wimmelnden Zahlenmassen plötzlich gestalt-und lebenvoll erschienen , um ebenso rasch wieder zu verschwinden . Das Verhältnis zwischen Einnahme und Ausgabe machte ihr nicht viel zu schaffen ; sie bestritt alle häuslichen Bedürfnisse und sonstigen Ausgaben vorweg aus dem gleichen Seckel , welcher auch den Geschäftsverkehr begründete , und wenn eine überflüssige Summe Geldes beieinander war , so wechselte sie dieses sogleich in Gold um und verwahrte dasselbe in ihrer Schatztruhe , wo es für immer liegenblieb , wenn nicht ein Teil davon für eine besondere Unternehmung oder für ein ausnahmsweises Darlehen herausgenommen wurde , da sie sonst auf Zinsen kein Geld auslieh . Sie hatte besonders mit Landleuten von allen Seiten her Verkehr , welche sich ihre gerätschaftlichen Bedürfnisse bei ihr holten , und gab ihre Waren jedermann auf Borg , gewann oft viel dabei und verlor auch oft . So kam es , daß eine Menge von Leuten von ihr abhängig waren oder in einem verbindlichen oder feindlichen Verhältnisse zu ihr standen und daß sie beständig von Nachsichtsuchenden oder Bezahlenden umlagert war , welche ihr , zur Beherzigung oder als Dank , die mannigfaltigsten Gaben darbrachten , nicht anders als einem Landpfleger oder einer Äbtissin . Feld- und Baumfrüchte jeder Art , Milch , Honig , Trauben , Schinken und Würste wurden ihr in gewichtigen Körben zugetragen , und diese Vorräte bildeten die Grundlage zu einem stattlichen Wohlleben , welches alsobald begann , wenn das geräuschvolle Gewölbe geschlossen war und in der noch seltsameren Wohnstube das häusliche Abendleben zur Geltung kam . Dort hatte Frau Margret diejenigen Gegenstände zusammen gehäuft und als Zierat angebracht , welche ihr in ihrem Handel und Wandel am besten gefallen , und sie nahm keinen Anstand , etwas für sich aufzubewahren , wenn es ihr Interesse erweckte . An den Wänden hingen alte Heiligenbilder auf Goldgrund und in den Fenstern gemalte Scheiben , und allen diesen Dingen schrieb sie irgendeine merkwürdige Geschichte oder sogar geheime Kräfte zu , was ihr dieselben heilig und unveräußerlich machte , sosehr auch Kenner sich manchmal bemühten , die wirklich wertvollen Denkmäler ihrer Unwissenheit zu entreißen . In einer Truhe von Ebenholz bewahrte sie goldene Schaumünzen , seltene Talerstücke , Filigranarbeiten und andere köstliche Spielereien , für welche sie eine große Vorliebe trug und die sie nur wieder veräußerte , wenn ein besonderer Gewinn sich damit verband . Endlich war auf einem Wandgestelle eine beträchtliche Zahl unförmlicher alter Bücher aufgespeichert , welche sie mit großem Eifer zusammenzusuchen pflegte . Es waren verschiedene Bibeln , alte Kosmographien mit zahllosen Holzschnitten , fabelgespickte Reisebeschreibungen , vorzüglich kuriose Mythologien aus dem vorigen Jahrhundert mit großen zusammengefalteten Kupferstichen , welche vielfach zerknittert und zerrissen waren ; sie nannte diese naiv geschriebenen Werke schlechtweg Heiden- oder auch Götzenbücher . Ferner hielt sie eine reiche Sammlung solcher Volksschriften , welche Nachricht gaben von einem fünften Evangelisten , von den Jugendjahren Jesu , noch unbekannten Abenteuern desselben in der Wüste , von einer Auffindung seines wohlerhaltenen Leichnams nebst Dokumenten von der Erscheinung und den Bekenntnissen eines in der Hölle leidenden Freigeistes ; einige Chroniken , Kräuterbücher und Prophezeiungen vervollständigten diese Sammlung . Für Frau Margret hatte ohne Unterschied alles , was gedruckt war , wie die mündlichen Überlieferungen des Volkes , eine gewisse Wahrheit , und die ganze Welt in allen ihren Spiegelungen , das fernste sowohl wie ihr eigenes Leben waren ihr gleich wunderbar und bedeutungsvoll ; sie trug noch den ungebrochenen Aberglauben vergangener Zeiten an sich ohne Verfeinerung und Schliff Mit neugieriger Liebe erfaßte sie alles und nahm es als bare Münze , was ihrer wogenden Phantasie dargeboten wurde , und sie bekleidete es alsbald mit den sinnlich greifbaren Formen der Volkstümlichkeit , welche massiven metallenen Gefäßen gleichen , die trotz ihres hohen Alters durch den steten Gebrauch immer glänzend geblieben sind . Alle die Götter und Götzen der alten und jetzigen heidnischen Völker beschäftigten sie durch ihre Geschichte und ihr äußeres Aussehen in den Abbildungen , hauptsächlich auch daher , daß sie dieselben für wirkliche lebendige Wesen hielt , welche durch den wahren Gott bekämpft und ausgerottet würden ; das Spuken und Umgehen solcher halb überwundenen schlimmen Käuze war ihr ebenso schauerlich anziehend wie das grauenvolle Treiben eines Atheisten , unter welchem sie nichts anderes verstand und verstehen konnte als einen Menschen , welcher seiner Überzeugung von dem Dasein Gottes zum Trotz dasselbe hartnäckig und mutwillig leugne . Die großen Affen und Waldteufel der südlichen Zonen , von denen sie in ihren alten Reisebüchern las , die fabelhaften Meermänner und Meerweibchen waren nichts anderes als ganze gottlose , nun vertierte Völker oder solche einzelne Gottesleugner , welche in diesem jammervollen Zustande , halb reuevoll , halb trotzig , Zeugnis gaben von dem Zorne Gottes und sich zugleich allerlei mutwillige Neckereien mit den Menschen erlaubten . Wenn nun am Abend das Feuer prasselte , die Töpfe dampften , der Tisch mit den soliden volkstümlichen Leckereien bedeckt wurde und Frau Margret behaglich und ansehnlich auf ihrem zierlich eingelegten Stuhle saß , so begann sich nach und nach eine ganz andere Anhängerschaft und Gesellschaft einzufinden , als die den Tag über in dem Gewölbe zu sehen gewesen . Es waren dies arme Frauen und Männer , welche , teils durch den Duft des gastlichen Tisches , teils durch die belebte Unterhaltung von höheren Dingen angezogen , hier mannigfache Erholung von den Mühen des Tages suchten und fanden . Mit Ausnahme einiger weniger heuchlerischer Schmarotzer hatten sonst alle ein aufrichtiges Bedürfnis , sich durch Gespräche und Belehrungen über das , was ihnen nicht alltäglich war , zu erwärmen und besonders in betreff des Religiösen und Wunderbaren eine gewürztere Nahrung zu suchen , als die öffentlichen Kulturzustände ihnen darboten . Nichtbefriedigung des Gemütes , ungelöschter Durst nach Wahrheit und Erkenntnis , erlebte Schicksale , hervorgerufen durch die versuchte Befriedigung solcher unruhigen Triebe in der sinnlichen Welt , führten diese Leute hier zusammen und überdies noch in mancherlei seltsame Sekten hinein , von deren innerm Leben und Treiben sich Frau Margret fleißig Bericht erstatten ließ ; denn sie selbst war zu weltlich und bequem , als daß sie soweit gegangen wäre , dergleichen mitzumachen . Vielmehr tadelte sie mit scharfen Worten die Kopfhänger und wurde sarkastisch und bitter , wenn sie allzu mystischen Unrat merkte . Sie bedurfte das Wunderbare und Geheimnisvolle , aber in der Sinnenwelt , in Leben und Schicksal , in der äußern wechselvollen Erscheinung ; von innern Seelenwundern , bevorzugten Stimmungen , Auserwählten und dergleichen mochte sie nichts hören und kanzelte ihre Gäste tüchtig herunter , wenn sie mit solchen Dingen auftreten wollten . Außer daß Gott als der kunst- und sinnreiche Schöpfer all der wunderbaren Dinge und Vorkommnisse für sie existierte , war er ihr vorzüglich in einer Richtung noch merk- und preiswürdig : nämlich als der treue Beiständer der klugen und rührigen Leute , welche , mit nichts und weniger als nichts anfangend , ihr Glück in der Welt selbst machen und es zu etwas Ordentlichem bringen . Deshalb fand sie ihre größte Freude an jungen Leuten , welche sich aus einer dunklen dürftigen Abkunft heraus durch Talent , Fleiß , Sparsamkeit und Klugheit in eine gute Stellung gearbeitet hatten und wohl gar hohe Protektion genossen . Das Heranwachsen des