umschichtig mit gar verwunderlichen Ungeheuern , die aus weitgeöffnetem Rachen ein spindeldünnes Wasserfädchen sprühen ließen . Die kleine Hardine klammerte sich zitternd an den Vater , sooft sie eine dieser Kunstgestalten lugen sah ; dem Vater aber , der in fremden Landen an mancher verwandten Anlage vorübergekommen sein mochte , ohne sie zu beachten , dem Vater erschien sie hier in seiner Erbheimat schier zur Beunruhigung großartig und imponierend . Als er sich dem Schlosse näherte , sah er die reichgeputzte und uniformierte Gesellschaft die Terrasse herabsteigen , um sich lustwandelnd im Garten zu zerstreuen . Zum erstenmal schämte sich der Wachtmeister der Legion des geschwärzten , zerfetzten Mantels von Waterloo . Er bog aus der großen Allee nach den Heckenwegen ein und gelangte so unbemerkt in einen der Laubengänge von vergoldetem Gitterwerk , welche zu beiden Seiten die Terrasse hinanführten . In diesem halbdunklen Versteck wollte er warten , bis die heranrollenden Equipagen die letzten Gäste entführt haben würden , und dann frischen Muts vor Fräulein Hardine treten . So langsam er voranschritt , das Zittern seiner Glieder , die Beklemmung des Atems nahmen zu . Es kochte etwas in seiner Brust , als ob eine der alten Wunden sich geöffnet habe . Er schlug mit der Faust gegen das hämmernde Herz und mußte eine Lehne suchen , als er jetzt am Ausgang des Berceau nach dem Schlosse blickte , dessen hohe Fenster und Spiegeltüren nach der Terrasse geöffnet standen . Alte , goldbordierte Diener , noch gepudert , gingen gravitätisch hin und wieder , auf silbernen Platten den Kaffee servierend ; andere räumten das funkelnde Gerät und die leckeren Reste von der Tafel im großen Speisesaale des Parterre . Wie die Adern des armen Vagabunden schwollen , wie fieberisch seine Augen leuchteten vor diesem nie geschauten Bilde der Fülle und der Pracht ! Nach und nach hatte sich die Terrasse von Gästen und Dienern geleert . Nur noch ein einziges Paar schritt langsam von der entgegengesetzten Seite her der Laube zu , in welcher der Invalid atemlos lauschte . Ein stattlicher Herr in hoher Beamtenuniform , einen Stern auf derselben ; an seiner Seite mit majestätischem Anstand eine Dame von gleicher Größe wie er selbst und auf der Brust den Orden , welcher für die Patriotinnen des Befreiungskrieges so sinnvoll gestiftet worden war . Reiches Geschmeide funkelte unter der Spitzenumhüllung des gegen die Mode der Zeit faltigen , schleppenden Gewandes , und die Strahlen der sinkenden Sonne spiegelten sich in einem Diadem über dem vollen , schwarzen Haar . Der Herr sprach mit Eifer , ernst und gedankenvoll hörte die Dame zu . In der Nähe des Laubenganges stand sie still . Sie schien eine Antwort zu suchen , legte den Arm auf eine Vase , in welcher eine Aloe ein verkümmertes Uralter fristete , und wendete bei dieser Bewegung das volle Gesicht dem heimlichen Lauscher zu . Alle Vorsätze der Zurückhaltung , alle beklemmende Scheu waren jählings verschwunden . » Fräulein Hardine ! « schrie er auf . » Sie ist es ! ja , das ist Fräulein Hardine ! « Er stürzte aus der Laube und mit ausgestreckter Hand der Dame entgegen . So haben wir denn das , was wir zu Anfang ein Geheimnis genannt , nebelartig aus losen Erinnerungen , gleichsam aus dem Hauche eines Namens aufsteigen und sich in vorlauten , eigennützigen Deutungen immer dichter und dichter herandrängen sehen , bis es als eine drohende Wetterwolke über dem Haupte Fräulein Hardines hing . Über dem Haupte einer Frau , die wir als die Schöpferin unseres heimatlichen Wohlstandes verehrten , die in ihre mit männlicher Kraft und Ausdauer gegründete junge Kolonie den Wahrspruch ihres Hauses : » In Recht und Ehren « eingepflanzt und sie vor jeder entsittlichenden Berührung gehütet hatte , einem Spiegel