der Könige , auf meinen Villen . « - » Beatus ille qui procul negotiis « , zitierte seufzend die gelehrte Frau . - » Aber eben weil ich die Wissenschaft verehre , weil ich , ein Schüler Platons , will , daß die Weisen herrschen sollen , deshalb wünsche ich , daß eine Königin mein Vaterland regiere , die nur der Geburt nach Gotin , der Seele nach Griechin , der Tugend nach Römerin ist . Ihr zu Liebe will ich meine Muße den verhaßten Geschäften opfern . Aber nur unter der Bedingung , daß dies mein letztes Staatsamt sei . Ich übernehme deinen Auftrag und stehe dir für Rom mit meinem Kopf . « » Gut , hier findest du die Vollmachten , die Dokumente , deren du bedarfst . « Cethegus durchflog die Urkunden . » Dies ist das Manifest des jungen Königs an die Römer , mit deiner Unterschrift . Seine Unterschrift fehlt noch . « Amalaswintha tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gefäß mit Purpurtinte , deren sich die Amaler , wie die römischen Imperatoren bedienten : » Komm , schreibe deinen Namen , mein Sohn . « Athalarich hatte während der ganzen Verhandlung stehend und mit beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch gestützt , Cethegus scharf beobachtet . Jetzt richtete er sich auf : er war gewohnt , in seinen Formen die Rechte eines Khronfolgers und eines Kranken zu gebrauchen : » Nein , « sagte er heftig , » Ich schreibe nicht . Nicht bloß , weil ich diesem kalten Römer nicht traue , - nein , ich traue dir gar nicht , du stolzer Mann ! - es ist empörend , daß ihr , während mein hoher Großvater noch atmet , schon an seiner Krone herumtappt , ihr Zwerge nach der Krone des Riesen . Schämt euch eurer Fühllosigkeit . Hinter jenen Vorhängen stirbt der größte Held des Jahrhunderts - und ihr denkt nur an die Teilung seiner Königsgewänder . « Er wandte ihnen den Rücken und schritt langsam nach dem Fenster zu , wo er den Arm um seine schöne Schwester schlang und ihr schimmervolles glänzendes Haar streichelte . Lange stand er so , sie achtete seiner nicht . Plötzlich fuhr sie auf aus ihrem Sinnen : » Athalarich , « flüsterte sie , hastig seinen Arm fassend und hinausdeutend auf die Marmorstufen , » wer ist der Mann dort ? im blauen Stahlhelm , der eben um die Säule biegt ? Sprich , wer ist es ? « » Laß sehn , « sagte der Jüngling sich vorbeugend , » der dort ? ei , das ist Graf Witichis , der Besieger der Gepiden , ein wackrer Held . « Und er erzählte ihr von den Taten und Erfolgen des Grafen im letzten Kriege . Indessen hatte Cethegus die Fürstin und den Minister fragend angesehen . » Laß ihn ! « seufzte Amalaswintha . » Wenn er nicht will , zwingt ihn keine Macht der Erde . « Weiteres Fragen des Cethegus ward abgeschnitten , indem sich der dreifache Vorhang auftat , der das Schlafgemach des Königs von allem Geräusch des Vorzimmers schied . Es war Elpidios , der griechische Arzt , der , die schweren Falten aufhebend , berichtete , der Kranke , eben aus langem Schlummer erwacht , habe ihn fortgeschickt , um mit dem alten Hildebrand allein zu sein : dieser wich nie von seiner Seite . Sechstes Kapitel . Das Schlafgemach Theoderichs , schon von den Kaisern zu gleichem Zweck benutzt , zeigte die düstre Pracht des späten römischen Stils . Die überladenen Reliefs an den Wänden , die Goldornamentik der Decke schilderte noch Siege und Triumphzüge der römischen Konsuln und Imperatoren : heidnische Götter und Göttinnen schwebten stolz darüber hin : überall in der Architektur und Dekoration waltete drückender Prunk . Dazu bildete einen merkwürdigen Gegensatz das Lager des Gotenkönigs in seiner schlichten Einfachheit . Kaum einen Fuß vom Marmorboden erhob sich das ovale Gestell von rohem Eichenholz , das wenige Decken füllten . Nur der köstliche Purpurteppich , der die Füße verhüllte , und das