Wohlstandes solcher Schützlinge war ihr wie eine eigene Sache angelegen , und wenn dieselben endlich dahin gediehen waren , einen bescheidenen Aufwand mit gutem Gewissen geltend zu machen , so fühlte sie selbst die größte Genugtuung , ihrerseits reichlich beizusteuern und sich des Glanzes mitzufreuen . Sie war von Grund aus wohltätig und gab immer mit offenen Händen , den Armen und arm Bleibenden im gewöhnlichen abgeteilten Maße , denjenigen aber , bei welchen Hab , und Gut anschlug , mit wahrer Verschwendung für ihre Verhältnisse . Es lag meistens ganz in der Natur solcher Emporkömmlinge , neben ihren anderweitigen größern Beziehungen auch die Gunst dieser seltsamen Frau sorglich zu pflegen , bis sie durch einen jüngern Nachwuchs endlich verdrängt wurden , und so fand man nicht selten diesen oder jenen feingekleideten und vornehm aussehenden Mann unter den armen Gläubigen , der durch sein gemessenes Betragen dieselben verschüchterte und unbehaglich machte . Auch nahmen sie wohl , wenn er abwesend war , Veranlassung , der Frau Weltsinn und Lust an irdischer Herrlichkeit vorzuwerfen , was dann jedesmal lebhafte Erörterungen und Streitreden hervorrief . Von ihrer Freude an gedeihlichem Erwerb und emsiger Tätigkeit mochte es auch kommen , daß mehrere Schacherjuden in den Kreis ihrer Wohlgelittenen aufgenommen waren . Die Unermüdlichkeit und stetige Aufmerksamkeit dieser Menschen , welche öfter bei ihr verkehrten und ihre schweren Lasten abstellten , volle Geldbeutel aus unscheinbarer Hülle hervorzogen und ihr zum Aufbewahren anvertrauten , ohne irgend ein Wort oder eine Schrift zu wechseln , ihre billige Gutmütigkeit und neugierige Bescheidenheit neben der unberückbaren Pfiffigkeit im Handeln , ihre strengen Religionsgebräuche und biblische Abstammung , sogar ihre feindliche Stellung zum Christentum und die groben Vergehungen ihrer Voreltern machten diese vielgeplagten und verachteten Leute der guten Frau höchst interessant und gern gesehen , wenn sie sich bei den abendlichen Zusammenkünften vorfanden , am Herde der Frau Margret Kaffee kochten oder sich einen Fisch buken . Wenn die fromm christlichen Frauen ihnen schonend vorhielten , wie es noch nicht gar zu lange her sei , daß die Juden doch schlimme Käuze gewesen , Christenkinder geraubt und getötet und Brunnen vergiftet hätten , oder wenn Margret behauptete , der Ewige Jude Ahasverus hätte vor zwölf Jahren einmal im Schwarzen Bären übernachtet und sie hätte selbst zwei Stunden vor dem Hause gepaßt , um ihn abreisen zu sehen , jedoch vergeblich , da er schon vor Tagesanbruch weitergewandert sei , dann lächelten die Juden gar gutmütig und fein und ließen sich nicht aus ihrer guten Laune bringen . Da sie jedoch ebenfalls Gott fürchteten und eine scharf ausgeprägte Religion hatten , so gehörten sie noch eher in diesen Kreis , als man zwei weitere Personen darin vermutet hätte , welche allerdings irgend anderswo zu suchen waren als gerade hier ; und doch schienen sie eine Art unentbehrlichen Salzes für die wunderliche Mischung zu sein . Siebentes Kapitel Fortsetzung der Frau Margret Es waren dies zwei erklärte Atheisten . Der eine , ein schlichter , einsilbiger Schreinersmann , welcher schon manches Hundert Särge gefertigt und zugenagelt hatte , war ein braver Mann und versicherte dann und wann einmal mit dürren Worten , er glaube ebensowenig an ein ewiges Leben , als man von Gott etwas wissen könne . Im übrigen hörte man nie eine freche Rede oder ein Spottwort von ihm ; er rauchte gemütlich sein Pfeifchen und ließ es über sich ergehen , wenn die Weiber mit fließenden Bekehrungsreden über ihn herfuhren . Der andere war ein bejahrter Schneidersmann mit grauen Haaren und mutwilligem , unnützem Herzen , der schon mehr als einen schlimmen Streich verübt haben mochte . Während jener sich still und leidend verhielt und nur selten mit seinem dürren Glaubensbekenntnisse