es ist ein Gegensatz wie etwa zwischen dem dürftigen Schulmeister und dem übermütigen , selbstbewußten Sohn der » Alma mater « . Es kommt ja auch vor , daß aus einem flotten Studenten , der nicht ans Ziel gelangt , ein zahmer Hofmeister oder gar ein gedrückter Volksschullehrer wird , aber dann ändert er eben sein Wesen . Die Knaben-Bachorim sind arme , scheue , demütige Menschen , die sich im Schweiße des Angesichts ihr kümmerliches Brot verdienen und alle Launen der Zöglinge und ihrer Eltern mit so unbewegtem Gesichte hinnehmen , als wäre das im Gegenteil gerade die Butter auf dies harte Brot . Da aber mit der Frau da draußen nicht zu spaßen war , so schickte man ihr ein wahres Lamm . Es war dies der Bocher Naphtali , der wohl mit seinem Familiennamen Ritterstolz hieß , aber ein halbverhungertes Männchen von kleiner , dürftiger Gestalt war , mit einem Gesicht wie aus schlechtem Fließpapier geschnitten . Der Unterricht begann und anfangs ging alles gut , der Knabe saß still und ließ sich in die Geheimnisse des Alphabets einführen , weil ihn die Neuheit der Sache interessierte und weil sich das bärtige Männchen im Erklären so komisch hin und her wiegte , wie ein Perpendikel , und jedes Wort schön durch die Nase sang . Nur wenn der Fedko vorbeikam , lief Sender davon . Aber bald lief er auch davon , wenn ein anderer Wagen vorbeikam , und schließlich ohne jede Veranlassung . Auch Mosche Rindsbraten , Schlome Rosenthal , Chaim Fragezeichen , Selig Diamant und wie sonst die Pädagogen von Barnow hießen , hatten kein besseres Ergebnis zu verzeichnen . Da sich jeder von ihnen sonderbar hin und her bewegte und durch die Nase sang und jeder in anderer Art , so hielt der Knabe in den ersten Stunden immer still , aber da keiner gelernt hatte , Variationen in seinen Vortrag oder Vorsang anzubringen , so ward das Ende immer dasselbe . Die Frau nahm sich das nicht zu Herzen . » Das Kind hat ja Zeit « , meinte sie . Und so hatte das blasse , hastige , vorwitzige Büblein wieder selige Tage , fast ein Jahr lang . Aber sie sollten ein jähes Ende nehmen , auf immer . Zwei Ereignisse führten dies herbei , ein Spaziergang und eine Kunstproduktion . Da fuhr nämlich einmal Sender auf dem Gemüsewagen des Fedko davon und kam nicht wieder ; erst am dritten Tage brachte ihn ein Barnower Dorfgeher der angstgequälten Pflegemutter zurück . Er habe nach Lemberg gewollt , erklärte Sender unbefangen , weil man ihm erzählt habe , daß dies die schönste und größte Stadt der Welt sei . Und als ihn die Frau fragte , ob er denn nicht Heimweh oder Bangen verspürt habe , schüttelte der Zehnjährige den Kopf ; er kannte die Empfindung offenbar gar nicht . Das machte die Mutter denn doch nachdenklich . Aber noch fand sie nicht den Schlüssel für die sonderbare Natur des Kindes . Erst ein Fremder sollte es ihr mit dürren Worten sagen , der alte , reiche Moses Freudenthal , als er einmal während eines jähen Regens Schutz in ihrem Häuschen suchte . Der Greis fragte den Knaben , warum er nicht lernen wolle , und erhielt darauf die keckste und possierlichste Antwort . Da setzte sich das Bürschlein an den Tisch und kopierte jeden seiner unglücklichen Erzieher so schrecklich getreu mit allen Arten und Unarten , daß der alte Mann vor ungemeinem Staunen gar nicht zum Lachen kam . Es war kein bloßes Nachäffen , wie man es von ungezogenen Kindern häufig genug sieht , sondern dem Manne war ' s , als sähe er da wirklich bald den Chaim Fragezeichen , bald den Naphtali Ritterstolz , bald den Schlome