sie ein beschriebenes , von Tränen durchnäßtes Blättchen an ihre hochgerötete Wange gedrückt . Am nächsten Morgen fragte Bozena wohl : » Was war das für ein Brief ? « Aber sie bekam eine ausweichende Antwort , und begnügte sich damit . » Wie mögen Sie die Rosa quälen ? « sagte sie zu ihrem Herrn . » So eine erste Liebelei , das ist wie Märzenschnee ... « So rein , meinte sie , und so vergänglich . Von Ahnungen und Träumen nährt sich die junge Liebe , ist fern von ihrem Gegenstand glücklich durch den Gedanken an ihn ; wenn sie weint , so freut sie sich ihrer Tränen , und wenn sie leidet , ist sie stolz auf ihren Schmerz ... Was bedeutet die unschuldige Schwärmerei eines Kindes gegen die lodernde Höllenglut im Herzen Bozenas ? 6 Heißenstein erschien eines Tages in ungewöhnlich guter Stimmung im Familienzimmer . Er hatte zwei angenehme Nachrichten erhalten . Die erste lautete , das Regiment des Leutnants von Fehse sei im Begriffe , in eine neue Garnison zu marschieren ; die zweite hatte ein Brief gebracht , die Antwort auf das Schreiben , das er nach seiner Unterredung mit dem Offizier nach Wien geschickt . Sie lautete : » Wohledler Herr ! Euer Wohledlen zeige ich hiermit an , daß mein Sohn Joseph sich im Verlaufe der nächsten Woche die Ehre geben wird , Euer Wohledlen persönlich aufzuwarten . Derselbe ist vor wenigen Tagen aus England hier eingetroffen , allwo er die ihm aufgetragenen Geschäftsangelegenheiten zu gedeihlichem Abschlusse gebracht hat . Meine angenehme Hoffnung ist es jetzo , daß es ihm auch reüssieren möge , sich die Wohlgeneigtheit und die gute Gesinnung Euer Wohledlen und deren werter Familie zu erwerben , und kann keineswegs umhin zu versichern , daß mein innigster Wunsch befriedigt wäre , wenn mir heut über ein Jahr die Gelegenheit geboten und die Satisfaktion gewährt würde , in großväterlichem Kometenwein ( grünes Siegel ) die Gesundheit des ersten Frohburg-Heißenstein ausbringen zu dürfen . Der ich verharre , Euer Wohledlen dienstwilliger Frohburg . « Während der Mahlzeit sprach Heißenstein wiederholt von seinem ehemaligen Jugend- und jetzigen Geschäftsfreunde Frohburg . Er lobte dessen wohlgeratene Kinder , er lobte vor allen dessen zweitgeborenen Sohn Joseph , den er zum letztenmal vor fünf Jahren in Wien gesehen hatte . Der Jüngling war damals zwanzig Jahre alt und berechtigte zu den schönsten Hoffnungen . In gut bürgerlichen Verhältnissen erzogen , zur Arbeit und Pflichterfüllung angehalten , hatte er sich zu einem tüchtigen Manne herangebildet . Wohl dem Vater , der sich eines solchen Sohnes rühmen darf , wohl der Frau , die er einst mit seiner Hand beglückt ! - Heißenstein kündigte den bevorstehenden Besuch Josephs an und trug Frau Nannette auf , das Gastzimmer zu seinem Empfange auf das beste herstellen zu lassen . » Ich hoffe und wünsche , daß er sich heimisch fühle bei uns ! « setzte er hinzu , und die Drohung : Weh euch , wenn er sich nicht heimisch fühlt ! klang aus seinem Tone . Obwohl Frau Nannettens stummes Kopfnicken die einzige Antwort war , die er erhielt , obwohl sich nicht die leiseste Einwendung gegen seine Behauptungen und Befehle erhob , hatte er sich in eine Gereiztheit hineingeredet , die nur hartnäckiger Widerspruch erklärt haben würde . Oder wurde sie vielleicht durch Rosas bleiches Gesicht hervorgerufen ? - durch