wendete sich bald und schritt abseits gegen den Bach . Nachher habe ich erfahren , daß er stumm ist . Und endlich saß ich im Wirtshause bei meinem Frühstück . Es bestand aus einer Schale Milch mit gebranntem Kornmehl gewürzt . Das ist der Winkelsteger Kaffee . Und nun - was gedachte ich zu tun ? Ich teilte der heiteren Wirtin meine Absicht und meinen Wunsch mit : das ungünstige Wetter in Winkelsteg abzuwarten , im Stübchen des Schulhauses zu wohnen und die Schriften des Schulmeisters zu lesen - » wenn ich dazu Erlaubnis hätte « . » O mein Gott , ja , von Herzen gern ! « rief sie , » wen wird der Herr denn irren , da oben ! Und das alte Papierwerk schaut sonst auch kein Mensch an - wüßt ' nicht , wer ! Davon kann sich der Herr aussuchen , was er will . Der neue Schulmeister wird schon selber so Sachen mitbringen . Glaub ' s aber dieweil noch gar nicht , daß einer kommt . Ja freilich mag der Herr oben bleiben und ich laß ihm fein warm heizen . « So ging ich wieder hinauf zum Schulhause . Nun sah ich es von außen an . Es war recht bequem und zweckmäßig gebaut , es hatte ein flaches , weit vorspringendes Schindeldach , und es hatte in diesem Vorsprunge und in seinen hellen Fenstern eine Art Verwandtschaft mit dem gutmütig schalkhaften schildkäppchenbedeckten Antlitze jenes Alten auf dem Bilde . Dann trat ich in das Stübchen . Es war bereits aufgeräumt und im Ofen knisterte frisches Feuer . Durch die hellen Fenster starrte zwar der düstere Tag mit dem tief auf die Bergwälder hängenden Nebel herein , aber das machte das Stübchen nur noch traulicher und heimlicher . Die Blätter , die ich am Morgen in Ordnung gebracht hatte , die rauh und grau vergilbt waren und eng beschrieben , Zeile an Zeile , die nahm ich nun aus der Schublade und setzte mich damit zum rein gescheuerten Tisch am Fenster , so daß das Tageslicht freundlich auf ihnen ruhen konnte . Und was hier ein seltsamer Mann niedergeschrieben hatte , das begann ich nun zu lesen . Was ich las , das gebe ich hier , besonders dem Inhalte nach , schlecht und recht wieder . Doch mußte an der Urschrift in der Form manches geändert und geglättet , es mußte gestrichen , ja beigefügt werden , wie es zum Verständnisse nötig , und so weit es mir nach Durchforschung der Zustände erlaubt und möglich war . Ferner mußten die absonderlichen Ausdrücke in Klarheit , die regellos hingeworfenen Sätze in Regeln und Zusammenhang gebracht werden . Indes sei bemerkt , daß ältere Sprachformen und Wendungen , die in den Blättern sich vorfanden , tunlichst beibelassen wurden , um der Schrift von ihrer Eigenart zu wahren . - - - Das erste Blatt sagt nichts und alles ; es enthält vier Worte : Die Schriften des Waldschulmeisters ( Erster Teil ) » Lieber Gott ! Ich grüße Dich und schreibe Dir eine Neuigkeit . Heute ist mein Vater gestorben . Er ist schon zwei Jahre krank gewesen . Die Leut ' sagen , es ist ein rechtes Glück . Die Muhme-Lies sagt es auch . Jetzt haben sie den Vater schon fortgetragen . Der Leib kommt in die Totenkammer , die Seel ' geht durch das Fegfeuer in den Himmel hinauf . Lieber Gott , und da hätt ' ich jetzt recht eine schöne Bitt ' . Schick meinem Vater einen Engel entgegen , der ihn weist . Für den Engel leg ich mein Patengeld bei ; es sind drei Groschen . Mein Vater wird