hervortrat , verfuhr dieser angriffsweise und machte sich ein Vergnügen daraus , die gläubigen Seelen durch derbe Zweifel und Verleugnungen , rohe Späße und Profanationen zu verletzen und zu erschrecken , als ein rechter Eulenspiegel das einfältige Wort zu verdrehen und mit dick aufgetragenem Humor in den armen Leuten eine sündhafte Lachlust zu reizen . Er besaß weder großen Verstand noch Pietät für irgend etwas , selbst für die Natur nicht , und schien einzig ein persönliches Bedürfnis zu haben , das Dasein Gottes zu leugnen oder wegzuwünschen , indessen der Schreiner sich bloß nicht viel daraus machte , hingegen auf seinen Wanderjahren die Welt aufmerksam betrachtet hatte , sich fortwährend noch unterrichtete und von allerlei merkwürdigen Dingen mit Liebe zu sprechen wußte , wenn er auftaute . Der Schneider fand nur Gefallen an Ränken und Schwänken und lärmenden Zänkereien mit den begeisterten Weibern ; auch sein Verhalten zu den Juden , gegenüber demjenigen des Sargmachers , war bezeichnend . Während dieser wohlwollend und freundlich mit ihnen verfuhr als mit seinesgleichen , neckte und quälte sie der Schneider , wo er nur konnte , und verfolgte sie mit echt christlichem Übermute mit allen trivialen Judenspäßen , die ihm zu Gebote standen , so daß die armen Teufel manchmal wirklich böse wurden und die Gesellschaft verließen . Frau Margret pflegte alsdann auch ungeduldig zu werden und verwies den Dämon aus dem Hause ; aber er fand sich bald wieder ein und wurde immer wieder gelitten , wenn er sein altes Wesen mit etwas Vorsicht und glatten Worten wieder begann . Es war , als wenn die viel redenden und disputierenden Genossen seiner als eines lebendigen Exempels des Atheismus bedurften , wie sie ihn verstanden ; denn dies war er am Ende auch , indem es sich nicht undeutlich erwies , daß er den Gedanken Gottes und der Unsterblichkeit mehr zu unterdrücken suchte , weil er ihn in einem kleinlichen und nutzlosen Treiben beschränkte und belästigte , und als er späterhin starb , tat er dies so verzagt und zerknirscht , heulend und zähneklappend und nach Gebet verlangend , daß die guten Leute einen glänzenden Triumph feierten , indessen der Schreiner ebenso ruhig und unangefochten seinen letzten Sarg hobelte , welchen er sich selbst bestimmte , wie einst seinen ersten . Dieser Art war die Versammlung , welche an vielen Abenden , zumal im Winter , bei Frau Margret zu treffen war , und ich weiß nicht , wie es kam , daß ich mich plötzlich am Tage oft in dem kurzweiligen Gewölbe mitten unter den Geschäftigen und am Abend zu den Füßen der Frau sitzen fand , welche mich in große Gunst genommen hatte . Ich zeichnete mich durch meine große Aufmerksamkeit aus , wenn die wunderbarsten Dinge von der Welt zur Sprache kamen . Die theologischen und moralischen Untersuchungen verstand ich freilich in den ersten Jahren noch nicht , obschon sie oft kindlich genug waren ; jedoch nahmen sie auch schon damals nicht zu viele Zeit in Anspruch , da sich die Gesellschaft immer bald genug auf das Gebiet der Begebenheiten und sinnlichen Erfahrungen und damit auf eine Art von naturphilosophischem Feld hinüberverfügte , wo ich ebenfalls zu Hause war . Man suchte vorzüglich die Erscheinungen der Geisterwelt sowie die Ahnungen , Träume usw. in lebendigen Zusammenhang zu bringen und drang mit neugierigem Sinne in die geheimnisvollen Lokalitäten des gestirnten Himmels , in die Tiefe des Meers und der feuerspeienden Berge , von denen man hörte , und alles wurde zuletzt auf die religiösen Meinungen zurückgeführt . Es wurden Bücher von Hellsehenden , Berichte über merkwürdige Reisen durch verschiedene Himmelskörper und andere ähnliche Aufschlüsse gelesen , nachdem sie der Frau Margret zur Anschaffung empfohlen worden , und alsdann darüber gesprochen und die Phantasie mit den kühnsten Gedanken angefüllt . Der eine oder andere fügte