und das Schloß mit seiner langgestreckten , glatten Fassade nur ein räumliches Wohnhaus , das - abgerechnet seine breiten , sich zum Flusse niedersenkenden Gartenterrassen - ebensogut in einer städtischen Straße hätte stehen können . Die Schäden des Krieges waren selbst von außen nur oberflächlich an ihm ausgeheilt , denn es blieb unbewohnt , seitdem es zu Anfang des Jahrhunderts aus den Händen der im Mannesstamme erloschenen , reichbegüterten sächsischen Familie der Werben als Tochtererbe in die der preußischen von Hartenstein übergegangen war . Auch die Pächterwohnung , die mitten im Schloßhofe lag , war zwar umfänglicher , aber weniger ansehnlich als manches Bauernhaus im Dorfe ; das Dach mit Schindeln gedeckt , der Fußboden mit Estrich ausgegossen , das runde Fensterglas in Blei gefaßt ; das vorspringende Deckengebälk hätte ein Mann vom Schlage des Schäfers Frey mit der Hand erreichen können . Der reiche Mehlborn aber fühlte sich heimisch in diesem bescheidenen Vaterhause und bewirtschaftete von ihm aus das Gut , obgleich er es ebenso leicht von dem besser erhaltenen Hofe Unterwerbens , ursprünglich einem großen Vorwerk und Filialdorfe des Hauptgutes , hätte tun können . Es war dieses Talgut kurz nach dem Kriege käuflich auf ihn übergegangen ; nicht das einzige , auf welchem in diesen drangvollen Zeiten der Pächter zum Herrn des Edelhofes ward , auf welchem sein Vater als Großknecht gedient hatte . Lieferungen und Lasten werden unerschwinglich ; der Bodenwert sinkt , und der Hypothekenwert steigt ; nach dem Frieden droht , unverstanden oder mißverstanden , das neue Ablösungsgesetz ; das Inventarium eignet bestenteils dem Pächter , der indessen auf fremdem Boden geerntet und sein Heu ins trockene gebracht hat . So hier wie anderwärts . Ehren-Mehlborn , der überdies keinen verächtlichen Mahlschatz erheiratet hatte , würde schon dazumal auch das heiß von ihm ersehnte Hauptgut haben an sich bringen können , wenn die Generalin von Hartenstein sich zu der Entäußerung des Stammsitzes ihrer Familie hätte entschließen können . Heute , das heißt zehn Jahre später , lag diese Entäußerung vor den Augen ihrer Erben als unvermeidliche Perspektive . Bis zu dem Erwerb des Talgutes hatte Johann Mehlborn sich nicht mehr gefühlt als jeder andere emsige , zähe , reichgewordene Bauer . An dem Tage jedoch , wo Exzellenz von Hartenstein als Sachwalter seiner Gemahlin die geschäftliche Korrespondenz statt an den Pächter Mehlborn Edelgeboren an den Rittergutsbesitzer Herrn Mehlborn Hochwohlgeboren richtete , stach ihn zum ersten Male die bewußte nobele spanische Fliege . Hatte er sich bisher mit dem Haben begnügt , nun warf er sich nebenbei auch auf das Werden und Sein . Zunächst das Werden und Sein eines titulierten Mannes . » Denn siehst du , meine Röse , « sagte er zu seiner Frau , » Rittersleute wären wir nun ; richtiger Adel bis auf das kleine von , das aber auch nicht ausbleiben wird , zum wenigsten für unsere Kinder . So weit hätten wirs mit Gottes Hülfe gebracht . Jedennoch mich auf den Kreistagen und im Kreisblättchen schlechtweg als Herr Mehlborn traktieren zu lassen und dich von den Nachbarn als bloße Madame , das geht mir wider den Strich . Mittel sind da : ich kaufe mir den Amtmann , Röse . « Frau Röse nickte zustimmend mit dem Kopfe , ihr Johann kaufte sich für so und so viel hundert Taler den Amtmann und fühlte sich , was seine eigene Person anbelangt , mit dieser Würde allenfalls zufriedengestellt . Für seine Kinder aber wollte er höher hinaus , » dem Throne um ein paar Stufen näher « , und ein kluger Kopf , wie er war , faßte er das Ding auch beim richtigen Zipfel : er sparte für sie und ließ sie etwas lernen . Sie wurden daher der