sei ' s , um den Kavalier der Zukunft für diese tief gesunkene erbärmliche Welt heranzubilden . Im Winter behielt der Chevalier gewöhnlich die Oberhand im pädagogischen Wettstreite . Die lieblichere Zeit des Jahres war , dem alten Comenius zum Trotz , selbstverständlich auch die Zeit der lieblicheren Belehrung . Da wurde allerdings dann dem Kinde vieles klargemacht , was dem Herrn von Glaubigern in alle Ewigkeit dunkel blieb , und umgekehrt wurde manches in Nebel und Dunst gehüllt , was der Ritter eben erst mit vieler Mühe dem Kinderkopfe in ein helle res Licht gerückt hatte . Wenn der Herr von Glaubigern auch das Bewußtsein des Standes und des durch den Stand bedingten Interesses im höchsten Grade besaß , so war er doch zu verständig und billig , um nicht einzusehen , daß die Welt sich doch nicht ganz seit dem Untergang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation zum Schlechten verändert habe . Trotz aller Sehnsucht nach verlorenen bessern Zuständen konnte er auch den gegenwärtigen Tag gelten lassen und hielt es unter seiner Würde , die Gegenwart durch jenen bekannten , mehr oder weniger geschickt und feierlich verhängten Standesegoismus hinter das Licht zu führen . Er konnte sich immer noch an der Lebendigkeit , der Bewegung des Tages freuen , und wo er ihn nicht mehr verstand , da suchte er den Widerspruch lieber im stillen zu verdauen , als daß er sich mit seiner harmlosen Umgebung in einen zwecklosen und unfruchtbaren Kampf darüber eingelassen hätte . Er sagte sich , daß von Krodebeck aus die Weltenuhr sich wahrscheinlicherweise nicht vor- oder zurückstellen lassen werde , und verdiente somit die Verachtung des Frölens im vollsten Maße . Mit Verachtung blickte das Frölen selbst auf den Kürassierharnisch , welchen der gute Ritter bei Ligny trug und über welchem er mit so heißen Tränen die Arme gekreuzt hatte , als er in der Nacht verwundet auf dem Schlachtfeld lag und der Rückzug seines Volkes an ihm vorüberrauschte . Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin , Gräfin von Pardiac und allen möglichen und unmöglichen andern Grafschaften , hielt es unter allen Umständen für ihre Pflicht , selbst da nein zu sagen , wo niemand verlangte , daß sie ja sage . Einmal in jedem Jahre wallfahrtete sie sicher nach Blankenburg , um auf dem Schloß und am Fuß der Teufelsmauer eine stille Andacht zu halten . Auf dem Schloß hatte ja Seine geheiligte Allerchristlichste Majestät der König Ludwig der Achtzehnte , leider recht bescheiden , selbst hofgehalten , und an der Teufelsmauer zeigte man eine Felsenfratze , welche dem dicken Herrn wie aus dem Gesichte geschnitten war und die bourbonische Nase sowie das bourbonische Kinn in wahrhaft genialer Weise zur Schau trug ; wobei übrigens die Bemerkung gestattet sein wird , daß man in Deutschland kaum eine größere Felsenpartie bereisen kann , ohne daß die Reisehandbücher und die Führer aus der bourbonischen Physiognomie Kapital schlagen : vorzüglich in Gegenden , wo der Sandstein vorherrscht . Vor dieser Blankenburger Felsennase betete das Fräulein im vollsten Sinne des Wortes an und versank in eine Verzückung , welche den Schwarzen braunschweigischen Jägeroffizieren , die es zuerst auf das loyale Naturwunder aufmerksam gemacht hatten , großen Spaß bereitete . Daß der junge Hennig von Lauen sehr bald an diesen Wallfahrten teilzunehmen hatte und auch ein großes Vergnügen dran fand , war vorauszusehn . Es wurde ihm der Glaube an noch ganz andere Wunder zugemutet , und da er sich in jener Lebensepoche befand , in welcher man vorzüglich