die Hand und dankte immer wieder für das lehrreiche Buch und das zierliche , allerliebste Arbeitsgerät . » Ich will es in Ehren halten « , versprach er , » und tüchtig daraus lernen . « » Bravo , mein Junge « , antwortete der Matrose . » Wer weiß , wo wir uns noch einmal im Leben begegnen . Vielleicht bin ich dein Bootsmann , wenn du für den Flottendienst eingezogen wirst . Und nun leb wohl ! Nimm dich vor deinem Kameraden in acht - ich mag ihn nicht . « Er winkte verstohlen mit den Augen zu Georg hinüber und entließ mit mehrmaligem herzlichen Händedruck den Jungen , der jetzt neben seinem Begleiter in der Jolle Platz nahm . Der Pommer sah von Bord des » Blitz « den beiden nach . » Davonlaufen wird er doch « , dachte er , » und in eine schwere Schule rennt er blindlings hinein ; Junge , dir steht noch manches bevor , aber das wird nun einmal dein Schicksal sein . « Die beiden im Boot sprachen inzwischen leise miteinander . » Na , was hattest du denn so Geheimnisvolles unter Deck zu suchen ? « fragte der Seiler etwas ärgerlich . » Bliebst ja eine halbe Ewigkeit da unten - und was ist denn das hier ? « Robert zeigte ihm Buch und Kasten . Georg besah es mit prüfendem Blick . » Das erlaubt ja dein Alter nie « , sagte er , » du erlebst höchstens , daß er es dir vor der Nase wegnimmt und daß du einmal wieder so recht den kleinen Jungen spielst , das Kind , das Schläge bekommt . Gib den Trödelkram her , ich will ihn für dich verkaufen . « Aber Robert schüttelte den Kopf . » Laß es mich behalten , Georg « , antwortete er , » der freundliche Matrose würde es sehr undankbar finden , wollte ich sein Geschenk für wenige Groschen verkaufen - meinst du nicht auch ? « » Ach , dummes Zeug , er sieht ' s ja nicht . « » Das ist einerlei , Georg , ich - ich müßte doch immer denken , er sähe es . Was soll ich auch mit dem Geld ? « Der Seiler antwortete nicht . Er spürte offenbar den Widerstand des Jungen und gab nach . » Wollen wir uns nun eine Schiffswerft ansehen ? « änderte er ohne Übergang das Gespräch . Robert jubelte laut . » Ja , ja , - ach Georg , was für ein schöner Tag ist das ! « » Weil wir Geld haben ! « konnte sich der Seiler nicht enthalten , beziehungsreich zu antworten . » Nach Steinwärder ! « rief er dem Jollenführer zu , und schon sehr bald landeten sie an der kleinen angebauten Elbinsel , die mitten im Hafen liegt und einen so großartigen Anblick bietet . Die Schiffe aller Völker , die Gesichter aller Rassen , vom kohlschwarzen Neger durch alle Schattierungen von braun und gelb des Malaien , Mulatten , Chinesen und Mongolen bis zum blonden Engländer oder Schweden - die Flaggen und Wimpel in jeder erdenklichen Farbe , das Rufen und Sprechen in fremder Mundart , der Anblick dieser unübersehbaren Reihen ankernder Schiffe , alles zusammen überwältigte den Jungen , so daß er stumm dasaß . Welche wunderlichen Namen trugen die verschiedenen Schiffe , wie seltsam und geheimnisvoll erschienen die geschnitzten Figuren an ihrem Bug . Hier ein Greis mit Krone und Dreizack und langherabwallendem weißen Bart , dort der Oberkörper einer Frau in einen Fischschweif auslaufend , und hier sogar ein greulicher Götze , dort wieder ein Tierbild - - Das alles zog an dem Jungen vorüber und hinterließ einen einzigartigen Eindruck . Er war überwältigt von all dem Neuen . Hier begann für ihn das Leben , hier öffnete sich ihm eine Welt , von der er bisher nur geträumt hatte . Das war es , wonach er sich sehnte und was er nicht vergessen konnte , sooft auch die Eltern ihm eindringlich vorstellten , wie schrecklich und gefährlich das Seemannsleben sei . Er verschlang mit den Augen jeden neuen Gegenstand , und als ihn Georg aufforderte , aus dem Boot zu steigen , da tat er es wie im Traum . Er war wie berauscht . » Komm « , lächelte der Seiler , » du zeigst ja ganz den Neuling , Junge , das Dorfkind , das noch nie etwas anderes gesehen hat , als seine heimatlichen Gänseweiden . Hier ist die Seemannsschule , und hier die Werft der Hamburg-Amerikanischen Dampfschiffahrts-Aktiengesellschaft . Weiter hinauf kommt die weltbekannte Firma Godeffroy mit ihrer großen Werft für Handelsschiffe . Aha , da liegt ein neuer Dreimaster , dessen Stapellauf wohl in den nächsten Tagen stattfinden wird . Wir wollen doch versuchen , das Ding zu besehen . « Die beiden gingen an den verschiedenen offenen Arbeitshallen vorüber , und Robert sah in natürlicher Größe eine Menge solcher halbvollendeter Einzelteile von Schiffen , solcher Modelle und Anfänge , wie sie das Buch des Matrosen zeigte . Besonders ein halbfertiger kleiner Kutter zog ihn lebhaft an . Das Ding sah aus wie ein Gerippe von Holz , und die in seinem Innern arbeitenden Zimmerleute klopften im Takt des lustigen Liedes , das sie bei ihrer Arbeit sangen . Er wäre schon gern hier geblieben , um zu beobachten und zu bewundern , aber Georg hatte mittlerweile den Schiffszimmermann gebeten , das neue Schiff besichtigen zu dürfen , und so kletterten denn beide die Leiter hinauf , um an Bord zu kommen . Alle Türen , alle Luken waren geöffnet , um die Sonnenstrahlen recht eindringen und den frischen Lack trocknen zu lassen . Das Schiff sollte schon binnen vierzehn Tagen seine erste Reise über den Atlantik antreten . » Das hier ist die Kapitänskajüte « , erläuterte der Mann , auf einen mäßig großen Raum deutend , dessen Decke sehr niedrig schien , und durch dessen am Fußboden befestigten Tisch der Mast in schräger Stellung mitten hindurchlief . Der war aber hier nicht bloß mit Ölfarbe gestrichen , wie draußen an Deck , sondern mit Mahagoni belegt und als Träger einiger schwebender Blumengestelle eingerichtet . Dazu gab es ein behagliches Sofa und an beiden Seiten des Tisches gepolsterte Bänke , während sämtliche Wände aus beweglichem Fachwerk bestanden und große Schränke hinter ihren Türen verbargen . Den Boden bedeckte ein Strohteppich in bunten Farben , so daß das Ganze sehr wohnlich aussah . Robert hatte sich nicht träumen lassen , welche Behaglichkeit eine solche Schiffskajüte entwickeln könne . » Das hier ist die Schlafecke « , fuhr der Zimmermann fort , » denn ein Zimmer kann man es wohl kaum noch nennen . Aber an Raum muß eben gespart werden . Nur das Bett , an der Wand befestigt , das der Seemann Koje nennt , ein Tisch und ein Bücherschrank , mehr findet sich hier nicht ; gegenüber , ganz ähnlich eingerichtet , liegt die Steuermannskajüte , und das Ganze wird mit dieser Tür vollständig abgeschlossen . « » Willst wohl auch Seemann werden ? « lächelte der Zimmermann . » Sieh , Junge , dort ist das Logis . Wollen es gleich näher ansehen . « Er führte seine Gäste am großen Mast vorüber nach dem Vorderteil des Schiffes , und hier sah Robert den wenig einladenden Raum , in dem die Matrosen ihre freien Stunden