Dorfkameradschaft in Kantor Beyfußens Schulstube entrückt . Die Tochter , ein ungewöhnlich befähigtes Kind , bereiteten die kürzlich aus der Fremde herbeigezogenen Freunde in der Pfarre so weit vor , daß sie , die erste Bauerntochter unserer Gegend , nach ihrer Konfirmation in ein vornehmes Institut der Hauptstadt aufgenommen werden konnte . » Denn siehst du , Mutter , « so sagte der Amtmann zu seiner Amtmännin , » siehst du , was für die Grafentöchter in Bielitz drüben nicht zu gut ist , das ist für unsere Brigitte allenfalls gut genug . Sie erben von ihrem Alten einmal einen Sack voll Schulden , und unsere Brigitte erbt von mir zum allerwenigsten ein Rittergut . Aber unter einem Baron tue ich es einmal für sie nicht . « Mutter Rosine hätte bei dieser Schlußwendung freilich gern mit dem Kopfe geschüttelt , sie nickte aber doch , und ihr Amtmann brachte seine Brigitte zu den Gräfinnen in die » Institution « , bei dieser Gelegenheit aber auch unter die Augen der gutsherrlichen Exzellenzen , die bisher persönlich ihm unbekannt , durch gewisse Beziehungen zu seiner Tasche indessen erwünschtermaßen vertraut geworden waren , und da in dem Worte » Erbe « ein anzügliches Medium liegt , tat durch dieses persönliche Bekanntwerden die Vertrautheit einen mächtigen Vorwärtsschritt . Oder wäre Hilmar von Hartenstein , weil Geld und Gut ihm zu entschlüpfen drohten , nicht ebenso , wie Brigitte Mehlborn eine Erbin war , ein Erbe gewesen , ja mehr als ein Erbe , war er nicht im Genuß ? Im Genuß eines alten , stolzen Namens , des Glanzes , welcher von einem ruhmwürdigen Vater auf den einzigen Sohn zurückstrahlt , im Vollgenuß der traditionellen Stattlichkeit , Ritterlichkeit , Frohlebigkeit seines Geschlechts , ein Hartenstein par excellence ? Sind diese Erben eines Temperaments , welches die Gabe des Reichwerdens und selber des Reichbleibens auszuschließen scheint , nicht allemal auch die des Zaubers liebenswürdiger Unwiderstehlichkeit ? Und unchristliche , das heißt herzenshärtige Gottesgeschöpfe sind sie beileibe ja auch keineswegs . Naturphilosophinnen , wie Frau Hanna Blümel , wollen freilich behaupten , daß derlei kat ' exochén liebenswerte Lebeleute den Gegenbeweis liefern zu dem Gesetz , welches aus dem Schlimmen häufig ein Gutes erwachsen läßt und daß durch ihre kavaliere Liebenswürdigkeit weit mehr Übel und Weh über die Welt verbreitet worden ist als durch die Langweiligkeit der sogenannten Philister samt und sonders ; mögen auch erst nachfolgende Geschlechter die bittere Hefe des süßen Weines zu verwinden haben . Aber Brigitte Mehlborn war bei sechzehn Jahren noch keine Philosophin , wennschon sie starke Anlage hatte , es eines Tages zu werden . » Der und kein anderer ! « sagte sie zu sich selbst , als sie den Tag vor ihrer Einführung in die residenzliche Kostschule an der Tafel der Exzellenzen dem schönen Gardereiterleutnant in seiner blitzenden Uniform zum ersten Male gegenübersaß . Und : » Meinetwegen auch die ! « sagte zwei Jahre später seufzend der schöne Gardereiterleutnant , vor die Alternative gestellt , sich aus einem hauptstädtischen Schuldensumpfe auf den soliden Boden eines provinzialen Infanterieregimentes zu retten und den letzten Anspruch an sein einstiges Muttererbe fallen zu lassen , oder diese Erbaussicht aus der Hand der Pächterstochter , um den Preis des Graziengürtels , zurückzuerhalten . Der tapfere General überwand das Loch im Stammbaum , wie es einem Helden ziemt ; seine Gemahlin kränkelte und dachte an eine selige Ewigkeit , in deren Angesicht man es hinsichtlich gewisser geistigen Gewöhnungen , Vorurteile genannt , glimpflicher als in gesunden Tagen zu nehmen pflegt . Mutter Mehlborn wurde nicht gefragt , würde aber , wenn gefragt , schwerlich mit dem Kopfe geschüttelt haben . Vater Mehlborn aber schrieb , unter Frau Hanna Blümels freundseelsorgerischer Korrektur , triumphierend Ja und Amen , und seine Brigitte kehrte als strahlende Braut in das Pächterhaus zurück . In kurzem präsentierte sich auch der ritterliche Bräutigam , wie es hieß , weniger strahlend als seine Braut , und leider , der Frühlingsparaden halber , nur für einen halben Tag , so daß den Freunden in der Pfarre der Vorzug seiner Bekanntschaft versagt blieb . Indessen soll vor dem Abschied die Verlobtenstimmung doch noch recht merklich zum Durchbruch gekommen sein , da ein gewisses heikles Geschäft , von Vater auf Sohn übertragen , sich über Erwarten glatt abgesponnen hatte . Und warum hätte wohl auch Vater Mehlborn , selbst abgesehen von seinem edelmännischen Gelingen , die Schnüren seines Säckels allzu straff anziehen sollen ? Der Bodenwert stieg , das Gut trug jetzt allenfalls eine Hypothek mehr ; noch eins oder das andere von diesen gewissen heiklen Geschäften , und der Stammsitz der Werben war ungeteilt Mehlbornsches Erbe . Schon im Sommer wurde die Hochzeit gefeiert , weder in Ober- noch Unterwerben , die beide zu exzellenzlichen Festivitäten nicht angetan waren ; auch nicht in der Residenz , aus welcher vor kurzem General von Hartenstein zu einem Oberkommando in die östliche Provinz versetzt worden war , sondern möglichst still in einem kleinen märkischen Badeorte , in welchem die kranke Generalin sich zur Kur aufhielt . Amtmann Mehlborn war es zufrieden , sich als Brautvater mit einer Gasthofsrechnung abfinden zu dürfen , obschon dieselbe , der Rangstufe der Hochzeitssippe entsprechend , mit doppelter Kreide angeschrieben wurde . Auch daß die Brautmutter , der Ernte und anderer Unvermeidlichkeiten halber zu Hause geblieben war , konnte ihm nur zur Genugtuung gereichen . Er hatte , da er noch Ehren-Mehlborn hieß , seine Röse gern zu Kirmes- und Erntetanz unter lustige Festgenossen geführt ; seitdem sie jedoch seine Gemahlin und eine gnädige Frau ohne kleines » von « geworden , sah er sie nur gern innerhalb ihrer vier Pfähle . Sie war und blieb nun einmal unempfänglich für jede höhere Kulturbestrebung . So das Schicksal der Tochter . Aber schon Jahr und Tag vor deren Einführung in das residenzliche Institut war auch der Sohn der Sphäre des Pachthofes entrückt worden und wäre es bei diesem Anlaß nahezu geschehen , daß Mutter Rosine zum ersten und einzigen Male energisch den Kopf geschüttelt hätte . Denn der Hannes war von ihrer eigenen stillen Art und beiden am wohlsten , wenn er ihr im Milchkeller und Hühnerhof am Schürzenzipfel hing . Er wuchs ihr daher auch weit dichter an das Herz als die nach dem Vater schlagende aufgeweckte Tochter , und sie hätte ihn dort großziehen mögen , wo er nach seiner wie ihrer Meinung , und sicherlich auch nach der der Natur , hingehörte : auf dem elterlichen Hofe . Wenn aber Vater Mehlborn sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte , was konnten Mutter Rosine und ihr Hannes dann wohl dagegen tun ? Und Vater Mehlborn hatte es sich in den Kopf gesetzt , seinen Stammhalter dem Throne um verschiedentliche Stufen näher rücken zu lassen . » Hannes , « hatte er gesagt , » Hannes , du studierst ; ich schenke dir ein Rittergut ; du wirst Landrat , heiratest eine Gräfin , meinethalben eine arme , und alles , was weiter hinaus liegt , findet sich von selber . « So wurde denn der arme stille Hannes mühsam durch das Gymnasium gedrillt , brachte es auch bis zur Universität , aber bis zum Landratsamte und allem , was weiter hinaus liegen sollte , brachte er es nicht , denn der arme Hannes fiel im Zweikampf mit einem Korpsbruder , der das kleine » von « vor seinem Namen ererbt und dem reichen Landsmann , welcher es erst erwerben sollte , den Spottnamen » Mehlwurm « angehängt hatte . Zuverlässig : der arme Hannes war von Natur kein Raufbold , der sich durch einen unschuldigen Mehlwurm zu Mordgedanken hätte treiben lassen . Aber sie hetzten und stachelten ihn in Spott und Ernst , und der am eifrigsten hetzte und stachelte , ihn mit dem , was er der Ehre der Familie schuldig sei , ganz toll und töricht machte , das war der Mann , den er Bruder nannte , weil er der Gatte seiner Schwester geworden war . Und so kriegte der arme Hannes denn einen Stich in die Brust , lag ein paar Tage purpurrot in loderndem Fieber und Phantasien von dem heimischen Hof , und dann wurde er weiß und stiller denn je . » Ach , Mutterchen , wie kühl muß es in deinem Milchkeller sein ! « war sein letztes Wort . Die Leiche wurde nach dem Talgute gebracht und mit möglichstem Pomp in einem Gewölbe unter der dortigen Kirche beigesetzt , das auf diese Weise zur Erbgruft der Mehlborn eingeweiht wurde . Diese Feierlichkeit , samt ritterlicher Grufterrungenschaft , trug viel dazu bei , daß der Vater sich von dem Wetterschlage , so jach als er ihn niedergeworfen hatte , wieder emporrichtete . Denn kein Schmerz , der nicht eine Not in sich schließt , wandelt das Grundwesen eines Menschen um ; und Vater Mehlborn hatte wohl den einzigen Sohn , aber nicht , was eine Not in sich geschlossen haben würde , den einzigen Blutserben verloren . Er schaffte in die Breite und baute in die Höhe wie zuvor ; als ihm aber bald darauf von seiner Brigitte , die von jeher sein Liebling gewesen , der erste Enkel geboren ward , tröstete er sich , als hätte er nie einen Sohn besessen , in der Zuversicht , den freiherrlich Hartensteinschen Namen dem Namen Mehlborn verbunden zu sehen , sobald nur erst auch das Hauptgut Mehlbornsches Erbe geworden sein würde . Für die Mutter dahingegen war der Tod des Sohnes ein Schmerz der umwandelnden Not . Ein Stoß in den Herzgrund brachte , wie Pastor Blümel es ausdrückte , den Heilandstrieb zum Durchbruch , über welchem im gleichmäßigen Tageslauf sich eine Erdenschicht gebildet hatte . Und vielleicht hat nur der Mutterschmerz diese Gewalt . Rosine Mehlborn hatte bis in das Matronenalter still vor sich hin geschäfftert , keinem Menschen zuleide , aber auch keinem , außer ihren Allernächsten , zuliebe . Nun , da sie an ihrem tiefsten Bedürfen Mangel litt , wurde sie die leise Helferin bei jedem fremden Mangel , auf welchen ihr Blick gerichtet ward . Ihr Amtmann durfte es nicht merken , einer aber merkte es , der ihr nimmer aus den Augen wich . Im Morgendämmer und wenn der Mond in ihre Kammer schien , zwischen den Lämmerwölkchen , welche das blaue Himmelsfeld überziehen , vom ersten Stern des Abends und von dem letzten früh blickte ihres Hannes gutes Gesicht auf sie herab ; und wenn der Mangel , den sie gewahrte , ein recht großer und ihre Hülfe ein Opfer war , da sah sie ihren Hannes lächeln , und sie lächelte auch , nickte ihm zu und sagte : » Mein Hannes , ich komme bald ! « An ihre Brigitte dachte sie wohl auch , sie war ja ihr liebes Kind ; wenn sie aber nicht ihr liebes Kind gewesen wäre , würde sie an jeden Menschen eher als die Brigitte gedacht haben . Der Tochter Natur war ihr unverständlich und wurde es durch ihr Schicksal je mehr und mehr . Die beiden Erbkinder von Werben waren erst wenige Monate ein Paar geworden , als der einzige Bruder , ein Opfer seiner unfreiwillig überkommenen Standespflichten , fiel : im Pächterhause brach schier ein Mutterherz ; höher hinauf jedoch , » dem Throne näher « , trat der beklagenswerte Ausgang hinter dem Spottreiz des Anlasses zurück ; der Name Mehlborn erhielt