recht eine Freud ' haben im Himmel , und führ ' ihn gleich zu meiner Mutter . - Ich grüße Dich tausendmal , lieber Gott , den Vater und meine Mutter . Andreas Erdmann . Salzburg , im 1797-ger Jahr , am Apostel Simonitag . « Dieser Brief ist zufällig erhalten geblieben , mit ihm hebe ich an . Ich weiß noch den Tag . Ich habe in meiner sehr großen Einfalt die drei Groschen wollen in das Papier legen . Kommt selbunter die Muhme-Lies herbei , liest mit ihrem Glasauge die Schrift und schlägt die Hände zusammen . » Du bist ein dummer Junge ! « ruft sie aus , » ein sehr dummer Junge ! « Eilends nimmt sie mein Patengeld , läuft davon und erzählt meine Sach ' im ganzen Hause , vom Torwartgelaß an bis hinauf zum dritten Stock , wo ein alter Schirmmacher wohnt . Jetzt kommen die Leut ' alle miteinander zusammen in unser Zimmer herein , zu sehen , wie ein sehr dummer Junge denn ausschaut . Gelacht haben sie , und so lang ' haben sie gelacht , bis ich anfang ' zu weinen . Jetzund haben sie noch ärger gelacht . Der alte Schirmmacher mit seinem himmelblauen Schurz ist auch da ; der hebt die Hand auf und sagt : » Ihr Herrschaften , das ist ein närrisches Lachen ; etwan ist er gescheiter , wie ihr alle miteinand . Geh her zu mir , Büblein ; heute ist dein guter Vater gestorben ; deine Muhme ist viel zu gescheit und ihr Haus zu klein für dich , du kleinwinziger Bub ' . Geh mit mir , ich lehre dich das Regenschirmmachen . « Was hat jetzo die Muhme gegreint überlaut ! Aber das kann ich mir denken : insgeheim ist es ihr recht gewesen , da ich mit dem Alten die zwei Treppen hinaufgestiegen bin . Selbunter , wie mir mein Vater gestorben , werd ' ich im siebenten Jahr gewesen sein . Ich weiß nur , daß meine Eltern mit mir bis zu meinem fünften Jahr im Waldland gelebt haben . Im Waldland am See . Felsberge , Wald und Wasser haben die Ortschaft eingefriedet , in der mein Vater Salzwerksbeamter gewesen . Wie die Mutter gestorben , hebt mein Vater kränkeln ; hat seine Stelle aufgeben müssen , ist mit mir zu seiner wohlhabenden Schwester in die Stadt gezogen . In einem leichteren Amt hat er wieder arbeiten wollen , um seiner Schwester , die sich stets der Tugend der Sparsamkeit beflissen , Dach und Nahrung redlich erstatten zu können . Aber in der Stadt ist er krank Jahr und Tag ; nur daß er mir zur Not das Lesen und Schreiben lehrt , sonst hat er gar nichts getan . Und es ist gekommen , wie ich es im frühern aufgeschrieben habe . Bei dem alten Mann im dritten Stock bin ich mehrere Jahre gewesen . Wie er , so habe auch ich einen himmelblauen Brustschurz getragen . Man erspart dadurch an Gewand . In der ersteren Zeit bin ich mehrmals zur Muhme hinabgegangen auf Besuch ; aber sie hat mich fortweg und solange einen sehr dummen Jungen geheißen , bis ich nicht mehr hinabgegangen bin . Selbunter hat mein Meister einmal das Wort gesagt : » Gib acht , Andreas , daß du nicht so gescheit wirst wie deine Frau Muhme ! « Wir haben lauter blaue und rote Regenschirme gemacht , haben sie dann in großen Bünden auf Jahrmärkte getragen und verkauft . Einen breiten Schirm haben wir über unsere Ware gespannt , und die Marktbude ist fertig gewesen . Und wenn das Geschäft so gut ist gegangen , daß wir letztlich auch die Bude verkauft , so sind wir allbeide in ein