verbringen . Eine enge , schmale Koje , so niedrig , daß der darin sitzende Mann kaum Platz hat , sich ganz auszustrecken , die Schiffskiste als Stuhl und ein Tisch aus Tannenholz , - das ist alles , was der Matrose an Freiheit und Eigentum besitzt , wenn er auf See ist . Aber Robert fand es schön , er sehnte sich immer mehr nach dem Seemannsleben , je mehr er davon sah . Auf dem Tisch sitzen und nähen , nach genau festgesetzten Stunden , und zum Schlafen das Bett im Winkel der Diele - war denn das nicht noch viel schrecklicher als die halbe Gefangenschaft an Bord eines Schiffes ? Er wäre am liebsten gleich hier geblieben , hätte sich als Kajütenjunge » anmustern « lassen und die erste Reise des neuen Seglers mitgemacht . Sein Herz klopfte ungestüm , als der Zimmermann in eine andere Tür hineindeutete . » Das da ist die Kombüse « , sagte er , » und diese eisernen Hähne , die ihr hier seht , sind die Pumpen . Wollen wir nun auch in den Schiffsraum hinabsteigen ? « Unten angekommen meinte Robert , es sei fast wie in einem Grabe . Er freute sich , als ihm die Sonne wieder ins Gesicht schien . » Aber wenn das alles ganz mit Ladung gefüllt ist « , fragte er , » wie untersucht man dann , ob nicht das Schiff vielleicht ein Leck bekommen hat ? « Georg und der Zimmermann lächelten . » Die Decksluken werden vor der Abreise kalfatert , das heißt wasserdicht verschlossen , und während der ganzen Fahrt nicht wieder geöffnet . Erst in dem Hafen , wo die Ladung gelöscht wird , kommt ein Mann der Reederei an Bord , und bezeugt dem Kapitän schriftlich den Zustand , in dem sich die Luken befanden . Nur wenn dieser ganz vorschriftsmäßig ; ist , trifft den Kapitän für die etwaige Beschädigung der Ladung keinerlei Verantwortung . Den Wasserstand dagegen untersucht man täglich zweimal durch die Pumpen , wobei sich bis auf einige Linien feststellen läßt , wieviel Wasser in das Schiff eingedrungen ist . Man nennt dies Verfahren Peilen . « Der Zimmermann sah sinnend vor sich hin . » Es ist schrecklich , wenn so ein Leck in das Schiff kommt « , sagte er , » unheimlich , weil man ihm nicht offen begegnen kann . Ich hab ' s einmal erlebt , sechs Tagereisen vor Kalkutta . Da stieg das Wasser so schnell , daß alle Arbeit auf Deck liegenblieb , daß nicht mehr gekocht und nicht mehr geschlafen wurde , weil wir nur unablässig pumpen mußten , um das nackte Leben zu retten . Wenn einer von der Mannschaft umfiel wie ein Toter , dann sprang ein anderer an seine Stelle , wortlos , ohne einen Blick auf den Röchelnden , ohne Rücksicht auf die eigenen zerfetzten Hände . Es war gräßlich , - wir brachten das Schiff nach Kalkutta , aber von unseren dreizehn Leuten lebten nur noch vier , die übrigen sind in ihren Kojen oder an Deck vor Erschöpfung gestorben , ohne daß wir uns um sie kümmern konnten . Wenn das Wasser im Schiffsraum steigt und nur zwei Minuten die Arbeit an den Pumpen eingestellt wird , dann ist das so , als stände der Tod hinter einem , und man würde nicht einmal darauf achten , wenn der eigene Bruder ein paar Schritte weit davon im Sterben läge . Nun - gottlob passiert das nicht alle Tage . « Robert hatte atemlos zugehört . » Waren Sie längere Zeit hindurch Seemann ? « fragte er . Der Zimmermann nickte . » Sechzehn Jahre « , antwortete er . » Da lernt man das Meer kennen . « Robert hatte noch eine Frage auf dem Herzen , das sah der Mann und