wies dabei auf die vier hölzernen Stricknadeln , die , wie sich von selbst versteht , nach dieser scherzhaften Reprimande nur um so eifriger zu klappern begannen . Endlich wurde es ihr zuviel . Sie verfärbte sich und resolvierte kurz : » Meine Grönländer können nicht warten . « Da wir nun im langen Verlauf unserer Erzählung nirgends einen Punkt entdecken können , der Raum böte für eine biographische Skizze unter dem Titel » Tante Schorlemmer « , so halten wir hier den Augenblick für gekommen , uns unseres Pflicht gegen diese treffliche Dame zu entledigen . Denn Tante Schorlemmer ist keine Nebenfigur in diesem Buche , und da wir ihr , nach flüchtiger Bekanntschaft in Flur und Kirche , an dieser Stelle bereits zum dritten Male begegnen , so hat der Leser ein gutes Recht , Aufschluß darüber zu verlangen , wer Tante Schorlemmer denn eigentlich ist . Tante Schorlemmer war eine Herrnhuterin . Eines Tages , das lag nun dreißig Jahre zurück , war ihr , der damaligen Schwester Brigitte , Mitteilung gemacht worden , daß Bruder Jonathan Schorlemmer , zur Zeit in Grönland , eine eheliche Gefährtin wünsche , bereit , ihm in seinem schweren Werke zur Seite zu stehen . Sie hatte diesem Rufe gehorsamt , ihre Wäsche gezeichnet und war mit dem nächsten dänischen Schiff von Hamburg aus gen Norden gefahren . An einem Tage , der keine Nacht hatte , war sie in Grönland gelandet , Bruder Schorlemmer hatte sie empfangen und ihren Bund persönlich eingesegnet . Die Ehe blieb kinderlos , dessen sich jedoch beide in christlicher Ergebung getrösteten . So vergingen ihnen zehn glückliche Jahre . Zu Beginn des elften starb Jonathan Schorlemmer an einem Lungenkatarrh und wurde in einem mit Seehundsfell beschlagenen Sarge begraben . Seine Witwe aber , nachdem sie die Bevölkerung mit allem , was sie hatte , beschenkt und jedem einzelnen versichert hatte , ihn nie vergessen zu wollen , kehrte mit dem Grönlandschiff zunächst nach Kopenhagen und von dort aus in die deutsche Heimat zurück . In die deutsche Heimat , aber nicht nach Herrnhut . Auf der weiten Rückreise Berlin berührend , wo ihr einige Anverwandte lebten , beschloß sie , im Kreise derselben zu verbleiben , und bezog in jenem Stadtteile , der fünfzig Jahre früher den einwandernden Böhmischen Brüdern und Herrnhutern als Wohnplatz angewiesen worden war , ein bescheidenes Quartier . In diesen kleinen Häusern der Wilhelmsstraße würde sie ihr stilles und treues Leben sehr wahrscheinlich beschlossen haben , wenn ihr nicht eines Tages ein Blatt ins Haus geflogen wäre , auf dem sie das Folgende las : » Eine ältere Frau , am liebsten Witwe , wird zur Führung eines Haushaltes auf dem Lande gesucht . Eine Tochter von zwölf Jahren soll ihrer besonderen Obhut anvertraut werden . Bedingungen : Verträglichkeit und Christlichkeit . Anfragen sind zu richten an : B.v.V. , poste restante Küstrin . « Tante Schorlemmer schrieb ; alles Geschäftliche erledigte sich schnell . Um Weihnachten 1806 traf sie in Hohen-Vietz ein , in dessen Herrenhause gerade damals ein trübes Christfest gefeiert wurde . Man trat sich gegenseitig vertrauungsvoll entgegen , und nach wenig Wochen schon begann der Einfluß unserer Freundin sich geltend zu machen . Nicht das Glück , aber Ruhe und Friede waren in ihrem Geleit . Renate hing ihr an , Lewin verehrte ihre Fürsorge , Berndt von Vitzewitz hatte einen tiefen Respekt vor ihrem Herrnhutertume . Und darin unterschied er sich freilich von seinen Kindern . Diese beugten sich wohl vor der Aufrichtigkeit , aber nicht vor der Tiefe von Tante Schorlemmers christlichem