Wirtshaus gegangen und haben uns was gut sein lassen . Ansonsten aber haben wir die Ware in Bünden wieder nach Hause getragen und daheim eine warme Suppe genossen . Wie mein Meister über die siebzig Jahre alt ist , wird ihm die Welt nicht mehr recht ; hat müssen eine andere haben - ist mir gestorben . Gestorben wie mein Vater . Ich bin der Erbe gewesen . Zweithalb Dutzend Schirme sind da ; die pack ' ich eines Tages auf und trag sie dem Markte zu . Auf demselbigen Markt hab ' ich Glück gehabt . Er ist in einem Tal nicht gar weit von der Stadt ; Menschen in Überfluß , aber die wenigsten werden sich zur Morgenfrühe gedacht haben , sie gehen auf den Markt , daß sie Regenschirme kauften . Kommt zur Mittagszeit jählings ein Wetterregen ; wie weggeschwemmt sind die Leute vom Platz , und mit ihnen meine Schirme . Ein alleinziger ist mir noch geblieben für mich selber , daß ich trocken bliebe mitsamt meinem gelösten Geld . Was läuft doch über den Platz ein Mann daher , daß alle Lachen spritzen ! Meinen Regenschirm will er kaufen . » Hätt ' ich selber keinen ! « sage ich . » Hab ' schon manchen Schuster barfuß laufen sehen , « lachte der Mann , » aber hörst , Junge , wir richten uns die Sach ' schlau ein . Bist du aus der Stadt ? « » Ja , « sag ich , » aber kein Schuster . « » Das macht nicht . Ein Wagen ist dahier nichts zu haben ; so gehen wir zusammen , Bursche , und benützen den Schirm gemeinsam ; letzlich magst ihn behalten oder das Geld dafür haben . « Gottesschad ' wär ' s um den feinen Rock , den er anhat , denk ich , und sag : » So ist es mir recht . « Arm in Arm bin ich , Schirmmacherbursch mit dem vornehmen Herrn in die Stadt gegangen . Wir haben unterwegs miteinander geplaudert . Er hat es so zu fügen gewußt , daß ich ihm nach und nach all meine Umstände und meine ganze Lebensgeschichte erzählt hab . Der Regen hörte auf ; die Sonne scheint , ich trage den Schirm noch offen über der Achsel , daß er trocknen mag . Wir kommen zur Stadt , da will ich zurückbleiben - nicht schicksam , daß ich mit einem so feinen Herrn durch die Stadt gehe . Er hat mich aber freundlich eingeladen , nur mit ihm zu kommen . Er hat mich zuletzt mit in sein Haus geführt , hat mir Speise und Trank vorsetzen lassen , hat mich endlich gar gefragt , ob ich nicht bei ihm bleiben wolle , er stehe einer Bücherei vor und benötige in ihr einen Handlanger . Was weiß ich unfertiger Mensch mit der Schirmmacherei anzufangen ? Ich werde Handlanger in der Bücherei . Damalen hab ' ich ' s gut gehabt . Mit meinem Herrn bin ich zufrieden gewesen ; der hat mir das Regenschirmdach reichlich erstattet ; kein Lüftlein hat mich beleidigt unter seinem Dach . Aber die Handlangerarbeit hat mir nicht von statten gehen wollen . Der helle Fürwitz ist ' s gewesen ; mit jedem Buch , das ich zur Hand bekommen , hätt ' ich auch gleich Bekanntschaft machen mögen . Allerweile hab ich ' s mit den Aufschriftblättern und Inhaltsverzeichnissen zu tun gehabt , und ich hab das , was mir insonderheit erfahrungswert geschienen , gar zu lesen angefangen . Auf das Zurechtstellen und Ordnen der Bücher hab ich vergessen . Was sagt mein Herr eines Tages zu mir ? - Bursche , für das Auswendige der Bücher bist du nicht zu brauchen , du mußt in das Inwendige hinein . Mir dünkt es gut , daß ich dich in einer Lehranstalt unterbringe . » Ja freilich , ja freilich - das ist mein heimlich Verlangen . « » Es wird gelingen , dich in die dasige Gelehrtenschule1 zu stellen , du wirst rechtschaffen und fleißig sein , wirst Unterstützung finden ; es geht rasch aufwärts und kehr ' die Hand , wird ' s heißen : Herr Doktor Erdmann ! Ganz heiß wird mir bei diesen Worten . Nicht gar lange nachher und mir ist noch heißer geworden . Mein Brotherr hat es durchgesetzt ; ich bin in die Gelehrtenschule gekommen und schnurgerade mitten hinein in das Innere der Bücher . Aber in der Schule , da werden einem trutz die allerlangweiligsten Bücher in die Hand gegeben ; die kurzweiligen sind allesamt verboten . Dinge , die mich auswendig und einwendig gar nichts angegangen , hab ich müssen in meinen Kopf hineinpressen . Das ist eine Pein gewesen ; denn damalen haben mir meine Jahre und Lebensumstände den Kopf schon hübsch vollgepfropft gehabt mit anderen Dingen . Eine siebenfältige Speiskarte ist mein Wochenkalender gewesen . Mein Mittagstisch ist gestanden : Am Montag bei einem Lehrer ; am Dienstag bei einem Freiherrn ; am Mittwoch bei einem Kaufmann ; am Donnerstag bei einem Schulgenossen , der ein reicher Tuchmacherssohn gewesen und mich zu sich in einen Gasthof geladen hat . Am Freitag hab ich bei einem alten Obersten gegessen ; am Samstag bei sehr armen Leuten in einer Dachstube , denen ich dafür die Kinder im Rechnen unterrichtet ; und am Sonntag bin ich bei meinem Schutzherrn gewesen , dem Vorsteher der Bücherei . Auch habe ich von all diesen Menschen Kleider an meinem Leibe getragen . So ist es jahrelang gewesen . Da hat mich mein Dienstag-Tischherr für sein Söhnlein zum Hauslehrer bestellt . Jetzo ist ' s schon besser gegangen . Zuerst habe ich den armen Leuten in der Dachstube das Mittagsmahl nachgelassen , aber die Pflicht empfunden , den Unterricht ihrer Kinder doch fortzusetzen . Ein weiteres ist gewesen , daß ich einmal meinen Frack anziehe - der ist sehr fein und vornehm , ist auch für mich nicht gemacht worden - und meine Muhme besuche . Meine Muhme macht zierliche Bücklinge und nennt mich ihren lieben , sehr lieben Herrn Vetter . Wie freudig ich auch anfangs d ' rein gegangen bin in meinem Lernen , es ist mir gar bald verleidet worden . Da habe ich vormalen immer gemeint , in einer Gelehrtenschule würde man Himmel und Erde erfassen , und alles was darin ist , im schönen Zusammenhange erkennen lernen ; sie tun ja so , als ob sie das alles inne hätten , die Herren Gelehrten , wenn sie in hoher Würde über die Gasse gehen . Das hat mich sauber betrogen . Für einen , der nur studiert , um ein lustiger Student sein zu können ; für einen , der nur lernt , um dereinstmalen als » Gelehrter « zu prangen oder als solcher sein Brot zu erwerben - für so einen mag diese Gelehrtenschule taugen . Für einen nach wahrem Wissen und Erkennen Strebenden aber ist sie ein erbärmlich Ding . Ein sehr erbärmlich Ding . Schöne Gegenstände sind auf dem Lehrplan gestanden . Schon in den unteren Abteilungen haben wir Erdbeschreibung , Geschichte , Meß- und Größenlehre , Sprachlehre usw. gehabt . Die verkehrte Welt ist ' s gewesen . In der Erdbeschreibung haben wir statt Länder- und Völkerkunde nur die Größe der Fürstentümer und ihrer