gleich , den der leiseste Moderhauch trübt . Und wir Reckenburger Leute hatten sie gekannt fast noch als ein Kind ; ihr Leben lag vor uns durchsichtig und eben wie ein Kristall . Da war kein Schatten , keine Lücke , ja nicht einmal eine gemütliche Regung , welche eine Heimlichkeit hätte ahnen lassen . Der Wechsel unserer beiden letzten Herrinnen , der gespenstischen Urgreisin im Goldturme , mit deren Beschwörung wohl heute noch die Mütter ihre Kinder zur Ruhe scheuchen , und der im fünfzigsten Jahre noch frisch und kräftig , fast wie im fünfzehnten , ausschauenden und schaffenden Hardine glich dem des Tages mit der Nacht . So stand sie vor hoch und gering ehrenreich und ehrenrein wie keine zweite ; so stand sie im Kreise der Notabeln ihrer Gegend , an der Seite des Mannes , der für ihren einzigen Vertrauten galt , und den man neuerdings vielfach den Erkorenen für ihr freies Erbe nannte , als ein landstreichender Bettler , der erste seiner Art , der ihr Gehege zu betreten wagte , sich zu einer Bezichtigung , zu einer Anforderung an sie erdreistete , vor welcher das niedrigste Weib in Scham und Zorn entbrannt sein würde . Die Unterredung mit dem Grafen , ihrem Begleiter , schien ihre Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch genommen zu haben , daß sie das Nahen der beiden Fremdlinge nicht früher bemerkte , bis August Müller dicht zu ihren Füßen ihren Namen rief . In seinem verwilderten Zustande , mit allen Anzeichen des Trunkenbolds , war der erste Eindruck der des Widerwillens und der Entrüstung . » Fort ! « befahl sie , indem sie einen Diener herbeiwinkte , den Eindringling zurückzutreiben . » Fort ? « rief der Invalid , bis jetzt noch aufgeräumten Humors ; » fort weisen Sie mich , Fräulein Hardine ? Sie erkennen mich wohl nicht , und ich erkannte Sie doch auf den ersten Blick , wenngleich Sie vor zwanzig Jahren noch keine Krone getragen haben . « Er war während dieser Worte die Stufen hinangestiegen und faßte nun dreist nach der Dame Hand . Unbillig wehrte sie mit beiden Armen den Zudringlichen ab , während mehrere Diener herbeisprangen , die Gäste aus dem Garten sich nach der Terrasse drängten und der Graf eine Bewegung machte , den wüsten Gesellen die Treppe hinabzuwerfen . War es nun infolge des Rausches , der vorigen Schwäche oder bloß der kräftigen Abwehr der Reckenburgerin , genug , der Mann taumelte und stürzte die Stufen hinab , eine Blutspur zeigte sich am Boden , der verwitterte Mantel entfiel ihm , das militärische Ehrenzeichen , der Stumpf des Armes wurden sichtbar ; Fräulein Hardine erbleichte . Die leichte Verletzung hatte den Berauschten plötzlich ernüchtert . Er richtete sich rasch in die Höhe und stand einen Moment in drohendem Trotz mit geballter Faust der Dame Aug in Auge . Dann ließ er den Arm sinken und sprach mit einem Stolz , der sich seltsam gegen die vorige Roheit abhob : » Es ist nicht das erste Mal , Fräulein Hardine , daß Sie Ihre Hand gegen mich erhoben haben ; aber Gott sei mein Zeuge , es ist das letzte Mal , Sie werden August Müller nicht wiedersehen . Ich hätte es mir ja denken können , daß einer , dessen Dasein in einem Waisenhause verborgen worden ist , nun , da das Elend ihn treibt , für sein mutterloses Kind eine Freistatt zu suchen , von der Schwelle Ihres stolzen Hauses wie ein Verbrecher verjagt werden würde . « Die Blicke der sprachlosen Dame fielen während dieser Schmährede auf das Kind , das hinter dem Vater drein bis dicht in ihre Nähe geschlichen und jetzt von einer Gruppe mitleidiger oder neugieriger Gäste umringt worden war . » Wie heißt du ? « fragte eine Dame . » Hardine , « murmelte die Kleine . Es folgte noch eine weitere Examination , auf welche sie mit stumpfsinniger Gleichgültigkeit den Kopf schüttelte . Endlich : » Was wollt ihr , wen