Löwenfell mit goldnen Tatzen , ein Geschenk des Vandalenkönigs aus Afrika , das vor dem Bette lag , bekundete die Königshoheit des Kranken . Alles Gerät , das sonst das Gemach erfüllt , war prunklos , schlicht , fast barbarisch schwer . An einer Säule im Hintergrund hing der eherne Schild und das breite Schwert des Königs , seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht . Am Kopfende des Lagers stand , gebeugten Hauptes , der alte Waffenmeister , die Züge des Kranken sorglich prüfend : dieser , auf den linken Arm gestützt , kehrte ihm das gewaltige , das majestätische Antlitz zu . Sein Haar war spärlich und an den Schläfen abgerieben durch den langjährigen Druck des schweren Helmes , aber noch glänzend hellbraun , ohne irgend graue oder weiße Spuren . Die mächtige Stirn , die blitzenden Augen , die stark gebogene Nase , die tiefen Furchen der Wangen sprachen von großen Aufgaben und von großer Kraft , sie zu lösen und machten den Eindruck des Gesichts königlich und hehr : aber die wohlwollende Weichheit des Mundes bekundete , trotz dem grimmen und leise ergrauenden Bart , jene Milde und friedliche Weisheit , mit welcher der König ein Menschenalter lang für Italien eine goldne Zeit zurückgeführt und sein Reich zu einer Blüte erhoben hatte , die damals schon Sprichwort und Sage feierten . Lang ließ er mit Huld und Liebe das goldbraune Adlerauge auf dem riesigen Krankenwart ruhen . Dann reichte er ihm die magre aber nervige Rechte . » Alter Freund , « sagte er , » nun wollen wir Abschied nehmen . « Der Greis sank in die Knie und drückte die Hand des Königs an die breite Brust . » Komm , Alter , steh ' auf : muß ich dich trösten ? « Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur das Haupt , daß er dem König ins Auge sehen konnte . » Sieh , « sprach dieser , » ich weiß , daß du , Hildungs Sohn , von deinen Ahnen , von deinem Vater her tiefere Geheimkunde hast von der Menschen Siechtum und Heilung , als alle diese griechischen Ärzte und lydischen Salbenkrämer . Und vor allem : du hast mehr Wahrhaftigkeit . Darum frage ich dich , du sollst mir redlich bestätigen , was ich selbst fühle : sprich , ich muß sterben ? heute noch ? noch vor Nacht ? « Und er sah ihn an mit einem Auge , das nicht zu täuschen war . Aber der Alte wollte gar nicht täuschen , er hatte jetzt seine zähe Kraft wieder . » Ja , Gotenkönig , Amalungen Erbe , du mußt sterben , « sagte er : » die Hand des Todes hat über dein Antlitz gestrichen . Du wirst die Sonne nicht mehr sinken sehen . « » Es ist gut , « sagte Theoderich , ohne mit der Wimper zu zucken . » Siehst du , der Grieche , den ich fortgeschickt , hat mir noch von ganzen Tag vorgelogen . Und ich brauche doch meine Zeit . « » Willst du wieder die Priester rufen lassen ? « fragte Hildebrand , nicht mit Liebe . - » Nein , ich konnte sie nicht brauchen . Und ich brauche sie nicht mehr . « - » Der Schlaf hat dich sehr gestärkt und den Schleier von deiner Seele genommen , der sie solang verdunkelt . Heil dir , Theoderich , Theodemers Sohn , du wirst sterben wie ein Heldenkönig . « » Ich weiß , « lächelte dieser , » die Priester waren dir nicht genehm an diesem Lager . Du hast recht . Sie konnten mir nicht helfen . « - » Nun aber , wer hat dir geholfen ? « » Gott und ich selbst . Höre . Und diese Worte sollen unser Abschied sein ! Mein Dank für deine Treue von fünfzig Jahren sei es , daß ich dir allein , nicht meiner Tochter , nicht Cassiodor es vertraue , was mich gequält hat . Sprich : was sagt man im Volk , was glaubst du , daß jene Schwermut war , die mich plötzlich befallen und in dieses Siechtum gestürzt hat ? « - » Die Welschen sagen : Reue über den Tod des Boëthius und Symmachus . « - » Hast du das geglaubt ? « - » Nein , ich mochte nicht glauben , daß dich das