Städte vor Augen gehabt . In der Geschichte haben wir , anstatt der naturgemäßen Entwicklung der Menschheit nachzuspüren , spitzfindige Staatenklügelei getrieben ; der Lehrer hat allfort nur von hohen Fürstenhäusern und ihren Stammbäumen , Umtrieben und Schlachten geschwätzt ; sonst hat der Wicht nichts gewußt . In der Meßlehre haben wir uns mit Beispielen abgeplagt , die weder der Lehrer noch der Schüler verstanden und im Leben selten vorkommen . Die Sprachlehre ist schon gar ein Elend gewesen . Ach , die schöne arme deutsche Sprache ist zugerichtet , daß einem das Herz möcht ' brechen . Seit vielen Jahren ist sie von der welschen belagert , ja hochnotpeinlich auf die Folter gespannt . Und wollt ' s ein deutscher Bursche einmal versuchen , seine reinen Mutterlaute wieder zu Ehren zu bringen , allsogleich taten die hochgelahrten Herren herbeistürzen mit ihrem Griechisch und Latein , um mit dem toten Buchstaben der toten Sprachen auch den deutschen Laut zu töten . Ich weiß recht gut , welchen Segen die Sprache des Homer und Virgil in sich trägt ; davon zeugt unser Klopstock und Schiller . Aber die gelehrten Pharisäer , von denen ich rede , gehen auf den Buchstaben und nicht auf den Geist . Mit überflüssigen Dingen pferchen sie uns den Kopf voll . Die unsinnigsten Lehrsätze , vor Jahrhunderten von verkehrten Köpfen erfunden , müssen wir auswendig lernen ; .... ja , wenn ich all das Erbärmliche wollte beschreiben ! - Und wer das dürre Zeug nicht mag und kann , der wird von den Lehrern mißhandelt . Wir sind schutzlos ; sie haben uns in ihrer Gewalt . Beliebt es ihnen , Späße zu machen , so müssen die uns ergötzlich sein . Haben sie Zahnschmerz , so müssen wir es entgelten . Ach , das ist ein böses Gehetze und Geplage ; für unbemittelte Bursche schon gar ein Elend ! Während ich in der Anstalt gewesen , haben sich zwei Schüler ums Leben gebracht . - Auch gut , hat der Leiter der Schule gesagt , was sich nicht biegt , das muß brechen . Und das ist die Grabrede gewesen . Da ist am ersten Tage nach einem solchen Selbstmord , daß ich daran komme , in der lateinischen Sprache über das Wesen der römischen Könige vor meinen Lehrern und Lerngenossen eine Rede zu halten . Ich komme geradewegs von der Bahre meines unglücklichen Kameraden und hocherregten Gemütes besteige ich den Redestuhl . » Ich will vergleichen zwischen den Römern und den Deutschen , « rufe ich , » die alten Tyrannen haben den Körper geknechtet , die neuen knechten den Geist . Da draußen in der finsteren Kammer , verlassen und aller Ehre beraubt , liegt einer , zu Tode gehetzt .... « Ich mag noch einige Worte gesagt haben ; dann aber nahen sie und führen mich lächelnd vom Redestuhl herab . » Der Erdmann ist verwirrt , « sagte einer der Lehrer , » nicht deutsch , sondern lateinisch soll er sprechen . Demnächst wird er ' s besser machen . « Bin nach Hause getaumelt wie ein Narr . Heinrich , der Tuchmacherssohn , mein Tisch- und Schulgenosse , eilt mir nach : » Andreas , was hast du getan ? was hast du geredet ? « » Zu wenig , zu wenig , « sage ich . » Das wird dich verderben , Andreas ; kehre sogleich um und leiste den Herren Abbitte . « Da lache ich dem Freunde in das Gesicht . Er faßt mich jedoch bewegt an der Hand und sagt : » Wahr ist es , bei Gott , es ist