sucht ihr hier ? « » Meine Großmutter Hardine , « sagte das Kind . Auch das hörte das stolze Fräulein mit an ; sie sah die verblüfften Mienen der hohen Gesellschaft und - sie schwieg . Sie schien wie erstarrt oder in ferne Erinnerungen verloren . » Schweig , Hardine ! « herrschte jetzt der Invalid seine Tochter an , indem er sie mit Gewalt aus der Gruppe zog . » Schweig und komm ! Gott ist ein Vater der Waisen . Es wird anderwärts barmherzigere Seelen geben . « Damit wendete er sich zum Gehen . Nach ein paar Schritten aber sah man einen bleifarbenen Schatten über seine Züge fliegen . Er schauderte und klammerte sich zitternd an das Laubengitter . Auf einen Wink des Fräuleins eilte der Prediger ihm zu Hilfe ; sein Sohn , der uns schon bekannte Gymnasiast , sprang zwischen den Hecken hervor und nahm die kleine Hardine an seine Hand . Auch der Graf folgte ihnen in merklicher Bestürzung . Sie verschwanden im Laubengang . Fräulein Hardine aber wendete sich mit verstörten Mienen , ohne ihre Gäste zu beachten , ihrem Schlosse zu . Wie möchten wir nun aber bei diesem Betragen der stets so gehaltenen , selbstbewußten Dame die Stimmung der verlassenen Gesellschaft zu beschreiben wagen ? Ein Teil , und sicherlich der klügste , bestieg ohne Abschied die bereits vorgefahrenen Wagen . Andere entblödeten sich nicht , in der eigenen Umhegung der Festgeberin den am Nachmittag in der Schenke gesammelten Erläuterungen ihrer Dienerschaft Gehör zu geben . Der Rest schlenderte in den Gartenwegen auf und ab , ein Wiedererscheinen der Dame oder die Lösung des Rätsels erwartend . Nach kurzer Zeit kehrte Ludwig Nordheim atemlos zurück , um den Kreisphysikus , der sich unter den Gästen befand , zu dem in der Schenke plötzlich erkrankten Fremdling zu holen . Später kam der Prediger mit dem Grafen , der letztere mit dem Ausdruck der stärksten Empörung . » Der Säuferwahnsinn ist bei dem Vagabunden ausgebrochen , « antwortete er auf die Fragen der ihn umringenden Bekannten . Der Prediger zuckte schweigend die Achseln . Beide begaben sich nach dem Schlosse . Wenige Minuten später eilte von dorther ein Diener nach der Schenke ; bald darauf folgte ihm der Prediger . Man erfuhr , daß das Fräulein die sorgfältigste Pflege für den Kranken befohlen habe , auch dessen Übersiedelung nach dem Schlosse wünsche , falls der Arzt dieselbe für zulässig halte . Noch hatte man nicht dazu kommen können , sein Erstaunen über diese Weisung auszusprechen , als der Graf aus dem Portale trat , leichenblaß , in heftigster Aufregung an der Unterlippe nagend . Ohne ein aufklärendes Wort zu gewähren , bestieg er den bereithaltenden Wagen und jagte von dannen . Auch den letzten Gästen schien jetzt der Aufbruch geboten . Kaum eine Stunde nach der aufregenden Begegnung war es in der Umhegung der Reckenburg so still wie alle Tage . Am anderen Morgen jedoch kehrten etliche der gestrigen Gäste - wohlzumerken der Graf nicht unter ihnen - zurück , um aus reinstem Wohlwollen , wie sich von selbst versteht , Erkundigungen über das Befinden der Dame und des rätselhaften Fremden einzuziehen . Der letztere lag noch in der Schenke , schwer krank , aber nicht am Säuferwahnsinn , sondern an einer Lungenentzündung , wie der Doktor erklärte . Fräulein Hardine war verreist . Sie , die Stetige in ihrem Revier , die man nie , außer zu einer Visite in der Nachbarschaft , und immer nur in der sagenhaften goldenen Kutsche und dem schier unsterblichen Schimmelzug , zwei gepuderte Heiducken auf dem Trittbrett - sämtlich Erbstücke der schwarzen Gräfin - , sich aus der Reckenburger Flur hatte entfernen sehen , sie war diese Nacht ohne Dienerschaft im leichten Jagdwagen bis zur nächsten Station und von da mit Kurierpferden weitergefahren . Trotz der emsigsten Nachforschungen hat niemand erfahren