den verhaltenen Schmerz , mit dem sie ihre Lippen biß ? - durch die Blicke , die sie ihm aus glühenden Augen zuwarf , die in der letzten Zeit dunkler geworden schienen und in jenem feuchten und feurigen Glanze leuchteten , den vieles Weinen jungen Augen verleiht ? ... Las er die Gedanken von ihrer Stirn ab ? Lag ihr Herz offen vor ihm ? Sie hatte ihn verstanden und schauderte . So wenig kannte sie der alte Mann ? Er meinte sie zwingen zu können zu einer ihr widerstrebenden Ehe ? Wäre ihr Herz auch frei gewesen , niemals hätte sie sich zwingen lassen . Und jetzt , da sie liebte , da er es wußte , glaubte er für sie wählen zu können ? ... Welch ein Abgrund klaffte zwischen ihm und ihr , wie fremd stand sie mitten unter den Ihren , wie allein im Vaterhaus ! Mit welcher bitteren Qual empfand sie die traurigste von allen Einsamkeiten , die unter Menschen , die uns die nächsten sein sollten . Unzufrieden mit sich selbst verließ Heißenstein das Gemach . Er hatte sich übereilt . Er hätte noch schweigen , noch nichts verraten sollen von seinen Zukunftsplänen , hätte einen Monat oder zwei ins Land gehen lassen sollen , bevor er den Geschäftsfreund an die längst schon zwischen ihnen genommene Verabredung mahnte . Er machte einen Gang durch die Stadt und besann sich , daß im Kontor die Arbeit seiner warte . Er begab sich in das Kontor und sah bald ein , daß er unfähig war , auch nur zwei zusammenhängende Zeilen niederzuschreiben . Endlich versuchte er , sich mit Mansuet in ein Gespräch einzulassen . Aber der war schweigsam und niedergeschlagen und gab nur einsilbige Antworten . » Wissen Sie schon ? die Ulanen marschieren « , fragte der Chef unter anderm . » Weiß « , brummte Mansuet und spitzte die Ohren , wie in die Ferne lauschend . » Sie kommen schon hier vorbei ! « rief der zweite Kommis und sprang auf , » man hört die Musik ! « Heißenstein verließ das Kontor und stieg zum Zimmer seiner Tochter empor . Als er die Tür des weitläufigen Gemaches leise öffnete , sah er Rosa in der Fensternische halb sitzend , halb liegend hingestreckt . Sie hatte die Arme über ihren Arbeitstisch geworfen und das Gesicht in die Linnen vergraben , die ihn bedeckten . Ihr ganzer Körper bebte unter den Erschütterungen eines heftigen Schluchzens , das sich schmerzlich emporrang aus der Tiefe ihrer Brust . Von einem flüchtigen Mitleid ergriffen , blieb ihr Vater , ohne ein Zeichen seiner Gegenwart zu geben , am Eingange stehen . Er war gekommen , um sie zu verhindern , dem Geliebten ein letztes Lebewohl zuzuwinken , nun dachte er : Mag sie doch ! - nachher ist ja ohnehin alles vorbei . Das Getrappel der Pferde ertönte auf dem Pflaster , die Klänge eines alten Reiterliedes schallten durch die Luft . » Lebewohl ! Lebewohl , mein Lieb ! « sprachen sie , riefen sie dem verstehenden , pochenden Herzen zu . Langsam richtete Rosa sich auf , sie öffnete das Fenster nicht , beugte sich nicht hinaus . Mit dem Rücken an die Wand gelehnt , die Arme schlaff herabhängend , stand sie regungslos , atemlos und starrte hinunter . Und jetzt stieg eine dunkle , heiße Blutwelle in ihr Gesicht ... Jetzt war er vorbeigekommen . - Und jetzt nickte sie ernsthaft und wiederholt , als hätte ihr jemand fragend zugewinkt und als antworte sie : Ja ! - ja , gewiß ! Und wie beteuernd preßte sie beide Hände an ihre Brust . Was soll ' s ? War das eine Verabredung ? ... Geräuschvoll schloß Heißenstein die Türe , deren Klinke er noch in der Hand hielt . Rosa wandte sich , erblickte ihren Vater , und mit einem Schrei , mit ausgebreiteten Armen stürzte sie auf ihn zu . Sie warf sich vor ihm nieder und umklammerte seine Knie , sie drückte ihre Lippen auf seine abwehrenden Hände und beschwor ihn mit Tränen und mit Schluchzen : » Vater , Vater , gib mich ihm ! « Aber das bißchen Mitleid , das er mit einem Geschöpf empfinden konnte , das sich ihm widersetzte , war erloschen . Daß sie noch hoffte , daß sie noch meinte ihren Willen durchzusetzen , daß sie es noch versuchte , das empörte ihn . Ist er der Mann , der seine Entschlüsse ändert ? - hat er nicht so manchen , den er übereilt gefaßt , zu seinem eigenen Nachteil ausgeführt , bloß deshalb , weil er ihn einmal gefaßt hatte ? Und sie traute ihm zu , er werde jetzt nachgeben , da es sich um die Erfüllung eines Lebenswunsches handelte , um das Gelingen sorgsam vorbereiteter und lang gehegter Pläne ? Er hatte ihr wohl zuwenig Strenge gezeigt , sie fürchtete ihn nicht genug . Er ließ sich nicht zu einem Zornesausbruch hinreißen , er blieb nur dabei : sie muß sich fügen . Der Sinn von allem , was er sagte , war : Mit dem Ungeliebten wirst du leben , den Geliebten wirst du vergessen . Auch in ihr waren die weichen und sanften Empfindungen nicht die vorherrschenden . In die Laune , zu bitten , kam sie selten . Heut galt es ihr ganzes Lebensglück , und das alte Wort : Not lehrt beten , bewahrheitete sich an ihr . Sie flehte demütig und inbrünstig ; aber so wie er von seinem Entschlusse nicht wich , so blieb auch sie bei dem ihren : Ich heirate keinen andern als meinen Geliebten . » Ich hab ein trauriges Leben « , klagte sie . » Du warst niemals gut gegen mich , und die andern sind bös und falsch gewesen . Endlich hab ich mein Herz an einen Fremden gehängt , kann ich dafür ? Hat eure Gleichgültigkeit mich nicht dazu gestoßen ? Sei du jetzt väterlich - verzeih mir - denke , wenn ich ein Unrecht getan habe , es ist zur Hälfte dein . Verzeih mir , Vater , und laß mich gewähren . Du weißt , ich war zeitlebens ein störrisches Geschöpf . Und den braven Joseph heiße warten ; ein paar Jahre nur , dann heiratet er die brave Regula . Die sagt ja zu allem , was du befiehlst , die ist nicht widerspenstig wie ich . Belohne sie für ihren Gehorsam mit deinem ganzen Hab und Gut . Ich will nichts , ich verzichte auf alles - nur deinen Segen gib - sag nur : ziehe hin ... « » Ins Elend ! « rief Heißenstein . » Weißt du , was du verlangst ? Kennst du den Jammer einer armseligen Militärwirtschaft ? das Herumzigeunern von Dorf zu Dorf ... Eine Ehe ohne eigenen Herd , einen Haushalt , den man nicht bestreiten , Kinder , die man nicht erziehen kann ? Und er - glaubst du , daß er dich möchte , wenn du ihm kämst ohne einen Heller ? Ein Narr wäre er , wenn er dich so nähme , und gewissenlos dazu . Also : nein ! Und kein Wort mehr darüber : du gehorchst ! « Sie bewegte noch ihre Lippen , aber sie sprach nicht mehr . Ihre Tränen waren versiegt , finster blickte sie ihren Vater an , der schon an der Türe stand . Da schien ein plötzlich ausbrechendes Gefühl sie zu überwältigen . Sie eilte ihm nach und warf sich an seine Brust . Er fragte : » Bist vernünftig ... willst