dann noch aufgeschnappte Berichte aus der Wissenschaft hinzu , wie er von dem Bedienten eines Sternguckers gehört hatte , daß man durch dessen Fernrohr lebendige Wesen im Monde und feurige Schiffe in der Sonne sehen könne . Frau Margret hatte immer die lebendigste Einbildungskraft , und bei ihr ging alles in Fleisch und Blut über . Sie pflegte mehrmals in der Nacht aufzustehen und aus dem Fenster zu schauen , um nachzusehen , was in der stillen dunklen Welt vorging , und immer entdeckte sie einen verdächtigen Stern , der nicht wie gewöhnlich aussah , ein Meteor oder einen roten Schein , welch allem sie gleich einen Namen zu geben wußte . Alles war ihr von Bedeutung und belebt ; wenn die Sonne in ein Glas Wasser schien und durch dasselbe auf den hellpolierten Tisch , so waren die sieben spielenden Farben für sie ein unmittelbarer Abglanz der Herrlichkeiten , welche im Himmel selbst sein sollten . Sie sagte : » Seht ihr denn nicht die schönen Blumen und Kränze , die grünen Geländer und die roten Seidentücher ? diese goldenen Glöcklein und diese silbernen Brunnen ? « und sooft die Sonne in die Stube schien , machte sie das Experiment , um ein wenig in den Himmel zu sehen , wie sie meinte . Ihr Mann und der Schneider lachten sie dann aus , und der erste nannte sie eine phantastische Kuh . Jedoch auf einem festern Boden stand sie , wenn von Geistererscheinungen die Rede war , denn hier besaß sie unleugbare Erfahrungen die Menge , welche sie schon Schweiß genug gekostet hatten ; und fast alle andern wußten auch davon zu erzählen . Seit sie nicht mehr aus dem Hause kam , waren freilich ihre Erlebnisse auf ein häufiges Pochen und Rumoren in alten Wandschränken und etwa auf das Umherschleichen eines schwarzen Schafes in der nächtlichen Straße beschränkt , wenn sie um Mitternacht oder gegen Morgen ihre Inspektionen aus dem Fenster hielt . Auch geschah es wohl , daß sie ein kleines Männchen vor der Haustür entdeckte , welches , während sie mit scharfen kritischen Augen dasselbe beobachtete , plötzlich in die Höhe wuchs bis unter ihr Fenster , daß sie dasselbe kaum noch zuschlagen und sich ins Bett flüchten konnte . Hingegen in ihrer lugend war es lebhafter hergegangen , als sie , besonders noch auf dem Lande , bei Tag und Nacht durch Feld und Wald zu gehen hatte . Da waren kopflose Männer stundenweit ihr zur Seite gegangen und näher gerückt , je eifriger sie betete ; umgehende Bauern standen auf ihren ehemaligen Grundstücken und streckten flehend die Hand nach ihr aus ; Gehenkte rauschten von hohen Tannen hernieder mit schreckbarem Geheul und liefen ihr nach , um in den heilsamen Bereich einer guten Christin zu kommen , und sie schilderte mit ergreifenden Worten den peinlichen Zustand , in dem sie sich befand , wenn sie nicht unterlassen konnte , die unheimlichen Gesellen von der Seite anzuschielen , während sie doch wußte , daß dieses höchst schädlich sei . Einige Male war sie auch ganz aufgeschwollen auf der Seite , wo die Gespenster gelaufen waren , und mußte den Doktor herbeirufen . Ferner erzählte sie von den Zaubereien und bösen Künsten , welche zur Zeit ihrer Jugend , gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts , noch gang und gäbe waren unter den Bauern . Da waren in ihrer Heimat reiche gewaltige Bauernfamilien , welche alte Heidenbücher besaßen , mittelst deren sie den schlimmsten Unfug trieben . Daß sie mit offener Flamme Löcher durch Strohbunde brennen konnten , ohne diese zu zerstören , oder das Wasser bannen oder den Rauch aus den Schornsteinen in beliebiger Richtung aufsteigen und possierliche Figuren bilden zu lassen verstanden , gehörte nur zu den unschuldigen Scherzen . Aber greulich war es , wenn sie ihre Feinde langsam töteten , indem sie für dieselben drei Nägel in einen Weidenbaum schlugen unter den gehörigen Sprüchen ( Margrets Vater siechte lange Zeit infolge dieser