Küche kam und fragte , ob denn der Kaffee noch nicht bald fertig sei . Auf das » Na « der Köchin befahl sie dieser streng , sich einmal ein wenig zu tummeln , und doch mußte man ihr dann hernach dreimal rufen , bis sie endlich ihren wohlgefüllten Kleiderkasten verließ und in die Stube kam , wo der Krämer lächelnd auf sie wartete . Der Kaffee hätte spottschlecht sein können , ohne daß die sonst von der Magd so gefürchtete Feinschmeckerin es heute bemerkt haben würde . Unter allen , welche fast ein Gefühl hatten , als ob eigentlich der Ostertag nur ihretwegen endlich gekommen sei , blieb wohl keine vor dem Kirchengehen so lange im Schlaf- und Ankleidezimmer wie die Zusel , was ihr auch vom Krämer durchaus nicht verargt wurde , da er ja wußte und oft schon mit unverkennbarem Behagen erzählte , daß die es mit Ankleiden überhaupt ungemein genau nehme . Es verlohne sich das aber bei ihr auch wie nur bei wenigen , fügte er dann nicht ohne Stolz bei , und seltsamerweise gab es nicht viele im Dorfe , die ihm solche Reden öffentlich verargten , eine Nachsicht , die er wohl mehr seiner wirklich schönen Tochter als eigenem Ansehen verdankte . » Er ist eben ein Emporkömmling und hat es nun wie die hungrige Kuh , wenn sie in den Heustadel kommt . « Mit diesen Worten schlossen die meisten Erzählungen von dem stolzen Manne , dem seine frühere Armut und seine gemeine Verwandtschaft immer auf eine ihm freilich nicht erwünschte Weise zu seiner Entschuldigung angeführt wurde . Von ihm , der noch immer für einen Auswärtigen galt , schien kein Mensch viel Gutes zu erwarten . Er konnte tun und reden , was er wollte , ohne jemals ernstlichen Tadel fürchten zu müssen . Der Jos hätte sich über diese Nachsicht nicht so ärgern , sie nicht Kriecherei vor dem Goldenen Kalbe nennen sollen , sondern nur Gleichgültigkeit gegen den Bruder der Schnepfauerin , den Fremden . Eine Zeitlang hatte man sich doch schon etwas mehr um ihn gekümmert . Das war damals gewesen , als er zuerst mit seinem kleinen Kram im Dorfe hausierte und einem der reichsten Mädchen derart den Kopf verdrehte , daß es ihn am Ende noch sogar heiraten mußte . Selbst noch hernach konnten sich viele nicht recht erklären , wie das zuging , obwohl es sechs Monate nach der Hochzeit die kleine Angelika ins Dorf hinaus zu schreien begann . Freilich war der Krämer ein merkwürdig durchtriebener Gesell und hatte als Hausierer so gut als einer jeden bei seiner Eigenheit zu fassen und seinem Zwecke zuzuleiten gelernt . Sein Ehrgefühl vermochte ihn nie zu beschränken ; das schadete ihm in der öffentlichen Meinung trotz seines erworbenen Vermögens bei weitem mehr als seine später nach Au gekommene unglückliche Schwester , und es wäre wohl nicht nötig gewesen , der Gefallenen sein Haus zu verbieten , solange er auf Wucher auslieh , mit armen Witwen herzlos die unverschämtesten Nothändel machte und keinen Weg für zu schlecht hielt , wenn er darauf nur zu irgendeinem Vorteil kam . Nur noch lauter wurde freilich das Reden und Lachen über ihn wegen dem Lisabethle , und viele gönnten ihn jetzt als Strafe Gottes dem ehemals so eitlen Mädchen , das nur verächtlich aus seinem hochdachstuhligen Hause auf die wackersten Burschen des Dorfes herabgesehen hatte . Ihn ärgerte es schrecklich und machte ihn mit der Zeit trotzig , daß man ihn nie zu denen zählen wollte , neben welchen er doch im Steuerbuche stand . Aufgeben aber kann ein Mann mit eisernem Willen , der es schon so weit gebracht hat wie der Krämer , seinen Lieblingsplan nicht so leicht . Rom ist auch nicht an einem Tage gebaut worden . Der Boden war jetzt glücklich geschaffen zum Fundament , und das weitere dachte Josef Anton seinen beiden hübschen Töchtern zu überlassen . Die mußten wohl kein Tröpflein von