gehorchen ? « Sie gab keine Antwort , sie trat weg von ihm , nachdem sie ihn noch einmal innig geküßt hatte . Eine Stunde später ließ sie ihn bitten , den Rest des Tages auf ihrem Zimmer zubringen zu dürfen , und die Erlaubnis dazu wurde ihr gewährt . Frau Nannette lauerte und beobachtete und schlich mehrmals an Rosas Türe vorbei und sah zufällig - sie wußte wenigstens selbst nicht , wie es geschah - durch das Schlüsselloch . Rosa saß an ihrem kleinen Pulte und ordnete die Gegenstände , die in der Lade aufbewahrt waren . Im ganzen Hause herrschte einmal wieder dumpfe Gewitterschwüle . Der » Herr « grollte , Bozena ging mit verstörter Miene umher , Mansuet war in bärbeißiger Laune und hatte auf offener Straße einen Streit gehabt mit Bernhard dem Pfau . Einen Streit , den der kleine Kommis mutwillig heraufbeschwor . Ohne allen Grund war er im Gespräche mit dem Jäger immer anzüglicher geworden und hatte endlich etwas gemurmelt von einem » erbärmlichen Wicht « . Und Bernhard hatte erwidert : » Führen Sie keine solchen Stichelreden , Sie haben kein Savoirvivre . « Worauf Mansuet rief : » Das ist mir tuttegal ! Wenn ich auch nicht sage , was Sie sind , deswegen bleiben Sie ' s doch . « Der Streit würde sicherlich zu Tätlichkeiten geführt haben , wenn der gräfliche Kammerdiener , der demselben beiwohnte , den Jäger nicht fortgezogen und gesagt hätte : » Laß ihn , was kümmerst du dich um den alten Krakeeler ! « Früher als gewöhnlich wurde heut zur Ruhe gegangen . Jeder der Hausbewohner schien Eile zu haben , sich in seine Stube zurückzuziehen . Frau Nannette schritt in der ihren auf und nieder , seltsame Gedanken und Hoffnungen bewegten sie . Sie war kurzsichtig , ihr Ehrgeiz zu wenig hochfliegend gewesen . Sie hatte in dem Leutnant von Fehse nur einen bildenden Umgang gesehen , nur einen Reformator für Regulas vom Dialekt etwas angehauchte Aussprache . Und nun zeigte sich , daß er sie hätte befreien , erlösen können von dem ewig störenden Einfluß der Stieftochter ; er hätte , geschickt unterstützt , diese vielleicht sogar dahin bringen können , sich mit ihm zu verbinden , auch gegen den Willen ihres Vaters . Ein unversöhnlicher Zwiespalt wäre daraus entstanden . Heißenstein hätte sich losgesagt von der verlorenen Tochter , und in alle Rechte , die Rosa einbüßte , würde Regula getreten sein . Frau Nannetten schwindelte , als alle diese Gedanken in ihr aufstiegen . So nahe war , so erreichbar die Erfüllung ihrer kühnsten , verwegensten Wünsche gewesen , und sie hatte nichts davon geahnt . Eine kostbare , einzige , nie wiederkehrende Gelegenheit war versäumt , ihrer Tochter die alleinige Herrschaft über das Haus und all seine reichen Güter für die Zukunft zu sichern . Aufgeregt wie nie in ihrem Leben , bestieg sie ihr Lager und löschte das Licht . Aber an Schlaf war nicht zu denken . Sie lag sinnend und grübelnd , und ihre Pulse hämmerten fieberhaft . Im Kamin heulte der Sturm , und draußen umraste er das Haus ; warf Sand an die Scheiben , daß sie klirrten , prallte an das Tor , daß es dröhnte ; riß Ziegel vom Dach und schleuderte sie mit Gepolter auf die Straße . Frau Nannette hüllte sich in ihre Decke und flüsterte mechanisch ihr Abendgebet . Wie ist ihr ? Wird ihre spröde Phantasie beweglich und gaukelt ihr die Verwirklichung ihrer Träume vor ? ... Narrt sie die