freundschaftlichen Manipulation , bis sie entdeckt und er durch Kapuziner gerettet wurde ) , oder wenn sie den armen Leuten das Korn in der Ähre verbrannten , um sie nachher zu verhöhnen , wenn sie hungerten und Not litten . Man hatte zwar die Genugtuung , daß der Teufel den einen oder andern mit großem Aufwand abholte , wenn er reif war ; allein das geriet den gerechten Leuten selbst wieder zum Schrecken , und es war eben nicht angenehm , den blutigen Schnee und die gelassenen Haare auf dem Platze zu sehen , wie es der Erzählerin selbst begegnet war . Solche Bauern hatten Geld genug und maßen es bei Hochzeiten und Leichenfeiern einander in Scheffeln und Wannen zu . Die Hochzeiten waren dazumal noch sehr großartig . Sie hatte selbst noch eine solche gesehen , wo sämtliche Gäste , Männer und Weiber , beritten waren und nahe an hundert Pferde beisammen . Die Weiber trugen Kronen von Flittergold und seidene Kleider mit drei bis vierfach umgewundenen Ketten von zusammengerollten Dukaten ; aber der Teufel ritt unsichtbar mit , und es ging nach dem Nachtessen nicht am ehrbarsten zu . Diese Bauern hatten während einer großen Hungersnot in den siebziger Jahren ihren Hauptspaß daran , mit zwölf Dreschern in weitgeöffneten Scheunen zu dreschen , dazu einen blinden Geiger aufspielen zu lassen , welcher auf einem großen Brote sitzen mußte , und nachher , wenn genug hungrige Bettler vor der Scheune versammelt waren , die grimmigen Hunde in den wehrlosen Haufen zu hetzen . Bemerkenswert war es , daß der Volksglaube diese reichen Dorftyrannen vielfach die verbauerten Nachkommen der alten Zwingherren sein ließ , unter welchen man alle ehemaligen Bewohner der vielen Burgen und Türme verstand , die im Lande zerstreut waren . Ein anderes ergiebiges Feld für abenteuerliche Kunden war der Katholizismus mit seinen hinterlassenen leeren Klosterräumen und den noch lebendigen Klöstern , welche etwa in der katholisch gebliebenen Nachbarschaft sich befanden . Dazu trugen die Ordensgeistlichen der letztern vieles bei , besonders die Kapuziner , welche sich heute noch mit den Scharfrichtern freundschaftlich in die Arbeit teilen , bei den abergläubischen reformierten Bauern Teufelsbannerei und Sympathiekünste zu treiben . In einigen abgelegenen Landesgegenden herrschte damals ein bewußtloser verkommener Protestantismus ; die Landleute standen nicht etwa über den katholischen , als hinwegsehend über verdummte Menschen , sondern sie glaubten alle Märchen derselben getreulich mit , nur hielten sie den Inhalt für übel und verwerflich , und sie lachten nicht über den Katholizismus , sondern sie fürchteten sich vor demselben als vor einer unheimlichen heidnischen Sache . Ebensowenig als es ihnen möglich war , sich unter einem Freigeiste einen Menschen vorzustellen , welcher wirklich in seinem Innern nichts glaube , sowenig waren sie imstande , von jemandem anzunehmen , daß er zu vieles glaube ; ihr Maß bestand einzig darin , sich nur zu denjenigen geglaubten Dingen zu bekennen , welche vom Guten und nicht vom Bösen seien . Der Mann der Frau Margret , Vater Jakoblein genannt , von ihr schlechthin Vater , war funfzehn Jahre älter als sie und näherte sich den Achtzigen . Er besaß eine fast ebenso lebhafte Einbildungskraft wie seine Frau , dabei reichten seine Erinnerungen noch tiefer in die Sagenwelt der Vergangenheit zurück ; doch faßte er alles von einer spaßhaften Seite auf , da er von jeher ein spaßhaftes und ziemlich unnützes Männlein gewesen war , und so wußte er ebensoviel lächerlichen Spuk und verdrehte Menschengeschichten zu erzählen als seine Frau ernsthafte und schreckliche . In seine frühste Jugend waren noch die letzten Hexenprozesse gefallen , und er beschrieb mit Humor aus der mündlichen Überlieferung geschöpfte Hexensabbate und Bankette ganz genauso , wie man sie noch in den aktenmäßigen Geschichten jener Prozesse , in den