einen belustigenden Klang , den seine alten Träger , gottlob ! nicht ahneten , der von dem chevaleresken Gatten der vormaligen Trägerin jedoch die Ehrenpflicht heischte , mit seinem besten Kameraden ein paar Kugeln zu wechseln . Ein Menschenopfer war in diesem zweiten Kampfe um den Mehlwurm nicht zu beklagen , der Wurm selbst aber um so weniger zur Ruhe gebracht worden . Hilmar von Hartenstein verstand daher einen gnädigen Wink von oben herab und vertauschte bis auf weiteres die blitzende Gardeuniform mit einer schlichten der Linie unter seines Vaters Kommando und in dessen wenig vergnüglicher Garnison . Wehe aber der liebenden Frau , welcher ein solches Opfer unter Zähneknirschen gebracht worden ist ! Vier Jahre waren seitdem verflossen , die alte Frau von Hartenstein war gestorben , die junge Frau von Hartenstein ein einziges Mal in der Heimat gewesen , um den Eltern die beiden Enkel vorzuführen , auf welchen ihre irdische Zukunftshoffnung beruhte ; bei dieser rührsamen Gelegenheit aber auch gegen Vater Mehlborn ein Geschäft der allerheikelsten Art - weil ohne die Entäußerung des Stammgutes - durchzusetzen . Unbegreiflicherweise für Vater Mehlborn sträubte sich gegen diese Entäußerung mehr als der Erbe der Mutter die Mutter der einstigen Erben . Brigitte von Hartenstein wollte die Lebensstellung ihrer Kinder nicht ausschließlich auf den Reichtum ihres Vaters gegründet sehen . Die Entwicklung , welche die vormalige Schülerin seit ihrer Verheiratung in Wesen und Willen genommen hatte , gab den Freunden in der Pfarre mancherlei zu denken und vertraulich zu besprechen . Brigitte von Hartenstein war auf bestem Wege , zu werden , was ungefähr von ihrer Zeit ab eine » bedeutende « Frau genannt worden ist ; eine Spezies , die man in früheren Tagen wohl auch dann und wann gefunden , allein anders betitelt hat . Kein Landmann würde in ihr den ländlichen Ursprung vermutet , aber auch kein Edelmann sich ihr als seinesgleichen vertraulich genähert haben ; sie hätte für eine Gelehrtentochter gelten können , so nach dem Grunde hin hatte sie sich mit zäher Ausdauer vertieft und so geflissentlich vermied sie den Schliff der Kreise , in welche sie sich einem Einzigen zuliebe gestellt . Sie hatte unter diesen Menschen seit dem Tode ihres Bruders , aber nicht durch diesen allein , bitterlich gelitten ; sie verachtete , ja , sie haßte diese Menschen . Jenen Einzigen aber liebte sie noch immer mit der hartnäckigen Ausschließlichkeit einer nüchternen Verstandesnatur . Sie nannte diese Liebe ihre Pflicht und forderte ausschließliche Gegenliebe als ihr Recht . Daß sie ihren schönen , charakterlosen Gatten liebte , lediglich weil er ihr heute wie in der ersten Stunde gefiel , gestand die charaktervolle Frau sich nicht ein . Daß sie , um von ihm geliebt zu werden , erst lernen mußte , ihm zu gefallen , würde sie unter ihrer Würde gehalten haben . » Hanna , « sagte Pastor Blümel zu seiner Gattin nach einem langen Spaziergange mit seiner einstigen Schülerin , » Hanna , diese noch minorenne Frau hat die Kritik der reinen Vernunft gelesen und merkwürdigerweise verstanden . « » Würde sie nicht besser daran sein , Konstantin , wenn sie dieselbe nicht verstanden hätte ? « entgegnete Frau Hanna . Seit diesem Besuche hatten die Amtleute kein Mitglied ihrer angefreiten Sippe wiedergesehen . Pünktlich am ersten jedes Monats traf ein Brief der Tochter ein , ein braver , kluger Brief , ein Musterbrief , » man könnte ihn drucken lassen « , sagte der Vater ; die Mutter aber weinte allemal den ganzen Tag , nachdem ihr Amtmann ihn vorgelesen , und sehnte sich mehr denn je nach ihrem Hannes , dessen Briefe nicht wie gedruckte geklungen hatten , aber » wie mit Lettern « in