Gefühl . Ihre Leidenschaftslosigkeit , die dem Vater so wohl tat , erschien den Geschwistern einfach als Schwäche . Nach Ansicht beider gebrauchte sie ihr Christentum wie eine Hausapotheke ; und darin lag etwas Wahres . Für alle mehr gewöhnlichen Fälle hatte sie das Sal sedativum einer frommen Alltagsbetrachtung , wie » Rechte Treu kennt keine Scheu « oder » So dunkel ist keine Nacht , daß Gottes Auge nicht drüber wacht « ; für ernstere Fälle jedoch griff sie nach dem starken und nervenerfrischenden Sal volatile irgendeines Kraftspruches : » Was will Satan und seine List , wenn mein Herr Jesus mit mir ist . « Das unterscheidende Merkmal zwischen den schwachen und starken Mitteln bestand im wesentlichen darin , daß in den letzteren jedesmal der Böse herausgefordert und ihm die Nutzlosigkeit seiner Anstrengungen entgegengehalten wurde . Alle diese Sprüche aber , ob schwach oder stark , wurden ebensosehr im festen Glauben an ihre innewohnende Kraft wie mit der äußersten Seelenruhe vorgetragen . Und da steckte die Schuld oder doch das , was den Geschwistern als Schuld erschien . Diese Seelenruhe , die sich neben dem Maß geforderter Teilnahme oft wie Teilnahmlosigkeit ausnahm , reizte die jungen Gemüter und stellte ihre Geduld auf manche harte Probe . Berndt verstand dies stille Christentum besser und hatte an sich selbst erfahren , daß der Trost aus dem Worte Gottes mehr war als der Wortetrost der Menschen . So war Tante Schorlemmer . - Das Scherzen über ihre vorgeblich freie Stellung zum dritten Gebot hatte sie einen Augenblick ernstlich verdrossen ; Lewin aber , ohne dessen zu achten , fuhr in seinen Neckereien fort : » Unsere Freundin scheint übrigens keine Ahnung zu haben , welch hoher Besuch inzwischen vor dem Herrnhuter Gemeindehaus gehalten hat . « » Wer ? « riefen die beiden Mädchen . » Niemand Geringeres als Napoleon selbst . In der Nacht vom elften zum zwölften . Und die Herrnhuter haben wieder versäumt , sich heroisch in die Weltgeschichte einzuführen . Sie haben den Kaiser angegafft , soweit es bei Nacht und Schneetreiben möglich war , und haben ihn weiterfahren lassen . Das macht , weil der herrnhutische Mut im Auslande lebt , in China , in Grönland , in Hohen-Vietz . Überall ist er , nur nicht daheim . Tante Schorlemmer , dessen bin ich gewiß , hätte ihn verhaften und als Weltfriedensbrecher vor Gericht stellen lassen . « Die Angeredete drohte mit einer ihrer großen Nadeln zu Lewin hinüber , dem es übrigens nahe bevorstand , sich aus dem Angriff in die Verteidigung gedrängt zu sehen . Der » Empereur « war nicht umsonst zitiert worden ; einmal in das Gespräch hineingezogen , gleichviel ob im Ernst oder Scherz , begann er seine Macht zu üben , und Lewin , wenigstens momentan des neckischen Tones vergessend , begann ein Bild jener fluchtartigen Reise zu geben , die den zum ersten Mal von seinem Glück verlassenen Kaiser in vierzehntägiger Fahrt von Smolensk bis in seine Hauptstadt zurückgeführt hatte . Er gab Altes und Neues , bei einzelnen Punkten länger verweilend , als vielleicht nötig gewesen wäre . Tante Schorlemmer und Marie waren der Erzählung aufmerksam gefolgt ; Renate aber warf hin : » Vorzüglich , und wie belehrend ! Ein wahrer Generalbericht über russisch-deutsche Poststationen . Oh , ihr großstädtischen Herren , wie seid ihr doch so schlechte Erzähler , und je schlechter , je klüger ihr seid . Immer Vortrag , nie Geplauder ! « » Sei ' s drum , Renate ; ich will nicht widersprechen . Aber wenn wir schlechte Erzähler sind , so seid ihr Frauen noch schlechtere Hörer . Ihr habt keine Geduld , und die Wahrnehmung davon verwirrt uns , läßt uns den Faden verlieren und fahrt uns , links und rechts tappend , in die Breite . Ihr wollt Guckkastenbilder : Brand von Moskau , Rostoptschin , Kreml , Übergang über die Beresina , alles in drei Minuten . Die Erzählung , die euch und euer Interesse tragen soll , soll bequem wie eine gepolsterte Staatsbarke , aber doch auch handlich wie eine Nußschale sein . Ich weiß wohl , wo die Wurzel des Übels steckt : der Zusammenhang ist euch gleichgiltig ; ihr seid Springer . « Renate lachte . » Ja , das sind wir ; aber wenn wir zuviel springen , so springt ihr zuwenig . Eure Gründlichkeit ist beleidigend . Immer glaubt ihr , daß wir in der Weltgeschichte weit zurück seien , und wir wissen doch auch , daß der Kaiser in Paris angekommen ist . Oh , ich könnte Bulletins von Hohen-Vietz aus datieren . Aber lassen wir unsere Fehde , Lewin . Was ist es mit den roten Scheiben im Schloßhof von Berlin ? In der Zeitung war eine Andeutung ; Kathinka schrieb ausführlicher davon . « » Was schrieb sie ? « » Wie du nur bist . Nun kümmert dich wieder , was Kathinka schrieb . Daß ich so töricht war , den Namen zu nennen . « Lewin suchte seine flüchtige Verlegenheit zu verbergen . » Du irrst , ich schweife nicht ab ; mich hat das Phänomen lebhaft beschäftigt . Es kam dreimal ; am dritten Tage habe ich es gesehen . « » Und was war es ? « » An allen drei Tagen , etwa eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang , erglühten plötzlich die oberen Fenster des alten Schloßhofes . Die Wachen meldeten es . Da die Sonne längst unter war , so dachte man an Feuer . Aber es fand sich nichts . Auf dem neuen Schloßhof blieben die Fenster dunkel . Die Leute sagen , es bedeute Krieg . « » Ein leichtes Prophezeien « , bemerkte Tante Schorlemmer ruhig . » Wir hatten Krieg in diesem Jahre und werden ihn mit in das neue hinübernehmen . « » Ich glaube « , fuhr Lewin fort , » der ganze Vorgang wäre schnell vergessen worden , wenn nicht eines unserer Blätter , das euch nicht zu Händen kommt , am zweitfolgenden Tage schon eine Geschichte gebracht hätte , die bei allem Dunklen ersichtlich darauf berechnet war , der Erscheinung im Schloß eine tiefere Bedeutung zu geben , so etwas wie Zeichen und Wunder . « » O erzähle ! « » Ja . Aber du darfst nicht ungeduldig werden . « » Bist du empfindlich ? « » Wohlan denn . Es ist eine Geschichte aus dem Schwedischen . Die Überschrift , die das Blatt ihr gab , war : Karl XI. und die Erscheinung im Reichssaale zu Stockholm . Ich bürge nicht dafür , daß ich alles genauso wiedergebe , wie ' s in dem Blatte stand , aber in den Hauptstücken bin ich meiner Sache gewiß . Was man gern hat , behält man . Gedächtnis ist Liebe , sagte Tubal noch gestern , und selbst Kathinka stimmte bei . « Bei dem Namen Tubal kam das Erröten an Renate . Lewin aber , als ob er es nicht bemerkt habe , fuhr fort : » Karl XI. war krank . Er lag schlaflos zu später Stunde in seinem Zimmer und sah nach der anderen Seite des Schloßhofes hinüber , auf die Fenster des Reichssaales . Bei ihm war niemand als der Reichsdrost Bjelke . Da schien es dem König , daß die Fenster des Reichssaales zu glühen anfingen , und darauf hindeutend , fragte er den Reichsdrosten : Was ist das für ein Schein ? Der Reichsdrost antwortete : Es ist der Schein des Mondes , der gegen die Fenster glitzert . In demselben Augenblick trat der Reichsrat Oxenstierna herein , um sich nach dem Befinden des Königs zu erkundigen , und der König , wieder auf die glühenden Scheiben deutend , fragte den Reichsrat : Was ist das für ein Schein ? Ich glaube , das ist Feuer . Auch der Reichsrat antwortete : Nein , gottlob , das ist es nicht ; es ist der Schein des Mondes , der gegen die Fenster glitzert . Die Unruhe des Königs wuchs aber , und er sagte zuletzt : Gute Herren , da geht es nicht richtig zu ; ich will hingehen und erfahren , was es sein kann . Sie gingen darauf einen Korridor entlang , der an den Zimmern Gustav Erichsons vorüberführte , bis daß sie vor der großen Türe des Reichssaales standen . Der König forderte den Reichsdrosten auf , die Tür zu öffnen , und als dieser bat , in dieser Nacht die Tür geschlossen zu lassen , nahm der König selbst den Schlüssel und öffnete . Als er den Fuß auf die Schwelle setzte , trat er hastig zurück und sagte : Gute Herren , wollt ihr mir folgen , so werden wir sehen , wie es sich hier verhält ; vielleicht daß der gnädige Gott uns etwas offenbaren will . Sie antworteten : Ja . « Hier wurde Lewin unterbrochen . Jeetze trat ein , um eine Schale mit Obst auf den Tisch zu stellen , Erdbeeräpfel und Gravensteiner , die in Hohen-Vietz vorzüglich gediehen . Tante Schorlemmer benutzte die Unterbrechung , um einige wirtschaftliche Ordres zu geben , Renate aber bemerkte : » Ich vermisse die Beziehungen ; aber freilich , je geheimnisvoller , desto anregender für die Phantasie . « Lewin nickte zustimmend . » Dieser Eindruck wird sich bei dir steigern . « Dann fuhr er fort : » Als König Karl und die beiden Räte eingetreten waren , wurden sie eines langen Tisches gewahr , an dem eine Anzahl ehrwürdiger Männer saßen , in ihrer Mitte ein junger Fürst ; als solchen bezeichnete ihn der Thron , der , mit Wappenschildern und roten Teppichen behangen , unmittelbar in seinem Rücken aufgerichtet war . Es war ersichtlich , man saß zu Gericht . Am unteren Ende des Tisches stand ein Richtblock , und um den Block her , in weitem Halbkreis , standen Angeklagte , reich gekleidet , aber nicht in der Tracht , die damals in Schweden getragen wurde . Die zu Gericht sitzenden Männer zeigten auf die Bücher , die sie in Händen hielten ; sie wollten dem jungen Fürsten nicht zu Willen sein , der aber schüttelte hochmütig den Kopf und wies an das untere Ende des Tisches , wo jetzt Haupt um Haupt fiel , bis das Blut längs dem Fußboden fortzuströmen begann . König Karl und seine Begleiter wandten sich voll Entsetzen von dieser Szene ab ; als sie wieder hinblickten , war der Thron zusammengebrochen . Der König aber , indem er des Reichsdrosten Bjelke Hand ergriff , rief laut und bittend : Welche ist des Herren Stimme , die ich hören soll ? Gott , wann soll das alles geschehen ? Und als er Gott zum dritten Male angerufen hatte , klang ihm die Antwort : Nicht soll dies geschehen in deiner Zeit , wohl aber in der Zeit des sechsten Herrschers nach dir . Es wird ein Blutbad sein , wie nie dergleichen im schwedischen Lande gewesen . Dann aber wird ein großer König kommen und mit ihm Frieden und eine neue Zeit . Und als dies gesprochen war , schwand die Erscheinung . König Karl hielt sich mühsam . Dann , über denselben Korridor , kehrte er in sein Schlafgemach zurück . Die beiden Räte folgten . « Lewin schwieg . Im Wohnzimmer war es still geworden ; der Fächer ruhte , selbst die Stricknadeln ruhten ; jeder blickte vor sich hin . Nach einer Pause fragte Renate : » Wer war der sechste Herrscher in Schweden ? « » Gustav IV. ; sein Thron ist zusammengebrochen « . » So hältst du das Ganze für echt und ehrlich , für eine wirkliche Vision ? « » Ich sage nicht ja und nicht nein . Das