können , wohin oder zu welchem Zweck . Als sie nach zwei Tagen auf dieselbe heimliche Weise zurückkehrte , war ihr erster Gang in die Schenke an das Krankenbett August Müllers . So befremdend dieses Gebaren war , es lag im Grunde noch nichts darin , was ein so makelloses Ansehen , wie Fräulein Hardines , hätte trüben dürfen . Sie gab durch dasselbe zu , daß August Müllers Erinnerungen richtig waren , aber den Schluß , den eine begehrliche Natur daraus gezogen hatte , er konnte , nein , er mußte ein irriger sein . Fräulein Hardine hatte niemals für eine Samariterin gelten wollen , und wir wissen es schon , sie galt auch nicht dafür . Aber wäre es selber für Fräulein Hardine etwas Unnatürliches gewesen , eine hilflose Waise in einer öffentlichen Anstalt zu versorgen und zu überwachen ? Oder wäre , selber für Fräulein Hardine , eine mitleidige , vielleicht vorwurfsvolle Erschütterung so schwer zu begreifen , wenn ein Schützling aus der Jugendzeit ihr im Alter plötzlich als eine untergegangene Kreatur gegenübertritt ? Sie brauchte nur einen Namen zu nennen , nur die Herkunft des Waisenknaben zu erklären , und der Sturm im Wasserglase legte sich . Aber Fräulein Hardine nannte diesen Namen , gab diese Erklärung nicht . Die guten Freunde schmachteten nach dem Labsal eines Wortes - aus reinster Sorge für Ruf und Ruhe der edlen Dame , wie sich wiederum von selbst versteht - , und sie gewährte dieses Labsal nicht . Fürwahr , Fräulein Hardine war keine mitleidige Natur , nicht einmal gegen sich selbst . Weder jetzt noch später hat sie der verhängnisvollen Begegnung am Königsfeste gegen irgendeinen Menschen erwähnt . Nach vielen Jahren jedoch und für einen bestimmten Zweck , richtiger , für eine bestimmte Person , hat sie ihren Lebenslauf niedergeschrieben und darin ihr » Geheimnis « , wie sie es selbst genannt , enthüllt . Sie hat es sichtlich mit Lust und Liebe , sogar in heiterer Anordnung getan , und möchten wir uns nicht irren , wenn wir bei Veröffentlichung dieser Bekenntnisse auf den Anteil auch eines weiteren Kreises als den ihrer einstigen Lebensgenossen zu rechnen wagen . Denn ist es auch ein etwas altväterisches Charakter-und Sittenbild , das wir vor dem Leser entrollen , aus seinen Zügen spricht eine Wahrheit , die keiner Zeit und Mode unterworfen ist . Ja , Gottes Wege sind wunderbar , auch die zu den Herzen der Menschen ! Mein Geheimnis Erstes Kapitel Die Rose und ihr Blatt Die Reichtümer der Reckenburg lagen meiner Wiege so fern wie die Goldminen von Peru , und die letzten der » weißen « freiherrlichen Linie waren nicht die begehrlichen Abenteurer , die um schnöden Mammons willen sich in das Bereich der » schwarzen « Häuptlingin ihres Stammes gewagt haben würden . Sie hatten seit Generationen eine Zuflucht gefunden , welche die adelige Armut ehrenvoll deckte , und sich unter der Fahne wohl und zufrieden gefühlt . - Keiner jedoch wohler und zufriedener als der Allerletzte in ihrer Reihe , der schon als Leutnant ein Bäschen gefreit hatte , auch von den » Weißen « , arm und ahnenrein wie er selbst . Eberhard und Adelheid von Reckenburg waren geschwisterlich nebeneinander aufgewachsen , und ich zweifle , daß in irgendeinem Stadium ihrer Bekanntschaft das große Wort Liebe zwischen ihnen gewechselt worden sei . Große Worte sowenig wie kleine Zärtlichkeiten waren Reckenburgscher Habitus ; aus welcher Bemerkung indessen keineswegs gefolgert werden soll , daß die Leute nicht tief im Herzensgrunde einander angehangen hätten . Ich wüßte im Gegenteil mir kaum einen glücklicheren Ehebund vorzustellen als den , in welchem Eberhard und Adelheid sich länger als dreißig Jahre in einmütigem Pulsschlag ergänzten und trugen . Er : groß , rot , robust ; wie er sich selber nannte : » ein Ursachse « , den ein neckischer Kobold