ihrem Herzen geschrieben standen . Und so war es bis auf die heutige Stunde geblieben . Die Amtmännin hatte ihr Trauerkleid nicht abgelegt , der Amtmann trug den Kopf höher denn je . Frau Hanna Blümel , die mitunter das Gras wachsen hörte , wollte ihm indessen doch anspüren , er hätte den bisher höchsten Schritt auf seiner Jakobsleiter ebenso gern oder wohl gar lieber unterlassen . Pastor Blümel war festlich angetan in kurzem Beinkleid , langen schwarzen Strümpfen und Schuhen , über dem Leibrock ein schmales Chormäntelchen am Rücken niederhängend . Er hatte , als er in die Gegend versetzt wurde , diese Art halbamtlicher Interimstracht als eine übliche vorgefunden und , vielleicht noch der einzige in der Ephorie , sie beibehalten bei einem Kranken- und Trostbesuch , oder , wie heute , als Gevatterbitter . Eben griff er nach dem Hute , den er bei derlei Gängen aber nicht über das Käppchen setzte , sondern , dem Brauche nach , in der Hand trug , als gegen alle Familienordnung die kleine Balsamine - häuslich Minchen - in das geistliche Gemach stürmte , um einen Besucher anzumelden , der sich der Mutter in der Laube » Herr von Hartenstein « genannt habe . Herr von Hartenstein ! ein Landsmann aus der alten Heimat , ein Held aus seiner großen Zeit , sein Patron , nach dessen Bekanntschaft er sich seit zehn Jahren gesehnt hatte ! Welche neue , frohe Überraschung an diesem Tage frohester Überraschungen ! Oder sollte es der Sohn des Ersehnten sein , seiner Schülerin Gatte , vielleicht sein künftiger Patron ? Ei nun , dieser oder jener , jedenfalls ein teurer , hochwillkommener Gast . Nun gab es aber noch einen dritten Hartenstein ; einen , den Konstantin Blümel persönlich gekannt hatte zu einer Zeit , wo er eine nähere Beziehung zu jener Familie sich nicht träumen ließ , ja dem er diese Beziehung recht eigentlich dankte ; einen Kameraden vom Yorckschen Korps und - seltsamste Wandlung bei einem Hartenstein ! - einen geistlichen Amtsbruder , dessen Name , neuerdings laut in die Öffentlichkeit dringend , des alten Waffenbruders Erinnerung lebhaft angefacht hatte ; einen , dessen Wiedersehen er noch inniger als die Bekanntschaft der beiden anderen ersehnt - und just auf die Vermutung dieses dritten kam Konstantin Blümel nicht . Ja , als der Gemeldete jetzt , von der Hausfrau geleitet , die Schwelle überschritt , selber da schwankte er noch zwischen der Annahme von Vater und Sohn . Erst als der Fremde sich mit den Worten einführte : » Sie scheinen mich nicht wiederzuerkennen , Herr Prediger : ich bin der Doktor Joachim von Hartenstein , « erst da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen ; allein - wunderbar ! eine steife Verbeugung war alles , was ihm zum Willkomm des Ersehnten gelang . Während er nun aber , stumm vor Überraschung , dem bleichen , ergrauten , bürgerlich gekleideten Manne gegenüberstand , den er zuletzt mit kampfgeröteten Wangen , in der blauen Litewka , das Eiserne Kreuz auf der Brust , gesehen hatte , während er in plötzlicher Scheu kaum die Fingerspitzen des Amtsbruders zu berühren wagte , wo er so gern die Hand des Kameraden geschüttelt hätte , da entschleierte sich mit der Gedankenschnelle , für die es keinen Maßstab gibt , vor Konstantin Blümels Seelenauge die Wechselwirkung von Natur und Schicksal , die diesen lange verehrten Mann ihm plötzlich zu einem Fremden machte . Es war der Kämpfer , welcher dem Versöhner gegenüberstand . » So schön und so tapfer wie ein Hartenstein « galt als Sprichwort unter dem preußischen Soldatenadel , und von fünf Söhnen eines alten tapferen Obersten aus der friderizianischen Schule war der jüngste , Joachim , der schönste und feurigste , » den Hektor der Armee « hatte ein hoher