seinem Blut haben , wenn es ihnen nicht fast von selbst wie spielend gelang , auch alle die Türen aufzutun , die man ihm bisher stolz und trotzig vor der Nase zugeschlagen hatte . Mit der Angelika nun hatte dem Krämer seine Rechnung gänzlich gefehlt , und zwar gerade darum , weil die Stigerin fürchtete , daß sie nur zu viele Tropfen von seinem Blute , seiner Art habe . So entschieden war sie noch nie gegen Hansen aufgetreten , hatte es auch noch nie so lange und mit aller Kraft und List zu tun nötig gehabt , als da es eine Neigung im Herzen des Sohnes zu bekämpfen galt , die ein so gemeiner Verwandtschaft entstammendes Mädchen mit Gewalt zu ihrer Schwiegertochter machen wollte . Als Hans endlich der Mutter nachgab , kam die gute Angelika in ein böses Gerede , wie das fast jedem Mädchen geht , wenn es einen Liebhaber verliert , den ihm viele längst mißgönnten , ohne dieses Gefühl auch nur durch ein Wort verraten zu dürfen . Dem Krämer , der wohl wußte , daß der Spott umsonst kommt , wenn man den Schaden hat , machte das weit weniger Kopfweh , als es wohl seinem seligen Weibe gemacht hätte . Ihr war Angelika immer lieber gewesen als dem Krämer , welcher behauptete , daß sie gar nicht seine Art habe . Als dann sein Weib starb , indem sie der Zusel das Leben gab , wurde Angelika , damals sechs Jahre alt , zu einer Verwandten der Mutter gebracht , die Gott von Herzen dankte , daß wenigstens ein Kind ihrer unglücklichen Base nun doch noch ordentlich erzogen werden könne . Der Krämer gönnte ihr diese Freude von Herzen und nahm sich der Zusel um so mehr an , die viel von seiner Art hatte und aus der er nun etwas Rechtes machen wollte . Zuweilen redete er wohl davon , auch die Angelika wieder heimzunehmen , aber neben dem ernsten Wesen war ihm nie recht wohl , und so kam er denn auch nie dazu , obwohl ihm ihre Erzieherin gar nichts recht machte , als da sie ihr Verhältnis mit dem Stighans auf jede Weise begünstigte und mit allen Kräften vorwärts half . Aber als dann der Base doch ihre Rechnung fehlte , empfand er etwas wie Schadenfreude und meinte , zum lieben Glück sei denn auch noch eine Zusel da , die schon fangen werde , was der Angelika entronnen sei . Angelikas mütterliche Verwandte nahmen die Sache viel weniger leicht . Sie hielten es für höchst nötig , die von Hansen , wenn auch wider Willen , so vielen Redereien preisgegebene Base sofort zu verheiraten , um dem Geschwätz für immer ein Ende zu machen , bevor sie bei keinem reichen Burschen mehr etwas gelte . Zum lieben Glück erklärte sich der Andreas , ein wohlhabender Bursche , sogleich bereit , durch die Tat zu beweisen , daß Angelika schon noch einen rechten Burschen bekomme , wenn auch der Hans zurückgetreten sei . Dem Mädchen war er so recht oder unrecht als außer Stighansen fast jeder andere . Sein Leichtsinn machte ihr wenig Sorge , obwohl sie die Hoffnung der Basen , daß sie ihn leicht bekehre , nicht zu teilen vermochte . Sie wollte nun einmal aus dem Gerede heraus und lieber einen Gebieter als zwanzig Gebieterinnen . War er verschwenderisch , wie man sagte , so brauchte sie nicht zu zittern , wenn sie einen alten Topf zerbrach , und sein Leichtsinn ließ sie wohl einmal frei atmen , wenn auch sie ihm das Leben nicht allzuschwer machte . Sie hatte es also immerhin besser als bisher . Der Krämer sprach es offen aus , daß er mit diesem Töchtermann durchaus nicht zufrieden sei ; doch ließ er sich die Leute darüber streiten , ob diese Abneigung mehr dem zügellosen Leichtsinn oder der Starrköpfigkeit des Töchtermanns gelte . Andreas selbst kümmerte sich darum nicht viel , nur das verletzte ihn , daß der Krämer die wegen Verwandtschaft eingeholte kirchliche Dispens nicht bezahlen wollte , sondern trotzig sagte , er würde die