gern an alles Wunderliche und Wunderbare glaubt , so hatte er häufig einen größern Genuß davon als von dem grimmigen Amos Comenius , jedoch nicht immer . Den ausgezeichneten Jüngling Télémaque zum Beispiel haßte er viel ausbündiger als den Comenius . War aber nicht der Klang der Fanfaren und Pansflöten von Marly und Versailles am Fuße dieser Harzberge ein Wunder , welches die junge Seele mit Lust und Behagen erfüllen mußte ? Mit Begeisterung folgte Hennig dem Ritter von Glaubigern auf die wirkliche Hasenjagd ; allein der barocke Zauberspuk des achtzehnten Jahrhunderts , welchen Adelaide heraufzubeschwören wußte , hatte gleichfalls seine innigen Reize . Ehe der Junker von Lauen die ersten Hosen aufgetragen hatte , war er zeitweise vollständig in einen Kreis gebannt , um welchen der Chevalier ängstlich genug herumtrippelte und von welchem aus er , d.h. Hennig , vorzüglich jenes ekle Grauen vor den ungewaschenen , lärmenden Erscheinungen der Wirklichkeit - das Grauen der Unmündigen und - der verzogenen und verzärtelten Erwachsenen empfand . Mit Ekel , Abscheu und ohne die geringsten Gewissensbisse hatte sich das Fräulein von Saint-Trouin von dem Elendskarren der einst so schönen Marie Häußler und ihrem armen Kinde abgewendet ; Furcht und Ekel erweckte das Bild dieser drei » Gegenstände « dem Junker von Lauen am Frühstückstisch auf dem Lauenhofe . Sogar die Neugier , welche das kindliche Alter allen Dingen entgegenträgt , wurde hier durch die Furcht überwogen , und mit heftigem Mißbehagen horchte der Knabe auf das , was die Mutter und der Ritter über die Leute im Siechenhause zu sagen hatten , während das Fräulein appetitlos , mürrisch-weinerlich dasaß und in allem , was gesprochen wurde , eine tiefe Kränkung seiner eigenen Persönlichkeit fand . Der Herr von Glaubigern und die Frau Adelheid nahmen allerdings auf die Gefühle und Anschauungen des Fräuleins keine Rücksicht . Der Chevalier setzte auseinander , was geschehen könne , um die Aufregung des Dorfes Ober die heimgekehrte Gemeindegenossin so schnell als möglich zu verwischen . Er sprach sehr nüchtern von den Bauern von Krodebeck und gab sich darüber keinen Täuschungen hin ; allein er sprach jeden falls wie ein guter Mann , der ein unter seinen Augen begangenes Unrecht , welches er nicht verhindern konnte , nach Kräften auszugleichen bestrebt ist . Daß er bei seinen Vorschlägen und Ratschlägen nicht die Malteserin ansah , sondern lieber seinen Teller , war sicherlich ebenfalls ein Zeichen eines gutmütigen und feinfühlenden Herzens . Die gnädige Frau blickte auf den grauköpfigen braven Hausgenossen mit den hellsten , glänzendsten , freundlichsten Augen und nickte von Zeit zu Zeit vergnügt in seine Worte hinein . Als er aber geendet hatte , knüpfte sie ihre Schürzenbänder fester , schüttelte sich in ihren Röcken zurecht und rief : » Man muß eben sein Bestes tun ! « Dann nickte sie auch dem Fräulein zu und sprach , durchaus nicht die Rücksichten des Chevaliers nehmend : » Was machen Sie denn eigentlich wieder für ' n Gesicht , Frölen ? Herrgott und alle Klagelieder Jeremiä , eine Ananas haben Sie damals nicht aus der Krodebecker Gurke gezogen ; aber - aber nun heulen Sie nur nicht ! Ich will ja gern Abbitte tun , wenn ich zuviel gesagt habe ! - Ach du liebster Himmel , da geht sie wieder hin ! « Da ging sie wirklich wieder hin mit dem Taschentuch vor den Augen , schwankend und stöhnend wie die Clairon in der Rolle der Phädra . Den Junker von Lauen hatte sie am Handgelenke gepackt und zog ihn hinter sich her . Belfernd und kläffend folgte