Schriftstück , das über diesen Hergang berichtet , liegt im Stockholmer Archiv . Es ist von des Königs Hand in selbiger Nacht geschrieben ; seine beiden Begleiter haben es mit unterzeichnet . Die Handschriften sind beglaubigt . Ich habe weder das Recht noch den Mut , solchen Erscheinungen die Möglichkeit abzusprechen . Laß mich sagen , Renate , wir haben nicht das Recht . « Lewin betonte das » wir « . Dann aber wandte er sich , einen scherzhaften Ton wieder aufnehmend , an Tante Schorlemmer und Marie und drang in sie , ihren Glauben oder Unglauben solchen Erscheinungen gegenüber auszusprechen . Marie stand auf . Jeder sah erst jetzt , welchen tiefen Eindruck die Erzählung auf sie gemacht . Sie drückte die Tannenzweige , die sie mittlerweile , ohne zu wissen warum , zerpflückt hatte , zu einem Knäuel zusammen und warf alles in die halb niedergebrannte Glut . Der rasch aufflackernden Flamme folgte eine Rauchwolke , in der sie nun , einen Augenblick lang , selbst wie eine Erscheinung stand , nur die Umrisse sichtbar und die roten Bänder , die ihr über Haar und Nacken fielen . Es bedurfte ihrerseits keines weiteren Bekenntnisses ; sie selber war die Antwort auf die Frage Lewins . Tante Schorlemmer aber , die Stricknadeln wieder aufnehmend , schüttelte unmutig den Kopf und zitierte dann , als ob sie ein Gespenster beschwörendes Vaterunser vor sich hin bete , mit rascher und deutlicher Stimme : » Unter Gottes Schirmen Bin ich vor den Stürmen Alles Bösen frei . Laß den Satan wittern . Laß den Feind erbittern , Mir steht Jesus bei . « Siebentes Kapitel Im Kruge Dorf Hohen-Vietz ( es hatte auch » ausgebaute Lose « ) beschränkte sich in seinem Innenteil auf eine einzige langgestreckte Straße , die , dem Fuße des Hügels folgend , nach Norden hin mit dem Vitzewitzeschen Rittergute , nach Süden hin mit einem großen Mühlengehöft abschloß . Das Rittergut , soweit seine Baulichkeiten in Betracht kommen , bestand aus zwei hufeisenförmigen Hälften , von denen die eine sich aus den drei Flügeln des Herrenhauses , die andere aus Ställen und Scheunen des gutsherrlichen Gehöftes zusammensetzte . Die offenen Seiten beider Hufeisen waren einander zugekehrt , zwischen beiden lief ein zugleich als Auffahrt dienender Steindamm , der in seiner Verlängerung hügelansteigend in die mehrgenannte Nußbaumallee überging . Freundlicher noch als das Rittergut lag die Mühle , die eine Öl- und Schneidemühle war . Ein Wasser , das mit starkem Gefälle am Dorf vorüberfloß , trieb beide Werke . Jetzt war der Bach gefroren . Schnee und Eis aber , die in phantastischen Formen an den großen Triebrädern hingen , steigerten , wenn nicht den idyllischen , so doch den malerischen Reiz des weitschichtigen , aus Häusern , Schuppen und Lagerräumen bunt zusammengewürfelten Gehöftes . Rittergut und Mühle die Flügelpunkte ; dazwischen die Straße , die ihre dreißig Häuser oder mehr ziemlich unregelmäßig auf beide Seiten verteilt hatte . Die linke Seite , die östliche , war die bevorzugte . Hier lagen die Pfarre , die Schule , der Schulzenhof , während die rechte Seite , die fast ausschließlich von Büdnern und Tagelöhnern bewohnt wurde , nur ein einziges stattliches Gebäude aufwies : den Krug . In diesen treten wir jetzt ein . Er hatte nicht das Ansehen wie sonst wohl Dorfkrüge , dazu fehlte ihm der auf Holzsäulen ruhende , jedem vorfahrenden Wagen als Wetterdach dienende Giebelbau , vielmehr sprang eine doppelarmige , aus Backsteinen aufgemauerte Treppe vor , die fast ein Dritteil der unteren Hausfront ausfüllte . Auch das Geländer war von Stein . Dieser äußeren Erscheinung , die mehr Städtisches als Dörfisches hatte , paßte sich auch die innere Einrichtung an . Von den zwei Gastzimmern , die durch den fliesenbedeckten Flur getrennt waren , zeigte das eine mit seinen blankgescheuerten Tischen und hochlehnigen Schemelstühlen , in die ein Herz geschnitten war , allerdings noch den Krugcharakter , das andere aber mit Mullgardinen und eingerahmten Kupferstichen , darunter Schill und der Erzherzog Karl , glich fast in allem einer Bürgerressourcenstube und hatte sogar einen Lesetisch , auf dem , neben dem » Lebuser Amtsblatt « , der » Beobachter an der Spree « und die » Berlinischen Nachrichten von Staats und gelehrten Sachen « ausgebreitet lagen . Alles verriet Behagen und Wohlhabenheit und durfte es auch , denn über beides verfügten die Hohen-Vietzer Bauern , die hier ihr Solo spielten , in ausgiebigster Weise . Ihre Hörigkeit , wenn sie je vorhanden gewesen war , hatte in diesen Gegenden , wo dem herrenlosen Bruch- und Sumpflande immer neue Strecken fruchtbaren Ackers abgewonnen wurden , seit lange glücklicheren Verhältnissen Platz gemacht , und Berndt von Vitzewitz , weil er selbst frei fühlte , freute sich nicht nur dieser wachsenden Selbständigkeit , sondern kam ihr überall entgegen . Ein Ereignis aus seinen jüngeren Jahren her hatte dazu beigetragen . Kurz vor dem zweiundneunziger Feldzug , als er - noch von seiner Garnison aus - einen Besuch in der Salzwedler Gegend machte , hatte ein Schloß-Tylsener Knesebeck , ein ehemaliger Regimentskamerad , ihn vom Schloß aus ins Dorf geführt und dabei die Worte zu ihm gesprochen : » Seht , Vitzewitz , hier werdet Ihr etwas kennenlernen , was Ihr Euer Lebtag noch nicht gesehen habt : freie Bauern . « Und diese Worte , dazu die Bauern selbst , hatten eines tiefen Eindrucks auf ihn nicht verfehlt . Das lag nun zwanzig Jahre zurück , war aber unvergessen geblieben und den Hohen-Vietzern mehr als einmal zugute gekommen . Auch heute , am Weihnachtstage 1812 , hatten sich einige bäuerliche Honoratioren , alles Männer von Mitte Fünfzig und darüber , in der Gaststube versammelt . Es waren ihrer vier : Ganzbauer Kümmeritz , Anderthalbbauer Kallies , Ganzbauer Reetzke und Ganzbauer Krull , lauter echte Hohen-Vietzer , die , seit unvordenklichen Zeiten an dieser Stelle sässig , mit den Vitzewitzen das alte Höhendorf bewohnt und verlassen , dazu auch gemeinschaftlich mit ihnen die guten und schlechten Zeiten durchgemacht hatten . Alle waren festtäglich gekleidet , trugen lange , dunkelfarbige Röcke und saßen , mit Ausnahme eines von ihnen , grade aufrecht in den breiten , gartenstuhlartigen Holzsesseln , die zu acht oder zehn um einen großen , rotbraun gestrichenen Rundtisch herum standen . Als fünfter hatte sich ihnen der Wirt selber , der Krüger Scharwenka , zugesellt , der durch Erbschaft von Frauensseite her ein Doppelbauer und überhaupt der reichste Mann im Dorfe war , nichtsdestoweniger aber , trotz seiner sechshundert Morgen Bruchacker unterm Pflug , nicht für voll und ebenbürtig angesehen wurde . Das hatte zwei gute Bauerngründe . Der eine lief darauf hinaus , daß erst sein Großvater , bei Urbarmachung des Oderbruchs , mit andern böhmischen Kolonisten ins Dorf gekommen war ; der andere wog schwerer und gipfelte darin , daß er , allem Abmahnen zum Trotz , von dem wenig angesehenen Geschäft des » Krügerns « nicht lassen wollte . Scharwenka , sooft dieser heikle Punkt zur Sprache kam , pflegte sich auf seinen Großvater selig zu berufen , der ihm von Kindesbeinen an beigebracht habe : Dukaten