hundert Gulden lieber geben , wenn er von dieser Verwandtschaft loskommen könne , als dafür , daß nun sein Kind sich wieder darin verheirate . Diese Rede verzieh Andreas dem Krämer nie , und selbst Angelika empfand sie wie eine Beleidigung ihrer lieben seligen Mutter . So kam es , daß Andreas und sein junges Weib nicht viel mit dem Krämer zu tun hatten . Dieser dagegen wendete nur noch mehr all seine Liebe und Sorgfalt der damals dreizehnjährigen Zusel zu , oder - um mit den Nachbarn zu reden - er verzog und verdarb sie , daß man oft zuerst ihm und dann ihr mit der Rute hätte nachlaufen mögen . Der Ostertag war daher auch für ihn ein wahrer Festtag , wie er noch selten einen erlebt hatte . Mit der Auswahl der Stoffe zu neuen Kleidern hatte er es noch viel strenger genommen als selbst Zusel , welche zu oberflächlich war , um sich schon jetzt so ängstlich mit der Sache zu beschäftigen . Der Krämer jedoch wußte aus Erfahrung nur zu gut , daß man schließlich böse Stunden erlebe , wenn etwas nicht recht paßte und allen Anforderungen entspräche . Redlich hatte er das Seine getan bei der Auswahl und dann der Nähterin wenigstens eine Viertelstunde lang vorgepredigt ; drum konnte er jetzt auch mit ruhigem Gewissen seines Lieblings Rückkehr aus dem Ankleidezimmer erwarten . Die Geduld aber wär ' ihm beinahe ausgegangen , bis sich endlich die Stubentüre auftat und ihn die hohe , im Festschmuck strahlende Gestalt seines wirklich wunderlieblichen Kindes mit dem etwas herausfordernd aufgeworfenen Blondköpfchen sehen ließ . » Nun , wie gefall ' ich dir jetzt ? « fragte sie mit einem Blicke , daß der Krämer - Stighansen an seinen Platz gewünscht hätte . Ja , sie war schön mit dem lachenden Blick und dem selbstsicheren Trotz , der bei jeder Frage um den kleinen Mund zu spielen schien . Die Leute nannten sie Angelikas treues Ebenbild , der Krämer jedoch fand sie viel , viel schöner . Angelikas ernster Blick machte einem ganz angst . Sie tat oft , als ob sie die Mutter Gottes zu spielen hätte ; neben der Zusel aber wurde einem wohl . Die war doch eher ein Mädchen für den etwas unbeholfenen , allzu gewissenhaften Hans . Die sollte der Gemeinde beweisen , daß es früher nicht nur am Ansehen seiner Verwandtschaft fehlte und daß seine Mädchen sich wenigstens durch ihre Erziehung sehr unähnlich geworden seien . » Nun , wie gefall ' ich dir ? « fragte das Mädchen abermals , und ohne den Krämer zu einer Antwort kommen zu lassen , eilte sie hinaus auf die Gasse , wo man frohe Mädchenstimmen hörte . » Es ist doch ein prächtiges Ding « , sagte er , der Forteilenden langsam folgend . » Lustig wie ein Vogel und stolz . Das ist recht . Besser noch freilich wär ' s gewesen , wenn sie diesen Stolz schon vor drei Jahren gehabt hätte ... Nun - eine Dummheit kann man ihr schon verzeihen , besonders eine , die ihr jetzt nichts mehr schaden wird . « In der Kirche wird Zusel sich wohl über die Auferstehung des Herrn gefreut haben , wie der Pfarrer das in der Predigt von jedem Christen erwartete , heim aber kam sie nach dem Gottesdienst in der allerübelsten Stimmung . Die ihr entgegeneilende Katze , die plötzlich zischend unter den Kachelofen sprang , mußte das eher bemerkt haben als die Magd , die ihren Bericht über das Aufsehen , welches Zusel heute gemacht habe , nicht eher endete , als da eine Stimme , wie sie dem hübschen Mädchen unmöglich anzugehören schien , ihr zu schweigen und lieber an das Mittagessen zu denken befahl . Der Vater fand sein Kind auf dem Kanapee , wo es das verweinte Gesichtchen in die Kissen vergrub . » Nun ? « fragte er nach einer Weile erstaunt . » Nun « , fuhr das Mädchen auf , » jetzt können wieder einmal alle lachen über mich , bis sie genug haben . « » Das hab ' ich durchaus nicht