unter die leichte Reiterei gewürfelt hatte . Sie : klein , fein , blaß und behende . Er : gutmütig , sorglos , gelassen , bereit , die Dinge , sobald sie ihm zu ernsthast wurden , mit einem Scherzwort abzufertigen . Sie : bedachtsam , klug , praktisch und darum , zu allseitiger Befriedigung , der Souffleur und heimliche Maschinist der häuslichen Bühne . Beide : Ehren-und Edelleute vom Scheitel zur Zeh . Daß Heldin und Schreiberin dieser Geschichte , das einzige Kind des glücklichen Paares , körperlich nach der Struktur des Vaters , geistig mehr nach der Mutter geschlagen ist , wird aus ihrem Lebensbaue zu ersehen sein . Ich erhielt den Namen Eberhardine , wie einst der Vater schon den seinigen erhalten hatte , zu Ehren des gräflichen Familienoberhauptes . Beide Generationen per procura und ohne daß Verleiher und Empfänger sich jemals mit Augen gesehen hätten . Da der hohen Patin hinwiederum aber ihr Name durch die kurfürstliche Eberhardine eingebunden worden war , durch jene Hohenzollerin , welche ihrem starken August und der polnischen Königskrone zum Trotz ihre Tugend und protestantische Treue zu behaupten wußte , so bin ich der unmaßgeblichen Meinung , daß eine Ader dieser ausländischen Zähigkeit , per procura des Taufregisters , sich auf die sächsische Patenfolge in weiblicher Linie vererbt haben mag . Das königlich-kurfürstliche Namenserbe hingegen wurde für einen Leutnantshaushalt zu großartig befunden . Der Papa strich die » ungeschlachte Bestie « am Anfang , und auch die Tochter hat sich , ex officio , späterhin gern mit der Hardine begnügt , wenngleich sie der Sanktion des Kalenders entbehrte . Das junge Ehepaar hatte seinen Haushalt gegründet - notabene : in der Teuerungsnot der siebenziger Jahre - mit einer Monatsgage von zwölf Talern und einem Lehnstamm ungefähr des nämlichen Betrages . So weit jedoch meine eigenen Erinnerungen reichen , führte der Vater die Schwadron , ein Posten , der für manchen seinesgleichen die Revenuen eines Rittergutes abwarf und von just nicht Ehrsüchtigen den Majorsepauletten vorgezogen ward . Da der Rittmeister von Reckenburg aber ein Mann war , der nicht mit Zopfbändern zu knausern verstand und jeden Hufbeschlag für eine Gewissenssache hielt , so hütete sich seine » Hausehre « , das wirtschaftliche Budget nach Maßstab der Charge zu erhöhen . Bei aller Verwaltungsweisheit brachte sie sich indessen wenig auf einen grünen Zweig , wenn schon ein ruinierendes Zelt- und Wandervogelleben das des Soldaten in jenen kurfürstlichen Zeiten nicht genannt werden kann . Der Vater stand während seines langen Fahnendienstes bei dem nämlichen Regiment und mit demselben in der nämlichen Garnison . Wir hatten in unserem Landstädtchen heimatlich Wurzel geschlagen und achteten es als Gewinn für die häusliche Gemächlichkeit , daß ein Nebenzweig des Kurhauses , der bisher im Orte residiert hatte , seit kurzem erloschen war , obligatorische Standespflichten nach obenhin unseren Tageslauf sonach nicht regulierten . Dahingegen erfreuten wir uns mancher glanzvollen Erinnerung an jene herzogliche Zeit . Auf der Höhe ragte , wenn auch unbewohnt , das reich ausgestattete Schloß , dessen Terrassen , Weinberge und Gärten sich bis in die Bürgerhöfe hinabzogen und angenehme Erholungsplätze boten . Wir besaßen noch eine verwitwete Frau Hofmarschallin , einen pensionierten Hofjunker , einen Titular-Hofjägermeister , Hofschneider , Hofprediger und eine Hofkellerei . Die letztere sogar in unmittelbarer Nachbarschaft . Ein Faßbinder , namens Müller , hatte sie samt der Schankgerechtigkeit in und außer dem Schloßpavillon erpachtet , und so konnten wir uns in Haus und Garten an den Bacchanalien unserer Mitbürger ergötzen oder über sie entrüsten , je nach Stimmung und Gelegenheit . Auch das Haus , in welchem