Einbildung , oder hört sie wirklich das Haustor knarren in seinen verrosteten Angeln ? - Es ist geöffnet worden , mühsam , langsam - und alsbald schlägt der Sturm es wieder zu , und schwer fällt es ins Schloß . Nannette erhebt sich und eilt ans Fenster . Die Nacht ist dunkel , von keinem Stern erhellt . Die vier Öllampen , welche die Beleuchtung des Platzes zu besorgen haben , verbreiten ein gar spärliches Licht . Sie lauscht , sie späht in die Nacht hinaus , sie wünscht sich die Augen einer Eule , um die Finsternis durchdringen zu können . Jetzt , jetzt sieht sie in die Lichtscheibe , die eine der Lampen auf den Boden wirft , eine Gestalt treten - eine Gestalt im weißen Reitermantel - sie scheint eine zweite zu stützen , zu leiten ... Einen Augenblick sind die beiden klar und deutlich sichtbar , dann verschwinden sie im Dunkel . Nannette hat sie erkannt ... Und ihr Gewissen ruft ihr zu : Verhindere Unheil - rette das Haus vor Schmach . Auf ! auf ! den Mann geweckt - ein Wort , ein Ruf von ihm führt das verirrte Kind zurück . Noch ist es Zeit - tu deine Pflicht ! Was Pflicht ! ... Ihrer Tochter die Wege bereiten , das ist ihre Pflicht ! ... Minuten vergehen , schwerwiegende Minuten . Das Schicksal gönnt ihr noch eine Frist , um ihre Kraft zusammenzuraffen zu einer guten Tat . Sie läßt sie ungenützt vergehen . Ein leichter Wagen fliegt über das Pflaster , Funken sprühen auf unter den Hufen der Rosse . - In den Lüften aber wird es still - still ringsumher - nichts laut als nur der Schall , den jenes Gefährte weckt und sein jagendes Gespann . Von Fieberfrost geschüttelt , horcht Nannette . Sie möchte den Sturm beschwören , daß er das Gerassel der Räder übertöne , das den Vater wecken , ihre Hoffnungen noch jetzt vernichten kann ... Grundlose Sorge ! Der Sturm hat nur neuen Atem geschöpft ; er erhebt sich stärker als zuvor und verschlingt in seinem Toben das ohnmächtige Geräusch , das die Erde ihm zusendet in sein luftiges Reich . Am nächsten Morgen , als Bozena ihm das Frühstück auf sein Zimmer brachte , war Heißensteins erste Frage : » Wie geht es Rosa ? « » Alles still bei ihr , sie schläft wohl noch « , antwortete die Magd . Er zürnte : » Schläft - um acht Uhr ? Was für Gewohnheiten ! ... Hat die Prinzessin soviel Zeit übrig ? Wecke sie . Schicke sie hierher . « Eine Viertelstunde verging . Rosa kam nicht , Bozena brachte keinen Bescheid . Ist das Kind krank ? - Unsinn ! Man wird nicht krank wegen einer bekämpften Laune . Das kommt in Romanen vor , nicht im Leben . Oder stellt sie sich vielleicht krank ? Das wäre sehenswert ! Mit raschen Schritten geht er über den Gang , kleine Treppen auf und ab . Der Weg von seinem Zimmer zu dem der Tochter scheint ihm endlos . - Ein rechtes Winkelwerk , denkt er , dieses Haus . Er würde den alten Kasten umgebaut haben , wenn ihm der Himmel einen Sohn gelassen hätte . Aber so ! - Für einen Schwiegersohn unternimmt er dergleichen nicht . An die Stelle eines Kindes wird der niemals treten , wenn er auch noch so ehrenvoll den Namen der allgeschätzten Firma trägt . Heißenstein biegt um die Ecke des schmalen Ganges , der zu Rosas Zimmer führt , und staunt , die Tür nur angelehnt zu finden . Er tritt ein ; Rosa ist nicht da - das Bett ist unberührt - die Lade des Pultes , in dem sie ihre kleinen Reichtümer aufzubewahren pflegt , geöffnet , doch scheint nichts darin zu fehlen , und der Schlüssel steckt . Heißenstein schließt die Lade und zieht den Schlüssel ab . » Nachlässig und vergeßlich wie immer ! « brummt er , dabei jedoch erfaßt ihn eine unerklärliche Angst . Er eilte zu seiner Frau hinüber ; sie saß am Klavier und gab ihrer Tochter Unterricht . » Hast du Rosa schon gesehen ? « fragte er und bemühte sich , seinem Ausdruck den Anschein der Gleichgültigkeit zu geben . » Heute noch nicht « , antwortete Frau Nannette obenhin , ergrünte wie der Freiherr von Münchhausen und wandte sich sofort wieder zu Regula , sie beschwörend , dis und es , trotz ihrer scheinbaren Ähnlichkeit , niemals zu verwechseln . Heißenstein murmelte einen Fluch und schritt hinaus . Er ist wohl verrückt , sich Gedanken zu machen . Wohin anders sollte Rosa gegangen sein als in die Kirche , die Frühmesse zu hören , zu beten um Ergebung , Sanftmut , Geduld , die ihr nottun , wahrlich ! - Das ist ' s. Wie kam er nicht gleich darauf ? ... Daß man doch immer die einfachste , natürlichste Erklärung zuletzt findet . Jetzt wird sie wohl zurückgekehrt sein , und wenn auch nicht , er will sie erwarten in ihrem Zimmer und sie ohne Härte empfangen . Er nimmt sich überhaupt vor , in Zukunft milder gegen sie zu sein . Ihr Vorwurf gestern , so ungerecht er war , hat ihm weh getan und fordert zum mindesten eine Widerlegung , eine Zurechtweisung . Auf dem Gange rennt Bozena ihrem Herrn in den Weg ; verstört - bleich wie der Tod . » Fort ! « keucht sie - » das Kind ist fort ! « » Schweig , Närrin ! « ruft er ihr zu , » Rosa ist daheim - in ihrem Zimmer , muß daheim sein « - und zum zweiten Male tritt er in das Gemach . Bozena weiß : es ist nicht - er irrt ! und dennoch weckt die Zuversicht , die ihr Herr zur Schau trägt , in ihr einen Schimmer von Hoffnung ; er ist trügerisch ; wie bald , und er erlischt . Sie stehen in dem Gemache des Kindes und finden es leer . Von neuem jammert Bozena : » Sie ist fort ! « Und den alten Mann überfällt plötzlich und mit Entsetzen die Gewißheit , daß er seine Tochter verloren hat . Augenblicklich fordert seine Qual ein Opfer , an dem sie sich rächen kann . Schäumend , mit der blinden Wut eines Tieres dringt er auf Bozena ein und schmettert sie zu Boden . Sie fällt hin wie ein Baum , sie wehrt sich nicht . » So hast du sie gehütet ? « schreit er halb von Sinnen und wiederholt ohne Aufhören : » So hast du sie gehütet ? « Sie zuckt nicht unter seiner ehernen Faust , sie erhebt sich nicht , sie fühlt nichts , sie weiß nichts zu sagen als : » So hab ich sie gehütet ! « Er faßt ihre gerungenen Hände und reißt sie empor auf ihre Knie . » Sie mußte durch dein Zimmer - mußte sie nicht ? ... Und du liegst auf dem Ohr - und hörst nichts , siehst nichts - hast geschlafen wie ein Klotz ! ... Hast geschlafen , während sie davonging - du ! du ! Die sich ihre Pflegemutter nannte ... Eine saubere Pflegemutter ! Eine saubere Wärterin ! Eine brave Magd ! « Bozena lag gebrochen und ohnmächtig vor ihm auf den Knien . Als er die Worte sprach : » Hast geschlafen ... « hatten ihre Augen ihn mit der Scheu des Wahnsinns angeblickt und sich dann gesenkt in verzweiflungsvoller Scham . Ein klägliches Wimmern und Stöhnen entrang sich ihrer Brust . - Geschlafen ? das glaubte er ? ... O der harte , rauhe Gebieter - der