bemerkt « , tröstete der Krämer . » Übrigens hat es schon von je geheißen : Neid bringt Glück . « » Dann müßt ' ich viel Glück haben , und ich wollte das , nur damit sie dann fast vergehen täten vor Neid . « » Was hat ' s denn gegeben ? « » Aber , Vater , wo bist du denn ins Haus hereingekommen ? « » Natürlich durch die Tür . Warum ? « » Dann mußt du auch gesehen haben , daß gleich nach dem Gottesdienst - oder wohl auch unter der Messe - die Leute nehmen es nicht so genau ... « Das Mädchen verbarg sein glühendes Gesicht wieder tief in die Kissen . » Eierschalen für den Biggel gestreut worden sind « , ergänzte der Krämer ruhig , und auf seinem Gesicht erschien wieder das frühere Lächeln . » Ja « , sagte Zusel , sich wieder aufrichtend . Sie mußte den Vater ernstlich drum ansehen , daß er das so heiter sagen konnte , als ob es ein fröhliches Ereignis wäre . » Und weißt du auch , von wem ? « fragte der Krämer . » Nun , von einem altmodischen Tropf . Ein paar Neidhämmel werden das angerichtet haben . « » Nein « , widersprach der Vater . » Diesen Possen hat dir einer gespielt , daß du dich mit mir darüber freuen kannst . « » Wer ? « » Stighans « , antwortete der Krämer mit einer Feierlichkeit , die deutlich genug sagte , für wie wichtig er diese Mitteilung halte . » Der ? « fuhr Zusel auf , » also eigentlich die alte Stigerin , der er folgen muß wie ein Schulbub . Was hat denn die gegen mich ? Soll ich auch noch dafür büßen , daß ihr dickköpfiger Hans der Angelika zuweilen ein gutes Wort gönnte ? « » Die Alte hat nichts gegen dich , und der gute Hans hat nur einen Spaß machen wollen , den du ihm ganz anders , viel besser auslegen solltest . « Zusel war durchaus nicht überzeugt , aber sie schämte sich ihrer Aufregung , und indem sie sich mit Gewalt zur Ruhe zwang , sagte sie , das würde die Stigerin wieder ganz rasend machen . » Die hat jetzt nichts mehr gegen uns « , versicherte der Krämer . » Hätt ' auch keine Ursache mehr dazu . Wie kommst du schon darauf , daß Hans so etwas zu tun imstande gewesen sei ? « » Der Hans ist nicht so übel . Sein bisheriger Knecht , von dem ich manches aus dem Hause erfuhr , hat mir oft gesagt , er wäre gar nicht so einfältig , als er aussähe , und mit keinem Menschen wäre besser auszukommen als mit ihm . « » Aber der Knecht ist schon vor einigen Tagen fort und hat nicht mehr sagen können , daß ... « » Ich hab ' aber die Schalen gestern abend selbst in seinem Hut auf einem Balken der Brücke gesehen . « » Und dann wird er dir gesagt haben , die seien für mich ? « » Du einfältiges Mädchen ! Das ist gar nicht nötig für mich . Welche von allen andern wäre denn , daß man ihretwegen dem Hans etwas derartiges zumuten sollte ? « » Und ich möchte fragen : Welche von allen wär ' ihm nicht gut genug ? Wie eine aussieht , wird ihn wenig kümmern , und Geld hat er selbst , und für eine Magd könnte die Alte mich nicht brauchen . Wie sollte er da an mich denken , und warum müßte ich mich noch gar freuen , wenn dieses Wunder wirklich geschähe ? « » Zusel « , sprach der Vater streng , » deinen Stolz hab ' ich dir nicht wie die andern verargt , diese Demut aber ist zu groß . Jetzt gefällst du mir so wenig als den anderen . Ist das eine Rede für dich ? « » Aber wär ' es stolzer und großartiger , wenn ich mich über so eines Hansen Gunst gleich einem armen Bettler freute ? Wünschtest du mich so ähnlich jeder anderen , der die Sorge für die Zukunft auf dem Halse liegt ? Wenn ich der Magd einmal irgendwo helfe oder sobald ich sonst einmal versuchen will , was ich könnte , so heißt es gleich , ich solle nur alles sein lassen . Dann sagst du mir , du hättest dir eben darum Tag und Nacht keine Ruhe gegönnt , daß ich es um so ruhiger bekäme . Ich bin dir denn auch dankbar , daß