Peccadillo ihr , während Mystax mit Bedacht auf ihren Stuhl sprang und mit ruhiger Würde sich der gnädigen Frau und dem Chevalier gegenüber niederließ . » Nun bitt ich Sie , Glaubigern ! « sagte die Frau Adelheid und fügte nach einigen Augenblicken hinzu : » Alter Freund , lassen Sie mir den Jungen nicht aus den Augen ! « Siebentes Kapitel Wir haben bis jetzt mit dem Fräulein von Saint-Trouin und dem kleinen Hennig nur von der Landstraße aus in das Fenster des Krodebecker Siechenhauses gesehen und haben also noch über einiges zu reden , was sich am vorigen Abend hinter den erblindeten Scheiben begab . Der » Homeister « , welcher unter der Oberaufsicht der gnädigen Frau eine zweite Bettstatt in der Hütte aufschlagen mußte , hatte sich entfernt mit seinem Handwerkszeug . Die gnädige Frau hatte der schönen Marie noch einmal das Kopfkissen zurechtgezogen und sich sodann gleicherweise mit dem Herrn von Glaubigern entfernt . Sie hatte die neugierigen Gaffer vor der Tür auseinandergejagt , und es war still in der Hütte geworden ; - die alte Erbherrin und Burgfrau des Siechenhauses von Krodebeck fand sich zum erstenmal mit ihren neuen Hausgenossen allein , saß im Winkel und starrte auf das Bett . Marie Häußler hatte die Decke über den Kopf gezogen ; das Kind kauerte neben dem Bette auf dem Erdhoden und starrte auf die Alte . Krieg oder Frieden ? Die Atmosphäre war dumpf , schwül und drückend wie vor allen größern Auseinandersetzungen , sei ' s zwischen zwei dummen nichtsbedeutenden Weibsbildern oder zwei klugen mächtigen Nationen ! Diese Auseinandersetzung mußte kommen , und sie begann in einer höchst drolligen , aber durchaus bezeichnenden Weise . Wie ein Käfer , der in einer gefährlich erscheinenden Situation wieder Mut faßt , regte die Alte allmählich wieder Glied um Glied . Wie eine Henne , über welche der Habicht hinrauschte , zog sie den Kopf wieder unter dem gesträubten Flügel hervor . Leise und scheu streckte sie den Hals aus ihrem Winkel vor und wiegte immer schneller den Oberkörper hin und her . Sie stöhnte laut und unterbrach sich dabei , nach dem Bett hinhorchend ; und als ihr Seufzer von dem Lager her ein Echo fand , erhob sie sich und stand gebückt , wiederum lauschend . Sie hielt die Hand an das Ohr , und das Kind , welches sich immer mehr vor ihr fürchtete , fing an zu weinen , an zu schreien . Die Alte richtete ihre Aufmerksamkeit von der Mutter auf das Kind und murmelte ununterbrochen durch zwei Minuten : » Oje , oje , oje ! « Es dauerte zwei volle Minuten , ehe sie in jenes Stadium übertrat , in welchem der Käfer anfängt , seine Fühlhörner zu putzen und zu » zählen « . Dieses Stadium fand endlich seinen Ausdruck durch die Interjektionen : » O du lieber Gott ! O Gott , Gott , Gott ! « Im dritten Stadium entfaltet der Käfer seine Flügeldecken und schnurrt davon , die Henne schüttelt sich und gackert hell auf ; die alte Burgfrau im Siechenhaus aber , von einem ganz außergewöhnlichen Entschluß , von einem von Thor und Wodan zu gleicher Zeit gesandten Mut ergriffen , fuhr mit einem Kamm auf das angstvolle Kind los , packte es mit ihren knöchernen Händen , zog es trotz seines Widerstrebens zwischen die Knie und fing an , es mit gespanntestem Nachdruck zu kämmen . Die Lage der Dinge hatte sich mit einem Schlage geändert . Der Standpunkt für den fernern Verkehr war auf die natürlichste Weise gewonnen . Auf das Geschrei des Kindes hob Marie ein wenig die Decke vom Gesicht , um zu sehen , was vorgehe , sagte jedoch nichts und sagte auch nichts , als die Alte , nachdem sie ihr Werk