seien nie despektierlich . Der eigentliche Grund aber , warum er den Bierschank und das » Knechte Bedienen « nicht aufgeben wollte , lag keineswegs bei den Dukaten . Es war dem reichen Doppelbauer viel weniger um den hübschen Krugverdienst als um die tagtägliche Berührung mit immer neuen Menschen zu tun ; das Plaudern , vor allem das Horchen , das Bescheidwissen in anderer Leute Taschen , das war es , was ihn bei der Gastwirtschaft festhielt . Er setzte seinen Stolz darin , die Nachricht von einer bäuerlichen , durch die Verhältnisse notwendig gewordenen Mesalliance vierundzwanzig Stunden früher zu haben als jeder andere . Subhastationen konnte er voraus berechnen wie die Kalendermacher das Wetter ; seine eigentliche Spezialität aber waren die der Feuerlegung verdächtigen Windmüller . Die Liste , die er darüber führte , umfaßte so ziemlich das ganze Gewerk . So Krüger Scharwenka . Seinen Platz hatte er gerade der Türe gegenüber genommen , um jeden Eintretenden sehen und begrüßen zu können . Unmittelbar neben ihm saßen Reetzke und Krull , die schon seit einer Stunde rauchten und schwiegen , ganz im Gegensatz zu Kümmeritz und Kallies , die beide von den Gesprächigen waren . Auch von ihnen ein Wort . Ganzbauer Kümmeritz , trotz seiner Fünfzig , hatte durchaus die Haltung und das Ansehen eines alten Soldaten . Und beides kam ihm zu . Er war erst Grenadier , dann Gefreiter im Regiment Möllendorf gewesen , hatte die Rheinkampagne mitgemacht und zweimal die Weißenburger Linien mit erstiegen . War dann bei Kaiserslautern verwundet worden und hatte den Abschied genommen . Er vertrat in diesem Kreise , neben dem Schulzen Kniehase , der heute zufällig ausgeblieben war , die Traditionen der preußischen Armee , kontrollierte den Kaiser Napoleon , malte seine Schlachten auf den Tisch und hielt die Ansicht aufrecht , daß Jena , » wo wir den Sieg ja schon in Händen hatten « , nur durch einen Schabernack verlorengegangen sei . Das volle Gegenteil von Kümmeritz war Anderthalbbauer Kallies , ein schmalschultriger , langaufgeschossener Mann . Geistig regsam , aber schwach und widerstandslos von Charakter , mußte er es sich gefallen lassen , geneckt und gehänselt zu werden , wozu schon , alles andere unerwogen , sein Beiname herauszufordern schien . Er war nämlich , als er kaum laufen konnte , in eine große Rahmbutte oder Sahnenschüssel gefallen und hieß seitdem in sehr bezeichnender Weise » Sahnepott « . Denn es war ihm sein lebelang etwas Milchernes geblieben . Alle fünf dampften jetzt aus langen holländischen Pfeifen ; neben jedem lag ein Zündspan . Kallies hatte das Wort . Aus allem ging hervor , daß eben ein anderer Gast , ein Reisender , ein Kaufmann , wie es schien , das Zimmer verlassen haben mußte . » Immer , wenn ich ihn so stehen sehe « , sagte Kallies mit Wichtigkeit , » fällt mir sein Vater , der alte Tiegel-Schultze , ein ; der stand auch immer so da , mit beiden Händen in den Hosentaschen , und war auch so ein schnackscher Kerl und sah aus , als hätt er den Gottseibeiuns beim Dreikart betrogen . Scharwenka , du mußt ja den alten Tiegel-Schultze auch noch gekannt haben . « Scharwenka nickte ; Kümmeritz aber , der eben eine neugestopfte Pfeife anrauchte , sprach in kurzen Pausen vor sich hin : » Tiegel-Schultze ? Soll mich das Wetter , wenn ich den Namen all mein Lebtag gehört habe . Und bin doch auch ein Hohen-Vietzer Kind . « » Das war , als du bei den Soldaten warst , Kümmeritz . So um die achtziger Jahre . Nachher war Tiegel-Schultze tot , wenn er überhaupt gestorben ist . « Kümmeritz , der