du mir eine so schöne Zukunft schaffen wolltest . So hab ' ich denken gelernt . Du sagst mir immer , ich brauche mich um niemand zu kümmern . Gut , also auch um Stighansen nicht , und selbst wenn sein Anwesen noch einmal so groß wäre . « Zusel stand auf , stellte sich kerzengerade vor den erstaunten Krämer hin und fuhr mit immer wachsender Leidenschaftlichkeit fort : » Mein Stolz ist nicht , hoch droben just neben dem oder dem zu sitzen , wenn mir das nicht nach meinem Kopf ist . Was hätte ich dir zu danken , als daß du es mir möglich machtest , fröhlich zu leben , ohne daß ich mich um jemand etwas kümmern muß ? « So hatte der Krämer seine Zusel noch nie gehört . Unfähig , seinen Ärger noch länger zu verbergen , wollte er jetzt das Kind von seiner stolzen Höhe bringen . Mehr nur , um sie zu bestrafen , als aus Berechnung sagte er so ruhig , als es ihm in diesem Augenblicke möglich war : » Ich weiß nicht , wie lang es her ist , seit du dich um keinen Menschen kümmerst , doch immer kann das nicht der Fall gewesen sein , wie trotzig du auch jetzt das Köpfchen aufrichten magst . Damals , als der Hansjörg zuerst bei den Soldaten war , hast du ihm noch geschrieben , daß du es ohne ihn hier beinahe gar nicht aushalten könntest . « Das Mädchen sank wie vernichtet aufs Kanapee zurück . Als nun der Krämer , seine Rede beinahe bereuend , seufzend mit der Hand sich über die faltenreiche Stirne fuhr , sagte sie : » Ja , Vater , das und ähnliches hab ' ich ihm geschrieben . Ich schäme mich auch gar nicht , das zu gestehen , obwohl ich ' s jetzt nicht mehr tun würde . Er war ein stolzer Bursche , der nicht immer rechnete , sondern herzhaft zugriff und alles dransetzte , wenn er einmal etwas erreichen wollte . Du wirst mich nicht kleiner , schlechter sehen wollen , Vater , als der Hansjörg ist ? « » Gelt , von dem hätte dich der Spaß mit den Eierschalen schon besser gefreut als vom Stighans ? « » Ich glaube , ja . « » Nun , da könnte der Hansjörg sich freuen « , lachte der Krämer bitter und fuhr dann nach einigem Besinnen , gleichsam jedes Wort abwägend und zuspitzend , fort : » Es ist nur jammerschade , ja fast zum Verzweifeln , daß er dein Vertrauen , deine bewundernswerte Treue , von der man eine Geschichte in den Kalender machen könnte , so ganz und gar nicht zu schätzen weiß . Aber fragst du denn nicht , wie ich etwas von jenem Brief erfuhr ? « » Du hast ja überall deine Berichtmacher und Horcher , als ob du alles am Fädchen ziehen müßtest . Da geht es ja zu wie im Räderwerk der Kirchenuhr . « » Von dem Briefe « , sagte der Krämer mit Nachdruck , » weiß ich nur durch Hansjörg selbst . Von dem Briefe und von noch einigen , verstanden ! Später jedoch scheinen sie seltener geworden zu sein , diese verliebten Zettelchen , oder sie müssen ihn sonst minder gefreut haben , kurz , er mochte sie nicht länger aufbewahren . In einem Schreiben , über das man sich so seine Gedanken machen könnte , fragt er mich ohne viele Umschweife , ob er deine Briefe seinem Vater , also dem schwatzhaften Mathisle , zuschicken soll oder ob ich ihm zehn Taler dafür geben würde . Du kannst dir denken , was ich tat . Wahrhaftig , ich hätte dem Spitzbuben auch zehn Goldstücke dafür gegeben , doch scheint er sie eben nicht so hoch geschätzt zu haben . « Wenn der Krämer mit den letzten Worten Zusels Herz noch schmerzlicher treffen , noch schwerer belasten wollte , um jede darin etwa noch lebende Neigung zu erdrücken , so schien er seinen Zweck nicht zu erreichen . Das Mädchen wurde um nichts bleicher und regte kein Glied . Wie erstarrt saß es da und starrte ins Leere . Dem Krämer wurde siedend heiß . Er bereute von Herzen , so der Leidenschaftlichkeit nachgegeben zu haben . Das war dem wohlberechnenden Manne wohl noch