meine Eltern vom Traualtar bis zum Grabesrande geheimst haben , rühmte sich eines fürstlichen Ursprungs . Ein weiland Herzog hatte es für seinen Leibbader , vulgo Barbier , anlegen lassen , war aber des Todes verblichen , bevor er über den Unterstock hinausgelangte . Der Posten eines Leibbaders wurde von dem neuen Hofhalte und die Beletage von dem Bauplane gestrichen . Der Dachstuhl senkte sich unmittelbar auf das Erdgeschoß , wurde aber , nach Bedürfnis späterer Geschlechter , Stockwerk um Stockwerk erhöht , bis schließlich die Haube dreimal so hoch war wie das Gestell . Wie freut es mich heute , meine Freunde , Euch just in diese naturwüchsige Heimstätte einführen zu können . Denn nichts erfrischt so die Eintönigkeit des Alters wie eine Kuriosität aus unserer frühesten Zeit . » Der Mops mit der Zipfelmütze « steht vor meinen Augen gleich einem lebendigen Geschöpf ; was aber würde ich Euch aus einer glatten , residenzlichen Zimmerflucht zu beschreiben haben ? Man nannte das Haus die Baderei oder auch die Faberei , denn es war samt der Kunst des Erbauers in dessen Nachkommenschaft fortgeerbt , und » Faber « , so hieß jener vom Hofstaat gestrichene Leibbarbier , an dessen allerhöchstes Amt noch das Pförtchen erinnerte , das von unserer Gartenterrasse auf das Schloßplateau führte . Dieses Haus nebst Pertinenzien war nun gegen dreißig Laubtaler Jahresmiete der Familie von Reckenburg so gut wie ein selbstherrliches Bereich . Meister Faber , ein Witmann , rastete wenig daheim . Seine Scherstube , im bewohnbaren oberen Dachgeschoß , grenzte an das Zimmerchen , das mir von früh ab privatim eingeräumt worden war , und die drei anlockenden Messingbecken klapperten im Winde und funkelten im Sonnenschein zwischen der uns trennenden Fensterwand . In den Kammern über unseren Häuptern nächtigte Reckenburgs Dienerschaft : will sagen die Magd und der Soldatenbursche , der ein für allemal » Purzel « hieß . Höher hinauf türmten sich Vorrats-und Futterspeicher , Trockenboden , Rauchkammer und so weiter und so weiter . Nun aber der fürstliche Grundbau im Parterre . De plein pied aus der Torfahrt , welche die Hälfte einnahm , trat man in das geräumige , gelb getünchte Familienzimmer ; aus diesem in die Schlaf- und vertrauliche Ratskammer des ehelichen Konsortiums . Hinter beiden lagen die Küche und das Bureau der Schwadron . Das waren die freiherrlichen Appartements ! Zwischen dem Raum und seiner Füllung aber welche stilvolle Harmonie ! Das hochbeinige Kanapee mit dem blaugewürfelten Leinenbezug , eigenhändig von Frau Adelheid gesponnen , die dito Gardinen , der große eichene Ausziehtisch und der lederne Ohrenstuhl , in welchem der Hausherr sein Mittagsschläfchen hielt , das mütterliche Spinnrad und die roh gezimmerte Hütsche ; in der Hölle , hinter dem Ungeheuer von grünen Kacheln , der Waschtisch , an welchem die Familie nach dem Essen sich die Hände spülte , darüber , als Draperie , die selbstgesponnene , blitzblanke Quehle - Kinder , seht sie mit Ehren an , die alten Stücke in Reckenburgs neuem Turm : es waren gute Menschen , welche sich zwischen ihnen glücklich fühlten ! Und nun das Kleinzeug der Haushaltung : das braune Kaffeegeschirr und das Tafelservice von Zinn ; die Messingleuchter mit der tiefschnuppigen Unschlittkerze , die kupferne Feuerkieke , welche Ehren-Purzel seiner gnädigen Frau Sonntags auf dem Kirchgange nachtrug ; - Euch , Menschen von heute , dünken diese Gerätschaften wohl wie Rudera aus einem Hünengrabe ; aber fragt einen ergrauten Junggesellen , eine arme alte Jungfer , die für kein Tändelwerk in einer Kinderstube zu sorgen haben , fragt sie , wie es tut , wenn solch rücklaufendes Fädchen aus dem Netze ihrer Gewohnheiten gerissen wird ? Was würden jedoch diese einfachen Umgebungen bedeuten ohne die