schonungslose Herr , vor dem alle zittern , den sie unbarmherzig nennen , der das geringste Versehen wie einen unverzeihlichen Fehler bestraft ... Nicht mit dem leisesten Verdacht streift er ihre Schuld ! Was sie getan hat , das traut er ihr nicht zu . Er klagt sie an , doch er verunehrt sie nicht , wie er ' s sollte - wie sie es verdient , wie sie selbst sich verunehrt hat ! Was sie getan , er kann es nicht einmal im höchsten Zorn denken - sie ist schlechter , als ein Mensch denken kann ! ... Sorglosigkeit wirft er ihr vor . Einen Schlaf , den sie nicht mehr hat - den Schlaf der Unschuld , der Ehrlichkeit und eines ruhigen Gewissens ! Weh über Bozena - sie hat sich selbst gerichtet - den Augenblick verschmerzt sie nie ! Angesichts ihrer maßlosen Verzweiflung gewann Heißenstein einige Fassung . Er öffnete Rosas Pult , er suchte nach einem Briefe , nach einem Abschiedswort , das sie vielleicht für ihn hinterlassen hatte . Er fand nur einen kleinen Zettel , den er vorhin übersehen , und darauf stand : » Ich gehe zu ihm ohne einen Heller . « Das war ihre Antwort auf des Vaters : » Glaubst du , er nähme dich ohne einen Heller ? « Er knitterte das Blatt zusammen und warf es zur Erde . Bozena stürzte sich darauf - und las - und raffte sich empor , riß den Schrank auf und durchsuchte ihn mit brennender Hast : » Nichts ! « rief sie schmerzlich , » o du guter Gott - nichts fehlt als die Kleider , die sie auf dem Leibe trug , und ihr leichtes Mäntelchen ... So geht sie aus dem Vaterhause - so geht mein Kind , mein Leben , mein alles hinaus in die weite Welt ! « Heißenstein gebot ihr Schweigen . Er hat sich ermannt . Zwei Stunden später saß er im Postwagen und fuhr denselben Weg , den die Ulanen genommen . » Wenn jemand nach mir fragen sollte « , hatte er beim Abschied gesagt , » ich bin mit « - wie schwer brachte er den Namen über die Lippen ! - , » mit Rosa nach Wien gefahren . Das ist alles , was ihr wißt . Ihr versteht ? « » Ihr versteht « , sagte er , aber er sah dabei nur seine Frau an . Der Verschwiegenheit seiner Magd war er gewiß . 7 An diesem Tag gönnte sich Bozena keinen Augenblick der Ruhe . Kein Raum , vom Keller bis zum Dachboden , in dem sie nicht nachsah mit kundigem Auge , nicht ordnete mit flinker und geschickter Hand . Sie scheuerte und fegte , verfolgte ihren verhaßtesten Feind , den Staub , bis in seine verborgensten Schlupfwinkel und blickte des Abends zufrieden auf ihr vollendetes Werk . Es war ihr letztes Vermächtnis an das Haus , dem sie durch achtzehn Jahre treu gedient . Sodann begab sie sich ins Kontor , zu Mansuet . Er war allein , die jüngeren Herren hatten schon Feierabend gemacht . » Was steht zu Diensten ? « fragte der Kommis mit einer Gespreiztheit , die nach Würde aussehen sollte . Seit jenem Tanze beim » Grünen Baum « zeigte er sich etwas zurückhaltend gegen Bozena . » Ich habe Sie bitten wollen « , antwortete die Magd , ihm ein Päckchen reichend , das in Papier gewickelt und mit einem Wollfaden zugebunden war , » mir mein Sparkassenbuch aufzuheben . « Er bemühte sich , sein Erstaunen zu verbergen , und sprach nachlässig : » Wie komme ich zu der Ehre ? Ist Ihr Geld bei Ihnen nicht mehr sicher ? « » Seien Sie schon so gut und heben Sie mir ' s halt auf « , erwiderte sie und streckte ihm die Hand entgegen , in die er seine langen Finger