vollendet hatte , die kleine Antonie zu dem Stuhl am Fenster führte , um ihr das heimkehrende Dorfvieh zu zeigen . Die Sonne war nunmehr untergegangen , und die Glocken der Kuhherde ertönten bereits in der Ferne . Antonie stand wieder zwischen den Knien der Alten , doch jetzt ohne Zwang ; die alte Frau wie das Kind warteten beide mit gleicher Spannung auf die Heimkehr des Viehs , und wenn wir den guten Gebrauch , jeden Abschnitt durch eine passende Überschrift zu bezeichnen , in diesem Buche zur Anwendung bringen wollten , so würden wir über dieses Kapitel die Worte : Das liebe Vieh ! setzen und mehr als einen Grund dafür bereit haben . Ein recht schöner Grund lag zum Exempel schon in dem plötzlichen Angriff mit dem Kamm auf den verwilderten Kinderkopf ; allein das war , wie gesagt , nicht der einzige . Die Alte , welche den Menschen wenig Dank schuldete und noch weniger Zutrauen , besaß eine große und innige Neigung für das Vieh und stand mit demselben auf dem allerbesten Fuße , vorzüglich soweit es , in Herden versammelt , am Morgen und am Abend an der Tür des Armenhauses vorbeizog . Sie hatte nicht den geringsten Teil daran und sah deshalb gewöhnlich ganz philosophisch unbefangen in das Getümmel ; und da der Stall , die Weide und die Schlachtbank nicht nur im Leben der Tiere , sondern auch im Menschenleben ihre Rolle spielen , so kann man wohl über das » liebe Vieh « und seine Geschicke die merkwürdigsten philosophischen Betrachtungen anstellen . An diesem Abend jedoch sah Hanne Allmann nicht unbefangen dem Heimzug ihrer Freunde zu . Sie saß und hielt sich die Stirn mit der Hand und wiederholte immerfort : » Das liebe Vieh ! Das liebe Vieh ! « Sie zogen alle vorbei . Zuerst die beredsamen Gänse , die Glück bedeuten , wenn man ihnen begegnet auf dem Wege . Sodann die zappelhaften , dummunruhigen Schweine , welchen man nicht begegnen soll , wenn man es irgend vermeiden kann , da sie Verdrießlichkeit . Hader , Zorn und Unglück anzeigen . Es kamen , geführt vom gewaltigen Dorfbullen , die stattlichen Kühe mit den Rindern und Kälbern , und den Beschluß machten die dummen , aber sehr viel Staub aufwühlenden Schafe samt den nervösen Ziegen . » Das liebe Vieh ! Das liebe Vieh ! « Verschiedene der Tiere kamen als nähere Freunde an das alte Weib heran , um es mit den feuchten Schnauzen anzublasen oder ihm die Hand zu lecken , die es ihnen aus dem Fenster hinhielt : » Guten Abend , Hanne ! Guten Abend , Hanne Allmann . Wie ging es den lieben langen Tag über ? Und was für zwei junge , unbekannte Augen hat Sie da bei sich ? « Das Kind schlug die Hände zusammen und fragte , ob das an jedem Abend so sei ; und Hanne Allmann - sie hatte wunderlicherweise wirklich auch einen Namen ! - strich der Kleinen freundlich über die gekämmten Locken : freilich sei das so , vom Frühjahr bis in den späten Herbst . Da lachte Antonie und meinte , das sei schon recht , und die Alte lächelte auch . » Ja , es ist schon recht ! « sagte sie . » Siehst du , das ist des Vorstehers vornehme Schwarze , die kommt aus einem fernen Lande , ist allmächtig berühmt wegen ihrer Herkunft und kommt doch alle Abend und grüßt und nimmt nichts dafür , daß sie das alte Bettelweib im Siechenhaus kennt . Da ist Ulenbrinks Blesse , die ist auch aus einem reichen Hause , und da kommt des Barbiers Scheckichte , die ist die Schönste und Klügste in der ganzen Herde - « Die Alte fuhr schreckhaft zusammen und blickte schnell und verstohlen nach dem Bett hinüber . Die Ideenverbindung hatte trotz aller Tragik etwas unendlich Komisches ; doch die schöne