weitläufigen Anklagen und erzwungenen Geständnissen liest . Dieses Gebiet sagte ihm besonders zu , und er versicherte feierlich von einigen seltsamen Personen , daß sie sehr wohl auf dem Besenstiele zu reiten verständen , versprach auch von einem Tage zum andern , solange er lebte , von einem Hexenmeister seiner Bekanntschaft die Salbe herbeizuschaffen , mit welcher die Besen bestrichen würden , um darauf aus dem Schornsteine fahren zu können . Dieses gedieh mir immer zum größten Jubel , besonders wenn er mir die projektierte Fahrt bei schönem Wetter , wo ich dann vorn auf dem Stiele sitzen sollte , von ihm festgehalten , mit lustigen Aussichten ausmalte . Er nannte mir manchen schönen Kirschbaum auf einer Höhe oder einen trefflichen Pflaumenbaum aus seiner Bekanntschaft , bei welchem haltgemacht und genascht , oder einen delikaten Erdbeerschlag in diesem oder jenem Walde , wo tapfer geschmaust werden solle , indessen der Besen an eine Tanne gebunden würde . Auch benachbarte Jahrmärkte wollten wir besuchen und in die verschiedenen Schaubuden , ohne Eintrittsgeld , durch das Dach eindringen Bei einem befreundeten Pfarrherrn auf einem Dorfe müßten wir freilich , wenn wir anders von seinen berühmten Würsten etwas zu beißen bekommen wollten , den Besen im Holze verstecken und vorgeben , wir seien zu Fuß gekommen , um bei dem herrlichen Wetter den Herrn Pfarrer ein bißchen heimzusuchen ; hingegen bei einer reichen Hexenwirtin in einem andern Dorfe müßten wir keck zum Schornstein hineinfahren , damit sie , in der törichten Meinung , ein Paar angehender hoffnungsvoller Hexer bei sich zu sehen , uns mit ihren vortrefflichen Pfannkuchen mit Speck und mit frischem Honig ohne Rückhalt bewirte . Daß unterwegs auf hohen Bäumen und Felsen Einsicht in die seltensten Vogelnester genommen und das Tauglichste von jungen Vögeln ausgesucht würde , verstand sich von selbst . Wie alles ohne Schaden zu unternehmen sei , dafür hatte er bereits eine Auskunft und kannte die Formel , mit welcher der Teufel , nach beendigtem Vergnügen , um seinen Teil gebracht würde . Auch in dem Gespensterwesen war er sehr erfahren ; doch auch hier verdrehte sich ihm alles zum Lustigen . Die Angst , welche er bei seinen Abenteuern empfunden , war immer eine höchst komische und endete öfter mit einem pfiffigen Streiche , welchen er den Quälgeistern gespielt haben wollte . Auf diese Weise ergänzte er trefflich das phantastische Wesen seiner Frau , und ich hatte so die Gelegenheit , unmittelbar aus der Quelle zu schöpfen , was man sonst den Kindern der Gebildeten in eigenen Märchenbüchern zurechtmacht . Wenn der Stoff auch nicht so unverfänglich war wie in diesen und nicht für eine so unschuldige kindliche Moral berechnet , so enthielt er nichtsdestoweniger immer eine menschliche Wahrheit und machte , besonders da in dem vielfältigen Sammelkrame der Frau Margret eine reiche Fundgrube die sinnliche Anschauung vervollständigte , meine Einbildungskraft freilich etwas frühreif und für starke Eindrücke empfänglich , etwa wie die Kinder des Volkes früh an die kräftigen Getränke der Erwachsenen gewöhnt werden . Denn was ich hörte , beschränkte sich nicht allein auf diese übersinnliche Fabelwelt ; sondern die Leute besprachen auch auf die leidenschaftlichste Weise ihre eigenen und fremde Schicksale , und hauptsächlich das lange Leben der Frau Margret und ihres Mannes war reich an ernsten und heitern Geschichten , an Beispielen der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit , der Gefahr , Not , Verwicklung und Befreiung ; Hunger , Krieg und Aufruhr hatten sie gesehen ; jedoch ihr eigenes Verhältnis zueinander war so sonderbar von Leidenschaften bewegt , und es traten so ursprünglich dämonische Gewalten der Menschennatur darin zutage , daß ich mit kindlich erstauntem Auge in die wilde Flamme sah und schon tiefe Eindrücke empfing . Während