wahr , was du gesprochen . Wir empfinden es alle , aber just deswegen werden dir die Herren das Wort nimmer verzeihen . « » Das sollen sie auch nicht , « entgegne ich in meinem Trotze . Heinrich schweigt eine Weile und geht neben mir her . Endlich sagt er : » Ein wenig klüger mußt du werden , Andreas ; und jetzt geh ' und fasse dich . « Meine Hand zittert , da sie das schreibt ; es ist aber alles schon vorbei . Ein Jahr vor dieser obigen Begebenheit hat mir mein Freund Heinrich die Unterrichtsstelle vermittelt , und zwar in dem vornehmen Hause des Freiherrn von Schrankenheim . Meine Aufgabe ist nicht groß , einen Knaben habe ich zu unterrichten und für die Lehrgegenstände der Hochschule vorzubereiten . In diesem Hause ist es mir gut ergangen und ich habe nicht mehr nötig gehabt , mein Mittagsbrot an verschiedenen Tischen zu erbetteln . Mein Schüler Hermann , ein prächtiger , lernbegieriger Jüngling hat mich lieb gehabt . So auch seine Schwester , ein außerordentlich schönes Mädchen - ich bin von Herzen ihr Freund gewesen . Aber , wie die Zeit so hingeht , da wird mir zuweilen kindisch zumute , wird mir fortweg schwüler und unbehaglicher in dem reichen Hause . Ein wenig ungeschickt und linkisch bin ich immer gewesen - jetzund wird ' s noch ärger . Ich habe keinen festen Boden unter den Füßen und zuweilen kein rechtes Vertrauen zu mir selber . Die Leute im Hause wissen es alle , daß ich ein blutarmer Junge bin , und sie vergessen es keinen Augenblick ; sie zeigen sich gar mitleidig und selbst die Dienerschaft will mir oftmals Geschenke zustecken . Gerade mein Zögling hat Feingefühl , ist lustig und zutraulich zu mir ; und das Mädchen - o Gott , o mein Gott , das ist ein schönes , schönes Kind gewesen . Wenn ich des Abends gewandelt bin außer der Stadt und über entlegene Wiesen , oder an buschigen Lehnen hin , und es hat mir ein Blütenblatt um das Haupt getanzt , oder es ist mir eine Heuschrecke über den Fuß gehüpft , da hab ' ich oftmals bei mir gedacht , was es doch eine Glückseligkeit wäre , schön und reich zu sein . Die Zwerge von dem nahen Untersberg und den Kaiser Karl habe ich angerufen in meiner Einfalt . Heiß ist mir geworden in der Brust ; geschwärmt habe ich von » Blumen und Sternen und ihren Augen « . - Von wessen Augen ? Da schrecke ich auf - Jesus , was ist das ? Andreas , Andreas , was soll daraus werden ? - Dazumal bin ich achtzehn Jahre alt gewesen . Aus Rand und Band bin ich eines Tages zu meinem Freunde Heinrich gelaufen - hab ' ihm alles anvertraut . Heinrich hat mich sonst am besten verstanden von allen Menschen . Aber diesmal hat er mir den Rat gegeben , ich möge mich bezwingen ; es ginge fast allen jungen Leuten so wie mir , aber es ginge vorüber . - Kaum um fünf Jahre älter als ich , hat er so gesprochen . So bin ich ganz allein . Da denke ich bei mir : Gleichwohl jung an Jahren , kann ich die Sache doch auch ruhig überlegen - trutz altkluger Leute . Daß ich arm bin , das verspürt keiner so , als ich selber ; daß ich bescheidener Herkunft bin , das treibt mich , aus mir selber etwas zu machen . Recht hat er , ich werde mich bezwingen ; aber nur , wenn ich vor meinen Lehrern stehe . Ich werde meine eigenmächtig strebenden Neigungen der Weile bezähmen und mich mit Fleiß und Ausdauer der Anstalt