Rosenthal leibhaftig vor sich sitzen . Und als nun der Knabe , durch die Mutter aufgemuntert , auch seine Freunde , die Fuhrknechte vorzuführen begann , alle mit fast unheimlicher Naturtreue in Stimme und Ausdruck , da blieb der alte Mann wohl eine Stunde über den Regen sitzen und sagte der Frau , als er schied : » Es ist ein Pojaz , wie ich noch keinen gesehen habe . Er hat ' s von seinem Vater , aber er trifft ' s schon jetzt besser als der Kowner ! Denkt an mich : in drei Jahren läuft er davon und läßt nie wieder von sich hören . Eines Schnorrers Sohn ist er und ein Schnorrer wird er werden ! « Die Frau erschrak tödlich ; wie Schuppen fiel es ihr von den Augen , nun konnte sie sich auch diesen seltsamen Wandertrieb erklären . Eine quälende Angst erfüllte ihr Herz ; nicht dazu hatte sie das fremde Kind mit so unsäglicher Mühe aufgezogen , daß es , kaum flügge geworden , sie allein lasse und fortziehe ins fremde Elend hinein ! Und dann - was hatte sie der sterbenden Mutter gelobt ? ! » Seid ruhig , Miriam , und sagt es auch Eurem armen Mann , wenn Ihr ihn drüben wiederseht : aus Eurem Sender wird kein Schnorrer , solang die Rosel die Augen offen hat . So wahr mir Gott barmherzig sein möge in meiner letzten Stunde - ich will ihn davor hüten ! « Die Miriam hatte ihr nur noch mit einem Blick danken können , aber der sprach : » Ich glaube dir - du bist auch die Frau , die ihren Schwur halten kann ! « Und sie hatte ja auch dem Knaben aus dem doppelten Grund , ihn an sich zu fesseln und ihn vor jedem Gedanken an jenes unselige Leben zu bewahren , seine Herkunft so ängstlich verschwiegen , hatte es durchgesetzt , daß der Rabbi es jedem eingeschärft : » Der Sender ist der Rosel Sohn - wer es ihm anders sagt , begeht eine Sünde ! « Und nun ? ! Aber neben dem Schmerz bäumte sich auch ein wilder Groll in ihr auf . Sie zürnte dem Knaben für das , was wahrlich nicht seine Schuld war : sein Blut und seine Erziehung . Denn wie sehr die Freiheit , die sie ihm in ihrer Zärtlichkeit gegönnt hatte , den angeborenen Trieb habe mehren müssen , sah sie nicht ein ; sie hatte nur die Empfindung , daß er diese Zärtlichkeit mißbraucht habe . Frau Rosel verbrachte eine schlaflose Nacht . Am nächsten Morgen raffte sie die Habseligkeiten des Knaben zusammen und ging mit ihm ins Städtchen . Sie wolle ihren Sohn in ein » Cheder « tun , erklärte sie , und wünsche , daß man ihr einen recht strengen » Rebbe « bezeichne . Auch diesmal war der Beisatz fast überflüssig , denn der Leiter eines » Cheders « ist niemals sanft , wenigstens nicht im polodischen Ghetto . Wenn ein » Knaben-Bocher « sich zum » Rebbe « aufschwingt , zum Besitzer einer eigenen Lehrstube , in welcher er zwanzig , dreißig und mehr Kinder gleichzeitig unterrichtet , so wird er auch innerlich ein anderer Mensch oder kehrt sein Inneres ungescheut hervor , da er ja nun keine ängstlichen Rücksichten mehr zu nehmen braucht . Gewöhnlich wird aus dem sanftesten » Bocher « der grausamste » Rebbe « , der nun auch unerbittlich alle jene Hiebe austeilt , welche er durch manches Jahr seinen Herren Zöglingen nur in der Phantasie widmen durfte . Auch sitzen ja da meist die Kinder ärmerer Leute , welche kaum ein Lehrgeld von zwei Kreuzern täglich bezahlen . So ist der » Rebbe « vor Beschwerden ziemlich sicher ; ein armer Mann ist froh , wenn er sein Kind in der Schule weiß , und übrigens bewahrt ja sein eigenes Hinterteil lebhafte Erinnerungen aus der Jugendzeit - warum sollte es die junge Generation besser haben ? ! Totgeschlagen