Frauenmund ihn genannt . Sämtlich waren sie Militärs , und sämtlich folgten sie dem Vater in den Feldzug von 1806 . Der unselige 14. Oktober zertrümmerte Ehre und Glück auch dieses heldenmütigen Geschlechts . Das vaterländische Heer lag am Boden , einer Leiche gleich , an der die Würmer zu nagen begannen . Auch gegen den Obersten tauchten aus einem unentdeckbaren Winkel Bezichtigungen auf , welche bei Freund wie Feind ein höhnendes Echo weckten . Wer unterscheidet in so trüben Tagen scharf die Linie , auf welcher Unglück und Unglimpf sich scheiden ? Wo so viele unrein werden , ätzt das geblendete Auge ein reiner Punkt . Erst beruhigten Zeiten liegt die Klärung ob . Als nach dem Frieden die militärische Untersuchungskommission ihr Werk begann , war der jammervolle Greis seiner Pein erlegen ; von oberster Stelle ist der Flecken auf seinem Ehrenschilde nicht bestätigt worden ; in den Herzen seiner Söhne lebte er fort als ein Held . Vier von ihnen umstanden seine Bahre ; der fünfte moderte in den Gruben an der Saale . Die Armee war aufgelöst , der Brüder Zukunft eine Frage . Dort auf das tote Haupt des Vaters leistete einer nach dem anderen den Schwur , die verdunkelte Ehre rein zu waschen , dereinst im Kampfe gegen den Überwältiger des Vaterlandes , zunächst in dem gegen den Verleumder des Vaters . Es war ein Kamerad , ein Freund , ja , ein Blutsfreund , von welchem die Schmähung wenn nicht ausgegangen , so doch erweislich nachgesprochen worden war . Die Brüder stritten sich um den Vorzug der rächenden Hand ; sie losten , ein jeder mit dem heimlichen Vorbehalt , für den Rächer einzutreten , wenn er unterliegen sollte . Die blutige Reihenfolge wurde ihnen erspart ; der das Los zog , war Joachim , noch ein Jüngling ; doch hielt er sein Mannesrecht fest gegen den Widerspruch der Männer und führte es durch als ein Mann . Der Beleidiger fiel ; aber auch dem Rächer war eine Kugel in die Brust gedrungen , die er nach langen Jahren mit in das Grab genommen hat . Als er von seinem schweren Krankenlager erstand , war die Hartensteinsche Blüte auf seinem Antlitz einer Marmorblässe gewichen , und durch sein blondes Lockenhaar zogen sich weiße Silberfäden ; ein Leidensmerkmal , aber ein adelndes ; ein Merkmal der Wandlung , die auch in der Seele des Jünglings sich vollzogen hatte und die , wie tief Erinnerung und Gegenwart drücken mochten , bei einem Hartenstein eine sonderbare genannt werden mußte . Nur der älteste der Brüder , der gegenwärtige General , blieb im Dienst der reorganisierten vaterländischen Armee . Die beiden mittleren suchten in der Fremde einen Platz , auf welchem sie sich früher als jene mit dem Überwältiger messen durften . Joachim ging nach Königsberg und studierte Theologie ; unter den Armen der Ärmste , unter den Eifrigen der Eifrigste . Er war noch nicht großjährig , als er , anhebend mit den Wunden und der Schmach des Vaterlandes , die lange Reihe jener Erdenmächte hatte kennen lernen , mit denen im Ringkampf der Mensch zum Gottesleugner oder zum Heilandsjünger wird . Er hatte seine geistlichen Prüfungen eben zurückgelegt , als in seiner unmittelbaren Umgebung die bahnbrechende Erhebung ihren Ausgang nahm . Auch Joachim griff wieder zu dem Schwert . Seine beiden Brüder waren in Österreich und Spanien gefallen ; nur der älteste und jüngste der Söhne des unglücklichen Obersten von 1806 erlebten den Tag der Befreiung , beide mit den höchsten Zeichen der Tapferkeit auf der Brust . Als Kameraden im Yorckschen Korps hatte der Rittmeister von Hartenstein den freiwilligen Jäger Blümel wiedergefunden , dem er schon während seiner Studienzeit in Königsberg flüchtig begegnet war ; und da nach dem Frieden die Pfarrstelle in Werben neu zu