unterwerfen . Trotz all des Unsinnes und der Ungerechtigkeit , so durchlaufen werden muß , man in ein paar Jahren Doktor , hochweiser Magister . Und hochweise Magister dürfen um Freiherrntöchter freien . Ein Mann , werde ich hintreten und um sie werben . - Noch habe ich meine Absicht in mir verschlossen ; habe mich aber mit festem Willen meinem Studium ergeben , bin unter meinen Genossen einer der ersten gewesen . Prächtig ist es vorwärts gegangen und meinem Ziele näher und näher . Schon sehe ich den Tag , an welchem ich , ein Mann von Stand und Würde , die Jungfrau freien werde . Im Hause haben sie mich alle lieb ; der Freiherr ist nicht adelsstolz und mag vielleicht gerne einen Gelehrten zum Tochtermann haben . Bin wohl in Freude und Glück gewesen . Da haben mich meine Lehrer bei der Hauptprüfung - niedergeworfen . Schnurgerade bin ich nach Hause gegangen an demselbigen Tag , bin hingetreten vor den Vater meines Zöglings : » Herr , ich habe großen Dank für Ihre Güte zu mir . Länger kann ich in Ihrem Hause nicht bleiben . « Er sieht mich sehr verwundert an und entgegnet nach einer Weile : » Was wollen Sie denn beginnen ? « » Ich muß fortgehen von dieser Stadt . « » Und wo werden Sie hingehen ? « » Das weiß ich nicht . « Der gute Mann hat mir mit ruhigen Worten gesagt , daß ich überspannt und wohl krank sein müsse . Was mir geschehen , könne auch anderen geschehen ; er wolle mich pflegen lassen , und im Frieden seines Hauses würde ich mich wieder erholen und übers Jahr die Prüfung gewiß mit Glück bestehen . Hierauf habe ich meine Absicht , fortzugehen , noch bestimmter dargetan ; ich habe es wohl gewußt , die Ursache meines Falles ist die deutsche Rede über die lateinischen Könige gewesen , und in solchen Verhältnissen würde ich eine Hauptprüfung nimmer bestehen . Heinrich hat recht gehabt . » Gut , mein eigensinniger Herr , « ist der Bescheid des Edelmannes , » ich entlasse Sie . « Bei wem soll ich mich verabschieden ? Bei meinem jungen Zögling ? Bei der Jungfrau ? Herrgott , führe mich nicht in Versuchung ! Sie ist noch gar so jung . Sie hat mich freundlich und heiter entlassen . Ein Schlucker geht davon , ein gemachter Mann kehrt wieder zurück . Mehr Trotz als Mut ist in mir gewesen . Meine alte Muhme habe ich noch besucht . Jetzund , wie ich nicht mehr im feinen Frack , sondern in einem groben Zwilchrock vor ihr stehe und ihr meinen Entschluß sage , daß ich fort ginge , fort , vielleicht zur Rechten , vielleicht zur Linken hin - - da hat nicht viel gefehlt , daß ich wieder die ausdrucksvolle Bezeichnung bekomme . » Nein , « ruft sie , » nein , aber du bist ein - ein - recht absonderlicher Mensch ! Da ist er schier ein braver , rechtschaffener Mann gewesen , und jetzt - ach , geh ' mir weiter ! « Sie ist meine einzige Verwandte auf der Welt . Zu Heinrich bin ich endlich gegangen : » Ich danke dir zu tausendmal für deine Lieb ' , du getreuer Freund , wie tut es mir weh , daß ich sie dir nicht lohnen kann . Du weißt , was geschehen ist . Wie du mich hier siehst , so gehe ich davon . Habe ich etwas Bedeutendes vollbracht , so werde ich wiederkehren und dir vergelten . « Es ist mir nicht mehr erinnerlich , ob ich ihm von ihr auch noch was gesagt habe . Jung , sehr jung bin ich freilich gewesen , als ich meinen Fuß