Blut der Verräter bekümmern kann . « - » Du hast wohlgetan . Sie waren vielleicht nicht des Todes schuldig nach dem Gesetz , nach ihren Taten . Und Boëthius habe ich sehr geliebt . Aber sie waren tausendfach Verräter ! Verräter in ihren Gedanken . Verräter an meinem Vertrauen , an meinem Herzen . Ich habe sie , die Römer , höher gehalten als die Besten meines Volkes . Und sie haben , zum Dank , meine Krone dem Kaiser gewünscht , dem Byzantiner Schmeichelbriefe geschrieben : sie haben einen Justin und einen Justinian der Freundschaft des Theoderich vorgezogen : mich reut der Undankbaren nicht . Ich verachte sie . Rate weiter ! Du , was hast du geglaubt ? « - » König : dein Erbe ist ein Kind und du hast ringsum Feinde . « Der Kranke zog die kühnen Brauen zusammen : » Du triffst näher ans Ziel . Ich habe stets gewußt , was meines Reiches Schwäche . In bangen Nächten hab ' ich geseufzt um seine innere Krankheit , wann ich am Abend beim Gastgelag den fremden Gesandten den Stolz höchster Zuversicht gezeigt hatte . Alter , du hast , ich weiß , mich für allzu sicher gehalten . Aber mich durfte niemand beben sehen . Nicht Freund noch Feind . Sonst bebte mein Thron . Ich habe geseufzt , wann ich einsam war und meine Sorge allein getragen . « - » Du bist die Weisheit , mein König , und ich war ein Tor ! « rief der Alte . » Sieh , « fuhr der König fort , - mit der Hand über die des Alten streichend - , » ich weiß alles , was dir nicht recht an mir gewesen . Auch deinen blinden Haß gegen diese Welschen kenne ich . Glaube mir , er ist blind . Wie vielleicht meine Liebe zu ihnen war . « Hier seufzte er und hielt inne . » Was quälst du dich . « - » Nein , laß mich vollenden . Ich weiß es , mein Reich , das Werk meines ruhmvollen , mühevollen Lebens kann fallen , leicht fallen . Und vielleicht durch Schuld meiner Großmut gegen diese Römer . Sei es darum ! Kein Menschenbau ist ewig und die Schuld zu edler Güte - ich will sie tragen . « » Mein großer König ! « - » Aber , Hildebrand , in einer Nacht , da ich so wachte , sorgte und seufzte über den Gefahren meines Reiches , - da stieg mir vor der Seele auf das Bild einer andern Schuld ! Nicht der Güte , nein , der Ruhmsucht , der blutigen Gewalt . Und wehe , wehe mir , wenn das Volk der Goten sollte untergehn zur Strafe für Theoderichs Frevel ! - Sein , sein Bild tauchte mir empor ! « Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte einen Augenblick . » Wessen Bild ? Wen meinst du ? « fragte der Alte leise , sich vorbeugend . » Odovakar ! « flüsterte der König . Hildebrand senkte das Haupt . Ein banges Schweigen unterbrach endlich Theoderich : » Ja , Alter , diese Rechte - du weißt es - hat den gewaltigen Helden durchstoßen , beim Mahl , meinen Gast . Heiß spritzte sein Blut mir ins Gesicht und ein Haß ohne Ende sprühte auf mich aus seinem brechenden Auge . Vor wenigen Monden , in jener Nacht , stieg sein blutiges , bleiches , zürnendes Bild wie eines Rachegottes vor mir auf . Fiebernd zuckte mein Herz zusammen . Und furchtbar sprach ' s in mir : um dieser Bluttat willen wird dein Reich zerfallen und dein Volk vergehn . « Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand , trotzig aufblickend : » König , was quälst du dich wie ein Weib ? Hast du nicht Hunderte erschlagen mit eigner Hand und dein Volk Tausende auf dein Gebot ? Sind wir nicht von den Bergen in dies Land herabgestiegen in mehr als dreißig Schlachten , im Blute watend knöcheltief ? Was ist dagegen das Blut des einen Mannes ! Und denk ' : wie es stand . Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der Auerstier dem Bären . Zweimal hatte er dich und dein Volk hart an den Rand des Verderbens gedrängt . Hunger , Schwert und Seuche rafften deine Goten dahin . Endlich , endlich fiel das trotzige Ravenna ; ausgehungert , durch Vertrag . Bezwungen lag der Todfeind dir zu Füßen . Da kömmt dir Warnung , er sinnt Verrat , er will noch einmal den gräßlichen Kampf aufnehmen , er will zur Nacht desselben Tages dich und die Deinen überfallen . Was solltest du tun ? Ihn offen zu Rede stellen ? War er schuldig , so konnte das nicht retten . Kühn kamst du ihm zuvor und tatest ihm abends , was er dir nachts getan hätte . Und wie hast du deinen Sieg benützt ! Die Eine Tat hat all dein Volk gerettet , hat einen neuen Kampf der Verzweiflung erspart . Du hast all die Seinen begnadigt , hast Goten und Welsche dreißig Jahre leben lassen wie im Himmelreich . Und nun willst du um jene Tat dich quälen ? Zwei Völker danken sie dir in Ewigkeit . Ich - ich hätt ' ihn siebenmal erschlagen . « Der Alte hielt inne , sein Auge blitzte , er sah wie ein zorniger Riese . Aber der König schüttelte das Haupt . » Das ist nichts , alter Recke , alles nichts ! Hundertmal hab ' ich mir dasselbe gesagt , und verlockender , feiner , als deine Wildheit es vermag . Das hilft all ' nichts . Er war ein Held , der einzige meinesgleichen ! - Und ich hab ' ihn ermordet , ohne Beweis seiner Schuld . Aus Argwohn , aus Eifersucht , ja - es muß gesagt sein , aus Furcht - aus Furcht , noch einmal mit ihm ringen zu sollen . Das war und ist und bleibt ein Frevel . - Und ich fand keine Ruhe hinter Ausreden . Düstre Schwermut fiel auf mich . Seine Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht unaufhörlich . Beim Schmaus und im Rat , auf der Jagd , in der Kirche , im Wachen und im Schlafen . Da schickte mir Cassiodor die Bischöfe , die Priester . Sie konnten mir nicht helfen . Sie hörten meine Beichte , sahen meine Reue , meinen Glauben , und vergaben mir alle Sünden . Aber Friede kam nicht über mich , und ob sie mir verziehen , - ich konnte mir nicht verzeihen . Ich weiß nicht , ist es der alte Sinn meiner heidnischen Ahnen : - aber ich kann mich nicht hinter dem Kreuz verstecken vor dem Schatten des Ermordeten . Ich kann mich nicht gelöst glauben von meiner blutigen Tat durch das Blut eines unschuldigen Gottes , der am Kreuze gestorben . « - - Freude leuchtete über das Antlitz Hildebrands : » Du weißt , « raunte er ihm zu , » ich habe niemals diesen Kreuzpriestern glauben können . Sprich , o sprich , glaubst auch du noch an Thor und Odhin ? Haben sie dir geholfen ? « Der König schüttelte lächelnd das Haupt : » Nein , du alter , unverbesserlicher Heide . Dein Walhall ist nichts für mich . Höre , wie mir geholfen ward . Ich schickte gestern die Bischöfe fort und kehrte tief in mich selber ein . Und dachte und flehte und rang zu Gott . Und ich ward ruhiger . Und sieh , in der Nacht kam über mich tiefer Schlummer , wie ich ihn seit langen Monden nicht mehr gekannt « . Und als ich erwachte , da schauerte kein Fieber der Qual mehr in meinen Gliedern . Ruhig war ich und klar . Und dachte dieses : » Ich habe es getan und keine Gnade , kein Wunder Gottes macht es ungeschehen . Wohlan , er strafe mich . Und wenn er der zornige Gott des Moses , so räche er sich und strafe mit mir mein ganzes Haus bis ins siebente Glied . Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache des Herrn . Er mag uns verderben : er ist gerecht . Aber weil er gerecht ist , kann er nicht strafen dieses edle Volk der Goten um fremde Schuld . Er kann es nicht verderben um des Frevels seines Königs willen . Nein , das wird er nicht . Und muß dies Volk einst untergehen , - ich fühl ' es klar , dann ist es nicht um meine Tat . Für diese weih ' ich mich und mein Haus der Rache des Herrn . Und so kam Friede über mich , und mutig mag ich sterben . « Er schwieg . Hildebrand aber neigte das Haupt und küßte die Rechte , welche Odovakar erschlagen hatte . » Das war mein