wenigstens einen Teil seines wendischen Aberglaubens bei den Soldaten gelassen hatte , schmunzelte vor sich hin und sagte dann : » Sahnepott , keine Dummheiten . Immer räsonabel . Wer tot ist , ist tot . Spuken kann er ; aber sterben muß er . Warum hieß er Tiegel-Schultze ? « » Er hieß Schultze . Aber alle Welt nannt ihn Tiegel-Schultze . Ich bin oft bei ihm gewesen , wenn ich ihm den Rübsen brachte . Immer bar Geld . Die Schwedter sagten : Der hat gut bezahlen . Er stand dann hinterm Tisch , immer die Hände in den Hosen , und sah einen so verflixt an , daß man ganz irre wurde . Aber nie kein Handel . Scharwenka , das mußt du ja wissen . « Scharwenka nickte wieder . Sahnepott fuhr fort : » Die Comptoirstube sah aus wie ein Gefängnis , hoch , weiß und Eisenstangen am Fenster . Nichts war drin als drei Wandbretter , und auf den Brettern standen viele hundert Tiegel , große und kleine , irdene und tönerne , darum hieß er Tiegel-Schultze . Ein paar sahen schwarz aus und waren aus Kohle geschnitten . « » War er denn ein Schmelzer , ein Goldmacher ? « » Das war er , und für den Schwedter Markgrafen hat er manchen blanken Klumpen ausgeschmolzen . Als aber der Markgraf dachte , er könnt es nun selber und hätte Schultzen alles abgesehen , da wollt er ihn beiseite schaffen , lud ihn aufs Schloß , suchte Streit mit ihm und feuerte die beiden Läufe seines Suhler Doppelgewehrs auf ihn ab , die mit zwei goldenen Zwickeln geladen waren . Es waren solche , wie die pohlschen Edelleute an ihren Röcken tragen . Tiegel- aber lachte , fing die beiden Zwickel mit seiner Linken auf , denn er war eine Linkepoot , zeigte sie dem Markgrafen und sagte : Die trag ich nun zum Andenken an meinen gnädigen Herrn . « Es war ersichtlich , daß Kallies , der jetzt volles Fahrwasser unterm Kiel hatte , den Zeitpunkt für gekommen hielt , sich über das Geschlecht der Tiegel-Schultzen , über Raps , Goldmachen und die Undankbarkeit des Schwedter Markgrafen des weiteren verbreiten zu dürfen . Aber ehe es geschehen konnte , trat ein neuer Gast ein , der nun der Unterhaltung eine andere Wendung gab . Der Neueintretende war der Müller Miekley , dem die Öl- und Schneidemühle am Südende des Dorfes zugehörte . Er war unter Mittelstatur , trug einen hellgrauen Rock und hatte in seinem Gesicht jenen eigentümlichen Ausdruck , den man bei fast allen Landleuten findet , die innerhalb der religiösen Kontroverse stehen , Sektierer sind oder es werden wollen . Wo geistige Arbeit von Jugend auf ihre Züge in das Antlitz schreibt , da ist der Sektiererzug nur ein Zug unter anderen Zügen , einer unter vielen , in deren Gesamtheit er wie verlorengehen oder doch übersehen werden kann ; bei Landleuten aber tritt er ganz unverkennbar hervor , und um so mehr , je weniger er die Herrschaft zu teilen hat . Dieser Sektiererzug , in dem sich Sinnlichkeit und Entsagung , Hochmut und Demut mischen , lag auch in Müller Miekley ausgesprochen , der im übrigen ein gewissenhafter Mann war , auf Hausehre hielt und sich der besonderen Protektion Tante Schorlemmers zu erfreuen hatte . Es konnte dies geschehen , ohne nach irgendeiner Seite hin Anstoß zu geben , da Miekley nicht eigentlich aus der Landeskirche ausgetreten war , vielmehr regelmäßig die Predigten Seidentopfs hörte und nur alle Vierteljahr einmal aus dem » tieferen Quell « des Kandidaten Uhlenhorst schöpfte , wenn dieser , das Bruch und die Neumark bereisend , in Hohen-Sathen alle Konventikler von diesseits und jenseits der Oder um sich versammelte . Das war denn freilich ein Fest- und Ehrentag . Alles