ermunterte ihn freundlich , sie auszusprechen . » Na « , sagte er , » was wolltest du wissen , Junge , ob ich den fliegenden Holländer gesehen habe und den Klabautermann , oder das berühmte Meerweib , das sie hier auf St. Pauli jedem gläubigen Binnenländer für zwei Groschen zeigen , das aber aus Wachs und Kitt zusammengeflickt ist , wie ich dir lieber gleich sagen will . « Robert schüttelte den Kopf . » Das meine ich nicht « , sagte er schüchtern , » aber ob es wohl im Meer noch unbekannte Tiere gibt , große , fürchterliche , die man in den naturgeschichtlichen Werken gar nicht aufgeführt findet . « Der alte Zimmermann spielte mit der Hand an einer Leine , die gerade vor ihm in der Luft hing . » Ja , ja « , sagte er , » darauf sollte ich eigentlich gar nicht antworten . Das Erzählen ist leicht , wenn niemand die Geschichte widerlegen kann . Aber dennoch - ich habe so etwas Ähnliches erlebt . « » Ach « , rief Robert ungestüm , » bitte , erzählen Sie doch . « Der Zimmermann nickte . » Ich will es tun « , antwortete er , » nur fehlt der Sache eigentlich die Pointe , das heißt die Erklärung , aber wahr ist sie , darauf kann ich einen Eid leisten . Wir waren auf dem Atlantik und trieben bei fast völliger Windstille langsam dahin . Ich hatte gerade die Wache am Ruder , ungefähr um fünf Uhr morgens , da erhielt plötzlich das Schiff einen Stoß , daß ich beinahe gefallen wäre , und daß alles an Bord aus dem Schlaf auffuhr . Zugleich rumorte und tobte es in dem stillen Wasser ; weiße Schaumblasen kräuselten sich am Bug , während die Wellen langsam wieder ruhiger wurden . Wir sahen uns mit bangen Gesichtern an , und dann ging es ans Untersuchen . Es wurde alle Stunden gepeilt , aber kein Tropfen Wasser war in das Schiff hineingekommen . Erst als es später zur gründlichen Überholung auf der Werft lag , sah ich , woher der Stoß gekommen war . In dem gekupferten Boden steckte bis zur Länge von fünfzehn Zentimeter ein Horn von der Dicke eines starken Männerarmes . Es war abgebrochen , und vielleicht hatte der rasende Schmerz das unbekannte Tier zu so starken Bewegungen getrieben , daß sich die Wellen ringsum auf bäumten . Jedenfalls muß es ein riesenhaftes Geschöpf gewesen sein , das einen so spürbaren Anprall verursachen und den Boden des Schiffes fünfzehn Zentimeter weit durchbohren konnte . Der Kapitän hat das Horn später überall gezeigt und bei vielen Männern der Wissenschaft angefragt , aber niemand kannte es . « Robert berührte den Arm des alten Mannes . » Haben Sie es ? « fragte er mit leuchtenden Augen . » Ich möchte es so gern sehen . « Der Zimmermann schüttelte den Kopf . » Es ist in England geblieben « , sagte er bedauernd . » Da ich dir aber diesen Wunsch nicht erfüllen kann , so wollen wir dafür vielleicht einen Gang durch unsere Maschinensäle machen , mein Junge . Ich will dir ein eisernes Schiff zeigen , das ist mehr wert . Den Grund des Meeres werden wir nicht erforschen , so wenig wie den Mittelpunkt der Erde oder den Weltenraum . Aber die Welt , in der wir leben und die uns Brot geben soll , müssen wir möglichst genau kennen lernen , vor allem da , wo wir unseren Lebensberuf ausüben . Kannst ja vielleicht auf hoher See einmal einem solchen Tiefseeungeheuer begegnen , wie damals unser Fahrzeug - wer weiß ? Willst du jetzt das eiserne Schiff sehen ? « Robert glaubte , daß ihn der Zimmermann necken wolle . » So