nämlich die Frau Margret die bewegende und erhaltende Kraft in ihrem Haushalte war , den Grund zum jetzigen Wohlstand gelegt hatte und jederzeit das Heft in den Händen hielt , war ihr Mann einer von denjenigen , welche nichts Eigenes gelernt haben noch tun können und daher darauf angewiesen sind , mehr den Handlanger einer tatkräftigen Frau zu machen und auf eine müßige Weise unter dem Schilde ihres Regimentes ein ruhmloses Dasein zu führen . Als die Frau , besonders in frühern Jahren , durch kecke Benutzung der Zeitläufe und originelle Handstreiche in wörtlichem Sinne Gold zusammenhäufte , spielte er nur die Rolle eines dienstbaren Hauskoboldes , welcher , wenn er seine Handleistungen getan hatte , mit dem , was ihm die Frau gab , sich gütlich tat und dazu allerhand Späße trieb , welche männiglich ergötzten . Sein unmännlicher Mangel an Rat und Zuverlässigkeit , die Erfahrung , daß sie in kritischen Fällen nie einen kräftigen Schutz in ihm fand , ließen Frau Margret auch seine sonstigen Leistungen übersehen und erklärten die unbefangene Art , mit welcher sie ihn ohne weiteres von der Mitherrschaft über die Geldtruhe ausschloß . Es hatte auch lange Zeit keines von beiden ein Arges dabei , bis einige Ohrenbläser , worunter auch jener ränkesüchtige Schneider , dem Manne das Demütigende seiner Lage vorhielten und ihn aufhetzten , endlich eine Teilung des Erworbenen und vollständige Mitherrschaft zu verlangen . Sogleich schwoll ihm der Kamm gewaltig , und er drohte , die schlimmen Ratgeber hinter sich , der bestürzten Frau mit den Gerichten , wenn sie nicht seinen Anteil an dem » gemeinschaftlich erworbenen « Gute herausgäbe . Sie fühlte wohl , daß es mehr um einen gewaltsamen Raub als um ein ehrliches Rechthalten zu tun sei , und sträubte sich mit aller Kraft dagegen , zumal sie wußte , daß sie nach wie vor die einzig erhaltende Kraft im Hause sein würde . Sie hatte aber die Gesetze gegen sich , da diese nicht auf eine Ausscheidung der beitragenden Kräfte eingehen konnten , und zudem gab der Mann vor , sich allerlei mutwilliger Anklagen bedienend , sich nach geschehener Teilung von ihr trennen zu wollen , so daß sie betäubt und beschwatzt wurde und , krank und halb bewußtlos , die Hälfte von allem Besitze herausgab . Er nähete sogleich seine schimmernden Goldstücke , je nach der Art , in lange , wurstartige Beutel , legte dieselben in einen Koffer , den er am Boden festnagelte , setzte sich darauf und schlug seinen Helfershelfern , welche auch ihren Anteil zu erschnappen gehofft hatten , ein Schnippchen . Im übrigen blieb er bei seiner Frau und lebte nach wie vor bei und von ihr , indem er nur dann zu seinem Schatze griff , wenn er eine Privatliebhaberei befriedigen wollte . Sie erholte sich indessen wieder und hatte nach einiger Zeit ihren eigenen Schatz wieder vervollständigt und mit den Jahren verdoppelt ; aber ihr einziger Gedanke war seit jenem Tage der Teilung , mit der Zeit wieder in den Besitz des Entrissenen zu gelangen , und das war nur möglich durch den Tod ihres Mannes . Daher ging ihr jedesmal ein Stich durch das Herz , wenn er ein Goldstück umwechselte , und sie harrte unverwandt auf seinen Tod . Er hingegen wartete ebenso sehnlich auf den ihrigen , um Herr und Meister des ganzen Vermögens zu werden und in voller Unabhängigkeit den Rest seines langen Lebens zuzubringen . Dieses grauenhafte Verhältnis hätte man freilich auf den ersten Blick nicht geahnt ; denn sie lebten zusammen wie zwei gute alte Leutchen und nannten sich nur Vater und Mutter . Insbesondere blieb die Margret in allem einzelnen auch gegen ihn die gute und freigebige Frau , die sie sonst war , und sie hätte vielleicht ohne den vierzigjährigen Lebensgenossen und sein spaßhaftes Umhertreiben nicht einen Tag leben können ; auch ihm war es mittlerweile wohl genug , und er besorgte mit humoristischer Geschäftigkeit die Küche