ist im » Cheder « noch niemand worden , trösten sich die Leute , und das mag wahr sein , sofern man einen schlichten , klaren , durch den Galgen zu bestrafenden Mord meint . Aber langsam ist da sicherlich manches junge Leben erdrosselt worden : durch die abscheulichen Mißhandlungen roher Fanatiker . Es ist sicherlich ein schöner und kluger Grundzug des jüdischen Volkstums , das Lernen zur religiösen Pflicht , die Gelehrsamkeit zum Verdienst vor Gott , den Adel der Gelehrsamkeit zum einzigen im Judentum gültigen Adel zu machen , und es wäre nur wünschenswert , daß die altgläubige Judenschaft dies auch von anderem Wissen gelten ließe , nicht bloß vom Hebräisch-Lesen und dem Pentateuch , dem Talmud und der Kaballa . Aber dieser schöne und kluge Grundzug hat zur abscheulichen Einrichtung der » Cheder « ( zu deutsch » Stuben « ) geführt , einem Schandfleck des orthodoxen Judentums , an welchem die Edlen und Einsichtigen dieses Glaubens eifrig aber vergebens herumscheuern . Denn sie bringen den Schandfleck trotz aller Mühe nicht weg , vielleicht , weil ihnen nur das Öl vernünftiger Überredung zu Gebote steht und nicht das zuweilen sehr heilsame Vitriol der Gewalt . So wuchern diese Marterhöhlen für Körper und Geist noch immer fort ... Auch in Barnow gab und gibt es deren viele , und das Weib aus dem Mauthause hatte stattliche Auswahl . Sie entschied sich für die Anstalt des Reb Elias Wohlgeruch , weil man ihr sagte , daß dieser Mann es verstehe , auch den wildesten Trotz zu brechen . Elias Wohlgeruch hauste in einem der schmutzigsten , dumpfigsten Gäßchen von Barnow . Weder das Haus , noch der Mann machten dem Familiennamen große Ehre . Modrig und baufällig war die Spelunke , die wackeligen Mauern halb in die Erde gesunken , und das Innere bestand aus einem einzigen leidlich großen , wüsten und feuchten Raum , der alles in einem war : Küche , Empfangszimmer und Schlafsaal der Familie , Lehrsaal der Anstalt und Studierzimmer des Hausherrn . Da hockten in einem Knäuel an die vierzig Kinder , die größeren auf Schemeln , die kleineren auf dem nackten , schlüpfrigen Lehmboden , unter ihnen Reb Elias . Was sie trieben , hörte man durch das ganze Gäßchen : ein eintöniges Summen und Surren , in welches sich zuweilen ein durchdringendes Jammergeheul mischte . Gerade als die Frau mit dem Knaben vor dem Häuschen hielt , ging drinnen eine solche Exekution vor sich . Frau Rosel erbleichte , faßte die Hand des Kindes fester und zauderte einen Augenblick . Dann schüttelte sie finster den Kopf und trat über die Schwelle . Freilich wich sie im selben Augenblicke unwillkürlich zurück ; sie war draußen in ihrem reinlichen Feldhäuschen solcher Düfte nicht gewohnt , wie sie diesen düsteren Raum erfüllten . Denn zu der Ausdünstung der vielen Menschen kam der Dunst des Herdes , an welchem Frau Chane Wohlgeruch das Mittagessen bereitete , und überhaupt genau so waltete , wie Schiller singt , nur daß sie nicht bloß den Knaben , sondern auch den Mädchen wehrte und bald dem , bald jenem ihrer Kinder eine ungeheure Maulschelle gab . In ähnlichen Bewegungen bestand auch die Haupttätigkeit ihres Gatten ; nur daß er bei der großen Anzahl der Schüler die eigene Hand , so knochig und fest sie war , nicht für ausreichend hielt und darum immer ein scharfkantiges , messingbeschlagenes Lineal schwang , auf welchem mancher dunkle Fleck saß , nicht Tinte , sondern Blut . Das war übrigens nur das Werkzeug für den ersten Torturgrad . Der zweite wurde neben der Tür vollzogen , wo auf einem