zögernd legte . » Ich danke Ihnen im voraus , Herr Mansuet . Ich danke Ihnen überhaupt für alles . « Fort war sie . Hatte ihn verlassen , bevor er Zeit fand , sie zurückzuhalten und sich seine Bestürzung über den bewegten Ton ihrer Stimme recht zum Bewußtsein zu bringen . Und jetzt erst besann er sich , jetzt erst fiel es ihm mit banger Besorgnis auf das Herz , daß sie reisemäßig gekleidet war , ein Bündel trug und eine Geldtasche umgeschnallt hatte . » Will auch die davongehen ? « murmelte er mit schmerzlicher Ironie vor sich hin . Da möchte er zuvor doch ein Wort mit ihr reden . Er hatte ihre Stube niemals betreten , jetzt begab er sich dahin . Auf sein Pochen erfolgte keine Antwort , dennoch trat er ein . Inmitten des Zimmers stand ein gepackter Koffer ; auf den Deckel hatte eine ungeübte Hand den Namen » Bozena Ducha « mit weißer Ölfarbe gepinselt . Der Kommis stellte sich davor hin und betrachtete ihn mit wehmütigen Blicken . Sie geht ihrem Kinde nach . Hat recht - ich versteh ' s , dachte Weberlein . Und mich freut ' s , daß sie ' s über das Herz bringt , sich loszumachen von dem Hund , dem Bernhard . Mich freut ' s sehr . Und eine heiße Träne stieg ihm ins Auge . Er sah sich um in der hochgewölbten , weißgetünchten Stube , in der alles Reinlichkeit atmete . Hier also hat sie existiert , die Bozena . Da steht ihr gewaltiges Bett mit seiner schneeigen Decke , daneben die buntbemalte Truhe , die ihr Eigentum war , die sie mitgebracht hatte aus dem heimatlichen Dorfe . Im Fenster ihr Arbeitstisch , auf dem Gesimse der Rosmarinstock , den sie aus einem kleinen Zweige gezogen ; über der Tür das geschnitzte Christusbild , auf dessen Haupt sie über die Dornenkrone ein Blumenkränzlein gelegt hat . Oh - die Bozena ! - Wenn sie das einem Menschen getan hätte statt einem Gotte ... Wenn sie einem Menschen die Dornen des Lebens in Blumen verwandelt hätte ... einen Gott hätte der sich gefühlt . Mansuet läßt sich auf einen Schemel nieder , stützt den Ellbogen auf den Koffer und den Kopf auf seine Hand und - träumt , so wach er ist - so alt er ist ! Wie die Sachen stehen , hätte ihn die Bozena wohl schwerlich genommen . Er ist zu klein für sie , sie ist zu groß für ihn . Wenn er aber länger geraten wäre um einen halben Schuh oder - einen ganzen - wenn er überdies schön geworden wäre - und das hätte ja ohne Wunder der Fall sein können , es sind so viele Leute schön ! Dann ... Wer weiß , was dann geschehen wäre ? Seinen eigentlichen Beruf würde er gewiß ergriffen haben - Soldat wäre er geworden , und ein Reiterstückchen wie jenes , das Fehse , der Sapperloter , heute nachts ausgeführt - das hätt er auch getroffen , er traut sich ' s zu ! Nur , daß er sich nicht , so lieblich es auch ist , das Fräulein Augentrost mitgenommen hätte ... Er weiß eine andre - die hätte er zu seiner Herrin gemacht , der seine Lorbeeren zu Füßen gelegt , die auf starken Armen durch das Leben getragen ... An deren Herzen würde er jetzt ruhen , ein seliger Mann ! So schwärmt der kleine Mansuet von Liebe , Ruhm und Wonne und kauert neben Bozenas Habseligkeiten wie ein armer Köter neben den zurückgelassenen Gewändern seines Herrn . Der schöne Bernhard saß in seiner Stube und war mit der Abfassung eines Briefes beschäftigt , der ihm viel Mühe machte . Er legte die Feder weg , ergriff sie wieder ,