gelassene Grandezza , mit welcher die Bewohner sich in denselben bewegten ? Nichts für ungut , meine jungen Freunde , aber das Bewußtsein reinen Bluts verlieh einen Duktus , welchen die Matadore der Comptoirs und Bureaus größtenteils noch erlernen müssen , und welchen die der zweiunddreißig Quartiere erst verlernten , wenn die Manier des Höflingslebens sie beleckt hatte . Bei Eberhard und Adelheid von Reckenburg mögt Ihr in die Schule gehen , wollt Ihr gehobenen Hauptes und ohne Schwanken , wie jeder brave Mensch es soll , vor hoch und gering im Takte schreiten . Wenn die Freifrau von Reckenburg sich nach der Post begab , um ein durchreisendes Mitglied ihres Fürstenhauses zu begrüßen , in der nämlichen Robe , in welcher sie als blutjunges Fräulein demselben hohen Haupte präsentiert worden war , so schritt sie , beugte sich und redete , bei aller Ehrfurcht , selber wie eine Kurfürstin , denn sie wußte ihre Ahnenreihe so alt und rein wie die des Hauses Wettin . Wenn die Gemahlin des vielschröpfenden Herrn Amtmanns oder die des reichsalarierten Oberforstmeisters in eigener Karosse , Kammerdiener oder Jäger auf dem Trittbrett , zur Visite vorfuhren , so ging sie denselben in ihrer getünchten Wohnstube , mit der Quehle im Ofenwinkel , eher einen Schritt weniger entgegen und machte ihre Reverenz eher eine Linie weniger tief , als jene Damen es taten , sobald sie in deren Prunkzimmern zur Gegenvisite empfangen ward , denn die reiche Amtmännin war gar nicht und die andere von neuerem Adel als die Freifrau von Reckenburg . Die Freifrau von Reckenburg erwiderte ohne Beschämung die genußwechselnden Gelage der Honoratiores alle Jahre nur ein einziges Mal mit einem Schälchen Kaffee , stark mit Mohrrüben versetzt , und der Rittmeister von Reckenburg stängelte die Bohnen seines Gartenbeets , unbekümmert , ob die Gäste des Nachbar Kellerwirts des häuslichen Treibens Zeuge waren . Der Rittmeister von Reckenburg , die kurze Tonpfeife im Mund und vor sich den irdenen Deckelkrug selbstgefüllten Dünnbiers , wenn er an langen Winterabenden die Äpfelschnitzel auf Fäden reihte , welche » sein Frauenzimmer « geschält hatte , ließ sich durch eine Meldung oder einen späten Besuch so wenig beirren , als wenn er seine Husaren im Parademarsch einem Generalissimus vorführte . Tut desgleichen mit der nämlichen Manier , und die zweiunddreißig oder gar vierundsechzig Quartiere der Reckenburger werden ein Sparren oder eine Seifenblase geworden sein . Zu meiner Zeit und in unserem Landstädtchen mit den Reliquien des erloschenen Herzogszweigs waren sie aber weder ein Sparren noch eine Seifenblase , sondern ein zuverlässiges Postamt , auf welchem man , auch in den Bewegungen nach unten hin , heute sich wohlgemut eine patriarchalische Mischung gestatten durfte und morgen ohne Ärgernis eine kastische Grenze zog . Nicht dem wohlhäbigsten Kaufmann oder Gewerbtreibenden würde es eingefallen sein , sich in die adlige Sozietät zu drängen , welche sich Donnerstags nachmittags in des Kellermeisters erpachtetem Schloßgarten versammelte . Nicht die freudenarmste und töchterreichste adlige Witib würde in der bürgerlichen Gesellschaft , die sich Montags unter den nämlichen Lauben ergötzte , eine frohe Stunde oder gar einen Freier für ihre Fräulein gesucht haben . Die bürgerlichen Honoratioren : Beamte , Prediger , Ärzte , gehörten zwar beiden Reunionen an , ohne jedoch eine Kette zwischen ihnen zu bilden und ohne von den Donnerstäglern anders als unvermeidliche Füllung betrachtet zu werden . Geschmack und Bildung waren wesentlich die nämlichen , und so konnte das Unterhaltungsmaterial Donnerstags wie Montags auch nur das nämliche sein . Die Herren kegelten , kannegießerten , spielten - meist mit deutschen - Karten und schlürften des Kellermeisters saures Landgewächs ; das schöne Geschlecht strickte , tunkte selbstgebackenes Kuchenwerk in einen dünnen Milchkaffee und glossierte ; die Montägler über die Donnerstägler und vice versa . An Winterabenden wurde von der Jugend im Pavillon Pfänder gespielt und gelegentlich getanzt . Dahingegen saßen wir in der Dämmerstunde aller übrigen Tage nicht abgesondert in unseren Gärten hinter dem Haus , sondern nachbarlich beieinander auf der Bank vor der Straßentür . Die Männer , bürgerlich und adlig , Militär und Zivil , spazierten schmauchend auf und nieder , die Frauen plauderten hinüber und herüber , riefen die Vorübergehenden an , rückten zusammen , prüften ihr gegenseitiges Gespinst oder Gestrick und ließen eine die andere von ihrem Abendbrot kosten , wobei denn nicht verhehlt werden soll , daß wir und unseresgleichen die saftigeren Bissen gekostet haben mögen . Auch gab es keine Schlachtschüssel , kein Festgebäck , keine Wein- und Obsternte bei dem Nachbar Kellermeister hüben und dem Nachbar Tuchmacher drüben , daß die gnädige Frau Rittmeisterin nicht honoris causa ein Pröbchen zum Schmecken erhalten hätte . Die gnädige Frau Rittmeisterin bedankte sich durch einen schönen Empfehl , rühmte auch gelegentlich die wohlschmeckende Darbietung , daß sie dieselbe aber von ihrer eigenen Schlachtschüssel oder von ihrem eigenen Christwecken erwidert hätte , wüßte ich nicht zu berichten . Unter derlei Anschauungen war ich in die Jahre gekommen , in welchen die Pflicht für einen standesmäßigen Unterricht ernsthaft in Betracht gezogen werden mußte . Da eine Französin , will sagen Gouvernante , mit der Ökonomie des Hauses sich nicht vertragen haben würde , hatte die fürsorgliche Mama bereits von der Wiege ab in dem Hauptstücke einer guten Edukation vorgebaut : sie sprach stets nur Französisch mit mir und lehrte mich in der Folge auch die Grammatik , die sie korrekter innehatte als die der Muttersprache . Für das , was außerdem zu lehren übrigblieb , wurde in meinem achten Jahre ein Hofmeister engagiert , brühwarm vom Seminar , sanft und zärtlich wie sein Name : Christlieb Taube . Sieben Jahre lang hat dieser Musterjüngling sich buchstäblich ausgerungen , um der ihm anvertrauten Schülerin auch nicht ein Tröpfchen des kürzlich eingesaugten edlen Stoffes vorzuenthalten ; er hat nebenbei im Bureau der Schwadron - zu » seiner Übung « - manche Korrektur und manchen Rechnungsplan ausgeführt , in welchen Obliegenheiten der Rittmeister von Reckenburg sich nicht immer als ein Held ohne Fehl erwies ; er hat - » zu seiner Unterhaltung « - den Hausgarten in seine Pflege genommen und auf der Terrasse eine Weinhütte angelegt , auch eigenhändig die weißen Wände seines Kämmerchens , zwischen dem der Magd und des Burschen Purzel , mit Gewinden von Rosen und Vergißmeinnicht ausgemalt ; er hat demnach Nutzen gestiftet und Schaden verhütet , wie so leicht kein zweiter für fünfundzwanzig Laubtaler Salär . Er hat mir späterhin einen Beweis der rührendsten Freundestreue gegeben und bei alledem noch kürzlich in seinem letzten Briefe » die Schüler- mehr denn Lehrerjahre in diesem humanen Edelhause als die glückseligsten in seinem glückseligen Leben « gerühmt . Dank und Ehre daher meinem glückseligen Hofmeister Christlieb Taube ! Da die Einseligkeit in der Schulstube von der Mama nicht für schicklich und von dem Papa für allzu langweilig erklärt worden war , hatte sich die Wahl einer Studiengenossin in Nachbar Kellermeisters Dörtchen , schon bisher meiner ausschließlichen Spielkameradin , von selbst ergeben . Es war dies auch eine von den erlaubten Herablassungen zu den unteren Ständen , da ja selbst an Fürstenhöfen ein » Prügelkind « gang und gäbe ist ; eine Herablassung , die in unserem Falle sich aber auch in gemütlicher Richtung empfahl . Denn die Kleine war eine