Schemel ein anscheinend harmloser , aber in guten Essig getauchter Birkenzweig ruhte - er ruhte aber selten - . Der dritte Grad endlich wurde in einem dunklen Winkel geübt ; dort war ein Haufe scharfkantiger Steine geschichtet , auf die man den armen kleinen Sünder gebunden hinwarf . Als die Rosel mit dem neuen Zögling eintrat , war gerade nur das Lineal in Tätigkeit , aber auch dies wirkte , wenn man aus dem Geheul des eben bearbeiteten Jungen schließen durfte , sehr energisch . Auch der Lehrer war offenbar erregt , und wenn der hagere , furchtbar verwahrloste Mann mit der ungeheuren Geiernase im verkniffenen Gesichte auch sonst keinen gemütlichen Eindruck machte , so mußte er nun in seiner Raserei geradezu unheimlich erscheinen . Der kleine » Pojaz « schrie denn auch , als sollte er an den Spieß gesteckt werden . Frau Rosel zauderte abermals . Aber dann gab sie dem Bübchen einen festen Ruck und brachte ihren Antrag vor . Reb Elias war natürlich einverstanden , hier doppelt , weil sich die Frau bei der Feststellung des Kost-und Lehrgeldes nicht knickrig zeigte . Er hoffe den besten Erfolg , versicherte er , seiner Erziehungsmethode habe auch der wildeste Range nicht widerstanden . Und dann erklärte er dem Ankömmling in einladendster Weise die Bedeutung des Lineals , des Schemels und der Steine . Der armen Frau gab es einen Stich durchs Herz , aber sie blieb fest , und als der Rebbe , wahrlich nicht aus Menschenliebe , fragte , ob sie nicht den Knaben mindestens jeden Sabbat über bei sich zu haben wünsche , erwiderte sie : » Nein ! nicht eher , als bis er mindestens gut lesen kann . « Aber Sender kam schon viel früher heim : am Abend desselben Tages . Das Bübchen hatte sich mühsam bis zum Mauthaus geschleppt und wenn es auch vor blutigem Weinen nicht zum Reden kam , so erzählte doch der arme , zarte Leib , daß der Erzieher neben der alten Betschul bereits im Laufe des einzigen Tages Zeit gefunden , alle drei Mittel in Anwendung zu bringen . Die düstere Frau wusch und kühlte schweigend den Körper ihres Lieblings und bettete ihn an gewohnter Stelle . Dann verbrachte sie schlaflos die Nacht an seinem Lager und weinte vor sich hin , weinte zum ersten Male seit langen Jahren . Aber als Sender wieder wohl war , zerrte sie ihn doch zurück zum Cheder . In dieser Frau war eine unheimlich starke Kraft des Willens , stärker als in den meisten Männern ihres Stammes . Man soll nicht überflüssig Düsteres berichten , und nichts auf Erden ist düsterer als grausames Leid , das sich über hilfloser Kindheit entlädt . Darum kein Wort über die Art , wie Reb Elias die Wiederkehr des Flüchtlings feierte , und über die Methode , durch die er ihm schließlich doch das Lesen beibrachte . Das geschah freilich erst nach zwei Monaten . Aber dann sah sich Reb Elias benötigt , einen Besuch im Mauthause zu machen . » Ich habe ihn wirklich weit gebracht « , erklärte er , » wir könnten jetzt sogar schon mit dem Übersetzen anfangen , aber der Bub ist so trotzig . Aus Trotz hat er sich jetzt in eine Ecke gelegt und will nichts mehr essen . « Die Frau ging zu dem Kinde . Und als sie an seinem Lager niederkniete , da wurde sie inne , daß Sender in seinem Trotze noch viel weiter ging : das Bübchen atmete kaum noch und sein linker Arm war gebrochen . Frau Rosel blickte den Rebbe mit einem langen Blicke an , daß er entsetzt in eine Ecke zurückwich . Dann hob sie den Knaben in ihre Arme und trug ihn heim . Der Arzt machte anfangs ein bedenkliches Gesicht , weil der Bruch so lange