dumm bin ich nun aber nicht mehr « , erwiderte er . » Wie könnte denn Eisen schwimmen ? « Der Alte und auch Georg lachten herzlich . » Komm nur mit , wenn du auch recht klug bist , zu lernen findet sich doch noch immer etwas . « Robert fühlte , daß er errötete . Ob es doch möglich war , daß Eisen schwämme ? - Schleunigst folgte er den beiden anderen und kam nun mit ihnen an einen schmalen Arm der Elbe , wo ein eben vollendetes kleines Dampfschiff lag , ein Schraubenschiff und ganz aus Eisen , in blaugrauer Farbe , mit schlanken , schönen Linien . Der Junge sah deutlich die einzelnen Eisenplatten und ihre Vernietungen . Die Säume der oberen Platten griffen über die darunterliegenden , deren Dicke höchstens drei Millimeter betragen mochte . » Ach « , rief Robert , » also es schwimmt , weil es so dünne Platten hat ? Ja natürlich - « » Das wußtest du nicht ! « lachte der Alte . » Na , gib dich gefangen . Es ist nicht das letztemal , daß du deine Unwissenheit eingestehen mußt . Und was die dünnen Platten betrifft , so habe ich schon Schiffe mit zentimeterdicken Platten gesehen , wie zum Beispiel unsere jetzigen Panzerfregatten . Und wie das möglich ist , will ich dir genau auseinandersetzen . Jeder Körper schwimmt überhaupt nur dann im Wasser , wenn sein Gewicht kleiner ist , als das der Wassermenge , die er verdrängt . Ob ich also das hölzerne Schiff mit Eisen belade , oder ein Fahrzeug ganz aus Eisen baue , das muß sich in seinen Folgen vollkommen gleich bleiben . « Robert hatte aufmerksam zugehört . » Das habe ich verstanden ! « rief er . » Wenn man nur ein wenig nachdenkt und sich eine Sache in ihren Einzelheiten vor Augen führt , dann scheint alles einfacher und selbstverständlicher . « » Siehst du ! « nickte lächelnd der Alte . » Das ist das große Geheimnis allen Lernens . Nicht in sich hineinreden lassen muß der Mensch , sondern mit offenen Augen sehen und selbst denken , sonst bleibt das Ganze nur an der Oberfläche und wird nie großen Nutzen stiften können . Jetzt geht mit , wir wollen uns auch das Innere ansehen . « Sie stiegen , nachdem die Laufbrücke passiert war , eine hübsche gewundene Treppe hinab , und nun sah Robert den Dampfkessel . Ein langes , dickes Rohr ging vom Kessel aus und teilte sich in zwei Arme , von denen jeder in einen gußeisernen Zylinder mündete , dem er den im Kessel erzeugten Dampf zuführte . Der Zimmermann nahm von einem dieser Zylinder den Deckel herab , so daß der Kolben sichtbar wurde , auf den der Dampf seine unmittelbare Wirkung ausübt , indem er bald von oben , bald von unten in den Zylinder einströmt und so die ständige Bewegung verursacht . Fest verbunden mit diesem Kolben ist eine Kolbenstange , welche die mit einem Gelenk versehene Pleuelstange aufnimmt . Diese übersetzt die hin- und hergehende Bewegung des Kolbens in eine drehende , die wiederum durch die Kurbeln auf die Schraubenwelle übertragen wird und so die Schiffsschraube in Gang bringt . Robert begriff das alles weit leichter , als er es für möglich gehalten hätte , und folgte mit großem Interesse jetzt auch seinen Begleitern durch die Maschinensäle . Es war fast vier Uhr nachmittags , als sich die beiden nach einem herzlichen Abschied von dem alten Zimmermann mit der Dampffähre wieder nach Hamburg übersetzen ließen . Robert meinte etwas kleinlaut , daß er sich vor diesen Häusermassen wirklich fürchte . Es bleibe