selten begegnet . Eben nur , wenn er , statt zu berechnen , empfand , wenn er liebte . Daß das aber seinem hübschen Kinde gegenüber der Fall war , hörte man sogar aus dem Klange der Worte heraus , mit denen er die Erstarrte wieder zu beleben und aufzurichten suchte . » Gott Lob und Dank « , hauchte er unwillkürlich , als sie die noch umflorten Augen wieder auf ihn richtete und die Lippen zu bewegen begann . » Gelt , Vater , ich hab ' geträumt ! « fragte sie kaum hörbar . » Du bist nicht mehr recht bei dir selbst gewesen . « » Ja , gelt , Vater , und du hast nichts von ihm - dem Hansjörg gesagt ? « » Wenn ich nur nichts gesagt hätte . « » Es ist also nicht wahr ? « » Oh , wie wollt ' ich das jetzt so gern , ich gäb ' wahrhaftig viel drum , wenn ich es widerrufen könnte . « Zusel , die sich schon wieder einigermaßen gefaßt hatte , fragte mit tonloser Stimme : » Warum hast du mir denn früher nie etwas davon gesagt ? « » Nur in meinem dummen Zorn konnte ich dir weh machen mit der erbärmlichen Geschichte « , sagte der Krämer und verließ das Mädchen , welches wie vernichtet aufs Kanapee zurücksank . Er konnte sein Kind so nicht sehen . Das hatte er angerichtet , und nun fand er kein Wort mehr , das die so schmerzlich Getroffene auch nur ein wenig wieder aufzurichten vermochte . Wohl sagte er sich , daß er länger als ein Jahr schwieg , obwohl er wußte , daß mit der heute gemachten Mitteilung die noch immer vorhandenen Spuren einer ihm so verhaßten Neigung verwischt werden konnten . Ja , das war seine Verteidigung gegen die Vorwürfe des Herzens , aber sie half ihm nichts . Es trieb ihn zuerst fort von ihr und dann wieder vor die Türe ihres Zimmers zurück . Er fand diese verschlossen . Lange blieb er horchend stehen , aber er hörte nichts , nicht einmal ein leises Schluchzen . Des Mädchens Schmerz hatte keine Träne mehr . Regungslos lag es noch , wie der Krämer es hinsinken sah , und verbarg das Gesicht in den weichen Kissen . Oh , die Arme hätte versinken , hätte die draußen hoch aufragenden Berge über sich herstürzen sehen mögen vor Zorn und Scham . Zuerst schien es ihr auch , als ob wirklich etwas Unerhörtes geschehen werde . Alles drehte sich um sie herum ; das Zwitschern der Vögel wurde ein furchtbares Hohngelächter , die Ach rauschte immer näher , immer lauter , und bald mußte sie da , unter dem Haus , hier im Zimmer sein und Kühle und Erlösung bringen . Dann aber auf einmal ward es so still , daß sie das Klopfen ihrer Pulse hörte . Der Klang der bekannten Hausglocke , die sie sonst aus dem tiefsten Schlaf geweckt hatte , ließ sie regungslos liegen . Sie kümmerte sich jetzt nicht mehr um den Laden , und es kam ihr wunderbar vor , daß der Vater so rasch wie gewöhnlich die Stiege hinuntergehen und jemandem Rauchtabak geben konnte . War es möglich , daß der jetzt da unten wieder plaudern und handeln konnte , als ob gar nichts vorgefallen sei ! Dazu gehörte ein recht herzloser Mensch - und doch noch kein so herzloser , wie der war , den sie bisher so hoch schätzte und der nun ihr teuerstes Geheimnis um einige Gulden verkauft hatte . Ha ! Schon früher war das geschehen , und sie hatte noch heute an ihn gedacht und gewünscht , daß er sie sehen , sie wieder einmal mit ihm sprechen könnte . Lange Zeit sann sie und litt , ohne daß auch nur das leiseste Zucken ihren furchtbaren Schmerz verraten hätte . Dann aber schrie sie plötzlich : » O Welt , o du Welt ! « Und dann , als ob sie alle Kraft verlasse , sank sie mit dem Seufzer : » Das wäre nun mein Ostertag ! « wieder in die Kissen zurück . Erst gegen Abend ließ sie den Krämer zu sich ins Zimmer , welches er und die Magd am Nachmittage mehrmals vergeblich zu öffnen versuchten . Er erschrak über ihr Aussehen , doch hatte er sich wieder so