vernachlässigt geblieben . Aber in dem schwächlichen Knaben war doch etwas von der eisernen Natur des Vaters . Nach vier Wochen war jede Gefahr vorüber . An dem Tage , wo ihr der Arzt dies erklärte , wich Rosel zuerst vom Lager des Kranken . Sie ging in ihr Gärtchen und schnitt dort eine lange , starke und doch biegsame Staude ab . Und so gerüstet machte sie dem Rebbe Elias Wohlgeruch einen Besuch . Von den Gesprächen , welche sie in stiller Kammer mit ihm gepflogen , wurden auf die Straße hinaus freilich nur unartikulierte Laute hörbar , aber ihr Inhalt blieb im allgemeinen doch nicht unbekannt . So endete dieser Abschnitt in den Lehr- und Lernjahren des » Pojaz « mit einer stark dramatischen Szene . Viertes Kapitel Nun wechselt der Schauplatz dieser Geschichte ; sie spielt nicht mehr in Barnow , sondern in Buczacz . Aber da dies gleichfalls ein erbärmliches galizisches Judennest ist und im selben Kreise , nur fünf Meilen von Barnow liegt , so ist dies anscheinend kein großer Unterschied . Aber nur anscheinend , in Wahrheit trennt die Bewohner beider Städtchen die tiefste Kluft . Wohl sind sie gleich ungebildet , gleich arm , gleich mißachtet , wohl tragen sie die gleiche Tracht und beugen sich demselben Gotte , aber sie dienen ihm in grundverschiedener Weise . Die Juden von Barnow sind » Chassidim « , Mucker und Schwärmer , wilde , phantastische Fanatiker , die zwischen grausamer Aszese und üppiger Schwelgerei seltsam hin und her schwanken . Sie halten sich - daher ihr Name - für die » Begnadeten « unter den Juden , weil ihnen andere tiefere Quellen der Offenbarung fließen : jene der » Kaballa « , namentlich des Buches » Sohar « . In Buczacz hingegen wohnen » Misnagdim « , harte , nüchterne Leute , die vor allem die Bibel ehren , den Talmud aber nur insoweit , als er die Bibel erläutert , wie denn überhaupt die Geltung dieses Konversationslexikons bei keiner Sekte eine bindende ist , ja nicht einmal sein kann , weil es nicht viele Fragen gibt , über die der Talmud nicht sehr verschiedene Ansichten enthielte . Praktische , kühle Menschen , leben die Misnagdim schlecht und recht den Gesetzen ihres Glaubens nach , halten aber die zehn Gebote für wichtiger als alles andere , erklären sich die Wunder in möglichst natürlicher Art , sind jedoch im übrigen jeder überflüssigen Grübelei abgeneigt . Jedes Gleichnis hinkt , vielleicht darf hier gleichwohl an den Gegensatz zwischen den protestantischen » Stillen im Lande « und den Rationalisten derselben Konfession erinnert werden - es ist aber eben nur ein entfernt ähnliches Verhältnis . Da der Glaube der Juden des Ostens in allen Stücken das belebende Moment ist , der Urquell und Endzweck allen Strebens , so sind die Juden von Barnow und die von Buczacz in der Tat grundverschieden . In Barnow wird viel gefastet , aber auch viel gezecht , in Buczacz bewegt sich das Leben in gemessenem , einförmigem Geleise ; in Barnow wird den lieben , langen Tag über gelehrte Dinge disputiert und nur in den Zwischenpausen gearbeitet oder gewuchert , die Buczaczer widmen sich dem Handwerk und Handel ; der Fleiß , die bürgerliche Ehrenhaftigkeit sind größer , die Achtung vor geistiger Tätigkeit und die Opferfreudigkeit für Armut und Gelehrsamkeit geringer . Die Barnower sind exzentrisch und leidenschaftlich , die Buczaczer gelten als harte , berechnende Menschen . Die gleiche Frömmigkeit und der gleiche Druck von außen machen freilich diese Verschiedenheit dem flüchtigen Blick unkenntlich ; der Pole oder Ruthene merkt es kaum , daß in Buczacz eine andere geistige Atmosphäre herrscht , als in den übrigen Städtchen des Kreises , wie auch dem schlesischen Wasserpolaken der Unterschied zwischen einem Herrnhuterorte und einer protestantischen Industriestadt nicht ganz klar ist . Der Kundige kann ihn freilich nicht übersehen . Auf diese Eigenschaften der » Misnagdim « baute die Rosel Kurländer ihre Hoffnung . Wenn ein Gast irgendwo schlecht bewirtet worden ist , so sagen die Leute in Podolien : » Man hat ihn aufgenommen wie die Buczaczer einen Schnorrer . « Diese nüchternen Leute haben einen Abscheu gegen alle unsteten Lumpen , auch wenn diese sehr fromm sind und lustige Geschichten erzählen . Hier konnte der Knabe , rechnete die kluge Frau , am leichtesten Verachtung jenes Lebens lernen , zu welchem ihn geheimnisvoll die Stimme des Blutes zog . Sie gab ihn in das beste Cheder zu Buczacz , das ein gutmütiger , wohlbeleibter Mann leitete , Simon Baumgrün . Simon prügelte nicht gern , weil er dabei in Hitze kam , auch begnügte er sich mit drei bis vier Stunden täglichen Unterrichts . Der gravitätische , unbehilfliche Mann ward von seinen Schülern aufrichtig geliebt , weil sie herausfühlten , daß er sie liebte . Auch unser » Pojaz « machte da wohl im Grunde seines Herzens keine Ausnahme , aber er offenbarte diese Liebe in recht eigener Weise ... In den ersten Wochen ging freilich alles gut . Der Schmerz der Trennung war leicht verwunden ; die fremde Umgebung beschäftigte den Knaben . Zwar kamen ihm die Leute von Buczacz langweiliger vor als jene der Heimat , dafür war ' s aber bei Simon Baumgrün besser als bei Elias Wohlgeruch . Aber der gute Simon hatte ein komisches Äußere und das nährte den Dämon , der in dem hastigen Buben hauste . Sender äffte dem Lehrer nach , erst heimlich , dann offen , er tat ihm tausend Streiche an . Wenn Simon in seiner Dose statt seines » gemischten Ungarischen « Sand fand , wenn er sich nicht wieder vom Sessel erheben konnte , weil dieser mit Leim bestrichen war , wenn er statt des Taschentuchs einen Kinderstrumpf hervorzog , wenn er statt des guten alten Moldauers , welcher zu seiner Labe bereit stand , den sauersten Essig zu kosten bekam - der » Pojaz « hatte es verschuldet , dies und noch viel mehr . Denn nur während des Unterrichts war der Lehrer der Gegenstand seiner Vergnügungen , für den Rest des Tages die ganze Gemeinde . Noch heute erzählen die Leute von Buczacz , halb ärgerlich , halb belustigt , tausend Streiche von dem Kobold , der drei Jahre in ihrer Mitte gehaust . Da kamen einmal in der Frühe jene Männer und Weiber , die regelmäßig in der Lotterie zu spielen pflegten , unter großem Freudengejohle vor der Türe des Kollektanten zusammen und jeder versicherte , Gerson , der Kollektant , sei gestern abend bei ihm gewesen und habe ihn aufgefordert , morgen früh einen großen Gewinn zu erheben . Als ihrer immer mehr zusammenkamen , alle mit gleich strahlenden Gesichtern , da ward ihnen die Sache doch etwas bedenklich . » Gerson hat sich vielleicht geirrt « , meinte wohl der und jener , aber jeder war überzeugt , der Irrtum beziehe sich auf des Nachbars Gewinst . Endlich begannen sie unwillig an der verschlossenen Ladentür zu pochen . » Gerson , mach auf ! Gerson , mein Geld ! « Und sie wurden immer ungestümer , bis endlich das Weib des Kollektanten erstaunt öffnete . » Es hat ja diese Woche niemand gewonnen « , versicherte sie , » und eben darum ist mein Mann , weil ohnehin nichts zu tun war , gestern nachmittag nach Kolomea gefahren ! « »