ja für Menschen gar kein Platz mehr . Georg zog ihn am Arm mit sich fort , den Baumwall entlang bis zu den Vorsetzen . » Ich bin fast ohnmächtig vor Hunger « , sagte er . » Laß uns nur erst einmal das Wirtshaus erreichen , das ich suche . Hier herum muß es sein . « Er überflog die vielen Wirtschaftsschilder und schien es dann entdeckt zu haben . » Aha , da wäre ja der Fliegende Holländer ! « sagte er . » Komm nur , daß wir jetzt erst etwas essen . « Er führte den Jungen in eine niedere , unsaubere Gaststube , deren Besitzer hinter dem Schenktisch stand und die Groggläser füllte , die ein kleiner Kellnerjunge unablässig den spielenden und rauchenden Matrosen bringen mußte . Das Zimmer war Kopf an Kopf von Gästen besetzt , und Würfel und Karten gingen aus einer Hand in die andere . Man hörte überlautes Lachen , Flüche und Ausrufe in fremden Sprachen . Spanier , Engländer und Schwarze saßen hier , in verworrenstem Kauderwelsch durcheinander schreiend , neben den Hamburgern , die in breitem Platt mit ihren Kameraden sich unterhielten . Alles sang und lachte , fluchte und lärmte . Der Wirt war ein untersetzter Mann mit kurzem , dickem Hals und riesenstarken Armen , die in schmutzigen Hemdsärmeln steckten . Auf borstigen , fuchsroten Haaren saß im Nacken eine schmierige Mütze , und die Augen lagen lauernd in blutunterlaufenen tiefen Höhlungen . » Sieh da , auch mal wieder da ? « redete er Georg an . » Wen bringst du mir da , mein Junge ? Auch ein Früchtchen von deiner Art oder eine junge , unschuldige Landratte , die Seewasser kosten will ? Da , fangt erst mit einem Glas Genever an . « Und damit bot er Georg das Glas mit dem brennenden Getränk an , das Robert mit Widerwillen ausschlug . Der Seiler winkte dem Wirt verstohlen mit den Augen . » Ein Freund von mir , dem ich Hamburg zeigen will ; bei Ihnen wollen wir erst einmal etwas Vernünftiges essen . « Damit bestellte er bei dem Kellner zwei Portionen Beefsteak mit Kartoffeln und zwei Glas Bier , was auch sehr bald kam , und worüber sich die beiden mit dem ganzen Appetit der Jugend hermachten . Als sie satt waren , drängte Robert zum Fortgehen . Der Matrose vom » Blitz « hatte gewiß recht , wenn er ihn vor dieser Art Schenken eindringlich warnte , denn was er sah , das konnte ihm durchaus nicht gefallen , und vor dem Wirt empfand er geradezu Widerwillen . » Es ist einer von denen , die gekielholt werden müßten « , dachte er . Georg stand auf und knöpfte die Jacke zu . » Bleib noch einen Augenblick sitzen « , sagte er , » ich möchte mit dem Wirt noch ein paar Worte sprechen . Der Mann ist ein alter Freund von mir . « Robert machte große Augen . » Der ? « sagte er . » Nun , warum nicht ? « fragte mit ungewohnter Schärfe der Seiler . » Ein solcher Wirt kann nicht mit Lackstiefeln herumgehen wie ein großer Herr . Er muß häufig genug die streitenden Gäste selbst auseinanderbringen und dazu dauernd die Gläser spülen . - Peter Volland ist ein kreuzbraver Mann , sage ich dir . « Und mit diesen Worten ging Georg , um hinter dem überschwemmten Schenktisch den Wirt aufzusuchen . Robert sah , daß sich die beiden wie alte Bekannte begrüßten , und daß die Worte seines Freundes den stämmigen Schenkwirt äußerst angenehm zu berühren schienen . Ein wiederholtes Kopfnicken , eine Handbewegung und der ganze Ausdruck des Gesichtes sagten deutlich , als habe er laut ausgerufen : » Ja ! Jawohl , ganz gewiß ! « Dann folgte , halb versteckt hinter einer großen braunen Kanne , eine Fingerbewegung , die des Zählens . Jetzt nickte Georg , und die beiden Vertrauten trennten sich . Der Seiler kam wieder in das Schenkzimmer . » So « , rief er , » nun laß uns gehen , Kleiner . Jetzt sollst du auf dem Weg zum Altonaer Bahnhof noch die Läden der Schiffshändler kennen lernen . Paß nur auf , es beginnt gleich hier in der Nähe . « » Was hattest du mit dem Wirt ? « fragte Robert . » Ihr beide spracht und tatet so , als hättet ihr einen Handel abgeschlossen . « Der Seiler lachte etwas gezwungen . » Einen Handel ? Dummes Zeug , Junge . Sieh her , hast du schon einmal solche Ankerketten gesehen und solches Ölzeug ? « - Er zog Robert von Schaufenster zu Schaufenster und ließ ihn alles bewundern . Der ganze Weg neben der Hafenmauer führte an Läden und Werkstätten vorüber , die mit der Seefahrt in unmittelbarer Berührung standen . Außer den zahllosen Matrosenschenken und großen Auswandererhäusern gab es da die Niederlagen der Anker- und Kettenschmiede , Tauwerks- , Teer- und Farbenhandlungen , die Werkstätten der Blockdreher und Segelmacher , die Läden mit Schiffsproviant , Auswandererbedarf und Ölzeug , dann die Geschäfte der Makler , Agenten und Ballastlieferanten , und hundert andere mehr . An der unbebauten , dem Strom zugekehrten Seite der Straße befanden sich viele alte hölzerne , nach holländischer Art gebaute oder eiserne Kräne und Winden , dann führten Treppen in kurzen Zwischenräumen hinunter an das Wasser , und an schweren Ketten lagen die zahlreichen Jollen , die hier zwischen Schiffen und Ufer einen ununterbrochenen Verkehr herstellten . In der Straße selbst wogte es von Hafenarbeitern und Seeleuten aller Rassen , von Ewerführern , Schauerleuten , Jollenführern , Agenten der Schiffshändler und Makler . Hier sprach man alle Sprachen , hier kannte man alle Münzen der Welt . Hart an den Vorsetzen lagen Torf- und Kartoffelewer von der Unterelbe , die einen bedeutenden Teil des Bedarfs an diesen Artikeln in die Stadt bringen . Überall lebte und webte auf jedem Fußbreit der schmalen Straße das geschäftige Treiben einer Hafenstadt , überall regte sich der Handel nach allen Ländern der Welt . Es war für den Seiler keine leichte Aufgabe , seinen jungen Freund vorwärts zu bringen . Zwanzigmal blieb er stehen , um dies oder das zu bewundern oder eine neugierige Frage zu stellen . Er wollte alles sehen und alles wissen . Nur sehr ungern trennte sich der Junge von der Wasserseite Hamburgs und folgte dem Freund durch St. Pauli wieder zurück nach Altona . » Nun haben wir aber auch alles gesehen ! « sagte er zufrieden . Der Seiler lächelte halb spöttisch . » Und die Museen , mein Junge , und der Zoologische Garten ? - Aber ich denke , wir machen noch manche kleine Reise zusammen « , fügte er hinzu . » Wenn die Geschichte nur nicht so teuer wäre . « » Was hat uns der Tag gekostet ? « fragte Robert . » Hm , wenn wir wieder in Pinneberg angelangt sind , so ist die Tasche leer . Aber du hast ja noch Vorrat in der Sparbüchse . « Robert antwortete nicht . Er mußte die vielen neuen Eindrücke dieses Tages erst in sich verarbeiten , bevor irgend etwas anderes seine Aufmerksamkeit fesseln konnte . Unterwegs im Wagen legte er die heiße Hand auf Georgs Arm . » Laß uns gleich , wenn der Zug hält , wieder umkehren « , sagte er , » ich kann es doch nicht ertragen - nun erst recht nicht . « Der Seiler zuckte die Achseln . » Hättest besser zugreifen sollen « , flüsterte er , Daumen und Zeigefinger mit einem bedeutsamen Blick gegeneinander reibend . » Ohne das kann man in der Welt keinen Schritt vorwärtskommen . « Robert sprach kein Wort mehr , aber er ging , nachdem er auf Umwegen nach Hause geschlichen war , gleich ins Bett , ohne vorher zu essen oder seiner Mutter irgend etwas zu erzählen . Er wollte nur ungestört an das , was er gesehen hatte , denken . Am folgenden Tag mußte die Arbeit , die der Vater für seinen Sohn und Lehrling zurückgelassen hatte , in aller Eile fertig gemacht werden , aber es fielen diesmal viele Tränen darauf . » Wenn mich so alle diese kräftigen Seeleute sehen könnten « , dachte er , » die Glücklichen , die in Wind und Wetter draußen ihre Arme brauchen dürfen , während ich die Nähnadel halten muß ! « Der Alte fand auch , als er nach seiner Rückkehr jeden Stich musterte , die Arbeit schlecht und sparte daher nicht mit Zurechtweisungen . Zur Strafe beschränkte er die freie Zeit seines Jungen , so daß Robert nur höchst selten mit Georg einmal vertraulich sprechen oder an dem Holzklotz , den er sich heimlich in einen Winkel des Heubodens geschafft hatte , ein paar Minuten meißeln konnte . Das Buch des Matrosen vom » Blitz « gab über alles genaue Auskunft und war so verständlich geschrieben , daß es gar keine Kunst mehr schien , nach diesen Anweisungen selbst ein kleines Schiff zu bauen . Robert hatte sich in seinem Versteck eine richtige Werkstatt eingerichtet , denn die Mutter verriet ja nichts , und der Vater kam nie dort hinauf . Zwar schüttelte Frau Kroll den Kopf und meinte , das werde noch einmal ein Unglück geben , wenn es der Vater erfahren sollte , aber Robert kehrte sich nicht daran . In seinem Vater sah er ja schon längst den Feind , dessen er sich mit allen Mitteln zu erwehren suchte . Und Georg schürte das Feuer , wo er konnte . Robert lieferte jetzt kein empfangenes Trinkgeld mehr ab , stahl für seinen Freund aus der Speisekammer der Mutter alles Eßbare und hatte auch schon mehrere Male wieder mit Hilfe von Georgs Nachschlüssel den Geldkasten des Vaters bestohlen oder » von seinem Eigentum ein paar Taler verbraucht « , wie es der Seiler nannte . Alles das machte ihm kaum Gewissensbisse . Wenn der Vater gewollt hätte wie er , wenn er kein Tyrann gewesen wäre , so würde es ja nie geschehen sein , aber durch diese Halsstarrigkeit , diese Ungerechtigkeit trug er ja an allem selbst die Schuld . Schalt er , so hieß es : » Ich will ja doch kein Schneider werden . Habe ich ausgelernt , so gehe ich auf und davon . « Natürlich zog nach solchen Auftritten der Vater die Zügel nur immer straffer , und das Verhältnis zwischen ihm und seinem Sohn wurde immer schlechter . Robert hatte jetzt , als das Wetter anfing kalt zu werden , den Schiffbau oben in der Ecke des Heubodens soweit vollendet , daß er mehrere Kleinigkeiten einkaufen mußte , um weiterarbeiten zu können , aber es fand sich dazu leider kein Geld , und auch der Seiler erklärte , keins zu haben . » Nimm es doch , du weißt doch , wo es liegt « , sagte er höhnisch . Aber Robert schüttelte den Kopf . » Was ich in der Sparbüchse hatte , ist verbraucht « , antwortete er , » und das übrige gehört mir nicht . « Dabei blieb es . Georg sah zu seinem größten Ärger ,