besetzen stand , machte er deren Patron , seinen Bruder , auf diesen treupreußischen Mann als den geeignetsten Seelsorger in der jüngsterworbenen , noch zweifelhaften Provinz aufmerksam . Auch er selbst kehrte von der Fahne zur Kanzel zurück ; sein Sinn war aber nicht derart gerichtet , um sich in einer stillen Landpfarre , wenn auch warm und behaglich einzunisten ; und bald genug fand er denn auch den Wirkungskreis , in welchem sein Name , seine bedeutende Erscheinung , eine ungemeine Rednergabe und vor allem sein Temperament und Wille zur völligen Geltung kommen durften . Als Oberdomprediger und Propst in einer provinziellen Hauptstadt , als Doktor der Theologie , dessen Ehrendiplom die Universität jener Stadt ihm verliehen hatte , als ein Magnat der Kanzelberedsamkeit , würde die höchste Würde seines Standes , die eines Generalsuperintendenten oder protestantischen Bischofs , ihm nicht entgangen sein , wenn nicht auf neuem Gebiet die alte kampfesmutige Ader seines Geschlechtes in ihm entzündet worden wäre . Er hatte auf das lutherische Bekenntnis geschworen und sein Versöhnung suchender reformierter König durch Einführung der Union ein Scharmützel der Geister heraufbeschworen , als eine von dessen Haupttriebfedern der Propst von Hartenstein sich erwies . Er war der Erste und Oberste von denen , welche sich der neuen Ordnung widersetzten . Seine Hartnäckigkeit kostete ihm die glänzendste Perspektive . Was fragte er danach ? Sie konnte , ja , sie mußte ihm sein gegenwärtiges Amt kosten . Was verschlug es ihm ? Er wäre Reiseprediger , Agitator geworden , ein zum Märtyrer berufener Streiter für seines Gottes Ehr . Der eigenartig strenge Zauber seiner Persönlichkeit und Begabung hatte ihm in weiten Kreisen Anhang erworben ; selbstverständlich auch Gegner und Spötter . » Viel Feind , viel Ehr , « sagte Joachim von Hartenstein und sagten seine Getreuen . Die Frauen zumal schwärmten für ihn wie für einen neuen Propheten . Der dreifältige Ritter der Geburt , des Schwertes und des heiligen Worts würde nicht vergebens die Hand nach den glänzendsten Erbtöchtern seiner Provinz haben ausstrecken dürfen , und er hatte in frühreifer Jugend als stark empfänglich für Frauenhuld gegolten . Dennoch dachte er an eine Verheiratung erst nach dem Tode seiner Mutter , die er als treuester Sohn unter seinen Schutz genommen hatte ; und wenn bei seiner Wahl die Stimme des Herzens sich auch mit weltlicher Zweckmäßigkeit verband , für den Entschluß gaben den Ausschlag das Pflichtgebot eines lutherischen Bekenners und der starke Hartensteinsche Stammessinn , da in Hilmar , seinem einzigen Neffen , das alte Geschlecht voraussichtlich nicht in ruhmwürdiger Weise seinen Abschluß gefunden haben würde . Die Erkorene war ein blutjunges Fräulein , Schwestertochter seiner Schwägerin , in deren Hause sie , frühverwaist , heranwuchs . Der General und seine Gattin sollen sich mit der Hoffnung getragen haben , durch Ottiliens liebliche Sanftmut dem unbotmäßigen Sinne ihres Sohnes einen Zügel angelegt , gleichzeitig aber auch das Stammgut des gemeinschaftlichen Großvaters von Werben durch das Erbteil der Waise der Familie erhalten zu sehen . Ebenso ging die Rede , daß der Vetter dem Bäschen überaus hold , das Bäschen dem Vetter mindestens nicht abhold gewesen sei , bis des Oheims unerwartete Werbung dem kindlichen Gemüte plötzlich eine veränderte Richtung gab . Die Waise blickte zu dem edlen Manne empor nicht nur wie zu einem Vater , sondern wie zu einem Helden , einem Helden auf dem Gebiete , in welchem sie selbst einen Platz , wenn auch den demütigsten , einnahm ; sie fühlte sich durch seine Wahl in ihren eigenen Augen gehoben und würde ja haben sagen müssen , selbst wenn im