Marie war zu krank und elend , um die Komik oder die unwillkürliche Beleidigung zu fühlen . Aber sie verkroch sich wieder tiefer unter ihrer Decke und fürchtete sich vor der alten Hanne Allmann schrecklich und nicht ohne Grund , soweit es das eigene böse Gewissen betraf . Von allen Krodebecker bösen Kindern hatte sie in ihrer Jugend der verachteten Bewohnerin des Siechenhauses die ärgsten und abgefeimtesten Possen gespielt , die schlimmsten Schimpfworte nachgerufen . Und sicher hatte sie gewußt , daß sie das klügste Kind im Dorfe sei , und deshalb in allen Boshaftigkeiten die übrigen angeführt . Außer dem Dorfbüttel , welcher zugleich den Armenvogt von Krodebeck vorstellte , fürchtete Hanne Allmann das hübsche Kind des Barbiers Häußler am meisten . Das war nun vor ihrer Tür abgeladen worden ! Das sollte von nun an mit ihr unter demselben Dache wohnen ! Zu Ende war die kurze Ruhestunde , der armselige verlorene Frieden ; - die alte Unruhe , der alte Lärm und Schmutz , die alte Unzucht richteten von neuem ihr Reich in dem Siechenhause von Krodebeck auf ! O es war , um sich unter die Erde in die letzte Ruhe , in den letzten Frieden - in den feuchtesten , schlechtesten Winkel des Kirchhofes , unter die Nesseln , welche der Totengräber in der Mauerecke aufhäufte , hinabzuwünschen ! - Das liebe Vieh ! Ach ja , das liebe Vieh ! Schreckhaft war Hanne Allmann über ihr unbedachtes Wort zusammengefahren ; doch sie mochte sich beruhigen : das kluge Kind des Barbiers war nicht mehr imstande , so feinen , wenn auch unwillkürlichen Spielen des Witzes zu folgen . Marie Häußler konnte nur noch das Allergemeinste , das Allergewöhnlichste , das , um welches auch die Dümmsten und Einfältigsten lachen und zittern , in Sinnen und Gedanken begreifen und festhalten . Sie wendete sich mühevoll auf die Seite , sah auf die beiden am Fenster und rief weinerlich : » Hanne ! - Hanne Allmann ! « » Ja , was , Marie ? « » Da bin ich ! « sagte die schöne Marie . » Oh ! Ja , da bist du « , sagte die Alte und versuchte vergeblich , zu lächeln . Marie Häußler lachte , und ihr Kind , welches glaubte , es sei etwas zum Lachen vorhanden , lachte auch ; aber Hanne Allmann wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn . Es entstand wieder eine Pause in der Unterhaltung , bis die Alte es nicht länger aushielt und sich zu der Bemerkung aufraffte : » In Krodebeck läßt es sich auch leben ! « Da griff die schöne Marie im höchsten Fieber , in Wut und Angst ihre Bettdecke mit beiden Händen , als müsse sie etwas zerreißen . » Und sterben läßt es sich auch da , und das ist das beste ! He , alter Uhu , alte Hanne , wo sind die Maulschellen , die Ohrfeigen , welche du mir einst versprochen hast ? Jetzt könntest du die alten Schulden zahlen ! Komm heran , schlage mich - komm , schlage mich tot ! Jawohl , du mußt es wissen , wie es sich in Krodebeck leben läßt ! « Jetzt lachte die kleine Antonie nicht mehr , sondern zeterte hellauf . » Mein Kind ! Mein Kind ! « rief die Mutter . » Hanne Allmann , das ist mein Kind , und es und mich haben sie auf dem Schinderkarren nach Krodebeck geschleppt , und es soll da leben , und ich soll da sterben . Hanne Allmann , vergib mir ; ich kann in meinem Leben nicht wieder in der Gasse hinter dir herrufen . Vergib mir ! Schlage mein Kind nicht ! Schrei es nicht an ! Um Jesu Christi willen , ich bitte dich um Vergebung ! « Für einen anständigen Menschen gibt es nichts Unangenehmeres , als um Verzeihung gebeten zu werden . Die braven Leute werden in solchen Fällen ungemein nervös dem Bittenden gegenüber . Sie liefen am liebsten weg , um dieser heißen Hand , die ihnen nach der Gurgel greift , zu entgehen , und sie fühlen einen Druck auf der Seele , ein vages Schuldbewußtsein , welche ihnen den Standpunkt in jeder Weise verrücken . Der arme Sünder weiß dies gewöhnlich ganz klar und nimmt , seiner Last erledigt , seinen Standpunkt vollkommen danach . Edlen Leuten , die sich mit Vergnügen um Verzeihung bitten lassen , braucht eigentlich niemand , und sei es der ärgste Bösewicht , dieses Vergnügen zu bereiten . Hanne Allmann , welcher der Fall zum erstenmal in ihrem Leben begegnete , geriet außer sich . Es wurde ihr schwarz vor den Augen , sehr schwarz ; sie seufzte , sie stöhnte , und jeder dritte Physiognomiker hätte voraussagen dürfen , daß sie sich im nächsten Augenblick auf die schöne Marie stürzen würde , um die verspätete Züchtigung vollkräftig nachzuholen und zum Anfang wenigstens ihr die Augen auszukratzen und die Haare auszuraufen . Wir aber wissen , daß dies nicht der Fall sein konnte , sondern daß sie jetzt nur noch etwas tiefer in sich die ganze Kleinheit des armen Geschlechtes der Menschen verspürte . Sie hob das Kind von dem Schemel am Fenster herab und humpelte , die Hand desselben haltend , zu dem Lager der Kranken , sah ihr zum erstenmal genau und ohne zu zucken in das Gesicht , setzte sich neben dem Bette nieder und sagte : » Sei nur still , Marie . Jag einem nicht solch einen Schrecken ein ; - wir wollen schon miteinander auskommen . « Und weil sie so ein altes Weiblein war , das stets ganz allein und ganz zuunterst in der Weltgeschichte gelebt und seine einzigen und besten Freunde unter dem lieben Vieh hatte , so wußte sie wirklich und wahrhaftig nichts weiter zu sagen . Nachher brachte sie ganz leise die kleine Antonie zu Bett und kroch selber unter ihre Decke und wartete die ganze Nacht mit einem sonderbaren Summen und Singen im Gehirn auf eine große Erleuchtung . Es kam aber nur mit dem neuen Morgen eine Vision ; doch auch diese war nicht zu verachten unter so bewandten Umständen . Achtes Kapitel Mancherlei , und zwar seit uralten Tagen , wußte das Dorf Krodebeck und mit ihm das Siechenhaus von den Leuten zu erzählen , die von dem Gebirge zu ihnen niederstiegen , und das Siechenhaus hatte vielleicht die meisten und wunderlichsten Sachen berichtet , wenn Türen und Wänden die Zungen gelöst werden könnten . Bergleute und Vogelhändler , Kienrußhändler und Kohlenhändler , Jäger und Spielleute zogen durch den Ort und hielten , und zogen durch und hielten an seit mehr als tausend Jahren . Ihr Weg ging meistens immer weit nordwärts und den großen und reichen Städten der Ebene zu , ja oft sogar über das Meer hinaus zu den fremden Völkern , und ganz selten ohne Zweck und Grund . Es schlägt manch ein Fink in der Stadt London , welcher am alten Brocken aus dem cheruskischen Nest genommen wurde , und manch ein munterer Kanarienvogel singt vor ausländischen Ohren das Lied , welches ihm zu Zellerfeld und Andreasberg vorgepfiffen wurde . Wie die Singvögel reisen aber auch die Bäume . Bis hoch hinauf oder vielmehr tief hinab an den Strand der Ostsee und die Nordsee entlang flammt die herzynische Tanne am Weihnachtsfest . Harzknaben führen sie bis zur Eisenbahnstation , und der Dampfwagen bringt heutzutage den Kindern in Stettin die Freude und Poesie ihrer schönsten Feierstunde . Die Krodebecker sehen die Vögel und die Bäume vorüberziehen , und wenn die Träger , die Wagen und Schlitten vor dem Kruge anhalten und die klugen und unternehmenden Handelsleute sich durch einen Trunk für