hab ' in die weite Welt gesetzt . Heinrich hat mich eine weite Strecke begleitet . Am Scheidewege hat er mich gezwungen , seine Barschaft anzunehmen . Brust an Brust haben wir uns ewige Treue gelobt , dann sind wir geschieden . O , Heinrich ! du goldgetreues Herz , du hast es gut mit mir gehalten . Und wie habe ich es dir gelohnt , mein Heinrich , mein Heinrich ! .... Die Sonne geht von Morgen gegen Abend ; sie hat mir meinen Weg gewiesen . » Ade , Welt , ich gehe nach Tirol ! « hab ich gesagt ; im Tirolerland tun sich jetzund die Leut ' zusammen gegen den Feind . Der Höllenmensch Bonaparte führt die Franzosen ein , will uns das Vaterland zertreten ganz und gar . Nach etlichen Tagen steig ' ich zu Innsbruck die Burgtreppen hinan . » Mit dem Andreas Hofer will ich reden ! « sag ' ich zum Torwart . » Wer wehrt dir ' s denn ! « sagt der und stößt seinen Spieß auf den Marmelstein , daß es gerade klingt . Ich geh ' durch der Zimmer dreie oder vier , eines vornehmer wie das andere ; große Spiegel an den Wänden , güldene Kronleuchter an den Decken , und gar der Fußboden glänzt , wo nicht bunte Webematten gebreitet sind , wie Glas und Edelholz . Bauernbursche gehen aus und ein , singen , pfeifen , poltern , rauchen Tabak und sind in Alpentracht von den derben Nägelschuhen bis hinauf zu dem spitzen Hahnenfederhut . Letztlich stehe ich in einer großen Stube ; sitzen ein paar bäuerliche Männer am Schreibtisch , ein paar andere stehen daneben , laden ihre großen Pfeifen mit Tabak , halten bayerische Geldnoten über eine brennende Kerze und zünden sich damit das Rauchzeug an . » Will mit dem Andreas Hofer sprechen , « sage ich . Sollt ' warten , heißt ' s , er tät gerad ' regieren . Ich stelle mich an . Allerhand Leute gehen aus und ein . Ein junges Menschenpaar ist mir noch im Kopf , das ist arg verzagt , wie es eintreten soll . » Daß sie uns gerad erwischt haben müssen ! « knirscht der Bursche der Maid zu , » desweg sag ' ich ja allemal : nur in keiner Hütten nit ! « » Ach , leider Gottes ! « sagt sie , » und jetzt setzen sie uns den Strohkranz auf oder tun uns was anderes an , daß wir uns nimmer haben können . Der Sandwirt ist so viel gestreng . « Sie werden vorgerufen . Da höre ich drinnen aufbegehren : » Luderei leid ' ich keine ! Wer seid ' s denn ? « - Der und die . - » Seid ' s nit etwan blutsverwandt ? « - » Ah , das nit . « - Habt ' s euch wirklich gern ? « » Freilich wohl . « - » Auf der Stell ' z ' sammheiraten ! « Ich habe meiner Tage nicht so viel lustige Gesichter gesehen , als die gewesen , womit das junge Menschenpaar jetzund ist heraus und davongelaufen . Die sind arm allzwei , und dennoch geht ' s so leicht . Nun komme ich daran . Da steht ein Mann in Hemdärmeln mit einem großmächtigen Vollbart auf : » Was willst denn ? « » Ich will zur Wehr gehen ! « Der bärtige Mann - es ist der Hofer über und über - schaut mich an und nicht allzu laut sagt er : » Bist gleichwohl noch recht jung . Hast Vater und Mutter ? « » Nimmermehr . « » Bist vom Land Tirol ? « » Nicht , aber gleich von der Nachbarschaft her . « » Wohl ein Studiosus ? Willst Geistlich werden ? « » Zur Wehr möcht ' ich gehen und fürs Vaterland streiten . « Nun greift er in den Ledergurt , zieht Silbergeld heraus , legt ' s auf den Tisch : Da , Bursche ,