Abschied an dich . Und mein Vermächtnis , mein Dank für ein ganzes Leben der Treue . - Jetzt laß uns den Rest der Zeit noch diesem Volk der Goten zuwenden . Komm , hilf mir aufstehen , ich kann nicht in den Kissen sterben . Dort hangen meine Waffen . Gib sie mir ! - Keine Widerrede - ! Ich will . Und ich kann . « Hildebrand mußte gehorchen . rüstig erhob sich mit seiner Hilfe der Kranke von dem Lager , schlug einen weiten Purpurmantel um die Schultern , gürtete sich mit dem Schwert , setzte den niedern Helm mit der Zackenkrone auf das Haupt und stützte sich auf den Schaft der schweren Lanze , den Rücken gegen die breite dorische Mittelsäule des Gemaches gelehnt . » So , jetzt rufe meine Tochter . Und Cassiodor . Und wer sonst da draußen . « Siebentes Kapitel . So stand er ruhig , während der Alte die Vorhänge an der Tür zu beiden Seiten zurückschlug , so daß Schlafzimmer und Vorhalle nunmehr Einen ungeschiedenen Raum bildeten . Alle draußen Versammelten - es hatten sich inzwischen noch mehrere Römer und Goten eingefunden - näherten sich mit Staunen und ehrfürchtigem Schweigen dem König . » Meine Tochter , « sprach dieser , » sind die Briefe aufgesetzt , die meinen Tod und meines Enkels Thronfolge nach Byzanz berichten sollen ? « » Hier sind sie , « sprach Amalaswintha . Der König durchflog die Papyrusrollen . » An Kaiser Justinus . Ein zweiter : an seinen Neffen Justinianus . Freilich , der wird bald das Diadem tragen und ist schon jetzt der Herr seines Herrn ! Cassiodor hat sie verfaßt - ich sehe es an den schönen Gleichnissen . Aber halt « - und die hohe klare Stirn verdüsterte sich » Eurem kaiserlichen Schutze meine Jugend empfehlend . « » Schutze ? Das ist des Guten zu viel . Wehe , wenn ihr auf Schutz von Byzanz gewiesen seid . Freundschaft mich empfehlend ist genug von dem Enkel Theoderichs . « Und er gab die Briefe zurück . » Und hier ein drittes Schreiben nach Byzanz ? An wen ? An Theodora , die edle Gattin Justinians ? Wie ! an die Tänzerin vom Zirkus ? Des Löwenwärters schamlose Tochter ? « Und sein Auge funkelte . » Sie ist von größtem Einfluß auf ihren Gemahl « , wandte Cassiodor ein . - » Nein , meine Tochter schreibt an keine Dirne , die aller Weiber Ehre besudelt hat . « Und er zerriß die Papyrusrolle und schritt über die Stücke zu den Goten im Mittelgrund der Halle . » Witichis , tapferer Mann , was wird dein Amt sein nach meinem Tod ? « » Ich werde unser Fußvolk mustern zu Tridentum . « » Kein Bessrer könnte das . Du hast noch immer nicht den Wunsch getan , den ich dir damals freigestellt nach der Gepidenschlacht . Hast du noch immer nichts zu wünschen ? « » Doch , mein König . « » Endlich ! Das freut mich - sprich . « - » Heute soll ein armer Kerkerwart , weil er sich weigerte , einen Angeklagten zu foltern und nach dem Liktor schlug , selbst gefoltert werden . Herr König , gib den Mann frei : das Foltern ist schändlich und - « » Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die Folter nicht mehr gebraucht im Reich der Goten . Sorg dafür , Cassiodorus . Wackrer Witichis , gib mir die Hand . Auf daß alle wissen , wie ich dich ehre , schenk ich dir Wallada , mein lichtbraun Edelroß , zu Gedächtnis dieser Scheidestunde . Und kommst du je auf seinem Rücken in Gefahr , oder « - hier sprach er ganz leise zu ihm - » will es versagen , flüstre dem Roß meinen Namen ins Ohr . - Wer wird Neapolis hüten ? Der Herzog Thulun war zu rauh . - Das fröhliche Volk dort muß durch fröhliche Mienen gewonnen werden . « » Der junge Totila wird dort die Hafenwache übernehmen , « sprach Cassiodor . » Totila ! Ein sonniger Knabe ! Ein Siegfried , ein Götterliebling ! Ihm können die Herzen nicht widerstehen . Aber freilich ! Die Herzen dieser Welschen ! « Er seufzte und fuhr fort : » Wer versichert uns