gefaßt , daß er ihr nicht lange wortlos gegenüberstand . » Es ist nun einmal so « , sagte er . » Ich bedaure dich , wenn dieser dein Kummer auch nur aus deinem Eigensinn entstand . Ich glaubte , du würdest den Nichtsnutz endlich vergessen haben . « » Das kann ich nie - nie ! « » Aber jetzt doch ? « » Jetzt - oh , wie schäm ' ich mich . Ich darf nicht daran denken , wie mir noch gestern wohl war , wenn ich an ihn dachte . Ach , wenn er in unser langweiliges Haus kam , dann war ' s , wie wenn man frische , duftende Blumen in ein Krankenzimmer bringt und dem Vogelsang die Fenster öffnet und dem frischen Luftzug . Und nun ! - Ich sehe mich unterhöhlt , ich bin aufs Eis gekommen ; drei ganze Jahre ging ich vorwärts , weit , weit hinaus ... und nun bricht alles unter mir zusammen . Hu , mir ist ' s , als ob ich ' s krachen hörte . « » Ah , das sind Dummheiten . « » Ja , Vater , du hast recht . Ich hab ' s nicht mehr gehörig im Kopf , das merk ' ich nur zu gut . Ich weiß mir nicht mehr zu raten und zu helfen . Nimm mich , du starker , du kluger Mann , und verkaufe mich oder mache mit mir , was du willst . « Fünftes Kapitel Der Mann muß hinaus , es ist ein Graus Die letzten Tage und Stunden daheim , wieviel gibt ' s da nicht noch zu durchleben ! Ist ' s doch gerade , wie wenn man sich mit tausend Wurzeln und Würzelchen aus dem Boden reißen müßte , auf dem die liebsten Erinnerungen uns umblühen . Jos mußte selbst darüber lächeln , daß ihm der Abschied so nahe ging und er es doch auf dem Stighof immer noch riechen konnte , wenn die Mutter eine Suppe anbrennen ließ . Er lächelte darüber , aber unter Tränen . » Fort ist fort « , meinte er immer wieder und schaute wie fragend zu Stighansens großem Hause mit dem Hirschkopf unterm Dachfirst hinüber . Auch der Mutter ging der Abschied nahe , und dabei hatte sie nicht einmal die Freude , ihn mutig seinem neuen Beruf entgegengehen zu sehen . Selbst ihr Trost , daß er da statt der Zusel die gute Dorothee neben sich haben werde , tat die gehoffte Wirkung nicht . Jos entgegnete klagend , er bleibe darum doch ein armer Teufel , um den das Mädchen sich nur wenig kümmern werde ; Zusels Neckereien wären eigentlich noch eher zu ertragen als Dorotheens Mitleid mit dem verjagten oder doch aus dem Dienste geschickten Schneiderlein , welches nun wie sie bei dem gütigen , lieben Hans das Gnadenbrot essen dürfe . Das war wieder eine der vielen , oft so schmerzlich beklagten Wunderlichkeiten , die den guten Jungen gewiß nie glücklich werden ließen . Bald schien es Demut , bald Trotz , sie selbst war noch nicht mit sich eins , wie man es nennen müsse , aber es machte ihr mehr Sorgen als alles andere . Das Gnadenbrot essen ! Sie wußte nicht , wie er darauf kam . Hatte doch der Krämer , der ihn zuweilen auch im Stall etwas tun und selbst kleinere Händel für ihn abschließen ließ , nicht selten gestanden , daß im Jos ein tüchtiger Viehpatron verdorben und zum Schneider verpfuscht sei . So einer war wie geschaffen für den etwas unbeholfenen Hans , der sich nicht ungern bei allem , was in Kauf und Lauf kommen sollte , von andern , in der letzten Zeit vom Krämer , raten und helfen ließ . Gewiß hätte man ihn gern gehabt auf dem Stighof , und vom Gnadenbrot wäre nie die Rede gewesen , wenn er nur nicht auch seine Sonderbarkeiten mitgenommen hätte . Das Ärgste fürchtete sie von seinem Eigensinn , seiner Empfindlichkeit und ähnlichen Eigenschaften , die sie zwar an Wohlhabenden oft als schön und selbstverständlich loben hörte , die aber denen , welche nun einmal zum Leiden und Dulden da waren , zur Quelle vieler Leiden und übler Nachreden werden mußten . Das erinnerte sie daran , wieviel sie ihm noch ans Herz zu legen habe . Doch wenn sie dann den guten Jungen mit dem