das fernere gute oder böse Wetter stärken , so erkundigen sie sich gern nach dem Wetter und den Wegen » da oben « bei den Leuten und geben ihnen vielleicht auch , wenn sie recht guter Laune sind , ein freundlich Wort mit auf die Reise . Was aber durch Krodebeck nordwärts zieht , das muß an dem Siechenhause vorüber , und die meisten aus dem fahrenden Volk haben eine Neigung , ein Verständnis , ja manchmal sogar durch die Verwandtschaft daheim eine gewisse brave , aber klägliche Achtung für dasselbe . Die meisten stehen in einem viel abhängigern , erniedrigenderen Verhältnis zu dem Siechenhaus als das liebe Vieh , welches gleichfalls daran vorüberzieht . Übrigens , wenn in früheren Zeiten das Gebirge unheimliche , schlimme Gesellen : Schafdiebe , Wilddiebe und Diebe und Räuber , die womöglich alles mitnahmen , in die Ebene herniederschickte , so sieht auch der heutige Tag und die Nacht , welche demselben folgen wird , sonderbares Volk genug , welchem der Bauer trotz der guten Polizei , trotz Kirche und Schule nicht über den Weg traut und welchem auf den einsameren Gehöften kein Hausvater gern ein Nachtlager in seiner Scheune oder auf seinem Heuboden gestattet . Auch in dieser Hinsicht könnten die Wände des Siechenhauses von Krodebeck von manchem späten Gast erzählen , der verstohlen hinter den Hecken und Zäunen heranschlich , leise pochte oder pfiff und zu jeder Stunde der Nacht Einlaß erhielt , ohne daß der Baron , der Pfaff oder der Bauernvorsteher vorher Wanderbuch und Paß , die Moral und die Taschen visiert und visitiert hatten . Das war auch noch zu den Zeiten der Hanne Allmann vorgekommen . Wie die Wände hätte das alte Weib davon erzählen können , welchen kuriosen Besuch der lahme Peter , die blinde Kölkenbecksche und der Trippel-Brand bekamen und was für ein gutes und nahrhaftes Leben es dann und wann im Armenhause gab . Da brotzelte freilich mancherlei auf dem Jammerherde , was in einen andern Topf oder an einen andern Spieß gehörte , und zu manchem wackern Trunk kam das Siechenhaus nicht auf dem richtigen Wege . Die Alte im Siechenhaus spricht sowenig davon als die Wände . Sie duckte sich damals , wenn es draußen im Nebel und der Finsternis pfiff oder wenn es am Fenster kratzte und hustete , scheu nieder und verkroch sich unter ihrer Decke . Wenn jedoch die Tür sich wieder hinter dem späten Besucher geschlossen hatte und der heimliche Jubel oder Geschäftsaustausch anhub , dann verstopfte sie beide Ohren mit den Händen , um sowenig als möglich von den Verhandlungen , den Zoten und Schelmenliedern zu vernehmen . Sie hörte trotz der verstopften Ohren genug davon , um das Dorf , die Pfarre und den Gutshof durch Kundmachung in die größeste Aufregung zu versetzen ; allein niemand durfte es ihr verdenken , daß sie nichts davon laut werden ließ ; weder vor Junker , Pfaff und Bauerschaft wäre das nicht ohne Gefahr und gewißlich nicht ohne die beschwerlichsten täglichen und stündlichen Martern , Unbequemlichkeiten , Quälereien und Kränkungen für sie abgegangen . Und jetzt - in den ruhigeren Tagen und seit der Zeit , in welcher sie allein das Armenhaus bewohnte , hatte es für sie weder Sinn noch Nutzen , die alten Geschichten wieder aufzurühren und andern Leuten zum Spaß oder zur Verwunderung das vergangene Gruseln und den alten Ekel wachzurufen . Ebensowenig , doch aus einigen andern Gründen dazu , sprach Jane Warwolf , die jetzt , das heißt seit drei Uhr morgens , im Anmarsch auf Krodebeck war , von den alten Geschichten und vergangenen Zeiten , es müßte denn sein im größesten Vertrauen