Roms und des Senats ? « » Cethegus Cäsarius , « sagte Cassiodor mit einer Handbewegung , » dieser edle Römer . « - » Cethegus ? Ich kenne ihn wohl . Sieh mich an , Cethegus . « Ungern erhob der Angeredete die Augen , die er vor dem großen Blick des Königs rasch niedergeschlagen . Doch hielt er jetzt das Adlerauge , das seine Seele durchdrang , ruhig aus , mit dem Aufgebot aller Kraft . » Es war krank , Cethegus , daß ein Mann von deiner Art sich solang vom Staat ferngehalten . Und von uns . Oder es war gefährlich . Vielleicht ist es noch gefährlicher , daß du dich - jetzt - dem Staat zuwendest . « - » Nicht mein Wunsch , o König . « » Ich bürge für ihn , « rief Cassiodor . - » Still , Freund ! Auf Erden mag keiner für den andern bürgen ! - Kaum für sich selbst ! - Aber , « fuhr er forschenden Blickes fort , » an die Griechlein wird dieser stolze Kopf - dieser Cäsarkopf - Italien nicht verraten . « Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen mußte Cethegus tragen . Dann ergriff der König plötzlich den Arm des nur mit Mühe noch fest in sich geschlossenen Mannes und flüsterte ihm zu : » Höre , was ich dir warnend weissage . Es wird kein Römer mehr gedeihen auf dem Thron des Abendlands . Still , kein Widerwort . Ich habe dich gewarnt . - - Was lärmt da draußen ? « fragte er , rasch sich wendend , seine Tochter , die einem meldenden Römer leisen Bescheid erteilte . » Nichts , mein König , nichts von Bedeutung , mein Vater ! « - » Wie ? Geheimnisse vor mir ? Bei meiner Krone ! Wollt ihr schon herrschen , solang ich noch atme ? Ich vernahm den Laut fremder Zungen da draußen . Auf die Türen ! « Die Pforte , welche die äußere Halle mit dem Vorzimmer verband , öffnete sich . Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Römern kleine fremd aussehende Gestalten , in seltsamer Tracht , mit Wämsern aus Wolfsfell , mit spitz zulaufenden Mützen und langen zottigen Schafspelzen , die über ihren Rücken hingen . Überrascht und bewältigt von dem plötzlichen Anblick des Königs , der hochaufgerichtet auf sie zuschritt , sanken die Fremden wie vom Blitz getroffen auf die Kniee . » Ah , Gesandte der Avaren . Das räuberische Grenzgesindel an unsern Ostmarken ! Habt ihr den schuldigen Jahrestribut ? « - » Herr , wir bringen ihn noch für diesmal - Pelzwerk - wollne Teppiche - Schwerter - Schilde . - Da hangen sie , - dort liegen sie . Aber wir hoffen , daß für nächstes Jahr - wir wollten sehn « - » Ihr wolltet sehen , ob der greise Dieterich von Bern nicht altersschwach geworden ? Ihr hofftet , ich sei tot ? Und meinem Nachfolger könntet ihr die Schatzung weigern ? Ihr irrt , Späher ! « Und er ergriff wie prüfend eines der Schwerter , welche die Gesandten vor ihm ausgebreitet , samt der Scheide , nahm es mit zwei Händen fest an Griff und Spitze : - ein Druck und in zwei Stücken warf er ihnen das Eisen vor die Füße » Schlechte Schwerter führen die Avaren « , sagte er ruhig . » Und nun komm , Athalarich , meines Reiches Erbe . Sie wollen dir nicht glauben , daß du meine Krone tragen kannst : zeig ihnen , wie du meinen Speer führest . « Der Jüngling flog herbei . Die Gluthitze des Ehrgeizes zuckte über sein bleiches Antlitz . Er ergriff den schweren Speer seines Großvaters und schleuderte ihn mit solcher Kraft auf einen der Schilde , welche die Gesandten an die Holzpfeiler der Halle gelehnt , daß er ihn sausend durchbohrte und die Spitze noch tief in das Holzwerk drang . Stolz legte der König die Linke auf das Haupt seines Enkels und rief den Gesandten zu : » Jetzt geht , daheim zu melden , was ihr hier gesehen . « Er wandte sich , die Pforten fielen zu und schlossen die staunenden Avaren aus . » Gebt mir einen Becher Wein . Leicht den letzten ! Nein , ungemischten ! Nach Germanen Art ! « - und er wies den griechischen Arzt zurück - » Dank , alter Hildebrand , für diesen Trunk , so treu gereicht . Ich trinke der Goten Heil . « Er leerte langsam den Pokal . Und er setzte ihn noch fest auf den Marmortisch . Aber da kam es über ihn , plötzlich , blitzähnlich , was die Ärzte lang erwartet : er wankte , griff an die Brust und stürzte rücklings in die Arme Hildebrands , der langsam niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten ließ und das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt . Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an : aber der König regte sich nicht , und laut aufschreiend warf sich Athalarich über die Leiche . Zweites Buch . Athalarich . » Wo wär ' die sel ' ge Insel wohl zu finden ? « Schiller , Wilhelm Tell . III. Aufzug . 2. Szene Erstes Kapitel . Nicht ohne Grund fürchtete und hoffte Freund und Feind in diesem Augenblick schwere Gefahren für das junge Gotenreich . Noch waren es nicht vierzig Jahre , daß Theoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem Volk den Isonzo überschritten und dem tapfern Abenteurer Odovakar , den ein Aufstand der germanischen Söldner auf den Thron des Abendlands erhoben , Krone und Leben entrissen hatte . Alle Weisheit und Größe des Königs hatte nicht die Unsicherheit beseitigen können , die in der Natur seiner mehr kühnen als besonnenen Schöpfung lag . Trotz der Milde seiner Regierung fühlten die Italier - und wir wollen uns hüten , solche Gesinnung zu verdammen - aufs tiefste die Schmach der Fremdherrschaft . Und diese Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt verhaßt . Nach der Auffassung jener Zeit galten das weströmische und das oströmische Reich als eine unteilbare Einheit und , nachdem die Kaiserwürde im Okzident erloschen , erschien der oströmische Kaiser als der einzige rechtmäßige Herr des Abendlands . Nach Byzanz also waren die Augen aller römischen Patrioten , aller rechtgläubigen Katholiken von Italien gerichtet : von Byzanz erhofften sie Befreiung aus dem Joche der Ketzer , der Barbaren , Tyrannen . Und Byzanz hatte Macht und Neigung , diese Hoffnung zu erfüllen . Waren auch die Untertanen des Imperators nicht mehr die Römer Cäsars oder Trajans : - noch gebot das Ostreich über eine sehr ansehnliche , den Goten durch alle Mittel der Bildung und eines lang bestehenden Staatswesens unendlich überlegene Macht . An der Lust aber , diese Überlegenheit zur Vernichtung des Barbarenreiches zu gebrauchen , konnte es nicht fehlen , da das Verhältnis beider Staaten von vornherein auf Überlistung , Mißtrauen und geheimen Haß gegründet war . Vor ihrem Abzug nach Italien hatte die Goten , in den Donauländern angesiedelt , an Byzanz ein für beide Teile unerfreuliches Bundesverhältnis geknüpft , das infolge des Ehrgeizes ihrer Könige , mehr noch der Treulosigkeit der Kaiser , fast alle paar Jahre in offnen Krieg zwischen den ungleichartigen Verbündeten umschlug : wiederholt hatte Theoderich , obwohl in Zeiten der Aussöhnung mit den höchsten Ehren des Reiches , mit den Titeln Konsul , Patricius , Adoptivsohn des Kaisers ausgezeichnet , seine Waffen bis vor die Tore der Kaiserstadt getragen . Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen , hatte Kaiser Zeno , ein feiner Diplomat , das echt byzantinische Auskunftsmittel getroffen , den lästigen Gotenkönig mit seinem Volk dadurch aus der gefährlichen Nachbarschaft zu entfernen , daß er ihm als ein Danaergeschenk Italien übertrug , das erst dem eisernen Arm des Helden Odovakar entrissen werden mußte . In der Tat , wie immer der Kampf zwischen den beiden deutschen Fürsten enden mochte : Byzanz mußte immer gewinnen . Siegte Odovakar , so waren die Goten und ihr furchtbarer König , denen man schöne Provinzen und schwere Jahrgelder hatte überlassen müssen , für