und im heimlichsten Zusammenhocken mit Hanne Allmann . Um die Zeit , in welcher die Gutsfrau auf dem Lauenhofe aus dem Bett fuhr , fuhr auch die Frau im Siechenhause aus dem einzigen Schlummerstündchen auf , das ihr in dieser Nacht zuteil geworden war und in welchem sie eine Vision von einem alten grauen Unterrock , aus dem sich vielleicht ein Unterröckchen für das Kind der schönen Marie machen ließ , gehabt hatte . Die abbröckelnden Wände der Hütte hätten kaum von einem behaglichern und zugleich leichter in die Wirklichkeit zu übertragenden Traum berichten können ; doch die Wirklichkeit kratzte längst schon wie ein verhungernder Hund an der Tür , und lange ehe der erste Sonnenstrahl über den Horizont schoß , war Hanne Allmann auf aus dem Stroh und in den Kleidern . Die schöne Marie schlief um diese Zeit zuerst ruhiger , während das Kind , welches sich durch nichts hatte stören lassen , ruhig weiterschlief . Unhörbar schlich das Mütterchen umher , die armselige Ausstattung der Wohnung in Ordnung zu bringen . Erst als dieses geschehen und für jetzt nichts mehr zu schaffen war , warf sie einen Blick aus dem Fenster in die stille Frühe und auf die dämmerige leere Landstraße nach beiden Seiten hin , doch ohne das Fenster zu öffnen . Leise kam sie sodann zurück und sah auf die beiden Schlafenden , auf die wegemüden Wanderer , die das Schicksal von dieser staubigen grauen Straße in ihr betrübliches , dumpfes , enges Reich geworfen hatte . Sie blickte von der Mutter auf das Kind und wog Tod und Leben wie je eine Norne unter dem Zeitenbaum am Urdarborn . Jetzt war sie wieder allein , ungestört und ruhig . Die Zweige und Blätter der großen , geheimnisvollen Wunderesche rauschten leise ob ihrem Haupte , und die Verheißung einer noch tiefern Ruhe , eines noch tiefern Friedens war in diesem Rauschen . In dieser stillen Stunde überwand sie den großen Schrecken , die schlimme Angst in ihrer Seele vollständig und gewann einen Sieg , dessen sich kein noch so berühmter Held hätte zu schämen brauchen : sie trat ein für das Leben , wie schwer ihr Wunsch sie auch nach der andern Seite hinüberziehen mochte . » Oje , was lacht das Kind im Schlaf ? « murmelte sie . » Guck einer , dem ist ' s noch einerlei , wohin es die Welt schob und was aus ihm werden mag . Ei , ei , hat das der liebe Gott noch auf meine alten Tage mit mir im Sinne gehabt ? Guck , Hanne Allmann , das hättest du gestern um diese Zeit wohl nicht gedacht , daß er dir vor deinem End noch einen Sarg und eine Wiege zu versorgen geben würde . « Sie hatte vorhin in der Hast ihre Strümpfe umgewendet angezogen und schob ' s zum größten Teil darauf , daß ihr die Sache jetzt so leicht erschien ; aber was auch die Meinung der Nation darüber sein mag , wir haben jetzt von dem größern Trost zu berichten , der nun vom Harz her heranmarschiert war , und zwar unter einer Form und Gestalt , welcher die meisten scheu ausgewichen wären . Mit dem ersten Strahl der Sonne , als auch das Dorf sich schon regte , doch der Tau noch in voller Frische an Blatt , Gras und Spinngeweb haftete , klopfte dieser Trost an das Fenster des Siechenhauses und sah hinein - ein braun , runzlig Altweibergesicht , mit Stoppeln um das Kinn und Stoppeln um die Mundwinkel , gefurcht gleich einem übelgepflügten Ackerfeld , mit schneeweißen Augenbrauen , doch vollem , rotbraunem Haupthaar , das nach cheruskischer Sitte nach dem Hinterkopf hinübergezogen und in einen Knoten geschlungen war , mit grauen tiefliegenden Augen , die früher noch schärfer gesehen haben mochten , aber auch jetzt noch